Die Pilotenkonferenz - Dr. Harald Mayer - E-Book

Die Pilotenkonferenz E-Book

Dr. Harald Mayer

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Beschreibung

Tom, Absolvent mehrerer Eliteuniversitäten, ist einer anonymen Einladung zu einem Kongress gefolgt. Einerseits ist er neugierig, andererseits ist ihm die Veranstaltung suspekt: Warum wird so ein Geheimnis um diese Tagung gemacht, und wer und welche Interessen stecken wirklich dahinter? Während er neue Erkenntnisse gewinnt, hecken dunkle Mächte einen perfiden Plan aus. Verstehen, wie Entscheidungen zustande kommen. Vor allem Ihre eigenen. Erfahren Sie, was Sie dabei führt und beeinflusst, oft ohne Ihr Wissen. Lernen Sie sich selbst besser kennen. Der Roman vermittelt konzentriertes Wissen zum Thema Entscheidungsfindung und lässt Sie viel über Ihre eigene Persönlichkeit und Psychologie erfahren. Keine Sorge, Sie benötigen dazu keinerlei Vorkenntnisse. Wer an weiterer Vertiefung im Roman angesprochener Themen interessiert ist, findet zu allen relevanten Kapiteln des Romans Anmerkungen am Ende des Buches. Dort werden weitere Beispiele und Erläuterungen sowie Quellenangaben und weiterführende Literatur aufgeführt. Wie treffen wir unsere Entscheidungen? Durch logisches Nachdenken? Oder intuitiv, geprägt von Gefühlen und evolutionärem Erbe? Wann übernimmt welcher Teil des Gehirns das Kommando? Wann sollten wir wem die Führung überlassen? Haben wir überhaupt die Wahl? Was beeinflusst uns, ohne dass wir uns dessen bewusst sind? Wie kann es sein, dass wir in bestimmten Situationen fast systematisch Fehlentscheidungen treffen? Und können uns analytische Verfahren wirklich weiterhelfen? Wissen Sie, warum Sie entscheiden wie Sie entscheiden? Sicher? Nach der Lektüre dieses Romans werden Sie wahrscheinlich andere Antworten auf diese Frage finden.

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Seitenzahl: 232

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Dr. Harald Mayer

Die Pilotenkonferenz

Warum Sie entscheiden wie Sie entscheiden

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Über den Autor

Vorwort

Prolog

Kapitel 1 - Die Begrüßung

Kapitel 2 - Der Homo oeconomicus

Kapitel 3 - Hoko Teil II

Kapitel 4 - Ultimaten und Diktatoren

Kapitel 5 - Der Mentor

Kapitel 6 - Urlaubsplanung

Kapitel 7 - Walk and Talk

Kapitel 8 - Walk and Talk II

Kapitel 9 - Der Baumwollpflücker

Kapitel 10 - Die Katastrophe

Kapitel 11 - Persönlichkeiten

Kapitel 12 - Körper, Kopf und Gefühl

Kapitel 13 - In der Abendsonne

Kapitel 14 - Im Spa

Kapitel 15 - Ein Spiel im Restaurant

Kapitel 16 - Geheimnisse in der Bar

Kapitel 17 - Der Hacker

Kapitel 18 - Die Verführung

Kapitel 19 - Manipulation überall

Kapitel 20 - Trau keiner Statistik...

Kapitel 21 - Aus der Trickkiste

Kapitel 22 - Die Verschwörung

Kapitel 23 - Die Suche

Kapitel 24 - Freier Wille?

Kapitel 25 - Systematische Fehler

Kapitel 26 - Der Plan

Kapitel 27 - Mentor und Mentee

Kapitel 28 - Im Leuchtturm

Kapitel 29 - Die Entscheidung

Anmerkungen

Anmerkungen zu Kapitel 2

Anmerkungen zu Kapitel 3

Anmerkungen zu Kapitel 4

Anmerkungen zu Kapitel 7

Anmerkungen zu Kapitel 8

Anmerkungen zu Kapitel 10

Anmerkungen zu Kapitel 11

Anmerkungen zu Kapitel 12

Anmerkungen zu Kapitel 16

Anmerkungen zu Kapitel 19

Anmerkungen zu Kapitel 20

Anmerkungen zu Kapitel 21

Anmerkungen zu Kapitel 22

Anmerkungen zu Kapitel 24

Anmerkungen zu Kapitel 25

Anmerkungen zu Kapitel 26

Anmerkungen zu Kapitel 27

Anmerkungen zu Kapitel 28

Anmerkungen zu Kapitel 29

Impressum neobooks

Über den Autor

Dr. Harald Mayer, geboren 1968 in Tübingen, studierte Betriebswirtschaftslehre im In- und Ausland. Nach einigen Jahren in der Beratungsbranche wechselte er zu einem großen Industriekonzern, um dort Führungsaufgaben im IT-Bereich wahrzunehmen. Darüber hinaus ist er Mediator für Wirtschaft und Arbeitswelt. Vielfältige berufliche Erfahrungen und Erlebnisse haben schon vor Jahren sein Interesse für das Zustandekommen von Entscheidungen geweckt, womit er sich seitdem intensiv auseinandergesetzt hat. Die Idee, Wissen in Form eines Romans weiterzugeben, entstand, um Zugang zu einem hochinteressanten Thema auch ohne Durcharbeiten schwer verdaulicher Fachbücher zu ermöglichen.

"Der Mensch beurteilt die Dinge lange nicht so sehr nach dem, was sie wirklich sind, als nach der Art, wie er sie sich denkt und sie in seinen Ideengang einpaßt."

Alexander Freiherr von Humboldt (1769 - 1859)

Vorwort

Schön, dass Sie sich entschieden haben, dieses Vorwort zu lesen. Aber wissen Sie auch, warum Sie sich dazu entschieden haben? War es das Cover, das Ihr Interesse geweckt hat? Oder der Titel? Hat Sie möglicherweise der Untertitel besonders angesprochen? Oder der Mix aus allem? Wie sind Sie überhaupt bei diesem Buch gelandet? Durch gezielte Suche? Oder haben Sie dieses Buch zufällig entdeckt? Wie zufällig war der Zufall? Wie auch immer Sie sich diese Fragen beantworten mögen – nach der Lektüre dieses Romans werden sie wahrscheinlich andere Antworten finden.

Ja, es handelt sich um einen Roman. Einfach und hoffentlich kurzweilig zu lesen. Trotzdem können Sie dabei jede Menge zum Thema Entscheidungsfindung und sich selber lernen. Fast permanent sind Entscheidungen zu treffen, beruflich wie privat. Vieles ist Routine, manches einmalig. Oft sind es eher unwichtige Themen, gelegentlich sind sie richtungsweisend für unser Leben. Aber wie finden wir zu unseren Entscheidungen? Wer trifft sie? Unser rational arbeitender Denkapparat aufgrund logischer Analyse? Oder ein anderer Teil unseres Gehirns? Intuitiv und geprägt von evolutionären Überlebensstrategien? Wann übernimmt welcher Teil das Kommando? Wann sollten wir wem die Führung überlassen? Haben wir überhaupt die Wahl? Welche inneren und äußeren Faktoren haben Einfluss auf uns und unsere Entscheidungen?

Keine Sorge, Sie benötigen dazu keinerlei Vorkenntnisse. Sie können sich ganz auf die Erlebnisse von Tom konzentrieren und ihn begleiten. Er folgt einer überraschenden Einladung. Dass es interessant würde, hatte er gehofft. Dass es so enden würde, hätte er nicht ahnen können.

Der Roman spricht viele Aspekte rund um das Thema Entscheidungsfindung an, ohne den Leser zu überfordern oder ihn mit trockenem Fachjargon zu ermüden. Wer an weiterer Vertiefung im Roman angesprochener Themen interessiert ist, findet zu allen relevanten Kapiteln des Romans Anmerkungen am Ende des Buches. Dort werden weitere Beispiele und Erläuterungen sowie Quellenangaben und weiterführende Literatur aufgeführt. Für das Lesen und den Fortgang des Romans sind die Anmerkungen nicht notwendig und können von dem in erster Linie am Roman interessierten Leser getrost ignoriert werden.

'Warum Sie entscheiden wie Sie entscheiden' – ich hoffe, dass die Lektüre dieses Romans – ob mit oder ohne Anmerkungen – zu interessanten Erkenntnissen beiträgt.

Ein Wissenschaftskrimi

Viel Freude beim Lesen!

Regensburg, im Dezember 2014

Harald Mayer

Prolog

“Yesterday – all my troubles seemed so far away…”

Seit einer, oder auch zwei oder drei Stunden – jegliches Zeitgefühl war längst verlorengegangen – schienen sie untrennbar miteinander verwachsen zu sein und es hatte nicht den Anschein, als könnte sich das engumschlungen tanzende Paar je wieder zu zwei eigenständigen Individuen entknoten. Doch jetzt war endgültig Schluss. Nach den Beatles verstummte die HiFi-Anlage unwiderruflich, auch diese Party hatte nun ein Ende gefunden. Der Morgen dämmerte bereits, als sie vor das Haus traten.

„Nein, klar, kein Problem, natürlich kann ich dich nach Hause fahren, wo musst du denn hin?“

„Nicht gleich beim ersten Date …“, sagte sie knapp fünfzig Kilometer später mit einem unwiderstehlichen Lächeln und drückte ihm einen letzten Kuss auf seine Lippen.

Kapitel 1 - Die Begrüßung

„Liebe Piloten, der Präsident!“

„Liebe Anwesende, liebe Piloten, herzlich willkommen zu unserer Jahrestagung! Ganz besonders möchte ich unsere diesjährigen Novizen begrüßen. Ich freue mich, dass Sie der Einladung zu unserem Kongress gefolgt sind und wir alle gemeinsam zwei interessante und sicher auch lehrreiche Tage miteinander verbringen können. Immerhin muss die Einladung ja Fragezeichen über Fragezeichen bei Ihnen, die Sie heute zum ersten Mal dabei sind, produziert haben. Vom VPHV, dem ‚Verein der Piloten mit Herz und Verstand‘, haben Sie mit Sicherheit noch nie gehört. Und Piloten sind Sie auch nicht. Trotzdem sind Sie hier. Was mag das nur für ein Verein sein, haben Sie sich vielleicht gedacht. Nichts, absolut gar nichts konnten Sie im Internet dazu finden. Und dann war in der Einladung auch noch von einer Lizenz die Rede, die man bei entsprechender Eignung erhalten könne. Die persönlichen Anlagen seien vorhanden, sonst hielte man diese Einladung nicht in seinen Händen. Was zum Teufel steckt dahinter? Es war ja nichts weiter erläutert in dem Schreiben. Gut, freie Kost und Logis im Vier-Sterne-Superior Hotel mögen einen gewissen Anreiz darstellen, aber immerhin haben Sie sich dafür entschieden, zwei Tage Ihrer kostbaren Zeit hier zu verbringen. Okay, Sie können natürlich vorzeitig abreisen, wir sind ja keine Sekte oder eine dubiose Vereinigung, die Sie gegen Ihren Willen festhält, aber ich bin sicher, das wird nicht passieren. Warum sind Sie hier? Aus reinem Wissensdurst, um die angekündigten ‚Vorträge renommierter Persönlichkeiten aus Wissenschaft und Forschung‘, wie es in der Einladung heißt, zu hören? Oder schlicht aus Neugier? Um die kryptischen Andeutungen der Einladung zu enträtseln? Sie haben die Entscheidung getroffen, hier und jetzt da zu sein. Wissen Sie, warum Sie diese Entscheidung so getroffen haben? Haben Sie spontan mit dem Lesen der Einladung entschieden, ‚ja, da will ich hin‘, oder hat das Lesen einen länger andauernden Entscheidungsprozess, ein Hin und Her, ein Für und Wider angeregt? Und warum haben Sie sich dann irgendwann dafür entschieden? Wann? Weshalb?

Nun, damit möchte ich auch den ersten, den allerersten Schleier lüften, der für Sie Sinn und Absicht der Veranstaltung noch vernebelt und Sie zusammen mit weiteren, sagen wir - ‚Rätseln‘ - noch weitestgehend im Unklaren lässt.

In den zwei Tagen geht es im Wesentlichen darum, mehr darüber herauszufinden, warum man tut was man tut, wenn man so will. Warum tun Sie dieses und nicht jenes? Warum sitzen Sie hier und machen nicht ganz was anderes? Wer trifft eigentlich die Entscheidungen? Ihr Gehirn? Der alte Teil oder der neue? Oder Ihr Bauch? Hört man nicht immer wieder von sogenannten Bauchentscheidungen? Werden Sie möglicherweise manipuliert? Von wem und wie? Wieso machen wir immer wieder die gleichen Fehler – ja, das betrifft auch Sie! - und merken es noch nicht einmal? Und so weiter und so fort. Es gibt sehr viele hochinteressante Aspekte zu beleuchten. Alle Vorträge werden etwas damit zu tun haben und sind dennoch völlig verschieden. Sie brauchen keine Angst zu haben vor trockenen, hochkomplizierten wissenschaftlichen Ausführungen. Sie werden sehen, dass Sie keine Probleme haben werden zu folgen und es wird Ihnen sogar Spaß machen!

Sie, liebe Teilnehmer, kommen aus den unterschiedlichsten Bereichen, bringen ganz verschiedene Ausbildungen, Voraussetzungen und Talente mit und üben diverseste Tätigkeiten aus. Die Referenten wissen das und gestalten ihre Vorträge entsprechend.“

Vereinzelt waren im bis eben noch ehrwürdig lauschenden Publikum nun Gelächter und einzelne Stimmen zu vernehmen. „Äh, nun gut“, räusperte sich der Präsident, „die meisten jedenfalls. Und die anderen haben es offenbar bis heute auch nicht geschafft, Sie, verehrte Teilnehmer, vom Besuch dieses Kongresses abzuhalten. Jedenfalls, liebe Novizen, hoffe ich, Ihre Neugier wenigstens soweit geweckt zu haben, dass Sie nicht gleich wieder abreisen und sich stattdessen mit uns auf den Beginn einer vielleicht lebenslangen und höchst spannenden, sagen wir – Reise - begeben. So viel, wenn auch noch sehr allgemein, einleitend zur inhaltlichen Thematik unseres Kongresses. Falls Sie darüber hinaus noch Fragen haben sollten, was es mit der Einladung, dem Kongress, dem VPHV insgesamt auf sich hat und wo das Ganze eigentlich hinführen soll – Sie werden es erfahren.“

Der Präsident blickte spitzbübisch grinsend in das Publikum und schob dann nach: „Vielleicht. Und sicher nicht in diesem Jahr.“ Nach einer weiteren Kunstpause wünschte er allen erkenntnisreiche Kongresstage und trat unter gefälligem Applaus des Auditoriums von der Bühne.

„Von wegen keine Sekte. Oder irgendein anderer dubioser Verein. Warum sonst so viel Geheimniskrämerei? Nur Nebelkerzen statt klarer Ansagen. Und alles gratis. Das muss doch ein Heidengeld kosten. Natürlich wollen die irgendeine Gegenleistung – aber was? ‚Lebenslange Reise‘ – was soll das denn heißen?“ Tom war so in Gedanken, dass er gar nicht merkte, dass schon der nächste Redner die Bühne betreten hatte.

Der hagere, möglicherweise gut durchtrainierte - aus einiger Entfernung ließ sich das schwer ausmachen – Mann Ende vierzig, etwas blass, das schon graumelierte Haar streng zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, schwarzer Anzug, schwarzer Rollkragenpullover, begann ohne Umschweife. „Wie der Präsident schon erwähnt hat, ist über uns, den VPHV und unsere Kongresse – und das mag Sie überraschen - nichts in den Medien zu finden, nicht in irgendwelchen Printmedien, nicht im Radio oder Fernsehen, auch nicht im Internet. Und das wird so bleiben.“

Mit eisigem Gesichtsausdruck musterte er mehrere Sekunden lang das Publikum. Sein kantiges Gesicht schien erstarrt, wie aus Granit gemeißelt. Urplötzlich war es totenstill im Auditorium geworden. Der Mann in Schwarz hatte die erhoffte Wirkung erzielt. „Sie werden nichts über diese zwei Tage hier veröffentlichen, in keiner Form. Und sie werden niemandem Details dieses Kongresses preisgeben. Das ist Regel Nummer 1. Regel Nummer 2 lautet – und das mag Sie beruhigen -, dass der VPHV nie mehr den Kontakt mit Ihnen suchen wird, jedenfalls solange Sie kein Lizenzträger sind – und die wenigsten von Ihnen werden das jemals werden. SIE werden den VPHV kontaktieren. Niemals umgekehrt. Es sei denn, Sie verletzen Regel Nummer 1 …“.

Kapitel 2 - Der Homo oeconomicus

Ein Mann im fortgeschrittenen Alter, offenbar nicht mehr weit von seiner Emeritierung entfernt, betrat die Bühne und positionierte sich hinter dem Rednerpult. Er legte ein paar Blätter mit handschriftlichen Notizen vor sich auf den Stehtisch.

„Kennt irgendjemand hier im Saal Hoko? Nein? Das habe ich mir fast gedacht. Hoko kennt nur, wer jemals eine meiner Vorlesungen oder einen meiner Vorträge gehört hat. Die allermeisten werden ihn dennoch kennen, allerdings unter einem anderen Namen. Hoko ist mein Spitzname, wenn Sie so wollen, für den Homo oeconomicus. Denn, schließlich bin ich Ökonom und ‚Hoko‘ geht doch wesentlich einfacher und schneller von den Lippen als ‚Homo oeconomicus‘. Und außerdem klingt es nicht so seriös und – wie soll ich sagen – so korrekt und vielleicht auch unfehlbar wie der wissenschaftliche, aus dem Lateinischen stammende Begriff."

„Das ist Professor Mons, ein führender Vertreter der Verhaltensökonomie“, flüsterte Toms Sitznachbar ihm zu. „Vielleicht ein bisschen schrullig, aber ein hervorragender Wissenschaftler“.

„Homo oeconomicus, na toll, habe ich doch schon das ganze Studium lang rauf und runter gehört, was soll ich denn da noch lernen?“, dachte Tom missmutig.

„Hoko ist ja, wenn Sie so wollen, ein strenger Prinzipienreiter. Die Volks- und Betriebswirte unter ihnen durften seine Charaktereigenschaften ja ausführlich studieren und können das bestätigen. Nur – ganz so ernst wie zu Beginn meiner Karriere kann ich ihn mittlerweile nicht mehr nehmen. Das haben mich nicht nur meine Forschungsarbeiten, sondern auch meine Lebenserfahrung gelehrt. Hoko ist kein Bruder Leichtfuß, das möchte ich nicht behaupten, aber man sollte ihm auch nicht alles bedingungslos abkaufen. Auch wenn ich mit diesen Aussagen an den Fundamenten der klassischen Wirtschaftstheorie rüttele, mit meiner Meinung stehe ich längst nicht mehr alleine da.“

„So, so“, dachte Tom und stellte sich bildlich vor, wie diese schmächtige Person in ihrem grauen Anzug mit der zu kurzen Hose mit beiden Armen einen mächtigen Sockel umklammert, der sich natürlich keinen Millimeter bewegt. Sein Haar, grau wie sein Anzug, steht dagegen ob der vergebenen Kraftanstrengung nur umso wirrer in alle Richtungen.

„Mittlerweile gibt es Zweifel an Hoko nicht nur in einschlägigen Akademikerkreisen, sondern sie sind im wahrsten Sinne des Wortes längst auf der Straße angekommen. Zum Beispiel in Deutschland, im Spätherbst 2011.

Gut drei Jahre war es damals her, dass mit dem Kollaps der US-amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers die Finanzwelt an den Rand des Zusammenbruchs geriet. Kaum war diese Krise ausgestanden, folgte die Staatsschuldenkrise im Euroraum, ausgelöst durch die drohende Zahlungsunfähigkeit Griechenlands. Fast täglich gab und gibt es neue Hiobsbotschaften, ein Krisengipfel jagt den nächsten. Für jeden Bürger spürbar, hängt ein Damoklesschwert über Europa. Während den Verantwortlichen in Politik, Wirtschaft und den Finanzmärkten ein scharfer Wind entgegen bläst, große Unsicherheit und auch Panik herrschen, wird in den Hörsälen der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten business as usual betrieben. Während draußen das Chaos regiert, erfahren die Studenten drinnen von selbstregulierenden Kräften der Märkte, von Gleichgewichten und Effizienz, die sich von selbst einstellen. Die ‚unsichtbare Hand‘ von Adam Smith, einem der wichtigsten Theoretiker der klassischen Wirtschaftswissenschaften, lässt grüßen. Diese steht, verkürzt gesagt, für das Postulat, dass die Verfolgung von Eigeninteressen Einzelner zu allgemeinem Wohlstand führt.“

Professor Mons blickte über seine randlose Brille in den Saal und musterte für ein paar Sekunden sein Publikum. „Ich denke, Hoko kann sich glücklich schätzen, kein Wesen aus Fleisch und Blut zu sein. Speziell in Südeuropa dürfte es zurzeit mehr als genug gebeutelte Menschen geben, die ihn gerne vermöbeln würden.“ Professor Mons grinste breit, offenbar sehr zufrieden mit seiner Pointe.

„Kaum öffnen sich jedoch die Türen der Universitäten“, fuhr er fort, „sind die Studenten wieder mit der rauen Wirklichkeit konfrontiert, die so gar nicht zu dem theoretischen Rüstzeug aus dem Studium passen mag. Die Gegensätze zwischen Theorie und Praxis – selten tat sich eine so große Kluft auf. Der Widerspruch zwischen den Modellen aus den Hörsälen und den täglichen Hiobsbotschaften zu Staatsfinanzkrisen und Börsenmärkten, fehlende Antworten der Wissenschaftler auf die aktuellen Geschehnisse rund um die Euro-Krise, die die wirtschaftliche und politische Zukunft eines ganzen Kontinents bedrohen – zu groß, um weiter ignoriert zu werden.

So groß, dass sich an mehreren deutschen Universitäten Studenten selbst organisieren, um eigene Vorlesungen zu veranstalten, um Antworten auf die aktuellen Krisen zu finden, die ihnen die universitäre Lehre schuldig bleibt. Auch wenn sich mit der Verhaltensökonomie – wir werden später noch darauf zurückkommen – schon länger eine wissenschaftliche Disziplin etabliert hat, die den klassischen ökonomischen Ansätzen mit alternativen Annahmen entgegentritt, traten die Unzulänglichkeiten der klassischen wirtschaftswissenschaftlichen Modelle noch nie so offen zu Tage wie in den aktuellen Krisenzeiten. Höchste Zeit, sich näher mit einem der Grundpfeiler der klassischen Ökonomie zu beschäftigen: Hoko.“

„Will er jetzt mal soeben die ganze klassische Wirtschaftstheorie in den Orkus schicken?“

„Na ja, ganz so drastisch wird es nicht werden, aber in die Richtung geht’s schon“, meldete sich sein Nachbar wieder. Tom hatte anscheinend laut gedacht.

„Sehr anregend, was er zu sagen hat, ich war schon mal in einem seiner Vorträge. Es wird Ihnen sicher gefallen – es sei denn Sie sind glühender Verehrer der Chicagoer Schule.“

„Glühend vielleicht nicht, aber natürlich haben die recht. Ergatter du da erst mal einen Studienplatz …“

Diesmal hatte er nicht zu laut gedacht.

Kapitel 3 - Hoko Teil II

Für Annegret war es schon der vierte Kongress des VPHV an dem sie teilnahm. Wie schon bei den letzten Veranstaltungen schaffte sie es auch diesmal nicht, sich rechtzeitig für den ersten Vortrag im Kongresszentrum einzufinden. Ein nicht oder zu leise klingelnder Wecker, die falsche Buslinie, der stockende Morgenverkehr – es gab deutlich mehr Gründe zu spät zu kommen als Kongresstage. Zweifellos war es ein Vorteil, dass die Cafeteria nun wie ausgestorben war. Hier gab es jetzt keinen Stau und damit freie Fahrt für Annegret zu einem schönen großen Milchkaffee. Sie setzte sich an einen der zahlreichen freien Tische und entnahm ihrem Rucksack ein in Butterbrotpapier gewickeltes Etwas, das sich schließlich als dunkle Vollkornsemmel aus groben Korn mit einem Salatblatt und vermutlich Streichkäse in der Mitte entpuppte. Vollkornsemmel kauend und Milchkaffe schlürfend beugte sie sich über die Kongressagenda.

„Okay, gerade läuft der Homo oeconomicus. Dann wird das dieses Jahr wohl nichts mit einer näheren Bekanntschaft mit ihm“, murmelte sie vor sich hin. „Aber vielleicht kommt er ja nächstes Jahr wieder, der Herr Oeconomicus.“ Dann stöhnte sie kurz, aber deutlich vernehmbar auf. „Ach je, das geht ja gut los. Ausgerechnet. Da habe ich ja eigentlich gar keine Lust drauf. Aber genau dieses Thema hat mir Chris ans Herz gelegt.“ Annegret war am Tagesordnungspunkt Nummer zwei der Agenda angekommen. „Dann hör ich mir das halt an, wenn ich schon den ersten Vortrag verpennt habe.“

„Hoko - treuer Begleiter jedes Wirtschaftsstudenten und Grundpfeiler der klassischen Wirtschaftstheorie. Falls ihr auch zum Millionenheer aktiver oder ehemaliger Wirtschaftsstudenten gehört, erzähle ich Euch nichts Neues – noch nicht. Ihr kennt Hoko: Streng rational handelnd, die eigenen Interessen immer fest im Blick, strebt er stets nach dem größtmöglichen Nutzen. Er kennt alle relevanten Informationen, vergisst nichts, hat klare Präferenzen und kennt keine Stimmungsschwankungen. Auf ihn ist Verlass. Ein enormer Wettbewerbsvorteil, der ihn zur zentralen Figur zahlloser Wirtschaftsmodelle und Theorien befördert hat.

Auch wenn auf den ersten Blick ersichtlich ist, dass Hoko übermenschliche Fähigkeiten besitzt - wer ist etwa schon frei von jeglichen Gedächtnislücken oder im Stande, sich generell alle notwendigen Informationen zu besorgen und zu merken? - so liegt doch die Annahme zugrunde, dass er menschliches Verhalten hinreichend genau repräsentiert, um ihn und seine Eigenschaften als Basis wirtschaftlicher Modelle einzusetzen. Aber ist diese Annahme gerechtfertigt? Oder ist die Diskrepanz zum realen menschlichen Verhalten nicht vielleicht viel größer als angenommen, möglicherweise zu groß, um viele wirtschaftliche Phänomene mit klassischen, den Hoko bemühenden Modellen erklären zu können?

Im Gegensatz zu Hoko besitzen reale Wirtschaftsakteure – also Sie, ich, wir alle - weder vollkommene Informationstransparenz noch ist ihre Nutzenmaximierung auf monetäre Vorteile begrenzt. Vollkommene Information ist entweder nicht verfügbar, beziehungsweise zu ökonomischen Kosten nicht zu erlangen, die Aufnahme und oder Verarbeitungskapazität ist vorzeitig erschöpft oder die Informationssuche wird in einem bestimmten Stadium bewusst eingestellt, weil ein befriedigendes Informationsniveau scheinbar erreicht ist. Unter diesen Umständen – und ich denke Sie stimmen mir zu, dass dies, wenn auch bedauerlicherweise, auch auf Sie zutrifft - sprechen wir von begrenzter Rationalität.

Wir, die echten Akteure, zeichnen uns gegenüber Hoko zudem durch vielfältigere Interessen aus. Wir sind nicht ausschließlich am monetären Nutzen orientiert, sondern berücksichtigen auch subjektive Motive und Bedürfnisse sowie unseren spezifischen Informationsstand. Da hier individuelle Faktoren eine Rolle spielen, sprechen wir hier von subjektiver Rationalität.

Wir alle handeln also begrenzt und subjektiv rational im Sinne der gerade gegebenen Definition. Unser Verhalten ist deshalb für Außenstehende oft nicht nachvollziehbar oder vorhersagbar, weil es auch von subjektiven, nicht beobachtbaren Faktoren bestimmt wird.

Bei Hoko hingegen spricht man von objektiv rationalem Verhalten. Seine Reaktionen sind für andere bei entsprechender Informationstransparenz nachvollziehbar und vorhersagbar, da sie durch keinerlei individuelle, nicht beobachtbare Größen beeinflusst werden. Das ist natürlich ziemlich praktisch, und genau diese Eigenschaften machten ihn zum prominenten Akteur der neoklassischen Wirtschaftstheorie.

Nun, wie vorhin schon erwähnt, ist Hoko in letzter Zeit vermehrt ins Gerede gekommen. Zu offensichtlich sind alleine schon die erörterten Unterschiede des Modellathleten im Vergleich zu tatsächlichen Wirtschaftsakteuren, zu uns echten Menschen. Zu viele wirtschaftliche Phänomene, die durch klassische ökonomische Modelle nicht zu erklären sind. Zu groß der Erklärungsnotstand bei großen Krisen wie der Finanzkrise 2008 oder der Eurokrise 2011 oder weniger dramatischen Entwicklungen, als dass die klassische Ökonomische Theorie auf Dauer das Monopol für die Modellierung wirtschaftlicher Zusammenhänge für sich beanspruchen könnte.“

„Ich habe doch nicht an den renommiertesten Instituten überhaupt studiert, um mir hier in dreißig Minuten erklären zu lassen, dass das alles Humbug ist“, rumorte es mächtig in Tom. „Wo lehrt der Typ überhaupt? In Harvard habe ich ihn jedenfalls nicht gesehen. Und in Chicago auch nicht.“

„Ich bin ja selbst ein klassisch ausgebildeter Ökonom“, fuhr Professor Mons fort, „und habe jahrelang all die Modelle studiert und dann selbst gelehrt. Ich war dann allerdings, sagen wir, flexibel genug, zu erkennen, dass die Modellannahmen und Werkzeuge viele Antworten schuldig bleiben und es andere Erklärungsansätze geben muss. So bin ich in den 80er Jahren – und ich darf das in aller Bescheidenheit sagen, zum Mitbegründer der Verhaltensorientierten Ökonomie geworden, die sich inzwischen maßgeblich etabliert hat. Was machen wir in der Verhaltensökonomie? Na ganz einfach – wir schauen uns an, wie Menschen tatsächlich handeln. Nicht Hoko, sondern Menschen aus Fleisch und Blut, wie Sie und ich! Darauf kommt’s doch an, oder nicht? Und wie machen wir das? Auch ganz einfach: Wir machen Experimente und beobachten, was passiert. Wir studieren also menschliche Verhaltensweisen, insbesondere in wirtschaftlichen Situationen natürlich. Und da können wir sehr genau feststellen, dass Menschen eben häufig ganz anders reagieren, als Hoko das tun würde. Oder würde Hoko zum Beispiel freiwillig auf Geld verzichten? Richtig, würde er nicht. Sie würden das aber sehr wohl tun!“

Im Publikum macht sich hörbar Widerspruch breit, vereinzelt sind Kommentare wie „von wegen“, „ich nicht“ oder „hat der `ne Ahnung“ zu hören.

„Ahh, wie ich höre, scheinen Sie nicht ganz überzeugt zu sein. Geben Sie mir drei Minuten, und sie werden mir zustimmen. Alle!“

Kapitel 4 - Ultimaten und Diktatoren

„Ja hallo Annegret, auch wieder bei den Piloten?“ Annegret, noch ganz in die Agenda vertieft, hatte Siegbert gar nicht kommen hören, der auch schon sein gut gefülltes Tablett auf ihrem Tisch abstellte und direkt gegenüber von ihr Platz nahm. „Ich darf mich doch zu dir setzen, alleine frühstücken bringt’s ja nicht wirklich. Sag‘ mal, wie geht’s dir denn?“ Siegbert nahm einen großen Schluck frisch gepressten Orangensaft und widmete sich dann nahtlos seinem Frühstücksomelette XXL mit allem.

„Hallo, ja, äh gut. Ich meine, mir geht es gut, und dir?“

„Alles roger“, antwortete Siegbert und schob sich die nächste Ladung Omelette in den Mund. „Bin gerade im Tiefflug hierher und habe jetzt einen Bärenhunger, bin um halb sechs Uhr aufgestanden.“

„Bist du mit dem Flugzeug hier?“

„Nein, nein, mit dem Auto. Hab‘ ein neues, hundert PS mehr als das alte. Macht echt Spaß das Teil. So, jetzt erst mal frühstücken, dann ein bisschen telefonieren und dann geht’s los.“

„Viel Zeit hast du aber nicht mehr, in ein paar Minuten beginnt der nächste Vortrag.“

„Den Vormittag schenk ich mir. Ich hab‘ ja BWL studiert, insofern sollte das nichts Neues für mich sein.“ Annegret seufzte.

„Für mich sind das alles böhmische Dörfer und könnten es von mir aus auch gerne bleiben. Aber Chris meinte, ich soll mir das anhören. Also ich geh dann mal. Bis später.“

„Ist Chris denn auch da?“

„Jaah“, rief sie im Gehen noch zurück und eilte zum Lift. Sie wollte nicht zu spät kommen. Umso erstaunter war sie, als sie die schwere Türe zum Vortragssaal öffnete – der Vortrag hatte offenbar schon begonnen.

„Zu unseren bekanntesten Experimenten gehört das sogenannte Ultimatum-Spiel“, hörte sie den Referenten sagen, während sie sich einen freien Platz suchte.

„In der Grundform dieses Spieles verfügt ein Spieler über eine bestimmte Summe Geld, zum Beispiel zehn Euro. Von diesem Geld kann er einem zweiten Spieler einen beliebigen Teil anbieten. Akzeptiert der zweite Spieler den ihm angebotenen Anteil, so darf er diesen behalten und Spieler eins seinen verbliebenen Anteil. Verweigert Spieler zwei die Annahme seines Anteils, so gehen beide Spieler leer aus. Beide Spieler kennen die Spielregeln. Die Spieler kennen sich nicht und können nicht miteinander kommunizieren, haben also keinerlei Konsequenzen aus ihrem Spielverhalten zu befürchten.

Verhielten sich beide Spieler rational im Sinne des Homo oeconomicus, so wäre zu erwarten, dass Spieler eins den kleinstmöglichen Anteil, also einen Cent abgibt, und Spieler zwei diesen, wenn auch kleinen, Anteil akzeptiert. Ich denke, wir sind uns einig, dass Hoko also jede Summe akzeptieren würde, schließlich ist auch wenig Geld besser als kein Geld, richtig? Schließlich macht er damit immer noch ein besseres Geschäft - individuelle Nutzenmaximierung! - als darauf zu verzichten, nur um den anderen Spieler zu ärgern. Und jetzt frage ich Sie: Wie würden Sie reagieren, wenn Ihnen, sagen wir, ein Euro angeboten würde?“

Das Publikum reagierte postwendend, eindeutige Kommentare und Zwischenrufe waren zu hören.

„Meine Herren, ich muss schon bitten, keine Kraftausdrücke bitte! Aber genau darum geht es. Sie reagieren emotional! Sie sind sauer, weil der Spieler eins Ihnen so wenig anbietet und selber mit neun Euro nach Hause gehen will. Und natürlich wischen Sie ihm lieber eins aus und lassen ihn leer ausgehen, auch wenn Sie das selbst einen Euro kostet! Schöne Grüße an Hoko!

Tatsächlich ist ein rationales Verhalten, wie es Hoko an den Tag legen würde, bei diesem Spiel so gut wie nie zu beobachten. Niedrigangebote unter zwei Euro werden für gewöhnlich zurückgewiesen. Das gilt übrigens weltweit. Na ja, fast. Es gibt wohl das eine oder andere Primitiven-Reservat, wo andere Vorstellungen von Gerechtigkeit herrschen. Die Machiguengas im Amazonasregenwald zum Beispiel akzeptieren auch Kleinstbeträge. Aber das ist nicht unser Thema. Wir laufen ja nicht im Lendenschurz rum.

Entscheidend ist im Übrigen nicht der Betrag von zum Beispiel einem Euro, sondern die Absicht des Gegenspielers. Wenn wir wissen, dass er, aus welchen Gründen auch immer, nur einen Euro bieten kann oder auch gar keinen, wird das in der Regel akzeptiert. Wenn er aber auf unsere Kosten einfach nur möglichst viel abstauben will, bestrafen wir ihn lieber dafür. Das aktiviert das Belohnungsareal in unseren Gehirnen, und diese Genugtuung ist uns offenbar mehr wert als ein oder zwei Euro. Solche Areale hat Hoko natürlich nicht …

Die meisten Spieler machen aber übrigens auch keine Niedrigangebote. Der anbietende Spieler wird also entweder durch sein eigenes Gerechtigkeitsempfinden geleitet, auch den anderen Mitspieler substantiell zu beteiligen, oder er antizipiert aus reinem Eigeninteresse die Unfairness-Aversion seines Mitspielers, die diesen zu niedrige Beträge ablehnen lässt.“

„Irgendwie habe ich mir das mit viel mehr Mathe vorgestellt. Gar nicht so uninteressant“, dachte sich Annegret.

Dass sie eine halbe Stunde zu früh dran war, und der Vortrag „Klassische Entscheidungsinstrumente“, in dem sie sich wähnte, noch gar nicht begonnen hatte, ahnte sie nicht.

„Noch interessanter wird das Ganze, wenn Spieler zwei das Angebot annehmen muss. Diese Variante ist als Diktator-Spiel bekannt. Spieler eins muss also keine Zurückweisung befürchten und kann seinen Anteil auf jeden Fall behalten. Was würde Hoko anbieten? Nichts! Warum sollte er etwas anbieten, wenn er alles für sich behalten kann? Und was bieten Menschen tatsächlich an? Empirische Untersuchungen zeigen, dass nun fast doppelt so viele Menschen Halbe-Halbe anbieten als im ursprünglichen Ultimatum Spiel. Ja, Sie haben richtig gehört - die Leute bieten sogar mehr an und nicht weniger! Ist das nicht verrückt? Hoko hätte für diese Zeitgenossen bestenfalls Kopfschütteln übrig. Aber das ist ja in der Tat merkwürdig, nicht? Wenn mir die Zeit nicht davonlaufen würde, wie ich soeben sehe, würde ich Ihnen das Phänomen gerne erklären. Denken Sie also selber darüber nach, die Mentees unter Ihnen können das ja auch mit ihren Mentoren diskutieren. Ich möchte in der verbleibenden Zeit nämlich noch einen Schritt weiter mit Ihnen gehen.“

„Spieler zwei ist ja jetzt eine arme Wurst, ganz hilflos. Den betrüge ich doch nicht“, dachte sich Annegret.