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Eine Tragödie spielt sich im Eden Palace ab. Die Fluglinienchefin Sheryl Andersen will sich an ihrem untreuen Ehemann Pete rächen. Sie lädt Pete und seine schwangere Freundin Emily unabhängig voneinander ins Eden Palace ein. Während der Pilot Pete glaubt, seine Ehefrau scheue keine Kosten und Mühen, um ihn zu sehen, glaubt die naive Emily an einen romantischen Heiratsantrag ihres Freundes, von dessen Ehe sie nichts weiß. Sie ahnen nicht, dass Sheryl plant, beide im Restaurant des Eden Palace in aller Öffentlichkeit bloßzustellen und zu demütigen. Die gesellschaftlichen Folgen für sie selbst sind Sheryl gleichgültig. Ihr Schwager Ben, der sie in das Doppelleben seines Bruders einweihte, versucht die Betrogene von ihrem Plan abzubringen. Doch die erfolgreiche Geschäftsfrau bleibt stur. Erst Bens Geständnis, Sheryl hingebungsvoll zu lieben, lässt die harte Fassade des schönen Racheengels bröckeln. Doch dann taucht eine weitere Geliebte von Pete Andersen im Eden Palace auf. Die Ereignisse überschlagen sich. »This is Lancaster Gate. This is a Central Line train to Epping. The next station is Marble Arch.« Unruhig trat Luzie Linders von einem Fuß auf den anderen, bis sich die Türen der Untergrundbahn öffneten und sie in das quirlige Treiben auf dem Bahnsteig entließen. An anderen Tagen ließ sich Luzie mit der Menschenmenge die Treppen des röhrenförmigen Tunnels der Lancaster Gate Station hinauftreiben und sog dabei die inspirierende Vielfalt ihrer neuen Heimat London in sich auf. Die junge Deutsche liebte dieses morgendliche Ritual, sie genoss diese aufregende Mischung verschiedener Nationalitäten und Kulturen, die die britische Metropole zu diesem besonderen und spannenden Ort machte. Hier in der Untergrundbahn versicherte sie sich jeden Morgen neu, dass ihre letztjährige Entscheidung, nach London zu gehen, die beste ihres Lebens gewesen war. Aber heute war alles anders. Die Hotelerbin drängte sich angespannt zwischen den Menschen und versuchte so höflich wie möglich als Erste das Tageslicht der Bayswater Road zu erblicken. In ihrer Eile rannte Luzie fast einen jungen Mann um, der sich sogleich wortreich in einer ihr unbekannten Sprache beschwerte. Luzie faltete die Hände zur Entschuldigung und hastete dann weiter die Rolltreppe hinauf. Oben auf der Bayswater Road angekommen, erblickte sie auf der anderen Straßenseite den Zeitungsverkäufer, der jeden Morgen die gängigen Revolverblätter der berüchtigten britischen Yellow Press verkaufte. Üblicherweise las Luzie nur selten Boulevardzeitungen, aber heute war eben alles anders als an anderen Tagen. An diesem Sommermorgen konnte die hübsche Blondine es gar nicht erwarten, über die Straße zum Marlborough Gate von Kensington Gardens zu sprinten und sich einmal quer durch das Sortiment des Zeitungsverkäufers zu kaufen. Luzie rollte die Zeitungen rasch zusammen und klemmte sie unter ihren Arm, sodass sie die Schlagzeilen noch nicht lesen konnte. Dabei waren es eben diese Schlagzeilen, die Luzie im Moment so brennend interessierten. Aber ohne ihr morgendliches Stracciatella-Eis fühlte sie sich nicht in der Lage, der Wahrheit in ihr gnadenloses Gesicht zu schauen. In ihrem Luxushotel, dem Eden Palace, das sie vor einem halben Jahr von ihrem ihr bis dahin unbekannten Vater geerbt hatte, war gestern die Promihochzeit des Jahres geplatzt. Und ausgerechnet Luzie war am Scheitern dieser Eheschließung zwischen der jungen Adeligen Lady Patricia Walmoden und dem zwanzig Jahre älteren prominenten Schönheitschirurgen Brad Archer alles andere als unschuldig gewesen. Nachdem sich Brad Archer als übler, charakterloser Grabscher und Macho erwiesen hatte, der ihr Zimmermädchen Olga bedrängte, hatte Luzie ihm daraufhin die Leviten gelesen.
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Seitenzahl: 221
Veröffentlichungsjahr: 2021
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»This is Lancaster Gate. This is a Central Line train to Epping. The next station is Marble Arch.«
Unruhig trat Luzie Linders von einem Fuß auf den anderen, bis sich die Türen der Untergrundbahn öffneten und sie in das quirlige Treiben auf dem Bahnsteig entließen. An anderen Tagen ließ sich Luzie mit der Menschenmenge die Treppen des röhrenförmigen Tunnels der Lancaster Gate Station hinauftreiben und sog dabei die inspirierende Vielfalt ihrer neuen Heimat London in sich auf. Die junge Deutsche liebte dieses morgendliche Ritual, sie genoss diese aufregende Mischung verschiedener Nationalitäten und Kulturen, die die britische Metropole zu diesem besonderen und spannenden Ort machte. Hier in der Untergrundbahn versicherte sie sich jeden Morgen neu, dass ihre letztjährige Entscheidung, nach London zu gehen, die beste ihres Lebens gewesen war. Aber heute war alles anders. Die Hotelerbin drängte sich angespannt zwischen den Menschen und versuchte so höflich wie möglich als Erste das Tageslicht der Bayswater Road zu erblicken. In ihrer Eile rannte Luzie fast einen jungen Mann um, der sich sogleich wortreich in einer ihr unbekannten Sprache beschwerte. Luzie faltete die Hände zur Entschuldigung und hastete dann weiter die Rolltreppe hinauf. Oben auf der Bayswater Road angekommen, erblickte sie auf der anderen Straßenseite den Zeitungsverkäufer, der jeden Morgen die gängigen Revolverblätter der berüchtigten britischen Yellow Press verkaufte. Üblicherweise las Luzie nur selten Boulevardzeitungen, aber heute war eben alles anders als an anderen Tagen. An diesem Sommermorgen konnte die hübsche Blondine es gar nicht erwarten, über die Straße zum Marlborough Gate von Kensington Gardens zu sprinten und sich einmal quer durch das Sortiment des Zeitungsverkäufers zu kaufen. Luzie rollte die Zeitungen rasch zusammen und klemmte sie unter ihren Arm, sodass sie die Schlagzeilen noch nicht lesen konnte. Dabei waren es eben diese Schlagzeilen, die Luzie im Moment so brennend interessierten. Aber ohne ihr morgendliches Stracciatella-Eis fühlte sie sich nicht in der Lage, der Wahrheit in ihr gnadenloses Gesicht zu schauen. In ihrem Luxushotel, dem Eden Palace, das sie vor einem halben Jahr von ihrem ihr bis dahin unbekannten Vater geerbt hatte, war gestern die Promihochzeit des Jahres geplatzt. Und ausgerechnet Luzie war am Scheitern dieser Eheschließung zwischen der jungen Adeligen Lady Patricia Walmoden und dem zwanzig Jahre älteren prominenten Schönheitschirurgen Brad Archer alles andere als unschuldig gewesen. Nachdem sich Brad Archer als übler, charakterloser Grabscher und Macho erwiesen hatte, der ihr Zimmermädchen Olga bedrängte, hatte Luzie ihm daraufhin die Leviten gelesen. Schließlich war die ganze Sache aufgeflogen und Lord Peregrine Walmoden, der Brautvater, hatte die arrangierte Eheschließung abgeblasen. Die junge Hotelierin war trotz des drohenden Skandals mehr als glücklich darüber gewesen. Besonders da sie ihren talentierten und sympathischen Jungkoch Nick Saunders nun dazu ermuntern konnte, um seine große Liebe Lady Patricia zu kämpfen. Und das auch noch mit Erfolg. Nach der geplatzten Hochzeit, die Lady Patricia nur ihrem insolventen Vater zuliebe eingehen wollte, um das alte, noch im Familienbesitz befindliche Herrenhaus Yarmouth Hall vom wohlhabenden Brad Archer retten zu lassen, stand am heutigen Tage die Liebeshochzeit zwischen Lady Patricia und ihrem Nick an. Alles hatte sich zum Guten gewendet, und das erfüllte Luzie mit großer Freude und Zufriedenheit. Aber was für die beiden Liebenden der Olymp des Glücks bedeutete, konnte für das Eden Palace und die Menschen, die in ihrem Luxushotel arbeiteten, zum unlösbaren Problem werden. Obwohl Luzie die in den letzten Jahren etwas heruntergewirtschaftete Nobelherberge wieder auf Vordermann gebracht hatte und ihre Renovierung und die Umstrukturierungen erste Erfolge bei den Gästezahlen zeigten, war es noch ein langer Weg zurück zur ersten Adresse in Kensington. Negative Schlagzeilen in der Klatschpresse konnte sich das Eden Palace zu diesem Zeitpunkt nicht leisten. So gerechtfertigt Luzies rauer Umgang mit dem Widerling Brad Archer auch gewesen war, sie konnte sich nicht sicher sein, dass der selbstverliebte und unberechenbare Schönheitschirurg Luzie und das Hotel nicht aus Rache in den Boulevardblättern schlecht machen würde. Der Erfolg eines exklusiven Hotels wie dem ihren stand und fiel mit dem Ruf des Hauses. Deswegen war Luzie heute Morgen so angespannt. Zugegebenermaßen war dies nicht der einzige Grund. Aber die anderen Herausforderungen, die an diesem ungewöhnlich heißen Sommertag noch auf sie warteten, waren mit der Organisation der Traumhochzeit in einem überbuchten Hotel und der Verlegung eines Ärztekongresses auf die Isle of Wight zwar riesig, aber mit etwas Glück und Erfindungsreichtum zu meistern. Gegen die Schlagzeilen in den bunten Blättern konnte die junge Deutsche jedoch nichts ausrichten. Das Urteil war geschrieben, und es klemmte direkt unter ihrem Arm.
Luzie bog durch das Marlborough Gate im Norden des Kensington Gardens in den altehrwürdigen Park im Herzen Londons ein. Es gab viele kürzere Wege zu ihrer Arbeit im Eden Palace auf der Südseite des berühmten Stadtparks, aber Luzie liebte es, jeden Morgen denselben Weg durch Kensington Gardens zu nehmen und ihren Gedanken freien Lauf zu lassen, bevor die Hektik des Hotelbetriebs sie erfasste. Wie gewohnt passierte Luzie zuallererst die Queen Annes Alkove, einen romantischen Unterstand, von dem aus die verliebten Paare Londons ihren verklärten Blick über den Park wandern ließen. Wie von Geisterhand tauchte das Gesicht von Sebastian Porter vor ihrem inneren Auge auf, sein charmantes Lächeln, umrahmt von einem gepflegten Bart, seine faszinierenden Augen, die von einer unglaublichen Tiefe zu sein schienen. So tief wie ein Ozean, in dem sich Luzie nur allzu gerne verloren hätte. Wenn sie doch nur wüsste, ob sie diesem Mann vertrauen konnte. Aber genau hier lag das Problem. Zum einen hatte Luzie eine schlimme Enttäuschung in der Liebe hinter sich, einen Verrat, der tiefe Wunden in ihrem Herzen hinterlassen hatte. Zwar waren diese mittlerweile vernarbt, aber geheilt war Luzie Linders Vertrauen in die Männerwelt noch lange nicht. Zum anderen, und das befeuerte Luzies Misstrauen immer wieder, arbeitete der charmante und gut aussehende Sebastian Porter ausgerechnet für ihre Erzfeindin Clarissa Darlington. Die Hotelmanagerin des Eden Palace war ein rotes Tuch für Luzie, da sie ihr das Leben schwer machte, wo immer sie nur konnte. Auf den wahren Grund, warum Clarissa Luzie ständig Steine in den Weg legte, war die junge Hotelierin noch nicht gekommen. Am liebsten hätte Luzie die ehemalige Geliebte ihres Vaters gefeuert. Doch leider war ihre intrigante Gegenspielerin, von ihrem Vater testamentarisch festgelegt, unkündbar. Sebastian selbst war jedoch stets freundlich zu Luzie, wenn nicht sogar zuvorkommend und hilfsbereit. Am gestrigen Tag, als im Eden Palace wegen der geplatzten Promihochzeit alles drunter und drüber gegangen war, hatte er ihr mehr als einmal den Rücken gestärkt und fest zu ihr gehalten. Und Luzie hatte sich trotz des Stresses immer wieder dabei ertappt, dass sie ihre Augen nicht von ihm lassen konnte. Doch sie hatte sich ebenso immer wieder gezwungen auf Distanz zu gehen. Was würde passieren, wenn Clarissa Darlington Sebastian auf sie angesetzt hatte, um sie gefügig zu machen. Sie wusste nicht, was ihre Gegenspielerin Clarissa im Schilde führte. Aber eines war klar, es war nichts Gutes. Solange Sebastian in den Diensten dieser Schlange stand, durfte sich Luzie nicht auf ihn einlassen. Obwohl die unermüdliche Kämpfernatur Luzie es sich niemals anmerken ließ, sie hatte insgeheim große Angst, das Eden Palace zu verlieren. Aber noch mehr bangte die junge Hotelerbin um ihr Herz.
*
»Und mit diesem Zeug willst du die Charts erobern?«, entledigte sich Fiona McMillan der Ohrstöpsel ihres Smartphones und verzog ihr Gesicht zu einer abschätzigen Maske. »Wenn man sich diesen Murks anhört, kriegt man ja Depressionen.«
Mit einem eleganten Fingerzeig bestellte sie einen weiteren Latte Macchiato beim Kellner des Eden Palace Restaurants, der ihre Bestellung unverzüglich an die Kaffeebar des im klassisch viktorianisch eingerichteten Speisesaals weitergab. In dem leicht erhöhten Separee, das durch seine exponierte Stellung und die historischen Möbel etwas Majestätisches hatte, saß der Musikproduzentin ihr Ehemann, der Komponist Colin McMillan, gegenüber. Erwartungsvoll hatte er seine Frau beobachtet, wie sie seine neuesten Kompositionen für den von Fiona produzierten Popstar Gloria Glory anhörte. Wochenlang hatte Colin an den Songs gearbeitet, sie immer wieder verworfen und nur an den besten Entwürfen gefeilt, bis sie nach seinem Urteil perfekt waren. Auf das Ergebnis, zwölf anrührende Jazzballaden, war er sehr stolz. Diese Songs sollten einen Neubeginn bedeuten. Für ihn selbst, aber auch für Gloria, die nach zwei sehr erfolgreichen leichten Pop-Alben einen ernsthafteren Weg einschlagen wollte. An der Reaktion seiner Ehefrau Fiona überraschte Colin nur die Heftigkeit, mit der sie seine sensiblen Songs ablehnte. Doch trotz seiner Traurigkeit und Fionas Beleidigung versuchte Colin um seine Lieder zu kämpfen.
»Gloria gefallen die Lieder sehr gut«, argumentierte er vorsichtig.
»Wenn Gloria depressiv ist, soll sie zu einem guten Therapeuten gehen und keine schwermütigen Lieder singen«, entgegnete Fiona ihrem Mann schroff. »Oder sie pfeift sich ein paar Happypillen ein.«
»Du bist ungerecht«, wehrte sich Colin zaghaft und stocherte mit der Gabel in seinen Ham and Eggs herum. »Die Songs sind nicht depressiv, es sind gefühlvolle Balladen, und ich bin absolut überzeugt von ihnen.«
»Niemand interessiert sich für deine Gefühle, Colin«, lachte Fiona auf.
Ihre Worte trafen Colin direkt ins Herz. Verletzt sah er seiner Frau in die Augen. Besser hätte sie den Zustand ihrer Ehe nicht beschreiben können.
»Anscheinend wohl nicht«, sagte er kaum hörbar. »Wie konnte ich nur hoffen, dass du die Songs magst.«
»Das frage ich mich offen gestanden auch«, zog Fiona ihre Augenbrauen zynisch in die Höhe. »Reicht es nicht, dass du unsere gemeinsame Musikkarriere in den Sand gesetzt hast mit dem unhörbaren Quatsch, den du damals geschrieben hast? Bis dahin waren wir die neuen Stars am Pophimmel. Und dann?«
Fiona machte eine bedeutungsschwangere Pause und fixierte Colin mit einer Mischung aus Wehmut und Verachtung.
»Fiona & Colin! Aus uns hätte etwas ganz Besonderes werden können. Alle Türen standen uns offen. Europa, die USA, eine Welttournee. Aber du musstest dich ja mit deinen Songs selbstverwirklichen. Anstatt echte Hits zu schreiben. Aber nein, das war dem Herrn zu profan …«
Fiona hatte sich in Rage geredet und war mit jedem ihrer scharfen Worte lauter geworden. Allmählich wurden die anderen Gäste des gut besuchten Restaurants im Erdgeschoss des Luxushotels auf die McMillans aufmerksam. Erst als der Kellner Fiona McMillan ihren Latte Macchiato servierte, verstummte sie. Jedoch nicht, ohne ihrem Mann einen gestrengen Blick zuzuwerfen. In der Musikproduzentin brodelte es. Gloria Glory war ihr Produkt. Colin hatte die junge Sängerin in einer Londoner Bar entdeckt. Fiona aber war es gewesen, die Gloria zu dem erfolgreichsten Produkt in einer langen Reihe von Popstars aus dem Hause McMillan gemacht hatte. Bisher hatte noch jeder ihrer Schützlinge den Weg in die Charts gefunden. Das wussten alle in der Musikbranche. Diesen Ruf hatte sich Fiona nach ihrem eigenen Karriere-Aus als Popstar, für das sie Colin bis heute verantwortlich machte, schwer erarbeitet. Das Pop-Duo Fiona & Colin war ein kurzer, aber schöner Traum gewesen, dessen Ende sie hart getroffen hatte. Fiona McMillan, die erfolgreichste Musikproduzentin Großbritanniens, das war hier und heute die Realität. Und sie war nicht gewillt, sich diesen Erfolg wieder kaputt machen zu lassen. Erst recht nicht durch einen erneuten Anfall von Tiefgründigkeit ihres Mannes.
»Du mochtest die Lieder von unserem Flop-Album auch«, brach Colin das Schweigen, nachdem sich der Kellner wieder diskret entfernt hatte. Noch immer blinzelten ein paar Gäste verstohlen zu ihnen hinüber, weswegen er mit sehr gedämpfter Stimme sprach.
»Ich war jung und verliebt«, erwiderte Fiona abfällig.
Colin sah seine Frau aus traurigen Augen an.
»Und beides bist du heute nicht mehr.«
Fiona antwortete ihm nicht. Er hatte recht. Ihr Alter war ihr egal. Sie war immer noch eine attraktive und begehrte Frau. Aber sie wusste nicht, was sie heute noch für Colin empfand. Sie konnte sich nicht einmal mehr an das letzte Mal erinnern, als sie ein zärtliches Gefühl für ihn verspürt hatte. Von dem Bedürfnis mit ihrem Mann zu schlafen ganz zu schweigen. Nur allzu gerne hätte sie Colin jetzt mit Spott übergossen. So, wie sie es immer tat, wenn er über Gefühle reden wollte. Aber in Anbetracht der Tatsache, dass sie sich in der Öffentlichkeit befanden und das Eden Palace durch die Hochzeit von Gloria Glorys Freundin Lady Patricia voller Pressevertreter war, biss sie sich auf die Zunge und lächelte Colin stattdessen nur höhnisch an.
»Heute bin ich eine erfolgreiche Geschäftsfrau und will von diesem Unsinn nichts mehr hören.«
*
Unweit des Italian Cafés, in dem Luzie Linders seit einem halben Jahr plante ihre ständig ausfallende Mittagspause zu verbringen, erblickte sie nach wenigen Minuten Fußweg durch Kensington Gardens ihren heiß ersehnten Eisstand. Zu ihrem großen Glück öffnete der zu einem Verkaufsstand umgebaute Rolls Royce mit dem köstlichsten Eis Londons schon am Morgen, sodass Luzie ihrer großen Schwäche Stracciatella-Eis noch vor der Arbeit frönen konnte. Für die hübsche junge Frau mit der schlanken, weiblich gerundeten Figur war dies der perfekte Start in den Tag und zugleich die Belohnung für alle Herausforderungen, die sie am Vortag gemeistert hatte. Und ein Hotel wie das Eden Palace mit seiner exklusiven wie anspruchsvollen Klientel stellte seine Besitzerin jeden Tag vor neue ungeahnte Aufgaben. Selbst für den Fall, dass im Eden Palace alles reibungslos lief, konnte sich Luzie Linders sicher sein, dass Clarissa Darlington mit einer neuen Intrige um die Ecke kam. Mit einem schnellen Handgriff bändigte Luzie ihre Lockenmähne mittels eines Haargummis und bestellte eine extra große Portion ihres Lieblingseises. Wie immer gab sie dem Eisverkäufer ein großzügiges Trinkgeld. Dann wappnete sie sich für die Schlagzeilen der Yellowpress, wie man die Boulevardblätter in Großbritannien nannte. Sie lief weiter ihres Weges zu den Italian Water Gardens und setzte sich auf den Rand des von achteckigen Teichen umgebenen Springbrunnens. Einmal atmete sie noch tief durch, dann stellte sie sich der Wahrheit.
»Anonymer Tipp: Beute von legendärem Kensington-Bankräuber gefunden«, las Luzie sich mit erstauntem Blick laut vor.
Erst weiter hinten im Blatt erschien eine kurze Meldung über die geplatzte Promihochzeit. Luzie konnte es kaum glauben und griff hastig nach der nächsten Zeitung.
Bankräuber Davis schwieg umsonst:
Beute aus legendärem Kensington-Bankraub aufgetaucht
Auch hier wieder nur eine knappe Notiz zum Hochzeitsfiasko im Eden Palace. Allmählich entspannte sich Luzies Nackenmuskulatur. Zu Recht, denn in jeder Zeitung, die sie sich vornahm, war das gleiche Muster zu erkennen. Die Auffindung der Beute aus dem Kensington-Bankraub bestimmte die Schlagzeilen, füllte fast jede Seite eins. Die Absage der Hochzeit zwischen Lady Patricia und Brad Archer im Eden Palace, die zuvor wochenlang die Berichterstattung bestimmt hatte, war nur noch eine kurze Randnotiz wert. Wie flüchtig das Interesse der Medien doch manches Mal sein konnte. Am liebsten wäre Luzie vor Freude in den Springbrunnen gehüpft und hätte die Wasserfontäne umarmt. Aber es würde wohl keinen guten Eindruck hinterlassen, wenn die Erbin des Eden Palace wie ein nasser Pudel in ihrem eigenen Hotel auftauchen würde. Luzie musste bei dem Gedanken grinsen, wie die versammelte Pressemeute ihre Fotoapparate und Smartphones zückte, um sie in triefend nassen Klamotten im Foyer des Eden Palace zu fotografieren. Als sie das pikierte Gesicht ihres stocksteifen Empfangschefs Carter Fox bei diesem Gedanken vor sich sah, fing Luzie lauthals an zu lachen.
»Benimm dich, Luzie, du bist jetzt eine Frau der gehobenen Gesellschaft«, tadelte sich Luzie amüsiert. Schwungvoll beförderte sie die Zeitungen in den nächsten Abfalleimer und setzte ihren Weg durch Kensington Gardens mit federndem Gang fort. Während sie auf die von ihr überaus geliebte Peter Pan-Statue zulief, dachte sie darüber nach, in welchem Zusammenhang sie schon einmal vom Kensington-Bankraub gehört hatte. In den Zeitungen wurde der Coup des seit Jahren inhaftierten Robert Davis als der legendärste Bankraub der letzten zwanzig Jahre beschrieben. Seine beiden Kumpane, eine junge Frau und ein junger Mann, hatte man offiziell nie identifiziert. Aber die Presse spekulierte, dass der unbekannte junge Mann des Verbrechertrios Robert Davis hatte auffliegen lassen und seither unter neuem Namen unerkannt im Königreich lebte. Da Luzie Deutsche und erst vor einem halben Jahr nach England gezogen war, wäre es verwunderlich gewesen, wenn sie sich an ein zehn Jahre altes Verbrechen in London erinnern würde. Und war es auch noch so spektakulär. Genüsslich ließ die lebhafte junge Frau den letzten Rest Stracciatella-Eis in ihrem Mund zergehen und gab ihre wilde Lockenpracht wieder frei. Gott sei Dank konnte sie essen was sie wollte, ohne zuzusetzen. Als Teenager hatte sie sich immer gefragt, ob sie diese Anlage von ihrem Vater oder ihrer Mutter geerbt hatte. Doch damals im Kinderheim hatte sie sich ihre Frage nicht beantworten können, denn das einsame Mädchen kannte weder ihre Mutter, noch wusste sie etwas über ihren Vater. Arthur Fitzroy, dessen war sie mittlerweile gewahr geworden, hatte selbst lange nichts von der Existenz seiner Tochter gewusst. Ihre Mutter hatte sie gleich nach der Geburt fortgegeben, und Luzie kannte bis heute nur ihren Namen. Den Gedanken an ihre Eltern nachhängend, dämmerte ihr allmählich, dass es der Anwalt ihres Vaters, Mister Morris, gewesen war, der den Kensington-Bankraub einmal ganz nebenbei erwähnt hatte. Aber zu jener Zeit, so kurz nach der Testamentseröffnung, waren so viele Dinge und Gefühle auf Luzie eingestürzt, die ihr ganzes Leben auf den Kopf gestellt hatten, dass sie sich beim besten Willen nicht mehr erinnern konnte, was Mister Morris ihr konkret erzählt hatte.
*
Durch die cremefarbenen Samtvorhänge der Hochzeitssuite des Eden Palace gab es für die Londoner Morgensonne kein Durchdringen. Lediglich ein schmaler Spalt, den die schweren Stoffbahnen in der Mitte des kathedralenhaften Fensters bildeten, erlaubte einem sanften Lichtstrahl das Gesicht von Nick Saunders zu erhellen. Wohlig räkelte sich der junge Mann in der mit Spitze besetzten Bettwäsche des riesigen Hochzeitsbettes und schlug zufrieden die Augen auf. In seinem Arm schlief friedlich und ruhig Patricia, die er heute zur Frau nehmen wollte. Das spärliche Licht in der Hochzeitssuite zeichnete nur schwach die Konturen ihres Gesichtes. Doch selbst im Dunkeln erhellten Patricias Schönheit und ihr sanftes Wesen den ganzen Raum. Nicht auszudenken, wenn er diese wundervolle Frau, die er von der ersten Sekunde an geliebt hatte, an den egomanen Brad Archer verloren hätte. Einen Schuft, für den Frauen nur Freiwild waren und der Respekt vor niemandem als sich selbst hatte. Vorsichtig, um Patricias Schlaf nicht unsanft zu stören, zog Nick seinen Arm unter ihrem Nacken hervor und erhob sich gemächlich aus dem Bett. Er warf sich einen Morgenmantel über, ging zum Fenster der Suite und ließ die Sonne hinein. Für ihn, den Jungkoch des Eden Palace, war es fast etwas Unerhörtes, die Nacht in einer Suite des Luxushotels zu verbringen. Selbst die junge und aufgeschlossene neue Besitzerin des Eden Palace, der Nick so viel zu verdanken hatte, sah es nicht gerne, wenn sich das Küchenpersonal im Foyer, den Hotelfluren oder gar in den Zimmern und Suiten des Luxushotels aufhielt. Aber für die vergangene und die kommende Nacht hatte seine Arbeitgeberin eine Ausnahme gemacht. Und Nick genoss jede Minute in der prachtvollen Hochzeitssuite, die zu den schönsten im ganzen Hotel gehörte. Die Hotelerbin selbst hatte bei der Gestaltung des Raumes die Feder geführt und dabei die alten viktorianischen Möbel, bei denen es sich zum größten Teil noch um Originale handelte, aufwendig restaurieren lassen. Damit diese Schätze in einem neuen Licht erstrahlten, hatte Miss Luzie, wie Nick sie nur privat nannte, hochwertige wie moderne Teppiche, Wandbespannungen und Vorhänge in den Raum integriert. Diese schmeichelten dem historischen Stil des Hotels zwar, lagen aber trotzdem auf der Höhe der Zeit. Diese Verschmelzung von Altem und Neuem hatte etwas von Ewigkeit. Das war das perfekte Ambiente für eine Hochzeitssuite. Ein leises glucksendes Lachen entfuhr Nicks Kehle, als er daran denken musste, wie Patricia ihn am Vorabend hatte überzeugen müssen, die Nacht vor ihrer Hochzeit mit ihr hier in der Suite zu verbringen. Patricia war eine sehr moderne Frau, die sich im Großen und Ganzen nicht um Konventionen scherte. Aber in diesem Punkt, so hatte es Nick erwartet, würde sich seine zukünftige Braut von ihrer aristokratischen Seite zeigen und zunächst, ganz die hochwohlgeborene Lady, auf eine getrennte Nacht vor der Trauung bestehen. Letztlich war es aber sogar Nick gewesen, der von Lady Patricia hatte überzeugt werden müssen, der Tradition der getrennten Schlafzimmer vor der Trauung keine Bedeutung zuzumessen. Nick hatte die Worte seiner zukünftigen Braut noch sehr gut im Ohr.
»Ich mag Traditionen. Aber manchmal muss man sie eben auch brechen. Sonst wäre es heute wohl kaum möglich, dass eine Lady einen Koch heiratet.« Sie hatte dabei spitzbübisch gelächelt.
Wahrscheinlich hatte aber auch Lady Patricias schlechtes Gewissen mit hineingespielt, als sie darauf bestand, die Nacht vor der Hochzeit mit ihm zu verbringen. So, als hätte sie Nick beweisen wollen, dass sie es ernst mit ihm meinte. Dabei hatte er ihr längst verziehen, dass sie sich wegen Brad Archer von ihm getrennt und ihn so rüde von sich gestoßen hatte. Patricia hatte es für ihre Familie getan. Und so verrückt ihr Handeln auch gewesen war, Nick war sich nicht sicher, wie er sich verhalten hätte, wäre es um seine Familie gegangen.
Aber ganz gleich, wie die letzte Nacht zustande gekommen war, es war die zärtlichste und wundervollste Nacht gewesen, die sie beide in ihrer noch kurzen Beziehung miteinander verbracht hatten.
»Guten Morgen, Schatz«, blinzelte Patricia Nick aus den Kissen heraus an. »Willst du nicht wieder ins Bett kommen?«
»Nur zu gern«, schenkte Nick seiner Braut ein verliebtes Lächeln und hechtete mit einem verwegenen Sprung zu seiner Liebsten in das riesige historische Bett. Als der sportliche junge Mann neben seiner großen Liebe landete, ächzte das Hochzeitsbett ein wenig. Sanft nahm Nick Patricia in seine Arme und strich ihr versonnen durch das Haar. So richtig begreifen konnte er immer noch nicht, dass das Schicksal ihm diese Frau geschenkt hatte. Alles, wovor er sich in diesem Moment noch fürchtete, war, aus diesem famosen Traum aufzuwachen und sich alleine in seinem Bett im Londoner East End vorzufinden. Nichts gegen seine gemütliche Zweizimmerwohnung. Er liebte es im East End zu wohnen, wo die unterschiedlichsten Kulturen und Lebensentwürfe aufeinandertrafen. Aber jetzt ging es Nick einzig und allein darum, Patricia an seiner Seite zu wissen. Mit ihr würde er auch in einem Plattenbau vor den Toren Londons glücklich sein. Das war so sicher wie das Amen in der Kirche. Aber natürlich genoss er das kurze luxuriöse Intermezzo in der Hochzeitssuite. Während Nick sein Glück noch nicht fassen konnte, schmiegte sich Patricia zärtlich an ihn. Ihre Lippen berührten ganz sanft die seinen, und Nick zog seine Liebste noch dichter an sich heran.
*
An der Märchen-Statue angelangt, zauberte Peter Pans Antlitz ein Lächeln auf Luzies Gesicht. Ach, sie liebte dieses Abbild des Helden ihrer Kindheit so sehr. Jeden Morgen erinnerte er sie daran, dass alles möglich war, wenn sie nur fest daran glaubte. An manchen Tagen hatte Luzie das Gefühl, dass sie nur wegen Peter Pan den morgendlichen Umweg durch Kensington Gardens auf sich nahm. Heute war so ein Tag. Die Bronzeskulptur sollte ihr Glück bringen. Zu diesem Zweck streichelte sie sanft Peter Pans Zeh und meinte, eine ganz besondere Energie zu spüren, die sie an diesem Tag beschützen würde. Luzie war nicht abergläubisch. Aber die Geschichte von Peter Pan war ihr durch ihre gesamte schwere Kindheit immer ein Trost gewesen. Und egal, was andere dazu sagten, Luzie war unerschütterlich davon überzeugt, dass ihre Träume und ihr Glaube an sich selbst Berge versetzen konnten. Das Leben hatte es ihr immer wieder bewiesen. Zum letzten Mal in dem Augenblick als das Schicksal ihr das unerwartete Erbe des Eden Palace und das beträchtliche Vermögen von acht Millionen Pfund zugespielt hatte. Auf wundersame Weise wendete sich ihr Schicksal immer wieder zum Guten. So aussichtslos auch manchmal die Lage gewesen sein mochte. Um ehrlich zu sein, war sie das eigentlich auch an diesem Morgen. Zumindest war sie mehr als schwierig. Sebastian und sie hatten alles darangesetzt, dass Lady Patricia ihren Nick heute im Eden Palace heiraten konnte. Die Hochzeitsfeier war im Vorfeld vom ursprünglichen Bräutigam Brad Archer bezahlt worden, der nach seinem unrühmlichen Abgang das Geld kaum zurückfordern konnte. Reverend Scott, der Beichtvater Sebastians, hatte sich bereit erklärt die Liebenden im Hotel kirchlich zu trauen, und das Standesamt sollte in ein paar Tagen nachgeholt werden. Die Unterbringung der anwesenden Hochzeitsgäste im Eden Palace hatte die Hotelierin mit etwas Geschick um einen Tag verlängern können. Alle Zeichen hatten auf Traumhochzeit gestanden. Doch sie alle hatten die Rechnung ohne Luzies hinterhältige Widersacherin Clarissa Darlington gemacht. Aufgrund eines Totalausfalls der Klimaanlage hatte eine Gruppe von Ärzten ihren Kongress nicht, wie ursprünglich geplant, in der Londoner Dependance der exklusiven Schübli-Hotelkette abhalten können. Clarissa hatte ihre Chance, Luzie zu schaden, sofort erkannt und die Mediziner kurzerhand ins Eden Palace eingeladen. Nun war das Hotel heillos überbucht. Sowohl die Hochzeit als auch den Ärztekongress zur selben Zeit im Eden Palace stattfinden zu lassen, war ein Ding der Unmöglichkeit. Doch es gab Hoffnung. Lady Patricias Eltern, der Earl und die Countess of Yarmouth, besaßen trotz ihrer Insolvenz immer noch ihren Landsitz Yarmouth Hall. Das historische Gebäude mit seiner erhabenen Atmosphäre verfügte über dreißig Zimmer und einen riesigen Salon nebst Bibliothek und Living Room, die für einen Kongress dieser Größe geradezu geschaffen waren. In einem magischen Moment hatten Luzie und Sebastian zeitgleich die Idee gehabt, den Ärztekongress vom Eden Palace nach Yarmouth Hall zu verlegen und den Brauteltern dies als Vorschlag unterbreitet. Nach hartnäckiger Überzeugungsarbeit waren Lord und Lady Walmoden noch in der Nacht zuversichtlich zu ihrem Landsitz aufgebrochen, um alles für die Medizinerschar vorzubereiten. Auch das Personal des Eden Palace arbeitete geschlossen und fieberhaft daran, ihrem Kollegen Nick Saunders, dem aufsteigenden Jungkoch des Eden Palace, die Traumhochzeit mit seiner großen Liebe zu ermöglichen, die er fast verloren hätte. Und zur absoluten Krönung hatte Lady Patricias Freundin, der Popstar Gloria Glory, dem Brautpaar gestern Abend noch versprochen, ihr brandneues Album auf der Hochzeit zu präsentieren. Jetzt mussten die Ärzte, die am Morgen in Luzies Luxushotel erwartet wurden, nur noch überzeugt werden, ein weiteres Mal umzuziehen. Die Hotelierin ahnte, dass dies keine leichte Aufgabe werden würde, selbst wenn ihre Eden Palace-Hotelfamilie fest zusammenhielt. Sie brauchte dringend eine zündende Idee, um den Medizinern den Umzug ihres Kongresses schmackhaft zu machen. Als Luzie nun, in Gedanken versunken, den großen Zeh von Peter Pan streichelte, kam die Sonne hinter einer großen Wolke hervor, die den typischen Londoner Regen für diesen Sommermorgen anzukündigen schien. Luzie verabschiedete sich von Peter Pan und folgte weiter ihrem Weg durch den Park. Doch als sie sich kurz noch einmal zu dem Helden ihrer Kindheit umdrehte, fielen die Sonnenstrahlen in einer Art und Weise auf sein Gesicht, dass es Luzie vorkam, als würde Peter Pan ihr zuzwinkern. Strahlend lief Luzie Linders weiter. Was sollte jetzt noch schiefgehen!
*
Am Tisch der McMillans herrschte eisiges Schweigen. Ein Schweigen, das Colin nur allzu gut kannte und das ihn schon seit langer Zeit mit einer bleiernen Traurigkeit belegte. Vor Jahren hatte der Komponist resigniert und sich in sein von Fiona bestimmtes Schicksal gefügt. Doch die Komposition der Jazzballaden für Gloria Glory hatte die fast erloschene Flamme der Hoffnung in ihm wieder zum Aufflammen gebracht. Und Colin wollte diese Flamme nicht sterben lassen, ohne wenigstens den Versuch unternommen zu haben, für sich zu kämpfen.
