Die Revolution ist anders - Ernst Fischer - E-Book

Die Revolution ist anders E-Book

Ernst Fischer

0,0
10,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Ernst Fischer über • die Möglichkeit linker Politik • das Klassenbewußtsein • die Diktatur des Proletariats • den Marxismus nach Lenin • die Spaltung zwischen Sowjetunion und China • die Suche nach einem sozialistischen Modell für die Bundesrepublik • die Stabilität des Kapitalismus • Marxismus und Religion • Beat und linke Politik • die Notwendigkeit der Revolution

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Seitenzahl: 135

Veröffentlichungsjahr: 2017

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



rowohlt repertoire macht Bücher wieder zugänglich, die bislang vergriffen waren.

 

Freuen Sie sich auf besondere Entdeckungen und das Wiedersehen mit Lieblingsbüchern. Rechtschreibung und Redaktionsstand dieses E-Books entsprechen einer früher lieferbaren Ausgabe.

 

Alle rowohlt repertoire Titel finden Sie auf www.rowohlt.de/repertoire

Ernst Fischer

Die Revolution ist anders

Ernst Fischer stellt sich zehn Fragen kritischer Schüler

Ihr Verlagsname

Über dieses Buch

Ernst Fischer über

• die Möglichkeit linker Politik

• das Klassenbewußtsein

• die Diktatur des Proletariats

• den Marxismus nach Lenin

• die Spaltung zwischen Sowjetunion und China

• die Suche nach einem sozialistischen Modell für die Bundesrepublik

• die Stabilität des Kapitalismus

• Marxismus und Religion

• Beat und linke Politik

• die Notwendigkeit der Revolution

Über Ernst Fischer

Ernst Fischer, 1899 in Komotau/Böhmen geboren; 1918 an der italienischen Front; gibt Philosophiestudium auf, um seine Familie zu ernähren, und wird Hilfsarbeiter; 1924 erscheint sein erster Gedichtband, und sein erstes Theaterstück wird am Wiener Burgtheater aufgeführt; Journalist; emigriert 1934 nach Prag, später nach Moskau; Gründer und zeitweilig Chefredakteur der Zeitung „Neues Österreich“; 1945–1959 Abgeordneter der KPÖ im Nationalrat. Nach leidenschaftlichem Engagement für die tschechoslowakischen Reformer Ausschluß aus der KPÖ im Jahre 1970.

Veröffentlichte u.a. „Lenin“, Theaterstück, 1928; „Probleme der jungen Generation“, 1963; „Was Marx wirklich sagte“, 1968; „Kunst und Koexistenz“, 1966; „Auf den Spuren der Wirklichkeit“, 1968; „Erinnerungen und Reflexionen“, 1969.

Inhaltsübersicht

Zwei Briefe1. Parteilose KommunistenErste Frage: Sehen Sie eine Parallele zwischen Ihrem Parteiausschluß und der Entfernung des bedeutenden französischen Marxisten Roger Garaudy aus allen wichtigen Parteiämtern?2. Die Möglichkeiten linker PolitikZweite Frage, erster Teil: Welche Möglichkeit linker Politik in den kapitalistischen Ländern sehen Sie?Zweite Frage, zweiter Teil: Ist die Leninsche Lehre von der Alleinerringung der Macht durch die Arbeiterklasse überholt?3. Diktatur des Proletariats?Dritte Frage: Ist die Forderung nach der Diktatur des Proletariats noch zeitgemäß?4. Entwicklung des MarxismusVierte Frage: Ist der Marxismus-Leninismus nach dem Tode Lenins von irgendeiner Partei oder Person in bedeutendem Maße weiterentwickelt worden?5. Moskau und PekingFünfte Frage: Wer hat die kommunistische Weltbewegung gespalten? Wie beurteilen Sie die Differenzen zwischen der Sowjetunion und der Volksrepublik China? Wie beurteilen Sie die Kulturrevolution in China?6. Es gibt kein „Modell“Sechste Frage: Kann einer von den mehr als 15 Staaten, die sich sozialistisch nennen, das Modell für eine sozialistische Bundesrepublik Deutschland sein?7. Stabilisierung des Kapitalismus?Siebente Frage: Hat sich das kapitalistische Weltsystem stabilisiert?8. Marxismus und ReligionAchte Frage: Ist ein Marxist automatisch ein Atheist?9. DionysosNeunte Frage: Welche Funktion hat der Beat und woher stammt er?10. Rolle und Funktion kritischer SchülerZehnte Frage: Worin besteht die Rolle und Funktion kritischer Schüler in kapitalistischen Ländern?

Zwei Briefe

Im April 1970 kam eine Gruppe siebzehnjähriger Schüler aus Bremen nach Wien, um mit mir zu sprechen. Die Zusammenkunft war vereinbart. Leider konnte ich die Vereinbarung nicht einhalten, da ich nach einer Vortragstournee in Italien erkrankt war. Im Mai zurückgekehrt, fand ich einen Brief vor:

Lieber Herr Fischer!

Leider haben wir Sie in Wien nicht angetroffen. Wir wären Ihnen sehr verbunden, wenn Sie uns die Fragen, die wir dort an Sie richten wollten, schriftlich beantworten würden.

Wir haben folgende Fragen:

1. Sehen Sie eine Parallele zwischen Ihrem Parteiausschluß und der Entfernung des bedeutenden französischen Marxisten Roger Garaudy aus allen wichtigen Parteiämtern?

2. Welche Möglichkeit linker Politik in den kapitalistischen Staaten sehen Sie? Ist die Leninsche Lehre von der Alleinerringung der Macht durch die Arbeiterklasse heute überholt?

3. Äußern Sie sich bitte zur Diktatur des Proletariats. Ist sie noch notwendig oder historisch überholt?

4. Ist Ihrer Meinung nach der Marxismus-Leninismus nach dem Tode Lenins von irgendeiner Partei oder Person in bedeutendem Maße weiterentwickelt worden?

5. Nun einige Fragen zur kommunistischen Weltbewegung. Wer hat die kommunistische Weltbewegung gespalten? Wie beurteilen Sie die Differenzen zwischen der Sowjetunion und der VR China? Zusatzfrage: Wie beurteilen Sie die Kulturrevolution in China?

6. Es gibt zum Beispiel 14 Staaten (mit der VR Kongo 15) die sich sozialistisch nennen. Sehen Sie in irgendeinem dieser Staaten ein Modell für eine sozialistische Bundesrepublik Deutschland?

7. Hat sich das kapitalistische Weltsystem stabilisiert?

8. Jetzt eine Frage zu einem ganz anderen Thema: Ist ein Marxist automatisch ein Atheist? Wie Sie wissen, hat Ihr, wenn wir das mal so ausdrücken dürfen, „Kollege“ Horkheimer in einem Interview mit dem westdeutschen Nachrichtenmagazin Der Spiegel dazu wesentlich andere Vorstellungen entwickelt. Wie ist Ihre Stellung zu diesem Problem?

9. Zum Abschluß noch zwei Fragen, die uns Schüler interessieren: Welche Funktion hat Ihrer Meinung nach der Beat und woher stammt er?

10. Worin besteht Ihrer Meinung nach die Rolle und Funktion kritischer Schüler in den kapitalistischen Ländern. (Bitte beantworten Sie diese Frage ausführlicher.)

Mit freundlichen Grüßen

Rolf Junkereit

Klaus Möhring

Lieber Rolf Junkereit, lieber Klaus Möhring,

alle die Fragen, die Sie, die Siebzehnjährigen, mir, dem Siebzigjährigen, stellen, stelle ich mir selbst. Wie soll ein einzelner sie beantworten – und noch dazu möglichst schnell? Nur ein Dogmatiker brächte es zuwege. Wir irren vorwärts, im Unterschied zu den im Stillstand des Denkens Eingepanzerten. Wenn ich sage „wir“, so meine ich eine keineswegs organisierte, doch zunehmende Schar unabhängiger Marxisten und Nicht-Marxisten, Kommunisten, Sozialisten, Christen, Demokraten, die sich zu einer neuen Denk- und Kampfgemeinschaft zusammenfinden. Geächtet von allen Hierarchien, über keinerlei Macht verfügend, sind wir vielleicht ein „mächtiges Häuflein“, ein im Entstehen begriffenes.

Ernst Fischer

1. Parteilose Kommunisten

Erste Frage: Sehen Sie eine Parallele zwischen Ihrem Parteiausschluß und der Entfernung des bedeutenden französischen Marxisten Roger Garaudy aus allen wichtigen Parteiämtern?

Meine Freunde Roger Garaudy, Franz Marek und viele andere wurden inzwischen aus kommunistischen Parteien ausgeschlossen. Die kommunistischen Führungsgremien – wenn auch nicht alle – nennen diesen Vorgang „Normalisierung“. Als Normalzustand gilt in Moskau und seinen Dependancen: die kommunistischen Parteien haben die russische Großmachtpolitik zu unterstützen, jede diplomatische oder militärische Aktion gutzuheißen und zu rechtfertigen, keine Kritik an Dogmen und Methoden zuzulassen. Da sich die russischen Großmachtpolitiker nach wie vor auf Marx und Lenin berufen, da sie im Wechsel ihrer politischen Unternehmungen an ideologischer Kontinuität interessiert sind, halten sie ideologische Subversion für eine größere Gefahr als die technische Überlegenheit der kapitalistischen Welt. So absurd es ist, nehme ich an, daß ihre Angst vor einem Flugblatt auf dem Roten Platz, vor einem kritischen Artikel in einer kommunistischen Zeitschrift, vor einem unzensurierten Kommunismus nicht vorgetäuscht, sondern echt ist. Sie fürchten nichts so sehr wie eine autonome revolutionäre Bewegung.

2. Die Möglichkeiten linker Politik

Zweite Frage, erster Teil: Welche Möglichkeit linker Politik in den kapitalistischen Ländern sehen Sie?

Zunächst also: Was ist „links“?

In den Parlamenten sitzen, wohlgeordnet, von links nach rechts: Kommunisten (sofern sie vertreten sind), Sozialisten, Sozialdemokraten, Liberale, gemäßigte Konservative, verbissene Konservative, Neo-Faschisten (sofern sie vertreten sind). In verschiedenen Ländern ist die eine oder die andere Richtung nicht durch eine Partei repräsentiert, sondern hat sich in eine der großen Parteien eingefügt. Überdies gibt es außerparlamentarische Oppositionen sowohl der äußersten Linken wie der äußersten Rechten.

Wie wenig dieses parlamentarische Schema den realen Verhältnissen entspricht, ist sehr deutlich in Italien, weniger deutlich in anderen kapitalistischen Ländern wahrzunehmen. In Italien stehen die linken Gruppierungen innerhalb der Christ-Demokraten häufig den Kommunisten näher als den Sozialdemokraten oder dem rechten Flügel in der eigenen Partei. Die italienischen Gewerkschaften sind nicht „Transmissionsriemen“ (Lenin) der Parteien zu den Massen der Lohnabhängigen, sondern entwickeln auf eigene Faust eine neue Strategie des politischen Kampfes, wobei die christlichen Gewerkschaften mitunter radikaler sind als die sozialistischen oder kommunistischen. In den Mai-Demonstrationen 1968 in Paris haben die Kommunistische Partei und die Gewerkschaften eine durchaus nicht „linke“ Haltung eingenommen, sondern faktisch das Regime de Gaulle unterstützt. Diese „linke“ oder „rechte“ Haltung ist jedoch keineswegs für alle Situationen vorbestimmt. Eine kommunistische oder sozialistische Partei ist nicht ein für allemal fixiert und kann unter wechselnden Umständen eine „rechte“ oder „linke“ Position beziehen, und die „einheitliche reaktionäre Masse“ aller nicht konsequent revolutionären Parteien gibt es heute so wenig wie zu den Zeiten, als Marx gegen diese Auffassung des deutschen Arbeiterführers Lassalle polemisierte. Eine mechanische Einteilung in „rechts“ und „links“ als etwas Absolutem, Unabänderlichem würde die jeweiligen Möglichkeiten linker Politik wesentlich reduzieren.

„Linke“ und revolutionäre Politik sind keineswegs identisch. Die Außenpolitik der CDU-Regierungen war evident rechts, reaktionär; die Außenpolitik der Regierung Brandt ist linke, progressive Politik, ohne revolutionär zu sein. Daß der konsequente chilenische Marxist Salvadore Allende dieser Politik „Bewunderung“ nicht versagte, sollte die starrsinnig Radikalen, die Brandt auf jeden Fall verneinen, weil er Sozialdemokrat ist, zum Nachdenken anregen.

Was „links“ ist, läßt sich nicht mit der Unfehlbarkeit, die „Marxisten-Leninisten“ allzuoft für sich in Anspruch nehmen, definieren. Dennoch gibt es einige Kriterien: Linke Politik trachtet, die demokratischen Rechte der Staatsbürger zu erweitern und auf alle Gebiete auszudehnen; die sozial Schwächeren gegen die Macht der Besitzenden, der Privilegierten zu unterstützen; die soziale Sicherheit der vom Verkauf ihrer Arbeitskraft Lebenden, soweit es möglich ist, zu garantieren; gegen materielle Not und geistige Verkümmerung anzukämpfen; die Ungleichheit der Bildungschancen abzubauen; den Frieden und die internationale Entspannung zu fördern; auf seiten der Angegriffenen gegen die Angreifer, also der Völker Indochinas gegen die USA, des tschechoslowakischen Volkes gegen die Sowjetunion zu stehen; mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln gegen Völkermord, Folterung, Rassendiskriminierung Einspruch zu erheben. Daraus ergibt sich keine erschöpfende Definition linker Politik; es wird lediglich versucht, die Richtung einer solchen Politik anzudeuten.

Grenzüberschreitung zu revolutionärer Politik

Jede konsequent linke, progressive Politik gelangt, in welcher Frage immer sie vorstößt, an den Punkt, wo sie genötigt ist, einzuhalten oder zurückzuweichen – es sei denn, sie werde zur revolutionären Politik. Es sind die Grenzen der gegebenen Besitz- und mit ihr verflochtenen Machtverhältnisse, die sie entweder respektiert, und damit Gefahr läuft, ihren linken, progressiven Charakter einzubüßen, oder sie überschreitet diese Grenzen und gewinnt dadurch revolutionären Charakter.

Wie kann man die Produktion dem echten Bedarf arbeitender Menschen und nicht den falschen, durch den Profit erzeugten, durch Prestige geförderten, bis zur Süchtigkeit erhitzten Bedürfnissen anpassen, wenn der Profit die treibende Kraft der Ökonomie ist? Wie kann man moderne, hygienische, schöne, nicht durch giftige Gase und betäubenden Lärm zur Hölle werdende Städte planen, wenn der Grund und Boden Privateigentümern gehört? Wie kann man das Bildungswesen so gestalten, daß es zu selbständigem Denken erzieht, die Entwicklung des ganzen Menschen zum Ziel hat und nicht gefügige Bestandteile des großen Mechanismus heranzüchtet, Leute, deren einseitige Produktivität für das Kapital möglichst rentabel ist? Die Polizei fahndet nach Haschisch-Rauchern; die Urheber der zehnmal gefährlicheren Verseuchung der Gewässer, der Natur werden sorgsam geschont; denn sie sind die „Wirtschaft“, und die „Wirtschaft“ ist die konzentrierte Macht des Kapitals. Wenn der Psychopath Charles Manson einer ihm hörigen Gruppe den Befehl gibt zu morden, werden er und seine Gruppe zum Tode verurteilt; wenn der Captain Medina und der First Lieutenant Calley den Befehl zu dem Gemetzel in My Lai geben, wenn sie und ihre Leute die Einwohner eines vietnamesischen Dorfes bis zum letzten Kind abschlachten, werden sie geschont; denn im ersten Fall haben die aus einer kranken Gesellschaft hervorgegangenen Psychopathen auf eigene Faust, im zweiten Fall haben sie im Namen von Armee und Vaterland gemordet, obwohl diese Armee nichts anderes ist als das Instrument einer herrschenden Clique und die militärischen Aggressionen dieses Vaterlands den Interessen und Wünschen des Volkes widersprechen. Die Vereinigten Staaten von Amerika sind das industriell am höchsten entwickelte kapitalistische Land; die gewählten Volksvertreter fassen Beschlüsse gegen die Erweiterung des Krieges in Indochina, Massen haben demokratisch gegen diesen Krieg demonstriert; der Präsident und das Pentagon kümmern sich einen Dreck um solche Beschlüsse und Demonstrationen; die progressive Politik ist zur Ohnmacht verdammt.

Wenige Beispiele wurden angeführt, um die Grenzen einer nur linken, nur progressiven Politik sichtbar zu machen. Doch in vielen Situationen, in denen es nötig wäre, zu einer revolutionären Politik überzugehen, ist es nicht möglich, revolutionäre Umwälzungen herbeizuführen.

Gemeinsam ist den kapitalistischen Staaten die Profitwirtschaft, doch die Unterschiede sind so groß, daß die Möglichkeiten linker Politik – sofern sie Politik und nicht Wunschtraum sein will – sich allenthalben unterscheiden. Ich sehe in den meisten lateinamerikanischen Staaten kaum eine andere Möglichkeit als die Vorbereitung gewaltsamer Revolutionen, von demokratischen Masseninitiativen bis zu gewagten Aktionen kleiner Gruppen. Ich sehe in den USA nur geringe Möglichkeiten eines effektiven Zusammenwirkens der heterogenen linken Kräfte und leider die zunehmende Gefahr einer faschistischen Entwicklung unter Beihilfe gewerkschaftlich organisierter weißer Arbeiter. Ich sehe in Italien, auf Grund seiner eigenartigen Struktur (hochentwickelte Industrie, relative gesellschaftliche Rückständigkeit, starke revolutionäre Tendenzen in einem beträchtlichen Teil der Arbeiter und Intellektuellen), sowie in Spanien und Griechenland die Möglichkeit revolutionärer Explosionen. In den meisten hochentwickelten europäischen Industrieländern ist von einem Heranreifen revolutionärer Situationen vorläufig wenig wahrzunehmen.

Die jeweiligen gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse hängen von vielen objektiven und subjektiven Faktoren ab. Zu den objektiven Faktoren gehören wirtschaftliche Prosperität oder Rezession, Festigkeit des Staatsapparats, der Bürokratie, der Polizei, der Armee, und ihre Bereitschaft, die „Ordnung und Ruhe“ der Herrschenden schonungslos zu verteidigen, das System der sozialen Gesetzgebung usw. Der entscheidende subjektive Faktor ist das Subjekt der Revolution, eine gesellschaftliche Gruppe, deren fundamentale Interessen im Widerspruch zu der Struktur der Gesellschaft stehen, deren Massenbasis breit genug ist und deren Kraft ausreicht, das Wagnis der revolutionären Aktion auf sich zu nehmen. (Angemerkt werde, daß kein Computer imstande ist, den Sieg oder die Niederlage einer solchen Aktion vorauszusagen, und daß es Situationen gibt, in denen das revolutionäre Wagnis unabweisbar ist, auch wenn die Kräfteverhältnisse es nicht begünstigen, z.B. im Widerstand gegen eine unmittelbar drohende faschistische Aggression.)

In diesem Zeitalter zahlloser Militärputsche könnte es scheinen, daß eine kleine bewaffnete Minderheit imstande ist, die Machtverhältnisse in einem Staat entscheidend zu ändern. Eine Analyse dieser Militärputsche ergibt jedoch, daß sie ihren Erfolg entweder einer ausländischen imperialistischen Macht verdanken oder daß sie in der Auflehnung gegen eine ausländische imperialistische Macht die Rückendeckung breiter Schichten des Volkes, von der nationalen Bourgeoisie bis zu den Arbeitern und Bauern haben. Die Figuren auf der politischen Bühne werden von Kräften jenseits der Bühne gelenkt, und manchmal werden die riesigen Hände sichtbar, greifen direkt in das Puppenspiel ein.

Gestützt auf kleine, aber straff organisierte, zu jedem Handstreich bis zum Staatsstreich entschlossene Gruppen, können politische und militärische Abenteurer in Situationen der Unruhe, der sich verschärfenden Gegensätze eine bedeutende Rolle spielen – doch stets nur dann, wenn sie Tendenzen, Befürchtungen, Hoffnungen, wirkliche oder eingebildete Interessen breiter Schichten repräsentieren. Strukturelle gesellschaftliche Änderungen, also mehr als ein Wechsel des Regimes, der Herrschaftsmethoden, sind nur möglich, wenn eine der großen gesellschaftlichen Gruppierungen, die Klassen zu nennen wir gewöhnt sind, der bisher herrschenden Klasse die Macht entwindet.

Daß es Klassen gibt, ist keine marxistische Entdeckung oder gar Erfindung. Schon Titus Livius hat die Klassenkämpfe in der antiken römischen Republik beschrieben; Machiavelli hat in seinen ‚Discorsi …‘ den Livius kommentiert, und in seinen ‚Historien von Florenz‘ von der Geschichte der Klassenkämpfe in dieser Stadt berichtet; Sismondi, Tocqueville, Mignet, Guizot, Thiers, Thierry haben vor Marx und Engels von gesellschaftlichen Klassen und ihren Kämpfen gesprochen, sie als Subjekte der gesellschaftlichen Entwicklung verstanden. (Womit nicht gesagt werden soll, daß nur Klassen es sind, deren Aktionen die Welt zu erschüttern vermögen.)

Mit der zunehmenden Arbeitsteilung hat die Gesellschaft sich in mannigfaltige Gruppen differenziert: Gutsherren, freie Bauern, Fronbauern, Sklaven, Handelsherren, städtische und ländliche Handwerker, Industrieherren, Lohnarbeiter, Priester, Krieger, Ärzte, Baumeister, Schauspieler, Landstreicher usw. Es hat sich herausgestellt, daß einzelne dieser Gruppen andere an Relevanz übertreffen, daß es Grundinteressen solcher Gruppen gibt, die den Grundinteressen anderer antagonistisch gegenüberstehen, daß es Eigentumsverhältnisse sind (verflochten mit Privilegien, Institutionen und Traditionen), die diesen Antagonismus bedingen. Aus solchen gesellschaftlich entscheidenden Gruppen haben sich Klassen herausgebildet.

Klassen sind keineswegs stabile, unabänderliche, homogene gesellschaftliche Gebilde. Von inneren Widersprüchen, Konkurrenzkämpfen, sekundären Interessenkonflikten immer wieder heimgesucht, werden sie durch ökonomische Grundinteressen zusammengehalten. Es ist der Gegensatz zu den Grundinteressen anderer Klassen (oder der anderen Klasse), der die Klasse konstituiert, ihren Bestand sichert. Solange es Menschen gibt, die über keine anderen Produktionsmittel verfügen als über ihre Arbeitskraft, vom Verkauf dieser Arbeitskraft zu leben genötigt sind, und andere, die Produktionsmittel aller Art besitzen und durch den Kauf von fremder Arbeitskraft Gewinn erzielen, so lange ist die Gesellschaft eine Klassengesellschaft. Darüber kann weder die Vielfalt der Berufe, der Zwischenschichten und Übergangsstufen noch das „Mittelstands“einkommen qualifizierter Arbeiter, noch eine fortgeschrittene Sozialgesetzgebung hinwegtäuschen.