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Nur wenige Tage nach dem ersten Moskauer Schauprozeß fand im September 1936 eine nichtöffentliche Versammlung deutscher Exilschriftsteller statt, eine Art «Geheimprozeß», der dem Ziel diente, «Abweichler», «Parteifeinde» und «Opportunisten» zu «liquidieren». Zu den Teilnehmern dieses von Denunziationen und Selbsterniedrigung durchzogenen Inquisitionstribunals gehörten u. a. Johannes R. Becher, Willi Bredel, Andor Gábor, Hugo Huppert, Ernst Ottwalt, Alfred Kurella, Georg Lukács, Gustav Regler, Ernst Fabri, Friedrich Wolf. Sie hatten sich zusammengefunden, um unter dem Diktat der «Wachsamkeit» die Partei zu «säubern». Das in diesem Band zugänglich gemachte Wortprotokoll der «geschlossenen Parteiversammlung der deutschen Kommission des Sowjet-Schriftstellerverbandes» ist ein demaskierendes Lehrstück des stalinistischen Terrors. Da werden die Zugehörigkeit zu «Fraktionen», Häresien und Abweichungen von der «Generallinie» ebenso exorzistisch untersucht wie Wohnungsbesuche, Freundschaftsbeziehungen und gemeinsames Kartenspiel. Jedes Verdachtsmoment wird zur physischen Bedrohung und provoziert Überlebensstrategien, welche die Grenze zwischen Ankläger und Angeklagtem, zwischen Täter und Opfer verwischen.
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Seitenzahl: 921
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Georg Lukács • Johannes R. Becher • Friedrich Wolf • u. a.
Herausgegeben von Reinhard Müller
Die Säuberung
Moskau 1936: Stenogramm einer geschlossenen Parteiversammlung
Ihr Verlagsname
Nur wenige Tage nach dem ersten Moskauer Schauprozeß fand im September 1936 eine nichtöffentliche Versammlung deutscher Exilschriftsteller statt, eine Art «Geheimprozeß», der dem Ziel diente, «Abweichler», «Parteifeinde» und «Opportunisten» zu «liquidieren». Zu den Teilnehmern dieses von Denunziationen und Selbsterniedrigung durchzogenen Inquisitionstribunals gehörten u.a. Johannes R. Becher, Willi Bredel, Andor Gábor, Hugo Huppert, Ernst Ottwalt, Alfred Kurella, Georg Lukács, Gustav Regler, Ernst Fabri, Friedrich Wolf. Sie hatten sich zusammengefunden, um unter dem Diktat der «Wachsamkeit» die Partei zu «säubern».
Das in diesem Band zugänglich gemachte Wortprotokoll der «geschlossenen Parteiversammlung der deutschen Kommission des Sowjet-Schriftstellerverbandes» ist ein demaskierendes Lehrstück des stalinistischen Terrors. Da werden die Zugehörigkeit zu «Fraktionen», Häresien und Abweichungen von der «Generallinie» ebenso exorzistisch untersucht wie Wohnungsbesuche, Freundschaftsbeziehungen und gemeinsames Kartenspiel. Jedes Verdachtsmoment wird zur physischen Bedrohung und provoziert Überlebensstrategien, welche die Grenze zwischen Ankläger und Angeklagtem, zwischen Täter und Opfer verwischen.
Die deutschen Exilschriftsteller Johannes R. Becher, Willi Bredel, Andor Gábor, Hugo Huppert, Ernst Ottwalt, Alfred Kurella, Georg Lukács, Gustav Regler, Ernst Fabri, Friedrich Wolf u.a. waren Mitglieder der deutschen Kommission des Sowjet-Schriftstellerverbandes.
Reinhard Müller, geb. 1944, Studium der Germanistik, Geschichte und Soziologie, bis 1989 Leiter der Bibliothek und des Archivs der Thälmann-Gedenkstätte in Hamburg, Publikationen zur Geschichte der KPD und des Exils.
Freunde, ich wünschte, ihr wüßtet die Wahrheit und sagtet sie!
Bertolt Brecht
Der maitre d’école beschreibt richtig den Zustand, worin die Isolierung von der Außenwelt den Menschen stürzt. Der Mensch, dem die sinnliche Welt zu einer bloßen Idee wird, ihm verwandeln sich dagegen bloße Ideen in sinnliche Wesen. Die Gespinnste seines Gehirnes nehmen körperliche Form an. Innerhalb seines Geistes erzeugt sich eine Welt von greifbaren, fühlbaren Gespenstern. Das ist das Geheimniß aller frommen Visionen, das ist zugleich die Form der allgemeinen Verrücktheit. Der maitre d’école, der die Phrasen Rudolphs über die «Macht der Reue und Buße, verbunden mit schrecklichen Martern» wiederholt, wiederholt sie daher schon als ein halb Verrückter und bewährt so thatsächlich den Zusammenhang des christlichen Sündenbewußtseins mit dem Wahnsinn. Ebenso wenn der maitre d’école die Verwandlung des Lebens in eine Traumnacht, die von Blendwerken erfüllt wird, als das wahre Ergebniß der Reue und Buße betrachtet, so spricht er das wahre Geheimniß der reinen Kritik und der christlichen Besserung aus. Sie besteht eben darin, den Menschen in ein Gespenst und sein Leben in ein Traumleben zu verwandeln.
Friedrich Engels/Karl Marx:
Die heilige Familie oder Kritik der kritischen Kritik (1845)
«In die Einsamkeit meines Schreibens schlug ein kalter Blitz ein: Ich wurde zu einer Vollversammlung der ausländischen Schriftsteller geladen. Die Komintern hatte die Veröffentlichung eines Buches moniert, in der eingehend und mit allen Kontroversen geschildert worden war, wie ein Trotzkist sich zum Stalinismus zurückbekehrte.
Der Entwicklungsroman war als Feindesarbeit erklärt worden: Der Autor habe versucht, auf solche heimtückische Art die Ideen Trotzkis einzuschmuggeln. Ein Ungar hatte im Auftrag des Staatsverlages das Buch ins Deutsche übersetzt. Ich sah ihn am Kopf der Tafel sitzen. Er war vor kurzem wegen bedrohlicher Herzbeschwerden nach einem Sanatorium im Süden geschickt worden. Anscheinend hatte er sich schnell erholt. Ich sprach ihn an:
‹Erholt?›
‹Keine Spur.›
‹Warum kommst du dann den weiten Weg zurück?›
‹Ja, weißt du denn nicht, was los ist?›
‹Doch, natürlich – aber dein Herz – der ganze Weg von der Krim?›
‹Aber dies hier ist doch eine Frage auf Leben und Tod!›
Ich sah mich in der Runde um; sie hatten alle die gleichen Gesichter. Es ist schwer zu beschreiben: man sah den Augen die Unsicherheit an und den Mündern, daß sie ihre Sprache von außerhalb erhielten. Sie waren wie Soldaten in einer belagerten Burg; die Trommel konnte jederzeit gerührt werden, und sie hatten aufzuspringen. Der Ruf konnte aber auch nur dem Einzelnen gelten, und das war dann der Ruf zum Kriegsgericht. Sie hatten es aufgegeben, über das Gericht nachzudenken.
Der Justizbeamte war an diesem Abend ein junger Arbeiter mit dem erfundenen Namen Weber, der in Deutschland illegal gearbeitet hatte und aus dieser waghalsigen Tätigkeit ein besonderes Prestige zog; die ‹Heimatkämpfer›, wie Kolzow die exilierten Schriftsteller einmal genannt hatte, unterwarfen sich den ‹Frontkämpfern› im Vollgefühl ihrer Minderwertigkeit. Es hätte allerdings nicht dieses supplementären Unlustgefühls bedurft: sie bejahten jeden Richter. Ich betrachtete das selbstgefällige, aber jetzt gefährlich sachliche Gesicht Webers und erinnerte mich eines Gesprächs mit Molotow im Kulturklub ‹WOKS›; ich hatte in einem Gespräch über Justiz, das von einem Engländer provoziert worden war, gefragt, was denn geschehe, wenn sich ein Richter einmal geirrt habe und ein Unschuldiger hingerichtet worden sei; Molotow antwortete: ‹Dann erschießen wir den Richter.›
Die eisige Antwort eines Buchhalters, der Kredit und Debet ausgleicht, eine Antwort, die in der Schnelligkeit, mit der sie gegeben worden war, zeigte, wie Molotow die Bereitschaft des Volkes, die rücksichtsloseste Justiz anzunehmen, einschätzte. Diese Bereitschaft war schon eine krankhafte geworden. Ich begriff es auf jener Schriftstellersitzung. Die ‹Ingenieure der Seele› waren zu Abdeckern ihrer Seele geworden. Sie gingen zu Fuß zum Schindanger.»[*]
Gustav Regler, der kurz darauf wieder ins Exil nach Frankreich zurückkehren konnte[*], beschrieb in seiner Autobiographie als einziger der Teilnehmer jene vier prozessualen Nachtsitzungen, die als «geschlossene Parteiversammlung» der deutschen Parteigruppe des Sowjetschriftstellerverbandes vom 4. bis 9. September 1936 stattfanden. Sie waren zentraler Bestandteil von inquisitorischen Untersuchungen gegen die exilierten deutschen Schriftsteller, die die Parteiführung der KPD und die «Kaderabteilung» schon vor dem öffentlichen Beginn des sogenannten ersten «Moskauer Schauprozesses» (19. 8.–24.8.1936) initiierten.[*]
Durch das hier erstmalig vollständig veröffentlichte «Stenogramm» dieser vier Nachtsitzungen werden das traumatische Klima des stalinistischen Terrors und seine verheerenden psychischen und physischen Folgen für das deutschsprachige Exil in der Sowjetunion rekonstruierbar. Im Ritual von entblößender Selbstkritik und wechselseitiger Denunziation treten politische Logik und terroristische Irrationalität bei der Verfolgung politischer Emigranten ebenso hervor wie die Cliquen- und Fraktionskämpfe des literarischen Exils.
Mehrere Teilnehmer dieser nächtlichen «Reinigungen» werden in der Folgezeit durch das NKWD verhaftet und durch Sondertribunale oder durch das Militärkollegium des Obersten Gerichts zum Tode verurteilt oder kommen in der Haft ums Leben: Julia Annenkowa, Alexander Barta, Hans Günther, Heinrich Meyer, Ernst Ottwalt. Einige Teilnehmer dieser «Reinigung» treten hier noch als Ankläger auf und werden in den folgenden Jahren selbst verhaftet: Hugo Huppert, Georg Lukács.
Das Stenogramm der «Reinigung» enthüllt zudem Verfolgungsstrategien und Vernichtungsmechanismen gegen bereits verhaftete «Abweichler» und stigmatisierte «Versöhnler». Fokusartig reflektieren sich darin Hintergründe und produzierte «Ursachen» für Verhaftung und Tod von zahlreichen Exilierten und Sowjetdeutschen: Samuel Glesel, Karl Schmückle, Heinrich Süßkind, Gustav Brand, David Schellenberg, Paul Dietrich, Alexander Emel, Abraham Brustawitzki, Joseph Schneider, Heinz Neumann, Raoul Laszlo, Willi Budich, Martha Moritz, Alice Abramowitsch, Kurt Nixdorf, Hedi Gutmann, Hugo Eberlein, Willy Harzheim, Hans Knodt, Erich Müller, Maria Osten, Wolfgang Weiss, Helmut Weiss, Zensl Mühsam, Carola Neher, Anatol Becker, Ernst Mansfeld, Richard Greve, Otto Unger, Kurt Sauerland, Helmut Damerius, Gertrud und Kurt Meyer, Hans Drach, Ali Weiss, Hermann Remmele, Leo Roth, Fritz Schimanski, Bruno Schmidtsdorf, Hilde Löwen, Robert Hauschild, Martha und Fritz Globig.
Im Stenogramm dieser «Reinigung» und in den beigefügten Dokumenten läßt sich darüber hinaus der bruchlose Übergang[*] von politischen Instanzen wie «Kaderabteilung», «Untersuchungskommissionen», «Kontrollkommissionen» zu den «Stellen» physischer Verhaftung und Vernichtung, zum NKWD mit Sondertribunalen und GULAG-System, ausmachen. Dies wird besonders nachvollziehbar in den ebenfalls abgedruckten Prozeß-Akten zu Carola Neher aus dem Moskauer KGB-Archiv, ihrer «Kaderakte» sowie im Stenogramm der «Reinigung» selbst. Bisher sorgsam sekretierte Strukturen und Arbeitsweisen des «Apparats» der KPD und ihrer «Kaderabteilung» treten im Stenogramm und im Dokumentenanhang deutlich hervor.
Nach dem Beginn des ersten «Moskauer Schauprozesses» wurde in einer sich ständig steigernden und gut orchestrierten Pressekampagne darüber berichtet, daß Kollektivbauern, Arbeiter des Kirow-Werkes, in Moskau lebende österreichische «Schutzbündler» sowie Lehrer in Kasachstan zu einer erhöhten «Wachsamkeit», zur Vernichtung der trotzkistischen «Schädlinge» und zur Entlarvung der «Doppelzüngler» aufgerufen hätten. In Moskauer Betriebsversammlungen wurde von «einem Arbeiter nach dem andern» gefordert: «Dieses Gesindel muß vom Angesicht der Erde getilgt und erschossen werden.» In weiteren Untersuchungen sollten die «Verbindungen» zwischen Tomski–Bucharin–Rykow und Pjatakow–Radek und der «trotzkistisch-sinowjewistischen Bande» aufgedeckt und verfolgt werden.[*]
Auch der sowjetische Schriftstellerverband feierte in einer akklamierenden Versammlung am 21. August die Todesurteile des Prozesses. Als Mitglieder der deutschen Sektion des sowjetischen Schriftstellerverbandes nahmen an dieser Versammlung auch einige deutsche exilierte Schriftsteller teil. Willi Bredel hielt als deren Vertreter eine mehrmals von «großem Beifall» unterbrochene Rede, in der er den «Aufbau des Sozialismus» und das angeblich sorgenfreie Leben der Exilanten in der Sowjetunion pries: «Unter Stalins Führung schritten die Völker der Sowjetunion, ungeachtet aller Sabotageversuche der Parteifeinde, von Sieg zu Sieg, schufen sich eine sozialistische Wirtschaft und alle Voraussetzungen eines freien glücklichen Lebens (…) Unter Stalins Führung gaben sich die Völker der großen Sowjetunion eine Verfassung, die wahrhaft freieste und beste, die die Welt bisher gekannt (…) Unter Stalins Führung marschieren 170 Millionen, ein Bund freier Völker, als erste in der Geschichte der Menschheit einer sozialistischen, klassenlosen Gesellschaft entgegen (…) Wir hier anwesenden deutschen Schriftsteller haben das große Glück, am friedlichen Aufbau des Sozialismus teilnehmen zu können, wir genießen Asylrecht und können vollberechtigte Sowjetbürger werden. Jeder neue Erfolg im sozialistischen Aufbau versetzt uns in Freude. Die sprunghaft ansteigenden Leistungen der Stachanow-Arbeiter, die Fortschritte der Arbeiter des Verkehrswesens, die Heldentaten unserer kühnen Sowjetflieger, die feste beharrliche Friedenspolitik der Sowjetunion, das ganze, von sozialistischem Enthusiasmus erfüllte Sowjetleben reißt uns deutsche Schriftsteller immer wieder mit und spornt uns zu immer weiteren und größeren Leistungen an. Und daß wir unter guten materiellen Bedingungen leben, unter weit besseren, als wir jemals in Deutschland hatten, das danken wir der kommunistischen Partei und unserem Führer, Genossen Stalin» (großer Beifall).[*]
In derselben Rede fordert Bredel darüber hinaus «Untersuchungen» gegen die exilierten deutschen Schriftsteller: «Dieser Arm der deutschen Faschisten, ‹der bis nach Moskau reicht›, wurde jetzt abgeschlagen (Großer Beifall). Die große Freude, die tiefe Genugtuung, die auch besonders wir in der Sowjetunion lebenden deutschen Genossen dabei empfinden, stellt aber eine Frage nur um so eindringlicher vor uns: Haben wir alles getan, um das Eindringen des Feindes in unsere Reihen zu verhindern, wir werden in unserem Kreis die Frage schnell und gewissenhaft stellen und jeden Einzelnen von uns einer Prüfung unterziehen.»[*]
Diese Versammlung hatte für Johannes R. Becher und Hans Günther, die vor dem offiziellen Ende den Saal verlassen hatten, weitreichende Folgen. Beiden wird dieser Bruch der «Parteidisziplin» in den nächtlichen Versammlungen der deutschen kommunistischen Schriftsteller mehrfach vorgeworfen, und beide bekennen reumütig, einen «schweren politischen Fehler» begangen zu haben. Bei dem prominenten Johannes R. Becher wird daraus eine noch 1939 weitertransportierte Eintragung in der «Kaderakte»[*], während bei Hans Günther dieses vorzeitige Verlassen der Versammlung zu seiner nachfolgenden Verhaftung und zur Verurteilung durch das Sondertribunal des NKWD beiträgt.
Die «Säuberung» der deutschsprachigen Schriftsteller wird durch eine weitere Veröffentlichung in der Moskauer Deutschen Zentral-Zeitung publizistisch vorbereitet. Als Verfasser des anonym erschienenen Artikels «Fauler Liberalismus hilft dem Feind» ist der stets wachsame DZZ-Redakteur Hugo Huppert anzunehmen. Hier werden bereits zahlreiche Themen vorgegeben, die in den nächtlichen Sitzungen der deutschen Schriftsteller Anfang September dann verhandelt werden: «Diese toll gewordenen Hunde, die Agenten des Faschismus sind ausgerottet auf Forderung unseres Volkes, von dem jeder einzelne Sohn bereit ist, mit seinem Leben unseren großen Führer Stalin, unsere Partei und unsere Heimat zu schützen. (…) Genosse Stalin hat uns wiederholt darauf hingewiesen, daß mit dem Wachstum und dem Aufblühen der Sowjetunion der Feind immer gemeiner, immer hinterhältiger wird. (…) Deshalb ist es die Pflicht jedes einzelnen Bürgers in unserem Lande, die Weisung unseres Führers – Wachsamkeit und nochmals Wachsamkeit – zu beachten. (…) Theorien, die Kunst und Wissenschaft von der Politik trennen wollen, nützen nur dem Feind, so harmlos sie auch aussehen mögen, und schwächen unsere Wachsamkeit.»[*]
In den nächtlichen Versammlungen der exilierten Schriftsteller werden die folgenden Versatzstücke wieder auftauchen: «Es gibt sogar noch kommunistische Schriftsteller, die meinen, daß Schriftsteller nicht mit dem üblichen Maß gemessen werden dürften, sondern ‹besonders› zu behandeln sind. Gerade von Schriftstellern, die Genosse Stalin als Ingenieure der Menschenseele bezeichnet hat, müssen wir höchste ideologische Klarheit und ein einwandfreies klassenmäßiges Verhalten fordern.»[*]
In diesem DZZ-Artikel wird von Huppert bereits die Kaderpolitik Andor Gabórs angeprangert, und nach einer vorgängigen Veröffentlichung der Literaturnaja gazeta wird Karl Schmückle als «Doppelzüngler» ausgemacht: «Der aus der Partei ausgeschlossene Doppelzüngler Karl Schmückle hat die Partei lange Zeit schamlos betrogen und sein Treiben bis zum heutigen Tage fortgesetzt.»[*]
Als Versammlungsort für das exorzistische Ritual der «Säuberung» dienten wahrscheinlich die Redaktionsräume der Zeitschrift Internationale Literatur in einem Bürogebäude am Moskauer Kusnjezki-Most Nr. 12. Unterbrochen wurden die nächtlichen Zusammenkünfte nur am Sonntag, dem 6. September 1936. Die Sitzungen dauerten am 4. September von 18 Uhr bis 3 Uhr und am 5. September von 17 Uhr bis 3 Uhr, wie Hugo Huppert in seinem Tagebuch vermerkte. Am 7. September wurde die Sitzung um 2 Uhr nachts beendet, wie das Stenogramm vermerkt, und am 8. September um 5 Uhr morgens.
Während der flagellantischen Nachtsitzungen erhoben deren Teilnehmer denunziatorische Beschuldigungen gegen zahlreiche, bereits verhaftete KPD-Mitglieder. Zugleich wurden durch wechselseitige Anklagen die «Begründungen» für nachfolgende Verhaftungen geliefert. Als Vertreter der Komintern genossen Heinrich Meyer (Deckname: Most) ebenso wie der Vertreter der KPD, Heinrich Wiatrek (Deckname: Weber), und der Parteiorganisator Alexander (Sándor) Barta zumindest noch während der Sitzungen jene Immunität, die ihnen ihre Zugehörigkeit zur Parteihierarchie verlieh. Als zunächst noch sakrosankte Anklagevertreter wurden aber sowohl Heinrich Meyer wie Alexander Barta in den nächsten Jahren ebenfalls Opfer des stalinistischen Terrors.[*]
Auch die bereits im März 1936 im Verband der Sowjetschriftsteller geführte «Formalismus-Debatte»[*] besaß nicht nur wegen ihrer siebentägigen Dauer ähnlich inquisitorischen Charakter, wie Sinkó berichtet: «Im Laufe der Diskussion über Formalismus und Naturalismus griff ein Schriftsteller einen anderen mit der Behauptung an, er habe einem Freund, der wegen Trotzkismus nach Sibirien deportiert worden sei, dorthin warme Unterwäsche geschickt. Der (Apostrophierte Pilnjak) erhob sich blaß und ganz außer sich, ging zum Podium, bestritt ‹die Anklage›, denunzierte aber seinen Ankläger aus Rache auf ähnliche Weise.»[*]
Den nächtlichen «Säuberungs-Sitzungen» der deutschen Parteigruppe im Sowjetschriftstellerverband vom 4. bis 9. September 1936 folgen weitere gegenseitige Denunziationen und auch eine weitere «Säuberung», die die exilierte Schriftstellerin Hedda Zinner erst 1989 beschreibt: «Wir erlebten eine Parteisitzung, die uns zutiefst deprimierte. Schriftsteller, Genossen, die sich selbst bezichtigten, falsch, parteifeindlich gehandelt zu haben, die behaupteten, mit diesem oder jenem gesprochen zu haben (…) und dadurch falsche Schlüsse provoziert zu haben. Ich hatte manchmal den Eindruck, Ausbrüche von Hysterikern und Nervenkranken zu erleben. Auch Richtungskämpfe schienen mitunter zum Ausgangspunkt von Denunziationen geworden zu sein, die schlimme Folgen zeitigten. Besonders die Genossen Kurella und Leschnitzer konnten sich nicht genugtun in Selbstanklagen. Das Ganze war unangenehm, dabei bedauerte ich die Genossen, die sich offensichtlich in einem furchtbaren Zustand befanden. Unter den deutschen Emigranten gingen Gerüchte um, daß Alfred Kurella seinen Bruder Heinrich denunziert habe, der daraufhin abgeholt worden sei; von Franz Leschnitzer hieß es, daß er seine Frau angezeigt habe; von Hugo Huppert, daß er für die NKWD arbeite. Keines von diesen Gerüchten konnte bewiesen werden, aber die von ihnen Betroffenen litten schwer darunter.»[*]
Die «Säuberungen» im sowjetischen Schriftstellerverband und in der deutschen Sektion sind wiederum nur Bestandteil des totalen Kontrollanspruchs der Partei, die in vielfältiger Weise ihre «führende Rolle» sowohl gegenüber einzelnen Schriftstellern als auch in der gesamten Literaturproduktion durchsetzt. So greift die Moskauer KPD-Führung durch den omnipotenten Walter Ulbricht auch in die «Expressionismus-Debatte» ein und kontrolliert durch Sitzungen, Gespräche und Berichte die «Arbeit» der «Schriftsteller».
Wilhelm Pieck notiert am 14.2.1937 in sein Notizbuch:
Von der Moskauer KPD-Führung werden 1937 mehrseitige «Direktiven für unser Auftreten auf dem Schriftstellerkongreß»[*] ausgegeben, in denen die «Grundlinie» auch für die zukünftige Literatur- und Bündnispolitik festgelegt wird. Auch noch nach Kriegsausbruch werden durch die KPD-Führung die «Meinungsverschiedenheiten in den Reihen der Schriftsteller, die Mitglieder der KPD sind», peinlichst «untersucht». Der abschließende Prüfungsbericht registrierte die «ungesunde Atmosphäre» sowie «Tendenzen einer Flucht» aus den Gegenwartsproblemen: «Nach Prüfung des Materials und nach Anhören mehrerer Genossen kommen die Mitglieder des ZK der KPD zu folgendem Ergebnis: Die tiefere Ursache der Meinungsverschiedenheiten und persönlichen Differenzen liegt in der emigrantenmäßigen Abgeschlossenheit der deutschen Schriftsteller, ihrer mangelnden Verbundenheit mit dem Sowjetleben und mit der Arbeit des Sowjetschriftstellerverbandes und mit dem ungenügenden Studium der Probleme der deutschen Literatur.»[*]
Der Ein- und Anpassung von Literatur[*] in Strategien und Politikformen des Parteiapparates, klandestiner und öffentlicher Verwandlung von kritischer Intelligenz in geschmeidige «Transmissionsriemen», dem unvermittelten oder widerständigen Sprung von der Opposition zum Opportunismus konnte erst unter dem Vorzeichen von «glasnost» archivalisch fundierter nachgespürt werden.[*] Erst unter diesen politischen Auspizien war es dem Herausgeber möglich, historische Recherchen zu den Schicksalen deutscher Kommunisten[*] sowie zur Wissenschafts- und Literaturemigration in bisher verschlossenen Beständen des Moskauer «Komintern-Archivs» durchzuführen. Neben zahlreichen «Kaderakten» von Opfern des stalinistischen Terrors konnte hier auch das «Stenogramm» der von Regler erwähnten Sitzungen erschlossen werden. Durch die Benutzung bisher ebenfalls nicht zugänglicher Nachlässe oder gesperrter Nachlaßteile im Archiv der Akademie der Künste der DDR und durch die nun mögliche Einsicht in Archivbestände des Berliner Instituts für Geschichte der Arbeiterbewegung konnten weitere historische und biographische Hintergründe erhellt, die verordnete Tabuisierung und die archivalische Endlagerung des «Stalinismus»[*] aufgebrochen werden.
Bei Filmaufnahmen im KGB-Archiv wurde Georg Becker[*], dem Sohn Carola Nehers, erstmals gestattet, Abschriften von Anklageschrift und Urteil des Militärkollegiums des Obersten Gerichts wie von belastenden «Aussagen» gegen Carola Neher anzufertigen.
Für die Erforschung des Moskauer Exils wird aber erst die weitere systematische Sichtung des immensen Quellenmaterials im Komintern-Archiv und der notwendige Zugang zum KGB-Archiv die Dimensionen des stalinistischen Terrors gegen deutsche politische Emigranten[*] und gegen jene vor 1933 in die Sowjetunion eingewanderten «Spezialisten» deutlich machen.[*] Dabei können erst jetzt die vorgängigen politischen Verfolgungsmechanismen der «Partei-Maschine» und die Vorarbeit von innerparteilicher Bespitzelung durch diverse «Apparate» rekonstruiert werden. Auch das vorliegende Stenogramm und die im Anhang beigefügten Dokumente bilden allenfalls Bausteine für eine Ätiologie jenes politisch determinierten stalinistischen Terrors, der sich als «Reinigung» gegen die eigenen Anhänger richtet.
Der unter dem stalinistischen Terminus «Säuberungen» durchgeführte Terror betraf ganze Bevölkerungsgruppen in der Sowjetunion, «alte Bolschewiken» und junge KPdSU-Mitglieder, das Offizierskorps der Roten Armee, als «Kulaken» millionenfach ermordete und deportierte Bauern wie bekannte Schriftsteller und Wissenschaftler.[*]Zu den Opfern gehörten nahezu die gesamte Führung der exilierten Kommunistischen Partei Polens, Mitglieder zahlreicher kommunistischer Parteien wie auch große Teile des deutschen antifaschistischen Exils, darunter nicht nur Mitglieder der KPD.
Das periodisch wiederkehrende Ritual der innerparteilichen «Reinigung» war seit 1920 Bestandteil der Organisationstheorie und Praxis der «Kommunistischen Internationale», der KPdSU[*] und der KPD. Dabei wurde die jeweilige «Linie» der Parteiführung kanonisiert, abweichende Meinungen als «Rechts- oder Linksopportunismus» kriminalisiert und eine «eiserne, militärische Ordnung»[*] durchgesetzt. Innerparteiliche Kritiker wurden sowohl in der KPdSU[*] wie in der KPD zu internen und öffentlichen «Kapitulationen» gezwungen, die dann als zirkulärer Beweis für die Richtigkeit der «Linie» ausgestellt wurden.[*] Inszenierte Kampagnen gegen «Rechts- und Linksopportunismus» waren Bestandteil jener «Bolschewisierung» der Komintern[*], die unter der Dominanz Stalins seit 1925 alle häretischen Strömungen «liquidierte», einstweilen aber noch mit Reden und Artikeln «zerschlug». Bucharin benannte 1929 die noch unblutige politische Ausschaltung von drei später ermordeten Mitgliedern des Politbüros (Tomski, Rykow und Bucharin) als «Zivilhinrichtung»; er wird damit später von Stalin zitiert.[*] Rigide Ausschlußpraxis und freiwillige Unterwerfung unter die Befehlsgewalt des ZK führten zur Durchsetzung jener «Partei neuen Typus», deren militärisch disziplinierte «Einheit» und ideologische «Geschlossenheit» autoritär von oben verordnet und in freiwilliger «Unterwerfung» von unten akzeptiert wurde.
Das innerparteiliche Unterwerfungsritual, die Methode öffentlicher Sündenbekenntnisse, die periodische «Säuberung» funktionierten vor allem im materiell abhängigen «Parteiapparat» als durchgängige Mittel, um «selbständige Charaktere zu brechen und (zu) diffamieren».[*] Nach Ablieferung einer «Selbstkritik» als reuevolles «Sündenbekenntnis» wurden innerparteiliche Kritiker durch Degradierung und «Bußwerke» an der Basis oder durch Bewährung in Auslandseinsätzen der Komintern erneut diszipliniert. Akzeptierte und erzwungene Loyalität sowie ein militärisches Selbstverständnis der «Armee des Weltproletariats» bilden sich komplementär zur Allmacht der «Linie» und des bürokratisch-zentralistischen «Parteiapparats». Marxens Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie trifft auch die Strukturen dieser «Bürokratie», deren ursprünglicher Parteizweck sich in «Bürozwecke» verwandelte: «Die Bureaucratie ist ein Kreis, aus dem niemand herausspringen kann. Ihre Hierarchie ist eine Hierarchie des Wissens. Die Spitze traut den untern Kreisen die Einsicht ins Einzelne zu, wogegen die untern Kreise der Spitze die Einsicht in das Allgemeine zutrauen, und so täuschen sie sich gegenseitig.»[*]
Noch 1954 wird von Inge von Wangenheim das Unterwerfungs- und Bestrafungsritual, die dem System des Terrors vorgängige innerparteiliche «Reinigung» als «höchste Form der Demokratie» gepriesen. Dabei werden nicht nur die Millionen Opfer des stalinistischen Terrorsystems verdrängt[*], sondern die eigene Depersonalisation, die Auslöschung des «Individualismus» durch das mythologisierte «Kollektiv» wird noch als «Katharsis» gepriesen: «Und doch war dieser Vorgang, dessen bewegter Zeuge ich drei Tage sein durfte, in höchstem Sinne dramatisch und bewegend. ‹Tschistka› (Reinigung) nannten ihn die Sowjetmenschen, und der Schauplatz dieser heilsamen, bis in die letzte menschliche Tiefe hinabreichenden Prozedur war stets die Öffentlichkeit des gesamten Betriebes. Dort, wo der Parteigenosse arbeitete, dort wurde er auch gereinigt. Vor der unmittelbaren Zeugenschaft aller, auch der parteilosen Mitmenschen, die diesen Genossen kannten und tagtäglich in seiner Arbeit, in seiner Gesamthaltung, in seinen Fehlern, in seinen Vorzügen, in dem, wo er stark, und in dem, wo er schwach war, erlebt hatten. Wer immer Mitglied der Kommunistischen Partei war, mußte vortreten, hinaufgehen auf die Bühne und bekennen, Rede stehen, Rechenschaft ablegen für sein Leben, für seine Menschlichkeit, für seine Verantwortung. Zwei Jahre lang schon reinigte das Sowjetvolk seine Partei. Auf diese unnachsichtliche, offene und kühne Weise. Niemand konnte sich verkriechen. Jeder Genosse mußte heraus ans Licht. Und die einfachen Menschen aus dem Volk erhoben Hand und Stimme und stellten Fragen. Im Namen des Volkes. Es gab keine Frage, die nicht hätte gestellt werden dürfen, und keine Frage, die nicht hätte beantwortet werden müssen. Mit der ‹Tschistka› erlebte ich als junger werdender Mensch zum ersten Mal in meinem Leben die höchste Form der Demokratie, die sich die Menschheit im Verlauf ihrer bisherigen Geschichte erarbeitet hat. Zum ersten Mal erkannte ich die moralische Kraft, durch die die sozialistische Gesellschaft unsterblich wird.»[*]
Die «Reinigungen» waren dabei nur der öffentliche, kollektivhysterische Teil jener innerparteilichen, klandestinen Verfolgungsmechanismen, die von der kommunistischen Partei als «eiserner Kohorte» bereits über Jahre gegen die eigenen Mitglieder angewandt wurden.
In der Form von ständig neu zu produzierenden «Lebensläufen» und «Erklärungen» unterwarfen sich einerseits die Mitglieder der «eisernen Disziplin» der Partei, andererseits sammelte der «Apparat» neue denunziatorische Berichte über «Abweichungen»[*] und legte bereits vor 1933 umfangreiche Dossiers als «Kader-Akten» an. Große Bestände des ausgelagerten KPD-Archivs standen nach 1933 der «Kaderabteilung» in Moskau zur Verfügung und wurden durch zahlreiche neue «Formulare», «Enqueten» und umfangreiche «Lebensläufe» ergänzt. Sie waren bei der Einreise in die Sowjetunion ebenso wie bei der «Überführung» in die KPdSU auszufüllen. Ergänzt wurden diese Berichte und Lebensläufe durch ein permanentes Überwachungs- und Bespitzelungssystem mit wechselseitigen «Meldungen» bei den «Instanzen», die ihrerseits den M-Apparat[*] Kippenbergers auch zur Überwachung der eigenen Mitglieder einsetzten. Der «Terrorismus des Verdachts» (Marx) war der immanente Zweck der parteiamtlichen Registratur der Kaderabteilung und produzierte bei der ständigen Proselytenjagd zugleich individuelle und machtpolitische Ranküne als handfestes «Gerücht». Innerparteiliche Rivalitäten, verdeckte Machtkämpfe, taktische Differenzen und persönliche Animositäten wurden zudem von der herrschenden Komintern- und KPD-Hierarchie zur Ausschaltung von Kritikern instrumentalisiert.
Ursprünglich intendierte Emanzipation reduziert sich zur korporativen Partei-Bürokratie, «zu einem krassen Materialismus, dem Materialismus des passiven Gehorsams, des Autoritätsglaubens, des Mechanismus eines fixen formellen Handelns, fixer Grundsätze, Anschauungen, Überlieferungen».[*] Dabei produziert die hermetische und fiktionalisierte «Weltanschauung» des Stalinismus sowohl die Dichotomien der Lagermentalität wie auch die Disziplin und Denkweise eines «Schwertträgerordens» (Stalin), der sich in der eigenen Festung sicher wähnte und im eigenen Lager sich selbst gefangenhielt.
Herweghs emphatischer Ratschlag: «Der Menschheit gilt’s ein Opfer darzubringen/Der Menschheit auf dem Altar der Partei», führte nicht nur zur Selbstaufopferung[*] der Parteimitglieder, sondern auch zur stillschweigenden Akzeptanz des Terrors, zur politischmoralischen Verkehrung der Zweck-Mittel-Relation. Der vorausgesetzte menschheitsrettende Zweck der «Partei» und die axiomatische «historische Mission» des Proletariats lieferten die immanente Rechtfertigung jedes Mittels.
Erst der teleologische «Zweck» erklärt jene asketische Hoffnung und verzweifelte Hoffnungsaskese, die den «Gläubigen» das erniedrigende Purgatorium der «Säuberung» ebenso aushalten läßt, wie es ihn zum psychischen Thermidor der Selbstbeschuldigung[*] in Prozessen und Verhören[*] zwingt.
Aus eigener qualvoller Erfahrung beschrieb Ervin Sinkó diese «freiwillige Blindheit» im Moskauer Exil: «Die Zahl jener Besten geht in die Legion, jener Besten, die damals in tragischer Weise ihre Treue zur Revolution, zum Menschen und zur großen Hoffnung des Menschen wahren wollten und keine andere Möglichkeit fanden und finden konnten, als den Preis einer ‹freiwilligen Blindheit› zu zahlen, einer Blindheit, die alles, was in der Sowjetunion geschah und weil es in der Sowjetunion geschah, für notwendig, revolutionär und gut hielt.»[*]
Der Mythos des «Neuen Menschen» und des «Neuen Rußland»[*]verschmolzen in der kultisch verehrten Ikone «Stalin»[*], in dessen kunstvoll inszenierte Aura als «Führer des Weltproletariats» nicht nur «Weisheit», sondern auch noch «Menschlichkeit» projiziert wurde. Schon während der Weimarer Republik wurde die Sowjetunion für viele Schriftsteller[*] zur Utopie einer neuen Welt, die zudem als Identifikationsobjekt gegen äußere Bedrohungen in Schutz genommen wurde. Zur Ikonenbildung des «großen» und «weisen» Führers trugen nach 1933 auch zahlreiche Gedichte und Erzählungen in der DZZ und in der Internationalen Literatur bei. Hier sei nur Hugo Hupperts Versrede auf die «Stalinsche Verfassung» aufgeführt:
[*]
Öffentliches Blendwerk[*] und freiwillige «Verblendung», politischgesellschaftlicher Mythos und individuelle «heroische Illusion» verschränken sich beispielsweise auch in Bechers «Gruß des deutschen Dichters an die Sowjetunion» (1942) zum säkularisierten Himmelreich, zur Inkarnation aller Menschheitsutopien: «Der Sowjetunion verdanke ich das, das was ich dem Leben verdanke: einem neuen überhöhten Leben. Vita Nuova, das Andere oder das Neue Leben, von dem die Dichter aller Zeiten geträumt haben, die Ankunft des ‹Reiches der Menschen›, Grundriß und Baustätte eines anbrechenden Menschenzeitalters nach Jahrtausenden Götterherrschaft und Götterdämmerung, die zeitgemäße Verwirklichung des Vernunftstaates Platos, des Sonnenstaates eines Campanella, des Traums vom ‹Vollendeten Menschen› oder der ‹Utopia› eines Thomas Morus, auch die Erfüllung eines christlichen Ideals wie in der ‹Civitas Dei›, die Wiederkehr der antiken Kalogathie, des ‹Schönen-Guten›, versinnbildlicht den Dichtern der Renaissance und der Klassik in Hellas, das Land der Sehnsucht, das Hölderlin in der ‹Unheilbarkeit des Jahrhunderts› mit der Seele gesucht hatte: ein visionärer Triumph ohnegleichen, ein jubelnder Einklang und Zusammenklang und eine Symphonie alles dessen war es, was mit der UdSSR vor mir in Zeitnähe entstand.»[*]
Nicht nur die involvierten «Täter», sondern auch die gläubigen «Opfer», denen alle gorgonischen Abgründe des Terrors bekannt sind, bringen die «auswendige» Propaganda und das «inwendige» Denken immer wieder zur lebensgeschichtlichen Kongruenz. Der rebellische Ausbruch aus dem «Gehäuse der Hörigkeit» (Max Weber), der revoltierende Abschied vom Kapitalismus führen zur freiwilligen Unterwerfung unter die hypostasierte Ratio des «Großen Plans» und zur Akzeptanz des Terrors als Vehikel menschheitsrettender Vernunft.
Das «Stenogramm» und die «Kaderakten» beleuchten das von Hannah Arendt diagnostizierte Substrat totalitärer Bewegung, nämlich die von den atomisierten und isolierten Individuen eingeforderte «totale Treue». Das Parteimodell der Komintern mit der «eisernen militärischen Disziplin» entspricht diesem Substrat wie Stalins Ideal eines «Schwertträgerordens», der seine «Linie» bedenken- und bedingungslos gegen den jeweils neu perhorreszierten «objektiven Gegner» verfolgt.
Den im Moskauer Exil ausweglos festgesetzten Emigranten war spätestens mit dem ersten «Moskauer Schauprozeß»[*] im Augst 1936 die politische Logik und Irrationalität des stalinistischen Terrors[*] bekannt. Auch im vorliegenden Stenogramm tritt jene «Präparierung der Opfer» hervor, die «den einzelnen gleich gut für die Rolle des Vollstreckers wie für die des Opfers vorbereiten kann».[*]
Das Klima der Angst und des gegenseitigen Verdachts steigerte sich durch das Auffinden von «Verbindungen» und «Netzen» und durch die willkürliche Verschmelzung von oppositionellen «Blöcken», durch die Fiktionen von «trotzkistisch-faschistischen Gestapozentralen» zum totalen Verschwörungssyndrom. Emma Dornberger, Opfer der «Reinigung», formuliert in ihren Tagebüchern die Irrationalität des totalen Verdachts der wechselseitigen «Verbindung»: «Sind nicht fast alle mit dem einen oder andern bekannt und war nicht jeder blind, der um mich herumsitzt?»[*]
Die Radikalisierung dieses Prinzips «guilty by association» beschreibt Hannah Arendt als «zentrales Konstituens der Sowjetgesellschaft»: «Sobald gegen jemanden Anklage erhoben wird, müssen sich seine Freunde über Nacht in seine erbittertsten und gefährlichsten Feinde verwandeln, weil sie nur dadurch, daß sie ihn denunzieren und dabei helfen, das Aktenstück der Polizei und der Staatsanwaltschaft gehörig anzureichern, sich ihrer eigenen Haut wehren können; da es sich bei den Anklagen im allgemeinen um nichtexistente Verbrechen handelt, braucht man gerade sie, um den Indizienbeweis zu erbringen. Während der großen Säuberungswellen gibt es überhaupt nur ein Mittel, die eigene Zuverlässigkeit zu beweisen. Und das ist die Denunziation seiner Freunde. Und dies wiederum ist, was die totale Herrschaft und die Mitgliedschaft in einer totalitären Bewegung angeht, ein durchaus richtiger Maßstab; hier ist in der Tat nur der zuverlässig, der seine Freunde zu verraten bereit ist. Was suspekt ist, ist Freundschaft und jegliche andere menschliche Bindung überhaupt.»[*]
Auf Hegel war Bucharin zu sprechen gekommen, Verbrecher sind Sie, nicht Philosoph, rief der Staatsanwalt dazwischen, darauf Bucharin, gut, ein verbrecherischer Philosoph. Diese Bezeichnung, sagte Hodann, trifft genau auf ihn zu, denn die abweichende Absicht ist die verbrecherische Ansicht. Er macht sich zu einem Äsop, dem die Herrschenden bei Todesstrafe verbieten, seine Erkenntnis zu verbreiten. Einmal, sagte er, wenn die Archive geöffnet werden, mögen wir den Schlüssel finden zu diesem letzten Mittel der Sklavensprache.
Peter Weiss, Ästhetik des Widerstandes
Autobiographische Versuche zum Moskauer Exil können angesichts der jetzt zugänglichen Quellen in bisher sekretierten Moskauer oder Berliner Archiven auch als identitätsstiftende Verdrängungsmuster für die eigene Rolle und für das stalinistische Herrschaftssystem gelesen werden. Sowohl in Autobiographien wie in der Exilforschung taucht als Topos immer wieder auf, daß den Moskauer Exilierten das «perfide System des Stalinismus sowie das Ausmaß der Repressalien»[*] verborgen geblieben seien. Mit dem gleichzeitigen Verweis auf Friedrich Wolf, Heinrich Mann und Lion Feuchtwanger wird hier eine gemeinsame Erfahrungswelt für die gläubig-naive Bewertung der Moskauer Prozesse konstruiert.
Trotzkis Analysen der Moskauer Prozesse[*], die Proteste der II. Internationale und nicht zuletzt der «Offene Brief» Ignazio Silones an die Zeitschrift Das Wort belegen, daß auch in der «Ferne» die Strukturen und Intentionen des stalinistischen Terrors scharfsichtig erkannt wurden. Unmittelbar nach Beendigung des ersten Moskauer Prozesses veröffentlichte Silone am 30. August seinen «Offenen Brief» in der Basler Arbeiter Zeitung: «Nur mit Sophismen und verächtlichen Wortspielen können Sie leugnen, daß die Prozesse, die heute in Rußland durchgeführt werden, keinen Kollektivmord darstellen, der an allen jenen verübt wird, die mit der herrschenden politischen Linie nicht einig gehen. Diese Ermordungen gefällt man sich in gerichtliche Formen einzukleiden, die wirklich nichts als eine makabre Karikatur sind. Auf jeden Fall sollten Sie hier erfahren, daß kein einziger Mensch von gesundem Menschenverstand den sogenannten ‹Geständnissen› der Angeklagten irgendwelchen Glauben schenkt. Der ganze riesige Propagandaapparat, über den die russische Regierung verfügt, ist heute am Werk, um die Aufmerksamkeit der öffentlichen Meinung von den wahren Schwierigkeiten der heutigen Lage in Rußland abzulenken und um den realen Gehalt der oppositionellen Einwände, welche gegen die herrschende Politik erhoben werden, zu verschleiern. Dies geschieht, indem man die Sache so darzustellen sucht, als handle es sich bei diesen Maßnahmen um eine einfache moralische Reinigung und als seien alle, die Sinowjew, Kamenew, Tomski, Bucharin, Radek, und alle die anderen alten Bolschewistenkämpfer in Wirklichkeit nichts als verdorbene und verwerfliche Kreaturen, die ‹von der deutschen Gestapo gekauft› seien und den ‹Faschismus in Rußland einführen› wollten. Alle, die die Wahrheit solcher Beschuldigungen in Frage stellen, werden ebenfalls als ‹Agenten› der deutschen Gestapo›, als ‹Anhänger des internationalen Faschismus› hingestellt. Sie sollen aber hier erfahren, daß die Methode der moralischen Verdächtigung, mit der sie glauben, den vom Gegenteil Überzeugten Angst einzujagen, auf viele unter uns nicht verfängt. Das Wortdelirium, das Ihre Reihen ergriffen hat, macht auf uns keinen Eindruck; es nötigt uns im Gegenteil zum Nachdenken und zum Diskutieren.»[*]
Weder Heinrich Manns Pariser Exil noch Brechts Svendborger Dasein[*] oder Feuchtwangers langfristig inszenierter Moskau-Aufenthalt sind mit den tagtäglichen Erfahrungen der nach Moskau Exilierten zu vergleichen, bei denen sich terroristisch geprägte Lebenswelt und kommunikative Alltagspraxis verschränken. Auch die berechtigten Klagen Wolfs, daß er in die «Isolierung» gedrängt werde, beziehen sich auf die eingeschränkten Aufführungsmöglichkeiten seiner Stücke, die 1937 zur Absetzung von Wolfs Stück «Matrosen von Cattaro» führten. Erst im Kontext des Terrors und der «Säuberung» im Schriftstellerverband wird die tödliche Bedrohung Wolfs, durch den in der Iswestija erhobenen Vorwurf, daß sein Matrosen-Stück «defaitistisch und politisch gefährlich»[*] sei, deutlich. Gerade weil er nicht nur seine eigene Bedrohung erfuhr, sondern zugleich die Schicksale vieler Verhafteter und die vorgängigen Beschuldigungen kannte, versuchte Friedrich Wolf seit Dezember 1936 mit mehreren Gesuchen[*] die Ausreise nach Spanien zu bewerkstelligen.
Die dagegen von Friedrich Wolf vorgeschützte öffentliche «Naivität»[*], die auch durch Julius Hay[*] überliefert wurde, kann nicht zur nachträglichen Exterritorialität des «unwissenden» Helden gemacht werden. Noch dazu, wenn Wolfs Familie und seine Frau Else («Meni») eine «Adresse» für viele wurde, «die Hilfe und Trost suchten».[*]
Die ebenfalls vorgebrachte Hypothese, daß man nichts wissen konnte, da «das NKWD auftragsgemäß geheim arbeitete»[*], wird nicht nur durch Bechers spätes Eingeständnis «ich wußte» dementiert. Friedrich Wolfs 1937 brieflich[*] vermittelte Einsicht, daß «so viele» den Weg der Verhaftung gehen, wie auch seine Teilnahme an dieser und weiteren «Säuberungen» können die Annahme einer unwissenden und monadischen Existenz nicht rechtfertigen. Jeder Teilnehmer an dieser «Säuberung» in der «deutschen Kommission» erfuhr bereits in seinem Arbeits- und Wohnbereich, in der Parteiorganisation wie im Schriftstellerverband durch Andeutungen oder durch zahllose Pressemeldungen von Verhaftungen im Jahre 1936 und 1937.
In ihren erst 1990 veröffentlichten Erinnerungen skizziert Martha Globig diesen Erfahrungshorizont des Moskauer Exils: «Aber im Jahr 1937 gab es nicht einen Tag, an dem wir nicht von der Verhaftung eines bekannten oder weniger bekannten Genossen hörten. Dann ging es reihenweise, da wurden Deutsche verhaftet, dann wurden Polen verhaftet, dann Jugoslawen, und so ging es weiter, und immer hatte man das Gefühl, als wenn es listenweise Verhaftungen gegeben hätte.»[*] Im Klima der permanenten Angst und Verfolgung wurde der private Bereich auch dann öffentlich, wenn darüber nur demonstrativ geschwiegen[*] wurde. Frühere «Bekanntschaften» und gesellige Abende (Wetscher) wurden in der Regel peinlichst vermieden, da hier «Verbindungen» zu späteren «Volksfeinden» und «Schädlingen» entstehen konnten. Dies setzte zugleich eine stillschweigende individuelle «Registratur» der Verhaftungen, Verurteilungen und der potentiellen politischen Beschuldigungen voraus. Die «Psychose des täglich möglichen Sündenfalls»[*] durchdrang so alle persönlichen und freundschaftlichen Beziehungen. Da Frauen von Verhafteten auch ihre Arbeitsstelle und Wohnung verloren, wurde das Fehlen der nächtlich Verhafteten nicht nur im «Hotel Lux» bemerkt. Ihr privates Schicksal war schon deshalb öffentlich, weil in der überschaubaren deutschen «Kolonie» dann der Kontakt zu den stigmatisierten Familien von Verhafteten häufig vermieden wurde.
Anpassung unter die verdinglichte Vernunft der «Linie» und Unterwerfung unter die entpersonalisierte Autorität der «Partei» zielten auf die Isolierung des Individuums gerade unter dem Vorzeichen vermeintlicher Kollektivität. Auslöschung des «Individualismus» und intendierte Atomisierung des Individuums hoben die im Moskauer Exil bestehenden kollektiven Kommunikationsstrukturen und individuellen Erfahrungshorizonte jedoch nicht auf. Zwar wurde nahezu alles zum Geheimnis erklärt und zugleich als Tabu akzeptiert; die Nachrichten über Prozesse, zahlreiche Verhaftungen, Entlassungen und Parteiausschlüsse wurden aber nicht nur in Pressemeldungen der Prawda und der DZZ oder in Radiosendungen transportiert. Parteisitzungen wie die «Säuberung» in der «deutschen Kommission», «Tschistkas» in Redaktionen oder Motorenfabriken, nächtliche Verhaftungen im «Hotel Lux» oder in der Wohngemeinschaft «Weltoktober» wurden von jeweils Verschonten verstört und «wachsam» registriert. Die nachträglich entlastende Konstruktion des «Getäuschten» und «Unwissenden», der das «Ausmaß und das System des Terrors nicht einmal zu ahnen vermochte»[*], erscheint schon deswegen brüchig, da man schon während der «Säuberungen» nach Erklärungen für «Verhaftungen, Beschuldigungen in solchem Ausmaß» sucht.
Unter dem Vorzeichen permanenter Furcht verbietet sich das dem Terror ausgelieferte Individuum die öffentliche und private Reflexion selbst: «Der Akt des Denkens selbst wird zur Dummheit: Er ist lebensgefährlich. Es wäre dumm, nicht dumm zu sein, und als Folge erfaßt allgemeine Verdummung die terrorisierte Bevölkerung. Die Menschen verfallen in einen Zustand der Erstarrung, der einem moralischen Koma gleichkommt.»[*]
Stringente öffentliche «Erklärungen» für den stalinistischen Terror finden sich zwar nur in der «Ferne»[*], aber sie werden auch im ausweglosen Moskauer Exil oder sogar noch in der Lagerhaft individuell und verzweifelt gesucht. Entlastet wird dabei häufig das «System» oder der personalisierte Mythos «Stalin», dem «Unfehlbarkeit» und «Unwissenheit» zugleich attestiert werden. Dieses die eigene Identität schützende und zugleich systemerhaltende Verdrängungsmuster führt die Verhafteten sogar noch dazu, Hilferufe an Stalin oder Eingaben an den NKWD zu richten, in denen sie ihre persönliche Unschuld beweisen. Das immer wieder neu befestigte Geflecht von Mentalität, Weltanschauung, vorgeschützter Naivität, weltpolitischer Dichotomie, individueller Überzeugung und «erpreßter Versöhnung» wird allenfalls durch die massenhafte und unvermittelte Brutalität des Lagers aufgebrochen. Erst im Herrschaftsbereich des GULAG entstanden zwischen den nur mehr auf Abruf lebenden Leichnamen sorgsam gehütete Inseln «freier» Kommunikation.
Als Fluchtwege verblieben den deutschen Emigranten in der Sowjetunion allenfalls der Kampf in den Internationalen Brigaden in Spanien, vorgetäuschter oder wirklicher Irrsinn und Selbstmord.
Datschen-Idylle, Wanderungen oder alpinistische Touren in den Kaukasus sind im Moskauer Exil nicht einfach die zeitgemäße Fortsetzung jenes Rousseauismus der bewegten Wandervogelzeit, sondern, im Klima der «Säuberungen», zumindest vorübergehende Fluchtversuche in die geschützte Innerlichkeit einer «sauberen» Atmosphäre. Alfred Kurella kam vor der «Säuberungs-Sitzung» aus der Bergwelt des Kaukasus zurück, die für ihn zugleich romantische und heile Fluchtburg[*] war. Das kaukasische Bergdorf Ps’chu wird ihm auch während des Krieges zur Metapher unbeschädigten Daseins: «Das Ganze nennt sich – Ps’chu, und ich ertappe mich immer wieder bei beinahe kindlich naiven Zukunftsbildern im Häuschen unterm Nußbaum im Angesicht des Silberberges.»[*]
Aber auch in der Datschen-Enklave konnte der alltägliche Terror nur verdrängt[*] oder durch vorsätzlichen Optimismus überspielt werden. Das romantische Ideal der Naturversöhnung und des «einfachen Lebens», das ethisch überhöhte Verhältnis zum Naturschönen wurde so zum lebensrettenden Surrogat zerrissener sozialer und politischer Existenz, die auch im engsten Familienkreis sorgfältig abgeschirmt wurde.[*]
Nachdem auch Kinder die Gespräche ihrer Eltern «weitergaben», langjährige Freunde zu Denunzianten wurden, mußten auch Ausmaß und Form der Verdrängung nochmals verborgen werden. Auch die zur Schau getragene und während der «Säuberungs»-Sitzung belächelte Naivität Friedrich Wolfs gehörte zu den weitgehend internalisierten Mechanismen physischen und psychischen Selbstschutzes. Aber auch in der Moskauer «inneren Emigration» werden die in die «Heimat des Weltproletariats» Geflüchteten immer wieder vom System des terroristischen Alltags eingeholt. In ungeschönten Berichten wie z.B. in Lilly Beers Erinnerungen[*] sind die Namen und Schicksale zahlreicher Verhafteter in der Redaktion der DZZ wie in der Wohngemeinschaft «Weltoktober» noch dreißig Jahre danach rekonstruiert.
Freiwillige Loyalität des mehrmals disziplinierten «Opfers» disponiert im ausweglosen Moskauer Exil zur barbarischen Mentalität des «Täters», der selbst wieder ins Fadenkreuz zahlloser geopferter Täter und tätiger Opfer gerät, denn «in der entmenschlichten Atmosphäre des Totalitarismus und als Folge des Zusammenbruchs der Persönlichkeit tritt der archaische Mechanismus der Imitation ungehemmt in den Vordergrund».[*] In der Akzeptanz postulierter Werte und geforderter Verhaltensmaßstäbe durch die «machtlosen Opfer» potenzieren sich moralisches Dilemma der Individuen und terroristische Gewaltherrschaft wechselseitig. Repressiv-terroristisches Herrschaftssystem und individuelle Ohnmachtserfahrung erzeugen eine unmenschlich-menschliche Überlebensstrategie, die durch reumütige Unterwerfung («Selbstkritik») und wechselseitige Denunziation das eigene Leben und das der Familienmitglieder retten will.
Leo Löwenthal beschreibt jene «Regression auf den blanken Sozialdarwinismus» innerhalb eines totalen Terrorsystems: «Kampf ums Überleben. Das alte Kultursystem abstrakter philosophischer Metaphysik bis hin zu den Institutionen der Religion und Erziehung stellte eine Ideologie rationaler Verhaltensweisen dar, die den Respekt für die Rechte, Ansprüche und Nöte anderer als notwendige Bedingung für das eigene Leben einschloß. Im Rahmen eines Terrorsystems wäre ein solches Verhalten gleichbedeutend mit Selbstvernichtung. Terrorismus zerstört den Kausalzusammenhang zwischen sozialem Verhalten und Überleben und konfrontiert das Individuum mit nackter Naturgewalt – d.h. mit einer un-natürlich gewordenen Natur – in der Gestalt des allmächtigen Terrorapparates. Ziel des Terrors und der Terrorakte ist es, die Anpassung des Menschen an dessen Prinzip so gänzlich zu erzwingen, daß sie schließlich nur noch ein Ziel kennen: das der Selbsterhaltung. Je mehr Menschen skrupellos nur das eigene Überleben im Sinn haben, desto mehr werden sie zu psychologischen Marionetten eines Systems, das kein anderes Ziel hat, als sich selbst an der Macht zu halten.»[*]
Atomisiertes Dasein und kollektiver Optimismus, emphatische Stalin-Hymne und permanenter Terror lassen sich als tragisch-widersprüchliche Existenz jener exilierten Kommunisten ausmachen, die im «Vaterland aller Werktätigen» noch dazu die «heroischen Illusionen der Epoche» teilten. Militarisierte Gesellschaft, permanente «Wachsamkeit»[*], ubiquitäre Feindsuche, Verfolgungslogik und terroristische Irrationalität zerstörten dabei jene Individualität und jenes Menschenbild, das in der gleichzeitigen Diskussion um den «proletarischen Humanismus» als Hoffnungspotential entworfen wurde.[*] Der Stalin-Mythos verkoppelte die inszenierte Symbolwelt mit einer Hyperrationalität, die sich als «wissenschaftliche Weltanschauung» exterministisch gegen «Träger» und «Adressaten» verhielt. Die vorausgesetzte Identität von Begriff und Sache, Theorie und Praxis ließ ursprünglichen Widerspruch und zwieschlächtige Dialektik als «Disziplin» und «Einheit» gerinnen, das Opfer als Täter verenden.
Objektive Verblendung und subjektive Verdrängung, scheinbare Rationalität des «Großen Plans» und undurchschaubare Irrationalität der «Säuberung» verflechten sich für den Exilierten zu einer gespenstischen Gegenständlichkeit, die im öffentlichen Ritual der Stalin-Gesänge und Parteitagsreden kulminiert. Solches verkündete stalinistische Credo wurde im Moskauer Exil nicht nur in öffentlicher Form zur sakramentalen Verehrung ausgestellt. Auch der private Mythos des «weisen Führers aller Werktätigen», der nichts vom Terror wisse, stellt gefährdeten ideologischen Konsens und ambivalente Identität allenfalls vorübergehend her. Individueller Widerspruch zwischen der Erfahrung des terroristischen Systems und der «sozialistischen» Ideologie wird angesichts der lebensgeschichtlich verankerten Prämisse von der «historischen Mission des Proletariats» aber als welthistorisch notwendige «erpreßte Versöhnung»[*] ausgehalten. Ich-Verdopplung, Flucht in den Stalin-Mythos, «Klassenwachsamkeit» gegen den konzeptuellen Feind löst sich in einer imaginären Welt von Phobien auf. Den scheinbaren Beweis der «realen» Existenz von «Schädlingen», «Volksfeinden», «Doppelzünglern», «trotzkistisch-faschistischen Gestapozentralen» liefert dann die terroristische Verfolgung als selffulfilling prophecy.
Herbert Wehner beschreibt in seiner Autobiographie jene zirkuläre Verfolgungslogik und permanente Denunziation, die auch die Differenz zwischen Tätern und Opfern zunehmend aufhob: «Für sie war bereits alles, was geschah, ein Glied in einer Kette, deren Anfang sie nicht kannten.»[*]
Traumatisch verletzt durch die ständige Unterwerfung unter das kollektive Über-Ich der «Linie» bleibt den Individuen angesichts der epochalen Dichotomie (Faschismus/Sozialismus) anscheinend nur die vorsätzliche Flucht in jenes andauernde Dilemma der «doppelten Psychologie». Als «unglückliches Bewußtsein» entlehnte es Bucharin noch vor Gericht der Hegelschen Phänomenologie[*], um seine gebrochene Identität vor der «absolut schwarzen Leere» nicht nur für sich zu behaupten.
Camouflage und Credo verbinden sich auch bei den Sitzungsteilnehmern zur lebensgeschichtlichen Indifferenz, die allenfalls nichtöffentlich und rückblickend aufgebrochen wird. Stilisierungen zum «Partisanen» wie bei Lukács oder gar zum alleinigen «Opfer» wie bei Huppert[*] werden dabei weder dem hierarchischen Literatur- und Rollensystem noch individuellen Verhaltensweisen gerecht. Viele überlebende Opfer des Terrors blenden in ihren veröffentlichten Autobiographien[*] den vorgängigen inquisitorischen Verfolgungsmechanismus und die Verknüpfung von innerparteilicher «Untersuchung» durch die «Kaderabteilung» und spezielle «Kommissionen» nahezu völlig aus, während ihre Haft- und Leidenszeit ausführlich dargestellt werden.
Dabei resultierte der individuelle Salto vitale, der Absprung in die ideale und imaginierte Identität von Proletariat, Partei und «Großem Plan» für die Exilierten in Moskau und Paris aus einer dichotomischen Weltsicht, die sich den Blick auf die Realität der Moskauer Prozesse mit dem optimistischen «Bewußtsein vom Endsieg» freiwillig verstellt: «Es gilt demnach ihrer Weltuntergangsstimmung die neue weite Welt der unbegrenzten Möglichkeiten vor Augen zu führen, die es zu erkämpfen gilt. Ihrem tragischen Pessimismus das unerschütterliche, optimistische Bewußtsein vom Endsieg entgegenzusetzen. Es ist notwendig und möglich, ihnen zu demonstrieren, daß ihr Absprung kein Sprung ins Dunkle, sondern der Sprung aus dem Dunklen ins Helle ist, aus einer todgeweihten Welt in die Lichtwelt der Vernunft und des Sozialismus, aus dem barbarischen Chaos in die neue totale Ordnung der menschlichen Verhältnisse.»[*]
Nicht nur für Kantorowicz, sondern auch für Lukács galt dieser «Absprung» in die Vernunft gewordene Totalität des Proletariats als «Salto vitale», der die verlorene Identität von Subjekt und Objekt, von Theorie und Praxis in der Form der kommunistischen Partei konstituiert. Gerade Lukács fordert jene «strengste Disziplin» und die Unterordnung unter den axiomatischen Gesamtwillen der «Partei», deren «bolschewistische» Organisationstheorie und militarisierte Praxis die «Aktualität der Revolution» voraussetzte. «Verdinglichung» und «Entfremdung» kapitalistischer Produktionsweise sollten durch den mystifizierten neuen Demiurgen, durch die zum Totem und Tabu geronnene «Partei» erkannt und organisiert überwunden werden.
Nimmt man jedoch die von Lukács nachträglich behauptete Rolle des «Partisanen» beim intendierten herrschaftskritischen Sinn, so läßt sich nicht nur seine regressive Ästhetik gegen den zeitgenössischen Kontext kehren. Lukács zielte 1944 scheinbar nur auf die faschistische Herrschaft, auf die «Regierungsmaschine der ‹germanischen Demokratie›», in der «jeder als Gestoßener und zugleich als Henker funktioniert». Ob sich solche Feststellungen auch gegen die stalinistische Herrschaftspraxis wenden, kann von den Nachgeborenen allenfalls unterstellt werden. Heinrich Manns «Untertan» dient Lukács als Exempel dafür, daß «sich jene hündisch begeisterte Unterwürfigkeit» in die Hierarchie so einfügt, daß «ein jeder zugleich Vorgesetzter und Subalterner, Sklavenhalter und Sklave, Hetzer und Gehetzter ist». Wahrscheinlich läßt Lukács auch der eigene Erfahrungshorizont auf Falladas «Kleiner Mann, was nun?» verweisen. Denn nicht nur hier zeigt sich, daß «dieser Herrschaftstrieb sonst Unterdrückter sich sogar bei organisierten, klassenbewußten deutschen Arbeitern auslebt».[*]
Jegliche totale und terroristische Herrschaft instrumentalisiert jenen «Sadismus, der der künstliche gezüchtete Gegenpol des Begeisterungsrausches der Unterwürfigkeit ist».[*] Autoritäre Unterwerfung und gleichzeitige Binnen- und Außenaggression, Akzeptanz von Terror und Ethnozentrismus sind Merkmale jener «geschlossenen Gesellschaft», die den Fremden als «Feind», den Freund als «Schädling» und den Genossen als «Schwein» verfolgt. In dieser verdoppelten Isolation des Moskauer Exils fährt man durch eine «Kommandirowka» nach «draußen», d.h. ins Ausland, und muß bei der Rückkehr erst eine «Reinigung» durchlaufen.
Stalins Theorie, daß sich in der Diktatur des Proletariats der Klassenkampf «unablässig verschärfe», schuf nach der Meinung von Lukács «eine Atmosphäre des immerwährenden gegenseitigen Mißtrauens, einer gegen alle gerichteten Wachsamkeit» und die «Stimmung eines Belagerungszustandes in Permanenz».[*] In einem Brief beschreibt er 1962 – geschlagen und gewitzt durch die eigenen verschwiegenen Erfahrungen – auch die Konsequenzen, nämlich «eine ins Maßlose gesteigerte Furcht vor Feinden, vor Spionen und Diversanten, woraus ein überspanntes System des Geheimhaltens von allem entstand, was mit staatlichen Angelegenheiten irgend etwas zu tun hatte».[*]
In den mehrmals bereinigten schriftlichen Nachlässen der Autoren läßt sich kaum ausmachen, wann und wieweit Verdrängung in Selbstreflexion umschlägt. Die lebensnotwendige Schutzhülle wurde öffentlich allenfalls in überzeitlicher Gedichtform durchbrochen. Becher bilanziert in dem späten Gedicht «Mein Leben» zwar seine «höllische» und zerrissene Existenz, erlebt aber dann seine «Wandlung» und sein «Auferstehn» als naturwüchsiges Ergebnis:
Mein Leben kann euch als Beispiel dienen,
und darum ist mein Leben lesenswert.
Euch ist in mir ein solcher Mensch erschienen,
Der maßlos hat vorzeiten aufbegehrt,
Und Höllen waren, und er fand in ihnen
Einlaß und ist in allen eingekehrt
Und hat vernichtet und sich selbst verheert
Und riß sein Leben nieder zu Ruinen.
Ein Schlachtfeld lag ihm mitten in der Brust.
Danieder lag er. Welche Niederlagen!
Zerschlagen, hörte er die Leute sagen:
«Den Hoffnungslosen laßt verlorengehen!»
Und aus Verlorensein und aus Verlust
Ergab sich Wandlung und ein Auferstehn.
Auch Bechers Moskauer Deutschland-Dichtung ist nicht allein Reflex auf die nationale Volte der offiziellen KPD-Politik, er beschwört damit das «heimlich Reich» auch als «Heimat» eines «authentischen Daseins». Bechers im Moskauer Exil entstandene Gedichtsammlungen wie «Der Glücksucher und die sieben Lasten» sind nur vor dem dunklen Hintergrund von Faschismus und Stalinismus zu lesen:
Die sieben Lasten
(…)
Last des falschen Wegs: der Lasten sechste,
Wenn du gehst, von Dunkel eingefaßt.
Diese Last trägt schon heran die nächste:
Last der Ängste und die Todeslast.[*]
Benjamins hoffnungsvolles Diktum, daß der Kommunismus auf die faschistische Ästhetisierung der Politik durch die Politisierung der Kunst antworte, wird durch die in dem Stenogramm der «Reinigung» durchgängige politische Rabulistik über die richtige «Linie» in Romanen und durch den platten «Inhaltismus» der Literaturdiskussion während der vier Nachtsitzungen ästhetisch hinfällig und politisch faßbar.[*] Der «trotzkistischen» Tendenz und der politischen Abweichung wird bei Strafe des Unterganges nachgespürt. Romanpersonen werden kurzschlüssig als Träger von feindlichen «Ideologien» oder «Stimmungen» ausgemacht. Diese hier unverblümt auftretende Literaturexekution blieb aber stilbildend bis hin zu den nun veröffentlichten «internen» Diskussionen und Briefwechseln des Schriftstellerverbandes der DDR.[*] Die «prinzipielle» Terminologie der «Wachsamkeit», der vernichtende Jargon des rapportierenden Eifers wurde im Moskauer Stenogramm der «Säuberung» kenntlich ausgeprägt. Das «Riechen» von «Beziehungen», die «Liquidierung» von «Schädlingen», die «Entfernung» von «Hunden» und «Schweinen» entsprang nicht nur der öffentlichen Semantik des Staatsanwalts Wyschinski.
Auf den keineswegs nur ästhetischen Hintergrund der sowjetischen «Formalismus-Debatte» und auf die spezifische Ausprägung der «Expressionismus-Debatte»[*] sei hier nur verwiesen. Die Gleichzeitigkeit des «verschönernden» sozialistischen Realismus und der terroristischen Normalität macht ihn zu einer irrealen «Ästhetik» des Schreckens. Als «Ingenieure der Seele» lieferten die im September 1936 versammelten Schriftsteller nicht nur den schönen Schein.
Der Herausgeber dankt den politischen Organisationen, die die Nutzung des Zentralen Parteiarchivs der KPdSU ermöglichten. Erst durch die freundliche Überlassung von Mikrofilmaufnahmen[*] durch das ZK der KPdSU konnte diese Publikation entstehen.
Auch diese Erbschaft der Zeit kann weder der «nagenden Kritik der Mäuse» noch der «Geschichte» überlassen werden.
Gedankt sei vor allem den Mitarbeitern folgender Archive:
Institut für Theorie und Geschichte des Sozialismus beim ZK der KPdSU – Zentrales Parteiarchiv, Moskau;
Institut für Geschichte der Arbeiterbewegung – Zentrales Parteiarchiv, Berlin;
Literaturarchive der Akademie der Künste der DDR, Berlin;
Politisches Archiv des Auswärtigen Amtes, Bonn;
Arbetarrörelsens Arkiv och Bibliotek, Stockholm.
Der Dank gilt auch der Arbeitsstelle für deutsche Exilliteratur an der Universität Hamburg und der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur.
Der Herausgeber bedankt sich bei den aus Moskau zurückgekehrten oder noch dort lebenden «Exilierten» sowie bei deren Familienangehörigen für die Bereitschaft, in Gesprächen den Alp ihrer Biographie zu verrücken. Die Torturen und Qualen, denen sie im Namen ihrer «Partei» und «Weltanschauung» ausgesetzt waren, pervertierten den Sozialismus zu jener Barbarei, die sie überwinden wollten. Ihren heroischen Illusionen und ihren illusionslosen Hoffnungen sei diese «Säuberung» gewidmet.
Unterstreichungen im Text stammen wie in anderen Dokumenten der «Kaderabteilung» von den «untersuchenden» Mitarbeitern. Durch die Hervorhebungen bestätigen sie bestehende Verdachtsmomente oder registrieren neue.
Die weitgehend dem Hören nachempfundene Schreibweise von Eigennamen (z.B. Geus, d.i. Joyce oder Erwintschenko, d.i. Ervin Sinkó) wurde durch den Herausgeber korrigiert, offensichtliche Transkriptions- bzw. Tippfehler wurden bereinigt, unvollständige Sätze – wenn möglich – in Klammern ergänzt. Interpunktion und Orthographie des Stenogramms sind der besseren Lesbarkeit wegen den heute üblichen Regeln angepaßt worden. Die stilistischen und grammatikalischen Eigenarten dieser Mitschrift von Redebeiträgen blieben selbstverständlich unverändert.
Das Stenogramm wurde vom Herausgeber mit zahlreichen Anmerkungen versehen, um den historischen, den politischen und den personellen Kontext dieser geschlossenen Parteiversammlung transparent zu machen. Hierbei konnten weder alle textrelevanten Zusammenhänge erläutert noch für sämtliche der im Text genannten Personen biographische Hintergründe ermittelt werden.
Reinhard Müller
Herbst 1991
Die folgenden Biographien beschränken sich auf Abbreviaturen und textbezogene Hinweise. Sie zitieren aus Autobiographien und neuzugänglichen Archivalien wie «Kaderakten» und Nachlässen. Lexika oder Handbücher können hier nicht aufgeführt werden, verwiesen wird allenfalls auf thematisch weiterführende neuere Monographien.
Bio-bibliographische Selbstdarstellungen lieferten einige der hier vorgestellten Autoren in der Zeitschrift Das Wort, 1937, Heft 4–5, Autobibliographien in der Zeitschrift Internationale Literatur, 1938, Heft 6.
Für die Rekonstruktion der Biographien konnten bisher nicht zugängliche Nachlässe (Emma Dornberger, Hugo Huppert) wie auch Aktenbestände aus dem Moskauer Komintern-Archiv, vor allem Akten der «Kaderabteilung», benutzt werden. Kurze biographische Auskünfte wurden auch vom KGB zur Verfügung gestellt. Erst eine vollständige Öffnung der Moskauer Archive wird aber genauere Rekonstruktionen der Biographien und des deutschsprachigen Exils in der Sowjetunion ermöglichen. Wo es sinnvoll erschien, wurden die biographischen Daten durch «Fremdzeugnisse», durch Beobachtungen und Erlebnisse von Zeitgenossen (kursiv) ergänzt.
Die hier zitierten Autobiographien ver- und enthüllen als nachträgliche Diskurse, neben der Mentalität wechselseitiger Abrechnung, zahlreiche Legenden, Gerüchte und Selbstrettungen. Ein Urteil darüber, wieweit solche vertrackt widersprüchliche Anamnesis mit dem Rollenverhalten während der Moskauer «Säuberung» korrespondiert, bleibt dem Leser des «Stenogramms» überlassen.
Verwiesen wird auch auf einige der verstreuten privaten und poetischen Anstrengungen der Sitzungsteilnehmer, sich der eigenen biographischen Erfahrung im Moskauer Exil zu stellen. Die inwendig ohnmächtigen Spuren lassen sich kaum anders ausmachen.
Chefredakteurin der Moskauer Deutschen Zentralzeitung von 1934 bis zu ihrer Verhaftung Anfang Juni 1937. Seit Anfang 1937 wegen einer Herzerkrankung im Krankenhaus.
Ihr Mann Jan Gamarnik, stellvertretender Volkskommissar für Verteidigung, begeht am 21. Juni 1937 Selbstmord. Ihm war tags zuvor vorgeworfen worden, zu den Organisatoren einer «faschistischen Verschwörung» in der Roten Armee zu gehören.
Jewgenia Ginsburg berichtet über ihr Zusammentreffen mit Julia Annenkowa im Moskauer Butyrka-Gefängnis:
«Die Frau, die mich angesprochen hat, ist Julija Annenkowa aus Moskau, ehemalige Redakteurin der deutschsprachigen Moskauer Zeitung. Sie ist Anfang Vierzig, nicht hübsch, aber sie hat ein starkes, ausdrucksvolles Gesicht. Sie sieht aus wie eine Hugenottin. In ihren Augen leuchtet eine dunkle Flamme. Sie faßt mich am Ellenbogen, führt mich zur Seite und flüstert mir zu: ‹Sie hatten absolut recht, den Fragen dieser Menschen auszuweichen. Man kann ja nicht wissen, wer ein wirklicher Volksfeind ist und wer nur einem Versehen zum Opfer gefallen ist, wie wir beide. Seien Sie auch in Zukunft vorsichtig, damit Sie nicht, ohne es zu wollen, ein wirkliches Verbrechen gegen die Partei begehen. Es ist das beste, man schweigt› …» Ewgenia Ginsburg: Marschroute eines Lebens, München 1986, S. 139–140.
Julia Annenkowa sieht als «orthodoxe Stalinistin» noch im Gefängnis überall «furchtbaren Verrat» und wittert in den Mitgefangenen «Volksfeinde». Nach ihrer Verurteilung erfährt sie im Straflager in Magadan, daß sich ihr zehnjähriger Sohn von der Mutter als «Verräterin» lossagte. Sie begeht Selbstmord.
Vizepräsident des sowjetischen Schriftstellerverbandes, Sekretär der Auslandskommission.
«Der deutsche kommunistische Dichter Johannes R. Becher verriet mir einmal unter vier Augen, Apletin wäre nichts anderes als der Leiter – oder gar nicht einmal Leiter – einer weitläufigen Abteilung der sowjetischen Geheimpolizei, welche die ausländischen Schriftsteller in der Sowjetunion – und auch außerhalb – aufs diskreteste überwachte.» Julius Hay: Geboren 1900. Aufzeichnungen eines Revolutionärs, München 1977, S. 167.
Ervin Sinkó berichtet, daß Apletin für die französische Ausgabe der Internationalen Literatur «neben dem Redakteur wie ein Literaturkommissar fungiert». Ervin Sinkó: Roman eines Romans, Köln 1962, S. 311.
gehörte zur avantgardistischen Literatur in Ungarn; 1916 erste Publikationen in der linken Zeitschrift Ma; Beteiligung an der ungarischen Räterepublik 1919. In der Emigration gab er zwei Zeitschriften heraus; 1924/25 Mitglied der KP Österreichs. Seine Bücher wurden bereits in den zwanziger Jahren in der Sowjetunion veröffentlicht.
1935 Sekretariatsmitglied der MORP, 1936 Parteiorganisator der deutschen Parteigruppe im Sowjetschriftstellerverband; Mitglied des Redaktionskomitees der Zeitschrift Internationale Literatur; letzte Veröffentlichung im Septemberheft der Internationalen Literatur1937. Veröffentlichungen: Ohne Gnade, Roman, Kiew 1936; Amnestie, Erzählung, Moskau 1937.
«Eines Tages wurde der ungarische Schriftsteller Sándor Barta, der Präsident des Internationalen Schriftstellerverbandes, durch den NKWD in seiner Wohnung abgeholt. Von diesem Augenblick an erinnerte sich Apletin nicht mehr, daß er Tür an Tür mit einem Mann namens Barta gearbeitet hatte. Als Martin Andersen-Nexö nach einiger Zeit wieder in Moskau eintraf und sich nach Barta erkundigte, überhörte es Apletin so lange (genauer: er hörte statt Barta immer Barto, den Namen einer bekannten russischen Kinderschriftstellerin), bis der Alte die Wahrheit auch ungesagt verstand.» Julius Hay: a.a.O., S. 225.
Julius Hay, der noch im September 1937 Barta rezensiert, berichtet über ihn weiter in seinen Erinnerungen (ebd., S. 168): «Sucht auch Sándor Barta nicht, er fiel der nicht enden wollenden Bartholomäusnacht zum Opfer, die in der offiziellen Parteisprache ‹Säuberung› hieß.»
Vgl. Bartas Autobiographien und die Bibliographie in: Iz istorij Mezhdunarodnogo objedinenija revoljutsionnykh pisatelej (MORP), Moskau 1969, S. 415–419.
ab 1912 Mitarbeiter an Pfemferts «Aktion», nach 1914 als Kriegsgegner im «Aktions-Kreis» aktiv, 1916USPD in Jena, 1918 Eintritt in den «Spartakusbund» – «rein gefühlsmäßige Verbindung» –, 1920–22 «starke religiöse bzw. katholische Tendenzen», 1923 Annäherung an die KPD und im Schutzverband Deutscher Schriftsteller Leiter der kommunistischen Fraktion, 1926 Antikriegsroman «Levisite oder der gerechte Krieg», 1927 mit Delegation in die Sowjetunion, 1928 Gründung des BPRS und Vorsitzender; Hochverratsverfahren wegen des Romans «Levisite» und eines Gedichtbandes, kurze Inhaftierung; Begründer und Leiter der Proletarischen Feuilleton-Korrespondenz als Abteilung des Kommunistischen Pressedienstes der KPD, Mitarbeiter der Agitprop-Abteilung des ZK der KPD, Herausgeber und Redakteur der Linkskurve, Reichstagskandidat der KPD, Mitglied des Sekretariats der IVRS; Emigration über die CSR nach Moskau, Ankunft 20.4.1933, im Auftrag des EKKI Umbildung der MORP zu IVSK; 1936–45 in der Sowjetunion, Redakteur der deutschen Ausgabe der Internationalen Literatur, 1937 Vorsitzender der deutschen Sektion im Sowjetschriftstellerverband, 1943 Mitglied des Nationalkomitees Freies Deutschland, 1945 Rückkehr nach Berlin, Mitbegründer von Sinn und Form, 1945–58 Präsident des Kulturbundes, 1950–58ZK-Mitglied der SED, 1952–54 Präsident der Akademie der Künste, 1954–58 Minister für Kultur der DDR.
In seinem 1934–37 entstandenen autobiographischen Schlüsselroman «Abschied» beschreibt Becher jenen generationstypischen Ausbruch aus dem durch den Vater dominierten bürgerlichen Elternhaus in die anarchistisch-pazifistische Rebellion. Dieses «ozeanische Gefühl» der antibürokratischen, zivilisationskritischen Empörung schlägt dann wieder in vorsätzliche Einordnung in die disziplinierten Reihen der KPD um. Der häufig suizidgefährdete Becher findet nun «Stecken und Stab» im mythologisierten Proletariat und scheinbare Erfüllung als repräsentierender Multifunktionär in der DDR. Mit zahlreichen Gedichten besingt er Stalin und die Partei. In seinem Versepos «Der Große Plan» (1931) rechtfertigte er die Erschießung der Angeklagten im inszenierten Prozeß gegen die sogenannte «Industriepartei»: «Wenn man die hier/An die Wand stellt/Ist es, um/Einen Dreck abzutun/Eine schmierige Sache.»
Becher dementiert im Exil seine expressionistischen Anfänge, wird klassizistischer «Deutschland-Dichter» und Verfasser der Nationalhymne der DDR.
«Auch unter den Deutschen unterhielt Becher keine ständigen Freundschaften; nur mit zwei ungarischen Ehepaaren war er aufrichtig befreundet: Andor und Olga Gábor, Georg und Gertrud Lukács. Diese günstige moralische Wirkung dieser vier Menschen hielt ihn in den Moskauer Jahren noch bei der Stange.» Julius Hay: a.a.O., S. 169.
«Hatte die Sache unerwarteterweise auch für ihn unangenehme Folgen, so erschrak er über die Maßen – er verfiel in eine trostlose Panik und verpetzte alles und jeden bei der Parteileitung. Mehrere Male demonstrierte er seine Zerknirschung vor der Partei durch Selbstmordversuche, von welchen einer wider Erwarten beinahe gelungen war. Die Leiter der kommunistischen Partei, von denen sich gar wenige einen Begriff davon machen konnten, wozu die Partei eigentlich Dichter braucht, fühlten dennoch, wie peinlich es wäre, ein Mitglied mit weit und breit bekanntem Namen zu verlieren, und noch dazu auf eine so skandalöse Art und Weise. Sie erwiesen sich in solchen Fällen als versöhnlich, ja sogar mitleidsvoll und vor allem freigebig.» Julius Hay: a.a.O., S. 169.
Becher richtete nach Selbstmordversuchen «zerknirschte» Briefe an die KPD-Führung. Sie finden sich in Bechers bisher unveröffentlichtem Nachlaß und sollen demnächst veröffentlicht werden.
«Wie er so die ersten Male bei uns saß, hineingelümmelt in den Polstersessel mit schiefer Schulter (krummgeschossen von seinem ersten Selbstmordversuch), glich er einem großen, schweren, leidenden Tier, das sich den unberechenbaren Launen eines fremden Herrn ausgeliefert fühlt: es wechselt sein Verhalten, um Schlägen zu entgehen.» Ruth von Mayenburg: Blaues Blut und rote Fahnen, Wien 1969, S. 259.
Als Präsident sitzt Becher 1953 Sitzungen des Kulturbundes vor, in denen er sich ebenso wie als Minister als linientreu erweist, wie 1957 im «Falle» Janka. Vgl. Walter Janka: Spuren eines Lebens, Berlin 1991.
In erst kürzlich veröffentlichten Gedichten reflektierte er zumindest privatim diese aufgeherrschte und akzeptierte Konformität, der er sich vor 1933 als freiwilliger «Parteisoldat» und im ausweglosen Moskauer Exil bei Strafe des Untergangs unterwarf: «Gebranntes Kind/Wem einmal das Rückgrat gebrochen wurde/Der ist kaum dazu zu bewegen/Eine aufrechte Haltung einzunehmen/Denn die Erinnerung/An das gebrochene Rückgrat/Schreckte ihn/Auch dann noch/Wenn die Bruchstelle längst verheilt ist/Und keinerlei Anlaß mehr gegeben ist/Sich das Rückgrat zu brechen.»
Nach dem XX. Parteitag der KPdSU
