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Rosa Liebig ist eine junge und politisch aufstrebende Frau. Sie engagiert sich in einer linken Partei und attackiert in ihren Vorträgen vor Gleichgesinnten und im Wahlkampf besonders gern Adlige und Superreiche, die ihrer Meinung nach nicht genug für die Gesellschaft tun. Ihre Wahl in den Landtag verpasst sie nur knapp. Kurze Zeit später erfährt die junge Frau, dass ihr, bis dato, unbekannter Vater verstorben ist und ihr ein riesiges Vermögen vererbt hat. Sogar der Adelstitel steht der unehelichen Tochter des verstorbenen Grafen und Gutsbesitzers Walter von Gleenitz zu. Wie aber soll sie das jetzt ihren Genossen und vor allem den Wählern erklären? Für Rosa Liebig beginnt eine Zeit voller Widersprüche, Zweifel, kurioser Erlebnisse und Missverständnisse. Und der Tross der Pressefotografen ist ihr stets auf den Fersen.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Inhaltsverzeichnis
Das Angebot
Der Brief
Der gutaussehende Fremde
Hinter dem Elbdeich
Die Villa am See
Die „zukünftige Gräfin“
Tante Hanna weiß mehr
Politische Planspiele
Hoffnungen und Erwartungen
Das Erbe des Grafen
Ungeheuerlicher Skandal
Untergetaucht
Geplatzte Bombe
Reaktionen
Die Belohnung
Das Interview
Das Wiedersehen
Inseltreffen
Vorstellungsgespräch
Ein Korb voller Briefe
Mühle am rauschenden Bach
Empfang auf Gut Gleenitz
Perspektiven
Nachwort
Impressum
Rolf Barkhorn
Die rote Komtess
oder:
Adel verpflichtet - zu gar nichts
© 2023
Rosa Liebig ist eine junge und politisch aufstrebende Frau. Sie engagiert sich in einer linken Partei und attackiert in ihren Vorträgen vor Gleichgesinnten und im Wahlkampf besonders gern Adlige und Superreiche, die ihrer Meinung nach nicht genug für die Gesellschaft tun. Ihre Wahl in den Landtag verpasst sie nur knapp. Kurze Zeit später erfährt die junge Frau, dass ihr, bis dato, unbekannter Vater verstorben ist und ihr ein riesiges Vermögen vererbt hat. Sogar der Adelstitel steht der unehelichen Tochter des verstorbenen Grafen und Gutsbesitzers Walter von Gleenitz zu. Wie aber soll sie das jetzt ihren Genossen und vor allem den Wählern erklären? Für Rosa Liebig beginnt eine Zeit voller Widersprüche, Zweifel, kurioser Erlebnisse und Missverständnisse. Und der Tross der Pressefotografen ist ihr stets auf den Fersen.
Rolf Barkhorn
Die rote
Komtess
oder:
Adel verpflichtet - zu gar nichts
© 2023 Alle Rechte bei:
Inhalt/Text: Rolf Barkhorn
Covergestaltung: Kathrin Bax-Kowitz
Lektorat: Jens Barkhorn
ISBN: 978-3-9826007-3-4
Rolf Barkhorn, Eigenverlag
Wittholz Ring 4
18225 Kühlungsborn
– www.barkhorn.de
Die Handlung dieses Romans sowie die Namen der Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit der Realität wären rein zufällig.
Rosa Liebig weiß, dass sie allmählich zum Ende kommen sollte. Über zehn Minuten hat sie schon geredet. Aber jetzt läuft sie zur Höchstform auf. Sie ist bei ihrem Lieblingsthema angekommen: Wie gelingt es, die Reichen stärker zur Kasse zu bitten, ohne mit einer ungerechten Steuer seriös wirtschaftenden Unternehmen zu schaden?
„Es wird oft behauptet, es sei nicht möglich und auch nicht klug, eine Vermögenssteuer für Superreiche einzuführen. Deren Vermögen ließe sich nur sehr schwer einschätzen, heißt es. Dann würde es zuhauf Klagen hageln, wird argumentiert. Das ließe sich auch anders lösen - durch eine Abgabe auf Luxusgüter. Fünf Prozent sollten reichen“, schlägt Rosa Liebig den etwa 50 Anwesenden im Saal vor.
Lauter sagt sie: „Wer als Zweitfahrzeug unbedingt einen 100.000 Euro teuren Sportwagen haben muss, zahlt die 5.000 Euro Luxusaufschlag doch locker aus der Portokasse“. Zustimmender Jubel. Sie fährt fort: „Ich finde, wer sich als Luxus eine Armbanduhr für 12.000 Euro leistet, kann dann gern noch die 600 Euro Abgabe beim Kauf oder meinetwegen auch bei einer Erbschaft drauflegen!“.
Die Zuhörer klatschen und stimmen ihr lautstark zu. „Ja richtig, wer seinen Reichtum unbedingt zur Schau stellen muss, soll dafür blechen“, ruft einer aus dem Publikum dazwischen.
Rosa spricht wieder leiser, sie flüstert fast und fängt so die ganze Aufmerksamkeit erneut für sich ein. „Ich sage euch, wegen fünf Prozent Aufschlag für Glanz und Flitter wird kein einziger Juwelier und kein Händler von Nobelschlitten Pleite gehen.“
Laut in den Saal hineinrufend ergänzt sie: „Im Gegenteil! Die Schönen und Reichen werden sich gegenseitig beim Kauf teurer Schätze übertrumpfen. Nur um ihren Konkurrenten zu zeigen, dass sie sich den Luxus trotz Steuer leisten können.“
In normaler Lautstärke redet sie weiter: „Aus welchem Grund sie das tun, soll uns egal sein. Hauptsache ist, all die Superreichen, sowie Barone, Komtessen und Grafen, die schon ihren Babybrei mit goldenen Löffeln serviert bekamen, leisten einen angemessenen Beitrag für die Gesellschaft.“
Die Rednerin holt kurz Luft und erklärt dann: „Damit mich niemand falsch versteht: Ich will hier keine Neiddebatte lostreten. Allen, die sich durch Arbeit, durch Investitionen in die Wirtschaft, und meinetwegen auch durch andere kluge Geldanlagen die Grundlage für ein Leben in gewissem Wohlstand erarbeitet oder verdient haben, sei ihr Erfolg gegönnt. Wenn der Reichtum auf ehrliche Art und Weise zustande kam und Steuern gezahlt werden, ist nichts dagegen einzuwenden. Auf übertriebenen Luxus stehen ehrliche Kaufleute ohnehin nicht.“
Einige Zuhörer nicken. Rosa fährt fort: „Es wird jedoch Zeit, dass wir denen, die sich vor gesellschaftlicher Verantwortung drücken, auf die Finger schauen. Vor allem jenen, die durch Ausbeutung Dritter oder Erbschaft zu den neuen Superreichen im Land gehören. Einige von ihnen beschäftigen ganze Scharen von Juristen und Steuerexperten, allein um die eigenen Steuern so gering wie möglich zu halten.“
Ihr Ton wird fordernder. „Unsere Aufgabe ist es, genau das zu verhindern. Keine Steuerschlupflöcher und Sonderrechte mehr für Superreiche! Schaut in den Programmen anderer Parteien nach, welche sozial gerechten Lösungen diese anzubieten haben! Ihr werdet nichts finden. Bei den Schwarzen ebenso wenig wie bei den Gelben. Und die anderen sind nicht besser“, sagt Rosa Liebig.
Sie erklärt: „Die Grünen fordern radikale Schritte zur Eindämmung des Klimawandels. Energie soll nach ihren Plänen noch teurer werden. Aber sie sagen nicht, wie Menschen mit geringem Einkommen das bezahlen sollen. Solche Maßnahmen treffen meistens nur die Falschen – Pendler, Kleinverdiener und Rentner. Dem Fahrer eines Nobelschlittens hingegen ist es egal, wie teuer das Benzin ist. Er leistet sich diesen Luxus. Weil er es kann! Von mir aus! Aber dann sollen diese Leute dafür auch einen Extrabeitrag für die Gesellschaft zahlen. Mit einem Teil der Einnahmen aus der Luxussteuer können dann gern Projekte zum Klimaschutz gefördert werden.“
Dann verneigt sich Rosa kurz und bleibt eine Weile hinter dem Rednerpult stehen. Ihre Zuhörer sind aufgestanden. Sie klatschen lange und die Frau genießt den Applaus. Mit ihrem dunkelroten Zopf, den sie auf der rechten Seite trägt, wirkt sie jünger als ihre gelebten 35 Jahre. Das liegt auch an ihrer lebhaften Art vorzutragen.
Minuten später, da die meisten Besucher schon längst gegangen sind und Rosa ihre Redehilfe, einen kleinen Zettel mit Stichworten, zusammenfaltet und in ihre Handtasche ablegt, kommt Karl Steinberg auf sie zu. Der adrett gekleidete Mittsechziger tritt dicht an die Frau heran, reicht ihr die rechte Hand. „Das war gut! Nein, das war sehr gut! Rosa, du bist nicht nur eine gute Rednerin, die Leute hören dir auch gern zu. Du bist sehr überzeugend.“ Lob von einem, der sich auskennt.
„Meinst du das wirklich? Findest du nicht, es war etwas zu populistisch aufgetragen – das mit der Armbanduhr und dem Sportwagen?“, fragt Rosa.
Karl schüttelt den Kopf. „Ach was! Die Leute mögen solche Beispiele. Der Kampf um eine gerechtere Verteilung muss immer wieder geführt werden. Und in dieser Zeit besonders. Es kann doch nicht sein, dass einige wenige in Saus und Braus leben, ohne den Finger krumm zu machen und andere, die sich täglich abrackern, gehen zum Amt, um ihren Lohn aufstocken zu lassen.“
Rosa lacht: „Mich musst du nicht agitieren“. Karl aber entgegnet: „Doch, das muss ich, ich muss dich noch davon überzeugen, dass du bei der Landtagswahl im Frühjahr für uns kandidierst“.
Sie schüttelt den Kopf. „Ich als Kandidatin bei den ‚linken Sozialisten‘? Ich bin doch nicht mal Mitglied in eurer Partei. Wie du weißt, bin ich bei den Sozialdemokraten vor vier Jahren ausgetreten, weil die Politik und meine Überzeugung nicht mehr zusammenpassten.“
Er lässt nicht locker. „Es war ja auch deren Politik, die nicht gepasst hat. Bei uns wärst du genau richtig. Das musst du heute Abend doch gespürt haben, das war hier keine Laufkundschaft. Es waren alles Funktionäre. Ortsvorsitzende, Bürgermeister, Abgeordnete, sogar zwei Landräte waren dabei. Und du hast sie doch schon so angesprochen, als seiest du längst eine von uns. Überleg dir das nochmal in Ruhe! Aber, und das sage ich dir auch, meine liebe Rosa: Wenn du dich bereit erklärst zu kandidieren, dann geht es für dich nicht um einen Platz auf der Hinterbank. Eine so überzeugende Frau wie du gehört in ein Spitzenamt“, betont Steinberg.
Er ergänzt: „Ruf mich an, wenn du dich entschieden hast, oder einen Rat von mir brauchst. Meine Nummer hast du. Für deinen heutigen Vortrag aber danke ich dir von Herzen.“
Steinberg verabschiedet sich. Kurz nach ihm verlässt auch Rosa das Gebäude. Sie steigt in ihren zwölf Jahre alten pinkfarbenen Polo. Sie betrachtet sich selbst einen Moment im Rückspiegel. Dann fischt sie schnell einen Lippenstift aus ihrer Handtasche, zeichnet bei einem erneuten Blick in den Spiegel hastig ihre Lippen nach. Dann legt sie sich den Zopf zurecht und dreht den Zündschlüssel um.
In ihrer Wohnung im Potsdamer Norden angekommen, grübelt Rosa abends lange über das Angebot. Sie eine Landtagsabgeordnete? Meint Karl das ernst? Oder wollte er ihr nur schmeicheln? War der Vortrag vor den Parteikadern, um den er sie gebeten hatte, nur ein Vorwand? Um eine Gelegenheit zu haben, ihr dieses Angebot zu unterbreiten?
Als freie Journalistin hatte sie schon etliche Artikel für linke Magazine zum Thema „gerechte Verteilung“ verfasst. Nicht immer war sie dabei mit Steinbergs Partei glimpflich umgegangen. Vor einem halben Jahr hatte ein prominentes Mitglied der LiSos für die Titelstory einer Illustrierten auf einer Luxusyacht posiert. Rosa Liebig widmete daraufhin dem „Möchtegern-Sozialisten ohne soziales Gewissen“ einen kritischen Beitrag. Dann kam heraus, dass der Abgeordnete sich von einem Industriellen hatte bezahlen lassen. Im Gegenzug setzte er sich für Projekte seines Gönners ein. Klarer Fall von Bestechlichkeit! Seinen Posten im Parteivorstand und das Mandat im Bundestag war der Mann los.
In dieser Partei sicher ein Einzelfall, der den LiSos schwer schadete. Von Karl aber hält Rosa eine Menge. Für sie ist er das Beispiel eines aufrechten Linken und unbestechlichen Politikers. Sie kennt ihn seit dem Kindesalter. Zu DDR-Zeiten war Steinberg Bürgermeister ihres Heimatdorfes in der Prignitz. Er sprach oft mit ihrer Mutter.
Inzwischen gehört er zum engeren Führungskreis seiner Partei. Die war nach dem Ende der DDR in Ostdeutschland neu gegründet worden. Idealisten und Ostalgiker, aber nur wenige Pragmatiker schlossen sich ihr an. Geprägt ist die Bewegung durch eine tiefe Abneigung gegenüber allem, was nach Reichtum aussieht.
Daher verfangen Rosas Argumente bei ihren Vertretern auch so gut. Bei den Sozialen Demokraten hingegen, denen sie mal angehörte, ist es längst nicht mehr verwerflich, wohlhabend oder gar reich zu sein. Rosas Eindruck ist es, dass sich immer weniger von ihnen dafür interessieren, wie die Menschen zurechtkommen, die in prekären Verhältnissen leben. Das war einer ihrer Gründe, warum sie dort ausgetreten war.
„Zu weit weg von den Sorgen der kleinen Leute. Zu dekadent im eigenen Lebensstil. Zu sehr auf den eigenen Vorteil bedacht“. Mit diesen an prominente Kader gerichteten Worten hatte Rosa Liebig ihren Parteiaustritt verkündet – in einer Kolumne der Arbeiter-Zeitung.
Einen Aufschrei hat es wegen des Kommentares oder ihres Austritts jedoch nicht gegeben. Man war wohl eher froh, sie los zu sein. Diese Vorgeschichte aber nährt bei Rosa Bedenken, schon wieder politisch mit vollem Einsatz aktiv zu werden.
Steinbergs Angebot, für die LiSos zu kandidieren, lässt sie an diesem Abend nicht mehr los. Ihre Versuche, die Gedanken wegzuschieben und an etwas anderes zu denken, misslingen. Lange bleibt sie wach.
Das war eine lange Nacht damals, erinnert sich Rosa Liebig ein Jahr später. Karl Steinberg war nicht der Einzige von den LiSos geblieben, der sie bekniet hatte, für die Partei auf Landesebene zu kandidieren. So gab sie dem Drängen nach und bewarb sich beim Parteitag für einen Listenplatz zur Landtagswahl.
Eine feste Mitgliedschaft bei den Linksaußen kam für sie weiterhin nicht in Frage. Ein Passus im Parteistatut ermöglichte eine Kandidatur dennoch. „Sonst würden wir kaum noch Leute in den Gemeindevertretungen haben, die wenigstens halbwegs auf unserer Linie sind“, hatte Karl Steinberg ausdrücklich die Bewerbung von Nichtmitgliedern begrüßt. Für Rosa legte er sich beim Parteitag dann mächtig ins Zeug, warb dafür, sie als Persönlichkeit mit Perspektive „noch ohne Parteibuch“ zu sehen und ihre Kandidatur zu unterstützen.
Am Ende reichte es auf dem Wahlparteitag für einen „Hoffnungsplatz“ auf der Kandidatenliste, einen jener Plätze, die vom Stimmenanteil am Wahlabend abhängen. Um selbst den Kampf um ein Direktmandat in einem der Wahlkreise aufzunehmen, hätte sie sich einer Mitgliedschaft bei den LiSos jedoch nicht verweigern dürfen.
„Dass die Partei den Wahlkampf einer Kandidatin für ein Direktmandat organisiert und finanziert, die nicht Mitglied bei uns ist, kann ich mir nicht vorstellen. Das würden alle Gremien ablehnen“, hatte Karl ihr schon lange vor dem Prozedere der Nominierung ehrlich erklärt. Sie blieb dennoch bei ihrem Nein zur Parteimitgliedschaft.
Es ärgerte Rosa zudem, dass die LiSos ihre Idee einer Luxussteuer auf verzichtbare Gebrauchsgüter nicht ins Wahlprogramm aufgenommen hatten. In ihren Wahlkampfreden ging sie selbst zwar weiter darauf ein. Aber andere Genossen mieden das Thema und in der parteiinternen Debatte spielte es kaum eine Rolle. Der Bundesvorstand sei noch nicht so weit, da mitzugehen, hieß es. Der Parteiapparat erwies sich als zu schwerfällig für neue Ideen. Das erinnerte Rosa wiederum an ihre Zeit bei den Sozialen Demokraten.
Die Wahlen im Frühjahr zum Landesparlament waren für die LiSos kein Desaster – im Gegenteil! Mit insgesamt acht Mandaten wuchs die kleine Fraktion sogar um zwei Plätze. Allerdings blieb Rosa mit ihrem Rang auf der Landesliste erstmal außen vor. Drei Sitze hatten die Linken in den Wahlkreisen direkt gewonnen, die anderen Mandate verteilten sich auf Leute, die vor Rosa auf der Liste standen. Sie steht an elfter Stelle. Das reicht nicht.
Damit hat sich das Thema einer hauptberuflichen Politikerin-Karriere für sie erstmal erledigt, auch wenn Steinberg ihr einzureden versucht, dass die Legislatur lang ist. Ein Stühlerücken mittendrin sei nie auszuschließen. Karls Hoffnung in allen Ehren: Für die Kandidatin Rosa Liebig ist das Thema beendet. Kurz nach der Wahl nahm sie einen Job bei einem Verlag an, der Kinder- und Jugendbücher veröffentlicht. Eine gut bezahlte Arbeit, die ihr Spaß macht. Einen Teil des Pensums erledigt sie zu Hause.
Viel zu tun hat die Lektorin an diesem Vormittag nicht. Alle Terminsachen sind seit dem Vortag abgearbeitet. Die Post, bestehend aus einem Dutzend Briefe, liegt ungeöffnet im Korb. Rosa hat keine Lust, sie zu öffnen. Dafür hat sie in den vergangenen Monaten zu oft Sendungen von Leuten bekommen, die es nicht gut mit ihr meinten. Es ärgert sie, dass scheinbar jeder ihre private Adresse zu kennen scheint. Manchmal stand nur ihr Name drauf, aber die Post stellte ihr die Briefe trotzdem zu. Als gäbe es auf dem ganzen Planeten keine andere Person, die denselben Namen hat.
Schreiben mit Anfeindungen, Beleidigungen und Drohungen hatte sie in der Zeit vor und nach der Landtagswahl viele erhalten.
Einige enthielten sogar die Namen und Anschriften ihrer Verfasser. „Wenn dir jemand droht, übergib das der Polizei!“, hatte Karl ihr geraten. Rosa hat seinen Rat ignoriert und die Hassbriefe im Kaminofen verbrannt.
Den ganzen Packen verbrennen! Eine gute Idee – findet Rosa und greift nach dem Stapel im Postkorb. Dabei rutscht ihr ein Kuvert unter der Hand weg und fällt auf den Boden. Sie hebt es auf und kommt nicht umhin, sich den Umschlag näher anzusehen. Adressiert ist er an „Frau Rosa Liebig, Komtess von Gleenitz“. Die Adresse des Absenders Kanzlei „Richter & Söhne“ ist im unteren Teil in goldenen Lettern aufgeprägt.
„Die Spinner werden immer kreativer“, sagt Rosa zu sich. Sie, die sich im Wahlkampf die Aristokraten und Superreichen vorgeknöpft hat, mit Komtess anzureden, ist ein starkes Stück, findet sie. „Dieses Schreiben landet zuerst im Ofen. Da mache ich mir ein kleines Feuer an diesem kühlen Sommertag“, flüstert sie und legt den Brief beiseite. Den Rest der Sendungen hat sie schnell gesichtet. Kreditangebote von Banken, von denen sie noch niemals gehört hat und andere adressierte Werbung. Das ist alles heute. Keine Nazipost, auch keine Beleidigungen oder plump bis sexistisch formulierte Heiratsanträge.
Rosa greift sich den Briefstapel mit der linken Hand und wechselt ins Wohnzimmer. Sie öffnet mit der Rechten die mit einer Glasscheibe versehene Ofentür ihres Stubenkamins und legt das Papierbündel auf den Rost. Ein Brief fehlt. Es ist der, den sie zuerst anzünden wollte. Rosa kehrt zurück ins Büro. Auf dem Schreibtisch liegt das ungeöffnete Kuvert. Sie streckt die Hand danach aus. Einen Moment hält sie inne.
Erst fällt er runter, dann bleibt er liegen – Zufall? Ja sicher, denn an überirdischen Hokuspokus glaubt die Beinahe-Abgeordnete der LiSos nicht. Die Neugierde aber hat längst die Macht über ihr Handeln übernommen. Rosa hat jedoch weiterhin vor, den Brief zu vernichten wie die nutzlose Werbung.
Einen Blick reinwerfen würde aber kaum schaden, ist sie überzeugt. Im Tempo einer Zeitlupe öffnet sie das Kuvert der angeblichen Kanzlei. Ebenso langsam entnimmt sie das Schreiben, entfaltet und betrachtet es. Das Briefpapier fasst sich anders an. Es ist stärker und versehen mit einer Struktur.
Im Brief wieder diese ominöse Anrede: „Sehr geehrte Komtess von Gleenitz…“. Rosas Augen wandern weiter. „… unsere traurige Pflicht, Ihnen mitzuteilen, dass Ihr hoch geschätzter Herr Vater, Walter Graf von Gleenitz, am 2. Juni, während eines Aufenthaltes in der Schweiz im Alter von 62 Jahren verstorben ist.“
„Mein Vaaaaater? Walter Graf von..?“. Rosa schüttelt den Kopf, ihr Blick ist weiter auf das Schreiben gerichtet: „…die Verkündung des letzten Willens des Grafen von Gleenitz findet am Mittwoch, den 29. Juni, um 11 Uhr in der gräflichen Bibliothek des Gutes zu Gleenitz bei der Havel im Kreis geladener Personen sowie im Beisein des Notars und Rechtsanwaltes Dr. jur. Dietmar Richter Senior und weiterer Mitarbeiter der Kanzlei statt…“.
An anderer Stelle liest sie: „… über die eidesstattliche Erklärung des Herrn Grafen von Gleenitz, in der Sie, werte Komtess, als seine leibliche Tochter offiziell anerkannt worden sind, hatten wir uns erlaubt, Sie schon in einem früheren Brief, in Kenntnis zu setzen. Leider blieb unser Schreiben unbeantwortet.“
Weiter heißt es: „Eine Kopie der Vaterschaftserklärung stellen wir Ihnen gern zu. Das Original erhalten Sie nach Vorlage Ihres Ausweises in unserer Kanzlei. Offiziell wird auch das Nachlassgericht Sie darüber in Kenntnis setzen, dass Sie im Testament als Erbin benannt worden sind. Erfahrungsgemäß dauert dieser Vorgang etwas länger. Eine Vertreterin des Gerichtes ist bei der Verlesung des letzten Willens mit anwesend. Weiter bitten wir Sie, in obiger Angelegenheit vorerst Stillschweigen zu bewahren. Wenn Sie Fragen haben, wenden Sie sich bitte an Dr. Klaus Richter, Rechtsanwalt und Mitinhaber der Kanzlei.“
Sooft Rosa den Brief liest, ihr Misstrauen lässt sich nicht wegschieben. Erst vor einer Woche hatte sie eine E-Mail erhalten, die angeblich in einer Anwaltskanzlei im US-Bundesstaat Georgia verfasst worden ist. Darin hieß es, sie sei Erbin eines inzwischen verstorbenen Großindustriellen deutscher Abstammung und würde bald 48 Millionen US-Dollar ihr Eigen nennen. Es fehle nur eine Bestätigung des zuständigen Erbschaftsgerichtes in Atlanta. Nach Zahlung der üblichen Registergebühr von 1.635 US-Dollar auf das Konto der Kanzlei würde man ihr das Erbe sofort überweisen.
Eine dieser Betrugsmaschen, die leider nicht selten naive Opfer finden. Rosa ist sich sicher, der Brief zielt in dieselbe Richtung. Sie soll Kontakt zur angeblichen Kanzlei aufnehmen, um dann von skrupellosen Betrügern über den Tisch gezogen zu werden.
Das Handy klingelt. Das Display zeigt den Namen von Karl Steinberg an. „Hallo, was ist so dringend, dass du mich schon am frühen Vormittag anrufst? Ist doch sonst nicht deine Zeit“, sagt Rosa. Der Angesprochene räuspert sich kurz. „Stimmt, aber erstmal einen wunderschönen guten Morgen, Nummer 9!“
Rosa hakt nach: „Nummer 9. Heißt das, ich bin heute Vormittag schon die neunte Person, die du anrufst? Du als Morgenmuffel? Das glaube ich dir nicht“, scherzt sie.
„Nein Rosa, du bist die Nummer 9 auf der Mandatsliste, nachdem Magda Hainer überraschend auf ihren Landtagssitz verzichtet hat – aus persönlichen Gründen, wie es heißt und Petra Neu, unsere bisherige Nummer 9, für sie nachgerückt ist“, erklärt Karl.
„Dann ist aber Herbert Weiß jetzt die Nummer 9 und ich komme nach ihm an zehnter Stelle. Oder sehe ich das falsch?“, fragt Rosa Liebig. „Nein und ja!“, lautet seine Antwort. „Wie nein und ja?“.
„Nein, du siehst das nicht falsch, du wärest eigentlich die Nummer 10 auf unserer Liste. Aber auch Herbert Weiß hat seinen vollständigen Rückzug aus allen Parteiämtern erklärt. Sein Ärger darüber, dass er nicht auf Anhieb in den Landtag gewählt worden ist, war wohl zu groß. Er ließ sich nicht mehr davon abbringen. Und ich habe auch nicht lange versucht, ihn zu halten.“, räumt Steinberg ein.
Er ergänzt: „Herbert war schon immer ein schlechter Verlierer und ein Querulant. Der hätte sowieso nur Ärger gemacht. Und ja, du siehst das falsch, denn nach seinem Rückzug bist du unsere Nummer 9 und damit in jedem Fall unsere nächste Nachrückerin“.
Mit kratziger Stimme fährt er fort: „Wenn die Legislatur schon so anfängt, wird es nicht mehr lange dauern, bis du Abgeordnete unserer Fraktion bist“. Ein Gedanke, der Steinberg gefällt.
„Lass mal gut sein, so genau weiß ich gar nicht, ob ich das noch will. Mein Job als Lektorin macht mir Spaß. Obwohl oder vielleicht auch, weil er so unpolitisch ist“, meint Rosa und fragt: „Weißt du denn, was das für persönliche Gründe bei Magda sind, warum sie ihr Mandat abgegeben hat. Sie hat einen so tollen Wahlkampf gemacht.“
Wortkarg antwortet Karl: „Weiß ich nicht genau, will nichts Falsches sagen, irgendeine alte Geschichte. Frag sie selbst“, schlägt er vor.
Rosa hat noch eine Frage. Vielleicht kann Karl ihr weiterhelfen. „Kennst du eine Kanzlei Richter & Söhne?“.
Steinberg antwortet: „Ja kenne ich, ist so ein Schickimicki-Laden. Die vertreten nur Leute, deren Jahreseinkommen mindestens sechsstellig ist. Was willst du von denen? Die würden dir nicht mal einen Termin geben, egal in welcher Angelegenheit du sie beauftragen willst. Oder hat dich einer ihrer reichen Klienten verklagt, weil du im Wahlkampf über ihn hergefallen bist?“. Karl lacht.
„Nein, nur so. Ich habe nur irgendwo davon gelesen“, redet sie sich heraus.
„Doch nicht etwa in der Klatschpresse? Das könnte sogar sein. Diese Kanzlei vertritt auch die Sprösslinge der Adelsfamilie, die immer noch glaubt, Park und Schloss Sanssouci gehören ihnen. Sogar ein echter Prinz soll Klient bei denen sein. Was hast du vor Rosa?“, verbirgt Karl seine Neugier nicht.
„Ist schon gut, wie gesagt, ich hab‘s nur irgendwo gelesen, hat sich erledigt“, wiegelt Rosa Liebig ab.
Sie vermutet: Selbst wenn es diese Kanzlei gibt, wird der Brief gefälscht sein. Schon deshalb, weil Anrede und Inhalt nichts mit der Realität gemein haben. Wäre er aber echt, dürfte Rosa gar nicht mit Karl darüber reden. Immerhin soll sie Stillschweigen bewahren. Nach Austausch von ein paar belanglosen Floskeln ist das Gespräch beendet. Rosas Neugier und Zweifel in der Briefsache sind weiterhin präsent.
Sie setzt sich an den Schreibtisch, öffnet ihren Laptop und wählt im Browser die Suchseite. Binnen Sekunden hat sie die Webseite der Kanzlei Richter und Söhne geöffnet. Keine Hinweise zu deren Mandanten, aber eine Liste mit den Partnern und Mitarbeitern findet sich auf der bescheiden und unspektakulär gestalteten Präsenz.
Rosa nimmt den Brief zur Hand, vergleicht die dortigen Angaben zur Kanzlei mit denen auf der Webseite. Übereinstimmung: 100 Prozent! Das bedeutet nichts. Der Inhalt ist es, der nicht passt. Es ist eine Fälschung, eine Betrugsmasche, ist sie überzeugt.
Wahrscheinlich haben dreiste Betrüger die Daten übernommen, um sie zu beeindrucken. Sie könnte eine der Nummern anrufen, die für eine Kontaktaufnahme genannt sind. Wen soll sie kontaktieren? Im Brief steht etwas von Klaus Richter Junior. Rosa tippt die Zahlenfolge in ihr Handy, wartet das ferne Rufzeichen ab und legt wieder auf.
„Ich muss wohl verrückt sein, Komtess von… wie heißt das Nest nochmal?“, fragt sich Rosa selbst. Na klar doch! Den Ort kann sie suchen. Sie tippt „Gleenitz“ in die Suchleiste und stößt auf Einträge wie: Gemeinde in Brandenburg, ... an der Havel, ...bei der Havel, Gut zu Gleenitz, Gemeinde findet Kompromiss im Streit um Haveltitel, Volkseigenes Gut Gleenitz…
Okay, den Ort gibt es, „an der Havel“ oder mit dem Zusatz „bei der Havel“. Einen Hinweis darauf, dass Walter Graf von Gleenitz am 2. Juni in der Schweiz ums Leben gekommen ist, findet Rosa ebenfalls im Internet. Da haben sich die Betrüger die Geschichte aus solchen Informationen zusammengebastelt, ist sie sicher.
Interessant findet sie einen älteren Artikel über einen kuriosen Streit aus den frühen 1990er Jahren. Da war der Gemeinde Gleenitz das Recht abgesprochen worden, den zu DDR-Zeiten benutzten Namen „Gleenitz an der Havel“ zu führen. Der Grund: Die äußere Gemeindegrenze verfehlt den Fluss um knapp zwei Kilometer.
Jedoch wollte sich der Gemeinderat das nicht gefallen lassen. Anhand historischer Landkarten wies man nach, dass der Fluss gut 300 Jahre zuvor mitten durchs Dorf geführt hatte.
Durch Hochwasser und Maßnahmen zum Schutz der Besiedlung war das Gewässer dem „Hoheitsgebiet“ der Gemeinde im Lauf der Jahrhunderte entrückt. Eine vom Land aufgezwungene Gebietsreform kam dazu. Gleenitz verlor einige Hektar Fläche an die Nachbarkommune.
Der Gemeinderat überzeugte mit seinem Hinweis auf die Historie den Landrat. Der Kreisverwalter erlaubte die weitere Verwendung des alten Titels. Aber kurz darauf kassierte der Innenminister, der in der Nachbargemeinde wohnte, die Erlaubnis wieder und untersagte Gleenitz das Führen der Bezeichnung „an der Havel“. Nach der Landtagswahl, ein Jahr später, einigte sich die Kommune mit dem Nachfolger des Ministers und dem alten Landrat darauf, den Ort „Gleenitz bei der Havel“ zu nennen.
Beim Lesen des Beitrages erfährt Rosa, wer seinerzeit den Kompromiss, der weiterhin gültig ist, eingefädelt hat: Gemeinderat Walter Graf von Gleenitz! „Wow Papa!“, fällt ihr in diesem Moment nichts Besseres ein. Ein alberner Versuch, sich des Themas zu entledigen.
