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Eine Tragödie spielt sich im Eden Palace ab. Die Fluglinienchefin Sheryl Andersen will sich an ihrem untreuen Ehemann Pete rächen. Sie lädt Pete und seine schwangere Freundin Emily unabhängig voneinander ins Eden Palace ein. Während der Pilot Pete glaubt, seine Ehefrau scheue keine Kosten und Mühen, um ihn zu sehen, glaubt die naive Emily an einen romantischen Heiratsantrag ihres Freundes, von dessen Ehe sie nichts weiß. Sie ahnen nicht, dass Sheryl plant, beide im Restaurant des Eden Palace in aller Öffentlichkeit bloßzustellen und zu demütigen. Die gesellschaftlichen Folgen für sie selbst sind Sheryl gleichgültig. Ihr Schwager Ben, der sie in das Doppelleben seines Bruders einweihte, versucht die Betrogene von ihrem Plan abzubringen. Doch die erfolgreiche Geschäftsfrau bleibt stur. Erst Bens Geständnis, Sheryl hingebungsvoll zu lieben, lässt die harte Fassade des schönen Racheengels bröckeln. Doch dann taucht eine weitere Geliebte von Pete Andersen im Eden Palace auf. Die Ereignisse überschlagen sich. »This is Lancaster Gate. This is a Central Line train to Epping. The next station is Marble Arch.« Die Zugdurchsage der Londoner Untergrundbahn riss Luzie Linders aus ihren Gedanken. Lancaster Gate, das war die Station, an der sie aussteigen musste. Die junge Deutsche lebte nun schon ein halbes Jahr in London. Aber erst letztes Wochenende war sie in ihr kleines einstöckiges Haus mit der hübschen Dachterrasse in der Portobello Road in Notting Hill gezogen. Gestern hatte sie die halbe Nacht damit verbracht den klaren Sternenhimmel über den Dächern Londons zu betrachten und Revue passieren lassen, was in den vergangenen sechs Monaten ihres Lebens geschehen war. Ein Rückblick, der sie auch morgens in der Untergrundbahn nicht losließ. Luzie Linders Leben hatte sich im letzten halben Jahr von Grund auf geändert. Ausgerechnet ihr Vater, von dem sie bis zu diesem Zeitpunkt nichts wusste, hatte ihr ein riesiges Vermögen sowie ein Luxushotel in London hinterlassen. Das zu begreifen fiel der jungen Frau, die ohne Mutter im Heim aufgewachsen war, immer noch nicht leicht. Luzie strich sich ihre blonden Locken aus dem Gesicht, zupfte den eleganten Hosenanzug zurecht und ließ sich mit der Menschenmenge aus dem Zug heraus über den Bahnsteig die Treppen hinauftreiben. Mit dem Bus von Notting Hill wäre Luzie deutlich schneller an ihrem Ziel in der noblen Kensington Road angekommen. Sogar ein Taxi hätte sich die junge Hotelkauffrau jeden Tag leisten können. Aber Luzie Linders liebte die Londoner Untergrundbahn. Das Gewimmel der vielen Menschen, das pulsierende Leben, die aufregende Melange der verschiedensten Nationen und Kulturen, die alle hier in der Metropole London zusammenlebten. Wer London wirklich kennenlernen wollte, wer das Herz der britischen Hauptstadt klopfen hören wollte, der musste mit der Untergrundbahn fahren. Deswegen fuhr Luzie jeden Morgen die zwei Stationen auf der Central Line, die das Zentrum Londons in eine Nord- und eine Südhälfte zerteilte. Die Menschenmenge, in der sich Luzie bewegte, strömte wie eine Welle durch den röhrenförmigen, hell gekachelten Tunnel der Lancaster Gate Station, ergoss sich auf die Bayswater Road im Norden von Kensington Gardens und verteilte sich dort schnell in alle Himmelsrichtungen der hektischen Großstadt.
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Seitenzahl: 212
Veröffentlichungsjahr: 2021
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»This is Lancaster Gate. This is a Central Line train to Epping. The next station is Marble Arch.«
Die Zugdurchsage der Londoner Untergrundbahn riss Luzie Linders aus ihren Gedanken. Lancaster Gate, das war die Station, an der sie aussteigen musste. Die junge Deutsche lebte nun schon ein halbes Jahr in London. Aber erst letztes Wochenende war sie in ihr kleines einstöckiges Haus mit der hübschen Dachterrasse in der Portobello Road in Notting Hill gezogen. Gestern hatte sie die halbe Nacht damit verbracht den klaren Sternenhimmel über den Dächern Londons zu betrachten und Revue passieren lassen, was in den vergangenen sechs Monaten ihres Lebens geschehen war. Ein Rückblick, der sie auch morgens in der Untergrundbahn nicht losließ. Luzie Linders Leben hatte sich im letzten halben Jahr von Grund auf geändert. Ausgerechnet ihr Vater, von dem sie bis zu diesem Zeitpunkt nichts wusste, hatte ihr ein riesiges Vermögen sowie ein Luxushotel in London hinterlassen. Das zu begreifen fiel der jungen Frau, die ohne Mutter im Heim aufgewachsen war, immer noch nicht leicht. Luzie strich sich ihre blonden Locken aus dem Gesicht, zupfte den eleganten Hosenanzug zurecht und ließ sich mit der Menschenmenge aus dem Zug heraus über den Bahnsteig die Treppen hinauftreiben. Mit dem Bus von Notting Hill wäre Luzie deutlich schneller an ihrem Ziel in der noblen Kensington Road angekommen. Sogar ein Taxi hätte sich die junge Hotelkauffrau jeden Tag leisten können. Aber Luzie Linders liebte die Londoner Untergrundbahn. Das Gewimmel der vielen Menschen, das pulsierende Leben, die aufregende Melange der verschiedensten Nationen und Kulturen, die alle hier in der Metropole London zusammenlebten. Wer London wirklich kennenlernen wollte, wer das Herz der britischen Hauptstadt klopfen hören wollte, der musste mit der Untergrundbahn fahren. Deswegen fuhr Luzie jeden Morgen die zwei Stationen auf der Central Line, die das Zentrum Londons in eine Nord- und eine Südhälfte zerteilte. Die Menschenmenge, in der sich Luzie bewegte, strömte wie eine Welle durch den röhrenförmigen, hell gekachelten Tunnel der Lancaster Gate Station, ergoss sich auf die Bayswater Road im Norden von Kensington Gardens und verteilte sich dort schnell in alle Himmelsrichtungen der hektischen Großstadt. Luzie Linders hielt kurz inne und sog genüsslich die Energie der Metropole in sich auf. Hier um die Ecke hatte sie fast sechs Monate in einem billigen und nicht sonderlich reizvollen Hotel gewohnt. Erst vor Kurzem hatte die junge Erbin endlich realisiert, dass sie tatsächlich die neue Besitzerin des Eden Palace, eines altehrwürdigen Luxushotels im noblen Stadtteil Kensington, war und zudem über genügend Geld verfügte, sich ein eigenes Haus mitten in London zu kaufen.
Luzie überquerte die stark befahrene Straße und bog nach ein paar Schritten durch das Marlborough Gate in Kensington Gardens ein. Im Laufe der letzten Wochen und Monate hatte sie ihren morgendlichen Spaziergang durch den historischen Park im Herzen Londons so lieb gewonnen, dass sie gerne den Umweg von über einer halben Stunde in Kauf nahm, um ihren gewohnten Arbeitsweg beizubehalten, der ihr in ihrer ersten Zeit in London immer wieder Kraft geschenkt hatte. Seit Tagen hatte es nicht geregnet, was ungewöhnlich für London war, und die Sonnenstrahlen kitzelten auf Luzie Linders Haut. Ihre schmale Nase kräuselte sich ein wenig, sodass Luzies Sommersprossen einen kleinen Tanz in ihrem Gesicht vollführten. Schon an der Queen Annes Alkove, einem halbrunden, prachtvoll gestalteten Unterstand aus vergangenen Zeiten, von dessen Bank aus die Liebespaare aneinandergekuschelt über den Park blickten, verebbte der Straßenlärm. Anfangs war es Luzie schwergefallen, die glücklich Verliebten zu sehen. Jedes Mal war das Gesicht von ihrer verflossenen Liebe Ansgar vor ihrem inneren Auge aufgetaucht und hatte sie traurig gemacht. Ansgar war Stammgast im Kaiserhof gewesen, wo Luzie seit Beginn ihrer Lehre zur Hotelkauffrau gearbeitet hatte. Dort hatten sie sich kennen- und lieben gelernt. Jedenfalls war Luzie davon ausgegangen, dass es auch für Ansgar die große Liebe gewesen war. Bis zu jenem erschütternden Tag, als sie ihren zehn Jahre älteren Geliebten zufällig mit Frau und Kindern in einem Freizeitpark erblickt hatte. Zuerst hatte die junge Frau noch gehofft, dass sich ihr Liebhaber für sie entscheiden würde. Aber als sie ihm die Pistole auf die Brust setzte, hatte Ansgar per SMS mit ihr Schluss gemacht. Für Luzie war eine Welt zusammengebrochen. Sie hatte an diese Liebe, an ein glückliches Leben mit Ansgar geglaubt und gehofft, einmal selbst eine Familie mit ihm zu gründen. Und nun hatte eine einzige SMS diesen Traum zerstört. Doch Luzie dürstete es nicht nach Rache, als sie der Ehefrau von ihrer Affäre mit Ansgar erzählte. Vielmehr gehörte seine Frau ebenfalls zu den Betrogenen in Ansgars doppeltem Spiel und hatte ein Recht darauf zu erfahren, woran sie war. Nachdem seine Frau ihn daraufhin rausgeschmissen hatte, war Ansgar plötzlich wieder angekrochen gekommen. Als Luzie nun jedoch nichts mehr von ihm wissen wollte, hatte er sie mit regelrechtem Telefonterror belegt. Mit Ansgar war Luzie fertig, noch bevor sie ihre alte Heimat, die deutsche Kleinstadt Silling, verließ, um in London ein neues Leben zu beginnen. Die Wunde aber, die diese enttäuschte Liebe in Luzies Herz geschlagen hatte, war nur sehr langsam verheilt. Doch allmählich war Ansgars Gesicht vor Luzies innerem Auge verblasst, und heute konnte sie ruhigen Herzens die Queen Annes Alkove passieren und sich für das Glück der Liebenden freuen. Sie selbst hatte allerdings immer noch die Nase voll von den Männern. Wenn es da auch einen gab, auf den die hübsche Blondine durchaus ein Auge geworfen hatte. Aber sich dies einzugestehen, so weit war Luzie noch nicht.
*
Der Rolls Royce, der die Walmodens im Auftrag des prominenten Schönheitschirurgen Brad Archer von ihrem Landsitz auf der Isle of Wight zum Eden Palace in Kensington bringen sollte, näherte sich London auf der Autobahn M3.
Nur die getönten Scheiben der Nobelkarosse verhinderten, dass der Fahrer von der vom blauen Himmel herabstrahlenden Sonne geblendet wurde. Es war ein herrlicher Sommertag, das perfekte Wetter um zu heiraten. Aber auf der Rückbank des Rolls Royce war von sommerlich guter Laune nichts zu spüren. Es herrschte dicke Luft zwischen Lord und Lady Walmoden. Und wie die ganzen letzten Wochen über, ging es auch dieses Mal um die bevorstehende Hochzeit ihrer Tochter Lady Patricia mit dem Schönheitschirurgen.
»Dass dein Vater stur und uneinsichtig ist, bin ich ja gewöhnt, Patricia«, brach Lady Walmoden das Schweigen, das zwischen ihr und ihrem Mann seit einem heftigen Streit bei Fahrtantritt herrschte. »Aber, dass du, mein Kind, den Nonsens deines Vaters mitmachst, das will mir nicht in den Kopf. Einen wildfremden Mann zu heiraten, nur um ein abgelegenes Landhaus auf einer Ärmelkanalinsel zu retten. Das ist Wahnsinn.«
»Es ist immer noch unser Landsitz, von dem du da sprichst, der seit…«
»… Generationen von einem Sohn an den nächsten weitergegeben wird«, unterbrach Lady Walmoden den Lord. »Meine Güte, Peregrine, wie oft muss ich mir diese Leier noch anhören?«
»Bis du begreifst, liebe Sophia, wie wichtig es ist, dass Yarmouth Hall in Familienbesitz bleibt«, antwortete der Earl of Yarmouth mit unterdrückter Wut. Wie oft hatten sie dieses Gespräch nun schon geführt, ohne dass es auch nur zu einer Annäherung gekommen wäre. Glaubte seine Frau wirklich, dass er seine einzige Tochter um diesen Gefallen gebeten hätte, wenn ihm irgendein anderer Ausweg eingefallen wäre? Patricia war sein Augenstern, und er machte sich selbst jeden Morgen Vorwürfe, dass er das Glück seiner Tochter zur Bewahrung des Familienerbes opferte. Aber was sollte er tun? Der Countess of Yarmouth erging es ähnlich wie ihrem Mann. Auch sie war es leid, immer wieder wegen derselben Sache mit ihrem Mann zu streiten. Aber diese Hochzeit war der absolute Irrsinn. Nie zuvor hatte ihre Ehe eine derartige Krise durchlebt. Sie verstand, wie schwer es für Peregrine sein musste, das Letzte, das die Finanzkrise vor zehn Jahren vom Familienerbe der Walmodens übrig gelassen hatte, zu verlieren. Der Landsitz bedurfte einer dringenden Sanierung, um nicht dem Verfall anheimgegeben zu werden. Doch dafür fehlten ihnen schlicht die Mittel. Ein Verkauf von Yarmouth Hall, der das Herrenhaus noch retten könnte, schloss ihr Mann kategorisch aus. Brad Archers fürstliches Kaufangebot hatte der Earl ausgeschlagen und ihm stattdessen angeboten, er könne seine Schönheitsklinik auf Yarmouth Hall eröffnen, wenn er ihre Tochter Patricia heiratete. Und genau an diesem Punkt hörte das Verständnis der Countess of Yarmouth für ihren Ehemann auf. Patricia selbst, die mit ihrer roten Bobfrisur und dem rundlichen Gesicht wie das Ebenbild ihrer Mutter Sophia vor fünfundzwanzig Jahren aussah, war die Entscheidung, einen Fremden zu heiraten, keineswegs leichtgefallen. Insbesondere da ihr der neureiche Brad Archer nicht sonderlich sympathisch war. Aber seit Lord Peregrine Walmoden durch die Finanzkrise fast alles verloren hatte, was Generationen vor ihm aufgebaut hatten, war der Earl nur noch ein Schatten seiner selbst. Um ihren ehemals fröhlichen Vater wieder lächeln zu sehen, war die junge Adlige bereit so ziemlich alles zu tun. Immer war ihr Vater für sie da gewesen. Er hatte ihre aufgeschlagenen Knie verarztet, wenn sie wieder einmal besonders wild gespielt hatte. Mit ihrem ersten Liebeskummer war sie weinend zu ihm gelaufen, und ihr Vater hatte mit tröstenden Worten ihre Tränen getrocknet. Patricia liebte ihre Mutter ebenso, aber sie war nun mal ein ausgesprochenes Papakind. Und nach allem, was ihr Vater für sie getan hatte, war es nun an ihr, ihm etwas zurückzugeben.
*
Wie jeden Morgen machte Luzie auf ihrem Weg durch den Park an einem alten Rolls Royce, den man zu einem Eiswagen umgebaut hatte, halt. Der Oldtimer, der unmittelbar vor Italian Water Gardens parkte, war für Luzie ein Sinnbild von London. Althergebrachte Tradition und Eleganz traf auf das moderne Großstadtleben. So wie ganz Kensington Gardens das Flair des einstigen Englands in einem modernen Stil präsentierte. Schon an ihrem ersten Tag in London, als sie an dieser Stelle den Anwalt ihres Vaters Arthur Fitzroy getroffen hatte, um sich mit ihm ihr Erbe anzusehen, hatte Luzie hier ihrer großen Liebe für Eiscreme nachgegeben. Auch heute Morgen bestellte Luzie eine große Portion Stracciatella-Eis und kramte in ihrer Tasche nach Kleingeld, als eine vertraute Stimme an ihr Ohr drang.
»Wünsche einen wunderschönen guten Morgen, Miss Linders.«
»Mister Morris«, begrüßte Luzie den Anwalt ihres Vaters. »Was für ein schöner Zufall. Wie geht es Ihnen?«
»Danke der Nachfrage, junge Dame«, entgegnete der britische Gentleman, der auf Luzie stets liebenswert, aber auch ein wenig steif wirkte. »Ich habe einen Termin drüben im Italian Café.«
Das Italian Gardens Café am Rande des Parks war mit seinem Blick auf die Wasserfontänen und den Springbrunnen des Italian Water Gardens ein Geheimtipp für ruhebedürftige Großstadtbewohner. Jetzt in den Sommermonaten nutzte Luzie die achteckig angelegten Teiche oftmals dazu, um ihre Handgelenke in das kühle Wasser zu halten und sich so ein wenig Erfrischung zu verschaffen.
»Es soll herrlich dort sein«, seufzte Luzie. »Ich habe mir fest vorgenommen meine Mittagspause im Italian Gardens Café zu verbringen, sollte ich es jemals schaffen eine zu machen.«
»Fühlen Sie sich denn wohl im Eden Palace?«, erkundigte sich Mister Morris höflich.
»Ich liebe das Hotel«, schwärmte Luzie versonnen. »Und auch die Menschen, die dort arbeiten, sind mir sehr ans Herz gewachsen. Es ist nicht immer einfach. Aber auf eine Art sind sie doch so etwas wie eine Familie für mich geworden.«
»Und Miss Darlington?«, fragte der Advokat mit hochgezogener Augenbraue.
»Clarissa?«, winkte Luzie ab. »Clarissa ist Clarissa. Sie macht nur das Allernötigste und legt mir Steine in den Weg, wo sie nur kann. Man möchte gar nicht glauben, dass sie die Managerin des Eden Palace ist.«
»Ich vermute, Miss Darlington hat nie verwunden, dass Mister Fitzroy Ihnen das Hotel vermacht hat und nicht ihr«, erklärte Mister Morris mit Blick auf seine Taschenuhr. »Aber für mich wird es jetzt leider Zeit, junge Dame. Passen Sie auf sich auf.«
Bevor Luzie auch nur ein Wort erwidern konnte, war Mister Morris auch schon wieder verschwunden. Schmunzelnd sah Luzie dem altmodischen Advokaten hinterher. Sie gab dem Eisverkäufer ein großzügiges Trinkgeld und lief, genüsslich ihr Frühstückseis essend, weiter. Der von dichtem Buschwerk und hohen Bäumen gesäumte Weg, dem sie nun folgte, ließ nur noch wenig Himmel erkennen. Luzie erinnerte sich noch sehr gut an den Tag, als der Anwalt ihres leiblichen Vaters bei ihr in Deutschland angerufen hatte, um ihr mitzuteilen, dass sie die Alleinerbin des altehrwürdigen Eden Palace, sowie eines beachtlichen Vermögens von acht Millionen Pfund geworden war. Luzie hatte zunächst gar nicht ans Telefon gehen wollen als es klingelte. Sie hatte vermutet, dass Ansgar sie wieder wahlweise anflehen oder beschimpfen wollte. Auch nachdem sich Mister Morris als der Anwalt ihres Vaters vorgestellt hatte, war Luzie noch der festen Überzeugung gewesen, dass es sich bei dem Anruf nur um einen schlechten Scherz ihres ehemaligen Liebhabers handeln konnte. Sie hatte darauf bestanden, Mister Morris unter seiner Londoner Telefonnummer zurückzurufen und sich diese per E-Mail bestätigen lassen. Und selbst dann war es der einsamen Luzie, die sich damals in der schwersten Krise ihres jungen Lebens befand, noch schwergefallen Mister Morris zu glauben, was er ihr offenbarte.
»Wenn die Nacht am tiefsten ist, ist der Tag am nächsten«, hatte eine liebe Erzieherin im Heim sie früher immer getröstet, wenn Luzie sich abends in den Schlaf geweint hatte, weil sie nicht verstand, warum ihre Mutter sie unmittelbar nach der Geburt abgegeben hatte und nichts von ihr wissen wollte. An diesem Spruch hatte sich Luzie in schweren Zeiten immer festgehalten.
*
Kurz vor der Ausfahrt nach West-London geriet der Verkehr auf der M3 ins Stocken, sodass der Rolls Royce der Walmodens die Geschwindigkeit deutlich drosseln musste.
Im Innern der behaglichen Luxuslimousine drohte die Stimmung zu explodieren. Besorgt versuchte die junge Lady Patricia Walmoden die Gemüter zu beruhigen.
»Aber Mutter, von dieser Hochzeit haben doch alle etwas.«
»Und das wäre?«, erkundigte sich ihre Mutter schnippisch.
»Komm, das liegt doch auf der Hand. Brad kann wie geplant seine Schönheitsklinik eröffnen. Im Zuge dessen wird der Landsitz saniert und vor dem Verfall gerettet. Yarmouth Hall bleibt in Familienbesitz. Du und Vater könnt dort sogar wohnen bleiben. Und Brad kann meine Kontakte in die bessere Gesellschaft und die britische Aristokratie nutzen, um in England Fuß zu fassen.«
Lady Patricia lächelte die Countess besänftigend an. Wäre sie an der Stelle ihrer Mutter gewesen, hätte sie sicherlich auch alles versucht, diese Heirat zu verhindern. Aber Patricia hatte sich entschieden, ihrem Vater dieses Opfer zu bringen und diese Hochzeit durchzuziehen. Komme was da wolle.
»Schön und gut«, umfasste Lady Sophia Walmoden die Hand ihrer Tochter. »Bleiben zwei Menschen, die von diesem Wahnsinn nicht profitieren. Du, mein liebes Kind, weil du diesen Brad Archer nicht liebst. Und ich denke, dein Verflossener Nick wird auch nicht gerade vor Glück platzen.«
»Dein Zynismus ist furchtbar, Sophia«, tadelte der Earl die Countess und wischte sich den kalten Schweiß von der Stirn. Hoffentlich gelang es seiner Frau nicht, ihre Tochter noch im letzten Moment umzustimmen.
»Nick hat mir im Gegensatz zu dir Glück gewünscht«, entzog Lady Patricia ihrer Mutter die Hand. Warum gab sie nur nicht endlich Ruhe?
»Was bleibt ihm auch anderes übrig«, lachte Lady Walmoden verzweifelt auf.
Der Rolls Royce verließ die Autobahn und erreichte West-London. In einer knappen halben Stunde würden die Walmodens ihr Ziel, das Eden Palace, erreichen.
»Ich hatte gehofft, diese unselige Tradition arrangierter Hochzeiten wäre Geschichte«, wandte sich die Countess of Yarmouth resigniert ab.
»Darf ich dich daran erinnern, dass deine Ehe mit Vater auch arrangiert wurde?«, konfrontierte die zukünftige Braut ihre Mutter.
»Ja, da hast du recht«, stimmte Lady Walmoden ihrer Tochter zu. Ein zartes Lächeln umspielte ihren Mund als sie weitersprach. »Aber dein Vater und ich haben einfach Glück gehabt, dass wir uns trotzdem ineinander verliebten und eine Ehe voller Zuneigung und Vertrauen geführt haben. Außerdem waren das noch ganz andere Zeiten.«
Die junge Braut wollte etwas entgegnen, ihre Mutter schnitt ihr jedoch energisch das Wort ab.
»Wenn ich die Hoffnung hätte, dass auch dir dieses Glück widerfahren könnte, würde ich vielleicht sogar still sein, mein Kind. Aber seien wir ehrlich. Dieser Brad Archer ist ein furchtbarer Mensch, der glaubt, mit Geld alles kaufen zu können.«
»Wie viele verheiratete Paare kennen wir, die bezüglich der Romantik so ihre Arrangements haben?«, mischte sich nun der Earl of Yarmouth wieder ein, um seiner Tochter beizuspringen. Das was er an seiner Frau so liebte, ihr scharfer Verstand und ihre Hartnäckigkeit, könnte heute für ihn noch zum Fluch werden.
»Und von wie vielen dieser Arrangements haben wir später in der Klatschpresse gelesen?«, giftete Lady Walmoden ihrem Mann wütend an. »Und dann noch diese verrückte Idee von Mister Archer, in einem Hotel zu heiraten und nicht in einer Kirche, wie es sich gehört. Ausgerechnet im Eden Palace, in dem Nick Saunders arbeitet, möchte ich anmerken.«
»Schluss, Aus, Punkt«, beendete die Braut das Gespräch vehement. »Ich werde heute Brad Archer heiraten. Und damit basta.«
»Dann war es wohl doch nicht die große Liebe mit deinem Nick«, gab sich die Countess of Yarmouth frustriert geschlagen.
Alles was in ihrer Macht stand, um das Glück ihrer Tochter zu retten, hatte sie versucht. Aber was sollte sie tun, wenn ihre Tochter den Rettungsring, den sie ihr zuwarf, wieder und wieder von sich stieß. Schweigen breitete sich wieder auf dem Rücksitz des schwarzen Rolls Royce aus, der sich nun langsam durch den Berufsverkehr Londons kämpfte. Als Lord Walmoden sanft den Arm seiner Tochter berührte, wandte Lady Patricia ihren Blick ab und schaute aus dem Fenster.
Ihr Vater sollte die Tränen nicht sehen, die sie um ihren geliebten Nick weinte. Verdammt, warum hatte ihre Mutter bloß nicht einfach den Mund halten können?
*
Am Ende des Tunnels aus Büschen und Bäumen, den Luzie begleitet von ihren Erinnerungen durchquert hatte, öffnete sich der Weg in die Weite des Parks. Luzie beobachtete vergnügt, wie die Sonnenstrahlen sich ebenso auf dem Long Water See, als auch auf den Wolkenkratzern jenseits des Parks spiegelten. Dann wandte sie sich der Peter Pan Statue zu ihrer Rechten zu. Für Luzie war es zu einem morgendlichen Ritual geworden, Peter Pans großen Zeh zu streicheln. Das sollte ihr Glück bringen, denn Peter Pan war der Held ihrer Kindheit. Wie oft hatte sich das Heimkind Luzie nach Nimmerland gewünscht, einem Ort, wo sie nicht von den Erwachsenen enttäuscht werden konnte. Aber Nimmerland war nicht nur der Ort, wo Kinder mit Feen, Elfen und Meerjungfrauen zusammenlebten. Nein, Nimmerland war auch ein Ort, an dem man nur fest an etwas glauben musste, damit es Wirklichkeit wurde. Genauso war es Luzie ergangen, als sie aus heiterem Himmel ein Hotel erbte. Alles im Leben hatte sie sich hart erkämpfen müssen. Ganz auf sich allein gestellt, ohne jegliche Unterstützung, hatte sie nach dem Abitur eine Lehre zur Hotelkauffrau gemacht und als Jahrgangsbeste abgeschlossen. Schon als kleines Mädchen war es ihr größter Traum gewesen, einmal ein eigenes Hotel zu besitzen. Für diesen Lebenstraum hatte Luzie hart und diszipliniert gearbeitet. Immer in dem Bewusstsein, dass ein langer und entbehrungsreicher Weg bis zu ihrem Ziel vor ihr liegen würde. Doch wenn sie sich anstrengte, daran hatte sie stets geglaubt, war die Erfüllung ihres sehnlichsten Wunsches möglich. Und dann, in dunkelster Nacht, hatte sich der Himmel erhellt und am Horizont erstrahlte ein Schicksal, dass das, was sie für möglich und machbar gehalten hatte, bei Weitem in den Schatten stellte. Von jetzt auf gleich war Luzie Besitzerin eines Luxushotels in der ehrwürdigen Kensington Road, unweit der exklusiven Sloan Street mit ihren Edelboutiquen international angesehener Modehäuser von Gucci bis Prada. Dazu hatte sie ein Vermögen geerbt, von dem sie sich in ihren kühnsten Träumen nicht ausmalen konnte, wie sie dies jemals ausgeben sollte. Luzies Zukunft erschien so golden, dass sie lange Zeit nicht daran glauben konnte, dass ausgerechnet ihr, dem Heimkind, dem niemals etwas geschenkt worden war, dies nun widerfuhr. Doch so war es. Luzie war nun reich und Herrin über fünfundachtzig exklusive Zimmer und Suiten, sowie fast ebenso viele Angestellte.
Die junge Frau verabschiedete sich mit einem Lächeln von Peter Pan und bog rechts in eine schattige Baumallee ein. Die Alleen von Kensington Gardens verliehen dem Park etwas Majestätisches. Sie ermahnte sich, den Floristen des Hotels, Marcel de Beausoir, zu fragen, welche Baumart ihren Weg hier säumte. Sie hatte es sich immer wieder vorgenommen, aber genauso oft auch vergessen, wenn die Alltagshektik des Luxushotels sie wieder eingeholt hatte. Aber heute, wenn Marcel ihr die Blumendekoration für die Hochzeitsfeier im Eden Palace zeigen würde, wollte Luzie versuchen daran zu denken. Alles musste perfekt sein für die Hochzeit von Lady Patricia Walmoden, der Tochter des Earl und der Countess of Yarmouth, und dem steinreichen amerikanischen Schönheitschirurgen Brad Archer. Dass der Besitzer mehrerer Schönheitskliniken ausgerechnet den Festsaal des Eden Palace gebucht hatte, war ein großer Glücksfall für Luzies Hotel. Eine bessere Publicity als die Vermählung der jungen Adligen mit dem plastischen Chirurgen der Reichen und Schönen konnte das Eden Palace, das erst auf dem Weg war, seinen tadellosen Ruf wiederzuerlangen, nicht bekommen. Die Yellow Press, wie man die Boulevardzeitungen in Groß-Britannien nannte, würde voll mit Berichten und Fotos dieser Traumhochzeit sein. Schon gestern Abend hatten sich die ersten Paparazzi auf der gegenüberliegenden Straßenseite des Eden Palace positioniert. Dazu die vielen geladenen, zahlungskräftigen Hochzeitsgäste, die zum großen Teil ein Zimmer oder eine Suite im Hotel gebucht hatten und die Luzie hoffte, als Stammgäste gewinnen zu können. Wenn es Luzie und ihren Angestellten gelang, die Hochzeitsfeier zu einem unvergesslichen Erlebnis werden zu lassen, machte die junge Hotelerbin einen wichtigen Schritt auf ihr großes Ziel zu. Dem Eden Palace wieder zu seinem alten Glanz zu verhelfen und zur ersten Adresse auf der Kensington Road zu werden.
*
Immer wenn Luzie an der Physical Energy Statue in Kensington Gardens vorbeikam, liefen ihre Lebensgeister zu Höchstformen auf. Selbst wenn sie gewollt hätte, wäre Luzie außer Stande gewesen, etwas gegen die Wirkung zu unternehmen, die die in Bronze gegossene Skulptur eines Reiters mit seinem Pferd auf sie hatte. Die Kraft und das Temperament des wilden, sich aufbäumenden Pferdes wohnten auch in Luzie. Manches Mal wünschte sich der blonde Wirbelwind jedoch, sie könnte ihren Überschwang besser zügeln, so wie der bronzene Reiter sein Pferd. Bisher hatte sie es mit eiserner Disziplin noch meistens verstanden, im Eden Palace ihr überschäumendes Temperament im Zaum zu halten. Aber wenn die nichtsnutzige Hotelmanagerin Clarissa ihr heute bei der Walmoden-Hochzeit in die Quere kommen sollte, konnte Luzie für nichts mehr garantieren.
Während sie weiter ihres Weges ging, tauchte vor Luzie der Round Pond, ein großer, mit zahllosen Enten und Schwänen bevölkerter Weiher, auf. Möwen umflogen den Weiher, um sich sturzflugartig zu den anderen Wasservögeln dazuzugesellen, sobald jemand anfing sie zu füttern. Ein melancholisches Lächeln legte sich auf Luzies Gesicht. Für das Heimkind war Round Pond ein magischer Ort der Liebe und Fürsorge. Sie liebte es, den Müttern und Vätern dabei zuzusehen, wie sie mit ihren Kindern die Vögel fütterten und ihre Töchter und Söhne umsorgten. Doch begleitet wurde dieser zarte, wunderschöne Augenblick auch immer von Luzies Trauer darüber, dass sie so etwas nie hatte erleben dürfen. Dazu gesellte sich ihre Sehnsucht, selbst Teil einer Familie zu sein und Eltern zu haben, die sie liebten. Ihr Vater hatte ihr unwissentlich ihren größten Traum erfüllt. Aber die Liebe, nach der sie sich als Kind so sehr gesehnt hatte, war ihr von ihm ein Leben lang verweigert worden. Warum, darüber konnte Luzie nur spekulieren. Aber was machte das für einen Sinn? Viel wichtiger und richtiger war es doch, nach vorn zu schauen und an die Freundschaften zu denken, die sie im letzten halben Jahr im Eden Palace geschlossen hatte. Waren diese Menschen nicht auch so etwas wie eine Familie? Besonders der Chefportier Geoffrey Buttery war zu einem väterlichen Freund für Luzie geworden und begleitete sie jeden Tag von Neuem mit Rat und Tat. Seine langjährige Erfahrung mit den anspruchsvollen Gästen eines Luxushotels und seine Tipps bezüglich der britischen Etikette waren für die junge Deutsche Gold wert. Einen besseren Vater als Geoffrey konnte man sich wahrscheinlich nicht wünschen. Dabei hatte Luzies Vertrauter selbst nicht einmal Kinder. Vielleicht hatten die junge Hotelerbin und der Chefportier aus diesem Grund zusammengefunden, weil sie einander gaben, was in ihrem Leben so schmerzlich fehlte. Auch Maria Escobar hatte Luzie vom ersten Augenblick an ins Herz geschlossen. Ihre Beziehung zu der strengen, aber gerechten Hausdame des Luxushotels war jedoch etwas schwieriger als zu Mister Buttery. Luzie liebte die Mütterlichkeit und Fürsorge, mit der sich Maria um die Zimmermädchen des Eden Palace kümmerte. Ihr Tadel konnte gnadenlos sein, aber wenn eines ihrer Zimmermädchen ein privates Problem hatte, fand es bei Maria immer ein offenes Ohr. Ganz egal, wie hektisch und stressig der Hotelbetrieb gerade wieder war. Mit Luzie geriet Maria leider immer wieder aneinander, da die konservative Hausdame so gar nichts von den Veränderungen und frischen Ideen hielt, mit denen die neue Besitzerin das Eden Palace auf Vordermann bringen wollte. Alles, was für Maria zählte, waren Anstand und Tradition, weswegen es bei Modernisierungsmaßnahmen zwischen Luzie und Maria regelmäßig krachte. Aber gab es nicht in jeder Familie auch immer mal wieder Streit?
*
Als Maria Escobar an diesem Morgen die noch geschlossene Hotelbar betrat, um die Arbeit der Reinigungskräfte zu überprüfen, blieb ihr buchstäblich die Luft weg. Die Ölgemälde mit den Fuchsjagdszenen, die Maria so liebte und die für ihr Empfinden perfekt mit den dunklen Teakholzbalken und der feinen Wandbespannung der Hotelbar harmonisierten, waren abgehängt worden. Nun lehnten sie achtlos am Tresen der Hotelbar, wo sie womöglich noch die kunstvollen Verzierungen der Mahagonivertäfelung verkratzten.
Die Hausdame brauchte nicht lange, um den Übeltäter dieser frevelhaften Tat auszumachen. Fröhlich pfeifend war der Bellboy Ajit Yadav dabei, im Separee der Bar anstelle von Marias Lieblingsgemälde des britischen Malers Heywood Hardy ein Bild mit undefinierbaren Farbklecksen aufzuhängen.
»Ajit, was fällt Ihnen ein, bei der Mutter Gottes?«, brach es aus Maria hervor.
»Misses Escobar«, nickte der neunzehnjährige Sohn indischer Einwanderer in der dritten Generation ihr höflich zu. »Ich würde sagen, ich verpasse unserer Bar ein längst überfälliges Kunst-Update.«
