Die Ptolemäer - Stefan Pfeiffer - E-Book

Die Ptolemäer E-Book

Stefan Pfeiffer

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Beschreibung

Nach dem Zerfall des Reiches Alexanders des Großen übernahmen in den Diadochenkämpfen die Ptolemäer ganz Ägypten, das sie als Pharaonen bis zur Eingliederung in das römische Weltreich regierten. Unter ihrer 300-jährigen Herrschaft etablierte sich Ägypten zum wichtigsten, einflussreichsten und wirtschaftlich prosperierendsten Diadochenreich - die letzte Herrscherin, Kleopatra, fasziniert bis heute. Das Buch nimmt den Leser mit auf eine Reise durch die Geschichte Ägyptens in der hellenistischen Zeit und vermittelt die Grundlagen der antiken multikulturellen Welt am Ufer des Nils. Entlang der Reihe der Pharaonen wird der Leser in die Politikgeschichte Ägyptens eingeführt, gewinnt aber auch Einblicke in die Alltags-, Sozial-, Wirtschafts- und Religionsgeschichte.

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Seitenzahl: 529

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Stefan Pfeiffer

Die Ptolemäer

Im Reich der Kleopatra

Verlag W. Kohlhammer

Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

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Es konnten nicht alle Rechtsinhaber von Abbildungen ermittelt werden. Sollte dem Verlag gegenüber der Nachweis der Rechtsinhaberschaft geführt werden, wird das branchenübliche Honorar nachträglich gezahlt.

1. Auflage 2017

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-021657-0

E-Book-Formate:

pdf: ISBN      978-3-17-033595-0

epub: ISBN   978-3-17-033596-7

mobi: ISBN   978-3-17-033597-4

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»Ein Freund, ein guter Freund…«

Für Holger Kockelmann

 

Inhaltsverzeichnis

 

 

 

1 Vorwort

2 Ptolemaios I.

2.1 Das Erbe Alexanders des Großen

2.2 Ptolemaios, der Satrap Ägyptens

2.2.1 Ptolemaios und Alexander der Große

2.2.2 Ptolemaios als autonomer Stellvertreter des Königs

2.2.3 Der Zerfall der Reichseinheit

2.2.4 Die dynastische Anbindung an Alexander

2.3 Ptolemaios, der König Ägyptens

2.4 Der Thronfolger

2.5 Strukturen ptolemäischer Herrschaft

2.5.1 Der makedonische basileus Ptolemaios

2.5.2 Alexandria

2.5.3 Der Hof und die Freunde des Königs

2.5.4 Die Reichsverwaltung

2.5.5 Die Soldaten

2.5.6 Die ägyptischen Priesterschaften

3 Ptolemaios II.

3.1 Ptolemaios, der Thronfolger

3.2 Ptolemaios II. – Die Alleinherrschaft

3.2.1 Die neue Legitimation der Herrschaft

3.2.2 Pharao Ptolemaios II.

3.2.3 Gott und Göttin: Ptolemaios II. und Arsinoe II.

3.2.4 Die unter die Götter aufgenommene Göttin Arsinoe II.

3.2.5 Die ägyptische Göttin Arsinoe

3.3 Magas und der Erste Syrische Krieg

3.4 Die Verhältnisse in Griechenland

3.5 Der 2. Syrische Krieg

3.6 Das Wirtschaften der Ptolemäer

3.7 Städtegründungen

4 Ptolemaios III.

4.1 Der Dritte Syrische Krieg

4.2 Das hellenistische Königtum des dritten Ptolemäers

4.3 Das ägyptische Königtum des dritten Ptolemaios

4.4 Der König und die Fruchtbarkeit Ägyptens

4.5 Aktivitäten in Griechenland

5 Ptolemaios IV.

5.1 Die Nachfolgeproblematik

5.2 Die Quellenproblematik

5.3 Der Vierte Syrische Krieg

5.4 Lobpreis und Ehrungen des siegreichen Königs

5.5 Sarapis: Der Gott der Ptolemäer

5.5.1 Die »Heraufkunft« des Sarapis

5.5.2 Sarapis und der Herrscherkult

5.6 Die Jahre nach Raphia

5.7 Prophetische Texte

5.8 Der »Charakter« des Ptolemaios

6 Ptolemaios V.

6.1 Die seleukidische Eroberung Koilesyriens

6.2 Die ägyptischen Aufstände

6.2.1 Die oberägyptische Erhebung

6.2.2 Das Dekret von Rosette und das Jahr 197

6.2.3 Ptolemaios V. als Gott der ägyptischen Tempel

6.2.4 Das Ende der Aufstände

6.3 Die Ereignisse außerhalb Ägyptens

7 Ptolemaios VI. und Ptolemaios VIII.

7.1 Die Regentschaft der Königswitwe

7.2 Die Regentschaft von Eulaios und Lenaios

7.3 Die erste Samtherrschaft

7.3.1 Der Sechste Syrische Krieg

7.3.2 Weissagungen zum Sechsten Syrischen Krieg

7.4 Die zweite Samtherrschaft

7.5 Die Herrschaft Ptolemaios’ VI. und Kleopatras II.

7.6 Die Herrschaft Ptolemaios’ VIII. und Kleopatras III.

7.6.1 Ptolemaios VIII. und Alexandria

7.6.2 Der fette König

7.6.3 Ptolemaios VIII. und die Juden Ägyptens

7.7 Zwischen Geschwisterkrieg und Versöhnung

7.7.1 Ptolemaios VIII. und die Tempel

7.7.2 Ptolemaios’ VIII. gelungener Ausgleich

7.7.3 Die Lage an der Südgrenze Ägyptens

8 Ptolemaios IX., X. und XI.

8.1 Die erste Herrschaft Ptolemaios’ IX. in Alexandria

8.2 Die Herrschaft Ptolemaios’X. Alexander I.

8.3 Die zweite Herrschaft Ptolemaios’ IX. Soter II.

8.4 Ptolemaios XI.

8.5 Lokale Eliten im ersten Jahrhundert

9 Ptolemaios XII.

9.1 Die erste Herrschaftsphase Ptolemaios’ XII.

9.1.1 Der Pharao Ptolemaios XII.

9.1.2 Das angefochtene Königtum

9.2 Die Alleinherrschaft Berenikes IV.

9.3 Die zweite Herrschaftsphase Ptolemaios’ XII.

10 Kleopatra VII.

10.1 Ptolemaios XIII.

10.1.1 Der Alexandrinische Krieg

10.1.2 Kleopatra und Caesar in der antiken Literatur

10.2 Ptolemaios XIV.

10.3 Ptolemaios XV.

10.3.1 Kleopatra und Antonius in der antiken Literatur

10.3.2 Die Kleopatra und ihre Untertanen in Ägypten

10.3.3 Der letzte Kampf um das Ptolemäerreich

11 Epilog

12 Anmerkungen

13 Karten

14 Stemma

15 Literatur

15.1 Übersetzungen

15.2 Forschungsliteratur

16 Register

16.1 Personenregister

16.2 Ortsregister

16.3 Sachregister

1

Vorwort

 

 

 

»Ich bin alles, was da war, ist und sein wird; und kein Sterblicher hat je mein Gewand aufgedeckt.«

Plutarch, De Iside et Osiride 9

Am 5. Mai des Jahres 218,1 es war das vierte Jahr der Herrschaft Ptolemaios’ IV., begab sich der griechische Reitersoldat Herakleides aus privaten Gründen in das ägyptische Dorf Psya. Der Ort lag inmitten Ägyptens, im Faijum, einer vom Nil gespeisten Oase in der libyschen Wüste. Die aus Makedonien stammenden Pharaonen hatten hier einen Großteil ihrer nichtägyptischen Soldaten angesiedelt, und Ägypter und Fremde lebten Dorf an Dorf und teilweise auch Tür an Tür. Als Herakleides nun arglos durch die Straßen von Psya ging, traf ihn plötzlich ein Schwall abgestandenen Urins aus dem Obergeschoss eines Hauses. Die Ägypterin Psenobastis hatte, wie der Grieche in einer Klageschrift schreibt, ihren Nachttopf ausgeleert und den Spaziergänger dabei – möglicherweise eher willentlich als aus Versehen – mit ihren Exkrementen überschüttet. Verständlicherweise entbrannte daraufhin ein heftiger Streit zwischen Herakleides und der Ägypterin, der darin mündete, dass nicht etwa der Mann, sondern die Frau handgreiflich wurde, Herakleides anspuckte und ihm das Gewand von der Brust riss. In welcher Sprache die beiden miteinander stritten, ob sie sich überhaupt verstanden, bleibt offen. Klar ist, dass der Grieche nicht einmal den korrekten Namen der Dame verstanden hatte, denn Psenobastis – »Der Sohn der Bastet« – ist ein Männername! Die Ägypterin wird also korrekt Thenobastis – »Die Tochter der Bastet« – geheißen haben. Beide schrieen sich auf jeden Fall so laut an, dass sich schnell eine Zuschauermenge gebildet hatte, welche Thenobastis schließlich, wie Herakleides berichtet, dazu bewegen konnte, von ihm abzulassen.

Wieder an einem sicheren Ort, verfasste der Elitesoldat die besagte Klageschrift, die er, so wie in dieser Zeit üblich, direkt an den König des Landes schickte. Statt also ebenfalls Gewalt anzuwenden, möglicherweise sogar Selbstjustiz zu üben, hatte Herakleides den Rechtsweg beschritten und eine Anzeige mit der Bitte um Untersuchung des Falls eingereicht:

»Ich bitte dich also, König, wenn es dir (recht) erscheint, nicht über mich hinwegzusehen, dem solcherart bar jeder Vernunft von einer Ägypterin Gewalt angetan wurde – der Grieche ist und Fremder! –, sondern den Strategen Diophanes anzuweisen, … dem Dorfvorsteher Sogenes zu schreiben, dass er die Psenobastis vor ihn sende, so dass ihr Fall entschieden werden kann gegen mich wegen dieser (Vorkommnisse) und, wenn das in der Eingabe wahr ist, sie die Strafe erlange, auf die der Stratege entscheidet. Wenn das geschieht, werde ich durch dich, König, Gerechtigkeit erlangen. Lebewohl.«2

Diese kurze, auf einem Papyrus aus dem Wüstensand erhaltene Eingabe an den König führt mitten hinein in ein Land, dessen Gesellschaft durch die Eroberungen Alexanders des Großen und die daran anschließende Herrschaft der makedonischen Könige ein vollkommen verändertes Gesicht erhalten hatte. Unzählige Fremde waren als Soldaten, Verwaltungsexperten und Händler, als Abenteurer und Glücksucher hierhergekommen. Viele, vielleicht sogar alle, waren gekommen, um zu bleiben, denn für die Zuwanderer bedeutete der Weg nach Ägypten in den meisten Fällen einen sozialen Aufstieg: Das Land am Nil war die Neue Welt des hellenistischen Zeitalters. Aus den Fremden wurden damit spätestens in der zweiten Generation Einheimische. Doch sie sahen sich auch noch nach 300 Jahren keinesfalls als Ägypter und das, obwohl sie im Laufe der Jahrhunderte die Lebensgewohnheiten, die Kultur und Religion Ägyptens übernahmen oder in ihrem Sinne adaptierten.3 Sie beharrten in vielen Fällen trotzdem auf ihrer nichtägyptischen Identität, da sie zu einer privilegierten Bevölkerungsschicht, der Statusgruppe der Hellenen, gehörten, die die entscheidenden Positionen von Heer und Verwaltung innehatte und die auf vielfältige Weise mehr oder weniger offen gegenüber den Ägyptern bevorzugt war.

In einer solchen Gemengelage waren Konflikte unausweichlich. Sie verschärften sich in Zeiten verstärkten Zugriffs der fremden Könige auf die wirtschaftlichen Ressourcen des Landes, was auch die großen einheimischen Aufstände der ersten Hälfte des zweiten Jahrhunderts zeigen. In Oberägypten konnten sich für 20 Jahre sogar einheimische Gegenpharaonen etablieren. Trotz derartiger Verwerfungen ist es den ptolemäischen Königen aber insgesamt gelungen, eine äußerst stabile Herrschaft aufzubauen, denn ihnen war stets an einem Ausgleich zwischen den verschiedenen Untertanengruppen gelegen, sie traten sogar häufig genug schützend für die Ägypter gegen korrupte Funktionäre ein. Sie taten das natürlich nicht aus Menschenfreundlichkeit, sondern weil sie eine im Sinne der Herrschaft funktionierende und arbeitstätige, die Felder bestellende Bevölkerung brauchten, schließlich war das Getreide Ägyptens das Gold der Ptolemäer. So war die letzte Dynastie des Landes am Nil mit einer 300jährigen Dauer gleichzeitig auch die erfolgreichste in der über 3000jährigen Geschichte Ägyptens.

Wie der König und sein Beraterkreis die innere Stabilität gewährleisten konnten, zeigt gerade die eingangs vorgestellte Klageschrift, die die damals bestehende Rechtssicherheit vor Augen führt und den Griechen von Selbstjustiz abhielt. Ebenso sind Eingaben von Ägyptern an den König bekannt. So beschwerte sich am 26. Februar 221 der Bauer Stotoetes beim König, dass ihn der Soldat Geroros gewaltsam aus seinem Haus in Polydeukeia, einem Dorf, das ebenfalls im Faijum lag, herausgeworfen hatte. Er bat um Prüfung und Rechtsgewährung durch den Gauverwalter Diophanes und den ihm zugeordneten Polizeivorsteher Sosibios, damit er sich, und hier kommt das entscheidende Argument, wieder »der Feldarbeit zuwenden kann«.4 Ein Priester des Ammon und des Herrscherkultes wiederum beschwerte sich in der Zeit des vierten Ptolemäers darüber beim König, dass er mit soldatischen Einquartierungen belästigt wurde, nur »weil er Ägypter« sei, was aber für ihn in seiner Funktion als Priester nicht zu rechtfertigen sei.5 In der Tat waren die einheimischen Priester eine äußerst privilegierte Gruppe der Bevölkerung, der im Verlauf der ptolemäischen Geschichte eine wichtige Rolle in der Stabilisierung der Herrschaft zukam.

Die gesellschaftlichen Verhältnisse Ägyptens waren maßgeblich vom Handeln und den Weisungen des Königs und seiner Hofgesellschaft bestimmt. Als basileus (König) war er den Fremden und als Pharao den Ägyptern sinngebendes und handlungsorientierendes Vorbild. Als basileus herrschte er jedoch nicht nur über Ägypten, sondern im dritten Jahrhundert zudem direkt oder indirekt über weite Teile des östlichen Mittelmeerraumes, von Libyen bis nach Kleinasien und über viele Inseln im Mittelmeer. Bis ins erste Jahrhundert waren Kyrene in Nordafrika und Zypern wichtige Bestandteile des Reiches.

Über die Verhältnisse im Land am Nil sind wir vor allem deshalb am besten informiert, weil zu ihnen die meisten antiken Quellen vorliegen und weil nur Ägypten bis zum Ende der Ptolemäerzeit beständiger Herrschaftsraum der Ptolemäer war. Folgerichtig muss und wird ein Schwerpunkt des vorliegenden Buches auf den politischen und sozialen Rahmenbedingungen, den Strukturen der Herrschaft einerseits und der Ereignisgeschichte in Ägypten andererseits liegen.6 Im Verlauf der Darstellung kommen zudem ausführlich die einschlägigen Quellen, die üblicherweise in den Fußnoten verschwinden, zu Wort. Schließlich sind diese Quellen, wie es schon der eingangs zitierte Papyrus zeigt, äußerst spannend und sie helfen dem Leser, sein Verständnis für die Epoche zu vertiefen, ebenso wie er eigene Einschätzungen zu gewinnen vermag.

Aus diesem Grund finden sich hier natürlich einerseits Auszüge der großen antiken Historiker und Biographen, wie Diodor, Polybios, Livius oder Plutarch, die teils nie oder nur kurze Zeit in Ägypten waren, die aber die Geschichte des ptolemäischen Ägyptens in einen größeren Ereigniszusammenhang stellen und auf diese Weise überhaupt erst eine chronologische Darstellung der Ptolemäerzeit ermöglichen. Gleichzeitig legen die antiken Autoren aber ein »Gewand« der Erinnerung über die Geschichte, unter dem manches verborgen bleibt und vieles in einem anderen Licht erscheint, sich gar völlig anders darstellt. So gleicht die Geschichte Ägyptens dem oben im Zitat vorangestellten Plutarch’ schen Bild der Isis von Sais. Aus diesem Grund müssen auch und besonders die ptolemäischen Könige selbst, ihre Verwaltungsbeamten und die ägyptischen Priester ihre Stimme erheben und ihre Version der Ereignisse darlegen. Die Zeugnisse dieser Gruppen sind nicht nur durch Inschriften auf Stein überliefert, wie es sie ebenfalls in anderen Königreichen der hellenistischen Welt gibt, sondern zudem auf Ostraka und vor allem Papyri, die allein in Ägypten aufgrund des trockenen Wüstenklimas zu tausenden erhalten blieben. Aber nicht nur die Eliten kommen zu Wort, sondern auch, wie es die eingangs zitierte Klageschrift zeigt, der »einfache« Mann, der aus seiner ganz eigenen Perspektive als kleines Rad oder Spielball der großen Politik immer wieder persönliche Einblicke in die politische Entwicklung und gesellschaftliche Struktur der Ptolemäerzeit ermöglicht. Der Quellenreichtum Ägyptens macht das über die Geschichte gelegte »Gewand« der Erinnerung also an manchen Stellen zumindest so durchscheinend wie das Gewand einer ptolemäischen Königin.

2

Ptolemaios I.

 

 

2.1       Das Erbe Alexanders des Großen

Im November des Jahres 333 schlug Alexander der Große das persische Heer und den Großkönig Dareios III. bei Issos. Anschließend nahm er die levantinische Küste in Besitz und eroberte ein Jahr später, wohl im Oktober/November 332 Ägypten. Hier trat der makedonische König als Befreier von der persischen Unrechtsherrschaft auf, erwies den ägyptischen Göttern die von den Persern angeblich verweigerte Ehrung und in Siwa erkannte ihn der von Ägyptern wie auch Griechen verehrte Gott Ammon als seinen Sohn an. Aller Wahrscheinlichkeit nach ließ sich Alexander anschließend in Memphis zum Pharao krönen.1 Der Makedone war so eingenommen von Ägypten, dass er nach seinem Tod sogar in Siwa bestattet werden wollte. Entscheidend für die spätere Zeit war, dass Alexander an der westlichen Küste Ägyptens die nach ihm benannte Stadt gründete, in der er einige Jahre später seinem liebsten Gefährten Hephaistion ein Grabmal errichten ließ.

Im Frühjahr 331 setzte Alexander seinen Feldzug zur Eroberung des Perserreiches fort und sollte Ägypten lebend nie wieder betreten, denn er starb, nachdem er einen Großteil der damals bekannten Welt grundlegend umgestürzt hatte, am 10. Juni 323 in Babylon. Alexander verschied, ohne einen zur Herrschaft und Nachfolge fähigen Erben hinterlassen zu haben: In der männlichen Linie des Königshauses der Argeaden lebte nur noch sein geistig zurückgebliebener Halbbruder Philipp Arrhidaios, während das Kind seiner hochschwangeren Gemahlin Roxane noch nicht geboren war. Nicht nur der auf dem Sterbebett liegende makedonische König, auch seine engsten Freunde und Generäle müssen vollkommen überrascht von der nun eingetretenen Situation gewesen sein, denn kein zur charismatischen Herrschaft fähiger Erbe Alexanders war vorhanden und dass es ein Argeade sein musste, war eigentlich eine Voraussetzung makedonischen Königtums. Die Diadochen genannten Nachfolger des Eroberers waren zum größten Teil in seinen Kriegen gestählte Militärs. Für das damalige Mitglied der königlichen Leibwache Ptolemaios sollten in der Zukunft vor allem folgende Diadochen wichtig werden: Die Mitglieder der königlichen Leibwache Leonnatos und Lysimachos, der bedeutende General Perdikkas und erfahrene Feldherren wie Seleukos, Antigonos Monophthalmos, der zudem als Satrap Phrygiens über große Truppenkontingente gebot, Krateros, der mit den Veteranen Alexanders auf dem Weg nach Makedonien war, und Antipatros, der Vorsteher Makedoniens und Griechenlands, mit seinem Sohn Kassandros.

Ein jeder von diesen Männern wäre zweifellos ein leistungsfähiger Erbe der Herrschaft gewesen, jeder von ihnen hatte auch den geheimen oder offenen Wunsch, neuer König zu werden. Keiner von ihnen besaß jedoch das nötige Charisma und die Integrationsfähigkeit, um sich gegen die zu Konkurrenten gewordenen Gefährten durchzusetzen und das Alexanderheer in diesem Sinne für sich zu gewinnen.

Insbesondere aufgrund des Drucks des Heers mussten sich die Diadochen vielmehr dazu entscheiden, den geistig behinderten Bruder Alexanders, Arrhidaios, mit dem Namen Philipp (III.) zum König auszurufen, an dessen Seite später der noch ungeborene Sohn der Roxane, Alexander IV., treten sollte. Perdikkas, der vom Sterbenden Alexander dessen Siegelring erhalten hatte und zunächst die Fäden in der Hand hielt, übernahm die Funktion eines Chiliarchen, ein Titel, den ursprünglich der Befehlshaber der Garde des Perserkönigs getragen hatte. »Vorsteher des Königreiches« war Krateros und Antipatros erhielt die Strategie über Europa. Über die genauen Kompetenzen dieser drei Männer herrscht Unklarheit, zumal das Konstrukt wohl bewusst darauf angelegt war, eine umfassende Macht für eine Einzelperson zu verhindern. Da das Alexanderreich nach dem Vorbild des Perserreiches in Satrapien, also territoriale Großeinheiten eingeteilt war, die als Satrapen bezeichnete Verwalter mit umfassenden Kompetenzen führten, behielten die Diadochen dieses System bei und teilten in der sogenannten »Reichsordnung von Babylon« Ende Juni des Jahres 323 die Satrapien untereinander auf. Ptolemaios erhielt Ägypten.

Die folgenden Jahrzehnte verliefen überaus chaotisch. Erschwert wird eine zusammenhängende Darstellung zudem durch die äußerst schlechte Quellenlage. Zunächst gerierte sich Perdikkas als Wahrer der Reichseinheit, ihm folgten kurz darauf Antigonos Monophthalmos (»der Einäugige«) und dessen Sohn Demetrios Poliorketes (»der Städtebelagerer«). Um ihre Position zu stützen, übernahmen beide schließlich 306 den Königstitel (basileus). Die Reaktion der übrigen Diadochen ließ nicht lange auf sich warten: Zwischen 306 und 304 nahmen Alexanders ehemalige Vertraute Kassandros in Makedonien, Lysimachos in Thrakien, Seleukos in Asien und Ptolemaios in Ägypten ebenfalls den Königstitel an.2 Damit war die Idee der Reichseinheit auch offiziell zu Grabe getragen worden. Es sollte noch weitere zwei Jahrzehnte dauern, bis sich schließlich eine relative stabile Verteilung herausgebildet hatte: Als Großmächte standen sich seitdem das Seleukidenreich, das weite Teile des von Alexander eroberten Asien umfasste, das Antigonidenreich in Makedonien und Griechenland und das Ptolemäerreich gegenüber, dessen Werden im Folgenden genauer betrachtet werden soll.

2.2       Ptolemaios, der Satrap Ägyptens

Wie verhielt es sich nach dem Tod Alexanders mit dem vermutlich 367/366 in der makedonischen Landschaft Eordaia zur Welt gekommen Ptolemaios, der ein enger Weggefährte des verstorbenen Königs war? Nach der Reichsordnung von Babylon reiste er sofort nach Ägypten, um seine Satrapie in Besitz zu nehmen. Als erstes beseitigte er den ihm von seinen Kollegen beigestellten vormaligen Satrapen Kleomenes. Mit Hilfe der 8000 Talente, die Kleomenes in der Alexanderzeit angesammelt hatte, stellte der neue Satrap ein Heer auf.3 Es ist schwer zu beurteilen, ob Ptolemaios Ägypten als »großes Los« betrachtet hatte, denn wenn er sich für den Besten und damit fähigsten Nachfolger hielt,4 so muss ihm an einer Herrschaft über das Gesamtreich gelegen gewesen sein. Dieses wiederum war entweder von Makedonien oder von Babylon aus, wo Alexander seine Residenz genommen hatte, zu regieren. Im Nachhinein erwies sich Ägypten jedenfalls als durchaus günstige Satrapie, denn die geopolitische Lage dieses Landes war hervorragend zur Etablierung einer sicheren Herrschaft geeignet. Das von Wüsten und dem Meer eingegrenzte fruchtbare Niltal war nur über den Küstenstreifen der Levante zugänglich und machte es Gegnern äußerst schwer, Ptolemaios in seinem Kernterritorium in Gefahr zu bringen. Zudem konnte der Satrap auf die schier unermesslichen natürlichen Ressourcen des Landes zurückgreifen, wobei insbesondere der Getreidereichtum Ägyptens einen entscheidenden Machtfaktor darstellte. Hiermit konnte er nicht nur die Versorgung der Soldaten gewährleisten, sondern durch den Export auch ausreichend Finanzmittel gewinnen.

Wie die persischen Satrapen und Kleomenes zuvor, so bezog Ptolemaios zunächst den Satrapensitz in der alten Königsstadt Memphis. Sein erstes »Projekt« war danach die Sicherung und Arrondierung seiner Satrapie, wofür sich ihm die alte griechische Kolonie Kyrene geradezu anbot. Die im Westen Ägyptens, an der libyschen Küste gelegene alte Stadt hatte sich ein Jahrzehnt zuvor mittels einer Gesandtschaft Alexander unterworfen. Nach dem Tod Alexanders war hier ein Bürgerkrieg ausgebrochen, denn demokratische Kräfte hatten mit Hilfe des Söldnerführers und Piraten Thibron viele oligarchische Mitglieder der Bürgerschaft ermordet oder vertrieben. Einige von ihnen baten daraufhin in Ägypten um Asyl und sicherlich ersuchten sie Ptolemaios um ein Eingreifen im Sinne der Oligarchie. So kam der Satrap 322 mit seinem Heer nach Kyrene und stellte die Ordnung wieder her. Er folgte dabei dem Beispiel Alexanders im Umgang mit griechischen Stadtstaaten, weil er die Griechenstadt nicht annektierte, sondern ihr vorgeblich Autonomie und Freiheit beließ. Mittels einer Verordnung (diagramma) bestimmte er eine Stadtverfassung, die zeigt, dass Ptolemaios weitgehend den status quo ante wiederherstellte.5 Tatsächlich war Kyrene nun aber ein abhängiges Gemeinwesen, denn der Satrap Ägyptens behielt sich das ewige Amt des Heerführers vor, ein Amt, das er sich mit fünf weiteren regelmäßig gewählten Strategen der Bürgerschaft teilte. Damit war offensichtlich, dass die Außenpolitik Kyrenes unter der Vorherrschaft des Ptolemaios stehen sollte, was auch daran zu erkennen ist, dass er eine Garnison in Kyrene unter seinem Feldherren Ophellas zurückließ.6 Diodor beschreibt sicherlich ganz richtig den Zustand von Kyrene mit folgenden Worten: »So verloren die Kyrenäer und die Städte im Umkreis ihre Freiheit und wurden dem ptolemäischen Königreich eingegliedert.«7 Nachdem Ptolemaios 313/312 und erneut 304–300 Aufstände in Kyrene niederschlagen musste, setzte er seinen Stiefsohn Magas als Kommandeur der Region ein und sie wurde friedlicher Teil des Reiches.

Ein Jahr nach der »Befreiung« Kyrenes hatte Ptolemaios zudem ein Bündnis mit den zypriotischen Königen abschließen können,8 um sich auf diese Weise vor Angriffen von Meeresseite aus abzusichern.

2.2.1     Ptolemaios und Alexander der Große

Kurz nach seinen außenpolitischen Erfolgen in Kyrene und Zypern gelang Ptolemaios ein entscheidender propagandistischer Coup. Im Jahr 321 konnte er sich der Mumie Alexanders des Großen bemächtigen, was ihm nach der Prophezeiung eines Sehers des verstorbenen Königs die Garantie gab, dass sein Reich nie erobert werde.9

Der Leichnam Alexanders war zunächst zur Mumifizierung in Babylon verblieben, zudem hatte man angeblich zwei Jahre an einem würdigen Leichenwagen für den Verstorbenen bauen müssen. Schließlich setzte sich der Leichenzug in Richtung der makedonischen Königsnekropole in Bewegung. Hiermit verstieß Perdikkas gegen den expliziten Willen Alexanders, der in Siwa, bei seinem Vater, dem Gott Ammon, bestattet werden wollte.10 Dem Satrapen Ptolemaios fiel es deshalb sicher nicht schwer, das Abfangen des Leichenzuges in Syrien zu rechtfertigten, um die Mumie nach Ägypten umzulenken.11 Er verbrachte den mumifizierten Alexander jedoch ebenfalls nicht nach Siwa, sondern ließ ihn zunächst in Memphis, vielleicht beim Dromos des Serapeums, »nach makedonischer Sitte« bestatten.12 Entweder im Zuge der Verlegung des Herrschaftssitzes von Memphis nach Alexandria wenige Jahre später oder aber erst unter dem zweiten Ptolemäer überführte man die Mumie dann nach Alexandria,13 wo sie in einem großen heiligen Bezirk, in den Quellen »Denkmal« (sema) oder »Körper« (soma) genannt, ihre letzte Ruhe fand.14

Wie eng sich Ptolemaios an das Vorbild Alexanders band, zeigt die Beschreibung seines ›heldenhaften‹ Verhaltens im Ersten Diadochenkrieg des Jahres 321/320. Hier hatte sich der Satrap Ägyptens einem Bündnis des Antipatros und Antigonos Monophthalmos gegen den Reichsverweser Perdikkas angeschlossen, was sich zunächst als unklug erwies, denn Perdikkas erwählte Ägypten und nicht etwa Makedonien, weil ihm Ptolemaios den Leichnam Alexanders entwendet hatte.15 Er wollte wohl auch in dem sich abzeichnenden Zweifrontenkrieg zunächst Ptolemaios ausschalten, den er möglicherweise als den leichteren Gegner erachtete. Das Unternehmen des Perdikkas, bei dem er die beiden nominellen Könige Philipp Arrhidaios und Alexander IV. mit nach Ägypten führte, geriet aber so sehr zu einem Desaster, dass ihn nach der Niederlage die eigenen Anhänger ermordeten.

Diodor porträtiert Ptolemaios im Gegensatz zu Perdikkas als einen neuen heroischen Alexander.16 Der Satrap verteidigte persönlich eine belagerte Festung namens »Mauer der Kamele«, als gegnerische Elefanten deren Wehranlagen schwer zusetzten:

»Ptolemaios seinerseits, umgeben von seinen besten Streitern, wollte auf die anderen Kommandeure und Freunde einwirken, sich mutig in die Gefahren zu stürzen. Er fasste seine Lanze, stellte sich auf den höchsten Punkt des Vorwerkes und blendete damit von seiner erhöhten Position aus den Leitelefanten. Auch dem Inder, der auf dem Tier saß, brachte er eine Wunde bei. Dann richtete er seine Lanze, ohne auf die Gefahr zu achten, gegen die Männer, welche auf der Leiter emporgestiegen, und stürzte sie verwundet samt ihren Waffen kopfüber in den Fluss. Dem Beispiel ihres Anführers folgend setzten die Freunde des Ptolemaios den Kampf fort, und so wurde das nächste Tier, nachdem man seinen indischen Führer heruntergeschossen hatte, völlig kampfunfähig.«17

Während Perdikkas, dem Perserkönig Dareios gleich, nicht direkt im Kampf auftrat, übte Ptolemaios alexandertypische »Führung durch Vorbild«. Erst nach dieser Heldentat griffen die Offiziere, dem Beispiel Ptolemaios’ folgend, die gegnerischen Elefanten an, und es gelang ein entscheidender erster Sieg. Diodor schrieb Ptolemaios damit die gleiche Risikobereitschaft zu, wie sie Alexander mit seiner »äußersten Liebe zu Gefahren« aufgewiesen haben soll.18 Der lobende Bericht des Diodor zeigt weiterhin, dass er auf eine Quelle zurückgriff, die die militärische Leistungsfähigkeit des Ptolemaios über alle Maßen pries: Ptolemaios sollte ein neuer Alexander sein, der ähnlich wie Alexander in Indien, ebenfalls ein Elefantenbesieger war. Es ist zu vermuten, dass eine solche Repräsentation auf Ptolemaios selbst zurückgeht.

Den Anspruch auf Nachfolge Alexanders drückte Ptolemaios zudem sehr geschickt mit Hilfe der Münzprägung aus.19 Seine Konkurrenten prägten, wie zunächst Ptolemaios auch, die Münzen der Zeit Alexanders weiter. Sie zeigten Herakles im Löwenskalp auf der einen und Zeus, Athena oder Nike auf der anderen Seite. Ptolemaios änderte das 320 oder 319, indem er an der Stelle des Herakles Alexander mit dem Widdergehörn des Zeus-Ammon und dem darüber gelegten Elefantenskalp prägen ließ, zu dem ab 314 noch das Diadem und

Abb. 1: Prägung Ptolemaios’ I.; Vorderseite: Alexander der Große mit Elefantenexuvie; Rückseite: Zeus; © Cathrine C. Lorber.

die als Chlamys, also Reitermantel getragene Ägis des Zeus hinzutreten konnten.20 Hiermit hatte Ptolemaios eine neue symbolische Agenda geschaffen, mittels der er sich deutlich von den übrigen Diadochen absetzen konnte, denn die Elefantenexuvie war ein von ihm eigens geschaffenes Attribut für den Gott Alexander, dessen wichtigster Kultort gleichzeitig Alexandria an der ägyptischen Küste war. Der Skalp des Elefanten spielte schließlich auf den Sieg des Alexander in seiner letzten großen Schlacht gegen König Poros und dessen Elefanten in Indien an: Damit hatte das Alexanderreich seine größte Ausdehnung erhalten. So symbolisierte die Kopfbedeckung des neuen Gottes den gesamten von ihm eroberten Raum, von Siwa bis nach Indien, und ihr Schöpfer Ptolemaios konnte sich als legitimer Nachfolger Alexanders präsentieren.

2.2.2     Ptolemaios als autonomer Stellvertreter des Königs

Zwar fielen Ptolemaios nach dem Sieg über Perdikkas die beiden nominellen Könige des Reiches, Philipp III. Arrhidaios und Alexander IV., in die Hände, doch verzichtete er auf deren Vormundschaft. Hierin könnte man natürlich einen Beleg dafür sehen, dass Ptolemaios nicht an einer Herrschaft über das Gesamtreich gelegen war, doch handelt es sich in Wirklichkeit um einen geschickten Schachzug gegenüber den übrigen Diadochen. Schließlich strebte der Satrap Ägyptens nach einer autonomen Herrschaft, die auf der Nachfolge Alexanders des Großen basierte, weshalb ihm nicht daran gelegen war, einem jungen Mann wie Alexander IV. als legitimem Erben Alexanders den Weg zum Thron zu bereiten.

Da Ptolemaios »nur« Satrap war, der Idee nach hingegen Philipp III. Arrhidaios König des Alexanderreiches, datierten die Beamten, Priester und Privatleute in Ägypten Urkunden nach den Herrschaftsjahren des Philipp, wobei sie aber häufig Ptolemaios als Satrap miterwähnten. Auf den Reliefs der ägyptischen Tempel erschien Philipp III. als Pharao beim Opfer vor den Göttern. Die Einbindung des nicht in Ägypten weilenden neuen Pharaos in die lokale Religion zeigt sehr schön ein Beispiel im großen Amun-Tempel von Karnak, in dem schon unter Alexander wichtige Reliefs angebracht worden waren, die den makedonischen Befreier des Landes in die ägyptische Königsideologie integriert hatten.21

Abb. 2: Philipp Arrhidaios kniet vor Amun-Re, der ihn zum Pharao krönte. Der ibisköpfige Gott Thot steht vor ihm und verkündet die Krönung, dahinter sitzt die Göttin Neith, die den jungen König stillt. Das Relief zeigt also zwei Zeitstufen; © CNRS-CFEETK 135770 / J.-Fr. Gout.

Während der nominellen Herrschaft des Arrhidaios ersetzten die thebanischen Priester im Zentrum des Tempels von Karnak ein Barkensanktuar Thutmosis’ III. durch einen Neubau, den sie – in Kopie der thutmosidischen Darstellungen – mit Szenen dekorierten, die Philipp III. als Pharao bei seiner Inthronisation präsentieren.22 Der Schreibergott Thot verkündet hier:

»Wort zu sprechen durch Thot, den Herrn der Gottesworte, zu Month, dem Herrn von Theben, und Atum, dem Herrn von Heliopolis: Kommt, damit ihr seht dieses schöne Erscheinen, das gemacht wird durch Amun-Re, den Herrn der Throne der Beiden Länder, für seinen Sohn Philippos! Mögest du erscheinen als König von Ober- und Unterägypten, von den Beiden Ländern, auf dem Sitz des Horus der Lebenden. Ihm hat er gegeben den Thron des Geb, das Herrscheramt des Allherren, Freude wie Re ewiglich.«

Amun wiederum verkündet:

»Worte zu sprechen durch Amun-Re: Vollkommener Gott, geliebter Philippos, ich setze fest deine Erscheinung als König von Ober- und Unterägypten auf dem Thron deines Vaters Re.«23

Die Inschriften begleiten ein Tempelrelief, das genau diesen Vorgang der Erwählung des neuen Pharaos darstellt. Nach dem priesterlichen Willen war aus dem Makedonen, der nur ein einziges Mal, im Lager des Perdikkas, während dessen Feldzuges gegen Ptolemaios, ägyptischen Boden betreten hatte, ein legitimer Pharao geworden. Diese Szene zeigt folglich den historiographischen Wert ägyptischer Tempelinschriften: Sie geben nicht unbedingt, vielleicht sogar nur selten, eine historische Realität wieder, sondern verweisen auf religiöse und rituelle Wahrheiten, die die Priester an die gegebenen politischen Großwetterlagen anpassten: Philipp war zwar offiziell König, doch keineswegs der tatsächliche Herrscher Ägyptens und schon gar nicht ein tatsächlich gekrönter ägyptischer Pharao. Die Dekoration zeigt damit erstens, wie wichtig den ägyptischen Priestern das symbolische Vorhandensein eines Pharaos war, denn nur er konnte durch sein Opfer vor den Göttern die Weltordnung, ägyptisch Maat, in Gang halten. Ob dieser Pharao wiederum real in Ägypten anwesend war oder nicht, spielte keine Rolle, denn die Priester übten in allen Tempeln das Opfer in Stellvertretung für ihn aus. Die Szene zeigt zweitens, dass der eigentliche Herrscher Ägyptens, der Satrap Ptolemaios, gegenüber dem unterworfenen Volk nicht als König auftrat, sich nicht als Pharao verstanden wissen wollte, sondern als dessen Stellvertreter in Ägypten.

2.2.3     Der Zerfall der Reichseinheit

Ein Ende fand der Erste Diadochenkrieg nach dem Tod des Perdikkas im Jahr 320 mit der Reichsordnung von Triparadeisos in Syrien. Die Position des Reichsverwesers übernahm jetzt Antipatros. Dass dieser wiederum gerade Ptolemaios seine Tochter Eurydike zur Frau gab, zeigt die starke Position, die der Satrap Ägyptens innerhalb kürzester Zeit unter den Diadochen errungen hatte. Sein Schwiegervater hielt dementsprechend auf der syrischen Konferenz das Besitzrecht des Ptolemaios über seinen Herrschaftsraum und damit gleichzeitig den status quo fest:

»Dem Ptolemaios solle gehören: Ägypten und Libyen und der größte Teil des jenseits von diesem Gebiet liegenden Landes und was er etwa in Richtung Sonnenuntergang als speergewonnenes Land hinzugewinnen werde.«24

Mit der Bezeichnung »speergewonnen« griff Antipatros das (möglicherweise nachträglich erst konstruierte) Handlungsvorbild Alexanders des Großen auf. Als dieser den Hellespont überquert hatte, soll sich nach Diodor Folgendes ereignet haben:

»Er selbst (Alexander) fuhr mit sechzig Kriegsschiffen zur Troas, schoss dort als erster Makedone vom Schiff aus seinen Speer ab, sprang dann, nachdem er ihn in den Boden geheftet hatte, persönlich von Bord herunter und zeigte damit, dass er Asien von den Göttern als eine mit dem Speer gewonnene Beute empfange.«25

Im Grunde genommen hatte Ptolemaios nach Triparadeisos freie Hand für den Westen, eine Möglichkeit, die er jedoch nicht nutzte, vielmehr interessierte er sich in den folgenden Jahren sehr deutlich für Speergewinn im östlichen Mittelmeerraum, also dort, wo eigentlich die anderen Diadochen bereits ihre Einflusszonen hatten.

Nur drei Jahre nach dem Tod des großen Makedonen war damit offensichtlich geworden, dass an eine Einheit des zerfallenen Alexanderreiches nicht mehr zu denken war, denn jeder Satrap sah sich als faktischer Herrscher über das ihm zugeordnete und speergewonnene Territorium und jeder versuchte, soweit das seine Mittel zuließen, die anderen im Kampf um das Gesamtreich auszustechen. Das traf wiederum insbesondere auf Ptolemaios zu.26 Dessen Streben weg von einer ägyptenzentrierten, also an die Satrapie gebundenen Herrschaft, hin zu einer Dominanz im Mittelmeerraum und darüber hinaus zeigt zudem ganz deutlich die Verlegung des Satrapensitzes von Memphis nach Alexandria. Von der neuen Metropole aus konnten schnell sämtliche Besitzungen mit dem Schiff erreicht werden, seien es die innerägyptischen über einen neu gebauten Kanal zum kanopischen Nilarm, seien es die außerägyptischen von der Nordküste Afrikas bis nach Griechenland.

Wenn aber Ptolemaios dem Anspruch auf die Alexandernachfolge gerecht werden wollte, so lag noch ein langer Weg vor ihm. Sein nächstes Ziel war deshalb Syrien, das er noch 320 in einem gekoppelten See- und Landunternehmen kampflos besetzen konnte.27 Aus dem anschließenden Zweiten Diadochenkrieg (318–316) hielt sich der Satrap Ägyptens dann weitestgehend heraus, auch wenn er in Konflikt mit Eumenes, dem Stellvertreter des Reichsverwesers Polyperchon geriet, nachdem dieser das Amt des inzwischen verstorbenen Antipatros 319 übernommen hatte. Antigonos Monophthalmos, der Stratege Asiens, ging aus dem Krieg als der starke Mann hervor und konnte seine Herrschaft fast schon bis zu den Grenzen des alten Alexanderreiches ausweiten. Damit brachte er natürlich die übrigen Diadochen gegen sich auf, weshalb Ptolemaios dem aus Babylon vertriebenen Satrapen Seleukos Asyl gewährte. Im anschließenden Dritten Diadochenkrieg (315–311) stand Ptolemaios auf Seiten des Lysimachos, des Herrn von Thrakien, und des Kassandros, des Herrn von Makedonien, gegen besagten Antigonos Monophthalmos. Dieser hingegen vertrat gemeinsam mit seinem Sohn Demetrios Poliorketes und dem von Kassandros aus Makedonien vertriebenen Reichsverweser Polyperchon vorgeblich die Sache der Reichseinheit.

Zum ersten Mal interessierte sich Ptolemaios nun auch offen für Griechenland selbst, spielte möglicherweise mit der Hoffnung auf eine Hegemonie über diesen Raum. So zeigte er zunächst einmal Präsenz und versuchte, seine Beliebtheit zu steigern sowie seine griechische Identität zu erweisen, indem er an den großen griechischen Sportereignissen teilnahm, wie es sein Name in einer delphischen Siegerliste belegt. Auch sein Sohn Lagos erscheint in einer Siegerliste beim Zweigespann junger Pferde im Lykaion. Zudem stiftete Ptolemaios ein Weihgeschenk in Olympia.28

Als dann Antigonos 315 ein Freiheitsdekret für die Griechen verkündete, um sich ihre Gefolgschaft zu sichern,29 tat es ihm Ptolemaios sofort nach:

»Zur gleichen Zeit, da dies geschah, veröffentlichte Ptolemaios, der von den Beschlüssen gehört hatte, welche von den auf Antigonos’ Seite stehenden Makedonen hinsichtlich der Freiheit der Griechen getroffen worden waren, selbst ein ähnliches Dekret. Wollte er doch die Griechen wissen lassen, dass ihm ihre Autonomie nicht weniger als dem Antigonos am Herzen liege. Beide Parteien betrachteten es nämlich als einen nicht geringen Vorteil, sich die Gunst der Griechen zu sichern und wetteiferten daher miteinander in Gefälligkeiten diesem Volke gegenüber.«30

Die öffentliche Meinung der Städte Griechenlands hatte in der Tat enorme Bedeutung für die Legitimation von machtpolitischen Ansprüchen. Die Diadochen waren deshalb grundsätzlich darum bemüht, als Wohltäter, Befreier oder Retter griechischer Städte in Erscheinung zu treten. Wie der Fall Kyrenes aber bereits gezeigt hat, verstanden die Könige unter Freiheit und Autonomie einer griechischen Stadt lediglich innenpolitische Gestaltungsrechte für die Bürgerschaften, die zudem nicht den königlichen Interessen zuwiderlaufen durften.

Da Ptolemaios im Dritten Diadochenkrieg über die phönizische Flotte verfügte, hatte er entscheidenden Einfluss in einer militärischen Auseinandersetzung, die auch und besonders an den Küsten des östlichen Mittelmeerraumes geführt wurde. So war es ein erheblicher Rückschlag für ihn, als Antigonos Monophthalmos mit seinem Landheer die phönizischen Stützpunkte überrannte. Zuvor war es Ptolemaios zumindest gelungen, die Flotte nach Ägypten zurückzuziehen, so dass er weiterhin über die maritime Vormachtstellung verfügte, mit deren Hilfe er die strategisch wichtige Insel Zypern, auf der es zuvor verschiedene Stadtkönigtümer gegeben hatte, eroberte. Einen dieser Könige, den bisher mit ihm verbündeten Nikokreon von Salamis, setzte er 313 zum Strategen der Insel ein; diese Aufgabe übernahm nach dessen Tod 310 Menelaos, der Bruder des Ptolemaios. Nach dem Abfall des Nikokles, des Königs von Paphos, zwang Ptolemaios diesen zum Selbstmord und damit war ganz Zypern in den Herrschaftsraum des Ptolemaios integriert, denn nun gab es keine formal eigenständigen Stadtkönigtümer mehr.31 Die Insel entwickelte sich nicht nur zu einem wichtigen Marinestützpunkt für die neu aufgebaute Seeherrschaft, sondern ihre Wälder boten gleichzeitig reichhaltig Bauholz für die Flotte.

In Syrien und Phönizien schien die erste Entscheidung des Dritten Diadochenkrieges zugunsten des Ptolemaios im Jahr 312 mit der Schlacht von Gaza gefallen zu sein, in der der Satrap Ägyptens gemeinsam mit dem immer noch bei ihm im Asyl weilenden Seleukos Antigonos’ Sohn Demetrios Poliorketes besiegen konnte.32 Hierbei setzte Ptolemaios auch auf die Unterstützung ägyptischer Soldaten, was zeigt, dass er von Anfang an, ähnlich wie Alexander der Große in seinem Reich, die einheimische Bevölkerung in sein Militär integriert hatte.33

Im Anschluss an die Inbesitznahme Phöniziens übergab Ptolemaios dem Seleukos eine Kompanie Soldaten, mit denen es diesem möglich war, Babylon zurückzuerobern. Als Beute von Gaza fiel Ptolemaios zudem eine symbolisch besonders wichtige Waffe in die Hand: Elefanten aus dem Heer des Demetrios. Die gefangenen Soldaten des Gegners wiederum – es sollen 8000 gewesen sein – siedelte der Sieger in den Gauen Ägyptens an, integrierte sie also in sein eigenes Heer.

Die phönizischen Eroberungen konnte Ptolemaios zunächst nicht halten, denn er musste sich 311 vor dem anrückenden Heer des Antigonos Monophthalmos wieder nach Ägypten zurückziehen. Dieser Rückzug fiel für die Bevölkerung der levantinischen Küste desaströs aus, denn Ptolemaios betrieb eine Politik der verbrannten Erde, indem er wichtige Städte wie Jaffa, Akkon, Samaria und Gaza schleifen ließ und zudem Deportationen vornahm. Letzteres können wir auch einem ägyptischen Text entnehmen. In der sogenannten Satrapenstele, einem hieroglyphenägyptisch verfassten Lobpreis der Priester von Buto auf den Satrapen, ist zu lesen:

»Er versammelte zahlreiche Hellenen mit ihren Pferden und zahlreiche Kriegsschiffe mit ihren Besatzungen. Dann ging er mit seinen Soldaten nach Syrien. Während sie gegen ihn kämpften, drang er ein in ihre Mitte, in dem sein Herz mächtig war wie ein Raubvogel hinter kleinen Vögeln. Er ergriff sie mit einem Mal. Er brachte ihre Großen, ihre Pferde, ihre Kriegsschiffe und alle ihre wunderbaren Dinge nach Ägypten. Danach begab er sich in das Gebiet der Aramäer. Er ergriff sie in einem einzigen Augenblick. Er führte ihr Volk, bestehend aus Männern und Frauen, zusammen mit ihrem Gott, weg als Ersatz für das, was sie gegen Ägypten getan hatten. Dann gelangte er nach Ägypten, indem sein Herz froh war über das, was er getan hatte. Und er feierte ein Fest.«34

Die Priester deuteten den Eroberungsversuch des Ptolemaios in einen typischen pharaonischen Raubzug um, der dazu diente, bei den Nachbaren Schrecken zu verbreiten und Macht zu demonstrieren. Hiermit verwiesen sie auf die Sieghaftigkeit des quasi-Pharaos Ptolemaios, der den Feind in Syrien geschlagen hatte und mit reicher Beute nach Hause zurückgekehrt war. Unklar ist, weshalb die Priester die Beteiligung ägyptischer Soldaten verschwiegen und stattdessen sogar betonten, dass es »Hellenen« waren, die mit Ptolemaios in den Krieg zogen. Genauso verschwiegen sie die Erbeutung der symbolisch so wichtigen Elefanten. Immerhin berichteten sie aber von der Deportation eines Volkes aus dem Gebiet der Aramäer (Irem), deren »Gott« ebenfalls nach Ägypten gebracht wurde. Es ist durchaus wahrscheinlich, dass hiermit die Deportation von Juden gemeint ist. Dass Ptolemaios »ihren Gott« mit fortführte, könnte darauf hindeuten, dass er sie in Ägypten ansiedeln wollte.35

Im Rahmen des Friedensschlusses zwischen den Diadochen im Jahr 311 erhielt Ptolemaios erneut Ägypten, Libyen und Arabien zugesprochen.36 Offiziell war man also beim status quo ante, denn die Eroberung Zyperns wurde nicht erwähnt.

Ptolemaios versuchte danach, seinen Einfluss im Norden, in Kleinasien und Griechenland, auszubauen.37 Hierzu nahm er seit 310 zunächst den östlichen Mittelmeerraum, vor allem die kleinasiatische Küste und damit den Machtbereich des Antigonos Monophthalmos in den Blick. Hauptquartier seiner Unternehmungen war seit 309 die Insel Kos. Ptolemaios wollte von dort aus Kilikien erobern und scheiterte, 309 besetzte er Lykien und Karien und scheiterte abermals. Während dieser Feldzüge kam im Winter 309/308 auf Kos sein Sohn Ptolemaios (II.), der spätere Thronfolger, zu Welt.

Von Kos aus startete Ptolemaios im Frühjahr 308 zudem ein großes Unternehmen in Griechenland, das aber zum größten Teil scheiterte. Die verbliebenen Eroberungen Korinth, Sikyon und Megara musste der Satrap Ägyptens bis 303 wieder aufgeben. Im gerade eroberten Zypern standen die Karten ebenfalls nicht gut für Ptolemaios, hatte 306 doch seine Flotte in der Seeschlacht von Salamis vor der Insel gegen Demetrios Poliorketes verloren. Ähnlichen Schwierigkeiten begegnete Ptolemaios im Westen, wo sein Statthalter in Kyrene, Ophellas, eine im Grunde genommen eigenständige Herrschaft aufgebaut und sich für einen Krieg gegen Karthago mit Agathokles, dem Herrscher von Syrakus, verbündet hatte. Letztlich scheiterte das Unternehmen des Ophellas und Agathokles brachte ihn 308 um. Nun gehörte Kyrene wieder Ptolemaios, der ein Bündnis mit Agathokles schloss und ihm seine Stieftochter Theoxena zur Frau gab.

Damit war Ptolemaios im Jahr 306 wieder auf seine Kerngebiete an der nordafrikanischen Küste zurückgeworfen, also Ägypten und Libyen, wobei die Kyrenaika weiterhin unruhig blieb. Wenn er tatsächlich das ganze Alexanderreich unter seiner Herrschaft vereinen wollte, so ist es klar, dass er zu diesem Zeitpunkt zunächst einmal Abstand von solch hochfliegenden Plänen hatte nehmen müssen.

2.2.4     Die dynastische Anbindung an Alexander

Im Jahr 310 ermordete Kassandros, der Herr Makedoniens, den Sohn Alexanders des Großen von Roxane, König Alexander IV. Damit gab es in direkter Linie keinen legitimen Erben des Königshauses der Argeaden mehr, denn Philipp Arrhidaios war bereits 317 hingerichtet worden. Um die Nachfolge Alexanders antreten zu können, war es von großer Bedeutung für die makedonische Tradition, nicht nur zu seinem engsten Kreis gehört zu haben, sondern vor allem familiär mit ihm verbunden zu sein, schließlich sollte der Monarch aus der Argeadenfamilie stammen. Ptolemaios konnte zumindest darauf verweisen, dass seine Mutter Arsinoe einer Seitenlinie des makedonischen Königshauses entstammte,38 was aber natürlich nicht viel zu bedeuten hatte. Da Ptolemaios durchaus an einer Nachfolge Alexanders des Großen gelegen war, trachtete er danach, seine verwandtschaftliche Beziehung zu ihm, die er über seine Mutter bereits hatte, auszubauen, um seine Ansprüche zu untermauern. Aus diesem Grund bemühte er sich während seines Aufenthalts auf Kos um eine deutlichere Anbindung an die Linie der Argeaden. Da aus diesem Geschlecht nur noch Alexanders Schwester Kleopatra lebte, versuchte Ptolemaios sie 308 zu heiraten – nach makedonischer Tradition standen einer Vielehe schließlich keine Hindernisse im Wege, er hätte sich also nicht einmal von seinen Gemahlinnen Eurydike oder Berenike I. trennen müssen. Die Argeadin schien hocherfreut über das Angebot und versuchte schleunigst, von Sardeis aus, wo Antigonos Monophthalmos sie interniert hatte, zu Ptolemaios zu gelangen, wurde jedoch ermordet.39 Möglicherweise entstand nun als Ersatz für diese Verbindung zu Alexanders Königshaus folgende Geburtslegende des Ptolemaios, die wir aus Quellen römischer Zeit kennen.40 Pausanias berichtet:

»Den Ptolemaios halten die Makedonen für einen Sohn des Philipp, Sohn des Amyntas, und nur der Sage nach für einen Sohn des Lagos; denn seine Mutter soll, schon schwanger von Philippos, dem Lagos zur Frau gegeben worden sein.«41

Als Sohn Philipps II. wäre Ptolemaios zwar ein Bastard, aber immerhin der Halbbruder Alexanders des Großen. Ptolemaios wäre damit zur Erbfolge berechtigt. Auf diese Weise hatte sich der Satrap Ägyptens die gleiche Position wie Antigonos Monophthalmos gesichert, der sich ebenfalls auf das makedonische Königshaus zurückführte.42

Andere Quellen schmückten die Geburtslegende mythologisierend aus. So schöpfte Lagos, dem Arsinoe, die Mutter des Ptolemaios, ihr Kuckuckskind untergeschoben hatte, Verdacht, und setzte das Baby auf einem Bronzeschild aus. Ein Adler habe sich daraufhin schützend über ihn gesetzt, ihn mit seinen Flügeln vor Sonne und Regen geschützt und mit dem Blut von Wachteln als Milch genährt.43 Ptolemaios teilte auf diese Weise das Schicksal großer Helden, die ebenfalls im Kindesalter ausgesetzt, die von wilden Tieren großgezogen und schließlich Könige wurden.44 Der Adler wiederum war das Tier des Zeus, Ptolemaios stand damit also unter dem Schutz des Gottes, der auch als Adler mit dem Blitz erscheinend Alexander den Sieg über die Perser verheißen hatte. In seiner Münzprägung erkor Ptolemaios den auf einem Blitzbündel stehenden Greifvogel zum Wappentier der von ihm begründeten Dynastie.45

2.3       Ptolemaios, der König Ägyptens

Im Jahr 306 weilte Alexander IV. bereits seit gut drei Jahren nicht mehr unter den Lebenden und trotzdem führten die ägyptischen Urkunden ihn immer noch als König. Vier Jahre ohne nominellen König schienen den Diadochen des ehemaligen Alexanderreiches genug. Es war deshalb Antigonos Monophthalmos, der, wie oben erwähnt, als erster infolge des Sieges seines Sohnes Demetrios Poliorketes über Ptolemaios in der Seeschlacht von Salamis das Königsdiadem annahm. Auf einem Papyrus, der den Text eines unbekannten antiken Historikers überliefert, heißt es:

»Antigonos, Sohn des Philippos, proklamierte als erster sich selbst zum König, da er überzeugt war, dass er diejenigen, die sich in den Machtstellungen befanden, ohne Mühe beseitigen werde, selbst aber seine Herrschaft über die gesamte Ökumene aufrichten und wie Alexander die Reichsmacht an sich bringen werde.«46

Mit dem Königstitel verbunden war der Anspruch auf die Herrschaft über das Gesamtreich Alexanders des Großen – ein Anspruch, den bisher keiner der Diadochen hatte erfüllen können, woraus sich das lange Zögern der Nachfolger erklärt, nach dem Diadem zu greifen.47 Antigonos wagte dies in einer für ihn durchaus günstigen strategischen Position, denn er bedrängte gemeinsam mit seinem Sohn Demetrios Poliorketes weiterhin den Satrapen Ägyptens.48 Ptolemaios konnte den 305 in Ägypten eingefallenen König jedoch abwehren, was ein guter Zeitpunkt zur eigenen Königsakklamation durch die Truppen gewesen wäre.49 Die Papyri aus Ägypten legen aufgrund ihrer Datierung bis ins Jahr 304 nach dem bereits lange verstorbenen Alexander IV. jedoch nahe, dass Ptolemaios erst seitdem mit den übrigen Diadochen gleichzog und die Königswürde annahm.50 Zur Kennzeichnung seiner neuen Stellung band er sich das Diadem um, eine antike Version der Krone, ein Band aus Leinen, das auf der Rückseite verknotet um den Kopf gelegt wurde und dessen lange Enden auf die Schultern oder den Rücken des Königs fielen.

Abb. 3: Münze mit dem Porträt Ptolemaios’ I. als hellenistischer basileus. Die Königswürde zeigt das um den Kopf gebundene Diadem. Die Rückseite präsentiert den ptolemäischen Adler auf dem Blitzbündel. © Catharine C. Lorber.

Mit der Annahme des Königstitels verband Ptolemaios auch die Krönung zum ägyptischen Pharao in Memphis.51 Wie bei der Inthronisation eines Pharaos üblich, schufen die Priester für den ehemaligen Satrapen eine fünfteilige Titulatur als neuen Erben des Horus auf dem Thron Ägyptens:52 Der erste Name, der Horusname, der den Pharao als Nachfolger des falkengestaltigen Gottes Horus als Mittler zwischen den Göttern und den Menschen präsentierte, lautet: »Groß an Kraft, starker König.« Es folgt der Name der beiden Herrinnen (Nebti). Hiermit sind die beiden Göttinnen der Krone des Königs gemeint – die geiergestaltige Nechbet, die Oberägypten symbolisiert, und die Uräusschlange Uto, die für Unterägypten steht. Beide beschützen die Krone und den König. Ptolemaios ist der, »der mit Macht erobert, tüchtiger Herrscher«. Der Gold(horus)name des neuen Pharaos ist bisher hingegen noch nicht gefunden worden. Zwei Königsnamen wurden schließlich in einen Königsring, die Kartusche, geschrieben. Sie verlieh dem Namen einen besonderen Schutz. Erstens war das der sogenannte Thronname als König von Ober- und Unterägypten, er lautet »Erwählt von Re, geliebt von Amun«, und zweitens der Eigenname als Sohn des Re »Ptolemaios«.

Die Namen spiegeln durchaus treffend die historischen Entwicklungen wider, denn sie verweisen auf die militärische Leistungsfähigkeit des neuen Pharaos, die bereits in der Satrapenstele zur Sprache kam. In den ägyptischen Urkunden wurde von nun an folgerichtig mit einer neuen Zählung der Regierungsjahre begonnen, wohingegen die griechischen Urkunden ungewöhnlicherweise die Zeit der Herrschaft als Satrap zu den Regierungsjahren hinzuaddierten.

Hatte Ptolemaios nun sein Reich gesichert und war zufrieden oder setzte er sein bereits als Satrap gezeigtes außenpolitisches Engagement nach der Annahme der Königswürde bruchlos fort? Mit dem Titel eines basileus muss er sich schließlich als wahrer Nachfolger Alexanders verstanden haben und wäre deshalb zu weiterer Expansion geradezu verpflichtet gewesen. Im Jahr 305 stand er zunächst einmal erfolgreich der von Demetrios Poliorketes belagerten Insel Rhodos bei.53 Die Inselrepublik blieb frei und dankte dafür dem Sonnengott Helios mit der Aufstellung einer Kolossalstatue des Gottes, die in der Antike zu den sieben Weltwundern zählte. Doch nicht nur das: Ptolemaios, der nach der scheinbar selbstlosen Glanzleistung zugunsten der Insel sogar darauf verzichtet hatte, sie unter seine Herrschaft zu bringen, erhielt von der Bürgerschaft einen Kult als Retter. Ob der Beiname »Retter« (Soter) freilich von den Rhodiern erfunden wurde, muss offen bleiben, selbst wenn Pausanias das behauptet.54 Ein solcher Beiname war üblicherweise Göttern, insbesondere dem höchsten Gott Zeus vorbehalten, doch hatten schon 307 die Athener Antigonos Monophthalmos und Demetrios Poliorketes als Retter mit einem Kult versehen, weil diese die makedonische Besatzung der Stadt beseitigt hatten. Ptolemaios wiederum hatte sich ganz ähnlich die Gleichsetzung mit einem Gott verdient, weil er durch seinen Eingriff in das Kriegsgeschick die rettende Rolle des Zeus übernommen hatte und deshalb einer entsprechenden Ehrung wert war. Von Diodor ist zu erfahren:

»So schickten sie (i.e. die Rhodier) eine feierliche Gesandtschaft nach Libyen, die das Orakel im Ammonheiligtum befragen sollte, ob es den Rhodiern raten könne, Ptolemaios als einen Gott zu verehren. Das Orakel stimmte zu. Und so legten sie in der Stadt einen heiligen Bezirk an, viereckig, an jeder Seite mit einer Säulenhalle von der Länge eines Stadions, und nannten diesen Ptolemaion.«55

Ganz ähnlich handelten später, nach ihrer »Befreiung« von Antigonos Monophthalmos im Jahr 286, die Nesioten, also der Inselbund der Griechen in der Ägäis. Sie erwiesen dem Retter Ptolemaios ebenfalls göttliche Ehren und errichteten ihm hierzu einen Altar auf der Insel Delos.56 Auf diese Weise konnte Ptolemaios also mit Blick auf seine göttliche Verehrung durch Griechen gleichberechtigt mit den Konkurrenten Demetrios Poliorketes und Antigonos Monophthalmos auftreten.57

Unklar ist aber, inwiefern der König selbst danach trachtete, in einem reichsweiten Kult als Retter verehrt zu werden. Dass Ptolemaios I. der zeusgleiche Beiname durchaus gefiel, zeigt die Tatsache, dass er sich mit der Ägis des Zeus darstellte und sich damit an den Rettergott anglich.58 Erst Ptolemaios II. schuf dann aber den reichsweiten Kult für seinen verstorbenen Vater und seine Mutter als Rettergötter (TheoiSoteres).

Zwischen 303 und 301 beteiligte sich Ptolemaios am Vierten Diadochenkrieg, in dem er der Koalition von Kassandros von Makedonien, Seleukos von Asien und Lysimachos von Thrakien gegen Antigonos Monophthalmos und Demetrios Poliorketes beitrat, die Kleinasien, Syrien und Phönizien beherrschten. Von der entscheidenden Schlacht von Ipsos in Phrygien, bei der Antigonos im stolzen Alter von über 80 Jahren den Tod fand, blieb Ptolemaios allerdings fern.59 Als Mitglied der Siegerkoalition konnte er seiner Herrschaft, trotz der Abwesenheit bei der Schlacht selbst, nicht nur die Pamphylien, Lykien und einen Teil von Pisidien in Kleinasien hinzufügen, sondern auch, abgesehen von Tyros und Sidon die Region Koilesyrien, also das von ihm im Verlauf des Krieges besetzte Syrien und Phönizien. Eigentlich war Koilesyrien dem mit ihm verbündeten Seleukos versprochen gewesen, doch betrachtete Ptolemaios das Land jetzt als speergewonnen.60 Der geprellte Seleukos gründete daraufhin in unmittelbarer Nähe zur Grenze des ptolemäischen Koilesyrien, am Fluss Orontes, die Stadt Antiochia als neue Metropole seines Reiches. Er zeigte damit seinen Willen auf Einfluss im südöstlichen Mittelmeerraum und etablierte sich als zukünftiger Konkurrent seines einstigen Schutzherren Ptolemaios.

Um 294 gelang es den verbündeten Gegnern des Demetrios Poliorketes, dessen östliche Gebiete in ihre Gewalt zu bringen. Ptolemaios erhielt auf diese Weise Zypern zurück, zudem Lydien und Pamphylien und die letzten in Syrien und Phönizien gehaltenen Städte des Demetrios, Tyros und Sidon. Auch die Kykladen dürften seitdem zu seinem Einflussbereich gehört haben.

Nach dem Fünften Diadochenkrieg (288–286), in dem Ptolemaios gemeinsam mit Lysimachos von Thrakien und dem westlichen Kleinasien, Seleukos von Asien und Pyrrhos von Epirus gegen Demetrios Poliorketes, der inzwischen Makedonien und Teile Griechenlands beherrschte, vorging, konnte der Lagide seinen Einflussbereich bis weit in die Ägäis hinein ausdehnen: 288 half er bei der Befreiung Athens von der makedonischen Herrschaft, er »befreite« zudem, wie bereits erwähnt, den von Antigonos Monophthalmos im Jahr 315/314 gegründeten Bund der Inselbewohner der Ägäis, das koinon der Nesioten von der Vorherrschaft seines Gegners und wurde nach einem Friedensabkommen mit Demetrios Poliorketes im Jahr 286 Hegemon des Bundes.61 Ebenso wie Kyrene und anders als das von Ptolemaios befreite Rhodos war die Nesiotenvereinigung zwar formal autonom und verfügte über eine eigene Bundesversammlung, der jedoch ein als basileus der Sidonier bezeichneter Vertreter des Ptolemäers namens Philokles beiwohnte. Philokles war wiederum eine der Schlüsselfiguren in der Mittelmeerpolitik des ersten und zweiten Ptolemäers.62 Ein Beschluss des Bundes aus der Zeit des zweiten Ptolemäers weist darauf hin, wie geschickt dessen Vater mit Blick auf die Griechen agierte, denn keineswegs war er Herrscher der Nesioten, sondern ganz im Gegenteil, sie preisen, dass

»der König und Retter Ptolemaios der Urheber vieler und großer Vorteile war für die Nesioten und die anderen Hellenen, indem er sowohl die Städte befreit als auch die Gesetze gegeben und die väterliche Verfassung allen wiederhergestellt und die Abgaben erließ.«63

Hieran ist zu erkennen, wie Ptolemaios mit den Griechen umging: Die meisten Städte, die in den Herrschaftsraum des Ptolemaios gerieten, erfreuten sich der Autonomie und Freiheit, doch endete die Freiheit erstens in der Außenpolitik und zweitens dann, wenn die Innenpolitik nicht nach dem Wunsch des Ptolemaios verlief.

2.4       Der Thronfolger

Als König musste Ptolemaios am Aufbau einer dynastischen Herrschaft gelegen sein, was bedeutete, dass er einen Erben brauchte. Ursprünglich hatte Alexander seinen Gefährten mit der Perserin Artakama zwangsverheiratet. Von dieser ist aber nach dem Tod des Alexander nichts mehr zu hören, Ptolemaios hatte vielmehr 320 aus Bündnisgründen (s. o.) die Tochter des Antipatros, Eurydike, geehelicht, die ihm fünf Kinder gebar: Den ältesten Sohn Ptolemaios Keraunos (»der Blitz«), den zweitgeborenen Meleagros und einen weiteren Sohn unbekannten Namens, zudem die beiden Töchter Lysandra und Ptolemais.64 Da im makedonischen Königshaus Polygamie möglich und üblich war, hatte Ptolemaios Berenike I. als weitere Gattin neben Eurydike erwählt. Ihr erstes gemeinsames Kind war Arsinoe (II.), die spätere ptolemäische Königin, die zwischen 320 und 312 zur Welt kam, es folgten die Tochter Philotera und 308 der auf der Insel Kos geborene Thronfolger Ptolemaios II. Wie konnte es aber dazu kommen, dass Letzterer den Vorzug vor den Söhnen der Eurydike erhielt? Die Gründe mögen in einem Konflikt zwischen Ptolemaios und der Tochter des Antipatros zu suchen sein, die den Königshof im Jahr 287 gemeinsam mit ihren Kindern verließ und in das mit dem Ptolemäerreich verbündete Milet übersiedelte. Nur wenig später, 285/284, machte Ptolemaios I. seinen gleichnamigen jüngeren Sohn zum Mitregenten und zog sich ins Privatleben zurück.65

Wahrscheinlich nutzte der Begründer der Ptolemäerdynastie die Ruhe seiner letzten beiden Lebensjahre, um seine Alexandergeschichte zu schreiben. Hier erinnerte er sich auch nochmals seiner großen Heldentaten in Indien, die Arrian in seiner noch heute erhaltenen Geschichte des Alexanderzuges wohl wörtlich übernommen hat.66 Porphyrios, ein Philosoph des 3. Jahrhunderts n. Chr., fasst die Herrschaft des Ptolemaios wie folgt zusammen:

»Ptolemaios, welcher der Arsinoe und des Lagos Sohn, wird nach einem Jahr der auf Philippos übertragenen Herrschaft als Statthalter nach Ägypten geschickt, und ist zunächst Statthalter 17 Jahre, dann aber König 23 Jahre, so dass insgesamt 40 ihm zugezählt werden bis zu seinem Ende. Denn bei seinen Lebzeiten gab er die Herrschaft seinem Sohn Ptolemaios, der Philadelphos genannt wurde. Und noch zwei Jahre lebte er unter dem Sohn, der die Herrschaft erlangt hatte; und so wurden nicht mehr 40 sondern 38 dem ersten Ptolemaios, den sie Soter nannten, zugezählt.«67

2.5       Strukturen ptolemäischer Herrschaft

2.5.1     Der makedonische basileus Ptolemaios

Weil das von den Ptolemäern beherrschte Land am Nil häufig als »griechisches« oder »hellenistisches« Ägypten bezeichnet wird, vergisst man gerne, dass die durchaus fest in der griechischen Kultur verwurzelten Könige Makedonen waren.68 Das zeigt sich auch in ihrem Selbstverständnis, das sich in der Dichtung der Zeit, insbesondere den Werken des Kallimachos und Poseidipp, spiegelt.69 Die Bezeichnung als Epoche des »griechischen Ägypten« begründet sich daraus, dass griechische Kultur und Sprache entscheidend die Verhältnisse dieser Zeit prägten. Das Makedonisch-Sein der Ptolemäer schloss jedoch keinesfalls aus, dass sie sich gleichzeitig, ebenso wie die Familie Alexanders des Großen, auf griechische Wurzeln zurückführten, denn wie Letztere zählten sie Herakles zu ihren Ahnen. So konnten Ptolemäer natürlich an den Olympischen Spielen teilnehmen oder mit dem Privileg der Bürgerschaft der Stadt Athen geehrt werden, denn in einer panathenäischen Siegerliste erscheint Ptolemaios VI. als Angehöriger der nach seinem Königshaus benannten athenischen Phyle Ptolemais.70 Da ein Grieche seine Herkunft über die Zugehörigkeit zu einer der Phylen einer griechischen Stadt definierte, war die Identität des Ptolemaios in Athen also diejenige eines Bürgers.

Das Selbstverständnis und die Legitimation des makedonischen Königtums findet sich in einem byzantinischen Lexikon, der Suda, mit folgenden Worten formuliert:

»Weder Abstammung noch Recht geben den Menschen die Königsherrschaften, sondern die Fähigkeit, ein Heer zu kommandieren oder die Angelegenheiten (pragmata) verständig zu leiten. So war es mit Philipp und den Nachfolgern Alexanders. Denn sein leiblicher Sohn konnte aus seiner Verwandtschaft mit ihm keine Hilfe gewinnen, denn er hatte einen schwachen Charakter. Die auf keine Weise mit ihm verwandten (Männer) wurden Könige der gesamten Welt.«71

Der zentrale Begriff der Ausübung von Herrschaft war der der »Angelegenheiten« des Königs, seiner pragmata: Staat und König waren miteinander identisch. Ptolemaios war nicht König von Ägypten oder Kyrene oder Koilesyrien, sondern König schlechthin, der sich nicht über die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Land legitimierte.

Wir entnehmen dem Suda-Zitat weiterhin, dass die Herrschaft auf der militärischen Fähigkeit des Königs und der daraus resultierenden Akzeptanz durch das Heer und die Bevölkerung beruhte. Doch hatte es Ptolemaios geschafft, aus dem Heerlagerkönigtum der frühen Diadochenzeit eine Monarchie mit einer festen Residenz in Alexandria zu formen, so dass die römische Bezeichnung der Ptolemäer als »alexandrinische Könige« durchaus den Kern trifft. Auch konnte Ptolemaios am Ende seiner Regierungszeit einen relativ zusammenhängenden Herrschaftsraum sein Eigen nennen, der eindeutig territorial definiert war und von Kyrene über Ägypten und Koilesyrien bis nach Kleinasien reichte, ebenso wie zahlreiche Inseln des östlichen Mittelmeerraums unter seiner direkten, teils auch indirekten Herrschaft standen. Den Zusammenhalt dieser weit verstreuten Reichsteile garantierte eine überlegene Flotte mit Basen im gesamten Mittelmeerraum.

2.5.2     Alexandria

Da Alexandria die politische Mitte des Reiches der Ptolemäer bildete, können wir uns nun dieser von Alexander dem Großen im Jahr 331 am äußersten Rande des westlichen Nildeltas gegründeten Stadt zuwenden. Ihre Lage war hervorragend, denn es handelte sich um einen ägyptischen Hafen, der nicht von den jährlichen Nilfluten beeinträchtig wurde, was gleichzeitig erklärt, weshalb die Stadt nicht am westlichen Nilarm selbst gegründet wurde, dort wo Thonis/Herakleion schon seit Jahrhunderten den Zugang der Griechen zu Ägypten ermöglichte.

Seit wann Alexandria Residenz war, ist aber unklar, doch muss dies vor dem Jahr 311 gewesen sein, denn in diesem Jahr weihten die ägyptischen Priester der im Hinterland Alexandrias gelegenen Stadt Buto die bereits erwähnte Satrapenstele. Hier berichten sie nicht nur von den militärischen Leistungen des Satrapen Ptolemaios, sondern auch Folgendes:

»Er richtete seine Residenz, ›Die Festung des Königs von Ober- und Unterägypten Erwählt von Amun, geliebt vom Ka des Re, Sohn des Re Alexander‹ ist ihr Name, am Ufer des Mittelmeeres ein, Rhakotis war ihr Name bisher.«72

Der Umzug nach Alexandria beruhte sicherlich vor allem auf geostrategischen und wirtschaftlichen Erwägungen, denn von der Küste aus waren die Besitzungen außerhalb Ägyptens wesentlich besser zu erreichen. Noch bevor man von einem Königshof sprechen kann, residierte Ptolemaios bereits wie ein König in einer vom Reißbrett entworfenen neuen Metropole, die sich schnell zur bevölkerungsreichsten Stadt der antiken Welt entwickelte. Über 200 Jahre später beschrieb Diodor, der Ägypten zwischen 60/59 und 57/56 besucht hatte, Alexandria wie folgt:

»Kurz gesagt, die Stadt erlebte in den folgenden Zeiten einen derartigen Aufschwung, dass viele sie als die erste unter den Städten der bewohnten Erde zählen; denn was Schönheit, Größe, Menge der Einkünfte und Luxusgüter angeht, übertrifft sie die übrigen Städte bei Weitem. Auch die Masse ihrer Einwohner überragt jene der übrigen Siedlungen; denn während unseres Aufenthalts in Ägypten erklärten uns die Beamten, die im Besitz der Einwohnerlisten waren, dass die Zahl der in Alexandria lebenden Freigeborenen die dreihunderttausend übersteige.«73

Alexandria war eine griechische, nach athenischem Vorbild strukturierte Polis: Die Bürgerschaft verteilte sich deshalb genauso auf Phylen, die in Demen unterteilt waren, welche sich aus Phratrien zusammensetzen. Es gab eine Volksversammlung, einen Rat und Gerichte.74 Wie griechisch die Stadt war, zeigt auch ein Ausschnitt der Stadtgesetze von Alexandria, die von attischen, ionischen und dorischen Vorbildern herrührten. Die hier dargelegten Regelungen des Nachbarschaftsrechtes muten fast modern an, wenn es heißt:

»Wenn jemand eine Einfriedung neben einem fremden Grundstück baut, soll er die Grenze nicht überschreiten. … Wenn er aber einen Graben oder eine Grube gräbt, soll er soviel Abstand halten, wie ihre Tiefe beträgt, und wenn einen Brunnen, einen Klafter, bei der Anpflanzung eines Ölbaumes oder Feigenbaumes soll er 9 Fuß von dem fremden Grundstücke pflanzen, bei anderen Bäumen 5 Fuß.«75

Als neugegründete Polis verfügte Alexandria natürlich über die typische Topographie einer solchen Stadt. Sie lag günstig, von Ost nach West in Form eines makedonischen Kriegsmantels zwischen dem Mareotis-See und dem Mittelmeer ausgestreckt.76 Die Straßen waren im Schachbrettmuster angelegt und zerteilten das Gelände in gleich große rechtwinklige Bebauungsblöcke. Im Zentrum befand sich, wie bei einer griechischen Stadt üblich, die Agora, bei der wohl auch das Gymnasium und das Stadion zu lokalisieren sind. Theater gab es selbstverständlich ebenfalls. Durch den als Heptastadion bezeichneten Damm war die Stadt mit der vorgelagerten Insel Pharos verbunden. Auf diese Weise hatten sich zwei Häfen gebildet, von denen der westliche, Eunostos genannt, der Handelshafen war. Die Insel Pharos selbst gab einem der sieben Weltwunder, dem Leuchtturm von Alexandria, ihren Namen. Weiterhin fand sich auf der Insel ein ägyptisches Dorf und wahrscheinlich auch ein Tempel der Isis. Nicht nur auf Pharos lag eine ägyptische Ansiedlung, auch im festländischen Teil der Stadt gab es ein großes ägyptisches Stadtviertel namens Rhakotis beim Tempel des Sarapis. Ägypter müssen deshalb einen erheblichen Teil der Einwohner von Alexandria gestellt haben, ohne dass sie den Status von Bürgern hatten. Sie nannten Alexandria aber nicht bei ihrem griechischen Namen, sondern bezeichneten die Stadt insgesamt Rhakotis.77

An die Seite der griechischen Polis trat das monarchische und damit makedonische Element: Seitdem Alexandria Sitz des Königs war, nutzten die Herrscher einen Teil des Stadtgebietes als ihre Residenz. Das Palastviertel machte nach Strabon sogar ein Viertel des Stadtgebietes aus, nach Plinius immerhin ein Fünftel.78