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«Ein Gedanke durchzuckt Europa» – mit diesem Kampfruf begann die Revolution von 1848 in Deutschland und Österreich. Im Mai trat die erste Deutsche Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche zusammen. Doch die Revolutionäre scheiterten. Ursachen, Verlauf und Nachwirkung der Ereignisse von 1848 werden in diesem Buch kompetent und verständlich beschrieben und erklärt.
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Veröffentlichungsjahr: 2020
Dieter Hein
DIE REVOLUTION VON 1848/49
C.H.Beck
Die Revolution, die seit Anfang März 1848 die Staaten des Deutschen Bundes erschütterte, war kein isoliertes, auf den mitteleuropäischen Raum begrenztes Phänomen. Sie war Teil einer allgemeinen europäischen Entwicklung, in der sich tiefgreifende Spannungen seit langem mehr und mehr aufgebaut hatten und sich nun in gewaltsamen Auseinandersetzungen entluden. Das konkrete Konfliktpotential war von Land zu Land sehr verschieden. Von der revolutionären Bewegung erfasst wurden Regionen, die sich wie Frankreich, Deutschland und Oberitalien bereits mehr oder minder weit im Übergang zur Industrialisierung befanden, doch auch solche, die wie etwa Süditalien und weite Teile der Habsburgermonarchie noch rein agrarisch strukturiert waren. Verfassungsstaaten mit gewählten Parlamenten wurden ebenso ergriffen wie autokratisch regierte Länder. Die Erhebungen richteten sich gegen einheimische Monarchien wie auch gegen fremde Regime. Am ehesten war noch in dem außer in Frankreich überall anzutreffenden Streben nach nationaler Selbstbestimmung ein verbindendes, die jeweils landesspezifischen Bewegungen überwölbendes Element zu sehen.
Dieter Hein schildert kompetent und verständlich Ursachen, Verlauf und Nachwirkung der Ereignisse von 1848. Er lehrte als Professor für Neuere Geschichte an der Universität Frankfurt am Main. Seine Hauptforschungsgebiete bilden die Geschichte des Bürgertums im 19. Jahrhundert sowie die Parteien- und Sozialgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Im Verlag C.H.Beck ist von demselben Autor lieferbar: Deutsche Geschichte in Daten (2005) und Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert (2016).
Karte
Einleitung
1. Krise und Revolution
2. Die politische Etablierung der Revolution
3. Das neue Zentrum und die alten Mächte
4. Politik und Gesellschaft im revolutionären Deutschland
5. Die deutsche Nation in Europa
6. Revolutionswende
7. Die bürgerliche Gesellschaft
8. Der nationale Verfassungsstaat
9. Aufbäumen und Ende
10. 1848/49 – eine bürgerliche Revolution?
Weiterführende Literatur
Allgemeine und übergreifende Darstellungen
Gesamtdarstellungen zur Revolution 1848/49
Quellensammlungen
Grundlegende Lokal- und Regionalstudien
Trägerschichten und soziale Ursachen der Revolution
Nationalversammlung, Parlamentarismus, Regierungen
Die Fundamentalpolitisierung
Nationale Bewegung und nationaler Staat
Reichsverfassung und Kaiserfrage
Personenregister
Bildnachweis
Über mehr als anderthalb Jahrhunderte ist die Revolution von 1848/49 in Deutschland ein zentraler Gegenstand der politischen Identitätsstiftung und Traditionsbildung gewesen. Zunächst dominierte unter dem Eindruck ihrer Niederlage und im Zeichen der «Reichsgründung von oben» durch Preußen und Bismarck eine negative Sicht, die darauf zielte, die Revolution politisch zu bewältigen und sie aus dem historischen Bewusstsein der Deutschen zu verdrängen. Gegen sie setzte sich erst nach 1918 und vor allem nach 1945 eine zuvor nur von Minderheiten vertretene Form der positiven Identitätsbildung durch. Auch sie blieb allerdings je nach politischem Standort höchst verschieden akzentuiert. Besonders zwischen Ost und West wurde ein förmlicher Streit um das Erbe von 1848 ausgefochten, in dem sich die DDR ganz in die revolutionären und nach sozialer Gerechtigkeit strebenden Traditionen stellte und in dem die Bundesrepublik speziell ihre freiheitlich-rechtsstaatliche und parlamentarisch-demokratische Ordnung auf die Ideale von 1848 zurückführte. Jede der konträren Sichtweisen tendierte freilich gleichermaßen dazu, aus der Geschichte der Revolution einzelne Stränge, die das je eigene Bild zu legitimieren schienen, herauszugreifen und sie für das Ganze zu erklären.
Gegen eine solche vorschnelle und einseitige politische Instrumentalisierung der Revolution hat sich die Geschichtswissenschaft in den letzten Jahrzehnten mit Erfolg gewandt. Durch zahllose, in ihrer Fülle kaum mehr überschaubare Einzelstudien wurden völlig neue Untersuchungsfelder erschlossen, ergänzende Erkenntnisse gewonnen und gängige Auffassungen über das Geschehen differenziert. Betont wurden durch die neuere Forschung vor allem das Nebeneinander unterschiedlicher Handlungsebenen, die Verschiedenheit der Aktionen und Akteure, die Disparatheit der dabei eingesetzten Mittel und die Widersprüchlichkeit der verfolgten Ziele. So entstand ein Bild der Revolution, das durch die Vielfalt der sozialen und politischen Bewegungen charakterisiert war und das sich gegen eine eindimensionale, politisch instrumentalisierbare Deutung sperrte. Das Ende des Systemkonflikts zwischen Ost und West ließ nach 1989 den Streit um das Erbe von 1848 noch weiter in den Hintergrund treten. Ähnlich wie dies François Furet bereits vor langer Zeit für die Große Französische Revolution getan hat, kann man daher heute mit einigem Recht die Revolution von 1848/49 für beendet erklären. Die ideologischen Schlachten der Vergangenheit müssen nicht mehr stets von neuem geschlagen werden.
Das ist insofern von grundlegender Bedeutung für die Revolutionsforschung, als die Differenzierung des Revolutionsbildes, der Akt der Dekonstruktion mittlerweile ein Ausmaß erreicht hat, das die Konturen der Revolution vollends zu verwischen droht. Der Perspektivenreichtum neuerer Darstellungen, dessen grundsätzliche Berechtigung gar nicht bestritten werden soll, hat tendenziell dazu geführt, dass die einzelnen Handlungsebenen und -stränge nicht mehr wirklich aufeinander bezogen werden und dass hinter den verschiedenen sozialen Gruppen, die als Akteure der Revolution vorgestellt werden, kein Gesamtbild der Gesellschaft mehr aufscheint. Von der Revolution ist kaum mehr geblieben als die zeitliche Koinzidenz der Ereignisse, die in die Zeit vom März 1848 bis zum Juli 1849 fallen. Vereinzelt werden sogar Zweifel geäußert, ob es sich bei den Erhebungen von 1848/49 überhaupt um eine Revolution gehandelt habe.
Im Grunde müsste in der Tat der Verzicht auf den Revolutionsbegriff die logische Konsequenz sein, wenn es zwischen den verschiedenen politisch-gesellschaftlichen Bewegungen von 1848/49 kaum Gemeinsames, aber viel Trennendes gegeben hat. Denn der Begriff ‹Revolution› bezeichnet ja doch, bei aller Weite und Gegensätzlichkeit, der allen Versuchen zur Definition solcher ‹Großbegriffe› gemeinhin eigen ist, historische Ereignisse, mit denen sich, in der Regel gewaltsam und plötzlich, ein grundlegender Umbruch vor allem der staatlichen Ordnung vollzieht, ein Umbruch, dem ein ebenso fundamentaler, sich in Massenbewegungen äußernder Wandel der sozialen Verhältnisse zugrunde liegt und der sich an einer – möglicherweise unscharfen oder auch widersprüchlich verstandenen – programmatischen Zielperspektive orientiert.
Will man in diesem Sinne den Revolutionsbegriff für die Ereignisse von 1848/49 ‹retten›, so sind es in erster Linie zwei zeitgenössische Leitbilder, die von ihrer politischen Ausstrahlungskraft und sozialen Breitenwirkung her das Bild einer Einheit der Revolution evozieren. Zumindest eignen sie sich, eine Art roten Faden der Revolutionsgeschichte zu bilden. Beide zeichnen sich zudem dadurch aus, dass sie nicht nur zentrale politische und gesellschaftliche Zielvorstellungen bündelten, sondern dass sie zugleich unmittelbar handlungsstrukturierend wirkten.
Das war zum einen die Vorstellung, dass sich die Gesellschaft in einem umfassenden Sinne emanzipieren, sich von allen äußeren Eingriffen vor allem des Staates wie auch von ihren inneren historisch überkommenen Verformungen und Verkrustungen befreien müsse, um sich dann in Freiheit selbst organisieren und über ihre Zukunft bestimmen zu können. Das war in Abgrenzung zur älteren Form der ständischen Gesellschaft das Ideal der ‹bürgerlichen Gesellschaft›. Der Begriff ist also hier nicht im Sinne einer gesellschaftlichen Ordnung gemeint, die von einer fest umrissenen sozialen Gruppe von Bürgern oder bürgerlichen Eliten geprägt und beherrscht wird, und wird auch nicht als ein klar definiertes ‹Projekt› verstanden, gekennzeichnet durch individuelle Freiheit, staatsbürgerliche Gleichheit und marktwirtschaftliche Strukturen. Vielmehr war das Leitbild der bürgerlichen Gesellschaft gewissermaßen mehr Handlungsmaxime als Zielperspektive. Gerade darin trafen sich, über alle gravierenden Differenzen und Widersprüche hinweg, traditionale, lokal verwurzelte Autonomievorstellungen und moderne Ideen individueller Freiheit.
Von ähnlich weittragender Bedeutung war zum anderen das Leitbild der Nation, die – ungeachtet aller weiteren darin mitschwingenden Vorstellungen einer Wiederherstellung des alten, untergegangenen Reiches wie auch der Schaffung eines nationalen Machtstaates – im Kern als eine sich selbst konstituierende Nation gedacht wurde. Sie verwirklichte sich also, wie es der ursprünglichen Einheit von liberaler und nationaler Bewegung in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entsprach, in einer nationalen Konstitution, im nationalen Verfassungsstaat. Die Nation war insofern geradezu der Inbegriff eines Staates, der sich der Gesellschaft unterworfen hatte bzw. von ihr überwältigt worden war.
Nationaler Verfassungsstaat und bürgerliche Gesellschaft in diesem Sinne waren in der Revolution von 1848/49 – das ist die These, der der hier vorliegende Band folgt – weit mehr als nur die Zielsetzungen einer im engeren Sinne bürgerlichen Bewegung und einer von ihr getragenen institutionalisierten Revolution. Gerade ihre Ausstrahlung auf weitere Bereiche der Gesellschaft erklärt die revolutionäre Dynamik, erklärt aber auch die starken Spannungen innerhalb der revolutionären Bewegung, da sich mit den zentralen Leitbildern höchst unterschiedliche konkrete Zielsetzungen und politisch-soziale Erwartungen verbanden. Erst nach der Revolutionswende im Herbst 1848 setzte sich wieder in weiten Kreisen die Auffassung durch, dass unter Zurückstellung aller weitergehenden Forderungen die Besinnung auf die zentralen Leitbilder und Werte der Revolution im Vordergrund stehen müsse. Die Rückwendung kam freilich zu spät, als dass das Scheitern der Revolution noch hätte abgewendet werden können.
Für eine in sich geschlossene Deutung der Revolution unter diesen beiden Leitlinien fehlen heute in vieler Hinsicht noch die Voraussetzungen. Wir wissen trotz einer intensiven Bürgertums-, Liberalismus-, Nationalismus- oder auch Protestforschung immer noch zu wenig über die Resonanz, die die beiden genannten Leitbilder in den klein- und unterbürgerlichen Schichten fanden, über den Zusammenhang, der zwischen konkreten wirtschaftlichen und sozialen Forderungen und abstrakten politischen Zielsetzungen bestand, oder auch über die Verknüpfung von nationalem und lokalem Revolutionsgeschehen. Insofern versteht sich der Band als eine Zwischenbilanz und als ein Versuch, die Richtung anzuzeigen, in die eine so akzentuierte Deutung der Revolution gehen könnte.
Die Revolution, die seit Anfang März 1848 die Staaten des Deutschen Bundes erschütterte, war kein isoliertes, auf den mitteleuropäischen Raum begrenztes Phänomen. Sie war Teil einer allgemeinen europäischen Entwicklung, in der sich tiefgreifende Spannungen seit langem mehr und mehr aufgebaut hatten und nun in gewaltsamen Auseinandersetzungen entluden. Das konkrete Konfliktpotential war von Land zu Land sehr verschieden. Von der revolutionären Bewegung erfasst wurden Regionen, die sich wie Frankreich, Deutschland und Oberitalien bereits mehr oder minder weit im Übergang zur Industrialisierung befanden, doch auch solche, die wie etwa Süditalien und weite Teile der Habsburgermonarchie noch rein agrarisch strukturiert waren. Verfassungsstaaten mit gewählten Parlamenten wurden ebenso ergriffen wie autokratisch regierte Länder. Die Erhebungen richteten sich gegen einheimische Monarchen wie auch gegen fremde Regime. Am ehesten war noch in dem außer in Frankreich überall anzutreffenden Streben nach nationaler Selbstbestimmung ein verbindendes, die jeweils landesspezifischen Bewegungen überwölbendes Element zu sehen.
Es war gerade die europäische Perspektive, der Blick auf die soziale Gärung und politische Unruhe in vielen Ländern des Kontinents, der der liberalen Opposition gegen den monarchisch-bürokratischen Obrigkeitsstaat auch in Deutschland die Zuversicht gab, dass die Entwicklung unaufhaltsam zu größerer politischer Freiheit und zu einem Europa der selbstbestimmten Nationen führen werde. Dramatisch verstärkte sich um die Jahreswende 1847/48 auch bei den gemäßigten, auf den Weg der Reform setzenden Sprechern der Opposition der Eindruck, dass, wenn nicht bald durchgreifende Veränderungen erfolgten, alles auf einen gewaltsamen Umbruch, auf eine Revolution zutreibe, ja, mehr noch, dass auch ihnen kaum anderes übrig bleibe, als angesichts der starren Haltung der Monarchen und ihrer Regierungen auf diesen Weg zu setzen. In diesem Sinne klagte Karl Mathy, gemeinsam mit seinem Mannheimer Freund Friedrich Daniel Bassermann der führende Sprecher der badischen Liberalen, am 23. Februar 1848 in der Zweiten Kammer, der vom Volk gewählten Vertretung seines Landes, über die geringen Erfolge, die die bislang an den Tag gelegte «Zahmheit» erbracht habe; es sei an der «Zeit, daß man es mit der Wildheit probiert, aber sie darf sich nicht auf den Ständesaal allein beschränken». Dies war in der Tat, wie sogleich von konservativer Seite und von der Regierungsbank empört bemerkt wurde, «eine revolutionäre Äußerung», es war ein kaum verhüllter Appell an die Straße, ein Aufruf zur Volkserhebung.
Insofern kam die schwere politische Erschütterung, die seit Ende Februar 1848, vorbereitet durch den Schweizer Sonderbundskrieg von 1847 und die Revolution im Königreich Neapel im Januar und unmittelbar angestoßen durch den Umsturz in Frankreich, zunächst den deutschen Südwesten erfasste, alles andere als unerwartet. Sie war gewiss von der breiten Mehrheit der oppositionellen Kräfte im eigentlichen Sinne nicht gewollt. Ihr tatsächlicher Ausbruch kam auch – wie fast jeder politische Umschwung von weittragender Bedeutung – für die Beteiligten überraschend. Dennoch war sie angesichts der seit Monaten unübersehbaren Verschärfung der politischen und sozialen Gegensätze und der starren Haltung des Staates nahezu unvermeidlich. Dieses Bewusstsein bestimmte sogleich die Sprache in den ersten Bürger- und Volksversammlungen. Und es prägte ebenso die Haltung der Monarchen und ihrer Kabinette. Es erklärt zu einem erheblichen Teil ihre letztlich nur schwache Gegenwehr, ihr baldiges Eingehen auf die Forderungen der revolutionären Bewegung. «Es fehlte ihnen», wie Bassermann einmal bemerkt hat, «das gute Gewissen», sich mit aller Macht der Erhebung zu widersetzen.
Der Ablauf des Geschehens folgte in vielen kleineren und mittleren deutschen Staaten – bei zahllosen Abweichungen im Einzelnen – jenem Muster, mit dem das Großherzogtum Baden vorangeschritten war. Kaum waren die ersten Nachrichten über die Ausrufung der Republik in Paris eingetroffen, hatten sich am 27. Februar 1848 mehrere Tausend Mannheimer in der Aula des ehemaligen Jesuitengymnasiums versammelt, um – von vornherein auch in der Absicht, auf die Entwicklung im übrigen Deutschland einzuwirken – zu der neuen Lage Stellung zu beziehen. Das Ergebnis der Versammlung war der Form nach eine Petition an die Zweite Kammer, wie so viele in den Jahren zuvor. Doch in ihrer scharfen und direkten Diktion machte sie unmissverständlich deutlich, dass sich die Situation von Grund auf geändert habe und dass ein fundamentaler Systemwechsel auf der Tagesordnung stehe. Konkret erhob man vier zentrale Forderungen: Mit der Volksbewaffnung sollte dem stehenden Heer des Monarchen ein Machtmittel der Bürger entgegengestellt werden. Mit der Pressefreiheit sollten die Jahre der politischen Knebelung und Unterdrückung beendet werden. Schwurgerichte sollten an die Stelle der bürokratischen Kabinetts- und Gesinnungsjustiz treten. Und in dem Verlangen nach sofortiger «Herstellung eines deutschen Parlaments» verbanden sich die Zielsetzungen, einen parlamentarisch regierten Verfassungsstaat zu schaffen und einen deutschen Nationalstaat zu konstituieren. Damit war der klassische Katalog formuliert, der in den folgenden Wochen – hier und da ergänzt durch den einen oder anderen Programmpunkt der vormärzlichen Oppositionsbewegung – als «Märzforderungen» überall in Deutschland die Runde machen sollte.
Nun überstürzen sich die Ereignisse. Am nächsten Tag schließen sich die Heidelberger, dann auch die Karlsruher und die Freiburger mit ähnlich lautenden Resolutionen an. Und am 1. März ziehen, obwohl sich die Regierung bereits am Tag zuvor zu weitreichenden Konzessionen bereit erklärt hat, mehrere Tausend Menschen – teilweise mit Sonderzügen der neuen Eisenbahn herbeigebracht – durch die Straßen der Hauptstadt, um ihren Forderungen vor dem Ständehaus demonstrativ Nachdruck zu verleihen. Angesichts der Menschenmassen halten die meisten an die hauptstädtische Ruhe gewöhnten Karlsruher, wie selbst die liberale «Deutsche Zeitung» spöttisch bemerkt, verschreckt die Fensterläden geschlossen. Nur mühsam gelingt es der Kammer, gegen den Druck der Massen den eigenen Anspruch als gewählte Volksvertretung zu wahren und sich nun ihrerseits den Forderungskatalog in geordneten Beratungen zu eigen zu machen und ihn zugleich um wichtige Punkte, die Ministerverantwortlichkeit, die Vereidigung des Militärs auf die Verfassung, die Abschaffung der verbliebenen Feudalrechte, zu ergänzen. Während die Regierung in den folgenden Tagen wiederum einzelne Reformzusagen gibt, mit weiter greifenden Schritten aber noch zögert, springt die Märzbewegung bereits auf andere deutsche Städte und Staaten über, beginnen auch beim Bundestag in Frankfurt am Main hektische Beratungen darüber, wie die Bewegung durch zum Teil weitreichende Zugeständnisse in den Bahnen der Bundesverfassung gehalten werden kann. In Baden finden nun täglich in zahllosen weiteren Städten und Gemeinden Bürger- und Volksversammlungen mit oft mehreren Tausend Teilnehmern statt, die Märzbewegung erfasst das ganze Großherzogtum. Vor allem jedoch setzen im Odenwald und in anderen standesherrlichen Gebieten die ersten Bauernunruhen ein: Amtshäuser werden gestürmt, Grundbücher und Schuldurkunden verbrannt, Schlösser angegriffen und teilweise zerstört. Hinzu kommen Übergriffe speziell auf jüdische Geldverleiher, Getreide- und Viehhändler wie auch antisemitische Ausschreitungen, die sich pauschal gegen die jüdische Minderheit richten. Jetzt endlich lenkt Großherzog Leopold vollständig ein. Die Regierung wird umgebildet, Karl Theodor Welcker, einer der prominentesten Sprecher der liberalen Kammeropposition, wird auf den wichtigen Posten des badischen Gesandten beim Bundestag berufen. Die ländlichen Unruhen werden durch die rasche Entsendung von Truppen und durch den Beginn der Beratungen über ein Agrarreformgesetz, die bereits am 10. April erfolgreich abgeschlossen werden, beigelegt.
Diesem Muster folgten, wie gesagt, die Märzereignisse auch in anderen deutschen Staaten. In Massenversammlungen wurde die städtische Bevölkerung mobilisiert, meist ein breites soziales Spektrum vom gehobenen Bürgertum über Handwerksmeister und Gesellen bis hin zu Arbeitern und Tagelöhnern. Teilweise war wie in Nassau auch die Landbevölkerung bereits in großer Zahl beteiligt. In Resolutionen und Adressen wurden die politischen Forderungen formuliert, die dann mit Demonstrationen in der Hauptstadt unterstrichen wurden. Gewaltsame Aktionen – wie etwa die Erstürmung des Zeughauses in München – blieben hier eher die Ausnahme. Die Regierungen wagten durchweg nicht, Gewalt anzuwenden und Militär einzusetzen. Nach meist kurzem Zögern gingen sie, auch unter dem Druck massiver und durchaus nicht gewaltfreier agrarischer Protestbewegungen, auf die Märzforderungen ein, konzedierten einen Kurswechsel im liberalen Sinne, der je nach dem bisherigen politischen System auch Neuwahlen, Wahlrechtsreformen und Verfassungsversprechen einschließen konnte. Den vorläufigen Abschluss der Bewegung bildete in der Regel die Berufung eines «Märzministeriums» unter Einschluss liberaler Oppositionspolitiker. Die Monarchen selbst blieben – anders als in Frankreich, wo am 24. Februar der «Bürgerkönig» Louis Philippe gestürzt und die Republik ausgerufen worden war – unbehelligt. Nur Ludwig I. von Bayern verlor seinen Thron, dies jedoch aus eigenem Entschluss und nur, weil er sich durch persönliche Affären in eine unhaltbare Lage gebracht hatte. Binnen zweier Wochen war die Mehrzahl der deutschen Staaten im liberalen Sinne revolutioniert worden. Der preußische Gesandte in München nannte die Vorgänge «eine mit Leichtigkeit vollbrachte Revolution».
