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Das Wort steht dem Schwert nur entgegen, solange die eigene Kehle intakt ist. In Zyamel bricht ein vom Schädelgott orchestrierter Krieg aus, und Zomis, seit zwanzig Jahren ein Gefangener, muss dies mit ansehen. Doch es regt sich Widerstand, seine Freunde wollen dem Untergang nicht tatenlos beiwohnen. Über ganz Zyamel zerstreut suchen sie einander, um sich erneut einem göttlichen Wesen zu stellen. Die Myzelchroniken – Band 3 – Weltenfall Abschluss der High-Fantasy-Trilogie
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Impressum
Vita
Widmung
Vorwort
Zyamel
Zentralkontinent
Herbstlande
Die Nowarschen Inseln
Nordpol
Südpol
Wüstenlande
Prolog
Kapitel 1 Zwanzig Jahre
Kapitel 2 Die neue Ordnung
Kapitel 3 Die Zusammenkunft
Kapitel 4 Flucht
Kapitel 5 Totentanz
Kapitel 6 Kampf um Ygg
Kapitel 7 Sa’lekeki
Kapitel 8 Die Opfer
Kapitel 9 Das letzte Ritual
Kapitel 10 Das Ende
Epilog
*
**
***
Aus den Reisetagebüchern von Salrius
Kapitel 1 Das Erwachen
Kapitel 2 Die Verwerfung
Kapitel 3 Hinab in die Dunkelheit
Kapitel 4 Nicht allein
Kapitel 5 Yggdrasil
Kapitel 5 Zomis Erbe
Zentralkontinent nach dem Ende
Herbstlande nach dem Ende
Danksagung
Das Team hinter den Myzelchroniken
Lektorat – Kommafalter
Korrektorat – Worttief Lektorat
Buchsatz & Cover – Juliana Fabula
Figurenillustrationen – Carolin Summer
Weltkartenillustrationen – Timo Kümmel
Content Notes
Roman
Zyamel
Wesen & Völker
Die verschiedenen Sporlingsarten
Dramatis Personae
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek. Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.dnb.de abrufbar.
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1. Auflage 2026.
© 2025 J. Gipfelbasilisk
Alle Rechte vorbehalten.
Herausgeber:
Jan Beyer
c/o Fakriro GmbH
Impressumsservice
Bodenfeldstr. 9
91438 Bad Windsheim
www.shop.gipfelbasilisk.de
Kontaktadresse nach EU-Produktsicherheitsverordnung: [email protected]
ISBN Hardcover:978-3-912018-03-5
ISBN Paperback: 978-3-912018-04-2
ISBN E-Book:978-3-912018-05-9
Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Lektorat: Maria Nitzl https://mn-lektorat.de
Korrektorat: Mareike Westphal https://worttief.de/
Kartenillustration: Timo Kümmel https://timokuemmel.wordpress.com/
Charakterillustration: Carolin Summer https://wanderkraehe.de
Cover: Juliana Fabula https://julianafabula.de/grafikdesign
E-Booksatz: J.Gipfelbasilisk https://gipfelbasilisk.de
Leseprobe: https://gipfelbasilisk.de/myzelchroniken
Im Schatten der Wälder des Harzes findet Gipfelbasilisk die Muse. Die Ruhe des Gartens in den malerischen Bergen ist Inspiration für die High-Fantasy-Trilogie »Myzelchroniken«, die in ein Reich entführt, in dem Pilzwesen und Magie das Schicksal einer Welt weben. Auf Twitch wird die Leidenschaft für Fantasy, Horror und Naturgeheimnisse geteilt.
Homepage:https://gipfelbasilisk.de/autor-wer-ist-gipfelbasilisk
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Für mich. Dieses Buch bedeutet, ich habe es geschafft, eine Trilogie abzuschließen. Ich leide unter Depressionen, mein inneres Team, insbesondere der Kritiker, macht es mir schwer, Erfolge wahrzunehmen. Jetzt gerade, während ich das schreibe, geht es mir relativ gut. Ich hoffe, dass ich in Zeiten, in denen dies nicht der Fall ist, dieses Buch in die Hand nehmen und sehen kann, was ich erreicht habe.
Solltest du auch unter Depressionen leiden, habe ich eine Bitte an dich: Trau dich dennoch, an deinen Träumen zu arbeiten. Es ist hart, es kostet Kraft, aber Träume können wachsen, auch wenn wir sehr langsam an ihnen arbeiten.
Das letzte Vorwort für die Myzelchroniken. Ja, wirklich das letzte. Es wird danach vorbei sein. Ich habe schon circa neun- oder zehnmal Abschied genommen und werde es noch mindestens fünfmal tun, bevor du diese Wörter lesen kannst. Das geschah bei diesem Band für mich das erste Mal im Februar 2022. Eine Zeit, in der ich viel darauf herumgekaut habe, wie weit mein Pazifismus reicht. Das hat mehrere Dinge beeinflusst. Zum einen die Härte dieses letzten Bandes. Zum anderen, wie deutlich ich im ersten Band die Überwindung des Pazifismus von Zomis darstelle. Das war von Anfang an so angelegt und wurde dadurch nur wesentlich klarer ausgebaut. Gewalt ist keine Lösung, aber ich zitiere mich nun selbst: »Das Wort steht dem Schwert nur entgegen, solange die eigene Kehle intakt ist.«
Bitte glaubt mir, auch wenn dieser Band deutlich düsterer ist als geplant. Pilze haben besondere Fähigkeiten, sind faszinierend und wandlungsfähig, es gibt sie überall, und vielleicht, ganz vielleicht, können sie unsere Welt retten.
Der vorliegende Band ist erwachsener, die Gewalt wird wesentlich härter ausgeschrieben als in den vorherigen Bänden und ich thematisiere sehr deutlich die Konsequenzen von Gewalt. Zudem sind einige Body-Horror-Elemente in diesem Roman vorhanden. Am Ende des Buches findest du detaillierte Content Notes.
Es gibt aber keine Inhaltswarnung für queere Inhalte! Hast du ein Problem mit Themen die LGBTQIA+-Community betreffend, würde es mich freuen, wenn du das Buch dennoch liest – vielleicht kann ich dir neue Einblicke vermitteln.
Nach einer langen Ruhephase war er wieder erwacht. Er würde einen schmalen Pfad öffnen, dem Sporling Abwesenheit vorgaukeln, ihm ein paar Blicke gestatten und beobachten, was er sich ansah.
***
Der Pilz, der vor den Immerbergen, seinem Erbe, erwuchs, erschuf keine eigenen Fruchtkörper. Dennoch erblühte unter ihm eine starke Sporlingsgesellschaft, die, wie die Sporlinge aus seinem Dorf Zomis, aus verschiedenen Sporlingsstämmen bestand. So gesehen war auch dieser Dorfpilz sein Erbe. Dank der Düngung durch die Ascheburg sorgte das Myzel dieses Pilzes für ein neues Wachstum und entwickelte sich zu einem riesigen Knotenpunkt des Wissens, ähnlich Yggdrasil – doch anders als in Ygg kamen die Wesen nicht hierher, um zu sterben, sondern um mit Wissen zu handeln, Nachrichten zu verschicken oder zu lernen. Einer der größten Lehrer der Schulen unter dem Pilz war Mowedon der Weise. Er setzte durch, dass die Nachnamen der Sporlinge dem Dorfpilz, dessen Myzel sie entstammten, entsprachen. Kamen sie aber hierher und wurden ausgebildet, legten sie ihren Zweitnamen ab und zu Ehren ihrer Errungenschaften nannten die Wesen Zyamels sie fortan Gelehrte. Mowedon sorgte dafür, dass das Wissen mittellosen Personen und anderen Völkern als Sporlingen vermittelt wurde. Alle sollten lernen können, was ihren Fähigkeiten entsprach, aber auch was das Wesen interessierte. Bald schon, weil für viele die bare Münze mehr zählte, zog Mowedon aus, um seine Lehren abseits des Weisen unter die Völker zu bringen. Er kam nach Quelldorf und fand dort eine Universität mit Wesen, die ebenso wie er ihr Wissen ungeachtet des Standes vermittelten. Die Schule nahm Geld, doch wenn ein Wesen die Münzen nicht aufbringen konnte, legten sie im Kollegium zusammen und bezahlten so den Unterricht.
***
Quelldorf! Zomis nahm einen Schreibtisch wahr … verwaist. Aber mit auf Papieren niedergeschriebenen Informationen aus ganz Zyamel. Die Schlagworte rissen ihn durch die Welt.
Die Myzelchroniken waren gewachsen, das Myzel so stark wie nie.
Viele Wesen kamen und ließen ihr Leben in Ygg, um ihr Wissen mit den Völkern zu teilen und so für eine friedliche Zukunft zu sorgen. Der Frieden war jedoch ein dünner Faden, der jederzeit drohte, zu zerreißen.
In Kaltfall kämpften seit Herrin Ilisatras Fortgang die Elfen um die Vorherrschaft, bis Herr Orlan siegte. Er wollte Ygg einnehmen, traute sich jedoch nicht in einen offenen Krieg gegen die Sporlinge.
Der Sohn Ilisatras lehnte die Vorherrschaft der Sporlinge über Ygg ab, hetzte offen gegen sie und drohte, mit den Elfen von Valemm in den Krieg zu ziehen.
Die Herbstlande verdorrten, und in Ingrem drohte seit der Flucht der Völker nach dem Fall eine schwere Hungersnot. Batul, der alte Ork, hatte viele der Flüchtlinge aufgenommen, lag aber nun in einem kalten Grab, und seine Tochter Opal leitete die Stadt.
Die Spinnenmenschen des westlichen Zentralkontinents waren im Krieg mit einigen Nord, die ihren alten Glauben an die Göttin nicht ablegen wollten und alles töteten, was ihrer Religion widersprach. Sie hatten aus dem Fall nichts gelernt.
Im hohen Norden kämpfte Großmatriarchin Warla fortlaufend um ihren Rang bei den Nord. Sie schaffte es aber nicht, die Abtrünnigen von ihrem Handeln abzuhalten. Eine komplette Spaltung der Nord schien wahrscheinlich.
Zomis grub tiefer, durchkämmte jede Legende und fand, was er suchte.
Sie alle hatten eines gemein: Die Wörter der Wesen Zyamels waren durchzogen von Schatten.
***
Der Schatten wand sich vor Genuss ob all des Leides, spürte jedem Schrei nach, jedem einzelnen Tod, auch wenn er noch so gering war. Bald würde Zyamel endgültig schweigen, aber noch war es nicht so weit, und er hatte einen Besucher, um den er sich kümmern musste.
***
Zomis regte sich in seinem Gefängnis, seine Glieder waren eingeschlafen, sein ganzer Leib kribbelte unangenehm ob der eingeschränkten Haltung. Es führte ihm deutlich vor die Augenlöcher, dass er noch am Leben war, imstande war, etwas zu bewegen, auch wenn er noch nicht wusste wie.
»Die Sporlinge … ahhh, ich sehe sie, mein kleiner Zomis, ich sehe dein Dorf«, sagte der Schatten. Das Wesen umarmte seinen ausgemergelten, dürren Leib. Zwanzig Jahre war er schon Gefangener, zwei lange Jahrzehnte, in denen er seine Freunde über das Myzel beobachten konnte, sofern ihn sein Kerkermeister ließ. Doch meist bekam er nur durch seine Gedanken mit, wie es der Welt erging, und auch nur dann, wenn der Schatten ihn quälen wollte.
»Du weißt, wie ich heiße, Zomis. Nenne meinen Namen!«
»Diese Macht gebe ich dir nicht. Für mich bist du nicht das, als was du dich ausgibst.«
Der Schatten zog sich um ihn zusammen. Er stöhnte vor Schmerz auf. Nur manchmal sah er sein Gesicht, nur selten zeigte er ihm seine Gefühle, aber seine Wut hielt das Wesen nie zurück. Und Zomis wusste, dass er ihn wütend gemacht hatte, nur das hielt ihn am Leben: Der Gedanke, dass er den Schatten ein wenig beeinflussen konnte.
»Ich könnte dich mit einem Wimpernschlag auslöschen, du Wurm«, knurrte der Schatten.
»Dann tu es doch!« Der Schatten brauchte ihn, er wusste nur noch nicht wofür.
»Diese Frage sehe ich immer wieder in deinem Geist. Du weißt, dass du nichts vor mir geheim halten kannst. Ich weiß alles, ich sehe alles, und bald schon, bald bin ich alles, was von dieser Welt übrig bleiben wird. Also nenne meinen Namen und lass mich ein in deinen Geist.«
»Nein!«Der Schatten erhöhte den Druck auf Zomis’ Körper, schickte ihm Bilder von seinen Lieben, die im Krieg der Völker zermalmt wurden, und dann eine Legende von Salrius und Kairon, die in ihrem Bett bei lebendigem Leib verbrannten.
Er kannte die Prozedur schon, so oft hatte er in den vielen Jahren nachgegeben, aber heute fühlte er sich willensstark, konnte sich widersetzen. Er konnte etwas tun, und der Schatten wusste nicht alles über ihn. Er würde es ihm so schwer machen wie nur irgend möglich.
»Ich werde deinen Willen brechen, immer und immer wieder!«
Zomis schrie auf. Er … würde … nicht … aufgeben!
Das Leben in Quelldorf war ein ruhiges. Salrius wurde auf dem Weg zur Arbeit freundlich gegrüßt, unterrichtete immer mehr Fluchlinge und verbrachte die Abende mit Kairon, der auch an der Universität lehrte. Seit dem Fall hatte sich so viel in Zyamel geändert, und das Leben für ihre Art war leichter geworden. Die anderen Völker sahen, dass Teufel gar nicht verflucht waren und auch nicht die Ausgeburten der Schatten. Sein neuestes Buch hatte maßgeblich dazu beigetragen. Dennoch gab es Spannungen, selbst hier in Quelldorf, wo die Völker zusammenlebten. Immer wieder musste Streit auf dem Markt von den Wachen gelöst werden. Ressourcen waren knapp, gerade Obst und Gemüse aus den Herbstlanden wurden immer seltener. Inzwischen kam Ware aus Ygg nach oben oder aus dem entfernten Nowar, aber auch deren Landmasse war endlich. Wie sollte das nur werden, wenn wirklich Krieg ausbrach? Salrius trat ans Fenster und sah auf das bunte Markttreiben.
»Mach dir keine Sorgen, es wird sich schon alles richten!«, sagte Kairon und umarmte seinen Partner liebevoll.
»Das sagst du so leicht. Ira, eine meiner Schülerinnen, weiß nicht, wie sie sich die Schule noch leisten kann. Ihr Vater trieb Handel mit Ingrem, inzwischen erbringt er wieder niedere Dienste, um seine Familie durchzubringen.«
»Die Lage wird für alle schwieriger. Sollen wir Iras Schulgeld übernehmen?«
»Das wird ihr Vater nicht zulassen, du kennst doch den Stolz der Fluchlinge.«
»Wir sind auch Fluchlinge, von uns lässt er sich vielleicht helfen.«
Salrius lehnte seinen Kopf an Kairons Schulter. »Ich werde ihn fragen.«
Draußen läutete die Glocke. »Mist, ich muss los! Hoffentlich sitzen in meinem Vortrag zur Magie der alten Göttin nicht wieder extremistische Nord im Saal, die mir die Veranstaltung sprengen!«
Salrius rannte zu seiner Tasche, stopfte Bücher hinein und wollte zur Tür hinaus.
Kairon hielt ihn mit einem Kuss auf. »Lass dich nicht ärgern.«
Salrius erwiderte den Kuss in flüchtiger Leichtigkeit und trat in das geschäftige Treiben hinaus.
***
Waithe schwebte über der Insel der Teufel, tippte mit den schwarzen Füßen das Wasser des kleinen Sees an und beobachtete die Ringe, die sich bildeten. Die Laterne, die an den Ästen hing, die nun aus seinem Kopf wuchsen, klimperte fröhlich. Magie war etwas so Wunderbares, und sie hatte ihm den Wunsch erfüllt, sich zu verändern. Es hatte sich mit ihrem Anführer Dalgreth angefreundet und erfahren, dass seine Freunde Salrius und Zomis ihnen geholfen hatten. Die Geschichten des Teufels waren so anders, und Waithe fühlte sich wohl bei den Geflügelten. Seit es in den magischen Winden gebadet und sich verändert hatte, war es ihnen gefolgt. Das Reisen in der neuen Gestalt war wesentlich angenehmer. Aber meist saß es eh am See auf der fliegenden Insel.
***
Die Elfen konnten die Insel nicht sehen, aber Dalgreth musste sie im Blick behalten. Er hatte sich so an das ruhige Leben gewöhnt und wollte nicht wieder kämpfen müssen. Doch wenn die Elfen der Wüstenlande Ygg den Krieg erklärten, würde der Konflikt ganz Zyamel betreffen. Es musste doch einen Weg geben, das zu verhindern. Er würde sich heute mit einer Vertreterin der Schlangenmenschen treffen. Sie handelten mit den Elfen aus Valemm, und Dalgreth hatte sie schon vor einigen Wochen davon überzeugen können, ihnen keine Rohstoffe für Waffen mehr zu liefern. Jetzt wollte er zusammen mit ihnen einen Weg finden, die Elfen von ihrem Tun abzubringen. Die Teufel bereiteten neutralen Boden, während die Schlangen in Friedensverhandlungen mit den Elfen und Sporlingen standen, aber bisher fand sich keine Lösung. Die Wüstenelfen wollten Ygg für sich haben, das merkte er in jeder ihrer Aussagen. Sein Blick schweifte über die Stadt, die sich weit unter ihm aus dem Wüstensand erhob, und blieb dann an der schwebenden Landmasse hängen, die sein Heim war. Nur wenige Teufel lebten hier. Nachdem ihre Göttin ausgelöscht worden war, konnten sie sich zwar fortpflanzen, aber ihre Zahl war seither nur auf wenige tausend angestiegen, die inzwischen in ganz Zyamel verteilt lebten. Dalgreth hatte keinen neuen Partner. Er hatte zwar hier und da mal eine Liebschaft, aber er vermisste Leander, wachte noch immer nachts auf und spürte die Leere in seinem Kokon. Wie hatte seine Göttin ihn ihm nur nehmen können. Tränen liefen über sein Gesicht. Er war von den Kämpfen gezeichnet. Ein Mängelexemplar, wie es die Ton-Goblins nannten. Er musste diesen Krieg aufhalten. Am Rand einer Oase nahe Valemm sah er die bunten Flaggen der Schlangenmenschen, stürzte sich von der Insel, öffnete seine Schwingen und glitt hinab.
»Darf ich mitkommen?«
Dalgreth flog einen schmalen Bogen und sah Waithe hinter ihm im magischen Wind schweben.
»Natürlich, aber bitte zeige dich nicht. Vielleicht ist es hilfreich, wenn du heimlich beobachtest.«
»Gut. Glaubst du, wir können den Konflikt verhindern?«
»Ich hoffe es!«
***
Ingrem war in Aufruhr. Ygg hatte Hilfslieferungen geschickt, aber sie reichten gerade mal für einen Monat. Opal sah auf die Stadt, die sich unter ihr um den Berg wand, und inzwischen weit ins Land hinausreichte. Vor Ingrem reihten sich Bretterverschläge und Zelte aneinander und bildeten eine verschlungene Vorstadt in den verödeten Ebenen der Herbstlande. Selbst die Nomadenorks hatten sich der Stadt angeschlossen, weil der Kontinent lebensfeindlich geworden war. Dass die Stadt einmal zu klein sein würde für die vielen Wesen, die nun hier lebten, hätte sich Opal nie erträumen lassen. Warum mussten die Zeiten nur so schlecht sein? Früher, als ihr Vater noch gelebt hatte, war es leichter gewesen.
»Opal, die Weisen sind hier.«
»Eschton, lass mich mit dem Quatsch in Ruhe.«
»Du heißt es nicht gut, aber höre sie an. Ihre neue Vision verkündet, dass wir an einen Ort reisen werden, der dafür sorgen kann, dass die Dürre endet und die Herbstlande wieder fruchtbar werden.«
Sie sah ihren Mann an. Sein Nackenschild war wie bei einer Kobra, die aufgeregt ist, ausgebreitet. Ein Signal, dass es ihm wichtig war.
»Ich finde nicht gut, dass du den Religionen so viel Raum gibst. Auch wenn Vater tot ist, achte ich seine Gesetze in diesen Mauern!«
»Nur weil die Sehenden die alte Göttin anbeten, vertraust du ihnen nicht! Sollten sie recht haben, können wir Tausende Leben retten.«
»Ihr Glaube hat schon früher zu Ausgrenzung und Ablehnung geführt. Die Nord kämpfen in diesem Augenblick im Westen Zyamels gegen die Arachniden, weil sie glauben, dass sie unreines Leben wären. Den Religionen ist selten etwas wirklich Gutes entsprungen.«
»Aber sie können die magischen Winde lesen und Vorhersagen treffen. Höre sie doch bitte an! Gib ihnen eine Chance. Du hast doch damals bei Rascal auch den Teufeln vertraut, obwohl du die Winde nicht einmal sehen konntest.«
Das schmerzte. Sie erinnerte sich gut an diese Nacht. Sie war so glücklich gewesen, doch dann hatte sie das Leben eingeholt, ihr Vater war erkrankt und gestorben.
»Nein. Wie sieht es aus, wenn die Herrscherin Ingrems religiösen Fanatismus in ihrem Heim begrüßt und sich von wirren Vorhersagen leiten lässt. Geh doch in deinen Amüsierbetrieb und hör dir ihren Mist dort an, ich habe eine Hungersnot abzuwenden.«
»Aber …«
»Nein!«, brüllte Opal und bereute es im selben Moment. Das hatte er nicht verdient, er war ihr Partner und tat so vieles für sie.
»Entschuldige bitte. Hör dir an, was sie zu sagen haben, und berichte mir, aber ich kann und werde keinem Treffen beiwohnen.«
Eschton zog sie in eine warme Umarmung. »Ich weiß, deine Tage sind hart und lang, aber übernimm dich bitte nicht. Ich, Ingrem und alle, die auf dich vertrauen, brauchen dich. Soll ich dir Rascal vorbeischicken? Er hat eine neue Entspannungsmethode entwickelt.«
»Nein, danke, nach Sex ist mir gerade nicht!«
»Sex ist es auch nicht, was er anbietet. Er verwandelt sich in eine Arachnide und massiert dir mit den acht Beinen den Rücken, während er sanft Ameisensäure, die er von Kindern Ogios erhalten hat, einknetet. Das hört sich schmerzhaft an, aber danach läufst du wie auf Wolken!«
»Wenn du sagst, dass ich das brauche, dann schick ihn vorbei. Ich finde es aber immer noch seltsam, einen ehemaligen Lehrling der Stadtwache so nahe an mich heranzulassen.«
»Rascal kann sich nichts Schöneres vorstellen, als so der Gemeinschaft zu helfen. Du musst endlich verstehen, dass die Wesen in dieser Welt nicht immer so sind, wie du es gern hättest.«
Eschton wandte sich ab, doch Opal hielt ihn zurück und gab ihm einen Kuss.
»Ich vertraue dir und deinem Urteil. Wenn du denkst, dass sie die Wahrheit sprechen, folge dem Weg, auch wenn ich es nicht gutheiße.«
Echton lächelte und umarmte sie fest. »Ich schicke dir Rascal, und wenn du willst, koche ich etwas für uns heute Abend.«
***
Der Wald brannte, Rauch biss in ihren Lungen. Sie hatten sich versteckt, die Zugänge zu ihren Bauten mit Fallen versehen, aber diese Nord wollten sie tot sehen. Wollten sie aus ihren Netzen in den Bäumen jagen und brennen sehen. Anlara tauchte den Finger in das Schlafmittel und ließ Wiam daran nuckeln, wiegte ihn, bis die Augen sich in ruhigem Schlaf schlossen. Dann hob sie ihn auf ihren Rücken und band ihn fest. Wie hatte sie damals so verklärt sein können und sich verlieben, eine Familie gründen? Der Fall hatte vielen der ihren das Leben gekostet. Die Verbliebenen hatten sich in die Hauptstadt Bulong im Urwald im Westen des Zentralkontinents gerettet und waren näher zusammengerückt.
Sie hatte ihren geliebten Segong zu Grabe tragen müssen. Seine Schlächter hatten ihm hinterrücks aufgelauert, ihm jedes seiner acht Beine einzeln abgeschlagen. Sie war seinen Schreien durch die Baumkronen gefolgt und hatte sie mit ihren Pfeilen niedergestreckt. Sein Oberkörper hob und senkte sich, seine Augen suchten panisch nach ihr. Der Körper war viel zu bleich, Blut floss aus den Wunden, sie hatten ihm sogar seine menschlichen Arme genommen. Er flehte sie an, ihn zu erlösen, und sie tat diesen letzten Akt der Liebe, obwohl es ihr das Herz zerriss. Seine Augen verloren ihren Glanz, und er war nicht mehr.
Sie unterdrückte ein Husten, zog sich still mit einem Faden in die nächste Baumkrone. So viele Bäume waren von den Nord gefällt worden, der Boden mit Fallen versehen und so das Vorankommen erschwert. Die Feuchtigkeit in ihrem Gesicht ignorierend schluckte sie den Kloß im Hals herunter. Quelldorf in den Immerbergen, sie mussten dorthin. Wiam war gerade mal zwei Jahre alt und verstand nicht, was vor sich ging. Arachniden wuchsen schnell, mit acht waren sie schon erwachsen, aber bis dahin waren sie wehrlos.
Mit einem Schrei stürzte eine der ihren hinab. Anlara wollte ihr noch einen Faden zur Rettung zuwerfen, musste aber den Blick abwenden, als die Frau auf eine Falle der Nord fiel und aufgespießt wurde. Ein Pfeil schlug dicht neben ihr in die Rinde ein. Wo waren die Angreifer? Sie verbarg sich im dichten Laub, wurde eins mit den Schatten, nahm ihren Bogen und schoss, ohne groß zu zielen, verließ sich auf ihre Instinkte. Ein Aufschrei, dann wurde der Baum erschüttert. Ihre Häscher schlugen mit ihren Äxten auf den Stamm ein. Sie musste etwas tun. Sie nutzte sie kaum, aber jetzt war es an der Zeit. Sie schloss die Augen, zog an ihrer Magie, spürte das bekannte Kribbeln. Wärme breitete sich in ihr aus, verließ sie, waberte wie ein dunkler Nebel aus ihren Gliedern und verdunkelte die Umgebung. Sie huschte weiter, wich wild geschossenen Pfeilen aus. Die Schreie verklangen, der Pfeilhagel nahm ab. Nur wenige ihrer Art vermochten Magie zu wirken, und sie nutzte sie nicht gern, aber sie musste für ihr Kind am Leben bleiben. Dann gab es keine Bäume mehr, sie sah aus dem Laubwerk hervor und erblickte in einiger Entfernung das Lager der Nord. Es sah nicht so aus, als ob sie damit rechneten, dass auch nur ein Wesen herauskommen würde. Die meisten Nord waren sicher im Wald, um die Arachniden niederzustrecken.
Sie warf einen Stein, doch alles blieb still. Geräuschlos ließ sie sich vom Baum herab und zog die Dunkelheit in sich zurück – der schwarze Nebel wäre zu auffällig, auch wenn die Dämmerung eingesetzt hatte. Wiam regte sich auf ihrem Rücken. Sei bloß still, mein Kleiner, dachte Anlara und klickte auf ihren acht Beinen am Lager vorbei. Die Ausläufer der Immerberge reichten bis an den Urwald heran. Wenn sie das Bergmassiv erreichte, wäre sie sicher. Der Geheimgang …
Ein Schrei ließ sie herumfahren. Nord stürzten aus dem Dickicht, und auch das Lager geriet in Aufruhr. Der galt fünf Arachniden, die aus dem Wald gejagt wurden. Ihre Schwestern und Brüder.
***
Dalgreths Gespräch mit den Schlangen war erfolglos. Dass die Elfen schon bald Valemm verlassen wollten, um gegen Ygg zu ziehen, war nichts Neues. Die Tiermenschen hatten ihre Diplomatie an die Grenzen getrieben und die Geduld der Elfen ausgenutzt, um auf Zeit zu spielen. Nun schien das Ende der Verhandlungen endgültig erreicht. Die Schlangen der Wüste wollten keinen Krieg, aber sie würden Ygg mit Waffengewalt verteidigen und versuchen, die Elfen in ihrer Stadt festzusetzen.
Dalgreth wurde nicht einmal mehr hineingelassen. Niedere Teufel waren in Valemm nun nicht mehr willkommen. Allein dieser abwertende Begriff.
»Es sieht schlimm aus, oder?«
»Ja, Waithe.«
»Sehe ich das richtig, wenn die Elfen aufrüsten, wird es zu Blutvergießen kommen, sobald sich ihnen die Schlangen in den Weg stellen?«
»Davon bin ich inzwischen überzeugt. Obwohl sie Yggdrasil untersuchen konnten und dort kein Leben bis auf das der Sporlinge fanden, glauben sie weiterhin, dass es ihr Weltenbaum wäre. Den Glauben dürfen sie auch gern weiterhin haben, aber in dieser Weise führt er zu nichts Gutem.«
»Jetzt klingst du aber fanatisch. Ich weiß, dass du davon überzeugt bist, und ich glaube dir. Aber für sie klingt das Ganze wie ein Märchen, sie haben nicht miterlebt, was du erlebt hast, sie haben nicht gesehen, was Salrius und die anderen in eurer Welt erlebt haben. Du stellst ihr ganzes Weltbild, alles, woran sie glauben, auf den Kopf mit deiner Lehre. Du bist in ihren Augen eine Gefahr für ihre Welt.«
»Ja, aber auch unabhängig von den Forschenden. So viele Elfen sind in den letzten Jahren nach Ygg gepilgert, es ist ja nicht so, dass die Sporlinge sie nicht ins Land ließen, und alle, die da waren, müssten doch wissen, dass es nicht der Weltenbaum ist!«
»Glauben ist oftmals stärker als rationales Denken.«
»Aber auf der ganzen Welt, in ganz Zyamel, läuft doch etwas schief.«
»Was meinst du?«
»Die Nord sind sich so uneins wie noch nie, die Elfen als Bewahrer des Friedens wollen Krieg, die Herbstlande verdorren; die Welt ist in Aufruhr, so viele friedvolle Wesen kommen nicht mehr miteinander aus. Es ist fast, als würde ihnen etwas eingeflüstert werden.«
»Wer kann der Natur einflüstern, nicht mehr zu wachsen?«
»Ich denke, das letzte Karamellbonbon ist noch lange nicht gelutscht. Das ist der Beginn von irgendetwas. Oder das Ende?«
***
»Teufel hatten bis zum Fall ihrer Göttin keinen dauerhaften oder freien Zugriff auf eigene Magie. Erst mit dem Fall erlangten sie diesen, über die bis dahin tradierte Blutmagie hinaus. Ob das durch die Emanzipation von der Göttin geschah oder ob es ihre letzte Tat war, das vermag ich nicht zu sagen. Sie selbst stoßen, ähnlich wie die Elfen, so viel Magie aus, dass sie sie jederzeit nutzen können. Wir Fluchlinge, die wir ja von den Teufeln und Elfen abstammen, haben Zugriff auf beide Magiepfade und können, ähnlich wie Teufel, auch Blut teilen, um Magie aufzubauen. Das Teilen von Magie hat bei einigen Fluchlingen, wie zum Beispiel bei mir, zu physischen Wandlungen geführt. Ich muss hierzu aber sagen, dass dieses Forschungsfeld noch sehr jung ist und wir nicht genau wissen, wie und warum sich diese Wandlungen vollziehen.«
Salrius zog sich die Mütze vom Kopf. Er liebte das scharfe Einatmen, das auf diesen Punkt des Vortrages folgte. Schon nach seinem ersten Bluttausch mit Dalgreth hatte er gespürt, dass es ihn veränderte, aber anders als bei den Teufeln waren ihm keine Flügel oder Ähnliches gewachsen, er hatte ein fünftes Auge auf seiner Stirn bekommen. Dass es ihm von der Göttin direkt aufgezwungen worden war, verschwieg er. Kairon war ein weiteres Paar Hörner gewachsen, und wenn er wütend wurde, wurden seine Nägel zu Krallen.
»Wie ihr seht, ist mein fünftes Auge trüb geworden, aber lasst euch nicht beirren. Ich sehe damit sehr gut. Der Ork, der da hinten in der letzten Reihe sitzt!«
Alle drehten sich zu dem jungen Mann um, und ihm stob die Röte ins grüne Gesicht. Er stand auf und sagte: »Charles!«
»Charles, ich konnte gerade beobachten, wie Sie mit einem selbstschreibenden Federkiel meinen Vortrag aufzeichnen. Sehr löblich, aber leider muss ich Sie verwarnen. Magische Hilfsmittel sind ohne Genehmigung nicht im Unterricht einzusetzen. Da es aber nur eine Feder war, sehe ich darüber hinweg. Mildred hier vorne sollte sich übrigens im Krankenflügel melden, sie steht unter einem Liebeszauber. Sobald er gelöst ist, kann sie selbst entscheiden, ob sie das Wesen nach Jinnathon und wieder zurück jagt. Sie sehen also, Blut zu teilen hat für uns Fluchlinge sehr unterschiedliche Vorteile. Während wir von der Magie der Göttin und ihren unterschiedlichen Formen erfahren haben, haben wir viel experimentiert. Unter den magisch begabten Völkern können nur Teufel und Fluchlinge ihre Fähigkeiten auf diese Art beeinflussen. Nachkommen, die unterschiedlichen Völkern angehören, können das nur, wenn der teuflische Anteil überwiegt.«
»Warum aber ist das bei Fluchlingen so?«
»Balim, da haben sie anscheinend nicht im Grundkurs zu den Völkern der Welt aufgepasst. Fluchlinge waren nicht wie die anderen Wesen Zyamels von Anbeginn an auf dieser Welt. Wir wurden bei der Erhebung der Ascheburg erschaffen. Quasi ein Unfall. Die Magie des Portals auf der Ascheburg, das nach Jinnathon führte, ist mit einem Zauber Morganths verschmolzen und explodiert. Die anwesenden Teufel und Elfen sind zu uns Fluchlingen verschmolzen. Genaueres könnt ihr in meinem zweiten Buch nachlesen. Insbesondere in den Kapiteln: Der Fall der Ascheburg, die Entstehung der Fluchlinge, Legenden über Chimären oder warum Pilzdrachen ausgestorben sind! Sowie Anhang 3 – 27, Niederschriften von Myzellegenden.«
Ein Sporling in der vordersten Reihe rutschte nervös hin und her. Salrius sah, wie das Pilzwesen mit dem Myzel in Kontakt trat, doch in diesem Moment klingelte die Glocke der Universität, und die Stunde war beendet.
»Bitte lesen Sie bis zum nächsten Unterricht den einleitenden Abschnitt über den Umgang mit Magie der Zwerge und Riesen. Es ist prüfungsrelevant.«
Die Lernenden räumten ihre Unterlagen zusammen, nur der Sporling rührte sich nicht.
Charles trat vor. »Salrius, Sie wollten meine Feder sehen?«
Salrius nahm das Werkzeug in die Hand und untersuchte es. Vorsichtig zog er an seiner eigenen Magie und verband sie mit den Signaturen der verschiedenen Zauber, die auf dem Werkzeug lagen. Mintgrüne Muster flammten auf, die Salrius lesen konnte wie ein Buch. Die Magie des Orks war sanft, zarte Linien verliefen filigran ineinander. Er hatte die Magie der Orks gelesen, sie war oft sehr impulsiv und grob gezeichnet. Rein auf den Nutzen beschränkt. Wobei seine Aussagen zum Gewebe der Magie noch in den Kinderschuhen steckte. Magie sichtbar machen, konnten viele Wesen, aber sie so sehen wie er, das konnten nur wenige.
»Bitte denken Sie dran, magische Werkzeuge vor Gebrauch prüfen und eintragen zu lassen. Es sind schon einige schmerzhafte Unfälle in den letzten Jahren passiert.« Und lustige, dachte er, das würde er aber seinem Schüler nicht auf die Nase binden.
Salrius beäugte die Feder mit seinem fünften Auge, sprach weitere Untersuchungszauber, trug das Werkzeug dann als überprüft in ein Dokument ein, sah dabei zu dem Sporling in der ersten Reihe. Das musste Ibloss sein, sier war ein Kind Ogios, ehemals Kind Ang’Rans, und auf und in siers Kappe wuselten kleine Ameisen. Aus den Lamellen des Pilzwesens drangen violette Sporen. Er kannte Ibloss nicht gut genug, um die Farbe einem Gefühl zuzuordnen. Dann sah Salrius siers Geist in einem leuchtenden Weiß zurück in den Körper gleiten. Er reichte Charles die Feder und bedeutete ihm, dass er gehen konnte.
»Komm erst mal wieder zu dir, Ibloss. Ich hoffe, es war wichtig!«
»Ja, ich habe eine Nachricht für Sie von einer Sporlingsdame namens Kara!«
Er hatte diesen Namen schon ewig nicht mehr gehört. Nach ihrem letzten Abenteuer war Zomis verschwunden, doch Kara hatte ihn nicht aufgegeben und war noch immer auf der Suche nach ihm. Wenn sie Salrius nun eine Nachricht zukommen ließ, musste etwas passiert sein.
***
Die Höhlen waren weitläufig, aber Kara hatte die Unterstützung der Kinder Sapors von Ygg. Wieso bemühte sie sich überhaupt? Zomis war losgezogen, hatte sie zweimal zurückgelassen, und beim zweiten Mal sogar ohne Abschied. An etlichen Tagen hasste sie ihn sehr dafür. Rote Sporen drangen aus den Lamellen ihrer Kappe, früher hatten sie nicht einmal ein Wort für dieses Gefühl gehabt. Aber sie gab die Hoffnung nicht auf, sie würde ihn oder was von ihm und seinem Geist übrig war, finden. An den entlegensten Orten Zyamels durchkämmte sie das Myzel. Es musste irgendwo doch wenigstens ein Fragment seiner Erinnerungen geben, das ins Gewebe übergegangen war. Insbesondere dieses Fehlen eines Überrestes seines Selbst überzeugte sie davon, dass er lebte. Er musste einfach.
Sie war auf dem Weg von Ygg nach Ingrem. Das Nimmermeer lag weit über ihr, sie lachte, als sie sich daran erinnerte, wie sie in der Kapsel am Grund des Meeres entlanggefahren war. Sie war der Mitte Zyamels ganz nahe. Inzwischen vermochte sie tiefer als je zuvor in die Höhlen vorzudringen. Vor Monaten hatte sie einen der ihren getroffen, der sich daran erinnerte, dass ein Sporling Jinnathons kurz nach dem Fall Richtung Ingrem gereist war. Das musste Zomis gewesen sein.
Die Kavernen unter dem Nimmermeer waren im Gegensatz zu den Höhlen der Zwerge, Ygg oder anderen unterirdischen Städten weitestgehend unerforscht und natürlichen Ursprungs. Was hatte Zomis hierhergelockt?
Das Licht, das sie einem Händler mit magischen Artefakten abgekauft hatte, schwebte dicht über ihr, und sie konzentrierte sich auf den schmalen Streifen erkennbaren Weges vor ihr. Sie liebte diese nasskalte Luft. Sie war ein Ausporling und sollte eigentlich warme, feuchte Umgebungen bevorzugen, aber sie war inzwischen mehr Zeit ihres Lebens auf Reisen als im Dorf gewesen. Die Arbeit auf dem Feld, der Alltag in der Sippe waren für sie nur noch eine entfernte Erinnerung, wenn auch eine schöne.
Sie folgte einem Rascheln, begleitet von einem monotonen Tropfen. Anschließend lief sie den Pfad weiter hinab, kroch durch ein Loch, erhob sich wieder und richtete den Lichtschein auf ein kleines Wesen. Winzig, aber dennoch da. Viele braune Pilzkappen an dünnen weißen Stängelchen sahen sie überrascht an. Sie beäugte den Jinnathonsporling und setzte sich neben ihn. Das Myzel unter ihr, das sie erfühlte, war stark an dieser Stelle. Sie griff danach und verband sich mit dem Wesen, wich aber zurück, als sie es, obwohl sie noch nicht verbunden waren, in ihrem Geist hörte.
»Allo!«, sprachen etliche helle Stimmen.
»Hallo«, antwortete sie überrascht. »Ihr seid telepathisch veranlagt?«
»Tele-was?«
Sie schüttelte die Kappe. »Seid ihr schon lange hier allein?«
»Viele Tropfen sind vergangen.«
Kara sah sich um und fand den Ursprung des gleichmäßigen Rieselns. Von der Decke fiel in langen Abständen Wasser in eine Pfütze und versickerte in einem Riss.
Sie richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf das Wesen. »Hast du jemanden wie dich gesehen, der hier vorbeikam?«
»Nein, wir waren schon immer hier und haben gelauscht … unserem Erschaffer hinterhergelauscht.«
»Wer ist euer Erschaffer?«
»Zomis.«
Der Name hallte in ihrer Kappe wider. Sie spürte Aufregung aus ihrem Myzel hochsteigen und stieß Sporen in den verschiedensten Farben aus. »Wisst ihr, wo er hingegangen ist?«
»In die Höhle da!« Die Kappen des Wesens neigten sich in Richtung eines Durchgangs. »Vor vielen Tropfen, haben ihn nur im Traum gesehen, er ist gegangen und nicht wiedergekommen. Wir sind hier allein, nur Myzel und ab und an Gedanken von weit her.« Das Wesen hielt inne. »Lässt du uns auch zurück?«
Kara sah sich die kleinen Sporlinge an. Sie waren so lange auf sich gestellt gewesen, sie konnte nicht gehen und sie hierlassen. Vorsichtig griff sie unter die Fruchtkörper und hob sie samt Erde an.
»Bitte, nicht so schnell, uns wird ganz schwindelig.« Die Kappen wogen durcheinander.
»Alles gut, ich gebe auf euch acht.«
Sie nahm ihren Beutel, pflanzte das Wesen so hinein, dass sie mit den Kappen hinausschauen konnten, und hing sie an die schwebende Leuchtkugel, sodass die kleinen Sporlinge nun hinter ihr herfliegen würden. Einer gemeinsamen Reise stand nun nichts im Weg.
»Danke«, erklangen die Stimmen in ihrer Kappe.
»Wie macht ihr das? Dass ihr mit mir sprecht?«
»Sporen!«
Sie beobachtete die Kappen genauer und entdeckte winzige goldene Sporen. Magie war etwas Wunderbares.
Und das war seit Ewigkeiten der erste richtige Hinweis auf Zomis. Das Myzel war hier nicht so dicht vernetzt wie oben, also suchte sie die nächste Sporlingsstation, um Salrius eine Nachricht zukommen zu lassen.
***
Die Weisen warteten bereits in seinem Etablissement, und Eschton begrüßte sie mit gesenktem Kopf.
»Sie hat mir aufgetragen, mit euch zu reden, und ich werde ihr mitteilen, was ihr zu sagen habt.«
Ein Fluchling trat aus der Reihe hervor. Die samtene Robe verhüllte das Äußere, die Hörner lugten jedoch unübersehbar unter der Kapuze hervor.
»Wir haben ihre Vorbehalte gesehen. Wir akzeptieren ihre Entscheidung, auch wenn wir anders gehofft haben.«
Eine Elfe trat neben ihn. »Sie hat den Pfad gewählt, den ich vorhersah, und wird versuchen, den Ackerbau wiederzubeleben. Doch weder die Arbeit des Körpers noch die des Geistes wird Abhilfe schaffen. Steh ihr bei und zeige ihr diesen Ort. Ihr werdet eine Reise antreten, auf der so manche Gefahr euren Weg kreuzen wird, doch am Ende sehe ich fruchtbares Land und eine florierende Wirtschaft.«
Die Weise berührte Eschtons Stirn, und dieser sah einen Acker, die Erde aufgewühlt, die Pflanzen verdorrt. Neben rauem Fels ragten zwei abgestorbene Herbstbäume auf. Dahinter waren die ersten Ausläufer von Ingrem sichtbar.
Der Fluchling ergriff erneut das Wort: »Sage ihr, dass du einen Platz kennst, an dem es glücken könnte. Tu es, und bereite den Weg für die strahlende Zukunft.«
Die Weisen traten wieder in ihre Runde. Eschton kannte dieses Verhalten von ihnen schon, sie sprachen danach nicht mehr, versanken in ihren Vorhersagen. Er verließ das Zimmer und ließ ihnen ihre Ruhe. Wirklich schlauer war er jetzt auch nicht. Was war es, was sie gesehen hatten? Grübelnd ging er seinen Geschäften nach.
***
Opal streifte durch die Viertel Ingrems und überwachte die faire Verteilung der Lebensmittelhilfslieferungen. Sie hatte Suppenküchen eingerichtet, um das wenige, das sie hatten, zu strecken. Doch wie lange würde es reichen?
Der Ork Olep trat zu ihr und reichte ihr den Bericht der Versuchsreihe der letzten Monate. Sie blätterte direkt zur letzten Seite, und die Sorgenfalten in ihrem Gesicht gruben sich tiefer. Alle gescheitert.
»Herrin, ich glaube, Sie sollten mit dem Leiter der Magiergilde sprechen. Vielleicht weiß er Rat.«
»Die? Die wissen doch nur, wie sie Landstriche verwüsten, indem sie ihnen alles Leben aussaugen.«
»Das mag sein, Herrin. Vielleicht kann er dennoch helfen!«
Sie mochte die Magier nicht, insbesondere nach den Ereignissen um den letzten Anführer. Bei ihrem Vater hatte sie sich für eine Schließung der Gilde ausgesprochen, doch der Nachfolger, Almer, war überzeugend und brach mit der Verdeckung des Gesichtes, was Geron endgültig für die neue Leitung einnahm. Sie schnaubte.
»Ich werde ihn befragen.«
