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Ein überaus informatives und - im herkömmlichen, nicht im Zeitgeist-Sinn - spannendes Buch. (Mag. Rita Guether, Lektorin, München) Ein Reisebuch und mit Kultur, das eine Vielzahl von sehr schönen Anregungen und Informationen bietet. Man möchte umgehend losfahren, mit dem Buch auf dem Beifahrersitz. Elisabeth Schrauzer, Kulturjournalistin, München)
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Seitenzahl: 417
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Hans-Peter Rosenberger: geboren am 28. Dezember 1937 in Stuttgart, Studium Germanistik, Anglistik, Philosophie, Geschichte in Tübingen und München, Tätigkeit als Lehrer;
2008 erschien Geschichten aus dem Leben oder Amigos in Abano und Abbazia, 2009 erschienen Berühmte und Orte und Reisebiotope und Artenschutz.
Hans-Peter Rosenberger lebt in Bad Reichenhall.
Für meine Frau und meine Kinder
Ein kulturhistorischer Bericht über eine Reise durch Frankreich und Spanien
Vorwort und Einführung
1.
Die
Via Podiensis
Le Puy - Conques - Moissac
Payerne - romanische Abbatiale;
Pérouges - mittelalterliches Stadtbild;
Via Podiensis
- eine der vier großen Pilgerstraßen in Frankreich nach Santiago de Compostela;
Le Puy-en-Velay - romanische Kathedrale;
1. Kreuzzug; Saugues, Aubrac - alte Pilgerstation, Espalion, Estaing -
Tristan-Dieudonné d’Estaing
, Schlacht von Bouvines und Streit Staufer - Welfen;
Conques - Geschichte des Klosters, romanisches Tympanon, romanische Abteikirche, Kirchenschatz, soziale Schichtung der Pilger; Cahors -
Pont Valentré
;
Moissac - Geschichte des Klosters, romanisches Tympanon, romanischer Kreuzgang, Raumwunder
salle-haute
; Katharer,
4. Kreuzzug;
Château de Goudourville;
Condom - Zisterzienserabtei
St. Flaran
2.
Aquitanien
Aire sur l’Ardour - Kirche St. Servatius;
St. Sever
- romanische Kirche;
Zahl der Pilger und deren Einfluss auf Kultur und Infrastruktur;
Gründe für Pilgerfahrten und Aussehen der Pilger;
Dax - Kirche
Saint-Paul-lès-Dax;
Eleonore von Aquitanien
3.
Nordostspanien: San Sebastián und Bilbao
San Sebastián -
Hotel Londres y de Ingleterra
und dessen Café; Hotel
Tryp Orly
, Altstadt;
Bilbao - Guggenheim-Museum
4.
Lerma Ribera del Duero Tordesillas
Lerma – Stadtbild, Herzog von Lerma und die Vertreibung der
moriscos
;
Ribera del Duero – Rotweingebiet und dessen Zentrum, die Stadt Peñafiel mit Burg und deren Geschichte;
Tordesillas –
Parador
, Kloster
las Claras
;
Stadtbild; Johanna die Wahnsinnige und ihr Sohn Karl,
Carlos
, später Kaiser Karl V.;
Vertrag von Tordesillas (Teilung der Welt)
5.
Arévalo Madrigal de las Altas Torres Medina del Campo
Arévalo – Burg, in der Isabella (später die Katholische) einen Großteil ihrer Kindheit verbringt;
Plaza de la Ville
, Kirche
San Martin
mit romanischer Vorhalle, Backsteinbau weise der
mudéjares
;
Madrigal de las Altas Torres -
Real Monasterio de las Agustinas
, ehemaliger
Palacio Real
, Geburtsort Isabellas;
Medina del Campo - Sterbeort Isabellas,
Castillo de la Mota
, dessen Baustil, Cesare Borgia, der in dieser Burg gefangen gehalten wird, Geschichte der Stadt, Isabellas Tod
6.
Toro und Zamora
Toro - romanische Kirche
Colegiato de Santa Maria la Mayor
, Hotel
Juan II.
; Niederlage der
comuneros
, Sieg Isabellas und Ferdinands über die
Beltraneja
, deren Herkunft, Konflikt um die Thronfolge, Heirat Isabellas und ihre Krönung, Auseinandersetzung mit König
Alfonso V
von Portugal, Entscheidungsschlacht am Duero bei Toro;
Schicksal der
Beltranej
a;
Zamora -
Parador
im
Palacio de los Condes de Alba y Aliste
, romanische Kirchen, besonders die
Iglesia San Cipriano
, westgotische Kirche
Pedro de la Nave
;
El Cid
, Geschichte Kastiliens und Lèons in der Zeit nach 1065;
Hospitaliter
7.
Salamanca und Plasencia
Salamanca - Jesuitenbildungsstätte
La Clerecia
, Geschichte und Bau der Universität, Kathedrale,
Plaza Mayor
, Dominikanerkirche
San Esteban
und Pantheon der Theologen, berühmte spanische Dominikaner: Domingo de Guzmán (Ordensgründer, spanische Inquisition (
Tomás
de Torque mada),
Convento de las Dueñas, Casa de las Conchas, Colegio Mayor Arzopispo Fonseca -
Altar von Alonso Berruguete;
Plasencia -
Parador
im ehemaligen Dominikanerkloster, Geschichte und Gebäude, Stadtbild, neue Kathedrale, Innenraum. platereske Fassade, alte Kathedrale
8.
Yuste
Anfahrt über Jaraiz de la Vera; Räume des Hauses von Kaiser Karl V.;
Kaiser Karl V. - sein Scheitern, seine Anteilnahme am akuten politischen Geschehen nach seinem Rückzug nach Yuste, seine Schulden;
Juan de Austria; Cuascos de Yuste;
Jarandilla de la Vera -
Parador Carlos V
in der Burg des Grafen von Orense
9.
Guadalupe
Anfahrt von Jarandilla de la Vera;
Geschichte des Klosters, Mediziner in Guadalupe, Architektur des Klosters, Fassade, Rundgang durch das Kloster, dessen Bedeutung für Spanien und Mittel- und Südamerka;
Luca Giordano (Maler), Francisco de Zurbarán (Maler)
10.
Trujillo und Cáceres
Trujillo - Konquistadoren aus der Kaste der
hidalgos;
Francisco Pizarro und die Eroberung des Inkareiches;
Hernándo Pizarro, sein
Palacio del Marqués de la Conquista
, Denkmal Francisco Pizarros auf der
Plaza Mayor
; System der
encomienda
in den Kolonien;
Auseinandersetzung Francisco Pizarro - Diego de Almagro, Aufstand der Inkas, Kämpfe der Konquistadoren untereinander;
Interessen der Krone und Rolle der Kirche in den Kolonien;
Paläste der Konquistadoren;
Francisco de Orellana und die Erforschung des Amazonas;
Kirche
Santa Maria de la Mayor
, Grabstätte der Konquistadoren,
Diego Garcia de Paredes
, Samson der Extremadura;
Geschichte der Stadt Trujillo,
Parador
in einem Kloster aus dem 16. Jahrhundert;
Cáceres -
Parador
im
Palacio de los Marquéses de Torreorgaz, Plaza Mayor,
Altstadt (
ciudad vieja
), Paläste und Kirchen; Santiago-Orden und Orden von Alcántara;
Geschlechtertürme in der Altstadt und deren Geschichte;
Casa de las Veletas -
Zisterne und Museum;
Palacio de los Golfinos de Arriba -
spanischer Bürgerkrieg, Franco, Werke des Luis Morales (Maler); Kolonisierung Mexikos - Francisco de Godoy;
Palacio de los Toledos-Moctezuma, Palacio de Godoy;
Geschichte der Stadt
11.
Mérida
Museum für römische Kunst, Bau und Exponate;
Geschichte der Stadt; Mithras-Kult und Stierkampf; Amphitheater; Theaterbezirk - römisches Theater; Mosaike; Einrichtungen hinter dem Bühnenhaus des Theaters;
Parador Via de la Plata
im Gebäude eines ehemaligen Klosters;
Arco de Trajano, Casa del Anfiteatro, Templo di Diana
und andere römische Bauten einschließlich dem
Puente Romano
; Stadtheilige Hl.
Eulalia und
Basilica
Santa Eulalia, Plaza Mayor
12.
Zafra
Parador Hernán de Cortés
in der Burg der Herzöge von Fería, Innenhof von Juan de Herrera;
Plaza Grande, Plaza Chica;
Weinkauf in Bodega (ehemalige Stierkampfarena);
Palast
La Casa Grande
; Kirche
La Candelaria
mit Bildern von Zubarán;
Jerez de los Caballeros - Geburtsort von Vasco Nuñez de Balboa, dessen Biografie;
Plaza de España,
Kirchen
San Miguel
und
San Bartolomé
13.
Córdoba und Madinat al-Zahra
Arabische Kultur, arabische Bibliotheken;
Mezquita
, die große Moschee: Innenraum und Baugeschichte;
Geschichte der Stadt; Geschichte der Mauren in Córdoba und deren Kultur und Wirt schaft;
Madinat al-Zahra - Geschichte und Anlage; kulturelle Blütezeit Córdobas: Medizin, Literatur, Philosophie; Judenverfolgung; Maimónides, Averroës (Philosophen und Mediziner);
Altstadt; Lukan (römischer Poet)
14.
Chinchón Sigüenza Girona
Chinchón -
Plaza Mayor, Parador
in ehemaligem Augustinerkloster;
Sigüenza -
Parador Castillo de Sigüenza
(Lounge);
Kardinal Pedro Gonzales de Mendoza, Kardinal Francisco Jiménez de Cisneros, Verfolger der Juden und der Mauren; Vergleich Erasmus - Machiavelli;
Kathedrale
Santa Maria, Doncel von Sigüenza
(Grabmal);
Cervera - Heiratsvertrag Isabella - Ferdinand, nachmals die Katholischen;
Girona - Vertreibung der Juden unter Cisneros und den Katholischen Königen;
Großinquisitor
Tomás
de Torquemada und die Inquisition; Antisemitismus, der die damals größte jüdische Gemeinde zerstört
Schematisierte Karten
Auf einer sightseeing tour ist alles von Interesse: die Menschen, die drei großen Ks, Kultur, Küche, Keller, die Hotels, das Land, die Atmosphäre der Städte und Ortschaften, die man aufsucht. Jeder Reisende hat Präferenzen, und jeder ist subjektiv und soll es sein.
Die Erfahrungen mit Reiseführern, die der Objektivität verpflichtet sind, auch mit den guten und hervorragenden, sind zwiespältig: auf der einen Seite vermitteln die Führer häufig sehr fundiertes Wissen, das aber oft mühsam zusammengesucht werden muss, da sie eine Unterteilung in landeskundliche, historische und kunsthistorische oder sonst welchen Kategorien vornehmen, den jeweiligen Bereich in Schubladen bugsierend. Mit der Zeit wird man es leid, die eine Schublade bei Bedarf herauszuziehen und die andere zu schließen; Schubladen haben zudem keine Scharniere, die sie miteinander verbinden; sie setzen deshalb beim Benutzer häufig Kenntisse voraus, die nicht vorhanden sind bzw. gar nicht sein können, ein Mangel, dem er während einer Reise nicht immer mit Hilfe des lokal erhältlichen Informationsmaterials in befriedigender Weise abhelfen kann. Auf der anderen Seite wird häufig schlichtes name dropping betrieben, und man möchte dann doch zu gern mehr wissen über den Maler, dessen Werk in einem Halbsatz erwähnt wird, über den Architekten, der den Innenhof einer Burg gestaltet hat, in dem man sitzt, über den Philosophen, der christlichen Abstinenzlern die griechische Philosophie nahe gebracht hat.
Deshalb der Versuch, über eine Art sentimental journey zu berichten, sentimental, weil voller Vorlieben und subjektiver Wahrnehmungen, vielleicht auch widersprüchlichen, chronologisch in der Abfolge der Reise, mit z. T. ausführlichen Exkursen in Kunstgeschichte und Geschichte an den jeweils besuchten Orten.
Das Leitmotiv des Buches ist die Zeit Karls V. und die Zeit seiner Eltern und Großeltern, das Zentrum die Besichtigung des kaiserlichen Altersruhesitzes in Yuste, Triebfeder der Reise und dem Bericht den Titel gebend. In der chronologischen Abfolge der Reise sind den Ortsnamen die Hotels mit Übernachtungspreisen zugeordnet, oft auch die Preise im Restaurant für das jeweils konsumierte Essen, die Preise, so relevant, für die Getränke, die aber, da aus dem Jahre 2002 stammend, die aktuellen Preisverhältnisse in der Schweiz, in Frankreich und in Spanien vor allem nur approximativ wiedergeben.
Die Anreise zum eigentlichen Zielpunkt Yuste in der Extremadura erfolgte über weite Strecken auf den Routen der Jakobspilger - ein gutes Stück des Weges legten wir auf der Via Podiensis, eine der vier großen Pilgerstraßen in Frankreich, zurück und freuten uns über die Kostbarkeiten aus der Zeit der Romanik -, über San Sebastian, dem exklusiven Seebad im Norden Spaniens, über Bilbao des dortigen Guggenheim-Museums wegen, über Tordesillas, wo Karls Mutter, Johanna die Wahnsinnige, den Großteil ihres Lebens in bitterer Gefangenschaft verbrachte, über die Trias Arévalo, Madrigal de las Altas Torres und Medina del Campo, wo der Samen der spanischen Weltmachtherrlichkeit keimte, über Toro und Zamora, wo sich das Schicksal für die Katholischen Könige Ferdinand und Isabella, den Großeltern Karls V., entschied, über Salamanca, der alten Universitätsstadt, und Plasencia nicht weit entfernt von Yuste. Die Rückfahrt - ab Yuste sozusagen - führte über Guadalupe, dem berühmten Marienwallfahrtsort, wo Columbus die ersten Indios, die er aus Übersee mitbrachte, taufen ließ, über Trujillo, der Stadt der Konquistadoren und deren Häuser, über Cáceres mit seiner wundersam erhaltenen mittelalterlichen Altstadt, über Mérida mit seinen vielfältigen Reminiszenzen an die Zeit der Römer, über Zafra, der ruhigen Kleinstadt im Süden der Extremadura inmitten eines großen Weinbaugebietes, über Córdoba, der multikulturellen Musterstadt des frühen Mittelalters am Rande Europas, über Sigüenza, nordwestlich von Madrid, wo uns die Zeit Karls V. und seiner unmittelbaren Vorfahren noch einmal einfing, und schließlich über Girona, nördlich von Barcelona, eine der Perlen Katalaniens.
Ein bedeutender Mann, obzwar lediglich 158 oder gar nur 156 groß, von seiner vor Eifersucht rasenden Mutter Johanna der Wahnsinnigen am 24. Februar 1500 in Gent in einer Toilette geboren, Schüler des Erasmus von Rotterdam, mit 19 Jahren Herrscher über große Teile Europas und der Neuen Welt, tolerant, katholisch, dann, ohnmächtig gegenüber der Ausbreitung der Lehre Luthers, eifernd, dauernd unterwegs, ständig im Krieg, ruhelos. Mit 56 Jahren verteilt dieser Mann die Macht endgültig an Bruder und Sohn, zieht sich in eine, wäre da nicht das Kloster San Gerónimo de Yuste, wahrlich Gott verlassene Gegend in der Extremadura zurück, wissend, dass der beschwerliche Weg dorthin seine letzte Reise sein wird, wartet im 20 km entfernten Jarandilla de la Vera im Palast eines seiner Untertanen auf die Fertigstellung seines Hauses, das er als Annex zum Kloster erbauen lässt. Es bleiben ihm nur knapp eineinhalb Jahre, die er in seinem Haus verbringen kann, wohl informiert über die Vorgänge draußen, seinen Kindern Ratschläge erteilend, opulente Mahlzeiten genießend, die ihm dann schwer zu schaffen machen, sich am Bild seiner verstorbenen Frau Isabella delektierend, das die Bediensteten verhüllen müssen, wenn Besucher kommen, an seinem Lieblingsplatz in einem für ihn angefertigten Stuhl liegend, der ihm, mit seiner speziellen Vorrichtung, die Schmerzen in seinem rechten Bein erträglicher macht, lesend, in die beruhigende Weite der Landschaft blickend.
Kaiser Karl V., in Spanien König Carlos I also: weise oder resignierend, oder weise resignierend, und Yuste, die Extremadura und die romanischen Bauten entlang der französischen und spanischen Jakobswege - das sind sie, die Koordinaten, die unsere Reise bestimmen.
Nicht nur die Vorschriften für die Herstellung von Käse sollten in ganz Europa die gleichen sein, auch die Regeln für die Beschilderung der Autobahnen bedürften dringend der Vereinheitlichung. Für einen Touristen, der aus Österreich, Deutschland oder der Schweiz kommt, sind die Feinheiten der Beschilderung in Frankreich nicht unbedingt auf Anhieb einsichtig. Die Umfahrung Lyons in der rush hour am Morgen wird, Stoßstange an Stoßstange, zum Horrorerlebnis, wenn sich plötzlich, ohne Vorankündigung, die zweispurige Autobahn in eine jeweils einspurige verzweigt, man, als vorsichtiger Fremder rechts fahrend, eigentlich hätte nach links abbiegen müssen, wie ein verzweifelter Blick aus den Augenwinkeln auf ein Schild zeigt, das gut 300 Meter nach der Verzweigung über der linken Fahrbahn hängt, man aber des außerordentlich dichten Verkehrs und des fehlenden Voranzeigers wegen die Abzweigung versäumt und deshalb geradeaus fahren muss, ins Ungewisse, in die Stadtmitte, zwar die nächste Ausfahrt zur Umkehr nutzt, aber nur mit allergrößter Mühe und mit der kräftigen Hilfe eines freundlichen Einheimischen sich wieder in den Verkehr auf der Gegenfahrbahn einreihen kann. Einmal verunsichert, wird auch die konzentrierte Suche nach der Autobahn in südwestlicher Richtung, nach St. Etienne und Le Puy-en-Velay, zur Belastung, eben auch auf Grund der eigenwilligen Beschilderung, deren tieferen Sinn wohl nur ortskundige Franzosen mit der Schnelligkeit, die der Verkehr erfordert, erfassen. Außerhalb des Einzugsgebiets Lyons wird die Fahrt immer angenehmer und ruhiger, so dass man auch als Fahrer die Schönheiten der Landschaft aufnehmen kann.
Wir stellen das Auto am Hauptplatz in Le Puy ab und steigen die steilen Gassen und Treppen hinauf zur romanischen Kathedrale Notre-Dame, die, die Stadt überblickend und beschützend wie eine Gluckhenne, auf einem kleinen Plateau am Fuße des nach Corneille benannten Berggipfels steht, umgeben von gepflasterten, engen, abschüssigen Straßen und einem kleinen Platz vor dem Hauptportal, dem Place du For, an dem auch das bischöfliche Palais aus dem 16. Jahrhundert steht. Der Bau der Kathedrale, mit nicht weniger als sechs Kuppeln über dem Langhaus, die, neben den Fresken, den byzantinischen Einfluss auf die Gestaltung des Bauwerks nachweisen, geht zurück bis ins 11. und 12. Jahrhundert. Ein Bischof von Le Puy, Adhémar von Monteil, ist als Legat des Papstes einer der Führer des ersten Kreuzzuges Ende des 11. Jahrhunderts und Begleiter des mächtigen Raymond von Saint Gilles, Graf von Toulouse, des prominentesten Teilnehmers am Kreuzzug - an dem sich kein Herrscher beteiligt! - der, als Anführer der größten von insgesamt vier Armeen, auch Anspruch auf die Gesamtführung erhebt. Adhémar stirbt am 1. August 1098 in Antiochia in Syrien an der Pest; sein Verdienst ist es, den Kreuzzug mit initiiert zu haben, der in Clermont-Ferrand beginnt, nach einem weithin vernehmbaren Aufruf des Papstes Urban II. auf der dortigen Synode, der am 27. November 1095 auf einer öffentlichen Sitzung auf freiem Feld vor den Toren der Stadt erfolgt, weil für die Masse der Menschen die Kathedrale zu klein ist. Pflichteifrig bittet Adhémar als erster, nach Jerusalem ziehen zu dürfen. Urban II. ruft zwar Arme und Reiche zum Kreuzzug auf, doch in Wahrheit stößt er zunächst nur bei der Ritterschaft in Frankreich auf nachhaltige Resonanz. Bald allerdings finden auch fanatisierte Volksmassen Gefallen an dem für sie imaginären Aufbruch nach Osten, und sie nutzen die Gelegenheit, an den einheimischen Nichtchristen, sprich den Juden, ihre christliche Ideologie zu verifizieren. Die Anfänge der Kreuzzugsbewegung führen nicht nur zu den furchtbaren Blutbädern in Jerusalem, sondern konsequenterweise auch zu den ersten schweren Judenprogromen des Mittelalters in Europa, besonders in Rouen und im Rheinland.
Die Anziehungskraft der Madonnenstatue oben auf dem Hochaltar der Kathedrale in Le Puy - in den Augen eines unvoreingenommenen Betrachters äußerlich nichts sagend wie fast alle diese Statuen - macht Le Puy schon im frühen Mittelalter zum Ziel frommer Pilger, und selbst die Mauren, so wird berichtet, bitten die Madonna, die Ernte auskömmlich ausfallen zu lassen. Der jetzige Bau der Kathedrale entsteht allerdings im Wesentlichen im 13. Jahrhundert. Auffallend das Zebramuster im Mauerwerk aus Lavagestein, das, wie besonders auch der Kreuzgang, nicht zufällig an die Mezquita in Córdoba erinnert, denn die gestalterischen Charakteristika dieser größten Moschee der Mauren gelangen über das effiziente Kommunikationssystem der Pilgerwege nach Le Puy, und nicht ganz zufällig ist der erste Jakobspilger, dessen Name uns bekannt ist, ein Bischof Godescale, Godeschalk, von le Puy, der 951 mit großem Gefolge nach Santiago de Compostela zieht, was zusammen mit der Pilgerreise, die der Bischofs von Reims, Hugo von Vermandois, im Jahre 961 unternimmt, dem heiligen Jakobus zu großem Prestige verhilft. Dass die Quellen im 10. und 11. Jahrhundert ausschließlich Angehörige des Hochadels, Bischöfe und Äbte als Pilger erwähnen, mag mit jenem Phänomen zusammenhängen, von dem heutzutage die yellow press lebt: Leben und Treiben des Adels und Geldadels, der so genannten Stars und Starlets liefern einem intellektuell anspruchslos gehaltenen Publikum die Themata zu sehnsüchtigem Wunschdenken von Egalität. Fest steht, dass im 12. und 13. Jahrhundert die anonymen Pilger aus allen sozialen Schichten die große Masse der Reisenden ausmacht, für die, neben ihrer Wundergläubigkeit, dem Glauben, an ihrem Zielort Gott nahe zu sein, der Ausbruch aus ihrem mühevollen Alltag, Reiselust und Fernweh - Aspekte, die auch die moderne Tourismusbranche zu nützen weiß - nicht unwesentliche Antriebskräfte für eine Pilgerreise sind.
Der wunderschöne romanische Kreuzgang (der Eintritt ist teuer!) aus dem 11. und 12. Jahrhundert hinter der Kirche. mitten in der bischöflichen Altstadt, in der sich keine typischen Klostergebäude finden, weil hier weltliche Domkanoniker gelebt haben, wird leider im 19. Jahrhundert umgebaut. Die Kapitelle, zum nachdenklichen Verweilen einladend, stellen nicht, wie so oft, Begebenheiten aus der Bibel dar, sondern versinnbildlichen unerschöpfliche und immer gültige Themen wie Laster und Tugend, Luxus, Hemmungslosigkeit und Versuchung. In einem Kapitell in der Westgalerie streiten ein Abt und eine Äbtissin um den Krummstab eines Bischofs, will sagen um die Macht, und es steht zu vermuten, dass es sich hierbei um eine symbolisierte Auseinandersetzung zwischen konkurrierenden Männer- und Frauenklöstern handelt. Den in dieser Gegend fast unvermeidlichen Bezug zu Karl dem Großen, der sich tatsächlich mehrmals in der Stadt aufgehalten hat, stellt ein karolingisches Kapitell in der Südgalerie her, das, den Herrscher zwischen zwei Tauben platzierend, auf die Erscheinung des St. Jacques verweist, der den Kaiser auffordert, sein Grab in Santiago de Compostela - und den Sternenweg - von den Mauren zu befreien und das Abendland im christlichen Glauben zu einen.
Draußen schauen wir zu dem Schornstein auf dem Chorknabengebäude auf, dessen Form - er sieht aus wie ein Minarett - nicht unbedingt seinen romanischen Ursprung vermuten lässt, wenn man die Romanik der Auvergne und des Périgord nicht näher kennt, bevor wir das pittoreske Viertel, in dem es zu unserem Bedauern keine Möglichkeit zur Restauration gibt, verlassen und vorsichtig wieder in die Stadt hinuntergehen. Mit schlechtem Gewissen an die mittelalterlichen Pilger denkend, verzichten wir des beschwerlichen Aufstiegs wegen auf die Besichtigung der romanischen Kirche St. Michel d'Aigouilhe aus dem 11. Jahrhundert, die, als wäre sie mit Hilfe von Hubschraubern erbaut, auf einem steilen Vulkankegel sitzt, und versuchen, die alte Via Podiensis ausfindig zu machen - um auf ihr über Aubrac und Espalion schließlich nach Conques zu gelangen -, ein nervenaufreibendes Unterfangen, das, nach mehrmaligem Fragen, schließlich doch zu einem guten Ende führt. Wir, bequem im Auto sitzend, das uns auf steiler Auffahrt aus dem Kessel hinausbringt, gedenken wiederum der mittelalterlichen Pilger, die wohl den Weg leichter als wir gefunden haben, dafür aber den mühsamen Aufstieg zu Fuß haben bewältigen müssen.
Die Landschaft, deren immer wiederkehrende Hügelwellen an den rollenden Atlantik erinnern, ist für uns in ihrer unzerstörten, scheinbar grenzenlosen grünen Weite ein Erlebnis, das Herz und Seele weitet; die Pilger, schutzlos den Unbilden des Wetters ausgeliefert, werden froh gewesen sein, wenn sie nach langer und zermürbender Wanderung wieder ein Haus oder eine bescheidene Ansiedlung gesehen haben, wo Schutz und Labsal gelockt haben. Wir kehren auf unserem Weg nach Aubrac zum späten Mittagessen in Saugues ein, einer der Stationen an der Via Podiensis, einer kleinen Stadt in der südwestlichen Auvergne in der Provinz Haute-Loire, in einem jener Hotels mit Restaurant, die in der Fédération nationale de Logis de France zusammengeschlossen sind und die auf dem platten Land oft die einzige Übernachtungsmöglichkeit bieten. Die Zimmer sind preiswert, doch nicht durchwegs auf unbesehen akzeptablem Niveau, wohingegen die Restaurants in aller Regel stilvoll eingerichtet sind und zu einem - für französische Verhältnisse! - annehmbaren Preis schmackhaft-kerniges, oft sogar fein zubereitetes Essen offerieren. So auch im La Terrasse in Saugues, wo uns ein am Nebentisch sitzendes, unverkennbar künstlerisch tätiges holländisches Ehepaar - mehrsprachig, er sich weltläufig gerierend, eitel, sie sympathischmenschlich, zurückhaltend, sedat -, das ganz in der Nähe im eigenen Haus lebt, weil es, wie der Mann sagt, in dieser Gegend keine Touristen (!) und nur wenige Autos gibt, unsere Eindrücke nachdrücklich bestätigt und uns in Aubrac ein Etablissement empfiehlt, das ebenfalls Mitglied dieser Kette ist. Die Atmosphäre im modern gestalteten Lokal ist angenehm, das Essen schmeckt, und aus dem Lautsprecher perlt wohltuend unterhaltsame Jazzmusik, mitten in der französischen Provinz!
Die Weiterfahrt zunächst nach Aumont-Aubrac, wo wir wieder den weiteren Weg nach der alten Pilgerstation Aubrac erfragen müssen, weil ein Verkehrsschild nicht zu finden ist, bestätigt die Holländer: kein Auto ist zu sehen! Die Landschaft: hügelige Wellen, ein Kommen und Gehen, ein Anschwellen und Verschwinden, ein Verweilen für Augenblicke, ein Festzurren des Blicks an einer der wenigen Baumgruppen in der Ferne, herbe, grüne Weite, einsame Unendlichkeit. Im Mittelalter ist die Gegend berüchtigt; Räuber nutzen sie, um die Pilger zu überfallen und auszurauben. Falls sie den Gefahren unterwegs glücklich entkommen sind, wartet in Aubrac eine den Räubern durchaus ebenbürtige Spezies auf die Bußfertigen: die Wirte der Pilgerunterkünfte, die ihre Monopolstellung nutzen, um die Pilger schamlos auszuquetschen; selbst das weibliche Servicepersonal muss den Pilgern des Nachts zu Diensten sein, um die Gewinne der Wirte zu vergrößern. Uns dergleichen Gepflogenheiten auszusetzen bleibt uns erspart, denn die Hotels und Restaurants in Aubrac sind auf Grund der frühen Jahreszeit - wir schreiben den 18. April - noch geschlossen, so dass wir die Empfehlung der Holländer aus Saugues nicht wahrnehmen können. Das ganze menschenleere Ensemble erinnert an die Tristesse hoch gelegener Skistationen, wenn im Frühjahr der Schnee abgeschmolzen und der Winterbetrieb eingestellt ist.
Von den Gebäuden der alten Pilgerstation auf 1000 Meter Höhe ist nicht mehr viel zu sehen: ein spätromanisches, lang gestrecktes Gebäude, das die Landschaft beherrscht, wenn man, wie wir, von Nasbinals kommt; es ist der alte Saal des ehemaligen Hospizes, dessen eine Hälfte jetzt als Andachts- und Gedenkraum genutzt wird und um dessen andere Hälfte sich niemand zu kümmern scheint; davor, an der Straße, der bunte Friedhof, ein memento, homo ... rufend, das nicht zu überhören ist; über der Straße die kleine Kirche, die früher von dem Schlafsaal durch einen Durchgang, der jetzigen Fahrstraße, separiert gewesen ist.
Aubrac ist heute aber wohl ein Ort, dessen Realität und Bedeutung eher die Restaurants und Hotels ausmachen denn Erleichterung bei Erreichen dieses Zwischenziels auf der Via Podiensis.
Über St. Chély d'Aubrac fahren wir, die zugige Höhe verlassend, hinunter ins Tal des Lot, nach Espalion, einer kleinen Stadt mit 4 500 Einwohnern, die, wohl auf Grund ihrer geographischen Lage, eine der wichtigeren Stationen an der alten Pilgerstraße ist. Bei der Quartiersuche haben wir Glück. Schnell finden wir das Hotel Moderne im Zentrum, nicht weit von der Brücke über den Lot, direkt an der Durchgangsstraße. Wir wählen deshalb, auf ungestörte Nachtruhe hoffend, ein Zimmer (DZ ca. € 50.- ohne Frühstück) im rückwärtigen Teil des Gebäudes, klein, inferior, aber mit einer sehr geräumigen, luxuriösen Nasszelle: zwei Waschbecken, in der linken Ecke die übergroße Dusche, in der rechten die Badewanne. Das Hotel, alteingesessen und frequentiert, ist, was wir durchaus schätzen, nicht modern, sondern renoviert, hat eine kleine Garage, eine neu möblierte Lounge und ein angenehmes Restaurant, in dem wir freundlich bedient werden, mit einem provinziell-zurückhaltendem Publikum. Am nächsten Morgen schlendern wir mit wachen Sinnen zur Le-jour-se-lève-Zeit zur Lot-Brücke, erfreuen uns an den schön gegliederten Fassaden der Bauten am Fluss, nehmen von weitem die Umrisse des im Dämmerlicht imposant erscheinenden Schlosses wahr und überqueren den Fluss auf dem Weg zur Kirche, die noch nicht geöffnet ist. In der funktional eingerichteten Bar am kleinen Marktplatz trinken wir einen Espresso, bevor wir, vorbei an den Marktständen, die gerade aufgebaut werden - der Brotverkäufer ist fast schon fertig mit seinen Vorbereitungen - zurück zum Hotel gehen, durch eine schmale Gasse mit malerischen Häusern. Die Ausfahrt aus der Hotelgarage versperrt ein Auto mit einem französischen Nummernschild. Nach weniger als fünf Minuten Wartezeit kommt dessen Besitzer, ungekämmt, flüchtig gekleidet, entschuldigt sich wort- und gestenreich für sein spätes (!) Erscheinen und stoppt für uns, nachdem er sein Auto aus der Garage gefahren hat, den inzwischen stärker gewordenen Verkehr auf der Durchgangsstraße, ein nicht ganz ungefährliches Unterfangen, so dass wir aufs Bequemste rückwärts aus der Garage gelangen. Chapeau!
So erfreulich sich der Aufenthalt in Espalion gestaltet hat - vielleicht haben wir doch den falschen Ort für die Übernachtung gewählt! Ein paar Kilometer weiter im Tal des Lot liegt Estaing, früher auch eine Station der Pilger, heute knapp 700 Einwohner, ein reizendes Städtchen mit einem nicht minder reizenden kleinen Hotel, der L'Auberge Saint-Fleuret. Der Frühstücks- und der Speiseraum des Zweisternehauses (DZ € 40 bis 43.-), in einem alten Gebäude an der Straße unterhalb der Kirche im Stadtinnern, haben Flair, der Garten hinter dem Haus bietet Schatten, die Küche ist gut, was wir uns von zwei österreichischen Ehepaaren sagen lassen, denen wir in der kleinen Lounge begegnen; der Wirt, hundelieb, wie der zugänglich-zutrauliche große Haushund anschaulich beweist, ist sehr freundlich und versorgt uns mit Informationsmaterial über die kleine Stadt und deren Umgebung in deutscher Sprache.
Der Namenspatron des Hotels ist Fleuret, ein Bischof aus Clermont, der auf seiner Rückreise aus Rom in Estaing längere Zeit Station gemacht hat und hier gestorben ist; an die Wunder, die er hier vollbracht haben soll, erinnert jedes Jahr am ersten Sonntag im Juli das Fest von Saint-Fleuret, dessen Hauptattraktion eine feierlich-heitere Prozession in den Gassen von Estaing ist, an der dessen Einwohner, als Repräsentanten des Himmels und der Adelsfamilie d'Estaing verkleidet, teilnehmen.
Auf zwei gegenüber liegenden Hügeln platziert, beherrschen Kirche und das alles überragende Schloss die unter ihnen gruppierten Häuser mit ihren grauen Schieferdächern, die sich zwar bis zur Kirche hinaufwagen, aber vor dem Schloss einen Respektsabstand einhalten. Der einstige Schlossherr, Tristan-Dieudonné d'Estaing, rettet in der berühmten Schlacht von Bouvines am 27. Juli 1214 - in der Nähe von Tournai in Flandern - das Leben des französischen Königs Philippe II.-Auguste, worauf ihm der König drei Lilien für sein Wappen schenkt. Das ist aber gar so generös nicht, wenn man weiß, dass der König immerhin eine internationale Koalition des Kaisers Otto IV. und des Königs Johann von England - vulgo John Lackland, ein Spitzname, den ihm sein Vater, Heinrich II. von England, gegeben hat, weil er schon vor der Geburt seines jüngsten Sohnes seine Ländereien unter den älteren Söhnen aufgeteilt hat - mit dessen französischen Vasallen besiegt und sich somit alle englischen Besitzungen nördlich der Loire sichert, was ihm zu großem Prestige im eigenen Land und in ganz Europa verhilft. Aber nicht nur der gute Tristan-Dieudonné kommt seinerzeit schlecht weg; nach der Niederlage von Bouvines müssen auch die Welfen in Person des Kaisers Otto IV., Sohn des Welfenherzogs Heinrich der Löwe, ihre Ansprüche auf den Kaiserthron revidieren. Heinrich der Löwe hat 1168 Mathilde, eine der Töchter der Eleonore von Aquitanien, der Königin von England, und ihres Gemahls, Heinrich II. von England, geheiratet und somit den Grundstein zu einer langen Liaison zwischen seinem Geschlecht und dem englischen Herrscherhaus gelegt. Otto erfährt seine Erziehung am Hofe seines Onkels Richard I. - Löwenherz - von England und wird 1190 Earl of York und 1196 Graf von Aquitanien, dem Land im Südwesten Frankreichs. Bei seiner Auseinandersetzung mit den Staufern wird er sowohl von König Richard als auch von dessen Bruder und Nachfolger, König Johann Ohneland, unterstützt. Doch warum kommt es überhaupt zu dieser Auseinandersetzung? Beim Tod des Stauferkaisers Heinrich VI. im September 1197 ist sein Sohn, der nachmalige Kaiser Friedrich II., noch nicht einmal drei Jahre alt. Seine Mutter ist neun Jahre mit Heinrich verheiratet und bereits im vorgerückten Alter, als sie von ihrem Sohn, der später seinen Zeitgenossen als stupor mundi gilt, als Staunen der Welt, d. h. der die Welt in Staunen versetzt, öffentlich in einem extra zu diesem Zweck errichteten Zelt auf dem Marktplatz in Jesi nicht weit von Ancona entbunden wird. Die Geburt vor einem bunt zusammengewürfelten Publikum, in der Hauptsache Adlige, soll den Verdacht ausräumen, dem Reich ein fremdes Kind unterschieben zu wollen, um auf diese Weise die Macht der Staufer im Deutschen Reich und die Erbfolge im ehemals normannischen Königreich in Sizilien zu sichern. Die deutschen Fürsten wollen aber den kleinen Friedrich trotz seines Echtheitzertifikats nicht als König akzeptieren. Die Anhänger der Staufer wählen deshalb im März 1198 Friedrichs Onkel Philipp zum König. Im Juni 1198 wird aber Otto von den Parteigängern der mit den Staufern rivalisierenden Welfen, unter Führung des Erzbischofs Adolf von Köln, inthronisiert, und der Erzbischof krönt ihn auch gleich am passenden Ort, nämlich in Aachen, wohingegen Philipp erst im September 1198 von einem anderen kirchlichen Würdenträger in Mainz gekrönt wird. Die Staufer verbünden sich mit Frankreich, und die Niederlage des englischen Königs Johann und des Kaisers Otto IV. bei Bouvines schwächt den Herrschaftsanspruch des Letzteren dermaßen, dass der junge Staufer Friedrich II. die Macht im Reich gewinnen kann. So trägt Bouvines auch zur Klärung des quälenden Thronstreits zwischen Staufern und Welfen bei.
Die Tristan-Dieudonné nachfolgenden Generationen in Estaing bauen das Schloss aus und versuchen, es zu verschönern - ohne wahrnehmbaren Erfolg, und auch die frommen Gebete der Nonnen von Saint-Joseph, jetzige Bewohnerinnen des Schlosses, können in dieser Hinsicht wenig Abhilfe schaffen.
Nach einem langen Blick auf die schönen Bögen der Brücke über den Lot fahren wir über ein enges, kurvenreiches Sträßlein, eine Art via dolorosa für Autofahrer, weiter nach Conques, das zum ersten großen Höhepunkt unserer Reise werden soll. Unten im Tal schauen wir uns das luxuriöse, sehr empfehlenswerte Hotel Le Moulin im Gebäude einer alten Wassermühle - einer der letzten am Dourdou - an, das zur sehr guten Relais et Châteaux-Kette gehört. Die schöne Lage am Fluss, die ruhige und gepflegte Atmosphäre, die geschmackvoll eingerichteten Zimmer und die - in Anbetracht des Niveaus - sehr erfreulichen Preise (DZ ab € 90.- ohne Frühstück) verleiten uns fast zu bleiben.
Dann fahren wir aber doch hinauf nach Conques, den sonnigen, aber windigen Tag nutzend. Wir parken außerhalb des Städtchens und gehen die Rue Charlemagne hinauf, sehen die Turmspitzen der Abteikirche über der lang gestreckten silbrigen Dachlandschaft, die sich vertrauensvoll in den Hang kuschelt wie eine kleine Katze in eine große, beschützende Hand, im Norden und Westen die Klosterkirche umschmiegend. Wir passieren das Stadttor Porte du Barry und sind nicht nur von den alten Häusern links und rechts der Straße enthusiasmiert, die den Hauptvorort der Ansiedlung, das Barry, bilden, sondern auch von dem gesamten Dorfensemble aus dem 10. und 11. Jahrhundert, das, wie wir allmählich beim Weitergehen erkennen, wie ein Y mit ungleichen Armen angelegt ist. Der eine Arm, die Via Podiensis, führt, die ganze Ansiedlung vom ehemaligen Tor Porte de Fumouze bis zur Porte de la Vinzelle durchquerend, nach Figeac, der andere zweigt von dieser Straße, der Rue Haute, der heutigen Rue Emile Roudié, ab hinab zur Kirche und führt dann als Rue Charlemagne hinunter bis zur so genannten Römischen Brücke über den Dourdou. Kurze, enge, abschüssige Gassen, die Carrièrous, verbinden die beiden Hauptstränge.
Der Platz vor der Westfassade der Abteikirche ist klein. Sieht man von dem berühmten Tympanon über dem Portal ab, so ist die Fassade fast schmucklos, abweisend, erdrückend hoch, aber nicht nur deshalb zieht das Tympanon mit seinen 124 Figuren - ohne Zweifel eine der bedeutendsten Skulpturen der Romanik - alle Aufmerksamkeit auf sich. In seinem Zentrum der thronende Christus als Weltenrichter in einer Mandorla aus Sternen und Wolken, im Vergleich mit den anderen Figuren überdimensioniert, starr und klug in die Weite schauend, mit der nach oben erhobenen, seltsam verdrehten Rechten die Gesegneten wie ein Verkehrspolizist ins Paradies weisend, mit der Linken streng nach unten zeigend, die Verdammten der Hölle zuordnend. Damit ist die einfache Einteilung der Darstellung des Jüngsten Gerichts klar: Rechts von Christus der Himmel, das Paradies, d. h. Ordnung, Ruhe, Betulichkeit; links von Christus die Hölle als Anti-Himmel, d. h. aufwühlendes Geschehen, Chaos, Gewalt, Schrecken, Fratzen und Entsetzen. Im mittleren der insgesamt drei Querfelder des Tympanons, von der Figur des Christus beherrscht, der ruhige, gesetzte Zug der Auserwählten, angeführt von Maria, der Petrus folgt, den Schlüssel zum Paradies in Händen, beide, im Gegensatz zu den anderen Figuren, mit Heiligenschein; dann Datus, der Gründer des Klosters, dann ein Abt, Kaiser Karl den Großen, der das Kloster der Legende nach so reichlich mit Gaben versorgt hat, an der Hand. Kaiser Karl, etlicher Vergehen durchaus schuldig, muss um Sündenerlass bitten, und deshalb tragen die beiden nachfolgenden Mönche die Beweise für seine Großzügigkeit gegenüber dem Kloster: ein Diptychon und einen Reliquienbehälter. Christus zur Linken die Hölle, die Qualen der Unglücklichen, der Verdammten: er Geizige z. B. hängt, mit seinem Geldbeutel am Hals, an einem Baum, das ehebrecherische Paar wird, am Nacken zusammengebunden, vor den Satan gezerrt. Unter der Christusfigur wird das Wägen der Seelen dargestellt. Ein Teufel mit verschmitztem Gesicht versucht mit Hilfe einer listigen Geste seinen Kontrahenten, den Erzengel Michael, abzulenken und, seinen Zeigefinger auf die Waagschale drückend, zu betrügen. Darunter empfängt der Engel die Auserwählten am Tor zum Paradies; gegenüber, wieder das Antipodische betonend, werden die Verdammten in den Schlund Leviathans, der biblischen Meerschlange, gestoßen. Die Heilige Fides als Motor des Ansehens und Reichtums des Klosters darf nicht fehlen: im Dreieck über dem Himmlischen Jerusalem im unteren Feld rechts von Christus wirft sie sich demütig vor die versöhnlich-segnende Hand Gottes. Die drastische Plastizität der einzelnen Figuren, deren charakterisierende Haltung, deren fesselnde Ausdruckskraft, deren An- und Zuordnung, das dargestellte Geschehen mit seinen vielen Bezügen und Anspielungen üben auf den Betrachter eine Sogwirkung aus, der er sich kaum mehr entziehen kann. Das Kircheninnere: einfache Formen, schnörkellos, nüchtern, streng, erhaben, hoch. Zwei Besonderheiten fallen auf: die eine ist das weit ausladende Querschiff, weil, des Geländes wegen, an der Länge - das Hauptschiff ist nur knapp 21 m lang, die Apsis ist gedrungen - im Vergleich zu anderen Kirchen ähnlichen Typs, wie Saint-Sernin in Toulouse, gekappt werden muss, man aber Raum benötigt, um die vielen Pilger aufnehmen zu können; die zweite ist die Staunen erregende Höhenerstreckung, mit der man möglicherweise die relativ geringen Bodenausmaße vergessen machen will, welche, die Höhe der gotischen Dome antizipierend, die mystische Gestimmtheit des Raumes, zusammen mit dem Lichteinfall, bewirkt. Ein Raumerlebnis, das jene Exzendenz, jene Ausdehnung der Seele, der Erlebnis-, Aufnahme- und Erkenntnisfähigkeit hervorruft, von der Cees Nooteboom spricht. Schmiedeeiserne Gitter aus der Zeit der Romanik, die in ihrer Halt gebietenden, doch auch wieder versöhnlichen Wehrhaftigkeit an eine dicht geschlossene Reihe edler Ritter in feingliedrigen Rüstungen erinnern, schützen die Reliquienbehälter im eigentlichen Heiligtum. Die mehr als 250 Kapitelle im Kircheninnern veranschaulichen die Entwicklung, welche die Gestaltung dieser für die Romanik so typischen Bauelemente im Laufe der Epoche durchgemacht hat: von den Flechtbandkapitellen - flache Bänder verlaufen, sich kreuzend, übereinander und enden in einer Palmenverzierung - in den Querschiffkapellen, um den Chor und am Nordportal, die zwischen 1050 und 1075 entstehen, über die ersten, noch vagen Versuche im Chorumgang, das menschliche Gesicht darzustellen, bis hin zu den reifen Figurenkapitellen wie z. B. jenes, welches die Verurteilung der Heiligen Fides darstellt, eigentlich disproportionierte Gestalten mit viel zu großen Köpfen, deren unwiderstehlicher Zauber in ihrer bildlichen Eindringlichkeit, ihrer - auch didaktischen - Konzentration auf das Wesentliche, ihrer unmittelbaren, deftigen Aussagekraft liegt.
Draußen, vom Hügel hinter der Kirche, wo sich auf einer Messingtafel eine aufschlussreiche Aufzählung der einzelnen Pilgerstationen auf der Via Podiensis von Le Puy bis Conques findet, die Rückansicht der Abtei, die ganze massige, unverrückbare Wucht des mächtigen Baukörpers der Abteikirche vermittelnd, die Apsiden wie Drillinge an der Hand ihrer Mutter, darüber die Chorhaube mit pyramidenförmigem Aufbau.
Bevor wir uns den Kirchenschatz in den noch vorhandenen Abteigebäuden ansehen, einschließlich der kümmerlichen Überreste des Kreuzgangs, den vor den begehrlichen Zugriffen der Einwohner zu retten, welche Steine zum Bau ihrer Häuser benötigen, die Bemühungen Merimées zu spät gekommen sind, setzen wir uns an einen der winzigen Tische eines der Lokale auf dem kleinen Platz vor der Westfassade. Unsere Bestellung ist den Wirtsleuten wohl zu unbedeutend, denn, obwohl bis zu dieser Stunde weit und breit keine weiteren potentiellen Gäste zu entdecken sind, wird uns nur auf Grund nachdrücklichen Insistierens gestattet, draußen Platz zu nehmen. Der Nachweis der Globalisierung der ehernen Gesetze des Tourismus ist erbracht. Wir lassen die sonnige Atmospäre auf dem Platz auf uns wirken, während des Gesprächs immer wieder auf das Tympanon blickend. Abtei und das ganze Dorf machen auf uns einen weitaus weltoffeneren, freundlicheren Eindruck als wir nach den Abbildungen, die wir von Conques kennen, erwartet haben.
Im Kirchenschatz - einen reicheren gibt es nicht in Frankreich - finden sich tatsächlich ein paar highlights: das Sitzreliquiar der Heiligen Fides z. B., das Einzige noch erhaltene dieser Art im ganzen abendländischen Raum, eine starre, auf einem Thron sitzende Figur, ohne geschmeidige Eleganz, das Gesicht, im Verhältnis zum Körper zu groß, mit maskulinem touch, Strenge ausstrahlend, gemildert durch reichen Schmuck, auf eigenartige Weise den Betrachter fesselnd. An der Figur ist eigentlich vom 9. bis ins 19. Jahrhundert gearbeitet worden; den Kopf liefert - die Handwerker und Künstler des frühen Mittelalters sind da nicht zimperlich - eine antike Büste, und um das Jahr 1000 erhält die Statue, nach mancherlei Adaptionen, ihr würdevolles Aussehen, der Relevanz der Heiligen Fides für das Kloster entsprechend, wobei die vielen Edelsteine und die kostbaren Materialien Hinweise dafür sind, dass sich die Karolinger nachhaltig als Sponsoren der Abtei betätigt haben. Doch selbst im Klerus sind Figuren wie jene der Heiligen Fides - im Zentralmassiv hat es einige Darstellungen der Jungfrau Maria gegeben, wie Fides auf einem Thron sitzend, weshalb sie als Majestäten bezeichnet worden sind - nicht unumstritten, denn die Gefahr der Idolatrie wird durchaus erkannt, und der Zwiespalt, in den die Heilige Fides den guten Bernhard von Angers bringt, den Leiter der dortigen bischöflichen Schule, ist dafür ein bezeichnendes Beispiel. Er bezweifelt die Wundertaten der Heiligen Fides, reist deshalb im Jahre 1013 nach Conques, um sich zu informieren, und stellt nüchtern fest, dass die Verehrung von Statuen von gebildeten Menschen als Aberglauben angesehen wird. Er mokiert sich darüber, dass so viele mit Vernunft versehene Menschen einen Gegenstand anflehen, der weder Sprache noch Verstand besitzt. Es dauert aber nicht lange, bis er sich, von der wundertätigen Ausstrahlung der Heiligen Fides überzeugt, eine absolut gegenteilige Auffassung zu eigen macht. Jetzt spricht er den Heiligen die Aufgabe zu, zwischen Gott und den Menschen zu vermitteln, und jene, die die Verehrung der Heiligen ablehnen, sind nun Ungläubige, die sich für gelehrter halten als die anderen.1Hony soit qui mal y pense! Bernhard von Angers befindet sich jetzt in vollem Einklang mit dem Zweiten Konzil von Nikea, das im Jahre 787 die Verehrung von Bildern zu einem Dogma der katholischen Kirche macht. Pilgern besteht im Mittelalter schließlich darin, so Y. Bottineau, sich aufzumachen, um Reliquien und insbesondere einen heiligen Leichnam zu verehren.2 Im Hochmittelalter werden Reliquien dann sogar an Stelle von Gold und Silber als Zahlungsmittel verwendet, und eine eigens geschaffene Branche sorgt für deren Vertrieb.
Dann das Reliquiar des Pippin von Aquitanien, das älteste Stück des Schatzes, aus der Zeit Ludwigs des Frommen, der von 817 bis 838 König von Aquitanien ist. Der Schrein, exemplarisch für die hoch entwickelte Goldschmiedekunst der damaligen Zeit, Goldblech auf einer rechteckigen Holzlade, mit getriebenen Figuren, wird um das Jahr 1000 aus Einzelteilen aus dem 9. Jahrhundert zusammengesetzt. An der Vorderseite ist eine berührende Kreuzigungsszene zu sehen, deren Figuren - Christus am Kreuz, mit wachen Augen, Maria und Johannes - die Koinzidenz von Trauer und Anmut veranschaulichen. Die Vögel mit emaillierten Flügeln, die Edelsteine und Perlen, die filigranen Verzierungen lassen die kleine Fenster, die den Gläubigen einen Blick auf die Reliquien ermöglichen sollen, fast verschwinden, und Zweifel an der realen Wahrnehmung dieser Kostbarkeiten sind bei der Größe der Fensterchen und den Lichtverhältnissen in der Kirche angebracht. Ein anderes bemerkenswertes Reliquiar, das A Karls des Großen, dessen wahrer Urheber der Abt Begon III. (1087 - 1107) ist, wird natürlich Karl dem Großen zugeschrieben, der angeblich jeder der von ihm gegründeten Abteien - etwa 20 an der Zahl - ein Reliquiar in Form eines Buchstabens zukommen lässt; Conques, das sich als Erstes unter diesen Klöstern sieht, steht selbstverständlich das A zu.
In Conques gibt es ein Hotel mit zwei Sternen, ein Hotel mit drei und eines mit vier Sternen. St. Jacques, preiswert, passabel, Logis de France, ist voll belegt; das l'Abbaye, drei Sterne, stimmig, freundliche Atmosphäre, bezahlbar, einen angenehmen Abend versprechend; dann das beste, das Hotel - wie könnte es anders sein! – St. Foy, auf der Beletage, ein Hauch internationales Flair, Teppiche, stilvolle Möblierung der Räumlichkeiten, die Gegebenheiten des alten Gebäudes nutzend, in Anbetracht des gebotenen Komforts und des berühmten Ortes angemessene Preise (DZ ohne Frühstück ab € 100.-). Das Hotelangebot reflektiert die soziale Schichtung der Pilger: Angehörige aller Klassen - und Altersstufen - sind heute unterwegs, und auch im Mittelalter sind es Arme und Reiche, Adlige, selbst Könige, und Kleriker, Gelehrte und Bauern, Männer, Frauen und Kinder, die in Conques und dann in Santiago de Composte
