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Ernst Fischers Lebenskurve, die er hier mit bestechender Ehrlichkeit und präziser Objektivität nachzeichnet, ist gleichzeitig die Fieberkurve des 20. Jahrhunderts: Wir erleben den Kampf, die Irrtümer und die Verzweiflungen eines Menschen, der keineswegs auszog, seine Zeit in die Schranken zu fordern, der vielmehr ein sensibler, genießender, der Kunst und ihrer Analyse zugewandter Mann war. Aber eben aus dieser Sensibilität heraus, aus intellektueller Redlichkeit stellte er sich der Forderung seiner Zeit. Selten ist die Zeit des Untergangs der k. u. k. Welt, ist der Kampf um ein demokratisches Österreich zwischen Hitler und Mussolini so spannungsreich geschildert worden. Für eine Generation, die all dies kaum vom Hörensagen kennt, wird hier die Entwicklung eines geistigen Freischärlers zum Sozialdemokraten und zum Kommunisten als ein Stück Geschichte erzählt. Ernst Fischers Bericht von den Jahren in der Sowjetunion schließlich ist schlichtweg sensationell; es sind keine «Enthüllungen» im Sinne der namentlichen Denunziation, wenn ihm auch glänzende Porträts von Gefährten und Mitkämpfern wie Togliatti, Dimitroff oder Herbert Wehner gleichsam «unterlaufen». Aber es ist der Bericht eines unkorrumpierten, fast naiven Mannes, der Faschismus und Diktatur floh und in die Apparatur der stalinistischen Diktatur geriet, düster, fremd, nicht greifbar, kaum definierbar.
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Seitenzahl: 821
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Ernst Fischer
Erinnerungen und Reflexionen
Ihr Verlagsname
Ernst Fischers Lebenskurve, die er hier mit bestechender Ehrlichkeit und präziser Objektivität nachzeichnet, ist gleichzeitig die Fieberkurve des 20. Jahrhunderts: Wir erleben den Kampf, die Irrtümer und die Verzweiflungen eines Menschen, der keineswegs auszog, seine Zeit in die Schranken zu fordern, der vielmehr ein sensibler, genießender, der Kunst und ihrer Analyse zugewandter Mann war. Aber eben aus dieser Sensibilität heraus, aus intellektueller Redlichkeit stellte er sich der Forderung seiner Zeit.
Selten ist die Zeit des Untergangs der k.u.k. Welt, ist der Kampf um ein demokratisches Österreich zwischen Hitler und Mussolini so spannungsreich geschildert worden. Für eine Generation, die all dies kaum vom Hörensagen kennt, wird hier die Entwicklung eines geistigen Freischärlers zum Sozialdemokraten und zum Kommunisten als ein Stück Geschichte erzählt.
Ernst Fischers Bericht von den Jahren in der Sowjetunion schließlich ist schlichtweg sensationell; es sind keine «Enthüllungen» im Sinne der namentlichen Denunziation, wenn ihm auch glänzende Porträts von Gefährten und Mitkämpfern wie Togliatti, Dimitroff oder Herbert Wehner gleichsam «unterlaufen». Aber es ist der Bericht eines unkorrumpierten, fast naiven Mannes, der Faschismus und Diktatur floh und in die Apparatur der stalinistischen Diktatur geriet, düster, fremd, nicht greifbar, kaum definierbar.
Ernst Fischer (1899–1972) war ein österreichischer Schriftsteller und Politiker (KPÖ).
Dieses Buch ist Lou gewidmet wie ich es bin.
Zu Protokoll gegeben wird das Geständnis eines Mannes, der schwach war, doch über seine Kraft zu leben bemüht, einer, dessen anfälliger Organismus Sparsamkeit, dessen unstillbare Phantasie Verschwendung forderte, einer, dessen Talent es war zu träumen, nicht die Wirklichkeit zu gestalten, den aber die Wirklichkeit nötigte, das zu werden, was seiner Natur widersprach: ein Politiker.
Um den Leser zu warnen: Was ich zu bieten habe, ist nicht ein Protokoll, dazu fehlt mir, auch heute noch, Distanz zu mir selbst, zu den wechselnden Gestalten, die hinter mir her sind mit dem unabweisbaren Wunsch, anerkannt zu werden als «Ich», ein Rudel solcher Ichs, und alle notorisch befugt, mir, der ich heute bin, die Verantwortung zuzuschreiben für alle, die ich war, für alles, was ich getan und was zu tun ich versäumt habe. Und wenn ich frage: «War das ich?», ist das kein Versuch, die Verantwortung abzuwälzen. Ich bin bereit, gegen mich Prozeß zu führen, obwohl es nicht leicht ist, die Rollen zwischen Ankläger, Verteidiger, Gerichtshof so zu verteilen, daß es der Wahrheitsfindung dient, jede Eitelkeit aus dem Verfahren auszuschließen, die übliche der Selbstbeschönigung und die noch schlimmere der Selbstzerfleischung, zwischen dem Irrelevanten, sei es noch so reizvoll, und dem Wesentlichen, sei es noch so trüb, gewissenhaft zu unterscheiden.
Die weitaus größte Schwierigkeit ist, daß mein Gedächtnis schlechter funktioniert als meine Erinnerung: Situationen tauchen auf, Inseln, lichtüberhäuft, Gespräche, mit äußerster Deutlichkeit, Aura und Aroma des Augenblicks, doch zwischen diesen Inseln sind Nebel angesammelt, undurchschaubar, verworrene Chronologie, verwischter Zusammenhang. Da es mich langweilt, mit wissenschaftlicher Akribie diesen Zusammenhang zu rekonstruieren – ich bin kein Historiker, ich schreibe nicht die hundert Bände erfordernde Geschichte meines Zeitalters –, lasse ich Lücken unausgefüllt oder fülle sie mit dürftigen Tatsachen. Dieses Buch ist also kein Material für Geschichtsschreiber; sie werden um so weniger darin finden, da mir, was man «Enthüllungen» nennt, zuwider ist, und ich nicht die Absicht habe, außer meinem jeweiligen Ich Personen bloßzustellen (auch wenn sie es verdienten), sondern nur das zum Verständnis Nötige auszusagen. Außerdem ist zu bedenken, daß Erinnerung eine Gauklerin und das Erinnerte fast nie die Situation in ihrer Gesamtheit ist, sondern mein Erlebnis der Situation oder, noch genauer, das durch wiederholte Reproduktion arrangierte, zu dauerhafter Form geronnene Erlebnis.
Warum also schreibe ich diese Erinnerungen und Reflexionen? Macht es mir Spaß? Nur dann und wann. Bin ich schon so alt, daß Vergangenheit mich zurückholt aus Gegenwart und Zukunft, ins Unabänderliche zurück aus einer so ungestüm sich ändernden Welt? Interessant ist nur die Zukunft, die Fülle des Möglichen, nicht das Gewordene, das uns in seinem Erstarrtsein vorzutäuschen bemüht ist, es habe, weil es so wurde, nicht anders werden können, es sei das Reich der Notwendigkeit. Die revoltierende junge Generation ist mir näher als der Siebzigjährige, der ich bin; für sie aber bin ich das Vergangene, komisches Pathos, abgetragene Romantik. Immerhin: die attraktivsten dieser Jungen sind Romantiker, wenn auch härter, kälter, artikulierter, als wir es waren. Absurdität des Alterns; vor fünfzig Jahren gab es Situationen, in denen ich ein Hundertjähriger war, und heute, manchmal, droht mich ein Gefühl von Jungsein zu sprengen, durchaus widersinnig, da mein Organismus mich hämisch zur Ordnung ruft, zur idiotischen Ordnung der Natur, der Vergänglichkeit. Trotzdem also bin ich diesen Jungen zugewandt, die ehrwürdige Mauern mit frechen Plakaten, obszönen Zeichnungen bedecken, den Mechanismus der Routine außer Rand und Band bringen, in einer Welt der Institutionen, Organisationen, Manipulationen die Machtergreifung der Phantasie proklamieren. Während ich dies schreibe, möchte ich mitten unter ihnen sein. Und immer wünschte ich zuviel, und habe daher zuwenig erreicht, immer zu karg der Brennstoff für so hohe Flamme, immer die Wirklichkeit aufgezehrt von Phantasie. Doch wird auf solche Art das Leben eines Menschen, dessen Leistungen seinen Anlagen nicht entsprachen, dessen Talent der maximalen Konzentration unzulänglicher Kräfte bedurft hätte, um nicht in Halbheit steckenzubleiben, wird es nicht zum Reflex eines Zeitalters unverwirklichter Möglichkeiten? Ist von ihm zu berichten, ist der Versuch, es zu tun, also doch gerechtfertigt?
Er scheint es um so mehr, da dieses Leben mit der Negation der Vaterwelt, all dessen, was man heute Establishment nennt, begonnen hat; das Wort war damals unbekannt, doch die Sache, so kümmerlich sie war, so schrullenhaft im Winkelwerk österreichischer Provinz, bedrängte mich mit Uniformen, Kasernen, Konventionen, Roheit, Dünkel und Heuchelei. Damals aber waren auch die Studenten der Provinzstadt, in der ich aufwuchs, Establishment, in widerlicher Aufgeblasenheit, und von Kindheit an haßte ich all dies, den Biedersinn der Niedertracht, den Dunst der Ehebetten, den Albdruck der Hierarchie, Befehlen und Gehorchen, Obrigkeit und Unterwerfung. Ich träumte, sehr früh schon, von einer Welt der Freiheit, in der es nicht nach Armut riecht, nach Küche und Abort, nach Staub und Schweiß, sondern durch die ein Duft von Frauen und Flieder weht, der Hauch einer wärmeren Erde. Es war das Paradies der Anarchie, des Eros und der Brüderlichkeit, von dem ich träumte; doch es kam der Krieg, mit dem, um vierzehn Jahre verspätet, das zwanzigste Jahrhundert begann, das Jahrhundert der Kriege, der Krisen, der Revolutionen und Konterrevolutionen, der großen Erwartungen und größeren Enttäuschungen, die Welterschütterung in Permanenz.
Was ist aus uns geworden?
In einem überhitzten Artikel, veröffentlicht am 28. Juli 1929, in der Wiener Arbeiter-Zeitung schrieb ich von meiner, von der Kriegsgeneration:
«Der Krieg war zu Ende, die Fronten hatten sich aufgelöst – aber in unseren Seelen war immer noch Krieg, durch unsere Herzen zog sich die Front, immer noch Kanonade und Explosion, heulender Himmel und berstende Erde, Schützengraben und Massengrab, immer noch: das haben wir gelernt, das werden wir nie vergessen. Unbegreiflich: da gab es Menschen, die rechneten mit der Zukunft, die bauten ein Leben auf, die sagten: ‹In einem Monat, in einem Jahr …› Wußten sie nicht, daß morgen, heute, in einer Stunde, in einer Sekunde, der Splitter eines Geschosses sie treffen, der Tod sie tilgen konnte? In einem Monat, in einem Jahr – wer konnte es wagen, so weit vorauszudenken, wer durfte glauben, es gäbe irgend etwas auf lange Sicht, wer war so kurzsichtig, wer so langlebig? Wußten sie nicht, daß über die Welt der ewige Ausnahmezustand verhängt war? Ja, der Ausnahmezustand dauerte fort, tief in den sogenannten Frieden hinein: das Geld wurde wertlos wie das Leben, die Kurse fielen, wie die Menschen gefallen waren, die Straße wandelte sich zur Front. Unser Gefühl: Es gibt nichts Sicheres mehr! wurde tausendfältig bestätigt – und dieses Gefühl ist uns treu geblieben, dieser Nihilismus ist der Bodensatz unserer Seelen. Wohl wächst in Granattrichtern Gras und Getreide – aber eines Tages explodiert, mitten im sogenannten Frieden, eine vergessene Granate, eines Tages wühlt der Pflug einen Totenschädel aus der Erde, und aus dem Stahlhelm starren die leeren Augenhöhlen. Wir haben uns eingefügt in Regel und Ordnung – aber in Wahrheit ist uns das alles fremd, in Wahrheit schauen wir jeden, der sicher und selbstbewußt von seiner Zukunft spricht, schief von der Seite an: Glaubt er das wirklich oder zwingt er sich nur dazu, wie wir uns verzweifelt dazu zwingen? …
Mit uns stirbt der Krieg, mit uns, den Überlebenden einer verlorenen Generation. Wir sind von ihm besessen, er läßt uns nicht los. Habt ihr schon einmal beobachtet, daß wir alle vom Kriege sprechen, wenn wir Lebendiges zu formulieren versuchen, daß in allem, was wir reden und schreiben, hundert Kriegsbilder wiederkehren, daß für uns die Welt ein System von Schützengräben ist? Habt ihr schon einmal beobachtet, wie sprunghaft und unregelmäßig wir sind, leidenschaftlich vorstoßend und jäh deprimiert, intensiv zugreifend und stets eine dunkle Passivität, eine lähmende Unlust überwindend, bis zur Weißglut erhitzt und bis zur tödlichen Kälte abgekühlt, Kinder des Schützengrabens, die drei Tage lang, drei Nächte lang alle Kraft einsetzen und dann stumpf vor sich hinbrüten, tagelang, nächtelang? Wir, die Überlebenden einer verlorenen Generation.
… So sind wir Rebellen geworden, Aufrührer, Sozialisten; unser Sozialismus war nicht Erkenntnis, Klarheit, Klassenbewußtsein – er war nur Gefühl, nur Leidenschaft, mit verzweifelter Inbrunst, mit radikalem Haß und radikaler Liebe. Viele von uns sind später, im Ringen um Disziplin und politischen Realismus, aus Meuterern zu Genossen, aus Freischärlern des Sozialismus zu Dienern an ihm geworden – viele aber haben es nie gelernt, für die Partei zu arbeiten. Ihre Nerven ertrugen keine Ordnung und keine Verantwortung; sie wollten schießen, nicht organisieren, sie wollten die Anarchie und nicht den Sozialismus. Sie wurden Abenteurer, Femebündler, Faschisten; sie fanden keinen Kontakt mit der Nachkriegswelt; der Kurzschluß der Nerven wurde nie behoben …
Die älter waren als wir, retteten sich aus dem Vorkriegsleben in die neue Zeit. Die jünger sind als wir, wachsen organisch in die Zukunft hinein. Wir haben kein Leben, das vor dem Kriege war. Wir haben keine Zukunft, die in der Nachkriegswelt wurzelt. Wir sind der Abgrund zwischen den Zeiten.»
Das Pathos dieser Konfession ist nahezu unerträglich; dennoch erkenne ich in all der Übertreibung nicht nur den, der ich damals war, sondern auch die Identität. Wir sahen uns als Schatten der Epoche, flackernde Konturen, wachsend, schrumpfend, phantastisch deformiert. Es war nicht eigentlich die Front, die mich geformt hatte; das zu behaupten, war deklamatorische Vereinfachung. An die Front kam ich erst im Frühsommer 1918, einige Monate vor dem militärischen Zusammenbruch. Ich hatte es selbst so gewollt: der Stabsarzt, der bei der Musterung meinen mageren, nicht sehr widerstandsfähigen Körper untersuchte, war ein Freund meines Großvaters, des Generals in Pension. «C-Befund!» diktierte er mit freundlichem Augenzwinkern, also Kanzleidienst im Hinterland. «A-Befund!» bat ich zu seiner Verwunderung, also Dienst an der Front. Ich habe den Krieg verabscheut, vom ersten Tage an, aber wenn es schon derlei gab, wollte ich dabeisein. Einen zweiten Weltkrieg wird es nicht geben, dachte ich in holder Ahnungslosigkeit, auf ein so einzigartiges Erlebnis darf man nicht verzichten. Es war nicht die Front, wohl aber der ewige Ausnahmezustand, der mich anzog, die Lust an Selbstvernichtung in der Maske der Selbstbewährung. Insofern war ich, der Einzelgänger, Repräsentant einer Generation, eines Zeitalters, nicht nur neu wie jedes einmal neu war, sondern des so exzessiv neuen Zeitalters, das 1914 begonnen hat und dessen Ende noch unabsehbar ist.
Die heute Zwanzigjährigen, deren Spontaneität mit technischer Präzision gepaart ist, deren Gewalttätigkeit einer gewaltlosen Welt zustrebt, deren Ekel vor dem Establishment den unstillbaren Hunger nach Freiheit hervorgebracht hat, sind meine, des Siebzigjährigen, Zeitgenossen. Ich habe das Bedürfnis, mich ihnen mitzuteilen, von den Erlebnissen und Irrtümern, Erfahrungen und Enttäuschungen, Entscheidungen und Fehlentscheidungen eines geistigen Freischärlers zu berichten, eines widerspenstigen Individualisten, der sich entschlossen hat, einer politischen Kampfgemeinschaft anzugehören. Dieser Freischärler wurde zunächst Sozialdemokrat. Nach dem 15. Juli 1927, als in Wien der Justizpalast brannte und die Staatsgewalt wehrlose Menschen niedermetzelte, begann er an der parlamentarischen Demokratie zu verzweifeln. Angesichts des aufsteigenden Faschismus und der Selbstentmannung der Demokratie wurde er zum Antidemokraten, überzeugt, daß nur die Diktatur des Proletariats fähig sei, die faschistische Diktatur zu brechen oder ihr zuvorzukommen. Nach den Februarkämpfen 1934 Emigrant in Prag, aus Österreich ausgebürgert, entschloß er sich, der Kommunistischen Partei beizutreten. Der Haß gegen Hitler, die Konzentration auf den Kampf gegen Hitler-Deutschland bewog ihn, alle Zweifel zum Schweigen zu bringen und sich der kommunistischen Disziplin zu fügen. Der VII. Weltkongreß der Kommunistischen Internationale, dessen Konzept er noch heute für richtig hält, erleichterte ihm die Bejahung des Kommunismus auch in seiner stalinistischen Mißgestalt. Er ging nach Moskau, glaubte wie Millionen anderer Kommunisten an Stalins Genialität und weltgeschichtliche Größe. Obwohl er sich nicht dafür hielt, war er ein Stalinist.
Und heute –?
Dem Bruch mit dem Stalinismus folgte der langwierige Prozeß seiner Überwindung. Noch 1948 war ich überzeugt, die Revolte des tapferen Tito gegen den Versuch Stalins, Jugoslawien zur russischen Satrapie zu degradieren, sei Verrat am Sozialismus. Der schon dem Stalinismus Entrinnende wurde wieder zum Stalinisten, verteidigte den Ungedanken des monolithen Mächteblocks, schrieb gegen Tito ein abscheuliches Theaterstück. Leider hörte ich nicht auf Lou, damals noch nicht meine Frau, die einzige, die mich beschwor, von diesem Theaterstück abzulassen.
Was war da mit mir geschehen? Ich bin weder dumm noch bösartig, noch herrschsüchtig, niemand hat mich aufgefordert, ein solches Pamphlet zu schreiben, noch hatte ich die Absicht, mich irgendwie hervorzutun. Ich füchtete, daß ein dritter Weltkrieg unabwendbar sei, und glaubte daher, daß jeder Bruch mit Moskau in solcher Situation Verrat sei. Doch das Motiv verstehen, heißt nicht, die Tat verzeihen.
Aus der Tiefe meiner Erinnerung, aus der Trauer um all das Verlorene, um den, der ich war und nicht mehr bin und nie mehr sein werde, ruft immer wieder ein fremdes Ich mir selbst, dem Fremden, zu: Was war da mit dir geschehen? Ich weiß nicht, ob ich die Antwort zu finden vermag, die wirkliche, mich selbst überzeugende Antwort, aber sie hängt mit dem Zwiespalt des Intellektuellen in jedem selbstgewählten, aus freien Stücken anerkannten Kollektiv zusammen; denn immer ruft er sich selbst zur Ordnung, im Namen des Kollektivs, dem er angehört und doch nicht völlig angehört in seiner kritischen Selbstbehauptung, denn daß er in Reih und Glied nicht stehe, sagt ihm sein Bewußtsein und wirft ihm sein Gewissen vor, das nicht ihm aufgezwungene, sondern aus freiem Entscheid hervorgegangene, und je störrischer das primäre, das anarchische Ich sich auflehnt, dieses nie verstummende Nein des jasagenden Intellektuellen, desto heftiger wird der zu Gebundenheit sich Nötigende Disziplin, so tief ihm zuwidere Disziplin gegen den Ungehorsam verteidigen, also gegen sich selbst, den Ketzer, der er ist.
1952 gab es zwei Prozesse: den gegen das Ehepaar Rosenberg in den USA, den gegen Slansky und andere führende Kommunisten in der Tschechoslowakei.
Die Rosenbergs wurden zum Tode verurteilt und hingerichtet, wegen nicht nachweisbarer Spionage zugunsten der Sowjetunion. Slansky und viele der Angeklagten im Prager Prozeß wurden zum Tode verurteilt und hingerichtet – wegen nachweisbar nicht existierender zionistisch-titoistisch-imperialistischer Verschwörung.
Zum erstenmal nach vielen ähnlichen Prozessen glaubte ich nicht ein Wort der monströsen Anklage, der erpreßten Geständnisse. Dennoch protestierte ich nicht öffentlich. Ich weigerte mich, den Justizmord zu verteidigen, aber ich schwieg – im Namen einer mißverstandenen Disziplin, die in Mitschuld umschlägt. Ohne Gewicht ist der Einwand, es wäre für niemand eine Hilfe gewesen, wenn ich gesprochen hätte. Mein Schweigen war unentschuldbar.
Der XX. Parteitag der KPdSU hat den Stalin-Mythos ins Wanken gebracht, leider nicht gestürzt. Chruschtschow unterlag dem Apparat. Die immer deutlicher werdende Mißachtung aller sozialistischen, demokratischen, humanen Grundsätze durch die Epigonen, neue Verhaftungen, neue Prozesse, neue Maßnahmen gegen jeden Hauch der Freiheit nötigten uns zur Frage: Ist das noch Sozialismus? Ist die Entfremdung geringer geworden? Haben sich die Beziehungen zwischen den Menschen ins Freundliche gewendet? Sind die Menschen freier, aufrechter, glücklicher als anderswo? Gibt es das überhaupt – Sozialismus?
Ja! war die Antwort. Sie kam aus Prag, aus Bratislawa, aus der Tschechoslowakei. Was dort geschah, war die Rechtfertigung unseres Daseins als Kommunisten, mit all den Irrtümern, Verirrungen, Verfehlungen, die wir uns vorzuwerfen haben.
Die Tschechoslowakei hat den Beweis für die Möglichkeit eines europäischen Sozialismus erbracht. Der 21. August 1968 war der Gegenbeweis. In einer so kurzen Spanne Zeit die Möglichkeit des Sozialismus und seine Unmöglichkeit, solange Großmachtpolitik über das Schicksal der Völker entscheidet – das ist der Widersinn, der uns Kommunisten in Frage stellt. Daher die Trauer und der Zorn, all das Schwere, das es so schwer macht, mit ruhiger Stimme davon zu sprechen.
«Sprich mit ruhiger Stimme!» sagt Lou. «Dein alter Fehler ist, daß du übertreibst.»
Sie hat recht. Ich übertreibe. Nein, die Wirklichkeit übertreibt. Kein Wort vermag sie einzuholen. Dennoch: Sprich mit ruhiger Stimme! Wovon?
Bei sinkender Sonne ging ich abwärts. Tief unten, auf der Serpentine, kam einer mir entgegen, ein Schatten, dünn und groß. Er ging aufwärts. Auch das war ich. Werden wir einander treffen, eh die Sonne gesunken ist?
Übertreibe ich? Der in der Tschechoslowakei, in diesem kleinen Land, zur Wirklichkeit werdende Sozialismus, kündigte die Vereinigung an, am Wendepunkt der Straße, der Wanderer und sein Schatten, das Ich und seine Projektion in die Welt.
Den Traum vom Sozialismus festzuhalten, war von Jahr zu Jahr schwieriger geworden. War es nicht Angst vor der Wahrheit, vor der großen Kälte und Finsternis, vor dem Entgleiten der wärmenden Hülle, die uns Erkenntnis verwehrte, wie dünn der Traum schon war? Das Altsein, bisher nur Auflehnung des zu schnell ermüdeten Körpers gegen das ihm Zugemutete, Widerhall einer Axt im gelichteten Wald, das Knirschen einer Säge, flüchtige Betroffenheit, doch jetzt, ein Horchen tief hinein, in dieses ausgehöhlte Ich, in diese Höhle der Zeit, der späten Zeit, der letzten Zeit, der unaufhaltsam entrinnenden, der widersinnigen, und nichts, das bleibt und weiterwirkt, und nichts als Nichts? War nicht die Tschechoslowakei 1968 die letzte Chance für den, dessen Zeit zu Ende geht, die große Chance des europäischen Sozialismus? Synthese von Freiheit und Kommunismus? Das menschliche Gesicht?
In der langwierigen und widerspruchsvollen Weltrevolution, die der Inhalt dieses Jahrhunderts ist, sind Vietnam und Kuba und China wesentliche Faktoren; dennoch wäre es töricht, dort das Beispiel für Europa zu suchen oder Europa als abgetan zu betrachten, als den zukunftslosen Kontinent der Vergangenheit. Ein solches Beispiel wäre die Tschechoslowakei geworden. Vorbei. Ein dummes Wort. Was aber tun?
Finden wir uns ab?
Sollte man in meinem Alter nicht mit abgekühltem Gefühl, mit dem Zynismus der Erfahrung die Vergeblichkeit unserer Bemühungen einsehen, ohne Verbitterung oder Verzweiflung, mit der Gelassenheit dessen, hinter dem der Tod steht?
Ich finde mich nicht ab.
Daß es möglich ist, mit militärischer Übermacht ein Volk niederzuwerfen, wissen die Völker seit Tausenden von Jahren. Daß es möglich war, in einem kleinen Land das menschliche Gesicht des Sozialismus zu erwirken, wenn auch ein flüchtiges, ist bedeutsamer als der keineswegs überraschende Sieg der Übermacht. Dieser Sieg entspricht der Wahrscheinlichkeit. Das Unwahrscheinliche geschah, als der so gewaltige Sieger so lange keine Gefügsamen fand. Das Unwahrscheinliche in allen Rechnungen der Realpolitik ist immer wieder der Mensch.
Also ist es nicht Torheit, zu hoffen.
Ich spreche zu meinen dreißigjährigen, zwanzigjährigen Zeitgenossen, zu einer nicht mehr verlorenen, nicht mehr pragmatischen, sondern kämpfenden jungen Generation. Gewiß, da gibt es vielerlei: Sozialisten, Kommunisten, Anarchisten, Trotzkisten, Maoisten, Atheisten und Christen, radikale Demokraten und fanatische Antidemokraten, Mystiker der Gewalt und Prediger der Gewaltlosigkeit; aber dennoch, so scheint mir, überwiegt das Gemeinsame. Sehnsucht nach dem Phantom, dem fast schon zum Gespött gewordenen – Freiheit.
Ich weiß, wie vieldeutig, vielstimmig, unzureichend bestimmbar dieser Begriff ist, wie häufig und wie hurtig er zur Phrase wird, wie sehr er dazu neigt, ins Vage sich zu verflüchtigen, und Verzweiflung an ihm ist nur den unentwegten Optimisten unbekannt. Doch allein schon das Wort – nicht entschärft durch festliche Rhetorik, sondern als Forderung angemeldet – erbittert die Funktionäre aller etablierten Ordnungen. Mögen sie diesem oder jenem «Lager» angehören, gegen die Forderung nach Freiheit bedienen sie sich desselben Vokabulars: Revoluzzer, Extremisten, Provokateure; und daß es absolute Freiheit nicht geben könne, sondern nur das Zugelassene als Freiheit anzuerkennen sei, werden wir belehrt. «Ich bin so frei!» sagt in Österreich der Untergebene, wenn er die vom Vorgesetzten ihm angebotene Zigarette nimmt. – «Frei sein wollen die?! Sollen lieber lernen. Freiheit? Schulfrei wollen sie haben, auf unsere Kosten, das Chaos, angezettelt von den Kommunisten!» Andererseits hörte ich von einem kommunistischen Funktionär: «Wenn einer von Meinungsfreiheit spricht, weiß ich sofort, daß er der bürgerlichen Ideologie verfallen ist. In der kapitalistischen Welt trete ich selbstverständlich für Meinungsfreiheit ein, denn diese Welt ist schlecht und bedarf daher der Kritik. In der sozialistischen Welt hingegen, die eine gute Welt ist, fordert Meinungsfreiheit nur die Konterrevolution.» Doch derlei soll uns nicht entmutigen; denn daß die Hochschulen, Zentren der Reaktion, als ich jung war, zu Sprungbrettern der Revolte geworden sind, daß unter den Intellektuellen aufsässiges Selbstbewußtsein um sich greift, daß die Herrschenden den Gebildeten nicht mehr so ungetrübt vertrauen dürfen wie einst, ist Symptom einer revolutionären Entwicklung. In einer öffentlichen Diskussion hat ein Sozialdemokrat uns beschworen, doch endlich auf den fatalen Begriff «Revolution» zu verzichten; ein katholischer Priester hat ihm geantwortet, das Recht der hungernden und mißhandelten Völker in Asien und Lateinamerika auf Revolution sei unbestreitbar, und eine katholische Hochschullehrerin rief: «Wir haben erst vor kurzer Zeit die Revolution entdeckt. Wir lassen sie uns nicht verekeln.»
Von diesem Heute bin ich umringt. Stimmen aus Prag und Paris, aus Vietnam und Kuba dringen auf mich ein, während ich schreibe, und Moskau, Stimmen aus Moskau: wie viele Freunde dort, tapfer um die Synthese von Sozialismus und Freiheit bemüht, standhaft und klug! Welt im Zwielicht dort, schmerzender Widerspruch: Mausoleum Lenins und der Revolution, einst der große Motor, heute zu häufig der Bremsklotz. Dennoch: ohne Moskau keine Freiheit für Vietnam! Und keine Hoffnung auf Frieden! Imperialistische Großmachtpolitik hat den Sozialismus verschüttet; dennoch widerspreche ich der weitverbreiteten Auffassung, zwischen der Sowjetunion und den USA gebe es keinen Unterschied mehr. In der Sowjetunion herrscht zwar nicht das Volk, sondern ein unkontrollierter Machtapparat, und von der «führenden Rolle der Arbeiterklasse» zu sprechen ist Zynismus oder Routine – aber es gibt keine kapitalistische Profitwirtschaft, sondern gegeben sind die elementaren ökonomischen Voraussetzungen des Sozialismus. Und wenn auch das in die Sohlen der Bürokratie eingegossene Blei jeden Schritt vorwärts hemmt und in naher Zukunft von der Sowjetunion keine sozialistischen Impulse zu erwarten sind, kann der verschüttete Sozialismus zum Sprengstoff der Erneuerung werden. In solchem Kontext gewinnt Erinnerung die Leuchtkraft einer Zukunft, die ich antizipiere und zu der, trotz allem Scheitern, Versagen und Verzweifeln, ich vielleicht ein Winziges beigetragen habe und noch beizutragen hoffe. Daß diese Zukunft anders sein wird, als wir sie träumen, planen, vorbereiten, daß in jedem aufgehobenen Widerspruch schon der künftige heranreift, daß aus keiner Befreiung die Freiheit unversehrt hervorgeht, ist kein Anlaß zu resignieren. Freiheit ist dennoch mehr als die Negation der jeweiligen Unfreiheit. In jedem Augenblick siegender Phantasie ist sie zugegen, in jedem schöpferischen Akt, in jedem Überschreiten unserer selbst. So bin ich also – und möchte damit die Abschweifung entschuldigen – zurückgekehrt zu dem, als der ich aufgebrochen war: ein nach Freiheit und freier Gemeinschaft Strebender.
Dem Rückblickenden mag es scheinen, daß alles zwangsläufig war, daß er, wieder in dieselben Situationen gestellt, wieder so handeln würde, weil er so handeln müßte. Vergangenheit ist das Versteinerte, das uns anstarrt mit den toten Augen des Notwendigen. Freiheit ist Zukunft.
Daß es nicht so sein mußte, daß es Alternativen gab, daran erinnert mich – wenn ich sie gewähren lasse – die Erinnerung. Ich habe die Freiheit, mich zum Schreiben zu zwingen, meine Verantwortung anzuerkennen, ohne an die Notwendigkeit zu appellieren.
Ich mache von dieser Freiheit Gebrauch.
«Das Unwahrscheinliche ist», sagte der Gast, «daß Sie leben. Nach dem Gesetz der Wahrscheinlichkeit sind Sie tot, müssen Sie tot sein.»
Der mir so gegenübersaß, war Professor Walter Laqueur, Leiter des Instituts Wiener Library in London, des antifaschistischen Archivs. Er hatte sich telefonisch angesagt, wünsche sehr, mich kennenzulernen, habe mir etwas mich Betreffendes mitzuteilen, schon seit langer Zeit, nun aber, auf Besuch in Wien, wolle er die fällige Zusammenkunft nicht länger aufschieben.
«Ich kenne Sie aus einem Geheimbericht. Er wurde 1945 im Auswärtigen Amt in Berlin aufgefunden. Ein Mikrofilm, aufbewahrt im Archiv unseres Instituts. Ein Schriftstück von ungefähr achtzig Seiten.»
«Die NSDAP …»
«Nicht die NSDAP. Es ist ein Bericht in russischer Sprache, schlechtes Russisch, ein Deutscher muß es gewesen sein, ich weiß nicht wer, kein Name. Vielleicht ein Doppelagent, Gestapo und NKWD, oder übergelaufen, in Gefangenschaft geraten, ich weiß es nicht. Greifbar ist nur das von ihm verfaßte Dokument. Er war in Moskau beauftragt, Sie zu beobachten. Seit 1936. Sein Bericht ist gründlich, pedantisch, absichtsvoll zusammengetragene Einzelheiten. Nach dem Inhalt dieses Bericht sind Sie ein Toter, ein Revenant. Der Berichterstatter kam zum Ergebnis, daß neben Palmiro Togliatti Sie der gefährlichste ausländische Intellektuelle in der Sowjetunion seien.»
Das also war es.[*]
Zwischen den Worten Laqueurs, der weitersprach, von diesem tödlichen Dokument, das noch nicht der Tod war, der Tod, mit dem ich um die Wette lief, glitt ich zurück in Tiefen der Erinnerung, die Stimmen im Nebenzimmer, Stimmen der Ärzte, ich sei nicht zu retten, das sterbende Kind, zehn Jahre alt, die Fahrt durch Deutschland, 1936, SS, die mich weckt, den Paß nimmt, zwei Männer, wo sind Sie geboren, und mein Gedächtnis versagt, der tschechische Ort, auswendig gelernt, und immer gewußt, ich kann mir das nicht merken, und am Kaffeehaustisch der Journalist, Wichtiges mitzuteilen, wechseln Sie die Nummer Ihres Autos, man will einen Unfall arrangieren, wer? Der Mann weicht aus, arbeitet mindestens für einen, wahrscheinlich für zwei Geheimdienste, im besetzten Wien, nach 1945, und der kleine Revolver, den Anny mir gab, Perlmutter und Silber, zierlich, ein Spielzeug, an die Schläfe gedrückt, in den Mund, und das wunderliche Gespräch mit Togliatti, 1937 in Moskau, und vorher, der finstere Moskwin, was da mit Ihnen war, in Paris, werden wir genau untersuchen, und Laqueur, der mir erzählt von diesem Geheimbericht, und alles flutet durcheinander, trägt mich dahin, zieht mich hinab, ich sehe mich selbst, den anderen, der ich war, werden wir genau untersuchen, Ergebnis, nicht zu retten, trotzdem, ich lebe, Widerspruch zum Gesetz der Wahrscheinlichkeit, doch alles Leben in dieser apokalyptischen Welt ist unwahrscheinlich.
Als ich eintrat, sah ich sofort den Brief auf meinem Schreibtisch. Ich hatte tags zuvor, ehe ich das Büro verließ, meinen Arbeitsraum in der Komintern, alle Manuskripte und Bücher in der Schublade eingeschlossen. Nachts wurde kontrolliert, ob der Schreibtisch auch wirklich leer war, alle Laden versperrt. Die Laden waren versperrt. Der Schreibtisch war leer. Mitten in dieser Leere lag der Brief.
Er war an mich gerichtet, in russischen Buchstaben auf dem Kuvert, an den «Towarischtsch Ernst Fischer», nicht an Peter Wieden, wie ich in Moskau hieß.
Ich riß ihn nicht auf, sondern öffnete ihn bedachtsam. Es war, als seien in dieser unwirklichen Stille, in diesem kahlen Raum aus irgendeiner verborgenen Stelle Augen auf mich gerichtet. Das war Unsinn, aber ich hatte das vage Gefühl: Augen, Kamera-Augen. Der Absender war Gustl Deutsch, seit Monaten verhaftet. Ich hatte für ihn bei Dimitrow interveniert, erfolglos.
Gustl D. schrieb mir, in schwer entzifferbarem Gekritzel, er habe die unerwartete Gelegenheit, mir aus der Haft diesen Brief zukommen zu lassen; ein verläßlicher Freund werde ihn überbringen. Er flehte mich an, ihm zu verzeihen und seine Lage in Betracht zu ziehen. Nach wiederholter Weigerung habe er schließlich ein Geständnis unterschrieben, daß er als Spion mit mir zusammengearbeitet habe, daß ich der Verbindungsmann zu Trotzkis Frau und Sohn in Paris und zur Gestapo gewesen und mit dem Auftrag nach Moskau gekommen sei, den Diversanten in der Sowjetunion Weisungen zu übermitteln. Er habe nicht die Kraft gehabt, standzuhalten, sondern diese mein Leben gefährdenden Verleumdungen durch seine Unterschrift bestätigt. Für sein Gewissen sei es eine geringe Erleichterung, daß er mich wenigstens benachrichtigen und warnen könne; vielleicht aber würde ich, rechtzeitig gewarnt, doch einen Ausweg finden, um nicht in dieselbe Lage zu geraten wie er, möglicherweise in eine noch schlimmere.
Das also war es.
Ich las den Brief zweimal, dreimal, und nur allmählich begann mein Gehirn zu funktionieren, zwischen mir und dem Inhalt dieses Briefes irgendeinen Zusammenhang herzustellen. Zunächst hatte ich keinerlei Angst, sondern dachte nur: Dieser liebenswerte, aufrichtige, weiche Mensch – was alles mußte geschehen, um diese wahnwitzige Aussage zu erpressen? Was kann ich für ihn tun? Bis mich jäh die Frage durchfuhr: Wie ist der Brief auf meinen Schreibtisch gekommen? Welcher noch so verläßliche Freund hatte nicht nur die Möglichkeit, ihn aus dem Gefängnis oder Lager herauszuschmuggeln, sondern ihn in diesem sorgsam bewachten Gebäude auf meinen Schreibtisch zu befördern? Niemand kam in Betracht, außer einem Mann des NKWD, der Staatspolizei. Wahrscheinlich also hatte Gustl D. auch den Brief unter Druck geschrieben, und wenn nicht, auf keinen Fall war der Überbringer ein «verläßlicher Freund». Oder war, in dieser undurchsichtigen Situation, auch derlei möglich, gab es nicht auch im NKWD Menschen, die sich über unmenschliche Methoden und Vorschriften hinwegsetzen? Wer aber, wer?…
Nach dem Tode Stalins, als Agnes J., die Frau des Gustl D., aus fünfzehnjähriger Gefangenschaft zurückkehrte, und ich ihr von diesem Brief erzählte, sagte sie: «Ich bin doch froh, daß er noch die Kraft hatte, dir zu schreiben, dich zu warnen …» Sie war mit ihm konfrontiert worden, sollte dasselbe Geständnis unterschreiben, weigerte sich, und keine Mißhandlung brach ihren Widerstand. Doch ihn, so sagte sie, habe sie kaum wiedererkannt, so sehr hatten sie jede Ähnlichkeit mit sich selbst aus ihm herausgeprügelt, zu einem solchen Wrack war er reduziert. Es war die letzte Begegnung mit ihm, mit einem kaum mehr Lebenden. Er kehrte nicht zurück …
Wer hat mir den Brief zugespielt? Soll ich ihn zerreißen …? War es nicht gerade das, was ich tun sollte, nach wohlerwogenem Plan, den Brief vernichten, mich so verhalten, als habe er nie existiert …? Wo ist der Brief? Wir haben ihn doch auf Ihren Schreibtisch gelegt? Und Sie haben ihn nicht gesehen, gelesen …? Wenn ich den Brief zerriß, würden sie mich zerreißen, die dort oben, der Apparat im abgeschlossenen Trakt, zu dem man keinen Zutritt hatte, es sei denn mit besonderer Bewilligung … Die dort oben lieben Sie nicht, hatte mir Klara S. gelegentlich gesagt, für die sind Sie der Sozialdemokrat. Man nennt Sie so, wenn man von Ihnen spricht … Andererseits: mit Funktionären meiner Partei darüber sprechen …? Absurd, daran zu denken. Sie würden mir mißtrauen, oder doch dem Gezeichneten behutsam ausweichen …
Ich las den Brief aufs neue. Dann schrieb ich an den NKWD: «Beiliegend übermittle ich Ihnen einen Brief, den ich heute morgens auf meinem Schreibtisch fand. Ich bitte mich sofort einzuvernehmen, mich mit D. zu konfrontieren und mir Gelegenheit zu geben, die Verleumdung zu widerlegen.»
Damit ging ich zu Dimitrow.
Er las den Brief, schwieg, las ihn abermals, sah an mir vorbei.
«Das ist schlimm», sagte er dann. «Sehr schlimm … Was schlagen Sie vor?»
Ich gab ihm den Entwurf meines Briefes an den NKWD. «Ich bitte Sie, beide Briefe an den NKWD weiterzuleiten und, wenn irgend möglich, mit Stalin zu sprechen. Gustl D. ist bestimmt unschuldig. Ich bürge für ihn.»
«Jetzt geht es um Sie, nicht um ihn … Ich glaube, Ihr Entschluß ist richtig … Ich werde die Briefe persönlich weiterleiten … Und Sie sprechen mit keinem Menschen davon, hören Sie: mit keinem Menschen … Hoffentlich …»
Er gab mir die Hand und sah mich an, als nähme er Abschied. Freundlichkeit war in seinem Blick und Beunruhigung.
Zwei Tage später sagte er mir: «In Ihrer Sache habe ich interveniert.»
Nie wieder war von dieser Sache die Rede. Niemand fragte mich, lud mich vor, gab Antwort. Irgendwo war die Sache aufbewahrt, ad acta gelegt. Die Akten, ich weiß nicht wie schwer, haben mich nicht zermalmt. Das ist alles, was ich weiß.
Wahrscheinlich hat Dimitrow mich gerettet. Aber auch das weiß ich nicht …
Und der Geheimbericht, von dem mir Laqueur erzählte, niemals hätte ich davon gewußt, wenn nicht Hitler-Deutschland zusammengebrochen und nicht im Auswärtigen Amt in Berlin ein Mikrofilm gefunden worden wäre.
Wir leben in einer Welt der Geheimberichte. Wir sind versorgt und aufgehoben in irgendwelchen Archiven dieser undurchsichtigen Welt und irgendwann fällt irgendein Akt ins Tageslicht und irgend jemand blättert darin. Sogar das eigene Gedächtnis ist vollgestopft mit solchen Geheimberichten, die einer unserer Doppelgänger verfertigt hat, häufig in einer Geheimschrift, die nur der Traum entziffert, oder ein Name zieht hinter sich ein Knäuel verworrener Assoziationen her. Meine Erinnerung assoziiert nicht archivarisch, hält sich an keinen Kalender, weiß nicht, wenn es geschah; um so deutlicher ist das Wie, bis zum Tonfall einer Stimme, zum Zucken eines Mundes. Aus dem, was dahinrinnt, unbestimmt, aus diesem grauen, manchmal beschleunigten, manchmal träg sich wälzenden Strom, den wir «Zeit» nennen, dieses für den Historiker chronologisch geordneten, für den an vergangenes Ich sich Erinnernden chaotisch beängstigenden Etwas, tauchen in klarem Umriß, in intensivem Scheinwerferlicht Situationen, Inseln der Kalypso, auf, auf denen der umgetriebene Odysseus bei sich selbst verweilt.
In dem erwähnten Geheimbericht wird Palmiro Togliatti genannt, und der Brief auf dem Schreibtisch vermischt sich in meiner Erinnerung mit einem Gespräch in der Komintern – war es vorher? Nachher? Ich weiß es nicht.
Ein Beauftragter des NKWD, Moskwin genannt (seinen wirklichen Namen habe ich vergessen), hatte den Apparat der Komintern übernommen, ein kleiner Mann mit einem unbestimmten Gesicht, aus dessen Verkniffenheit zwei kalte Augen stachen.
Ich hatte mir, als ich nach dem VII. Weltkongreß der Komintern auf Wunsch Dimitrows und Manuilskis mit der Vertretung der KPÖ in Moskau betraut wurde, ausbedungen, zwischendurch immer wieder in Prag, also direkt im Kontakt mit Österreich zu sein. Als ich – wenn ich mich recht erinnere, im Sommer 1937 – nach Prag zu fahren beabsichtigte und der Tag meiner Abreise schon festgesetzt war, wurde ich zu Dimitrow gerufen. Moskwin war bei ihm.
«Leider», sagte Dimitrow, «können Sie nicht fahren. Etwas ist dazwischengekommen … Genosse Moskwin wird Sie informieren …»
«Irgendwer hat die Polizei verständigt», sagte Moskwin. «Sie wartet auf Sie. Und wenn Sie ankommen …»
«Welche Polizei?»
«Welche!» grinste Moskwin. «Sie wissen schon, welche …»
«Ich fahre völlig legal. Mit meinem Paß als Ernst Fischer. Ich habe mich niemals in Angelegenheiten der Tschechoslowakei eingemischt, bin ordnungsgemäß gemeldet. Warum also sollte sich die Polizei für mich interessieren?»
«Sie interessiert sich für Sie – sogar sehr. Sie können nicht fahren.»
«Mir ist das alles unverständlich», wandte ich mich an Dimitrow. «Geben Sie bitte Weisung, daß man mich fahren läßt.»
«Fragen der Sicherheit müssen wir dem Genossen Moskwin überlassen. Er glaubt gewiß nicht grundlos, daß Sie gefährdet sind. Wenn die Situation sich ändert, werden Sie fahren.»
Als wir das Zimmer verließen, zischte Moskwin in der Tür mich an: «Und was Sie in Paris gemacht haben, werden wir noch genau untersuchen.»
Kurze Zeit später, abends, nach Büroschluß, hatte ich eine Unterredung mit Togliatti, der unter dem Namen Ercoli das Mitteleuropäische Sekretariat der Komintern leitete. Ich weiß nicht mehr, um welche Frage es ging; doch als ich mich verabschieden wollte, fragte Togliatti: «Haben Sie noch einen Augenblick Zeit?»
Er verließ den Schreibtisch, öffnete zuerst und schloß dann sorgsam die Tür, bot mir in einer Ecke des Zimmers, weit vom Schreibtisch entfernt, Platz an und setzte sich zu mir.
«Was halten Sie von diesem Genossen Moskwin?»
Die Frage kam unerwartet, aber ich hatte zu Togliatti uneingeschränktes Vertrauen.
«Entweder ist er ein Dummkopf oder ein Verbrecher.»
«Ein Dummkopf ist er nicht!» erwiderte Togliatti.
Wir schwiegen eine Weile.
«Können Sie Ihre Einschätzung begründen?»
«Ich habe keinerlei Beweise», sagte ich. «Aber da stimmt doch nichts, da ist doch alles mehr als beunruhigend. Da werden Genossen ins Land geschickt, mit falschen Pässen ausgestattet, mit Rundfunkgeräten, und gehen nach kurzer Zeit hoch, jeder ist bisher hochgegangen, das ist doch alles verantwortungslos. Da stimmt doch nichts. Und was geschieht rings um uns, diese Verhaftungen, diese hoffnungslosen Interventionen, diese schreckliche Unsicherheit! Was ist das alles?»
«Was denken Sie davon?»
«Im Apparat, bis hoch hinauf, haben sich Feinde eingenistet, das ist klar, aber in wessen Dienst? Das können doch nicht nur Gestapo-Agenten sein. Wer kämpft da gegen wen? Was geht da vor?»
Das alles, sagte Togliatti, sei zu einem so undurchsichtigen Gespinst geworden, daß sich niemand mehr zurechtfinde. Feinde Stalins, gewiß, Trotzkisten, Agenten ausländischer Mächte, doch damit allein könne man die Vorgänge nicht erklären; da spiele noch anderes hinein, alte Rivalitäten, gesinnungsloses Strebertum, echter und vorgetäuschter Verfolgungswahn, und der will eine Wohnung und der einen Orden, und dies alles sei zu einem entfesselten Mechanismus geworden, zu einem die Menschen zermalmenden Mechanismus.
«Sprechen Sie doch mit Stalin!» rief ich. Stalin, so hieß es allgemein, schätzte Togliatti sehr.
«Stalin ist sehr mißtrauisch», sagte Togliatti nach kurzem Schweigen. Er wechselte den Ton und das Thema. Er habe nach Moskwin gefragt, weil dieser Mann nicht mein Freund sei, vor allem aber habe er dieses Gespräch herbeigeführt, um mich vor dem Irrtum zu bewahren, das schreckliche Zerrbild, dem wir uns gegenübersehen, für das Wesen des Kommunismus zu halten. Das sei eine tragische, durch ein Zusammenwirken vieler Umstände bedingte Periode des Übergangs, eine vorübergehende Verfinsterung all dessen, was wir anstreben. Ich möge nicht falsche Schlüsse ziehen, doch eines für die Zukunft lernen: «Wenn wir jemals wieder in unsere Länder zurückkehren, muß uns von Anfang an bewußt sein: Kampf um Sozialismus heißt Kampf um mehr Demokratie. Wenn wir Kommunisten nicht die konsequentesten Demokraten sein werden, wird die Geschichte über uns hinweggehen.» Auf diese Entwicklung möge ich mich orientieren, im Augenblick aber behutsam sein, nicht zuviel reden – und wissen, daß Moskwin nicht mein Freund sei, wohl aber Dimitrow.
Eines Tages gab es keinen Moskwin mehr. Warum er verhaftet wurde, weiß ich nicht. Noch weniger, warum ich den Hexensabbat überlebte.
Das Leben ist das schlechthin Unwahrscheinliche, das Überleben in diesem eisernen Zeitalter das Maximum an Unwahrscheinlichkeit.
Den Entschluß, nicht zu sterben, faßte ich im Alter von zehn Jahren.
Aus stundenlanger Bewußtlosigkeit erwachend, hörte ich Stimmen im Zimmer nebenan.
«Er stirbt in den nächsten Stunden», sagte der eine Arzt.
«Vielleicht noch nicht», sagte der zweite Arzt.
«Vielleicht wird er leben», sagte der dritte Arzt. «Aber mit einem unheilbaren Herzschaden.»
«Ich halte ihn nicht für lebensfähig», sagte der erste Arzt.
In diesem Augenblick faßte ich den Entschluß, nicht zu sterben und nicht mit einem unheilbaren Herzschaden dahinzusiechen.
Ich war sehr ruhig. Es hatte so komisch angefangen. Wieder einmal war ich krank – wann eigentlich war ich es nicht als Kind? –, das Waschbecken zwischen gespreizten Schenkeln, und meine Mutter wusch mich. Plötzlich begannen die Schenkel zu zucken, und: «Was ist denn das?» fragte meine Mutter, und: «Ich kann nicht anders!» lachte ich ihr ins Gesicht, denn es war sehr komisch, daß ich nicht anders konnte. Da gab es also eine von mir unabhängige Körperlichkeit, die allerlei Allotria trieb, und ein ohnmächtiges Ich, das zunächst ein belustigter, dann ein beunruhigter Zuschauer war, dann gegen den Unfug protestierte, und dann in Konvulsionen unterging.
Jetzt war es wieder bei mir, dieses ohnmächtige, aber hartnäckige Ich.
Meine Mutter sah mich an.
«Hab keine Angst!» sagte ich heiter. «Ich werde nicht sterben. Ich denke nicht daran …»
Das Katz-und-Maus-Spiel mit dem Tod hatte angefangen, als ich sechs Jahre alt war und meine Schwester geboren wurde, indes der Tod mir zum erstenmal ans Herz griff. Meine Mutter, aus deren Schoß ein unbekanntes Lebewesen kam, zur Zeit, als ein bekanntes ihr zu entschwinden drohte, brachte mir das Kind ans Bett. Es war ein häßliches Ding mit schwarzem Haar, das mir nicht gefiel – das Lebewesen, das ich später, in der Leuchtkraft seiner Schönheit so sehr geliebt habe.
Kindheit: Ein offenes Fenster. Draußen Kinderstimmen, Hundegebell, fröhlicher Lärm. Ich liege im Bett, darf mich nicht rühren, das Herz schlägt schwer. Täglich zeichnet der Arzt mit einem Tintenstift auf meine schmale Brust den Umriß dieses Herzens. Es ist viel zu groß, Entzündung des Herzbeutels und des Herzmuskels. Ein Vogel, der die Flügel sträubt, sprengt es mir fast das Rippengehäuse, zum Aufbruch ins Nichts bereit.
Kranksein heißt Privilegiertsein. Für mich werden zarte, leichte Speisen gekocht. Meine Schwester, vier Jahre alt, schmeichelt sich an mich, an die Speisen heran: «Lieber, einziger, göttlicher, angebeteter Ernst – darf ich …?» Es ist angenehm, derlei zu hören, dieses schöne Geschöpf zu sehen, diese blonde Anmut. Für meine Brüder, ein wenig jünger als ich, bin ich der kranke Tyrann. Ich drohe damit, daß jede Erregung mich töten kann, und dann sind sie die Mörder. Der Egoismus des Schwächeren, der auf das Recht seiner Schwäche pocht. Der Tod wird zum Leibwächter des Privilegierten.
Ich sehne mich hinaus, zu den anderen, vor dem Fenster. Doch ist der Abgesonderte nicht der Auserwählte, der Kranke nicht der Begnadete? Mein Körper ist nicht viel wert, ein brüchiges Instrument – also wird mein Geist euch beschämen. Mens sana in corpore sano? Ist nicht Geist die Wider-Natur, die Krankheit, die den Menschen über das Tierreich erhebt? Ich werde ein Kardinal sein oder ein Dichter oder … Irgendwer, dessen schmale Hände mächtiger sind als die Muskeln der Robusten, und eine Stimme, die den Lärm übertönt, diesen verlockenden, diesen verhaßten Lärm vor dem Fenster. Diese beneidenswerte unverschämte Gesundheit, ihrer so selbstgewiß, mit Fußball, Faustkampf, fühl meinen Bizeps, hart wie Stein.
Der Eisbeutel auf meiner Brust, wochenlang, Bollwerk gegen den Tod, war zugleich dessen stille, ständige Gegenwart. Als jener entfernt wurde, zog sich auch dieser zurück. Tagsüber abwesend, nahm er von meinem Schlaf Besitz, wob das Netz meiner Träume, lauerte irgendwo im Geflecht, um mich, den Geretteten, anzuspringen, auszusaugen.
Ich war noch keineswegs gerettet. Mein beschädigtes Herz schlug unregelmäßig. Sonder-Systolen störten den Rhythmus: die immer wiederkehrende Sensation der Synkope. Allmählich genesend – das zitternde Glück der Genesung –, träumte ich vom Tode.
Dann kam der Traum vom Meer, der alles überflutende. Ich kannte das Meer nur aus Bildern und Büchern, und plötzlich war es da: das «ozeanische Gefühl», der Hauch der Unendlichkeit. Sein unbeirrbarer Rhythmus war mächtiger als der unregelmäßige meines Herzens, und seiner sanften Gewalt fügte sich dieses Herz. Von solcher Bewegung getragen, über den tiefen Abgrund hin, ein «sanft gewiegtes Kind», die Hände im Nacken verschränkt und über mir der Himmel, Bläue und Licht, den kranken Körper abgestreift, und leicht und frei und selige Erneuerung, wachte ich auf und sagte meiner Mutter: «Ich möchte ans Meer fahren.»
«Möchtest du? Warum?»
«Ich werde dort gesund.»
«Du glaubst daran?»
«Ich weiß es.»
«Dann werden wir fahren.»
Der Arzt riet ab. Ich brauche Waldluft, nicht Meer. Es könne mein Tod sein. Auf keinen Fall Heilung.
Meine Mutter entschied sich für meinen Traum, nicht für den Arzt.
Mein Vater sagte, für solche Launen habe er kein Geld. Man müsse dem Arzt gehorchen. Träume sind Schäume. Die Wissenschaft hat zu entscheiden.
Mein Großvater gab meiner Mutter das Geld für die Reise. Wir fuhren in ein Kinderheim in der Bucht von Capo d’Istria. Dort gab es außer mir nur einen Knaben, der Deutsch sprach. Er hielt sich daher für etwas Besseres. Ich mochte ihn nicht. Mir gefielen die «Čičen», die Kinder aus dem Gemisch von Slawen und Italienern.
Mir gefiel vor allem die dunkel-schöne Lucia, die Fünfzehnjährige mit übermütigen Augen, straffen Brüsten. Die zwölfjährige Anka war hübscher als sie, heftiger, origineller. Sie lief mir nach, küßte mich wild, biß mich in die Lippen. Ich aber war von Lucia besessen. Anka war das Land, sie war das Meer. In sie hinabzusinken, mußte das Unvorstellbare sein, das man Liebe nennt.
Die Knaben und Mädchen badeten getrennt, durften einander jedoch besuchen. Meine Mutter hatte mir Bonbons geschickt und ich ging zu den Mädchen. Allen bot ich Bonbons an, nur Lucia nicht. «E io?» fragte sie erstaunt, in einem Tonfall zwischen Kränkung und Spott. Ich warf ihr die Tüte ins Gesicht und lief davon, verfolgt von Explosionen hellen, unbarmherzigen Gelächters.
Ich konnte nicht schwimmen. Einmal fiel ich von der Mole ins Wasser, paddelte wie ein Hund, lächerlich. Obwohl ich die Schwimmenden genau beobachtete, fand ich den Trick nicht, den Rhythmus. Eines Nachts träumte ich vom Schwimmen und konnte es ohne Müh. In silbern grüner Frühe, als alle noch im Bett lagen, lief ich zum Strand, ins Meer; ich konnte schwimmen.
Aber auch dadurch gewann ich Lucia nicht. Sie lächelte kokett, wenn sie mich sah, warf mir dann und wann eine Kußhand zu, und hielt es mit Mario, dem sechzehnjährigen kräftigen Italiener, der um die Brust einen Gipsverband trug.
Ich lag in getrocknetem Seegras, dessen scharfen Geruch ich liebte, tief in den Haufen eingewühlt, und sah die Sonne sinken: das Meer, der schillernde Pfau, der zart sich entfärbende, das geisterhafte Leuchten, der Horizont, von Gold überhäuft, und hügelan die violette Dämmerung.
Den Strand entlang schlenderten Lucia und Mario mit dem Gipsverband. Oben im Heim schrillte die Glocke zum Essen. Die Dunkelheit nahm zu. In einer Mulde zwischen Felsen zog Mario Lucia in den Sand, streifte ihr den Rock über die Schenkel, bog sie auseinander wie blühendes Gebüsch; sie wehrte sich nicht. Sie bot ihm den Mund, die Brüste. Sie wölbte sich ihm entgegen. Im Rhythmus des Meeres hoben und senkten sich ihre Körper. Es war, als habe sich eine Woge vom Meer getrennt, um zwischen Felsen ihr Spiel zu treiben. Das Murmeln und Glucksen des Wassers mischte sich mit dem Keuchen, den leisen Schreien der Liebenden. Es wurde dunkel und still.
Zum Abendessen kamen drei verspätet. Mario saß mir gegenüber. Etwas Sattes war in seinem Gesicht, doch aß er mit ungeheurem Appetit. Als er ein Stück Fleisch verschlang, mit schmatzendem Behagen, schleuderte ich ein Messer gegen ihn. Am Gips prallte es ab. Es war ein großer Skandal.
Wenige Tage später gab es keinen Mario mehr. Die sentimentale Schwester Vittoria streichelte mich, wenn ich zu Bett ging, mit ihren allzu weichen Händen. Lucia sah mich nachdenklich an, nicht abweisend, fast herausfordernd. Anka, die alles verstanden hatte, weinte vor Zorn und schrie, Lucia sei eine dumme Gans, herzlos, ordinär, männersüchtig. Jeder könne sie haben. Nimm sie doch, wenn du willst!
Ich küßte Anka zerstreut. Von Lucia hielt ich mich fern. So sehr ich sie begehrte, war sie mir nicht geheuer. Ich hatte sie mit dem Meer identifiziert. Doch war sie nicht eher dem Tod verwandt; das üppige Fleisch, das sie darbot, Lockspeise der Verwesung? Vittoria langweilte mich. Anka war zu kindhaft aggressiv. Lucia preßte mir das Herz zusammen, als sei sie beauftragt, es zu zerquetschen.
Nach drei Monaten kam meine Mutter, um mich abzuholen. Ich war braun, kräftig, konnte schwimmen, wurde von den Kindern als Führer anerkannt. Das Leben war nicht mehr ein Lärm vor dem Fenster; ich lärmte mit.
Das Ergebnis der ärztlichen Untersuchung war nahezu unglaubwürdig. Ich war gesund. Kein Herzfehler. Ein paar Verwachsungen würden allmählich verschwinden. Eine medizinische Zeitschrift berichtete über meinen Fall.
Warum ich damals den Wettlauf mit dem Tod gewann, weiß ich nicht.
Das Katz-und-Maus-Spiel muß am Ende die Maus verlieren. Doch wenn das Spiel mit dem Tod so früh beginnt, lernt die Maus, behende auszuweichen, die Katze zu überlisten, an ihren Fehlschlägen Spaß zu haben. Was damals in mir entstand, ist eine unpathetische, zweideutig-intime Beziehung zum Tod; er ist mir widerwärtig, zugleich aber bietet er sich als Bastard der Freiheit an. Sterben zu müssen ist die Negation all dessen, was wir Freiheit nennen, Vernunft und menschliche Würde; doch die Möglichkeit, sich selber das Leben zu nehmen, verheißt eine Freiheit nicht ohne Lust.
Warum war das üppige Fleisch der Lucia für mich, den mageren Knaben, Ahnung des Todes? Weil ich nicht muskulös war wie Mario? Weil ich ihre Zerstörung wünschte, um die Zerbrochene zu besitzen, mit ihr ins Chaos zurückzukehren? Weil mein asketischer Körper so sehr meinem unstillbaren Appetit widerspricht? Weil ich fast immer Erfüllung fürchtete?
Ich möchte unsterblich sein, und dennoch lockt das Nichts; mein Verlangen, mich irgendwann in unerreichbarer Zukunft zu erreichen, der zu sein, der ich bin, und zugleich die Tendenz, die Spuren meines Daseins zu verwischen, Manuskripte zu verlieren, Vergangenes nicht aufzubewahren, der Identität mit mir selbst auszuweichen, in diesen späten Jahren immer noch so zu leben, als sei ich zehn Jahre alt, im Eröffnungsspiel dem Tod überlegen, ans Endspiel nicht denkend, immer nur Metamorphose, niemals Dauer und Bestand.
Dennoch, im ungeheuren Streben dieses Zeitalters ist es fast wie eine Schuld, überlebt zu haben – da doch so viele, die tot sind, besser waren als wir, die Überlebenden.
Ist es wirklich so, daß Konfrontation mit einem Toten zunächst Staunen hervorruft («Er hat doch gelebt!»), dann Schrecken («Er ist doch tot!»), dann aber Freude («Der andere ist gestorben, ich überlebe ihn!»)? Das Ergebnis rigoroser Selbsterforschung: nie hab ich so gefühlt. Ich bin sehr egoistisch: Viele Tote waren mir gleichgültig. Aber als meine Schwester starb, war alles von der Frage übertönt: Warum nicht ich? Mein von Kindheit an ausgeborgtes, dem Tode abgelistetes Leben – es war, als zahle sie den Preis, als habe sie die Bürgschaft für mich, den Schuldigen, abgegolten. Sie war schön, kräftig, liebenswert – warum sie? Warum nicht ich?
Solche Fragen sind sinnlos wie das ganze Spiel von Zeugung, Geburt und Tod, der unangemessene Aufwand von Leidenschaft, Hoffnung, Angst, Qual und Müh, um ein befruchtetes Ei durch alle Stadien des Werdens und Vergehens, durch das Wachstum und die Verstümmelung einer Individualität durchzubringen bis zum Erlöschen im Nichts, bis zum Zerfall in Staub. Immer noch hören wir Hiob:
«Ein Baum hat Hoffnung, wenn er schon abgehauen ist, daß er sich wieder erneuere, und seine Schößlinge hören nicht auf. Ob seine Wurzel in der Erde veraltet und sein Stamm in dem Staub erstirbt, so grünt er doch wieder vom Geruch des Wassers und wächst daher, als wäre er erst gepflanzt. Aber der Mensch stirbt und ist dahin; er verscheidet, und wo ist er …?»
Warum also dieser Bericht von einem Wettlauf mit dem Tod, von einem höchst unbedeutenden, da doch Millionen meiner Zeitgenossen ihn viel schrecklicher verloren, viel unwahrscheinlicher gewonnen haben, und da doch, wer zu keinem Konzentrationslager verdammt war, niemals gefoltert wurde, an keinem Partisanenkampf, keinem Dschungelkrieg teilgenommen hat, schweigen sollte in einer Welt, in der die Kontinente ein einziger Schrei sind, aus der Hölle aller Ordnungen, Systeme, Strukturen?!
Ich schöpfe den Mut aus der Überzeugung, daß jeder von uns, so unbedeutend er ist, dennoch etwas bedeutet, daß der individuelle Wettlauf mit dem Tod zu einem kollektiven geworden ist und daß die Menschheit, werde ihr auch von erfahrenen Ärzten Untergang oder Verkrüppelung vorausgesagt, ihn nicht verlieren muß.
CLOV:
Irgend etwas geht seinen Gang.
Pause.
HAMM:
Clov!
CLOV, gereizt:
Was ist denn?
HAMM:
Wir sind doch nicht im Begriff, etwas zu … zu … bedeuten?
CLOV:
Bedeuten? Wir, etwas bedeuten? Kurzes Lachen. Das ist aber gut!
HAMM:
Ich frage es mich. Pause. Ich frage es mich. Pause. Wenn ein vernunftbegabtes Wesen auf die Erde zurückkehrte und uns lange genug beobachtete, würde es sich dann nicht Gedanken über uns machen? … Und ohne überhaupt so weit zu gehen, machen wir selbst … gerührt wir selbst … uns nicht manchmal … Ungestüm. Wenn man bedenkt, daß alles vielleicht nicht umsonst gewesen sein wird! …
(Samuel Beckett: ‹Endspiel›)
Wer nichts bedeutet, hat nichts zu verantworten; daher die Angst des Hamm, der immer «abwesend» war, daß er im Begriff sei, etwas zu bedeuten. «Wenn man bedenkt, daß alles vielleicht nicht umsonst gewesen sein wird …» wird man mit der Frage nach dem Sinn konfrontiert und was man dazu getan hat, ihn aus dem «Un-Sinn» herauszuarbeiten. Nach dem Sinn fragen, heißt ihn setzen. Wenn irgendein Wesen etwas wie «Sinn» zu denken vermag, hat es ihn konstituiert.
Der Mensch ist der sich selbst Erwirkende. Der Werkmeister hat sein Werk zu verantworten. Was er tut, ist sinnvoll im Hinblick auf sein Werk. Er hat sich im Entwurf für eine von vielen Möglichkeiten entschieden; sie zu realisieren ist seine Verantwortung. Die Möglichkeiten der Menschen sind unerschöpflich; uns für die maximale Fülle ihrer Realisierung zu entscheiden, ist unsere Verantwortung. Als diese Fülle ahnt der auf seine Vereinzelung reduzierte einzelne die Menschheit. Was er im Begriff ist zu bedeuten, wird an dem gemessen, was er vorwegnimmt, an dem, was noch nicht ist, sondern wird, an der Menschheit.
Gelassen nehme ich den Vorwurf hin, solche Theoreme seien veralteter Humanismus. Merkwürdigerweise wünsche ich, daß die Menschheit, dieses vertrackte Halbfabrikat, aus dem Entwurf noch nicht zur Wirklichkeit geworden, Unsterblichkeit gewinne. Der Tod des einzelnen – und sei der einzelne auch ich – ist keine unerträgliche Vorstellung; warum auch sollten wir Mißlungene, Entstellte oder nur sporadisch Geglückte durch Jahrtausende mitgeschleppt werden als Ergebnis unzulänglicher Experimente? Unerträglich aber ist die Vorstellung eines Menschheitstods. So wenig ich das Wohlgefallen an der kolossalen Vermehrung, an diesem explosiven Gebären mitempfinden kann, so wenig ich einzusehen vermag, warum ein solches Gebären in Elend und Särge hinein gefördert wird, statt unterbunden zu werden, und so sehr mir zwei bis drei Milliarden Menschen genügen (denn schauerlich haftet an solchen Massen der Begriff «Menschenmaterial»), so sehr hoffe ich, daß aus diesen zwei oder drei Milliarden die Menschheit sich bilden wird, um unsterblich zu sein.
Kindheit: ein offenes Fenster, draußen helle Stimmen, Hundegebell, fröhlicher Lärm der Gesundheit, und ich im Bett, der Kranke, der sich nicht rühren darf, denn jede Regung könnte zur Folge haben, daß die knöcherne Hand sein Herz zerquetscht. Der süße Duft des Flieders, ich tauche tief das Gesicht in diese kühlen Dolden, tief hinab in die Zeit, in der ich gesund war, in dieses Noch-nicht-zur-Schule-gehen-Müssen, noch nicht das Ohr des Arztes an meiner Brust und seinen pochenden Finger, der Duft des Flieders, vermischt mit einem anderen betäubenden Geruch. «Flieder, Flieder, armes verwelktes Flieder!» sagte ich, wie meine Mutter erzählt, drei Jahre alt oder vier, aber das war es nicht, das zog mich noch tiefer hinab, wir sind hinabgestiegen, aus Sommerhitze ins Kellergewölb, unter die Erde hinab ins Schauerliche. Es riecht nach Wein und feuchten Mauern, zunächst – und plötzlich ist es der Flieder, der alles überschwemmt. Eine Frau mit nackten Armen und Schultern hebt mich an ihren Mund. Ihr Fleisch ist Flieder, sie haucht ihn aus, ich tauche tief mein Gesicht hinein. Ich fühle ihre Brüste. Ihr Haar überflutet mich blond. Es ist ein Glück, das weh tut, die glatte, junge Haut, der Duft, der wie ein Abgrund ist. Die Frau, eine Freundin meiner Mutter, hieß Petra. Ich war drei Jahre alt …
Und dann: an der Straßenecke steht ein kleines Mädchen und weint. Ich trete auf sie zu, will sie trösten, streicheln. Sie weint noch wilder, stößt mich weg, schreit. Ein großer fetter Mann in schwerem Pelz tritt auf mich zu, schlägt in mein Gesicht, rechts und links, mit fleischigen Händen, zerrt das weinende Mädchen mit sich, um die Straßenecke. Ich laufe nach Hause, es ist ganz nah, nehme aus der Küche ein Messer, stecke es unter den Mantel, und keuchend zurück, die Treppe hinab, zur Straßenecke, auf der Suche nach dem großen fetten Mann. Tagelang suche ich ihn, kreuz und quer durch die Straßen unseres Stadtviertels, ihm das Messer in die Brust zu stoßen, dort, wo der schwere Pelz ein wenig auseinanderklafft. Ihn zu hassen habe ich niemals aufgehört. Ich sehe ihn, den Feind, der mich, den Wehrlosen schlug, den Fünfjährigen, der einem weinenden Mädchen helfen wollte, den Mann mit fleischigen Händen, massiven Kinnladen, schwammigen Backen, den Präsidenten, den Kommandeur, den Würden- und Waffenträger; hundertfach fotografiert, grinst er mich an, immer das Bitte-recht-freundlich! des Menschenfressers, das Maul der Macht, das die Zähne entblößt …
Mein Vater war Offizier, Lehrer an der Kadettenschule Liebenau bei Graz. «Der alte Hauptmann mit den drei schlimmen Buben», nannte man ihn in der Nachbarschaft. Es dauerte sehr lange, bis er um die «Majorsecke» herumkam, endlich zum Stabsoffizier avancierte. Diese Verzögerung des Avancements kränkte ihn fast so sehr wie unsere Resistenz, die den Normen widersprechende Haltung der Familie. Er führte sowohl das eine wie das andere auf eine Verschwörung gegen ihn zurück, gegen den schlichten Mann, der sich emporgearbeitet hat und dafür Lohn und Bewunderung fordert.
Wenn er von seiner eigenen Person sprach, war er stets gerührt und hatte Tränen in den Augen. Sein Leben war ein Album mit nicht sehr vielen, doch lauter paradigmatischen Fotografien: Der Student, dessen Lampe der Mond ist, denn Kerzen sind zu kostspielig. Der hochgeachtete Hauslehrer bei einem Fabrikanten, dessen Söhnen er Mathematik und Pflichtbewußtsein beibringt. Der junge Offizier, der den Fahneneid leistet, Gott, seinem Kaiser und seinem Vaterland. Der Hauptmann, der, mit einem Blumenstrauß ausgestattet, vor der Tochter des Vorgesetzten kniet und ihr ewige Liebe schwört. Der Gatte, der mit der schönen Frau Arm in Arm durchs Leben schreitet. Der Familienvater im Kreise der Seinen, mit großem Schnurrbart, starrem Blick hinter dem Zwicker, streng, doch zur Güte bereit und höchsten Respekt gebietend. Hier aber begann das Leben dem Album zu widersprechen.
In Samuel Becketts Roman-Trilogie weigert sich «Der Namenlose» die Identität mit den ihm vorgehaltenen Fotografien anzuerkennen. «Aber, mein Lieber, seien Sie doch vernünftig, da sehen Sie, da sehen Sie, wer Sie sind, schauen Sie sich dieses Foto an, und hier die Personalien, keine Strafen, ich versichere es Ihnen, reißen Sie sich doch zusammen, in Ihrem Alter keine Identität zu haben, ist eine Schande …»
Meinem Vater erging es umgekehrt. Die Fotografien weigerten sich, seine Identität anzuerkennen. Das Album nahm ihn nicht auf, schlug sich vor seinen Augen zu. Er blieb draußen. Alle Bemühungen, den Irrtum der Wirklichkeit durch die allgemein anerkannten Bilder zu korrigieren, schlugen fehl. Sein Unglück war, daß weder seine Frau noch seine Kinder den Vorstellungen eines Mittelstands-Fotografen entsprachen, sondern sich radikal weigerten, den zu ihrer Erziehung angefertigten Situationsaufnahmen nachzueifern.
Eines der Fotos in diesem imaginären Album war: Der Vorgesetzte und der Untergebene, Offizier und Soldat, Befehlen und Gehorchen. Wenn ein Höherer eintrat, hatte der erste, der ihn wahrnahm, den Niederen zuzurufen: «Habt acht», worauf alle Niederen in der jeweiligen Haltung, und sei sie noch so unfertig, widersinnig, momentan, zu erstarren verpflichtet waren. Das österreichische «Habt acht!» war in seiner evokativen Zweideutigkeit bei weitem nicht so schroff wie das deutsche «Stillgestanden!» Seid wach, seid auf der Hut, nehmt euch in acht, seid wachsam in der Achtung vor den Höheren! – dies alles war in dem Befehl enthalten.
Mein Vater genoß das jähe Erstarren der Niederen, an dem, so dachte, so wünschte er im stillen, nicht nur die Soldaten, sondern auch die Gemahlin, die Kinder, alle belebten und leblosen Gegenstände, teilzunehmen hatten. Die Ordnung der Welt gebot es so.
Der meinem Vater zugeteilte Offiziersdiener Valentin war ein Riese, mitunter von epileptischen Anfällen heimgesucht. Er war ungeschlacht, gutmütig, hilflos, und wir Kinder liebten ihn sehr. Wenn mein Vater nicht daheim war, durften wir auf seinem Rücken reiten. Auf allen vieren kroch er durch die Zimmer, schnaufend, brummend, prustend, ein freundliches Ungeheuer. Doch eines Tages geschah’s, daß unerwartet die Tür sich öffnete, und mein Vater früher als üblich heimkehrte. Wir kollerten zu Boden, Valentin erhob sich mit verzweifeltem Ungeschick, und: «Hinaus mit Ihnen!» schrie mein Vater, und: «Hinein mit euch!» wandte er sich an uns. Wir gingen ins Wohnzimmer, hörten im Vorraum ein paar Worte, halblaut, hart, scharf, dann stand der Vater vor uns, befahl uns anzutreten, in Reih und Glied vor ihm. «Valentin ist entlassen!» sagte er. «Die Schuldigen seid ihr, schamlos wie immer. Er ist doppelt entwürdigt, als Mann wie als Soldat. Ihr werdet ihn um Verzeihung bitten, bevor ich ihn der Bestrafung zuführe. Auf allen vieren! Ein Soldat! Ein Mann!»
Es war ein Augenblick jäher Erkenntnis: Da gibt es also zwei Welten! Eine der Uniformen, der Rangordnungen, der Konventionen, der Fetische, der gesellschaftlichen Charaktermasken – und eine der Menschen hinter der Maskerade. Ein Mann? Ein Soldat? Ein Bestandteil der Maschinerie von Befehl und Gehorsam? Für uns war Valentin der Mensch, der Freund, der Bruder. Was ging uns die Welt meines Vaters an? Wir haßten sie.
Das Erlebnis des Kindes widersetzt sich den fixen Ideen der Erwachsenen. Viktor Sklovsky zitiert in seiner ‹Theorie der Prosa›,
