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Pierre Bonnard war der führende Kopf einer Gruppe postimpressionistischer Künstler, die sich selbst ""die Nabis"" nannten, ausgehend vom hebräischen Wort für ""Prophet"". Unter dem Einfluss von Odilon Redon, Puvis de Chavannes, zeitgenössischer Symbolik und japanischer Holzdruckkunst revolutionisierten Bonnard, Vuillard, Vallotton und Denis, um nur die bekanntesten zu nennen, den Geist des Kunsthandwerks zu einer Zeit des Höhepunkts der französischen Malerei. Auch wenn die zunehmende Individualisierung ihrer Werke die Einheit der Gruppe bedrohte, waren die Nabis doch in erster Linie eine Gemeinschaft enger Freunde. Die in diesem Buch präsentierten Kunstwerke reichen von Bonnards Arglosigkeit, Vuillards dekorative und mysteriösen Bildern, bis hin zu Denis' weichem Schmachten und Vallottons beinahe bitterer Grobheit - sie alle lassen uns eintauchen in eine Fülle künstlerischer Brillanz.
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Seitenzahl: 160
Veröffentlichungsjahr: 2014
Autor: Albert Kostenevich
Redaktion der deutschen Veröffentlichung: Klaus H. Carl
Layout:
Baseline Co. Ltd
61A-63A Vo Van Tan Street
4. Etage
Distrikt 3, Ho Chi Minh City
Vietnam
© Sirrocco, London, UK
© Confidential Concepts, worldwide, USA
© Estate Bonnard / Artists Rights Society, New York, USA / ADAGP, Paris
© Estate Vuillard / Artists Rights Society, New York, USA / ADAGP, Paris
© Estate Roussel / Artists Rights Society, New York, USA / ADAGP, Paris
© Estate Denis / Artists Rights Society, New York, USA / ADAGP, Paris
© Estate Picasso / Artists Rights Society, New York, USA / Picasso
© Estate Matisse / Artists Rights Society, New York, USA / Les Héritiers Matisse
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ISBN: 978-1-78310-182-5
Albert Kostenevitch
Inhalt
Die Künstlergruppe
Wichtige Künstler
FélixVallotton(1865 bis 1925)
Ker XavierRoussel(1867 bis 1944)
PierreBonnard(1867 bis 1947)
ÉdouardVuillard(1868 bis 1940)
MauriceDenis(1870 bis 1943)
Bibliographie
1. Paul Sérusier, Talisman, 1888.
Öl auf Holz, 27x21,5cm.
Musée d’Orsay, Paris.
Pierre Bonnard, Maurice Denis, Ker-Xavier Roussel, Édouard Vuillard und Félix Vallotton werden in der Kunstgeschichte als eine Gruppe betrachtet, obwohl ihre Werke eigentlich mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten aufweisen. In ihrer Jugend gründeten sie eine lose Vereinigung mit einem merkwürdigen Namen – die Nabis. Der Name ist aus dem hebräischen Wort für „Prophet” abgeleitet, und tatsächlich verstanden sich die Mitglieder der Gruppe als Propheten einer neuen Malerei. Kunsthistoriker, die die Arbeiten der Nabis als eine spezielle Form des Postimpressionismus sehen, haben sich längst an diese seltsame Bezeichnung gewöhnt, die rein gar nichts über die künstlerischen Ziele, die Maltechnik oder die ästhetische Auffassung der Gruppe aussagt. Ihre Mitglieder waren alle sehr verschieden, und vermutlich war es diese Verschiedenheit, die es unmöglich gemacht hat, ein sinnvolleres Etikett zu finden – oder mindestens eines, das eher der konventionellen Nomenklatur entspricht.
In der Eremitage in St. Petersburg sind Bonnard und seine Freunde durch eine sehr schöne und umfangreiche Gemäldesammlung vertreten. Etwas kleiner, aber von der Auswahl her erstklassig, ist der Bestand des Puschkin-Museums der bildenden Künste in Moskau. Im vorliegenden Band stellen wir alle Gemälde der Nabis vor, die sich im Besitz dieser beiden Museen befinden.
Tatsächlich kam in Russland schon früh ein Interesse an den Nabis auf. Allerdings beschränkte es sich auch hier, genau wie im übrigen Europa, auf einige wenige Sammler, die dem Zeitgeschmack des breiten Publikums voraus waren. Die Werke Bonnards, Denis’ und Vallottons gelangten bald nach ihrem Entstehen nach Moskau und etwas später nach St. Petersburg. Einige Arbeiten entstanden sogar im Auftrag russischer Kunstliebhaber. Zur damaligen Zeit verstieß die Anschaffung eines modernen französischen Gemäldes durch einen russischen Sammler gegen den „guten Geschmack”. Die Kunstliebhaber, die sich trotzdem dazu verstiegen, gehörten im Unterschied zu früheren Epochen nicht der Aristokratie an, sondern dem wohlhabendem Bürgertum. Es waren moderne, gebildete Unternehmer, die gewohnt waren, sich auf ihre eigene Spürnase zu verlassen und deshalb auch in Fragen der Kunst ihrer persönlichen Eingebung folgten. Zwei von ihnen, Sergej Schtschukin (1854 bis 1937) und Iwan Abramowitsch Morosow (1871 bis 1921), erwarben auf diese Weise Gemäldesammlungen, die Anfang des 20. Jahrhunderts zu den besten der Welt zählten. Ihre Häuser in Moskau wurden zu wahren Museen der neuesten Kunst.
Sergej Schtschukin ist wohl der bekanntere der beiden Kunstmäzene. Das kann auch nicht verwundern, denn durch seine Kühnheit, die in den Augen der meisten Zeitgenossen an Verrücktheit grenzte, hatte er bereits sehr früh in der Öffentlichkeit von sich reden gemacht. Aus Paris brachte er die bedeutendsten Gemälde von Derain (1880 bis 1954), Matisse (1869 bis 1954) und Picasso (1881 bis 1973) mit nach Moskau, noch bevor sich das Pariser Publikum von dem Schock, den sie bei ihm erweckt hatten, erholt hatte.
Die Kunstforscher sind noch heute erstaunt über die verblüffende Sicherheit seiner Wahl. Er zeigte Verständnis für Matisse und Picasso, als die Kunstkenner ihnen noch befremdet oder gar irritiert gegenüberstanden. Von den Nabis allerdings war Schtschukin weniger angetan, wahrscheinlich waren sie ihm nicht revolutionär genug. Er kaufte ein Gemälde von Vuillard und einige von Denis, unter anderem das Bildnis der Marthe Denis, der Frau des Künstlers, Martha und Maria und Heimsuchung Mariä. Zuletzt kam noch das Gemälde, das Schtschukins Bruder Pjotr gehört hatte, Figuren in einer Frühlingslandschaft (Der heilige Hain),
2. Maurice Denis,Sonnenfleck auf der Terrasse, 1890.
Öl auf Karton, 24x20,5cm.
Musée d’Orsay, Paris.
3. Paul Gauguin, Die Vision nach der Predigt (Der Kampf Jakobs mit dem Engel), 1888.
Öl auf Leinwand, 72,2x91cm.
National Galleries of Scotland, Edinburgh.
4. Jan Verkade,Dekorative Landschaft, 1891-1892.
Öl auf Leinwand. Privatsammlung.
5. Paul Sérusier,Alte Bretonin unter einem Baum, um 1898.
Öl auf Leinwand. Musée départemental
Maurice Denis „Le Prieuré”, Saint-Germain-en-Laye.
6. Mogens Ballin, Bretonische Landschaft, um 1891.
Öl auf Papier. Musée départemental
Maurice Denis „Le Prieuré”, Saint-Germain-en-Laye.
Immerhin unternahm Schtschukin wenigstens einen Versuch, sich mit Bonnards Werk anzufreunden: Er erstand 1899 in der Galerie Bernheim-Jeune seinen Fiaker, sandte aber das Bild nach einer Weile an die Galerie zurück (heute befindet es sich in der Nationalgalerie von Washington). Schtschukin pflegte zu sagen, dass er ein Bild erst eine Zeit lang um sich herum haben müsse, um eine endgültige Entscheidung treffen zu können, und die Kunsthändler ließen ihn gewähren.
Der eigentliche Liebhaber der Nabis und langjährige Sammler ihrer Werke aber war Morosow. Seine Begeisterung für ihr Schaffen verdankte er wahrscheinlich seinem Bruder Michail, einem der ersten Nabi-Sympathisanten außerhalb Frankreichs. Er besaß das erste nach Russland gelangte Gemälde Bonnards, Hinter dem Gitterzaun. Ebenfalls aus seiner Sammlung stammen zwei Gemälde von Denis, Mutter und Kind und Begegnung. Nach Michails Tod im Jahre 1903 nahm der jüngere Morosow die Sammlertätigkeit mit verdoppelter Energie auf. Beim Aufbau seiner Sammlung ging er sehr zielstrebig vor. Da er Bonnard und Denis als die Hauptvertreter der Nabis betrachtete, schenkte er ihrem Schaffen die größte Aufmerksamkeit, so dass ihr Werk in seiner Sammlung zuletzt ebenso vollständig vertreten war wie dasjenige der Impressionisten oder die Werke Cézannes und Gauguins.
Im Frühjahr 1906 kauft Iwan Morosow auf der Ausstellung des Salons des Indépendants das Gemälde von Denis Die heilige Quelle in Guidel und nimmt diese Gelegenheit zum Anlass, die Bekanntschaft des Künstlers zu machen. Im Sommer besucht er Denis in Saint-Germain-en-Laye, kauft von ihm das noch unvollendete Gemälde Bacchus und Ariadne und bestellt als Pendant dazu einen Polyphem. Noch im selben Jahr oder am Anfang des nächsten erteilt er dem Künstler seinen größten Auftrag: eine Serie von Wandgemälden zum Thema „Die Geschichte der Psyche” zu schaffen, die für sein Haus in der Pretschistenka-Straße bestimmt war.
Auf Morosows Einladung hin reist Denis nach Moskau, um die Gemälde an Ort und Stelle anzubringen und letzte Hand anzulegen. Bei dieser Gelegenheit entwickelt sich zwischen den beiden ein enges, freundschaftliches Verhältnis. Morosow lässt sich von dem französischen Maler bei seinen Kunstanschaffungen beraten. So erwirbt er auf seine Empfehlung hin eines der schönsten frühen Gemälde von Cézanne, Das Mädchen amKlavier. Denis bringt Morosow auch mit dem Bildhauer Aristide Maillol (1861 bis 1944) zusammen. Aus dieser Bekanntschaft folgt ein Auftrag für vier Bronzefiguren, die im gleichen Saal aufgestellt wurden wie die Gemälde von Denis und diese wunderbar ergänzten.
Das zweite von Morosow in Auftrag gegebene Ensemble von Wandgemälden ist - vom heutigen Standpunkt gesehen - noch bemerkenswerter. Es besteht aus Bonnards Triptychon AmMittelmeer und seinen beiden Wandbildern Frühlingsanfang auf dem Lande und Herbst. Obsternte. Ebenfalls auf Morosows Auftrag hin schuf Bonnard die beiden Gegenstücke Morgen in Paris und Abend in Paris, die zusammen mit dem Triptychon zu den Meisterleistungen im Gesamtschaffen des Künstlers gehören.
7. Édouard Vuillard, Kastanienbäume.
Leimfarbe auf Karton, 110x70cm.
Privatsammlung.
8. Ker Xavier Roussel,Frauen auf dem Land, um 1893.
Pastell auf Papier, 42x26cm.
Privatsammlung, Paris.
9. Ker Xavier Roussel, Garten, 1894.
Öl auf Karton auf Leinwand,
120x91,4cm. Carnegie Museum of Art,
Pittsburgh.
St. Petersburg hat keine Sammler, die es mit Sergej Schtschukin und Iwan Morosow aufnehmen könnten. Der einzige, der dort die Werke der neuen französischen Maler kaufte, war G. E. Haasen, der Vertreter der Schweizer Schokoladenfabrik Cailler in der damaligen russischen Hauptstadt. Seine Vorliebe galt Künstlern von der Art der Nabis. Aus seinem Besitz stammen zum Beispiel Bonnards Die Seine in der Umgebung von Vernon und sechs Gemälde von Félix Vallotton (heute alle in der Eremitage). Mit Vallotton verband ihn eine besondere Beziehung: Der Maler wohnte als Gast bei ihm in St. Petersburg und malte bei diesem Anlass Porträts des Geschäftsmanns und seiner Gattin. Eine vollständige Liste der Haasen-Sammlung ist nicht erhalten geblieben, aber nach dem zu urteilen, was bekannt ist, scheint sie recht solide zusammengestellt gewesen zu sein. Im Katalog der Petersburger Ausstellung Hundert Jahre französische Malkunst (1912) wird noch eine Anzahl Gemälde von Bonnard, Vuillard, Roussel und Vallotton aus dieser Sammlung angeführt, zusätzlich zu jenen, die 1921 an die Eremitage übergingen.
Es gab noch einen weiteren russischen Sammler, der sich für die Kunst der Nabis interessierte: W. W. Golubew, der aber später seinen Wohnsitz nach Paris verlegte. Von dort schickte er für die genannte Ausstellung in St. Petersburg aus seiner Kollektion Vuillards Herbstlandschaft und Denis’ HI. Georg. Diese Ausstellung, in der die besten Gemälde von Paul Gauguin, Édouard Manet (1832 bis 1883), Claude Monet (1840 bis 1926), Auguste Renoir (1841 bis 1919) und Paul Cézanne (1839 bis 1906) zu bewundern waren, verhalf der neuen französischen Kunst zum Durchbruch.
Die gefeierten Künstler des Salons, denen in weiten Publikumskreisen noch immer gehuldigt wurde, waren bei dieser Gelegenheit nur durch vereinzelte Werke vertreten. Dagegen wurden 24 Gemälde von Renoir, 17 von Cézanne und 21 von Gauguin zur Schau gestellt. Die Werke der Nabis waren zwar etwas bescheidener, aber immer noch reichlich vertreten: sechs von Bonnard, je fünf von Denis und Roussel, vier von Vuillard und je zwei von Vallotton und Paul Sérusier (1864 bis 1927).
Die Werke dieser Künstler gaben den Schlussakkord der Ausstellung ab. Eigentlich konnten sie schon gar nicht mehr als das letzte Wort in der französischen Kunst gelten, waren es aber damals durchaus in den Augen der Veranstalter dieser großen Exposition, die zwanzig Säle im Hause des Grafen Sumarokow-Elston auf dem Litejny-Prospekt einnahm und ein farbenprächtiges Panorama der Malkunst darstellte. Zweifellos war dies eine der bedeutendsten Ausstellungen des angehenden 20. Jahrhunderts nicht nur in Russland, sondern in ganz Europa. Noch heute kann man über ihren Umfang und die souveräne Auswahl der exponierten Werke nur staunen.
10. Louis Comfort Tiffany, Garten, 1895.
Hergestellt nach einem Karton von
Ker Xavier Roussel. Privatsammlung.
11. Pierre Bonnard, Das Kind mitder Sandburg, um 1894.
Leimfarbe auf Leinwand, 167x50cm.
Musée d’Orsay, Paris.
Gleichzeitig verrät der Katalog das offensichtliche Bestreben der Veranstalter, eine extreme Radikalität zu vermeiden. Es war ja doch eine reine St. Petersburger Angelegenheit, die von der Zeitschrift Apollon gemeinsam mit dem in der russischen Hauptstadt befindlichen Französischen Institut, dem zu jener Zeit der bekannte Kunsthistoriker Louis Réau (1881 bis 1961) vorstand, veranstaltet wurde. Die Moskauer Sammler der neuen Kunst beteiligten sich nicht an der Ausstellung, obwohl Iwan Morosow zu den Mitgliedern des Ehrenkomitees gehörte.
In Moskau, wo es in der Kunstlandschaft wesentlich turbulenter zuging, wurde die von den Nabis vertretene Art der Malerei von den schrillen Manifestationen der heimischen und der ausländischen Avantgarde übertönt. Waren Bonnard, Vuillard, Denis, Sérusier und Roussel auf der Ausstellung des Goldenen Vlies von 1908 noch gut vertreten, so verzichteten die Veranstalter im folgenden Jahr auf die Nabis und die Impressionisten und machten dafür Platz für die Gemälde von Georges Braque (1882 bis 1963), André Derain, Henri Matisse und Maurice de Vlaminck (1876 bis 1958). Der von Wladimir Izdebsky veranstaltete so genannte Izdebsky-Salon, der 1910 in Kiew, Riga, Odessa und St. Petersburg gezeigt wurde, präsentierte nicht nur Werke von Braque, Matisse, Vlaminck, Georges Rouault (1871 bis 1958) und Kees van Dongen (1877 bis 1968), sondern auch solche von Michail Larionow (1881 bis 1964), Wassilij Kandinsky (1866 bis 1944), Alexej von Jawlenski (1864 bis 1941), Vladimir Bechtejew (1878 bis 1971), Natan Altman (1889 bis 1970) und vielen anderen – jedoch nur ganz wenige Nabis.
Die russischen und die ausländischen Künstler und Kunstliebhaber hielten die Kunst Bonnards und seines Kreises nicht etwa für wertlos, aber sie verwiesen sie auf einen Platz weiter hinten, verdrängten sie irgendwie aus dem Bewusstsein. Die Meinung, diese Künstler seien von sekundärer Bedeutung, setzte sich durch, und es mussten mehrere Jahrzehnte vergehen, ehe diese wenig schmeichelhafte Einstufung wieder rückgängig gemacht wurde. Der Mythos der Zweitrangigkeit lässt sich nur so erklären, dass die Nabis Abstand zu der am Vorabend des Ersten Weltkriegs in viele Fraktionen zerrissenen Hauptströmung der Kunstästhetik hielten. Doch die Zeit hat den Schleier des Vergessens, der sich für eine Weile über die Nabis legte, wieder gelüftet. Heute erstrahlt ihre Kunst von neuem, und Bonnard wird als einer der größten Koloristen der französischen Malkunst überhaupt betrachtet.
12. Paul Cézanne, Die Vier Jahreszeiten,der Herbst (Detail), 1850-1860.
Öl auf Leinwand, 314x104cm.
Petit Palais – Musée des beaux-arts
de la ville de Paris, Paris.
Die Gruppe Bonnards und seiner Freunde gelangte erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts ins Scheinwerferlicht der Kunst. Von der unverwechselbaren Atmosphäre jener Zeit – wie immer man sie auch nennen mag: la belle époque oder fin de siècle – genährt und geprägt, drücken sie ihr umgekehrt auch ihren Stempel auf. Man kann die französische Kunst des 19. Jahrhunderts auf verschiedene Weise periodisieren. Eine Einteilung nach den Hauptmerkmalen der Kultur ergibt drei etwa gleich lange Perioden. Die erste, deren Anfang im Zeichen des Klassizismus steht, gipfelt in der Entstehung der Romantik. Die zweite ist fast ausschließlich vom bald selbstständig, bald im Zusammenspiel mit der Romantik oder gar einem ins Akademische ausartenden Klassizismus in Erscheinung tretenden Realismus beherrscht. Die dritte ist durch eine gesteigerte Komplexität der künstlerischen Problematik gekennzeichnet. Hier kann man immer noch die Einflüsse früherer Epochen in den verschiedenen künstlerischen Stilen nachweisen, aber nur zur Hervorhebung der neuen und ungewöhnlichen Manifestationen. Die Entwicklung der Malkunst macht jetzt plötzlich Riesenschritte. Ihre Sprache wird angereichert durch eine Vielzahl von neuen Entdeckungen. Die führende Rolle geht jetzt an den Impressionismus, wie feindselig sich die meisten Maler, die offiziellen Kunstkreise und das breite Publikum ihm gegenüber auch verhalten mögen.
Das letzte Drittel des 19. Jahrhunderts war eine der großartigsten Epochen der französischen Kunst. Die damals zum Ausbruch gekommene kreative Energie kann nur mit einem Vulkan verglichen werden und kennt kaum Parallelen. Eine glitzernde Pléjade von Künstlern folgt der nächsten auf dem Fuß. Jüngere Künstler holen ihre älteren Kollegen ein, treten in Konkurrenz mit ihnen und überholen sie und auf eine bahnbrechende neue Bewegung folgt nicht die übliche Windstille, keine Erholungspause, wie sie aus historischer Sicht durchaus zu rechtfertigen gewesen wäre, damit die neue Strömung sich festigen konnte. Nein, die Wogen überstürzen sich in schneller Folge: Kaum hat sich eine schäumend gelegt, bäumt sich dahinter schon die nächste auf, und immer neue rollen unaufhaltsam heran.
13. Maurice Denis, Marthe und Maria, 1896.
Öl auf Leinwand, 77x116cm.
Eremitage, St. Petersburg.
14. Georges Lacombe, Isis, um 1895.
Tief-Relief aus Mahagoni,
111,5x62x10,7cm.
Musée d’Orsay, Paris.
15. Paul Cézanne, Die Vier Jahreszeiten,der Frühling (Detail), 1859-1860.
Öl auf Leinwand, 314x104cm.
Petit Palais – Musée des beaux-arts
de la ville de Paris, Paris.
Der Auftritt Édouard Manets in den 1860er Jahren zerstört den bisherigen Frieden. Seine Bilder lösen eine wahre Revolution aus und ebnen den Weg für die Vertreter eines neuen Stils, für die Impressionisten. Die 70er Jahre sind die Periode ihres entscheidenden Kampfes um eine neue, unvoreingenommene Behandlung der Wirklichkeit und um das Recht, mit reinen, leuchtenden Farben zu malen, die allein ihrer natürlichen, unbefangenen Sehweise Genüge tun konnten. Die 80er Jahre bringen wieder neue Entwicklungen. Ausgehend von den Entdeckungen von Monet und seinen Mitstreitern, beschreiten auf der einen Seite Georges Seurat (1859 bis 1891) und Paul Signac (1863 bis 1935) und auf der anderen Paul Gauguin ganz unterschiedliche Wege. Die Ansichten dieser Künstler klaffen weit auseinander. Die „wissenschaftliche” Ausrichtung der ersten beiden Neoimpressionisten steht in krassem Widerspruch zu Gauguin und seiner Schule von Pont-Aven, deren Vertreter sich an der mittelalterlichen Kunst inspirierten.
Vincent van Gogh, zeitlebens auf der Suche nach einer Heimat und inzwischen von Holland nach Frankreich umgezogen, führte die impressionistische Malweise in eine andere Richtung: Sein Anliegen war es, seinen Emotionen Ausdruck zu verleihen. All die genannten Künstler entfernten sich ein ganzes Stück vom Impressionismus, und doch verdankten sie vieles der von Manet ausgelösten Revolution. Als die Gemälde von Seurat und Gauguin auf der letzten Ausstellung der Impressionisten (1886) gezeigt wurden, war schon sehr deutlich zu erkennen, wie weit sie sich voneinander entfernt hatten. Unter den „Abtrünnigen” darf man die beiden Zeitgenossen der Impressionisten nicht vergessen – Odilon Redon (1840 bis 1916) und allen voran Cézanne, der von Anfang an nicht nur die großen Verdienste der impressionistischen Malweise gesehen hatte, sondern gleichzeitig auch gewisse Anzeichen, die die Gefahr von Oberflächlichkeit und die Ablehnung der ewigen Wahrheiten in sich bargen.
Schon bald tauchte im Wortschatz der Kunstszene ein neuer Begriff auf – der „Postimpressionismus”. Kein sonderlich origineller oder aussagekräftiger Name, aber er blieb haften. Seine Unbestimmtheit ist kein Zufall. Manche der französischen Künstler, die anfänglich durch die impressionistische Sicht der Welt angeregt worden waren, legten diese nun ab wie ein altes Hemd und folgten ihrer eigenen Eingebung. So entstand ein bisher nie da gewesenes Nebeneinander verschiedener Stilrichtungen, die sich weder formell noch logisch auf einen Nenner bringen ließen. Ihre stärkste Ausprägung fand diese Diversität in der Zeit vom Ende der 1880er Jahre bis nach der Jahrhundertwende. Diese Situation ließ sich ganz einfach nicht mit einem Namen bezeichnen.
Selbst vom anti-akademischen Standpunkt aus gesehen mochte der Impressionismus inzwischen eng und unzureichend erscheinen, und trotzdem konnte ihn zumindest in Frankreich kein ernsthafter Maler ignorieren. Zu den Postimpressionisten wurden nicht nur Seurat, Gauguin, van Gogh und Henri de Toulouse-Lautrec (1864 bis 1901) gezählt, sondern auch Redon und Cézanne, ja sogar Matisse und Picasso – diese beiden stellten zum Beispiel ihre Gemälde 1912 auf der zweiten postimpressionistischen Ausstellung in der Grafton Galerie
