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Die freundliche Revolution
»Wir sind die Brandmauer!«, schleuderte Heidi Reichinnek Friedrich Merz im Bundestag entgegen, als dieser im Januar 2025 mit den Stimmen der AfD die deutschen Migrationsgesetze weiter verschärfen wollte. Ihre Wutrede verbreitete sich auf Instagram und Tiktok millionenfach und wurde zum Symbol für das Comeback der Linkspartei. Wenig später zog sie bei den vorgezogenen Bundestagswahlen mit fast neun Prozent in neuer Stärke und mit vielen jungen Gesichtern wieder in den Bundestag ein.
Es ist die Geschichte einer Wiederauferstehung. Nach dem Austritt ihrer umstrittenen Galionsfigur Sahra Wagenknecht, die mit ihren Getreuen Anfang 2024 eine neue Partei gründete, schien der Abstieg der Linkspartei unabwendbar. Doch zu den Neuwahlen im Februar 2025 kehrte sie mit Schwung und neuer Frische zurück auf die politische Bühne – und überzeugte überraschend viele von sich. Unter den Erstwählerinnen und -wählern stimmten mehr als 25% für die Linke, in der Hauptstadt Berlin wurde sie sogar zur stärksten Kraft. Die Zahl ihrer Mitglieder verdoppelte sich innerhalb eines Jahr auf über 100.000.
Was sind die Gründe für diesen Erfolg? Wofür stehen Heidi Reichinnek, Ines Schwerdtner und Jan van Aken politisch? Wie verändern die vielen Neumitglieder die Partei? Woher kommt die neue Lust auf Links, und wird sie von Dauer sein? Mit Blick auf die Landtagswahlen im kommenden Jahr, unter anderem in Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt, stellt sich die Frage: Kann die Linke den großen Rechtsrutsch stoppen?
Das erste und bisher einzige Buch zum politischen Comeback des Jahres.
»Ein Buch aus dem Innersten der Partei, aus großer Nähe beobachtet und präzise analysiert, mit Blick auf die zentralen Figuren, welche die Linke geprägt haben und jetzt prägen.« Andrea Maurer, Politische Korrespondentin im ZDF-Hauptstadtstudio
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 495
Veröffentlichungsjahr: 2025
Buch
Was für ein Comeback: Mit dem Austritt ihrer umstrittenen Frontfrau Sahra Wagenknecht schien der Abstieg der Linkspartei besiegelt. Doch zu den Bundestagswahlen im Februar 2025 kehrte sie mit neuem, charismatischen Spitzenpersonal, markigen sozialpolitischen Forderungen und klarer Kante gegen die AfD auf die politische Bühne zurück.
Wo stehen Heidi Reichinnek, Ines Schwerdtner und Jan van Aken politisch? Hat die von ihnen ausgerufene »revolutionäre Freundlichkeit« trotz innerparteilicher Querelen rund um Reizthemen wie Israel, Ukraine und Nato-Mitgliedschaft Bestand? Wie verträgt sich linke Systemkritik mit dem Wunsch nach Regierungsbeteiligung?
Daniel Bax zeichnet das eindringliche Porträt einer schillernden Partei, die sich zwischen alten Konflikten, TikTok und Klassenkampf neu erfindet.
Autor
Daniel Bax, geboren 1970, schreibt seit fast 30 Jahren für die taz und andere Medien über die deutsche Innen- und Außenpolitik. Als Redakteur im Parlamentsbüro der taz berichtete er mehrere Jahre aus dem Bundestag, die Entwicklungen bei der Linken und beim »Bündnis Sahra Wagenknecht« (BSW) verfolgt er aus nächster Nähe. 2018 erschien von ihm Die Volksverführer. Warum rechte Populisten so erfolgreich sind, in dem er weltweit die Strategien und Ziele populistischer Parteien analysiert. Er lebt mit seiner Familie in Berlin.
Daniel Bax
Die neue Lust auflinks
Woher sie kommen, wohin sie gehen und wie sie unser Land verändern
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Originalausgabe November 2025
Copyright © 2025: Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München
(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR.)
Redaktion: Fabian Bergmann
Umschlag: Uno Werbeagentur, München
Umschlagmotiv: Schwerdtner: Christian Mang/GettyImages; van Aken: TOBIASSCHWARZ/GettyImages; Reichinnek: picture alliance/dpa | Moritz Frankenberg
Satz und E-Book Produktion: Satzwerk Huber, Germering
EB ∙ CF
ISBN 978-3-641-33141-2V001
www.goldmann-verlag.de
Inhalt
Vorwort
Eine neue Linke?
Teil 1Die neuen Gesichter der Partei
Auf die Barrikaden!
Wie Heidi Reichinnek (nicht nur) junge Frauen begeistert
Sozialistisches Radio im Internet
Wie Ines Schwerdtner die Partei neu organisiert
Fokus, Fokus, Fokus
Wie Jan van Aken für ein klares Profil sorgt
Teil 2Im Maschinenraum: Wie haben sie’s gemacht?
Der lange Abschied von Wagenknecht
Wie Janine Wissler und Martin Schirdewan das Comeback vorbereitet haben
Eine bewegte Geschichte
Wie Claudia Gohde die Wahlkämpfe der Linken geleitet hat
Dem roten Internet entgegen
Wie Thomas Lohmeier den Social-Media-Wahlkampf bestritt
Wie man einen Schneeball ins Rollen bringt
Wo Mario Candeias und Liza Pflaum die Potenziale der Linken sehen
Teil 3Die Etablierten
Ein Anwalt des Ostens
Wie Gregor Gysi die Linke salonfähig gemacht und die deutsche Einheit vollendet hat
Mit Gott und Staat
Was man von Bodo Ramelow und Benjamin Hoff über das Regieren lernen kann
Kümmern und Klotzen
Wie Sören Pellmann die Wagenknecht-Wähler zurückgewinnen will
Ströbeles Erben
Warum Pascal Meiser die Grünen in ihrer Hochburg entthront und Sarah-Lee Heinrich ihnen den Rücken gekehrt hat
Teil 4Die jungen Linken
Schöne neue Arbeitswelt
Wie Cem Ince und Stella Merendino neue Perspektiven in den Bundestag bringen
Haustürwahlkampf und Rassismus
Wie Nam Duy Nguyen und Ferat Koçak gegen Vorurteile kämpfen
Palästina und Kurdistan
Was Lea Reisner, Cansın Köktürk und Cansu Özdemir unter Solidarität verstehen
Ausblick
Wohin die Linke geht und wie sie unser Land verändert
Dank
Register
Anmerkungen
Vorwort
Eine neue Linke?
An einem Freitagabend im Mai 2025 stehen Heidi Reichinnek, Jan van Aken, Ines Schwerdtner und Sören Pellmann gemeinsam auf einer Bühne vor der Messehalle in Chemnitz und lassen sich feiern. Es ist der erste Abend des Linken-Parteitags, und alle sind bester Laune. Der Moderator Raphael Klein – ein Spiele-Erfinder und »Linksfluencer« aus München, der sich »Honey Balecta« nennt – lobt die vier Spitzenleute der Linken überschwänglich. Dann fragt er Jan van Aken nach seiner Meinung zu CDU-Chef Friedrich Merz, der bei seiner Wahl zum Kanzler drei Tage zuvor im Bundestag eine unerwartete Schlappe erlitten hatte. Im ersten Wahlgang hatte Merz nicht die nötige Mehrheit erhalten, sodass kurzfristig ein zweiter anberaumt werden musste: ein Novum in der Geschichte der Bundesrepublik. »Der Typ kann das nicht«, sagt van Aken. Merz habe ja nicht mal seine eigene Koalition im Griff, wie wolle er denn da das Land vereinen? »Der Typ spaltet, wo er nur hinkommt.«
Dass Merz noch am selben Tag zum Kanzler gewählt wurde, hat er allerdings auch der Linken zu verdanken. Ohne deren Zustimmung hätte es keinen zweiten Wahlgang gegeben, denn für eine spontane Änderung der Geschäftsordnung braucht es eine Zweidrittelmehrheit. Doch die Entscheidung der Linken, die Kanzlerwahl zu ermöglichen, ist umstritten, manche Kritiker sehen darin schon das Anzeichen einer drohenden »Establishmentisierung« der Partei.1 Deshalb fragt der Moderator nach, warum die Linke zugestimmt hat, und Sören Pellmann antwortet. »Wir standen vor der Frage, ob wir die Chaotisierung des politischen Alltags hinnehmen sollten und dass die Faschisten von der AfD uns über drei Tage vor sich hertreiben oder ob wir für klare Verhältnisse sorgen«, erklärt er. »Und ganz nebenbei«, fügt er hinzu, sei man jetzt viel lieber hier auf dem Parteitag der Linken als bei einem Nachholtermin im Bundestag in Berlin. »Das war also für uns auch handlungsleitend«, räumt er ein. Hätte die Kanzlerwahl erst drei Tage später stattgefunden, wäre sie dem lange geplanten Parteitag der Linken in die Quere gekommen.
»Ich wollte an einem Tag zweimal Nein zu Friedrich Merz sagen«, ergänzt Ines Schwerdtner. »Das war mir persönlich auch einfach wirklich wichtig«, scherzt sie. Heidi Reichinnek lässt sich in der Zwischenzeit vom Stand der AG »Cuba Sí« ihren zweiten Mojito auf die Bühne reichen, dann redet sie sich in Fahrt und blickt nach vorn: »Wenn so ein Hardliner wie Dobrindt jetzt das Innenministerium übernehmen darf«, dann sei ja klar, wohin der neue Kanzler dieses Land lenken wolle, »und das ist das Problem«. Aber dass sich Linke im Kampf gegen Nazis nicht auf Staat und Polizei verlassen könnten, das sei ja nun »keine neue Erkenntnis«, setzt sie unter Applaus hinzu. Noch mehr Beifall erntet sie, als sie fordert, die AfD, »diese verdammte Partei«, müsse endlich verboten werden.
Der Auftritt von Reichinnek, Schwerdtner, van Aken und Pellmann bildet den Höhepunkt und Abschluss des Abends. Im Anschluss bleiben sie noch sehr lange auf der Bühne und stehen geduldig für Gruppenfotos mit Gästen und Fans bereit. Der Andrang ist groß, die vier umgibt die Aura von Rockstars. Und in gewisser Weise ähneln sie wirklich einer Rockband. Die Beatles, Led Zeppelin und The Who, Blur oder U2, sie alle bestanden oder bestehen aus vier Mitgliedern. Bands, die sich zur Hälfte aus Männern und Frauen zusammensetzen, sind sehr selten: Die schwedische Popgruppe ABBA ist das bekannteste Beispiel dafür. So gesehen, ist das Führungsquartett der Linken so etwas wie die ABBA der Politik. Und wäre die Linken-Spitze wirklich eine Band, wäre die Besetzung jedenfalls klar: Heidi Reichinnek wäre die Sängerin, die mit schnellem Stakkatogesang und ihrer auffälligen Bühnenpräsenz die Blicke auf sich zöge. Jan van Aken wäre der coole Gitarrist und Ruhepol, der den Refrain anstimmte und die Leitmelodie gekonnt improvisierte. Ines Schwerdtner wäre die Bassistin, die das rhythmische Fundament legte, den unverkennbaren Groove. Und Sören Pellmann wäre der Schlagzeuger, der eher unauffällige Taktgeber im Hintergrund und das solide Rückgrat der Band.
Parteien und Rockbands lassen sich nur bedingt vergleichen. Aber klar ist, dass die Linke ein furioses Comeback hingelegt hat, das ihr kaum jemand zugetraut hätte. Das liegt auch daran, dass sie an der Spitze in komplett neuer Besetzung antrat, harmonisch zusammenspielte und sich perfekt ergänzte. Dazu präsentierte sie ihre Klassiker (»Vermögenssteuer«) in neuem Gewand, brachte aber auch frische Hits (»Mietendeckel«). Das Comeback war jedoch nur möglich, weil es vorher zu einer Trennung gekommen war – aufgrund »kreativer Differenzen«, würde man in der Musiksprache sagen. Die alte Band hatte sich schon lange nicht mehr auf einen gemeinsamen Stil einigen können, es gab jede Menge Dissonanzen und Konflikte. Jedenfalls entschied sich die frühere Frontfrau Sahra Wagenknecht, ein Liebling der Medien, für eine Solokarriere und versuchte es mit massentauglichem Schlager und simplen Botschaften (»Ein bisschen Frieden«). Damit konnte sie zwar Achtungserfolge landen, aber der große Durchbruch blieb ihr versagt. Ihre alte Band dagegen formierte sich um und fand als »Supergroup« zu neuer Stärke zurück.
Dass die Geschichte der Linken so verlaufen würde, war keineswegs abzusehen: Dieser Ausgang erschien lange Zeit sogar sehr unwahrscheinlich. Denn als Sahra Wagenknecht Ende Oktober 2023 vor die Presse tritt, um mit mehreren Gefolgsleuten – darunter Amira Mohamed Ali, bis dahin noch Co-Chefin der Linksfraktion im Bundestag – mit einem Paukenschlag ihren Austritt aus der Partei zu verkünden, hinterlässt sie einen Scherbenhaufen und stiehlt der Linken die Show. Anfang Januar 2024 gibt sie dann die Gründung ihrer neuen Partei bekannt und stellt ihre Kandidaten für die Europawahl vor – darunter den ehemaligen linken Bundestagsabgeordneten Fabio de Masi, der sich als Aufklärer von Finanzkorruptionsaffären einen Namen gemacht hat: Damit gelingt ihr noch ein Coup. Das Medieninteresse ist jedes Mal riesig, denn Wagenknecht ist eben ein Medienstar und gern gesehener Talkshow-Gast.
Gemeinsam mit ihrem Ehemann Oskar Lafontaine, einst Parteichef der SPD und später der Linken, gibt sie den Kurs ihrer neuen Partei vor: Das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) soll »weder links noch rechts« sein. In der Sozialpolitik ist das Programm eher links, in der Wirtschaftspolitik sozialdemokratisch. Doch bei Flucht und Einwanderung, bei Klimaschutz und gesellschaftlicher Vielfalt ist es konservativ bis rechts und in der Europa- und Außenpolitik tendenziell nationalistisch. Eine Retortenpartei, die sich um eine charismatische Person an der Spitze herum gruppiert, ist in Deutschland ein Novum. Doch ein Blick in die europäischen Nachbarländer zeigt, dass das funktioniert. Das BSW wirkt wie am Reißbrett entworfen, aus einem Lehrbuch des Populismus entsprungen. Doch das Konzept geht zunächst auf.
Mit schrillen Spitzen gegen die Ampel – insbesondere gegen die Grünen – und einem verständnisvollen Kuschelkurs gegenüber der AfD besetzt das BSW einen völlig neuen Platz im Parteienspektrum. Es wirkt schillernd und schwer zu fassen. Das funktioniert bei der Europawahl im Sommer 2024 gut und bei den Landtagswahlen in Sachsen, Thüringen und Brandenburg im Herbst 2024 sogar noch besser: Dort findet sich das BSW unversehens in einer Schlüsselrolle wieder, und damit beginnen die Probleme. Zwischen Wagenknecht und der BSW-Landeschefin in Thüringen, Katja Wolf, bricht offener Streit aus, als Letztere mit CDU und SPD über eine Koalition verhandelt. Später kommen Querelen um die Gründung eines Hamburger Landesverbands hinzu, und die sehr zögerliche Aufnahme von Mitgliedern stößt Unterstützern zunehmend übel auf. Dass die BSW-Abgeordneten im Bundestag im Januar 2025 mit AfD, FDP und Union für das Migrationsgesetz von Friedrich Merz stimmen, ist für manche dann eine Zumutung zu viel. So verspielt das BSW vor der Bundestagswahl seinen Nimbus, stürzt in den Umfragen ab und scheitert knapp an der Fünfprozenthürde.
Nach außen tun Linke und das BSW ihr Bestes, um die jeweils andere Partei zu ignorieren. Doch das Personal des Bündnisses ist Fleisch vom Fleische der Linkspartei, ehemalige Politikerinnen und Politiker der Linken bilden das Rückgrat der Wagenknecht-Partei, und beide konkurrieren zum Teil um dieselben Wähler. Im Rückblick liefern sie sich ein äußerst knappes Kopf-an-Kopf-Rennen, und das Comeback der Linkspartei kommt für viele unerwartet. Denn fast ein ganzes Jahr lang dümpelt sie 2024 in der politischen Todeszone bei rund drei Prozent, während das BSW von Erfolg zu Erfolg eilt. Bei der Europawahl und den Landtagswahlen steckt die Linke empfindliche Niederlagen ein – in Thüringen, wo sie zehn Jahre lang den Ministerpräsidenten stellte, stürzt sie dramatisch ab, in Brandenburg fliegt sie aus dem Landtag, in Sachsen kommt sie nur dank zweier Direktmandate in Leipzig noch ins Parlament. Nicht viele Buchmacher hätten zwei Monate vor der Bundestagswahl noch viel Geld auf die Linke verwettet. Doch die Nahtoderfahrung hat die Partei diszipliniert. Sie einigt sich im Herbst 2024 geräuschlos auf einen Wechsel an der Parteispitze, und der Wahlkampf ist von nie da gewesener Geschlossenheit geprägt. »Es entstand ein echtes Teamplay, in dem sich die Fraktion als Werkzeug der Partei versteht«, heißt es später leicht ungläubig in einem Wahlnachbericht der Rosa-Luxemburg-Stiftung, begleitet von dem sarkastischen Beisatz: »Bei anderen Parteien seit Jahrzehnten völlig normal, jetzt auch bei der Linken.«2
Umfragen haben eine selbstverstärkende Wirkung, weil sie Menschen dazu motivieren oder davon abhalten können, einer Partei ihre Stimme zu geben. Traut man ihr einen Erfolg zu, ist man gern dabei. Hält man sie für chancenlos, möchten viele ihre Stimme nicht verschenken. Schlechte Umfragewerte können eine Partei in den Abgrund ziehen. Gute Umfragewerte haben einen sogenannten Mitläufer- oder Bandwagon-Effekt, sie ziehen Leute an, die dann gern auf den fahrenden Zug aufspringen. So auch hier: Die Linke liegt in allen Umfragen vor der Bundestagswahl lange Zeit deutlich unter der Fünfprozenthürde. Erst knapp einen Monat vor dem Urnengang, am 20.Januar 2025, landet sie erstmals über dieser Sprunglatte, rund einen Monat später zieht sie mit 8,8 Prozent in den Bundestag ein. Und nicht nur das: Sie gewinnt im Westen der Republik so viele Stimmen wie noch nie und wird in der Hauptstadt Berlin die stärkste Kraft. In fast allen Großstädten, insbesondere in Hamburg und Bremen, in vielen Universitätsstädten und in allen fünf östlichen Bundesländern fährt sie zweistellige Ergebnisse ein. Sie holt zudem sechs Direktmandate, davon vier in Berlin – eines erstmals in der ehemaligen Grünen-Hochburg Kreuzberg-Friedrichshain, ein anderes in Neukölln und damit auch zum ersten Mal in einem ehemals ausschließlich westdeutschen Bezirk der Stadt. Die Aufholjagd auf den letzten Metern ist beachtlich. »Es ist wie ein Fiebertraum«, sagt Parteichefin Ines Schwerdtner zehn Tage vor der Bundestagswahl.3 Wäre die Wahl ein paar Wochen später gewesen, dann wäre das Ergebnis für die Linke womöglich sogar noch besser ausgefallen: Nach der Wahl erreicht sie in Umfragen bis zu zwölf Prozent.
Wann das überraschende Comeback der Linken begonnen hat, darüber gehen die Ansichten in der Partei auseinander. Die Antwort auf diese Frage hängt ganz davon ab, wen man fragt. Manche gehen nur ein paar Wochen zurück – zur Brandrede von Heidi Reichinnek im Bundestag, die der Partei nicht nur in den sozialen Medien eine enorme Aufmerksamkeit bescherte und den Höhenflug beförderte. Andere sehen die Trennung von Sahra Wagenknecht und ihren Leuten als die entscheidende Wegmarke, denn da wurde die »Erneuerungskampagne« beschlossen. Und wieder andere gehen sogar Jahre zurück – etwa zum Parteitag in Erfurt 2022, als das Lager um Wagenknecht seine letzte große innerparteiliche Niederlage erlitt und deutlich wurde, dass es in der Partei keinen dominanten Einfluss mehr hatte. Einig sind sich aber fast alle darin, dass erst der Weggang von Wagenknecht und ihrem Gefolge den Neustart ermöglich hat.
Der Erfolg der Linken bei der Bundestagswahl 2025 muss im Licht der politischen Gesamtlage betrachtet werden. Der Hauptgrund für das Gesamtergebnis der Bundeswahl ist die Enttäuschung über die Ampelregierung. Kurz vor ihrem Bruch sind nur noch 14 Prozent mit ihr zufrieden, mit ihrer Performance zeigen sich am Ende mehr als 80 Prozent der Deutschen unzufrieden: ein historischer Tiefstand. Die Ampel ist damit die unbeliebteste Koalitionsregierung in der Geschichte der Bundesrepublik. Das zahlt vor allem auf das Konto von AfD und Union, aber auch der Linken ein. Sie sind die großen Wahlgewinner, während die Grünen mehr als ein wenig verlieren (minus 3,1 Prozent), die SPD dramatisch einbricht (minus 9,3 Prozent) und die FDP sogar aus dem Bundestag fliegt (minus 7,1 Prozent). Dass die Union mit Friedrich Merz als Spitzenkandidat die Wahl gewinnt, scheint von vorneherein klar. Dennoch ist die Wahlbeteiligung überraschend hoch, es ist sogar die höchste seit der Vereinigung 1990! Insgesamt nimmt die Polarisierung zu: Die Linke (plus 3,9 Prozent), das BSW (plus 4,9 Prozent) und vor allem die AfD (plus 10,4 Prozent) legen zu, während von den übrigen Parteien nur die Union (plus 4,4 Prozent) Stimmen dazugewinnen kann. Dem BSW fehlen am Ende nur rund 10 000 Stimmen, um in den Bundestag zu kommen. Dann hätte es für eine Regierung aus Union und SPD nicht mehr gereicht, und Merz hätte wohl die Grünen an seiner Regierung beteiligen müssen, um eine Mehrheit zu haben. Das BSW zweifelt das Wahlergebnis zwar an, verlangt eine Nachzählung und zieht deswegen sogar vor das Bundesverfassungsgericht – aber ohne Erfolg.4
Die Linke dagegen erzielt bei der Bundestagswahl 2025 mehrere bemerkenswerte Rekorde. Bei jungen Leuten, die zum ersten Mal zur Wahl gehen, ist sie mit Abstand die beliebteste Partei: Mehr als ein Viertel aller Erstwählerinnen und Erstwähler haben sich für sie entschieden. Die AfD kommt in dieser Gruppe mit 20 Prozent an zweiter Stelle. Bei den Jüngsten zeigt sich die Polarisierung damit am deutlichsten, und das auch zwischen den Geschlechtern. Am erfolgreichsten ist die Linke bei jungen Wählerinnen: Mehr als ein Drittel aller jungen Frauen zwischen 18 und 24 gaben der Partei ihre Stimme (35 Prozent). Der Favorit unter jungen Männern ist dagegen die AfD: Mehr als ein Viertel von ihnen votierten für die Rechtsradikalen (27 Prozent). Im Vergleich zur letzten Bundestagswahl 2021 verdoppelt die Linke die Zahl ihrer Wählerinnen auf elf Prozent, während die Zahl ihrer männlichen Wähler nicht ganz so stark zunimmt und nur auf sieben Prozent steigt.
Bei der Bundestagswahl 2025 hätten sich langjährige geschlechtsspezifische Wahlmuster umgekehrt, sagen Experten.5 Erstmals in der Geschichte haben Frauen häufiger Parteien links der Mitte gewählt als Männer, die häufiger für Parteien rechts der Mitte stimmten. Besonders deutlich zeigt sich dieser »Gendergap«, die Kluft zwischen den Geschlechtern, wenn man dazu das Stadt-Land-Gefälle in den Blick nimmt. Mehr als ein Drittel aller jüngeren Frauen, die in Städten leben, gaben der Linken ihre Stimme, jede fünfte junge Frau den Grünen. Ältere Männer auf dem Land stimmten dagegen mit großer Mehrheit für die Union (41 Prozent), gefolgt von AfD und SPD (jeweils 19 Prozent). Die Wählerschaft der Partei ist damit deutlich jünger und weiblicher geworden.6 Vor 20 Jahren hatte sie noch die männlichste Wählerklientel. Das wurde damals damit erklärt, dass Frauen generell weniger zu radikalen oder extremen Parteien neigen würden, sondern eher zur Mitte. Das gilt heute nicht mehr: Nicht nur die Linke, auch die AfD hat bei – allerdings hauptsächlich älteren – Frauen zugelegt. Letzteres hat auch mit der Normalisierung der rechtsextremen Partei zu tun. Bei den über 60-Jährigen kommt die Linke dagegen insgesamt nur auf vier Prozent. Das Problem: Diese Wählergruppe stellt über 40 Prozent der Wahlberechtigten, und ihre Wahlbeteiligung ist hoch. Junge Wählerinnen und Wähler unter 30 bilden dagegen nur 13 Prozent der Gesamtwählerschaft.7 Deutschland ist ein alterndes Land.
Die Entwicklungen in der Wählerschaft der Linken spiegeln sich im Bundestag wider. Zwei Drittel der Linken-Fraktion sind dort nun völlige Neulinge, und bildete die Linke nach der letzten Bundestagswahl 2021 hinter der AfD noch die zweitälteste Fraktion, stellt sie nun die jüngste: Das Durchschnittsalter liegt bei etwa 42 Jahren. Die Linke stellt auch die jüngste Abgeordnete.8 Zunächst war der jüngste der 23-jährige Jurastudent Luke Hoß aus Passau. Weil aber der 69-jährige Gewerkschafter Uwe Foullong aus Bottrop Ende Juli 2025 sein Mandat zurückgab, rückte für ihn Lisa »Lizzy« Schubert aus Düsseldorf nach. Die 22-Jährige, die bis dahin Sozialwissenschaften studierte, ist nach eigenen Angaben auch die erste nicht binäre Person im Bundestag.9 Zugleich stellt die Linke mit Gregor Gysi den dienstältesten Abgeordneten und damit den Alterspräsidenten, der die erste, konstituierende Sitzung eines neuen Bundestags leitet und die Eröffnungsrede hält. Mit einer Mehrheit von 56,2 Prozent Frauen ist die linke Fraktion eine der weiblichsten im Bundestag, und 18,8 Prozent der Abgeordneten haben einen Migrationshintergrund. Nur die Fraktion der Grünen ist noch etwas weiblicher und migrantischer, dafür aber auch ein kleines bisschen älter.10 Die Linke-Fraktion ist auch so westdeutsch geprägt wie noch nie: Nur 14 Abgeordnete stammen aus einem der ostdeutschen Landesverbände, dagegen allein 13 aus Nordrhein-Westfalen. Bestand die nach dem Weggang des Wagenknecht-Lagers zur Gruppe geschrumpfte vormalige Linken-Fraktion noch zu einem guten Viertel aus Politikerinnen und Politikern, die in der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED), der ehemaligen Staatspartei der DDR, politisch sozialisiert worden waren und dann ab 1990 die Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS) aufgebaut hatten, so gilt das in der neuen Fraktion nur noch für den zu Beginn der neuen Legislaturperiode 77-jährigen Gregor Gysi, den 67-jährigen Dietmar Bartsch und den 63-jährigen Christian Görke.11 Bartsch war zuletzt Vorsitzender der Fraktion gewesen, Brandenburgs Ex-Finanzminister Görke ihr Parlamentarischer Geschäftsführer. Dass beide in der neuen Fraktion keine tragende Rolle mehr spielen, markiert einen Bruch: Es ist das endültige Ende der Linken als »SED-Nachfolgepartei«.
Auch die Partei selbst verändert sich grundlegend, sie wird von einer regelrechten Eintrittswelle überrollt. Im Februar 2025 kann die Linke kurz nach der Bundestagswahl vermelden, die Rekordmarke von 100 000 Mitgliedern geknackt zu haben. Im Juni gibt sie bekannt, bei 115 000 Mitgliedern angelangt zu sein – mehr als doppelt so viele wie ein Jahr zuvor. Manche sprechen deswegen schon von einer »Neugründung der Partei«, andere gar von einer »neuen Linken«. Fest steht: Die Linke ist nicht mehr die gleiche Partei, die sie noch vor wenigen Jahren war. Sie hat sich ebenfalls verjüngt und ist weiblicher geworden. Fast die Hälfte aller Mitglieder sind nun Frauen (44,5 Prozent), fast 60 Prozent sind 35 Jahre oder jünger. »Wir sind jetzt, was den Mitgliederschnitt angeht, die jüngste Partei und die mit dem höchsten Frauenanteil«, stellt Ines Schwerdtner fest.12 Die linken Landesverbände im Westen haben überdurchschnittlich zugelegt, teilweise um mehr als die Hälfte. Doch auch im Osten, wo die Partei traditionell stark war, aber viele Altmitglieder mit der Zeit wegstarben, sind die Landesverbände wieder um ein Drittel oder mehr angewachsen. Etablierte Parteien wie Union, SPD und die Grünen zählen zwar bundesweit immer noch deutlich mehr Mitglieder, zumindest im Westen. Aber dafür hat die Linke jetzt mehr als doppelt so viele Mitglieder wie die AfD.
Das Comeback der Linken wäre ohne die neuen Gesichter an der Spitze, die für ein frisches und unverbrauchtes Erscheinungsbild sorgten, nicht möglich gewesen. Der Erfolg verdankt sich aber auch einem Mehrgenerationenwahlkampf mit alten Hasen. »Unsere drei Silberlocken haben gesagt: Wir machen mit – wir gehen noch mal all in«, führt Heidi Reichinnek im Mai 2025 auf der Bühne der Digitalkonferenz »re:publica« aus, als sie den Erfolg der Partei erklären soll. Anfangs wird die »Mission Silberlocke« von Gregor Gysi, Bodo Ramelow und Dietmar Bartsch belächelt und als eine Art Verzweiflungstat angesehen. Tatsächlich ist es ein kluger Schachzug der drei Parteigranden, ihr Gewicht in die Waagschale zu werfen, um ihrer Partei erstmals nach einer langen Durststrecke wieder positive mediale Aufmerksamkeit zu bescheren. Nach langer Zeit berichten viele Medien wieder interessiert und manche auch ein wenig amüsiert über die Linke. Außerdem vermitteln die drei älteren Herren damit, eine Art Plan B zu haben, sollte die Linke wieder an der Fünfprozenthürde scheitern. Eine Stimme für die Partei wäre trotzdem nicht verschenkt, so die Botschaft.
Die Linke konzentriert sich im Wahlkampf auf drei Themen, um ihr Profil deutlich zu machen: einen »Mietendeckel«, zu hohe Preise und mehr Umverteilung. Um die Forderung nach einer Vermögenssteuer zu unterstreichen, lächelt Jan van Aken in einem T-Shirt, auf dem »Tax the Rich« steht, von seinen Plakaten. »Du brauchst drei Themen, damit die Leute ungefähr wissen, wofür du stehst«, erläutert ein Kommunikationsexperte. Mehr trage nur zur Verwirrung bei. Auf den naheliegenden Einwand, dass sie keine Aussicht habe, an die Regierung zu kommen, reagiert die Linke proaktiv mit dem cleveren Slogan: »Alle wollen regieren. Wir wollen verändern.« Das steht auf ihrem Wahlprogramm, und das plakatiert sie auch. Damit erinnert sie daran, dass man nicht an der Regierung sein muss, um etwas zu verändern. Und sie macht zugleich klar, dass sie dieses Land verändern will.
Doch die Linkspartei stellt im Wahlkampf nicht nur »Brot-und-Butter-Themen« in den Vordergrund, die viele Menschen bewegen, sondern sie bietet mit Sozialberatungen, »Mietwucherrechner« und »Heizkostencheck« praktische Hilfeleistungen an. Die neuen Parteichefs, Ines Schwerdtner und Jan van Aken, kündigen zudem kurz nach ihrem Amtsantritt im Oktober 2024 öffentlichkeitswirksam an, ihr Gehalt auf rund 2850 Euro netto im Monat zu kürzen. Was darüber hinausgeht, soll in einen Solidaritätsfonds fließen, aus dem Sozialberatungen und andere Projekte bezahlt werden. Viele in ihrer Partei, die für den Bundestag kandidieren, tun es ihnen gleich. Mit der nach eigenen Angaben »größten Organizing-Kampagne ihrer Geschichte« und einem Haustürwahlkampf, den es in dieser Form in Deutschland so noch nie gab, klingelt die Linke nach eigenen Angaben bundesweit an über 600 000 Türen und sucht so die Nähe zu potenziellen Wählern. Dass viele der Kandidatinnen und Kandidaten, die klingeln, aus freien Stücken ihr Gehalt kürzen wollen, kommt an den Haustüren oft gut an. Es widerlegt das Vorurteil, dass es allen Politikern nur um den eigenen Vorteil gehe.
Mit ihrer Themensetzung hat die Linke auch das Klischee widerlegt, das nicht zuletzt Sahra Wagenknecht über Jahre hinweg von ihrer ehemaligen Partei gezeichnet hatte – dass diese sich nur noch um vermeintlich abgehobene Wokeness-Belange kümmere, die lediglich ein großstädtisches und akademisches Publikum interessierten, und Menschen belehren wolle, wie sie zu leben und zu sprechen hätten. Von Gendersternchen und Transgendertoiletten ist im Wahlkampf der Linken keine Rede. Aber auch andere umstrittene Themen, etwa die Migrations-, Klima- oder Außenpolitik, rückt die Linke bewusst nicht nach vorn, sondern hält sich dabei zurück. Es gibt kein Plakat zu Flucht und Migration, noch nicht einmal eines gegen rechts, und auf die Kriege in Gaza und der Ukraine nimmt die Linke mit dem Slogan »Frieden kostet Mut, Krieg kostet Leben« nur maximal unverbindlich Bezug. Die Partei setzt auf Themen, bei denen sie einen großen gesellschaftlichen Konsens vermutet, und vermeidet, was der Soziologe Steffen Mau und seine Mitautoren »Triggerpunkte« nennen: Reizthemen wie Migration, Klimaschutz und Antidiskriminierung, die ihre Wählerschaft spalten könnten.13 Im Zweifel und auf Nachfrage zeigen ihre beiden Spitzenkandidaten und alle anderen dazu aber immer eine klare und unerschütterliche Haltung, an der es nichts zu deuteln gibt. Das ist der Kern der Kommunikationsstrategie. Sie soll sich auszahlen. Nur Jan van Aken tanzt ein wenig aus der Reihe. Als Außenpolitikexperte wird er im Wahlkampf von Journalisten immer wieder zu außenpolitischen Themen gefragt, das lässt sich nicht vermeiden. Und beim Reizthema Migration greift er immer mal wieder andere Parteien an, denen er einen zu harten und menschenfeindlichen Kurs vorhält. Selbst vor dem Rassismusvorwurf schreckt er dabei nicht zurück. Es wird der Partei nicht schaden.
Das Thema soziale Sicherheit spielt, neben innerer Sicherheit, bei der Bundestagswahl 2025 für viele Wählerinnen und Wähler die größte Rolle – noch vor dem Reizthema Einwanderung. Das zeigen Befragungen nach der Wahl.14 Nur im Osten Deutschlands werden die Themen Zuwanderung und Friedenssicherung als wichtiger erachtet. Sechs Wochen vor der Wahl ist Migration noch das wichtigste Thema: 37 Prozent der Deutschen nennen Zuwanderung das größte Problem, um das sich die Politik kümmern sollte.15 Davor war das Thema Wirtschaft von den meisten als das wichtigste erachtet worden. Das zeigt, wie volatil die Stimmung ist. Sechs Wochen vor der Wahl sieht eine deutliche Mehrheit der Menschen (77 Prozent) in der gleichen Umfrage die Unterschiede zwischen Reich und Arm als das größte Problem in Deutschland an. 67 Prozent dagegen halten »kulturelle Unterschiede zwischen Menschen mit unterschiedlicher Herkunft« für das größte Problem. Beide Themen prägen damit den Wahlkampf.
Fast die Hälfte der Menschen in Deutschland findet, dass sich die Linke von allen Parteien am stärksten um einen sozialen Ausgleich bemühe – und dieser Meinung sind auch, wenig überraschend, praktisch alle ihre Wählerinnen und Wähler.16 Sie sind außerdem der Ansicht, dass sie eine gute Alternative für alle sei, die sich bei SPD und Grünen nicht mehr aufgehoben fühlten. Mehr als die Hälfte der Linken-Wähler sagt nach der Wahl, das Thema soziale Sicherheit habe für sie letztlich den Ausschlag gegeben, für die Partei zu stimmen. Rund ein Drittel ihrer Wähler geben an, sie hätten aus Enttäuschung über die anderen Parteien für die Linke gestimmt.17 Über 80 Prozent ihrer Wähler finden es außerdem gut, dass sich die Linke in ihren Augen am stärksten für eine humane Asyl- und Geflüchtetenpolitik einsetzt.
Am Ende verdankt sich der Erfolg der Linkspartei nicht zuletzt der Tatsache, dass sie sich als einzig glaubwürdige antifaschistische Alternative präsentierte. Heidi Reichinneks Bundestagsrede gegen Friedrich Merz ist dafür zum Symbol geworden. Viele junge Menschen treten vor allem deswegen in die Partei ein, weil sie dem allgemeinen Rechtsruck und der AfD etwas entgegensetzen wollen. »Die klare Kante gegen rechts ist eines der Hauptthemen, das den aktuellen Aufschwung der Partei mit erklären kann«, analysiert die Frankfurter Rundschau nach der Wahl.18 »Viele der neuen – oft jungen – Mitglieder treibe auch die Klimakrise um«, zitiert sie außerdem den Landeschef der niedersächsischen Linken, Thorben Peters.
Noch eine Zahl ragt aus den Statistiken heraus. Betrachtet man das Wahlergebnis nach Konfessionen und Religionen, dann schneidet die Linke unter katholischen und protestantischen Wählern mit fünf bzw. sieben Prozent unterdurchschnittlich ab, bei Konfessionslosen mit zwölf Prozent etwas besser. Einen Spitzenwert hat sie mit 29 Prozent aber bei muslimischen Wählerinnen und Wählern erzielt, noch ein Rekord.19 Ein wichtiger Grund dafür sei die Haltung der Linken zum Nahostkonflikt gewesen, meint der Berliner Soziologe Özgür Özvatan. Auch das BSW tat sich mit Kritik an der israelischen Kriegsführung hervor, Sahra Wagenknecht nannte sie »barbarisch«. Die Linke fordert ein Ende der deutschen Waffenlieferungen an Israel und die Anerkennung Palästinas als Staat. Sie lehnt aber auch, anders als Wagenknecht, alle Verschärfungen des Asylrechts ab, und dass ihr Parteichef Jan van Aken die Migrationsdebatte als rassistisch kritisierte, kam bei muslimischen Wählerinnen und Wählern wohl ebenfalls gut an.
Das ist das Paradox: Gerade die Themen, welche die Linke im Wahlkampf eigentlich vermeiden wollte, haben erheblich zu ihrem Erfolg beigetragen. Manche Beobachter kommen deshalb zu dem Schluss, die Partei habe auf den gesellschaftlichen Triggerpunkten sogar »einen Stepptanz vollführt«.20
Die Linke profitierte zudem davon, dass die Grünen schon in der Ampel-Koalition so viele Abstriche machen mussten und trotz alledem noch zu einer Koalition mit Friedrich Merz bereit waren. Bereits die Räumung des Weilers Lützerath 2023, um den Tagebau Garzweiler auszuweiten, hatte die Grünen in der Klimabewegung viele Sympathien gekostet. Mit ihrer Zustimmung zur Verschärfung der europäischen Asylpolitik stießen sie viele Geflüchtetenaktivisten vor den Kopf, die sie einst als Verbündete betrachtet hatten, und mit ihrem enthusiastischen Eintreten für Waffenlieferungen an die Ukraine und ihrem Herumgedruckse zu israelischen Kriegsverbrechen in Gaza schreckten sie ihre letzten friedensbewegten Anhänger ab. Darüber hinaus lief ihr die gesamte Bundesspitze der Grünen Jugend wenige Monate vor der Bundestagswahl davon, und dass Robert Habeck kurz vor der Wahl auch noch einen Zehn-Punkte-Plan für einen härteren Kurs in der Migrationspolitik präsentierte, half auch nicht, das Verhältnis zu entspannen: Die Grüne Jugend legte einen alternativen Zehn-Punkte-Plan vor, und in der Gunst der jungen Wählerschaft sackten die Grünen bei der Wahl dramatisch ab. Der Zwist der Grünen mit ihrer Jugendorganisation ist jedoch nur ein Symptom für tiefergehende Zerrüttungen, deren Nutznießerin die Linke ist. »Die neue Linkspartei hat ihren Wahlerfolg vor allem den eher progressiven Milieus zu verdanken«, schreibt die Bertelsmann Stiftung in einer Analyse zur Wahl.21 »Mit 15 Prozent im postmateriellen und 17 Prozent im neo-ökologischen Milieu hat sie den Grünen in deren Kernwählermilieus Konkurrenz gemacht.« Auffällig sei aber, dass die Linkspartei in allen zehn sozialen Sinus-Milieus den Sprung über die Fünfprozenthürde geschafft habe.22
Wo die Grünen schwächeln, zeigt die Linke Stärke. Friedrich Merz hilft ihr dabei. Hätte er im Wahlkampf nicht so einen harten Rechtskurs beim Thema Migration gefahren und versucht, die Unterstützung der AfD zu nutzen, um SPD und Grüne in die Ecke zu drängen, dann hätte Heidi Reichinnek keine Gelegenheit gehabt, sich im Parlament zu seiner Gegenspielerin aufzuschwingen. Die Abstimmung im Bundestag »wirkte wie eine Turbo-Zündung für eine Dynamik, die bereits vorher ins Rollen kam«, heißt es in dem bereits zitierten Wahlnachbericht der Rosa-Luxemburg-Stiftung.23 Zehntausende Menschen demonstrieren Ende Januar 2025 bundesweit unter anderem vor der CDU-Parteizentrale in Berlin gegen den Tabubruch von Merz. Doch anders als ein Jahr zuvor, als die Enthüllungen des Online-Redaktionsteams »Correctiv« über ein angebliches Geheimtreffen von Rechtsextremen und Funktionären der AfD Massenproteste zur Folge gehabt hatten, kam dies den Grünen jetzt nicht zugute. Sie fielen als Hoffnungsträger aus, weil sie nicht mehr als Gegenpol, sondern selbst als Teil des allgemeinen Rechtsrucks empfunden wurden.
Hätten sich die Grünen weniger staatstragend gegeben und hätte Robert Habeck nicht stur bis zuletzt auf eine mögliche Koalition mit Merz spekuliert, wären sie womöglich der Gegenpol zu Union und AfD geblieben, als der sie von vielen, trotz aller Kompromisse in der Ampelregierung, lange angesehen wurden. Von ihren rechten Kritikern wurden die Grünen stets für alles, was in Deutschland schiefläuft, verantwortlich gemacht. Während der Ampeljahre wurde das Grünen-Bashing fast schon zum Volkssport. Dabei gaben sich die Grünen selbst bei ihren Kernthemen Klima und Migration fast bis zur Selbstaufgabe kompromissbereit. In der Schlussphase des Wahlkampfs appellierten ihre Chefs Robert Habeck und Annalena Baerbock sogar an die Wähler, doch lieber für eine Partei zu stimmen, die bereit sei, Verantwortung zu übernehmen, als für eine, die das nicht sei – gemeint war offensichtlich die Linke. Das ging nach hinten los, denn damit empfahlen sich die Grünen als kleineres Übel in einer Regierung mit Friedrich Merz – kein besonders verlockendes Angebot, vor allem nicht für junge Wählerinnen und Wähler, die nicht noch mehr Kompromisse, sondern Veränderung wollen.
Hinzu kam die geopolitische Großwetterlage. Die Ampelregierung zerbrach am Abend des 6.November 2024, als Kanzler Olaf Scholz seinen Finanzminister, FDP-Chef Christian Lindner, entließ und damit die Koalition aufkündigte. Der Tag hatte aber bereits mit der außenpolitischen Hiobsbotschaft begonnen, dass Donald Trump zum alten neuen Präsidenten der USA gewählt worden war. Entsprechend hoch war die Zahl derjenigen, die mit Besorgnis in die Zukunft schauten. Die Quote der Menschen, die finden, dass die Verhältnisse in Deutschland Anlass zu Beunruhigung geben, ist seit Jahren sehr hoch. Nach dem Ampel-Aus erreichte sie allerdings ein Rekordhoch von 87 Prozent. Mit Zuversicht blickte nur noch eine kleine Minderheit in die Zukunft.
Bei seiner Amtseinführung im Januar 2025 ließ sich Trump von Tesla-Chef Elon Musk und weiteren milliardenschweren Tech-Bossen wie bei einer Krönungsmesse feiern, und Musk unterstützte im Bundestagswahlkampf auch noch offen und aktiv die AfD. Das erweckte den Eindruck, dass US-Oligarchen wie er dabei seien, weltweit die Demokratie abzuschaffen. Vor diesem Hintergrund erhält die Beschwörungsformel von Jan van Aken, »es sollte keine Milliardäre geben«, ein besonderes Gewicht.
Dieses Buch geht den Gründen dafür nach, wie der Linken ihr fulminantes Comeback gelungen ist. Ihr Erfolg verdankt sich teilweise glücklichen Zufällen und überraschenden Fügungen, aber auch einem klaren Plan, frischem Biss und neuem Personal. Wer aber sind die neuen Gesichter der Linken? Der erste Teil dieses Buches widmet sich den prominenten Aushängeschildern der Partei: der Spitzenkandidatin und Fraktionschefin Heidi Reichinnek sowie ihren Mitstreitern Jan van Aken und Ines Schwerdtner, die sich den Parteivorsitz teilen. Alle drei sprechen ganz unterschiedliche Wählergruppen an und spielen unterschiedliche Rollen. Heidi Reichinnek begeistert nicht nur junge Frauen, sie ist dank ihrer Präsenz in den sozialen Medien und ihrer Brandrede im Bundestag fast schon zu einer Ikone des Antifaschismus und des Feminismus aufgestiegen. Die Journalistin Ines Schwerdtner möchte wieder mehr Arbeiterinnen und Arbeiter für die Linke gewinnen, sie will die Partei dafür neu organisieren, sie wirbt dafür auf Podien und wirkt stark in ihre Partei hinein. Jan van Aken wiederum hat mit seinen Talkshow-Auftritten das Profil der Linken geschärft – in außenpolitischen Fragen, aber auch mit seinem Fokus auf soziale Themen.
Der zweite Teil steigt in den Maschinenraum der Partei hinab. Denn das Comeback der Linken wäre nicht denkbar gewesen ohne die strategische Vorbereitung durch die vorigen Parteichefs Janine Wissler und Martin Schirdewan sowie den Abschied von Sahra Wagenknecht, der in ihre Ära fiel. Der Wahlkampf 2025 stellt aus vielerlei Gründen eine Zäsur in der Geschichte der Linken dar. Das kann niemand so gut beurteilen wie die Parteiveteranin Claudia Gohde, die alle deren Wahlkämpfe begleitet und viele geleitet hat – auch diesen letzten, der quasi die Krönung ihrer Karriere bildet. Der Social-Media-Wahlkampf war diesmal zentral, und die Linke hat es geschafft, der AfD die Lufthoheit über TikTok und Co. streitig zu machen und die »blaue Welle« im Netz zu brechen: wie, das kann Thomas Lohmeier sehr anschaulich erzählen. Wo die Wählerpotenziale der Linken liegen und wie man sie erreicht, darüber haben sich der Soziologe Mario Candeias und die Campaignerin Liza Pflaum viele Gedanken gemacht. Sie geben Auskunft über die Strategien und blicken in die Zukunft der Linken nach ihrem Überraschungserfolg.
Die etablierten Kräfte in der Partei haben den Erfolg gestützt und werden auch in Zukunft wichtig sein. Davon handelt der dritte Teil. Gregor Gysi hat die Linke einst salonfähig gemacht und bemüht sich darum, dass sie im Osten wieder Boden gutmacht. Als erster und einziger Ministerpräsident seiner Partei steht Bodo Ramelow wie kein anderer für Regierungserfahrung. Von ihm kann die Linke lernen, worauf sie dabei achten muss. Sören Pellmann hat in Leipzig dreimal ein Direktmandat erobert. Er verkörpert perfekt das »Kümmerer«-Ideal, mit dem seine Partei einst im Osten so erfolgreich war. Das kann ein Rezept sein, um unter anderem auch jene Wählerinnen und Wähler zurückzugewinnen, die zum Bündnis Sahra Wagenknecht abgewandert sind. Wie Pellmann sitzt Pascal Meiser – mit einer kurzen Unterbrechung – schon seit 2017 im Bundestag. Bei der Wahl 2025 hat er die Grünen erstmals in ihrer bisherigen Hochburg Berlin-Kreuzberg entthrohnt. Damit hat er das Erbe von Grünen-Urgestein Hans-Christian Ströbele angetreten, der 2022 verstorben ist. Der Verlust ihrer Berliner Bastion ist für die Grünen ein Menetekel.
Der vierte Teil blickt auf die jungen Linken, die das neue Gesicht der Partei prägen. Der VW-Elektroniker und Gewerkschafter Cem Ince und die Krankenpflegerin und Aktivistin Stella Merendino sind neu in den Bundestag eingezogen und wollen dort die Perspektiven aus ihrer Arbeitswelt einbringen. Ferat Koçak hat erstmals in einem ehemals rein westdeutschen Bezirk der Hauptstadt, dem als »Problemkiez« verrufenen Neukölln, ein Direktmandat für seine Partei gewonnen. Für seinen massiven Haustürwahlkampf nahm er sich bei Nam Duy Nguyen ein Vorbild, dem es bereits im Herbst 2024 auf vergleichbare Weise gelungen war, in Leipzig ein Direktmandat für den Sächsischen Landtag zu erobern. Dennoch müssen beide gegen Vorurteile und Rassismus kämpfen. Für die internationale Solidarität der Linken treten heute unter anderem Lea Reisner und Cansu Özdemir ein: Palästina und Kurdistan sind die beiden Themen, die die Linke von heute mit am meisten bewegen. Reisner und Özdemir bringen Expertise und Sachlichkeit in die Debatte.
All diese Gesichter der Linken werden entscheiden, wohin die Partei geht, wie sie sich weiterentwickelt und wie sie unser Land verändern wird.
Lässt sich das aktuelle Führungsquartett mit einer Popband vergleichen, dann ähnelt die Linke als Gesamtpartei vielleicht einer gemischten Fußballmannschaft – einem Team, das aus elf Spielerinnen und Spielern auf dem Platz besteht, und außerdem noch Trainer, Betreuer, Managerinnen, Pressesprecherinnen und sogar die Balljungen am Spielfeldrand umfasst. Der Erfolg ist immer eine Teamleistung. Und der Erfolg der Linken war nur durch den Abgang ihrer ehemaligen Starspielerin möglich, die sich zu lange in egoistischen Dribblings ergangen und zu wenig in den Dienst der Mannschaft gestellt hatte. Den Vergleich mit einem Fußballteam hat Jan van Aken selbst gezogen. Auf dem Bundesparteitag in Halle im Herbst 2024 outete er sich in seiner Bewerbungsrede für den Parteivorsitz als Fan des Hamburger 1. FC St. Pauli und verkündete, seine Lieblingsmannschaft spiele nach ihrem Aufstieg jetzt wieder in der ersten Bundesliga. »Und das haben wir nicht geschafft«, machte er sich mit dem Verein gemein, »weil wir elf superduper Einzelspieler hatten, sondern weil wir ein super Team waren. Ein Kollektiv, das wunderbar miteinander funktioniert hat. Und weil niemand von außen ständig reingegrätscht ist.« So werde auch die Linke wieder erstklassig werden, prophezeite er. Man muss sagen: Das hat geklappt.
Hinweis des Autors:
Aus Gründen der Geschlechtergerechtigkeit habe ich in diesem Buch möglichst durchgängig die weibliche und männliche Form verwendet. Einige Interviewpartnerinnen und -partner haben beim Gespräch jedoch bewusst gegendert. In den jeweiligen Zitaten wird das durch Genderzeichen wie »*« oder »:« kenntlich gemacht.
Teil 1Die neuen Gesichter der Partei
Auf die Barrikaden!
Wie Heidi Reichinnek (nicht nur) junge Frauen begeistert
Fast hätte Heidi Reichinnek die Bundestagsrede, die sie berühmt machen sollte, gar nicht gehalten. Für Ende Januar 2025 hatte sie Wahlkampftermine im Saarland und in Rheinland-Pfalz geplant. Doch als die Union im Bundestag ihre Anträge zu einer Verschärfung der Migrationspolitik auf die Tagesordnung setzte, reiste Reichinnek nach Berlin. Zunächst wollte sie dort Clara Bünger den Vortritt lassen, weil die bei der Linken im Bundestag für Migrationsfragen zuständig ist. Aber dann wurde sie schnell dazu überredet, als Spitzenkandidatin der Partei und Vorsitzende der Linken-Gruppe »in die Bütt« zu gehen. So kam es, dass Reichinnek am Mittwoch, dem 29.Januar – gut drei Wochen vor der Bundestagswahl – im Plenum des Parlaments sprach.
Die Bundestagsdebatte an diesem Tag steht ganz unter dem Eindruck zweier Gewalttaten, die beide von Asylbewerbern begangen wurden – der Amokfahrt eines saudischen Arztes mit rechtsradikalem Motiv im Dezember 2024 auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt und dem Messerangriff auf Kleinkinder in einem Park in Aschaffenburg durch einen psychisch kranken, ausreisepflichtigen Afghanen Ende Januar 2025. Die Union und ihr Kanzlerkandidat, der CDU-Vorsitzende Friedrich Merz, skandalisieren beide Taten als angeblichen Ausdruck einer verfehlten Asylpolitik, und von da an dreht sich der Bundestagswahlkampf fast nur noch um die Themen Migration und Sicherheit. An diesem Morgen hält das Parlament eine Gedenkminute für die Opfer ab, und der noch amtierende Bundeskanzler Olaf Scholz fordert in seiner Regierungserklärung, geltende Gesetze konsequent anzuwenden. Anschließend wirbt Friedrich Merz dafür, seinem Entwurf für ein scharfes »Zustrombegrenzungsgesetz« zuzustimmen, den er noch am Freitag, dem 31.Januar, in den Bundestag einbringen will. Der Entwurf sieht unter anderem vor, den Familiennachzug von Geflüchteten zu stoppen und der Bundespolizei zu erlauben, Geflüchtete an den Grenzen zurückzuweisen. An diesem Mittwoch stellt die Union aber erst einmal einen entsprechenden Entschließungsantrag, der die Bundesregierung rechtlich nicht bindet, zur Abstimmung. Schon vorab hat Merz der AfD unverhohlen Avancen gemacht – auch, um SPD und Grüne dazu zu nötigen, für seinen Antrag zu stimmen. Eine richtige Entscheidung werde »nicht dadurch falsch, dass die Falschen zustimmen«, sagt er nun am Rednerpult. Das hatte er schon die Tage davor mehrfach wiederholt. Doch SPD und Grüne gehen darauf nicht ein.
Heidi Reichinnek wirft Merz in ihrer eigenen Rede vor, »einen Pakt mit der AfD« zu planen. Für alle, die für Menschenrechte einträten, gelte hingegen: »Die Brandmauer in diesem Land, das sind wir!« Am Ende dreht sie voll auf und ruft in den Saal, sie werde die Demokratie mit anderen verteidigen: »gegen die AfD und im Notfall auch gegen Sie!« Dazu pocht sie mit ihrem linken Zeigefinger auf ihr Pult und zeigt mit dem rechten in die Richtung der Unionsreihen. Von Abgeordneten ihrer Partei, der SPD und den Grünen gibt es dafür freundlichen Applaus. Doch als der Antrag der Union mit den Stimmen von FDP und AfD tatsächlich eine Mehrheit findet, kippt die Stimmung bei Sozialdemokraten und Grünen in Betroffenheit und Schock um: SPD-Fraktionschef Rolf Mützenich spricht von einer »Zäsur«, und Grünen-Fraktionschefin Britta Haßelmann wirft Merz etwas umständlich vor, heute seien »zum ersten Mal Mehrheiten gesucht und billigend in Kauf genommen worden jenseits der demokratischen Mitte«.24 Reichinnek aber kocht innerlich.
Als sie das zweite Mal ans Rednerpult tritt, ist das nicht geplant. SPD und Grüne haben per Geschäftsordnungsantrag eine Unterbrechung der Sitzung beantragt, und alle Parteien dürfen noch einmal kurz sprechen. »Normalerweise reden da andere, weil es um Fragen der Geschäftsordnung geht«, fasst Reichinnek die Situation im Rückblick zusammen. »Aber Christian Görke, unser damaliger Erster Parlamentarischer Geschäftsführer, sagte mir: Nee, du musst das machen. Also haben wir uns kurz hingesetzt und überlegt, was ich sage, und ich habe mir ein paar Notizen gemacht.« Als sie am Pult steht, kann sie jedoch ihre eigene Handschrift nicht mehr entziffern. »Also musste ich improvisieren.« Das macht sie mit Leidenschaft. Reichinnek wirft Merz vor, gemeinsam mit der FDP gezielt eine Mehrheit mit der AfD gesucht zu haben – »und das ist das verdammte Problem, und Sie verstehen es bis jetzt noch nicht«, steigert sie sich in ihre Empörung hinein. Sie nennt Merz einen »Steigbügelhalter«, der »dieses Land heute zum Schlechteren verändert« habe, und appelliert an SPD und Grüne, »eine Koalition mit dieser Union« auszuschließen. »Den Menschen da draußen« ruft sie zum Schluss zu: »Gebt nicht auf, sondern wehrt euch, leistet Widerstand gegen den Faschismus im Land.« Ihre Brandrede beendet sie mit dem Ruf: »Auf die Barrikaden!«25 Das sitzt.
»Dass der Antrag der Union mit den Stimmen von AfD und der FDP eine Mehrheit bekam, das hat uns alle sehr schockiert. Die AfD war am Johlen und am Feixen und hat sich gefeiert, und der Union schien die Tragweite dieser Abstimmung noch nicht recht bewusst zu sein«, schildert Reichinnek den Hintergrund ihrer Brandrede. »Ich glaube, was so gut ankam, war, dass da jemand sichtlich nach Worten ringt und damit zum Ausdruck bringt, was viele Leute in dem Moment empfunden haben, nämlich Fassungslosigkeit und Wut. Es gibt ja Millionen von Menschen in diesem Land, die begründete Angst vor der AfD haben und entsetzt über diesen Dammbruch waren, weil sie selbst von Rassismus und Rechtsextremismus betroffen sind – Menschen mit Migrationshintergrund, queere Menschen, arbeitslose Menschen, Menschen mit Behinderung oder chronischen Krankheiten. Das sind ja alles Menschengruppen, die die AfD ablehnt und abwertet.«
Die Resonanz ihrer Rede sprengt alle Rekorde und macht Reichinnek über Nacht berühmt. Mehr als acht Millionen Mal wird das Video über alle Social-Media-Kanäle hinweg allein in den ersten 24 Stunden angeklickt, und binnen weniger Tage soll es rund 30 Millionen Mal angesehen und gehört worden sein, vor allem auf Instagram und TikTok. Der Spiegel mutmaßt, es könnte das meistgesehene Parlamentsvideo aller Zeiten sein.26 In den sozialen Medien ist Reichinnek seitdem ein Star: Ende August 2025 zählt sie auf Instagram über 780 000 Follower, auf TikTok sind es mit über 600 000 fast genauso viele. Nach ihrer Brandrede werden aber auch die etablierten Medien auf sie aufmerksam: Die links-alternative Tageszeitung taz adelt sie zur neuen »Queen« des Bundestags,27 und die Bild-Zeitung titelt kurz vor der Wahl: »Plötzlich wird diese Sozialistin gefährlich für Merz«.28 Denn Reichinnek bezeichnet sich als Sozialistin, Feministin und Antifaschistin und will den »Kapitalismus stürzen«, wie das rechte Boulevardblatt erschrocken feststellt. O Bürgerschreck*in, lass nach!
Im Herbst 2025, zum Zeitpunkt des Erscheinens dieses Buches, ist Heidi Reichinnek eine der bekanntesten Politikerinnen des Landes, in einer Umfrage im April schnitt sie einmal sogar als die beliebteste ab. Inzwischen macht sie schon Schlagzeilen, wenn sie sich nur ein neues Tattoo stechen lässt. Dabei hat sie auf ihrem Körper schon eine ganze Galerie verteilt. Das erste Tattoo stammt aus dem Februar 2021: Auf ihrem linken Oberarm ließ sie sich die ägyptische Pharaonin Nofretete mit Gasmaske verewigen – ein Symbolbild der Proteste gegen die Diktatur in Ägypten während des »Arabischen Frühlings« zehn Jahre zuvor. Reichinnek erlebte die Revolte vor Ort, als sie sich 2011 während ihres Studiums für neun Monate in Kairo aufhielt. Unter dem Bild der antiken Herrscherin prangt auf ihrem Unterarm, deutlich sichtbar, ein Porträt von Rosa Luxemburg, dazu deren Losung »Ich war, ich bin, ich werde sein«. Auf der Rückseite ihres Unterarms ist außerdem eine Uhr zu sehen, die Zeiger stehen auf fünf vor zwölf.
Jedes Tattoo erzählt eine eigene Geschichte, und alle sind klassisch in den Farben Rot und Schwarz gehalten. Auf ihrem rechten Unterarm ließ sich Reichinnek nach ihrer Brandrede im Bundestag zusätzlich ein »Angry Woman«-Tattoo stechen. Im April 2025 verriet sie der Zeitschrift Bunte, sie habe sich auch ein Bild ihres verstorbenen Katers und einen Otter auf die Haut tätowieren lassen – und dass noch ein neues Tattoo dazukommen werde: eine Hyäne. »Die haben nur wegen König der Löwen ein schlechtes Image. Dabei sind das sehr fürsorgliche Tiere«, sagte sie zur Begründung.29
Wann ist Schluss mit weiteren Tattoos? Da muss Heidi Reichinnek lachen. »Es ist noch genug Platz. Keine Sorge.« An einem sommerlichen Nachmittag sitzt sie in ihrem Wahlkreisbüro in Osnabrück. Das warme Licht fällt durch die großen Schaufenster auf den Tisch, auf dem eine Mitarbeiterin frischen Kaffee und ein paar Kekse angerichtet hat. Reichinnek trägt ein schwarzes T-Shirt und die Haare offen, sie ist nur dezent geschminkt: kein knallroter Lippenstift, mit dem sie sich sonst gern mal heraushebt. Ihr Büro ist in den Ladenräumen eines Eckhauses aus der Gründerzeit eingerichtet, das am Rande eines kleinen Parks in einem Stadtteil mit dem lustigen Namen Wüste liegt. Früher war in den Räumen eine Elektrofirma untergebracht. Seit Reichinnek im Bundestag sitzt, ist es ihr Büro, auch ihr Kreisverband nutzt es. Am Abend zuvor hat er hier eine Versammlung abgehalten. Auf einem Whiteboard an der Wand sind die nächsten Termine der AGs aufgeschrieben, darunter hängen Automatenfotos und ein Kaufland-Prospekt. In einer Ecke steht ein rotes Lastenrad mit der Aufschrift »www.die-linke-de«. In den Fenstern kleben ein paar Plakate, darunter auch das des Bundestagwahlkampfs von Reichinnek. »Wir kümmern uns um alle Familien«, steht darauf.
Vor mehr als zehn Jahren ist Heidi Reichinnek nach Osnabrück gezogen, ihre damalige Beziehung war der Grund. Hier nahm ihre steile politische Karriere ihren Anfang. »Ich bin in Osnabrück sehr glücklich«, verriet sie der Neuen Osnabrücker Zeitung.30 »Berlin ist nicht meins, trotz der Politik jetzt«, sagte sie der Lokalzeitung. »Was ich verkörpern möchte, ist etwas Ehrliches, auf Augenhöhe«, denn: »Ich bin bodenständig. Die ganze Linke ist das.« Die Leute, die sich in der Bundestagsfraktion fänden, ließen »sich nicht davon blenden, was in Berlin so an Politzirkus passiert«.
Als 2015 im »Sommer der Migration« Hunderttausende Menschen vor allem aus Syrien und Afghanistan nach Deutschland strömten, fing Reichinnek in Osnabrück einen Job als »Sprach- und Kulturfachkraft« in einer Einrichtung für unbegleitete minderjährige Geflüchtete an. Im September jenes Jahres trat sie dort in die Linke ein, gründete eine Basisgruppe der Linksjugend »solid« und kandidierte für den Stadtrat, in dem sie für die Partei fünf Jahre lang saß. »Bei meiner ersten Mitgliederversammlung nach meinem Eintritt in die Linke 2015 waren nur zwei Frauen dabei: die ehemalige Vorsitzende Giesela Brandes-Steggewentz und eine weitere Frau, der Rest waren Männer«, erinnert sie sich an ihre Anfänge und ihre Mentorin Brandes-Steggewentz. »Sie hat mich sofort unterstützt und mir gesagt: Natürlich schaffst du das. Ich habe auch von Männern Unterstützung erfahren. Aber es ist gut, dass wir als Linke schon lange über die Quotierung Frauen nach vorn gestellt und gezeigt haben: Ihr seid bei uns willkommen und gleichberechtigt.«
Binnen weniger Jahre stieg Heidi Reichinnek in ihrer Partei auf. 2019 wurde sie in Hannover zur jüngsten Landesvorsitzenden gewählt, da war sie gerade mal 31 Jahre alt. 2021 zog sie jedoch nur mit Glück in den Bundestag ein: Die Linke erreichte lediglich 4,9 Prozent, durfte aber dank drei errungener Direktmandate wieder eine Fraktion stellen. Bis sechs Uhr morgens musste Reichinnek nach dem Wahltag zittern, ob es für sie noch reichte. Im Bundestag wurde sie frauenpolitische Sprecherin ihrer Fraktion und übernahm auch den Bereich der Kinder- und Jugendpolitik. Damit fand sie Gefallen bei einigen Altvorderen.
Nur ein Jahr später trat sie im Juni 2022 beim Parteitag in Erfurt gegen die damalige Parteichefin Janine Wissler an. Obwohl sie vom damaligen Fraktionschef Dietmar Bartsch und Sahra Wagenknecht unterstützt wurde, unterlag sie klar. Dafür nutzte sie ihre nächste Chance, sich in die erste Reihe zu stellen. Nachdem Wagenknecht im Oktober 2023 mit ihren Getreuen aus der Linken ausgetreten war, wählten die verbliebenen Bundestagsabgeordneten der Partei Reichinnek im Februar 2024 in einer Kampfabstimmung mit knapper Mehrheit neben Sören Pellmann zur Co-Vorsitzenden ihrer Gruppe: Auch das war eine Ohrfeige für die damaligen Parteichefs, die sich zwei andere auf dem Posten gewünscht hatten – unter anderem die Juristin und Migrationsexpertin Clara Bünger. Doch diese Auseinandersetzungen sind inzwischen Geschichte, die Wunden scheinen auf allen Seiten verheilt. »Es ist gut so, wie es gekommen ist«, resümiert Heidi Reichinnek rückblickend. Im Nachhinein könne sie das so entspannt sagen. »Ich habe großen Respekt vor den Genoss:innen, gegen die ich mal angetreten bin. Janine Wissler und Martin Schirdewan haben diese Partei durch eine sehr schwierige Phase geführt. Sören und ich haben gut mit ihnen zusammengearbeitet. Janine ist jetzt, genauso wie Clara, stellvertretende Fraktionsvorsitzende. Beide machen einen super Job, und wir können uns aufeinander verlassen«, lobt sie ihre beiden ehemaligen Kontrahentinnen.
Nachdem Ines Schwerdtner und Jan van Aken beim Parteitag in Halle im Oktober 2024 zur neuen Parteiführung der Linken gewählt worden waren, wurde Reichinnek kurz darauf neben van Aken zur Spitzenkandidatin für den Wahlkampf gekürt. Schwerdtner war noch nicht lange genug in der Partei, auch deshalb erhielt Reichinnek den Vorzug. Außerdem lag es nahe, ein Tandem aus je einer Spitze der Partei und der Bundestagsgruppe zu bilden – beide hatten in der Vergangenheit gerade zu Wagenknechts Zeiten nicht harmoniert, sondern oft genug gegeneinander gearbeitet. Zwischen dem Linken-Vorstand im Karl-Liebknecht-Haus und der Linken-Fraktion im Bundestag gab es jahrelang Konflikte. Van Aken und Reichinnek dagegen ergänzen sich gut, und ihre Arbeitsteilung ist klar: Er deckt die Außenpolitik ab, sie äußert sich zu sozialen Fragen; er bespielt die großen TV-Talkshows, sie die Social-Media-Kanäle. Fürs Fernsehen redet sie zu schnell, vor allem für ältere Zuschauerinnen und Zuschauer ist das gewöhnungsbedürftig: Zwischen 100 und 200 Wörtern pro Minute liegt die Sprechgeschwindigkeit, die von den meisten Menschen als angenehm empfunden wird, Reichinnek liegt mit 275 Wörtern pro Minute deutlich darüber. »Das erinnert ein bisschen an das Geräusch von einem ICE, wenn er über die Schwellen donnert«, sagt der Münchner Rhetoriktrainer Winfried Bürzle.31 Für Social Media, wo alle fünf Sekunden etwas passieren muss, damit die Leute mit kurzer Aufmerksamkeitsspanne dranbleiben, passt ihre hektische Sprechweise hingegen perfekt. Reichinnek redet so schnell, dass kaum auffällt, dass sie konsequent gendert: Das geht in ihrem rasanten Redefluss fast unbemerkt unter.
Einen großen Anteil an Heidi Reichinneks Social-Media-Karriere hat Felix S. Schulz. Er ist als Referent für politische Kommunikation tätig und berät seit rund zehn Jahren diverse Abgeordnete der Linken. 2021 fing er an, für Reichinnek zu arbeiten. »Mit ihrem Einzug in den Bundestag haben wir für sie eine Imageanalyse gemacht: Wo kommt sie her, was macht sie, wer ist sie? Solche Marketing-Dinge eben, die man normalerweise macht«, erzählt er. Weil Reichinnek zuvor in der Kinder- und Jugendarbeit beschäftigt und Sprecherin ihrer Fraktion für diesen Bereich war, empfahl er ihr eine zielgerichtete Kommunikation für junge Menschen. So landeten sie unter anderem bei TikTok und Instagram. »Im Polit-Marketing geht es wie in jedem anderen Marketing darum, ein Narrativ zu entwickeln, das Menschen emotional anspricht und eine Bindung ermöglicht. Ein zentrales Element ist dabei, eine ›Heldenfigur‹ zu schaffen«, plaudert Schulz aus dem Nähkästchen. Dafür orientiert man sich an den Schlagwörtern »Familiar«, »Freak« und »Cheat«: »›Familiar‹ steht für etwas sehr Bekanntes, ›Freak‹ für etwas sehr Ungewöhnliches, und ›Cheat‹ bedeutet, dass jemand das System austrickst. Heidi hat etwas sehr Normales an sich. Das unterscheidet sie von vielen anderen Berufspolitikern. Sie redet sehr schnell, das ist der Freak-Aspekt. Und sie ist Sozialarbeiterin, die in einem sehr jungen Alter als Frau schon Fraktionsvorsitzende geworden ist.« Das System sei nicht für so etwas ausgelegt, erläutert Schulz – das sei der Cheat-Aspekt. »Damit haben wir drei Attribute, die in der Narrativentwicklung eine Heldenfigur konstituieren. Sie bilden zusammen einen Charakter, mit dem man sich identifizieren kann.«
So weit die Theorie. Reichinnek setzt sie in die Praxis um, insbesondere eben auf Instagram und TikTok. »Ehrlich gesagt war ich anfangs gar nicht so wild auf die sozialen Medien«, gesteht sie beim Gespräch in Osnabrück. »Ich hatte anfangs auch Vorbehalte und dachte bei TikTok an irgendwelche albernen Tänze. Aber das ist halt genau das Problem: dass Politiker:innen diese sozialen Medien nicht ernst nehmen.« Jede Plattform sei das, was man daraus mache. »Das kann total abstrus sein. Aber es kann auch politisch sein.« Viele Politikerinnen und Politiker hätten gedacht, sie könnten TikTok und Co. vernachlässigen und nur über die klassischen Medien kommunizieren. »Das hat der AfD Auftrieb verschafft – weil sie die Einzigen waren, die soziale Medien von Anfang an genutzt haben.«
Reichinneks Videos entstehen in Teamarbeit, alle in ihrem Büro arbeiten daran mit. »Aber ich ändere am Ende oft noch ganz viel – auch bei meinen Reden, sonst ist es nicht authentisch«, erklärt sie. »Ich rede so, wie ich mit einem Freund oder einer Freundin sprechen würde. Da liest man ja auch nichts vor, sondern spricht auf Augenhöhe miteinander und sagt, was man so im Kopf hat.« Während die Rechte Wut und Hass verbreitet, setzt sie auf Humor und Hoffnung. »Wut ist ein total wichtiger Antrieb. Ich bin auch wütend auf vieles, was in diesem System schiefläuft. Aber wir wollen auch konkrete Lösungen anbieten. Ich will den Alltag der Menschen zum Positiven verändern. Das ist bei den Rechten ja ganz anders.« Reichinneks Anspruch: »Wir wollen dieses komplizierte Politikdeutsch so herunterbrechen, dass man es versteht und sich die Videos anschauen kann, ohne sich zu langweilen, wenn man nach einem langen Arbeitstag oder Schultag noch ein bisschen am Handy scrollt. Das Wichtigste ist, verständlich zu sagen: Darum geht es, und das wollen wir ändern.«
Obwohl Reichinnek auf ihren Social-Media-Kanälen sehr nahbar wirkt, gibt sie dort wenig Privates über sich preis. Sie ist Vegetarierin, mag Fantasy-Romane und Metal-Musik – solche Dinge kehrt sie aber nicht nach außen. »Klar, Musik und Ernährung sind auch politisch, und ich werde immer mal wieder danach gefragt. Aber das ist nichts, was ich selbst nach vorn stelle. Mir ist wichtig, meine Reichweite für aktuelle Themen zu nutzen, die viele Menschen betreffen und in meinem Bereich liegen« – wie die Jugend- oder Sozialpolitik eben.
Für viele junge Leute ist Heidi Reichinnek eine Identifikationsfigur, ja sogar ein Idol geworden. Insbesondere junge Frauen, aber auch viele queere Menschen fühlen sich von ihr angesprochen. Denn Reichinnek ist die Frau, die sich was traut. Sie wird auch mal laut, unterstreicht ihre Reden mit ausladenden Armbewegungen und kleidet sich gern auffällig. Mit ihrem strengen Pony sieht sie ein wenig so aus, als wäre sie selbst dem Fantasy-Universum entsprungen, eine Mischung aus kämpferischer Mittelalter-Prinzessin und Rächerin aus einem japanischen Anime-Film. Als sie Friedrich Merz im Bundestag die Leviten las, trug sie laut der Tageszeitung Welt einen »taubenblauen Puffärmel-Overall«, und zum Linken-Parteitag in Chemnitz im Mai 2025 kam sie in einem wehenden schwarz geblümten Kleid auf die Bühne: So viel Glamour ist bei den eher spröden Genossinnen und Genossen eher selten. Die konservative Welt glaubte in ihrem Look eine »Aneinanderreihung ideologischer Codes« zu erkennen.32 Dabei ist sie einfach nur lässig, modisch experimentierfreudig und selbstbewusst.
Sie sei »unfassbar stolz« darauf, so viele Menschen für die Politik begeistert zu haben, sagt Reichinnek. Zugleich macht sie sich manchmal Sorgen, zur Projektionsfläche unerfüllbarer Erwartungen zu werden. Veränderungen seien nur gemeinsam zu erreichen, betont sie deshalb immer wieder. Reichinneks Social-Media-Reichweite hat entscheidend dazu beigetragen, dass die Linke bei Erstwählerinnen und -wählern so gut abgeschnitten hat. Auf der Straße wird sie häufig von jungen Leuten erkannt und wie ein Popstar um Selfies gebeten. »Eben hat mir eine Frau auf dem Weg hierher noch zugerufen, dass sie mich gewählt hat«, erzählt sie. Oft werde sie auch gebeten, für ein gemeinsames Selfie zu posieren. »Ich freue mich immer, wenn Leute mich ansprechen und nach Fotos fragen. Ich hatte bisher das große Glück, dass sich noch nie jemand, der mich nicht so gut findet, getraut hat, mich anzusprechen oder anzugreifen. Dabei gibt es davon ja leider auch mehr als genug.«
Obwohl sie so schnell spricht, kommen nach dem Überraschungserfolg der Linken bei der Bundestagswahl im Februar 2025 auch die großen TV-Talkshows nicht mehr an ihr vorbei. Im März kritisierte Reichinnek bei Hart aber fair die Bürgergeld-Pläne von SPD und Union, bei Sandra Maischberger lieferte sie sich im April einen respektvollen Schlagabtausch mit FDP-Mann Wolfgang Kubicki. Nur bei Markus Lanz wurde es etwas ungemütlich, als er von ihr wissen wollte, wie viele Mietwohnungen in Deutschland in der Hand von Konzernen seien, und immer wieder nachbohrte, als sie die Antwort nicht wusste.33
