Die Psychologie der Massen - Gustav Le Bon - E-Book

Die Psychologie der Massen E-Book

Gustav Le Bon

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  • Herausgeber: neobooks
  • Kategorie: Ratgeber
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2021
Beschreibung

1895 erschien sein bedeutendstes Werk „Die Psychologie der Massen“, das ihn zum Begründer der sog. „Massenpsychologie“ machen sollte. Der Einfluss seines Werkes ist beträchtlich: es wurde zur Pflichtlektüre für alle, denen es um eine gewisse Wirkung in der Öffentlichkeit geht – damit auch für Politiker und Diktatoren, die es zur Verfeinerung ihrer Propagandatechniken einsetzten.

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Seitenzahl: 222

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Gustav Le Bon

Die Psychologie der Massen

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Die Psychologie der Massen

Das Ende der Kultur

Individuum und Masse sind kein Widerspruch

Pychologie der Masse

Das Zeitalter der Massen

Entwicklung des gegenwärtigen Zeitalters - Die Massen als Zerstörerinnen der Kultur

Die Massen und der Staatsmann

Die Massenseele

Gefühle und Sittlichkeit der Massen

Beispiele von Kollektivhalluzinationen

Zeugnis von Frauen und Kindern

Bildung von Legenden

Überschwang (exagération) und Einseitigkeit (simplisme) der Massengefühle

Unduldsamkeit, Herrschsucht (autoritarisme) und Konservatismus der Massen

Sittlichkeit der Massen

Ideen, Urteile und Einbildungskraft der Massen

Die Ideen der Massen

Die Urteile der Massen

Die religiösen Formen, die alle Überzeugungen der Masse annehmen

Die Meinungen und Glaubenslehren der Massen

Die Führer der Massen und ihre Überzeugungsmittel

Grenzen der Veränderlichkeit der Grundanschauungen und Meinungen der Massen

Entfernte Triebkräfte der Glaubenslehren und Meinungen der Massen

Unmittelbare Triebkräfte der Anschauungen der Massen

Die Führer der Massen und ihre Überzeugungsmittel

Rolle und Macht der Führer

Impressum neobooks

Die Psychologie der Massen

Der Franzose Gustav Le Bon lebte von 1841 bis 1931. Im zarten Alter von knapp sieben Jahren wurde er 1848 Augenzeuge der Unruhen der sog. „Februarrevolution“. 1871 erlebte er dann die turbulenten Zeiten der „Pariser Kommune“. Beide Ereignisse haben bei Gustav Le Bon einen tiefen Eindruck hinterlassen.

Obwohl eigentlich Mediziner, interessierte sich Le Bon zeit seines Lebens für die Psyche des Menschen – aber nicht für die Psyche des Einzelnen, sondern dafür, wie die Menschen sich als Gruppe verhalten. Le Bon unternahm viele Reisen, kämpfte 1870 als Soldat im deutsch-französischen Krieg – immer mit der Frage im Hinterkopf: was passiert da eigentlich, wenn der Mensch nicht einzeln ist, sondern sich in der Masse befindet? Wie reagiert er? Wie denkt er? Wie fühlt er? Was beeinflusst ihn?

1895 erschien sein bedeutendstes Werk „Die Psychologie der Massen“, das ihn zum Begründer der sog. „Massenpsychologie“ machen sollte. Der Einfluss seines Werkes ist beträchtlich: es wurde zur Pflichtlektüre für alle, denen es um eine gewisse Wirkung in der Öffentlichkeit geht – damit auch für Politiker und Diktatoren, die es zur Verfeinerung ihrer Propagandatechniken einsetzten.

Wenn der Mensch in einer Masse ist, so fühlt und handelt er nicht mehr als Einzelner, sondern als Teil der Masse. Diese Masse fühlt und handelt nun gemeinsam, sie bildet, so Le Bon, eine „Massenseele“.

Massenbewegungen waren schon immer ein beherrschendes Thema der Politik Europas auch im 21. Jahrhundert. Von der Wissenschaftstheorie seither eher vernachlässigt, zeigt sich: Auch im Zeitalter des Individualismus spielen sie eine große Rolle. Und sind gefährlich wie eh und je.

Einige Zeit ist vergangen seit das Hauptwerk des Psychologen Gustave Le Bon, „Psychologie der Massen“, 1895 erstmals erschien. Erschreckend aktuell ist die Lektüre nichtsdestotrotz: „Heute werden die Forderungen der Massen nach und nach immer deutlicher und laufen auf nichts Geringeres hinaus als auf den gänzlichen Umsturz der gegenwärtigen Gesellschaft, um sie jenem primitiven Kommunismus zuzuführen, der vor dem Beginn der Kultur der normale Zustand aller menschlichen Gemeinschaft war. Begrenzung der Arbeitszeit, Enteignung von Bergwerken, Eisenbahnen, Fabriken und Boden, gleiche Verteilung aller Produkte, Abschaffung aller oberen Klassen zugunsten der Volksklassen usw. – das sind ihre Forderungen.“ Im Grunde prägen diese Beispiele den politischen Diskurs nach wie vor. Auch den gegenwärtigen. Nun mag es sein, dass die streitbarsten Themen immer die streitbarsten Themen bleiben, doch wovor Le Bon warnte, war das Zeitalter der Massen. Zu Recht, denn: Es endete nie.

Das Ende der Kultur

Le Bons Einsicht war folgende: Durch die Bildung einer Masse entstünde zwischen den Individuen ein neuer sozialer und psychischer Zustand. Dadurch verändere sich die Situation des Individuums in der Masse. Dieser neue psychische Zustand, so Le Bon, sei mit dem Zustand von Menschen unter Hypnose vergleichbar – durch Nachahmung verbreitet er sich zudem auf viele weitere Menschen. Dabei tritt das kollektive Wir an die Stelle des individuellen Ichs: „Die bewusste Persönlichkeit ist völlig ausgelöscht, Wille und Unterscheidungsvermögen fehlen, alle Gefühle und Gedanken sind in die Sinne verlegt, die durch den Hypnotiseur beeinflusst werden.“ Für Le Bon liegt die Dramatik darin, dass dies den Anfang des Endes der Kultur und Zivilisation bedeute. Durch die Tatsache, Glied einer Masse zu sein, stiege der Mensch gleich mehrere Stufen von der Leiter der Kultur herab.

Hier haken die Philosophen Gunter Gebauer und Sven Rücker ein, die mit Vom Sog der Massen und der neuen Macht der Einzelnen einen umfassenden Überblick über die Wissenschaftstheorie und -geschichte und darüber hinausgehende Entwicklungen zum Thema Massen vorlegen. Sie meinen, Le Bon fehle der Blick aus dem Inneren der Masse – er reklamiere moralische Autorität, ohne sich dem Gegenstand methodisch anzunähern. Eine völlig andere Konzeption der Masse als bei Le Bon findet sich bei Sigmund Freud: Er wendete seine, für die individuelle Psyche gewonnenen Erkenntnisse auf Massenbewegungen an und formulierte sie in Massenpsychologie und Ich-Analyse aus. Anders als Le Bon, so bemerken Gebauer und Rücker, erschließt sich Freud nun der Blick vom Inneren der Masse. Die Hypnosetheorie übernimmt Freud von Le Bon, betont aber, dass das Individuum in der Masse keine neuen Eigenschaften erhielte, vielmehr würde das durch die Menschenmenge veränderte Ich vom Unterbewusstsein gelenkt: Es sind „Eben Äußerungen dieses Unterbewussten, in dem ja alles Böse der Menschenseele in der Anlage enthalten ist.“

Menschenschwärze

Wo Freud noch scheinbar zurückhaltend vom Bösen im Menschen, das sich bei Massenbewegungen offenbart, spricht, nimmt sich der Philosoph Peter Sloterdijk schon im Titel seiner Abhandlung zum selben Thema kein Blatt vor den Mund: Die Verachtung der Massen. Dabei setzt er sich vor allem mit dem für ihn wichtigstem Buch zum Thema auseinander, Elias Canettis Masse und Macht. Anders als andere Soziologen und Sozialpsychologen scheue sich Canetti, so Sloterdijk, nicht davor, die Masse als das zu benennen, was sie ist: ein purer Sog. Canettis Formulierung, „Plötzlich alles schwarz von Menschen“, nimmt Sloterdijk zum Anlass, die demokratie- und vernunftsgefährdenden Eigenschaften von Massen zu benennen: „In diesem Augenblick kollabiert die vernunftromantische Vision vom demokratischen Subjekt, das wissen könnte, was es will; der Traum vom selbsttransparenten Kollektiv ist verflogen, das sozialphilosophische Phantasma von einer Umarmung zwischen Weltgeist und Kollektiv zerschellt an einem Block aus unauflöslicher Dunkelheit: Menschenschwärze.“

„Die postmoderne Masse ist Masse ohne Potential, eine Summe aus Mikroanarchismen und Einsammelten“.

Peter Sloterdijk

Dass das Zeitalter der Massen vorbei sei, wie von der Mehrheit der zeitgenössischen Soziologen behauptet, verneint Sloterdijk vehement. Die Massen hätten sich nur verändert, und zwar unter dem Einfluss der Massenmedien. Sie seien nun vielmehr anders: Bunte oder molekulare Massen.

Individuum und Masse sind kein Widerspruch

Auch Gebauer und Rücker stimmen mit Sloterdijk überein; obwohl wir in einer Gesellschaft der Individuen leben, sind die Massen nie verschwunden. Was wie Widerspruch klingt, argumentieren sie schlüssig, indem sie die neuen Massen von den populistischen Massen unterschieden. Beide entstehen dann, wenn viele Menschen zusammenkommen, sei es physisch oder virtuell, um ein gemeinsames Ziel zu verfolgen. Der Unterschied liegt mit Gebauer und Rücker darin, dass sich die von ihnen so bezeichneten neuen Massen nicht in einem Kollektivsubjekt Masse auflösen. Damit wollen sie die Vorstellung der bewusstlos agierenden Masse zurechtrücken. Auf die Massenphänomene der Gegenwart seien die klassischen Massentheorien nur mehr begrenzt anwendbar – die Teilnehmer an gegenwärtigen Massen feiern durch diese Teilnahme gerade ihre Individualität: „Die Einzelnen bilden als Fragmente die ganze Masse ab; diese nimmt den Charakter eines Individuums an.“ So entstünde die neue Macht der Einzelnen und der neuen Massen, was auch veranschaulicht, dass die neuen Massenphänomene den Einzelnen nicht aus kollektiven Zwängen befreien. Das Leben in einer pluralistischen Gesellschaft bedingt, dass konkurrierende Massen existieren, wodurch jede Masse dazu gezwungen wird, ihre Einzigartigkeit stets aufs Neue zu beweisen.

„Die Pluralisierung der Gesellschaft führ zu einer Pluralisierung der Massen“.

Gunter Gebauer/Sven Rücker

Den bitteren Beigeschmack des Destruktiven haben auch diese neuen Massen nicht verloren, vor allem, wenn man davon ausgeht, dass die politische Willensbildung in einer Demokratie von politischen Institutionen organisiert und artikuliert wird – anschauliches Beispiel ist die im Aufschwung befindliche Bewegung Extinction Rebellion, deren Mitgründer Roger Hallam sich nicht scheut, die Demokratie per se in Frage zu stellen.

Massen, Hysteria

Der Publizist Douglas Murray sieht in seinem jüngst erschienen Buch, Wahnsinn der Massen das grundsätzlich zu begrüßende Phänomen des Strebens nach einer besseren Gesellschaft in seinem Exzess als Problem. Wichtige Errungenschaften unserer Gesellschaft, wie dieGleichberechtigung zwischen den Geschlechtern, zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft und sexueller Orientierung, würden durch ausartende Massenhysterie untergraben, weil durch das ständige Ringen um die Anerkennung jedes Einzelnen über das Ziel hinausgeschossen wird. Und zwar im Namen der Identitätspolitik. Vor allem durch den Wettkampf der schon von Gebauer und Rücker erwähnten sich ständig vermehrenden unterschiedlichen Gruppen – oder: Massen – drohe eine Zukunft, in der Rassismus mit Rassismus beantwortet wird, in der die Reaktion auf geschlechtsbedingte Diskriminierung geschlechtsbedingte Diskriminierung ist: „Ist ein gewisser Punkt der Erniedrigung erst einmal erreicht, gibt es keinen triftigen Grund für Mehrheitsgruppen, nicht mit denselben Waffen zurückzuschlagen, die auch in ihrem Fall so wunderbar funktioniert haben.“ Anstatt die Gemüter zu beruhigen, kommt es zur ständigen Spannung und Reibung unterschiedlicher Gruppen. Hier spielt auch die gesellschaftliche Moral, die damit auf eine neue Grundlage gestellt wird, eine tragende Rolle, so Murray: „Aus dem Kampf um ihre (Anmerkung: Diskriminierte) Belange und dem Eintreten für ihre Anliegen ist eine Möglichkeit geworden, sich und der Welt zu beweisen, dass man zu den Guten gehört.“

Interessant ist, dass uns Identitätspolitik also, obwohl wir im Zeitalter des Individualismus leben, mit ihrem tribalistischen Gruppendenken wieder in die Wir-Form zu pressen versucht. Da es in einer pluralen Gesellschaft nun aber entsprechend viele Identitäten gibt, entstehen immer mehr, immer kleinere Gruppen. Eigentlich, wie es der Journalist Kevin D. Williamson in The smallest Minoritytreffend auf den Punkt bringt, wäre ja anzunehmen, dass das individuelle Denken des Einzelnen der Masse größter Feind ist. „What the mob hates above all is the individual, insisting on his own mind, his own morals, and his own priorities.” Und dabei geht es gar nicht um den Inhalt des Denkens des Individuums, sondern um die Tatsache, dass das Individuum denkt, was es will, ohne dass vorher mit der Masse abzusprechen und um Erlaubnis zu bitten. Wie kann es also sein, dass diese Gruppen dennoch funktionieren?

Das berühmteste dieser Bücher ist sicherlich „Der Fürst“ von Machiavelli. Ein weiteres Buch, das fast genauso berühmt ist, ist die „Psychologie der Massen“ von Gustav Le Bon und auch das Buch „Massenpsychologie und Ich-Analyse“ von Sigmund Freud ist sehr bedeutend.Es gibt Werke, die Wahrheiten aussprechen, die nicht schön sind. Sie blicken mit einer gewissen Gnadenlosigkeit auf die Realität und präsentieren dem Leser derart ungeschminkt die brutale Wahrheit über sich und seine Gesellschaft, dass man sich oft fragt, ob es gut ist, dass zu wissen, was einem da präsentiert wird.

Ganz allgemein kann man sagen, dass die Masse nicht rational, sondern emotional handelt. Le Bon spricht hier von einer „Herrschaft des Unbewussten“: der Einzelne verliert in der Masse seine persönliche Kritikfähigkeit, seine eigene Fähigkeit, die Dinge zu hinterfragen und zu durchdenken. Hierbei spielt es eigentlich keine Rolle, so Le Bon, wie gebildet jemand ist: als Teil der Masse wird er mitgezogen.

Die Masse denkt in Bildern. Sie braucht Material, das sofort und unmittelbar zu verarbeiten ist. Logik muss nur simuliert werden und das passiert, indem Dinge als miteinander verknüpft dargestellt werden, es aber nicht sind. Der Anschein reicht, und die Sache gilt als bewiesen – eine traurige Tatsache, die bis heute der Markenkern des Populismus ist. Die Wahrheit spielt keine Rolle: „Je dreister die Lügen, desto eher werden sie geglaubt.“

Dies macht die Masse sehr anfällig für „Führer“: eine Masse drängt zu einem Führer. Ohne einen Führer, d. h. ohne einen, der die Meinung vorgibt, ist die Masse wie eine Herde Schafe ohne Hirte, so Le Bon. Wenn es dem Führer gelingt, die Menge zu begeistern, bildhaft zu sprechen, die Emotionen zu wecken, gewinnt er Macht über sie.

Hierbei ist es ausgesprochen wichtig, immer Handlungen im Auge zu haben: die Masse will nicht denken, sie will etwas machen:

Diese Taten müssen zumindest scheinbar mit dem Weltbild der Masse verknüpft sein. Das Weltbild der Masse, so Le Bon, ist eher konservativ und religiös. Hintergrund ist wohl der Wunsch nach einem gewissen moralischen Halt, nach gemeinsamen Werten, der gerade in der Masse sehr präsent ist und der vor allem in der Tradition und in der Religion gestillt werden kann.

Bildung

Gustav Le Bon schaute sehr kritisch auf die Gesellschaften seiner Zeit, in der durch die Medien die Masse eine immer größere Rolle spielte. Le Bon sah den Untergang des damaligen Bildungsbürgertums und sah eine furchtbare Herrschaft der Massen aufziehen, die manipulierbar und verführbar sind.

Das oft vorgebrachte Rezept: „Es braucht mehr Bildung!“, wird von Le Bon sehr entschieden abgelehnt. Der Bildungsgrad des Einzelnen spielt in der Masse keine Rolle mehr. Le Bon spricht von einem „Bankrott der Wissenschaften“: diese haben zwar eine Wahrheit verkünden können, aber kein Glück und keinen Frieden.

Es ist hier sehr wichtig, darauf zu schauen, was Le Bon eigentlich unter „Bildung“ versteht. Damit meint er natürlich die Bildung seiner Zeit. Und die, so Le Bon, bestehe nur aus dem „Auswendiglernen von Texten und Büchern“, aber nicht in der Vermittlung der Dinge, auf die es im Leben wirklich ankommt: „Urteil, Erfahrung, Tatkraft und Charakter“.

Le Bon plädiert damit also durchaus für Bildung, aber eben für eine Bildung, die auf die wesentlichen Fragen des Lebens vorbereitet und den Menschen auf befähigt, politische Urteile abzugeben.

Demokratie?

Gustav Le Bons Schrift über die „Psychologie der Massen“ ist kein Werk, das einem großes Vertrauen in die Demokratie einflößt. Die Menge ist manipulierbar, sie ist sehr emotional und folgt demjenigen Führer oder derjenigen Sache, die auf diese emotionale Befindlichkeit hin ausgerichtet ist.

Diese Problematik zu leugnen oder als arrogant gegenüber dem „Volk“ darzustellen, ist naiv. Sowohl die Wahlen von Leuten wie Donald Trump oder Silvio Berlusconi (um nicht auf andere Gestalten der deutschen Vergangenheit verweisen zu müssen), aber auch die Volksabstimmung über den Brexit sind genau in dieser Lage entschieden worden. Die ersten Versuche der Demokratie im antiken Griechenland sind genau an dieser Befindlichkeit der Massen gescheitert.

Eine Konsequenz aus diesen uralten Erfahrungen ist das Parlament, und damit nicht die direkte, sondern die indirekte Herrschaft des Volkes. Eine andere Konsequenz ist die Gewaltenteilung des Staates.

Dennoch erweisen sich diese Sicherungsmechanismen oftmals als hilflos. Dies gilt gerade in diesen Zeiten, in denen durch das Internet und die sozialen Medien sehr schnell das erzeugt werden kann, was Le Bon die „Massenseele“ nennt.

Was ist zu tun?

Bildung: Le Bon selbst beschreibt die Bildung, die es braucht: „Urteil, Erfahrung, Tatkraft und Charakter“. Das wichtigste ist das Urteil. Bildung ist nicht identisch mit der Wissensvermittlung. Zu Le Bons Zeiten wurden Bücher auswendig gelernt, heute schaut man bei Wikipedia. Es darf in der Bildung nicht nur darum gehen, wie komme ich an Wissen heran, sondern wie gehe ich mit Wissen um: wie kann ich eine Situation rational beurteilen?

Schutz der Demokratie: Demokratie ist kein Selbstläufer und Demokratie heißt auch nicht nur: die Mehrheit entscheidet, was sie will. Demokratie lebt von bestimmten Werten (Meinungsfreiheit, Rechtsstaatlichkeit usw.), diese Werte müssen in der Bildung vermittelt werden, aber sie müssen auch effektiv geschützt werden. Dies heißt, sensibler als bisher auf diejenigen zu schauen, welche diese Werte angreifen und die sich der Mechanismen bedienen, die Le Bon beschrieben hat. Hier gilt es, besser hinzusehen und auch schneller als bisher einzuschreiten.

Pychologie der Masse

(Von Gustave Le Bon)

Meine frühere Arbeit war der Darstellung der Rassenseele gewidmet.*) Hier wollen wir die Massenseele untersuchen.

Der Inbegriff der gemeinsamen Merkmale, die allen Angehörigen einer Rasse durch Vererbung zuteilwurden, macht die Seele dieser Rasse aus. Wenn sich jedoch eine gewisse Anzahl solcher einzelnen massenweise zur Tat vereinigt, so zeigt sich, dass sich aus dieser Vereinigung bestimmte neue psychologische Eigentümlichkeiten ergeben, die zu den Rassenmerkmalen hinzukommen und sich zuweilen erheblich von ihnen unterscheiden.

Die organisierten Massen haben zu allen Zeiten eine wichtige Rolle im Völkerleben gespielt, niemals aber in solchem Maße wie heute. Die unbewusste Wirksamkeit der Massen, die an die Stelle der bewussten Tatkraft der einzelnen tritt, bildet ein wesentliches Kennzeichen der Gegenwart. Ich habe versucht, das schwierige Problem der Massen in streng wissenschaftlicher Weise zu behandeln, also methodisch und unbekümmert um Meinungen, Theorien und Doktrinen. Nur so, glaube ich, kommt man zur Erkenntnis der Wahrheit, besonders, wenn es sich, wie hier, um eine Frage handelt, die die Geister lebhaft erregt. Der Forscher, der sich um die Erklärung einer Erscheinung bemüht, hat sich um die Interessen, die durch seine Untersuchung berührt werden können, nicht zu kümmern. Ein ausgezeichneter Denker, Goblet d'Alviella, hat in einer seiner Schriften gesagt, ich gehöre keiner zeitgenössischen Kritik an und träte zuweilen in Gegensatz zu gewissen Folgerungen aller Schulen. Hoffentlich verdient die vorliegende Arbeit das gleiche Urteil. Zu einer Schule gehören heißt: deren Vorurteile und Standpunkte teilen müssen.

Ich muss jedoch dem Leser erklären, warum ich aus meinen Studien Schlüsse ziehe, welche von denen abweichen, die sich auf den ersten Blick daraus ergeben, z. B. wenn ich den außerordentlichen geistigen Tiefstand der Massen feststelle und doch behaupte, es sei ungeachtet dieses Tiefstandes gefährlich, die Organisation der Massen anzutasten.

Sorgfältige Beobachtung der geschichtlichen Tatsachen hat mir nämlich stets gezeigt, dass es ganz und gar nicht in unserer Macht steht, die sozialen Organismen, die ebenso kompliziert sind wie andere Organisationen, jäh tiefgehenden Umwandlungen zu unterwerfen. Zuweilen ist die Natur radikal, doch nicht so, wie wir es verstehen; daher gibt es nichts Traurigeres für ein Volk als die Leidenschaft der großen Umgestaltungen, so vortrefflich sie theoretisch scheinen mögen. Nützlich wären sie nur dann, wenn es möglich wäre, die Seelen der Völker plötzlich zu ändern. Die Zeit allein hat diese Macht. Die Menschen werden von Ideen, Gefühlen und Gewohnheiten geleitet, von Eigenschaften, die in ihnen selbst stecken. Einrichtungen und Gesetze sind Offenbarungen unserer Seele, der Ausdruck ihrer Bedürfnisse. Da die Einrichtungen und Gesetze von der Seele ausgehen, wird sie von ihnen nicht beeinflusst.

Das Studium der sozialen Erscheinungen lässt sich nicht von dem der Völker trennen, bei denen sie sich gebildet haben. Philosophisch betrachtet, können diese Erscheinungen unbedingten Wert haben, praktisch aber sind sie nur von bedingtem Wert.

Man muss also beim Studium einer sozialen Erscheinung dieselbe Sache nacheinander vn zwei ganz verschiedenen Gesichtspunkten aus betrachten. Wir sehen demnach, dass die Lehren der reinen Vernunft sehr oft denen der praktischen entgegengesetzt sind. Es gibt keine Tatsachen, auch nicht auf physischem Gebiet, auf die sich diese Unterscheidung nicht anwenden ließe. Vom Gesichtspunkt der unbedingten Wahrheit aus sind ein Würfel, ein Kreis unveränderliche geometrische Figuren, die mittels feststehender Formeln genau zu bestimmen sind. Für den Gesichtssinn können diese geometrischen Figuren sehr mannigfache Formen annehmen. In der Wirklichkeit kann die Perspektive den Würfel in eine Pyramide oder in ein Quadrat, den Kreis in eine Ellipse oder Gerade verwandeln. Und diese angenommenen Formen sind von viel größerer Bedeutung als die wirklichen; denn sie sind die einzigen, die wir sehen und die sich photographisch oder zeichnerisch wiedergeben lassen. Das Unwirkliche ist in gewissen Fällen wahrer als das Wirkliche. Es hieße, die Natur umformen und unkenntlich machen, wollte man sich die Dinge in ihren streng geometrischen Formen vorstellen. In einer Welt, deren Bewohner die Dinge nur abbilden oder fotografieren könnten, jedoch nicht berühren, würde man nur sehr schwer zu einer genauen Vorstellung ihrer Form gelangen, und die Kenntnis dieser Form, die nur einer geringen Zahl von Gelehrten zugänglich wäre, würde nur schwaches Interesse wecken.

Der Philosoph, der die sozialen Erscheinungen studiert, muss sich vor Augen halten, dass sie neben ihrem theoretischen auch praktischen Wert haben und dass dieser vom Gesichtspunkt der Kulturentwicklung der einzig bedeutsame ist. Das muss ihn sehr vorsichtig machen gegen die Folgerungen, welche die Logik ihm zunächst einzugeben scheint. Auch andere Gründe veranlassen ihn zur Zurückhaltung. Die sozialen Tatsachen sind so verwickelt, dass man sie in ihrer Gesamtheit nicht umfassen und die Wirkungen ihrer wechselseitigen Beeinflussung nicht voraussagen kann. Auch scheinen sich hinter den sichtbaren Tatsachen oft Tausende von unsichtbaren Ursachen zu verbergen. Die sichtbaren sozialen Tatsachen scheinen die Folgen einer riesigen, unbewussten Wirkungskraft zu sein, die nur zu oft unserer Untersuchung unzugänglich ist. Die wahrnehmbaren Erscheinungen lassen sich den Wogen vergleichen, welche der Oberfläche des Ozeans die unterirdischen Erschütterungen mitteilen, die in seinen Tiefen vorgehen, und die wir nicht kennen. In den meisten Fällen zeigt die Handlungsweise der Massen eine außerordentlich niedrige Geistigkeit; aber in anderen Handlungen scheinen sie von jenen geheimnisvollen Kräften gelenkt zu werden, welche die Alten Schicksal, Natur, Vorsehung nannten, die wir als die Stimmen der Toten bezeichnen, und deren Macht wir nicht verkennen können, so unbekannt uns auch ihr Wesen ist. Oft scheint es, als ob die Völker in ihrem Schoß verborgene Kräfte tragen, von denen sie geführt werden. Kann etwas verwickelter, logischer, wunderbarer sein als eine Sprache? Und entspringt nicht dies wohlgeordnete und feine Gebilde der unbewussten Massenseele? Die gelehrtesten Hochschulen verzeichnen nur die Regeln dieser Sprachen, wären aber nicht imstande, sie zu schaffen. Wissen wir sicher, ob die genialen Ideen der großen Männer ausschließlich ihr eigenes Werk sind? Zweifellos sind sie stets Schöpfungen einzelner Geister, aber die unzähligen Körnchen, die den Boden für den Keim dieser Ideen bilden, hat die Massenseele sie nicht erzeugt?

Gewiss üben die Massen ihre Wirkungskraft stets unbewusst aus. Aber vielleicht ist gerade dies Unbewusste das Geheimnis ihrer Kraft. In der Natur gibt es Wesen, die nur aus Instinkt handeln und Taten vollbringen, deren wunderbare Mannigfaltigkeit wir anstaunen. Der Gebrauch der Vernunft ist für die Menschheit noch zu neu und zu unvollkommen, um die Gesetze des Unbewussten enthüllen zu können und besonders, um es zu ersetzen. Der Anteil des Unbewussten an unseren Handlungen ist ungeheuer und der Anteil der Vernunft sehr klein. Das Unbewusste ist eine Wirkungskraft, die wir noch nicht erkennen können. Wollen wir uns also in den engen, aber sicheren Grenzen der wissenschaftlich erkennbaren Dinge halten und nicht auf dem Felde unbestimmter Vermutungen und nichtiger Voraussetzungen umherirren, so dürfen wir nur die Erscheinungen feststellen, die uns zugänglich sind, und müssen uns damit begnügen. Jede Folgerung, die wir aus unseren Beobachtungen ziehen, ist meistens voreilig; denn hinter den wahrgenommenen Erscheinungen gibt es solche, die wir undeutlich sehen, und hinter diesen wahrscheinlich noch andere, die wir überhaupt nicht erkennen.

Le Bon

Das Zeitalter der Massen

Entwicklung des gegenwärtigen Zeitalters — Die großen Kulturwenden sind die Folge von Wandlungen im Denken der Völker — Der Glaube der Neuzeit an die Macht der Massen — Er verändert die hergebrachte Politik der Staaten — Wie sich das Emporkommen der Volksklassen vollzieht und wie sie ihre Macht ausüben — Die Syndikate — Notwendige Folgen der Macht der Massen — Sie können nur eine zerstörerische Rolle spielen — Durch sie vollendet sich die Auflösung der zu alt gewordenen Kulturen — Allgemeine Unkenntnis der Psychologie der Massen — Wichtigkeit des Studiums der Massen für Gesetzgeber und Staatsmänner

Entwicklung des gegenwärtigen Zeitalters - Die Massen als Zerstörerinnen der Kultur

Allgemeine Symptome, die bei allen Nationen erkennbar sind, zeigen uns das reißende Anwachsen der Macht der Massen. Was es auch bringen mag, wir werden es ertragen müssen. Alle Anschuldigungen sind nur nutzloses Gerede. Vielleicht bedeutet der Aufstieg der Massen eine der letzten Etappen der Kulturen des Abendlandes, die Rückkehr zu jenen Zeiten verworrener Anarchie, die stets dem Aufblühen einer neuen Gesellschaft voranzugehen scheinen. Aber wie wäre er zu verhindern?

Bisher bestand die Aufgabe der Massen offenbar in diesen großen Zerstörungen der alten Kulturen. Die Geschichte lehrt uns, dass in dem Augenblick, da die moralischen Kräfte, das Rüstzeug einer Gesellschaft, ihre Herrschaft verloren haben, die letzte Auflösung von jenen unbewussten und rohen Massen, welche recht gut als Barbaren gekennzeichnet werden, herbeigeführt wird. Bisher wurden die Kulturen von einer kleinen, intellektuellen Aristokratie geschaffen und geleitet, niemals von den Massen. Die Massen haben nur Kraft zur Zerstörung. Ihre Herrschaft bedeutet stets eine Stufe der Auflösung. Eine Kultur setzt feste Regeln, Zucht, den Übergang des Triebhaften zum Vernünftigen, die Vorausberechnung der Zukunft, überhaupt einen hohen Bildungsgrad voraus — Bedingungen, für welche die sich selbst überlassenen Massen völlig unzugänglich sind. Vermöge ihrer nur zerstörerischen Macht wirken sie gleich jenen Mikroben, welche die Auflösung geschwächter Körper oder Leichen beschleunigen. Ist das Gebäude einer Kultur morsch geworden, so führen die Massen seinen Zusammenbruch herbei. Jetzt tritt ihre Hauptaufgabe zutage. Plötzlich wird die blinde Macht der Masse für einen Augenblick zur einzigen Philosophie der Geschichte.

Wird es sich mit unsrer Kultur ebenso verhalten? Es ist zu befürchten, aber wir wissen es noch nicht.

Wir müssen uns damit abfinden, die Herrschaft der Massen zu ertragen, da unvorsichtige Hände allmählich alle Schranken, die jene zurückhalten konnten, niedergerissen haben.

Wir kennen diese Massen, von denen man jetzt so viel spricht. Die Psychologen von Fach, die nicht in ihrer Nähe leben, haben sie stets ignoriert und sich mit ihnen nur in Bezug auf die Verbrechen beschäftigt, zu denen sie fähig sind. Zweifellos gibt es verbrecherische Massen, aber es gibt auch tugendhafte, heroische und noch viele andersartige Massen. Die Massenverbrechen bilden lediglich einen Sonderfall ihres Seelenlebens und lassen ihre geistige Beschaffenheit nicht besser erkennen als die eines Einzelwesens, von dem man nur seine Laster kennt.

Doch offen gestanden: Alle Herren der Erde, alle Religions- und Reichsstifter, die Apostel aller Glaubensrichtungen, die hervorragenden Staatsmänner und, in einer bescheideneren Sphäre, die einfachen Häupter kleiner menschlicher Gemeinschaften waren stets unbewusste Psychologen mit einer instinktiven und oft sehr sicheren Kenntnis der Massenseele; weil sie diese gut kannten, wurden sie so leicht Machthaber. Napoleon erfasste wunderbar das Seelenleben der französischen Massen, aber er verkannte oft völlig die Massenseele fremder Rassen*). Diese Unkenntnis veranlasste ihn, namentlich in Spanien und Russland, Kriege zu führen, die seinen Sturz vorbereiteten.

Übrigens verstanden sich seine klügsten Ratgeber nicht besser darauf. Talleyrand schrieb ihm, Spanien würde seine Soldaten als Befreier empfangen. Es empfing sie wie Raubtiere. Ein mit den Erbinstinkten der Rasse vertrauter Psychologe hätte diesen Empfang leicht voraussehen können.

Die Massen und der Staatsmann

Die Kenntnis der Psychologie der Massen ist heute das letzte Hilfsmittel für den Staatsmann, der diese nicht etwa beherrschen — das ist zu schwierig geworden —, aber wenigstens nicht allzu sehr von ihnen beherrscht werden will.