Die Robotarmee - Johannes Anders - E-Book

Die Robotarmee E-Book

Johannes Anders

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Beschreibung

Am Ende des 24. Jahrhunderts sind weite Teile der Welt unbewohnbar. In Rom hat die südafrikanische Kirche den Vatikan übernommen. Auf dem Petersplatz fordert die schwarze Päpstin den Untergang aller Staaten, die sich weigern, ihre Grenzen für Klimaflüchtlinge zu öffnen. Hunderttausend Fäuste recken sich gen Norden und die Menge skandiert in einem ohrenbetäubenden Chor: "Sie haben es verdient!" Eine Schachfigur im Spiel der Päpstin um eine neue Weltordnung ist eine junge Frau namens Samanta Klein, eine Waise, deren Eltern beim Untergang Hannovers ums Leben kamen.

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Seitenzahl: 156

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Johannes Anders

Neue Erde Nr. 2

Die Robotarmee

Saphir im Stahl

Neue Erde Nr. 2

Johannes Anders - Die Robotarmee

e-book Nr: 322

Erste Auflage 01.12.2025

© Saphir im Stahl

Verlag Erik Schreiber

An der Laut 14

64404 Bickenbach

www.saphir-im-stahl.de

Titelbild: Thomas Budach

Vertrieb: neobooks

Johannes Anders

Neue Erde Nr. 2

Die Robotarmee

Saphir im Stahl

Inhalt

Verteidiger des Vatikans

Die Päpstin

Der Gesandte

Projekt Gabriel

Der Whistleblower

Loyalität

Die Flucht des Whistleblowers

Das gelobte Land

Verrat

Kampf um Deutschland

Morgen die Welt

Dossier Neue Erde

Am Ende des 24. Jahrhunderts sind weite Teile der Welt unbewohnbar. In Rom hat die südafrikanische Kirche den Vatikan übernommen. Auf dem Petersplatz fordert die schwarze Päpstin den Untergang aller Staaten, die sich weigern, ihre Grenzen für Klimaflüchtlinge zu öffnen. Hunderttausend Fäuste recken sich gen Norden und die Menge skandiert in einem ohrenbetäubenden Chor: „Sie haben es verdient!“ Eine Schachfigur im Spiel der Päpstin um eine neue Weltordnung ist eine junge Frau namens Samanta Klein, eine Waise, deren Eltern beim Untergang Hannovers ums Leben kamen. Doch woher kommt die Päpstin und was sind ihre wahren Motive?

Verteidiger des Vatikans

Rom 2388, im Jahr der Anarchie …

Ein feierliches Schweigen erfüllte das Zimmer, nur unterbrochen vom leisen Atmen des Papstes und dem gelegentlichen Rascheln der Blätter im Garten draußen. Die Sonne warf lange Schatten über die alten Mauern und vergoldete die Sträucher.

Francesco Ottavilla saß in einem Sessel neben dem Bett des Heiligen Vaters. Jeden Tag war er an seiner Seite geblieben, während die Ärzte immer beunruhigter wirkten. Nun spürte er eine Veränderung in der schweren Luft des Zimmers. Das Zittern der Finger war erloschen, der Atem kaum noch zu hören. Eine der Schwestern hatte den Blick gesenkt und betete mit bebenden Lippen. Draußen schwieg sogar der Wind. Ausgerechnet jetzt, da die Kirche den Heiligen Vater am dringendsten brauchte, verließ er sie.

Vor den Toren des Vatikans zogen marodierende Banden durch die Straßen. Die Carabinieri hatten nicht die Kraft, sie aufzuhalten, zu viele waren gekommen. Wieder einmal hatte die UNO dazu aufgerufen, die Grenzen zu öffnen, wieder waren unkontrolliert Flüchtlinge ins Land geströmt. In Süditalien war erneut die Ordnung zusammengebrochen und der Hunger ließ die Menschen den Marsch nach Norden antreten.

Papst Innozenz lag still, die Lider geschlossen. Seine Haut war blass und dünn wie Pergament, ein stiller Beweis gelebter Jahre im Dienst der Kirche. Francesco hörte ihn noch reden – über den Glauben, die Schwächen der Mächtigen und das Geheimnis eines guten Risottos. Er erinnerte sich, wie Innozenz nach nächtelangen Sitzungen im Petersdom saß, mit zerknitterter Soutane und müden Augen, und doch bereit, jedem Gehör zu schenken.

Francesco griff nach der Hand des Papstes und hielt sie. „Heiliger Vater“, flüsterte er, „die Sonne geht bald unter. Möchten Sie noch etwas sagen oder jemanden sehen?“

Innozenz öffnete langsam die Augen. „Francesco“, flüsterte er, „ich danke dir für deine Treue.“

Francescos Augen wurden feucht, und doch zwang er sich zu einem Lächeln. „Es war mir eine Ehre, Heiliger Vater.“

Innozenz atmete tief ein und sah in die Ferne. „Die Kirche ist stark, Francesco. Sie wird diese schlimmen Zeiten überstehen. Wann immer Chaos herrschte, war die Kirche der Fels, der den Menschen Halt gab. Sorge gut für sie, und erinnere dich an die Liebe und das Mitgefühl, die unser Herr uns gelehrt hat.“

Francescos Kehle schnürte sich zu. Wie soll ich das mit meinen 81 Jahren noch schaffen?, dachte er. Seine Finger umklammerten die Hand des Papstes, als könne er ihn einen Moment länger im Leben halten.

Der Papst schloss die Augen und atmete flacher. Francesco blieb an seiner Seite, hielt seine Hand und betete still. Die Minuten verstrichen und schließlich verstummte das Atmen. Die Schwestern traten näher, eine von ihnen schloss die Augen des Papstes.

Francesco ließ die Hand los und trat einen Schritt zurück. Mit seinen letzten Worten hatte der Papst ihm Verantwortung übergeben, schwer wie ein Mantel aus Blei, den er nicht gewollt hatte und nun trug. Aber er war entschlossen, der Kirche mit derselben Treue zu dienen, die er Innozenz entgegengebracht hatte.

Tief und langsam läuteten die Glocken des Petersdoms. Francesco schloss die Augen. Als er sie wieder öffnete, sah er durch das Fenster, wie die Sonne hinter den Hügeln verschwand und den Himmel in ein tiefes Purpur tauchte. Er traute seinen Augen nicht, als er Männer über die Gartenmauer klettern sah.

Kurz darauf kam Lukas von Steffen, Hauptmann der Schweizergarde, mit einigen Soldaten ins Zimmer gerannt und salutierte respektvoll. „Das habe ich befürchtet“, schimpfte er. „Los, Männer, schnappt sie euch!“

Die Gardisten in ihren traditionellen Uniformen zögerten nicht. Mit entschlossenen Gesichtern griffen sie zu ihren Waffen. Die Gewehre ratterten, als sie durchgeladen wurden, das metallische Geräusch schnitt schmerzhaft durch die besinnliche Stille des Raumes.

„Die alten Mauern sind unsere Schwachstelle, Monsignore Ottavilla“, erklärte der Hauptmann. „Plünderer versuchen es immer dort zuerst.“

„Danke, Hauptmann“, sagte Francesco. „Sollte sich die Situation verschärfen, benachrichtigen Sie mich bitte. Ich muss mich um den Papst kümmern.“

„Sehr wohl, Monsignore.“ Hauptmann von Steffen folgte seinen Männern nach draußen.

Francesco trat an den alten Eichenschreibtisch. Er gab den Code des Camerlengos ein, wartete, bis die Verbindung stand, und übermittelte die Botschaft des Todes:

„Sanctitas eius obiit. Confirmationem peto.“

Er notierte die Namen der Kardinäle, die zu informieren waren, und legte die Liste für den Camerlengo bereit. Die Pressemitteilung würde warten müssen. Dieser Moment gehörte nur Gott und jenen, die ihn kannten.

Im Garten gaben die Gardisten Warnschüsse ab. Sie hallten durch die Luft und scheuchten Vögel aus den Bäumen auf. Geschrei erscholl und Francesco sah durch das Fenster, dass die Eindringlinge, die über die Mauern geklettert waren, zurückrannten. Manche stürzten in ihrer Hast, während andere sich in den Sträuchern zu verstecken versuchten. Die Soldaten nahmen einige fest und fesselten sie mit Handschellen.

Ehe der Hauptmann mit seinen Männern abziehen konnte, erreichte ihn ein Bote und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Von Steffen erstarrte. Dann machte er kehrt und kam zurück ins Sterbezimmer des Papstes.

„Was ist los?“, erkundigte sich Francesco.

„Jemand hat Eindringlinge in der alten Passage unter dem Apostolischen Palast gesehen.“

Diese Passage war einst von Päpsten genutzt worden, um unbemerkt aus dem Vatikan zu entkommen; sie war nur wenigen Eingeweihten bekannt. „Wie ist das möglich?“, fragte Francesco.

Der Hauptmann zuckte die Schultern. „Wir müssen sofort dorthin“, sagte er. „Monsignore, kommen Sie mit mir, es ist zu gefährlich, hier zu bleiben!“

„Das geht nicht. Wir müssen den Papst für die öffentliche Aufbahrung vorbereiten. Außerdem bin ich verantwortlich für seine persönlichen Gegenstände. Meine Aufgabe ist …“

„Sie können Ihre Aufgabe nicht erfüllen, wenn Sie tot sind. Also bleiben Sie an meiner Seite. Wir kommen zurück, sobald es sicher ist.“

Francesco stolperte hinter den Soldaten her, die sich hastig durch die engen Gänge des Vatikans bewegten. Die Schritte hallten auf den Marmorböden wider und düstere Schatten tanzten an den Wänden. Vom Tunnel her hörten sie Waffen klirren, Schüssen dröhnen und Verwundete stöhnen. Nach einer Weile stolperten verletzte Gardisten heraus, ihre Uniformen waren zerrissen und blutverschmiert. Einer von ihnen hielt sich die Seite, aus der dunkles Blut sickerte. „Wir können sie nicht zurückhalten“, keuchte er und sank auf die Knie. „Zu viele …“ Der Hauptmann wies Soldaten an, den Verwundeten zu helfen, während andere in Stellung gingen, die Gewehre im Anschlag. Es roch nach Schweiß, Metall und Blut und der Tunnel schien sich unter dem Druck der nahenden Plünderer zu verengen, um sie mit umso größerer Wucht auszuspeien.

In diesem Moment kamen andere Gardisten in Panik angerannt. „Das Sant'Anna-Tor ist gefallen!“, schrie einer. Verfolger tauchten auf und gaben Schüsse ab. Einer der Gardisten fiel.

„Wir sind verloren!“, flüsterte Hauptmann von Steffen.

„Verloren? Was soll das heißen?“ Francesco wollte widersprechen – doch die Worte blieben aus.

Der Hauptmann presste die Lippen aufeinander. „Monsignore, unsere Verteidigungslinie ist durchbrochen. Wir können den Vatikan nicht halten.“

„Wir müssen!“, protestierte Francesco. „Ich habe es dem Heiligen Vater versprochen. Es war sein letzter Wunsch!“

Der Hauptmann sah auf seine Stiefel. „Verlangen Sie nicht, dass ich meine Männer sinnlos opfere, Monsignore! Wir müssen fliehen!“

„Aber …!“

Die Plünderer rannten an ihnen vorbei zu den Vatikanischen Museen, die mehrere Eingänge und Notausgänge hatten. Sie schrien und lachten, während sie die Türen erreichten und mit brachialen Schlägen gegen das Holz hämmerten. Die Türen waren robust, hielten aber nicht ewig stand. In einer Tür zeigte sich bereits ein Loch.

„Ich flehe Sie an, schicken Sie Ihre Männer zum Museum!“ Francescos Stimme bebte. „Die Sixtinische Kapelle, die Stanzen Raffaels, der Codex Vaticanus sind dort, unser Herz!“

Die erste Tür brach.

Von Steffen weigerte sich. „Ich schicke meine Männer nicht für Kunst und Geschichte in den Tod. Gehen Sie doch selbst!“

Francesco sah, wie die Plünderer zusammengerollte Gemälde davontrugen, die sie aus den Rahmen gerissen hatten. Seine Fäuste ballten sich. Mühsam tat er einen Schritt nach vorne. Das Klirren von Glas und das dumpfe Splittern von Holz zwangen ihm weitere Schritte auf und trieben ihn voran.

„Monsignore, bitte! Bleiben Sie!“, rief von Steffen hinter ihm. „Sie haben doch keine Chance!“

Die Päpstin

Francesco Ottavillas Schritte stockten, als eine Prozession von Bischöfen um die Ecke des Museums bog. Sie stellten sich singend vor die zerstörte Eingangstür. Er sah sie schon fallen – doch kein Schuss fiel.

Eine schwarze Bischöfin trat aus der Gruppe hervor und ging auf die Plünderer zu. Aus zweihundert Metern Entfernung erkannte er, dass sie mit den Männern sprach. Zwei von ihnen antworteten. Ihre Gewehre blieben unten. Francesco wagte kaum zu atmen. Bloß nicht das Gespräch stören!

Die schwarze Bischöfin verhandelte zehn Minuten mit den Plünderern, dann nickte sie und auch die Männer nickten. Sie übergaben die gestohlenen Gemälde den Bischöfen und zogen ab.

Es war vorbei.

Einfach so.

Francesco atmete tief aus – das erste Mal seit Minuten. Auf ihrem Weg zurück zum Sant'Anna-Tor sprachen die Männer mit anderen Plünderern, die sich ihnen anschlossen. Schritte hallten auf Pflastersteinen, der Wind schien sie hinauszuwehen. Hauptmann von Steffen schickte die Schweizergarde, um das Tor zu sichern.

Francesco trat durch das zerschlagene Portal. Der Geruch von Wachs und Staub hing in der Luft. Zwischen zertrümmerten Rahmen lagen Gemälde – wie Verwundete nach einer Schlacht. Bischöfe bargen sie und sammelten sie auf einem Altar.

Von der schwarzen Bischöfin fehlte jede Spur. Francesco sah sich um, doch sie war nicht mehr da. Er berührte einen der Würdenträger an der Schulter, um seine Aufmerksamkeit zu gewinnen. „Wer war die schwarze Bischöfin, die die Verhandlungen geführt hat?“, erkundigte er sich.

„Nanyeni Nakale? Sie stammt aus dem Erzbistum Durban und wurde von der südafrikanischen Bischofskonferenz als Gesandte nach Rom geschickt; mehr weiß ich nicht über sie.“

„Wie kam es, dass ihr euch diesen Strolchen entgegengestellt habt?“

„Nanyeni hat uns inspiriert. Sie hat gesagt: Wenn wir sterben müssen, dann wenigstens bei Gottes Werk. Und plötzlich wussten wir, was zu tun war.“

„Und wie hat sie die Plünderer überzeugt abzuziehen?“

„Ich weiß es nicht. Sie sprachen eine fremde Sprache. Gottes Segen lag auf ihren Worten.“

Francesco Ottavilla, der Privatsekretär des verstorbenen Papstes, stand abseits, die Hände tief in den weichen Falten seiner schwarzen Soutane vergraben, während die Kardinäle in ihren schweren, purpurroten Roben sich gemessenen Schrittes in die Aula del Sinodo im Apostolischen Palast begaben. Bevor die Tür sich schloss, erhaschte er einen Blick auf den Saal mit den vielen Stühlen und dem Podium. Wie lange würde es dauern, bis sie eine Pause machten? Er presste die Lippen zusammen und ging in Gedanken die Liste der Kardinäle durch, die er ansprechen wollte. Della Rovere. Moretti. Sforza. Ein innerer Kreis, der zum Schwanken gebracht werden musste.

Als Erstes passte er Kardinal Giancarlo della Rovere, den Kardinalskämmerer, in den Gärten des Vatikans ab.

„Kardinal della Rovere“, sagte er, während sie entlang der gepflegten Hecken schlenderten, „Nanyeni Nakale versteht die Bedürfnisse der heutigen Welt. Sie hat bewiesen, dass sie mit den Migranti reden kann.“

Der Kardinal blieb stehen und sah Francesco skeptisch an. „Aber sie ist eine Frau, Francesco. Und kein Kardinal! So etwas würde unsere Traditionen völlig über den Haufen werfen!“

„Unsere Traditionen sind wichtig“, pflichtete ihm Francesco bei, „aber man erinnert sich an Papst Urban VI, der 1378 gewählt wurde, obwohl er kein Kardinal war. Jeder Priester kann Papst werden, auch wenn es gängige Praxis ist, einen Kardinal zu bevorzugen.“

„Mag sein, aber Papst Urban war eine Katastrophe für die Kirche. Und Nakale ist außerdem eine Frau!“

„Sie wäre nicht die erste Päpstin auf dem Heiligen Stuhl.“

„Und eine Schwarze noch dazu! Das gab es noch nie!“

„Zeiten ändern sich und vielleicht ist es Zeit für eine historische Entscheidung. Mit einer Südafrikanerin könnte es gelingen, die Migranti zu befrieden. Denken Sie an unser Land, Kardinal, dass von tiefen Konflikten zerrissen wird. Denken Sie an die Worte des verstorbenen Papstes: 'Die Kirche muss mit der Zeit gehen, ohne ihre Wurzeln zu verraten.' Nanyeni kann diese Balance herstellen.“

Della Rovere betrachtete einen Riss in der Steinplatte zu seinen Füßen. Francesco suchte Blickkontakt, doch als sein Gegenüber den Kopf hob, blieben seine Augen undurchdringlich.

Mit Kardinal Moretti traf er sich in einem abgelegenen Raum des Apostolischen Palastes. „Eure Eminenz“, begann er, „ich weiß um Ihre Projekte in Südafrika. Mit Nanyeni Nakale als Päpstin könnten Sie sicher sein, dass diese Initiativen die notwendige Unterstützung erhalten.“

Moretti hob eine Augenbraue. „Und was, wenn Nakale scheitert?“

„Nakale wird nicht scheitern. Sie hat die Fähigkeit und die Vision, unsere Kirche in eine neue Ära zu führen. Ihre Projekte werden blühen, darauf gebe ich Ihnen mein Wort.“ Moretti nickte langsam. Immerhin keine Ablehnung, aber auch kein klares Bekenntnis.

Je weniger Tage bis zum Konklave blieben, um so schlafloser wurden Francescos Nächte. Er begann nachts, diskrete Briefe zu verfassen, in denen er die Vorteile Nanyeni Nakales betonte und auf die Schwächen anderer Kandidaten hinwies. Diese Briefe übergab er vertrauenswürdigen Boten, die sie in die Zimmer der unentschlossenen Kardinäle schmuggelten.

Francesco starrte auf seine Notizen, dann schob er sie zur Seite. Das würde alles nicht reichen. In der Nacht vor dem Konklave schlug er seinen Unterstützern einen Plan vor. „Wir müssen die Unsicheren direkt ansprechen. Wir müssen sie von Angesicht zu Angesicht davon überzeugen, dass Nanyeni Nakale die Frau ist, die die Kirche jetzt braucht“, sagte er.

Kardinal Giovanni erhob sich. „Was, wenn sie uns nicht zuhören? Was, wenn sie schon fest in ihrer Meinung sind?“

Er sah Gesichter, die auf seine Worte warteten – und spürte, wie seine Stimme versagte, bevor sie sich wieder fand. „Wir werden nicht alle erreichen. Den Übrigen müssen wir um so mehr verdeutlichen, dass Nakale nicht nur die beste, sondern die einzige Wahl ist. Die Zukunft der Kirche und des Landes hängt davon ab.“

Und so gingen sie von Zimmer zu Zimmer, um die Kardinäle zu überzeugen. Er selbst fand Kardinal Sforza nicht in seinem Zimmer. Als er ihn am Morgen nach dem Frühstück sah, beschleunigte er seine Schritte. Jetzt oder nie!

„Kardinal Sforza“, begann er, „Sie wissen, dass Nakale die Einzige ist, die das Land befrieden kann. Wir brauchen sie.“

Sforza verschränkte die Arme. „Und wenn sie sich als zu radikal erweist? Wenn sie nur von den Migranti akzeptiert und von den Einheimischen abgelehnt wird? Was dann?“

„Dann werden wir sie unterstützen und leiten, wie es unsere Pflicht ist und wie wir es bei jedem Papst getan haben. Ich selbst werde ihr neuer Privatsekretär sein, das ist abgesprochen. Ich werde die alten Kräfte befrieden und sie die neuen. Aber wir müssen eine Chance bekommen.“ Francesco knetete seine Hände hinter dem Rücken. Als er es merkte, hörte er damit auf.

Kardinal Sforza verabschiedete sich, um an der traditionellen Messe im Petersdom teilzunehmen. Danach gingen die Kardinäle in einer feierlichen Prozession direkt ins Konklave in der Sixtinischen Kapelle.

Jeden Tag vier Wahlgänge, zwei am Vormittag, zwei am Nachmittag, und draußen auf dem Petersplatz warteten die Menschen. Und jeden Tag stieg schwarzer Rauch auf.

Was, wenn Nakales Name nicht fiel? Francesco schüttelte unmerklich den Kopf und wagte nicht, es zu Ende zu denken. Der Gedanke an den verstorbenen Papst drängte sich zwischen alle anderen. Francesco schob ihn weg – und fand ihn einen Moment später an gleicher Stelle wieder. „Francesco“, hatte Papst Innozenz gesagt, „das Papsttum ist kein Preis, sondern eine Last, die mit Demut und Gnade getragen werden muss.“ Würde Nanyeni Nakale diesem hohen Anspruch gerecht werden? Wenn er sich nun irrte …? Er schluckte hart. Seine Worte kamen von allein: „Zeige mir, Herr, deine Wege, lehre mich deine Pfade. Leite mich in deiner Wahrheit.“

Endlich stieg weißer Rauch aus dem Schornstein der Sixtinischen Kapelle. Francesco wartete an einem Fenster seines Arbeitszimmers, die Finger auf dem kühlen Fenstersims. Unten auf dem Petersplatz brach Jubel aus. Schräg unter ihm trat der Kardinalprotodiakon auf den Balkon.

„Habemus Papam!“

Francesco zupfte den Saum seiner Soutane zurecht – drei Mal, dann ein viertes Mal. Die Hand wollte nicht stillhalten. Hatte es für Nanyeni gereicht?

Eine Gestalt in Weiß trat heraus.

Eine Frau.

Francesco atmete auf.

Der Name, den der Protodiakon verkündete, ließ ihn aufhorchen: Johanna, die Zweite.

Eine zweite Johanna? Sie stellte sich in die Nachfolge jener legendären Frau, die im 9. Jahrhundert als Mann verkleidet zur Päpstin gewählt worden sein sollte – wenn es sie denn überhaupt gegeben hatte. Wollte sie die Position der Frauen in der Kirche stärken?

Johanna hob die Hand und segnete die Menge.

Francesco sah in die Gesichter auf dem Platz. Fremde feierten miteinander, als wären sie Familie. Vielleicht, dachte er, war dies der erste Atem einer erneuerten Kirche.

Die Luft war erfüllt von einer Mischung aus Weihrauch und aufgeregtem Murmeln. Als Francesco Ottavilla durch die prächtig geschmückten Hallen des Petersdoms schritt, konnte er kaum glauben, dass der Tag der Inauguration endlich gekommen war. Johanna ging neben ihm. Ihre Haltung war aufrecht, ihre Augen strahlten Entschlossenheit aus. Ihnen voran schritten Kardinäle und andere kirchliche Würdenträger, hinter ihnen sorgte die Schweizergarde für Sicherheit. Die Prozession bewegte sich langsam, und das goldene Licht, das durch die Buntglasfenster fiel, tanzte auf den Marmorfliesen wie himmlischer Segen vor ihnen her. Dazu spielte die Orgel eine erhabene Melodie.

Als Johanna den Altar erreichte, bildeten die Kardinäle in ihren scharlachroten Roben eine ehrfurchtsvolle Kulisse. Kardinal Enrico Moretti begrüßte sie und forderte sie auf, den päpstlichen Treueeid zu schwören.

Sie kam dem nach, indem sie sagte: „Im Namen unseres Herrn Jesus Christus, der mich zur Nachfolgerin des heiligen Petrus berufen hat, gelobe ich feierlich, die Heilige Römische Kirche mit Glaube und Eifer zu führen, ihre Lehren zu bewahren und die Einheit des Glaubens zu schützen. So wahr mir Gott helfe.“ Dann kniete sie sich auf das kostbare Kissen, das vor ihr auf den Marmorstufen lag.

Kardinal Giancarlo della Rovere trat vor und reichte Johanna den Fischerring des Heiligen Petrus. Dazu sprach er mit feierlicher Stimme: „Matthäus 16, Vers 18 lehrt uns, dass Jesus zu Petrus sprach: ‚Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen.‘“