Die Sauerei geht weiter ... - Jörg Nießen - E-Book

Die Sauerei geht weiter ... E-Book

Jörg Nießen

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6,99 €

Beschreibung

Der überwältigende Erfolg von Jörg Nießens erstem Buch 'Schauen Sie sich mal diese Sauerei an' schrie förmlich nach einer Fortsetzung. Und inzwischen konnte der sympathische Rettungsassistent und Feuerwehrmann genügend Stoff für einen zweiten Band sammeln - und zwar von der Sorte Einsätze, die den Leser zum Schmunzeln und zum Lachen bringen, die kaum zu glauben, aber doch passiert sind. In Jörg Nießens neuem Buch ist natürlich auch wieder Hein, des Autors liebster Kollege, mit von der Partie und zusammen erwarten die beiden verunfallte Pianisten, brennende Vereinsheime, pädagogisch wertvolle Wasserschäden, schräge Psychosen, dramatische Kinderkrankheiten und vieles mehr. In 'Die Sauerei geht weiter.' zeigt Jörg Nießen erneut sehr eindrucksvoll, dass das Leben selbst die besten Geschichten schreibt und dass Humor ein wichtiger Verbündeter im Alltag eines Lebensretters ist. Witzige Illustrationen von Jana Moskito begleiten die Geschichten.

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Seitenzahl: 265

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Jörg Nießen

DIE SAUEREI GEHT WEITER …

20 neue wahre Geschichten vom Lebenretten

Vorwort

Schön, dass Sie wieder da sind …

Die biologische Evolution hat kein Ziel, es sei denn, das der Vielfalt der Lebensformen. Joachim Paul über S. J. Goulds Thesen

Es ist so weit, liebe Leserinnen und Leser. Sie halten die Fortsetzung von SchauenSie sich mal diese Sauerei an in den Händen. Der unerwartete und nicht weniger überwältigende Erfolg war für mich als Autor Antrieb und Verpflichtung zugleich, weitere Kurzgeschichten zu schreiben. Erneut möchte ich Sie auf unterhaltsame Weise in die Welt der Feuerwehr und des Rettungsdienstes entführen.

Bitte wundern Sie sich nicht: Auf vielfachen Wunsch spielt die Feuerwehr in einigen Anekdoten eine etwas größere Rolle. Das Gros der Geschichten handelt aber erneut von skurrilen Rettungsdiensteinsätzen; manchmal gehen die Angelegenheiten allerdings auch ineinander über – eben wie im richtigen Leben.

Der Titel DieSauerei geht weiter enthält mehr als nur ein Fünkchen Wahrheit. Ich gehe sogar so weit, zu sagen: Das wird sie immer tun. Im Mikrokosmos von Feuerwehr und Rettungsdienst wird es immer Einsätze geben, über die es sich zu schreiben lohnt.

Diesmal erwarten Hein und mich verunfallte Pianisten, bren-nende Vereinsheime, pädagogisch wertvolle Wasserschäden, schräge Psychosen und dramatische Kinderkrankheiten, um den Inhalt einiger Storys nur kurz anzureißen. Auch altbekannte Pro-ta-gonisten aus SchauenSie sich mal diese Sauereian sind wieder mit dabei, es sind aber auch neue hinzugekommen. Da sind zum Beispiel Ralf und Noah, meine Zugführer im Brandschutz, oder Herr Schoppmann, der die Gesamtverantwortung für unsere Wache trägt. Doch keine Angst. Sollten Sie mein erstes Werk wider Erwarten nicht gelesen haben, so tut das dem Verständnis keinen Abbruch. Die Geschichten sind alle in sich geschlossen und benötigen keinerlei Vorkenntnisse.

Sie brauchen übrigens auch keinerlei medizinische oder feuerwehrtechnische Vorbildung. An dieser Stelle sei aus gegebenem Anlass betont, dass es sich nicht um ein Fachbuch handelt. Das Werk, das Sie in Händen halten, dient ausschließlich der Unterhaltung.

Die 20 Geschichten in diesem Buch beruhen auf wahren Begebenheiten. Der ein oder andere wird wieder sagen: »Na ja, das entspringt wohl eher der Fantasie des Autors«, ich aber versichere Ihnen, dass die Fantasie des Lebens die meine bei Weitem übersteigt. Natürlich wurden auch in diesem Buch aus gut nachvollziehbaren Gründen Namen, Personen, Orte und Handlungsabläufe verändert oder verfremdet. Übereinstimmungen mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig.

Jetzt aber rein in den Rettungswagen – und viel Spaß beim Lesen!

Jörg Nießen

PS: Eine blaue Glühbirne in Ihrer Leselampe gibt der ganzen Lektüre ein viel authentischeres Flair.

Papierkrieg

Herr Bohrs lässt mal die Seele baumeln

Organisationen ab 1000 Leuten können sich sehr gut mit sich selbst beschäftigen. Da stört der Kunde nur. Klaus Höfner

Jack Welch, amerikanischer Topmanager und ehemaliger CEO von General Electric, hat einmal gesagt: »Bekämpft die Büro-kratie im Unternehmen! Hasst sie! Tretet ihr in den Hintern! Brecht sie!« Da kommunale Strukturen – und die Feuerwehren sind in aller Regel solche – sich in vielerlei Hinsicht heute als Unternehmen verstehen, würde ich mir wünschen, dass oben genannter Aufruf auch bei Feuerwehren in die Tat umgesetzt würde.

Mit Feuer löschen, Notfallpatienten versorgen, Übungen durchführen und den Wachalltag organisieren ist es ja leider nicht getan. Über all das muss selbstverständlich ein Einsatzbericht geschrieben bzw. Buch geführt werden.

Feuerwachen ersticken zum Teil in Akten und Dokumentation, und wo es Akten gibt, da gibt es auch Listen, und bei uns gibt es sogar Listen für die Listen. Dokumentation ist notwendig und sinnvoll, aber wie bei allem im Leben bestimmt das Maß der Dinge die Sinnhaftigkeit.

Kombiniert wird diese Berichts- und Dokumentationswut mit Konzepten und Standardabläufen. Selbstverständlichkeiten werden schriftlich formuliert, und Algorithmen sind der Weisheit letzter Schluss, und damit dieses Vorgehen auch von niemandem infrage gestellt wird, bekommt das Kind noch einen amerikanischen Namen und heißt jetzt »Standard Operating Procedure« oder kurz SOP.

Genau eine solche SOP hatte mir heute Morgen im über-tragenen Sinne das Genick gebrochen. Da stand ich nun bei Herrn Schoppmann, unserem Wachenleiter, im Büro und empfing meine verdiente Standpauke: »Was glauben Sie eigentlich, wer Sie sind?« – »Äh, das ist wohl kaum eine Frage des Glaubens, oder?«, unter-brach ich ungewollt, denn manchmal ist mein Mund schneller als mein Kopf. »Ihre rhetorischen Spitzfindigkeiten werden Ihnen noch vergehen, Sie haben heute Morgen SOP 013/09 – Überprüfung von Fahrzeugen – missachtet!«, klagte Herr Schoppmann lauthals an. »Ich wurde durch einen Einsatz unterbrochen«, versuchte ich mich zu rechtfertigen. »Keine Ausreden, bitten Sie lieber um eine harte und gerechte Strafe, eine solche Schlampigkeit werde ich Ihnen nicht durchgehen lassen!«, erwiderte mein Wachenleiter erbost, dem man in solchen Momenten seine achtjährige Bundeswehrvergangenheit deutlich anmerkte.

Um einen Rettungswagen nach Dienstantritt gründlich zu überprüfen, braucht man circa eine Stunde, und muss dies anschließend schriftlich dokumentieren. Man könnte jetzt meinen, da reicht eine Unterschrift – nein es braucht drei, 1. technischer Zustand des Fahrzeugs, 2. Vollständigkeit und Funktionalität der medizinischen Geräte und 3. Vollständigkeit und Verfallsdaten der Medikamente, und natürlich braucht es auch drei Formulare, es sind ja bei Unregelmäßigkeiten auch drei verschiedene Abteilungen involviert. Wer keine Arbeit hat, der macht sich eben welche.

Aber was war überhaupt geschehen? Am heutigen Morgen hatte ein tolldreister Bürger mit Herzinfarkt mich bei der Ausübung meiner bürokratischen Pflichten unterbrochen und mich so zur Missachtung der SOP 013/09 und einer unvollständigen Dokumentation verleitet: Überprüft hatte ich alles, aber es fehlten die Unterschriften.

»Sie sind jetzt schon wieder zwei Stunden auf der Wache, Sie hatten Gelegenheit genug, Ihren Schreibkram zu erledigen. Wissen Sie überhaupt, was so ein Fehler auslösen kann? Was für Dominoeffekte da entstehen können!? Wenn ich nur an Haftungsfragen denke, wird mir schlecht …«, setzte Herr Schoppmann seine Tirade fort. »Ja, ja, es wäre echt schön bei der Feuerwehr, wenn nur die Einsätze nicht wären. Dann würden wir es auch schaffen, den Papierkram zu erledigen. – Ah, Ihr Haus brennt? Hochinteressant! Wir kommen, sobald der Einsatzbericht bezüglich einer Ölspur fertiggestellt ist!«, brach es trotzig aus mir heraus. »Auch noch frech werden, Sie subversives Element – raus hier!« Mit diesen Worten und der Ankündigung, im Wiederholungsfall über disziplinarische Maßnahmen nachzudenken, wurde ich aus dem Büro hinauskomplimentiert.

Hein wartete schon auf mich und trank gerade einen heißen Schluck schwarzen Kaffee, als ich vor die Tür gesetzt wurde. Er setzte die Tasse ab, schüttelte ironisch den Kopf und äffte den Chef nach: »Was für Dominoeffekte da entstehen können! Der Flügelschlag eines Schmetterlings in Paderborn kann im Südchinesischen Meer einen Taifun auslösen!«, setze er noch triumphierend obendrauf. Wir standen noch vor dem Büro des Wachenleiters, als der akustische Alarm ertönte und Hein und mich zum Einsatz rief: »Suizidversuch! Auf der Reiß 7, bei Bohrs. Einsatz für den Rettungswagen. Suizidversuch! Auf der Reiß 7, bei Bohrs. Einsatz für den Rettungswagen. Der Notarzt kommt aus dem Nachbarbezirk!«, tönte eine das R rollende Stimme aus dem Wandlautsprecher. »Jetzt aber zackig! Ich habe keine Lust, dass der Alte mir noch ’ne Zigarre wegen zu langsamen Ausrückens anbietet!«, mahnte ich Hein zur Eile und lief Richtung Fahrzeughalle.

Hein, der sonst ein wandelnder Stadtplan bzw. ein lebendes Navigationsgerät ist, kannte ausnahmsweise nicht die exakte Anfahrt zur angegebenen Adresse. »Heinsberger Straße, dann links die K12 bis zum Kreisverkehr, zweite Ausfahrt in die Lindenallee und davon die dritte links ins Neubaugebiet«, beschrieb ich den Straßenverlauf, während ich auf der Karte mit dem Zeigefinger dem Routenverlauf folgte. Da vorne links und wir sind da«, rief ich kurz darauf und deutete auf eine Straßenmündung.

Die besagte Adresse war nicht schwer zu finden. Vor dem Haus hatte sich eine Menschentraube versammelt, die gestikulierend und diskutierend die Haustüre versperrte. Hein brachte den Rettungswagen zum Stehen, wir stiegen aus und bahnten uns einen Weg durch die Anwesenden.

»Er war ja damals in russischer Gefangenschaft« – »zwei Söhne« – »früher Schiedsrichter in der Kreisliga« – »die Frau ist doch schon vor vier Jahren gestorben« – »quasi mein Großonkel«, und ähnliche Gesprächsfetzen ließen mich vermuten, dass es sich um Verwandtschaft und Nachbarn handelte. Wir betraten das Haus. Es roch merkwürdig, fast penetrant nach Vanille, doch bevor mich der Ursprung des Geruchs wirklich interessieren konnte, wurden wir von noch mehr Familie und Nachbarschaft ins Wohnzimmer gelotst.

Dort angekommen, erblickten wir auf dem Dielenboden einen umgestürzten Holzstuhl und einen circa 80-jährigen Mann, der einen schwarzen Anzug trug und offensichtlich tot war. Hein kniete sich neben den Herrn und überprüfte Pupillen und eventuell bereits vorhandene Leichenstarre. Ein eindeutiges Nicken signalisierte, dass es, was den vermeintlichen Suizid betraf, nicht beim Versuch geblieben war. Ein dünnes Seil umgab oberhalb von Krawatte und weißem Hemdkragen den Hals des Mannes und ließ vermuten, wie der Selbstmord abgelaufen war.

»Und nahm die Toten von den Strängen, dass sie so nicht länger hängen …!«, zitierte einer der Anwesenden frei aus Wilhelm Buschs Max und Moritz und deutete mit dem Zeigefinger Richtung Zimmerdecke. Dort war ein zweckentfremdeter Haken sichtbar, der seit Jahr und Tag das Gewicht einer Lampe getragen hatte, an dem jetzt aber nur noch ein knapper Meter Seil baumelte.

»Wer von Ihnen hat denn das Seil durchtrennt?«, fragte Hein in die Runde der Anwesenden. »Hier, ich!«, antwortete ein Mann um die 60 Jahre und hob dabei die Hand. »Michalski mein Name, aber mich nennen alle Michi. Ich bin der Nachbar von links nebenan. Normalerweise bringe ich ihm um diese Uhrzeit immer meine ausgelesene Tageszeitung, da hab ich ihn gefunden – baumelnd. Dann hab ich das Seil durchgeschnitten, die Knoten hab ich aber nicht verändert! Das hab ich mal bei XY im Fernsehen gelernt. Ich hab auch schon die Kinder angerufen, die müssten so in 15 Minuten eintreffen«, fuhr er ausführlich fort. »Wann haben Sie denn den Herrn genau gefunden? Und wissen Sie irgendetwas über Krankheiten oder Umstände, die zum Selbstmord geführt haben könnten?«, forschte Hein weiter.

Während Hein versuchte, Informationen zu sammeln, telefonierte ich mit der Leitstelle, um unseren Notarzt über die Sachlage zu informieren und abzuklären, ob die Polizei ebenfalls alarmiert war. Derart gelagerte Fälle machen in aller Regel Ermittlungen der Kriminalpolizei notwendig, schließlich kann kein Rettungsassistent und auch kein Notarzt beurteilen, ob der arme Herr Bohrs sich wirklich selbst an den Haken begeben oder ob ihm jemand bei diesem letzten Gang geholfen hatte.

Notarzt und Polizei trafen wenige Minuten später fast zeitgleich ein. Die Polizei sortierte die Anwesenden zunächst nach möglichen Zeugen und interessierten Mitmenschen und schaffte damit zunehmend Platz in der Wohnung. Hein übergab seine bisherigen Erkenntnisse an einen der Beamten, während sich unser Notarzt der Begutachtung des Leichnams widmete. Hein hatte in Erfahrung gebracht, dass in der Küche wohl eine Art Abschiedsbrief lag, den er nun holen wollte, als zwei Herren das Wohnzimmer betraten.

»Guten Tag. Albert und Hartmut Bohrs, wir sind die Söhne des Verstorbenen«, stellte einer der Herren sich und seinen Bruder nüchtern vor. »Herzliches Beileid«, wünschte unser Notarzt höflich. »Die Situation erklärt sich ja leider augenscheinlich selbst«, bemerkte er noch, bevor er einige Fragen über mögliche Ursachen des Freitods und den Gesundheitszustand des Patienten stellte. Die Antworten waren leider nicht erschöpfend, ein paar altersentsprechende Zipperlein, aber nichts, was normalerweise jemanden in den Selbstmord treibt. Auch die Polizisten stellten nun Fragen, es wurde der familiäre Hintergrund beleuchtet und diskret, aber zielgerichtet Freund und Feind des Toten erkundet.

»Unsere Mutter ist vor vier Jahren an einem Herzinfarkt verstorben, seitdem lebt unser Vater allein. Er versorgt sich weitgehend selbst, beziehungsweise sorgt dafür, dass er versorgt wird. Er hält uns und die Nachbarschaft ganz schön auf Trab. Im letzten Jahr hat er drei Zivildienstleistende verschlissen. Kommandieren konnte er schon immer gut, er war früher Filialleiter in einem Supermarkt. Wirklich beliebt war er nie, weder bei Kollegen noch Nachbarn. Ein kleiner Despot, Pedant und Erbsenzähler, aber irgendwie konnte man ihm nie etwas abschlagen, er hatte ein Talent, bei jedermann ein schlechtes Gewissen zu hinterlassen, selbst wenn man ihm einen Gefallen getan hatte«, beschrieb Albert Bohrs seinen Vater wenig schmeichelhaft.

»Vielleicht kommen die Herren mal herüber. Hier erklärt sich, glaube ich, einiges!«, meinte Hein, der inzwischen in der Küche nach dem Abschiedsbrief gesucht hatte. Die Polizisten, der Notarzt und die Gebrüder Bohrs drängten neugierig in den kleinen Raum. Eigentlich eine ganz normale langweilige Küche, aber interessant war das, was auf dem Küchentisch ausgebreitet war.

Es war ein Testament der besonderen Art. Alle Papiere und Gegenstände waren mit kleinen bunten Klebezetteln versehen, auf denen Handlungsanweisungen für verschiedene Personen notiert waren.

•ADAC-Mitgliedschaft, grüner Zettel, Hartmut: abmelden!

•Allianz-Lebensversicherung, roter Zettel, Albert: Kopie der Sterbeurkunde hinschicken!

•Goldener Siegelring, gelber Zettel, für Michi!

•Abonnement Fernsehzeitung, grüner Zettel, Albert: kündigen!

•Fahrzeugbrief und Fahrzeugschein mit einer Büroklammer verbunden, gelber Zettel, Hartmut: abmelden!

•Schatulle mit Silberschmuck, roter Zettel, für Rosemie!

•Auszug aus Aktiendepot, roter Zettel, Albert: auflösen!

•Armbanduhr, gelber Zettel, für Michi!

Alles in allem fanden sich circa 40 Anweisungen, die vor allem die Brüder Albert und Hartmut betrafen. Beim Betrachten des Gesamtbildes konnte der Eindruck entstehen, dass der Verstorbene die Ampelfarben Rot, Gelb und Grün bei der Zettelvergabe als Priorisierung verstanden hatte. »Wer ist Rosemie?«, entfuhr es Hartmut. »Ich fürchte, das erfahren wir noch früh genug!«, antwortete Albert trocken.

Am Kopf des Küchentisches stand in einem Postkartenhalter ein Briefkuvert, »Mein Letzter Wille!«, stand darauf mit fester, klarer Schrift geschrieben. Hartmut griff den Umschlag, öffnete ihn, und entnahm zwei gefaltete Seiten Papier, er begann laut zu lesen: »Keine Ahnung, wer das hier zuerst in die Finger bekommt, aber ich sage einfach mal Hallo zu meinen Söhnen, denn die geht es etwas an. Um es kurz zu machen: Ich bin schwer erkrankt, was man mir zwar im Augenblick nicht ansieht, was aber dennoch in wenigen Monaten zum Tode führen wird. Meine behandelnden Ärzte haben den letzten Lebensabschnitt wenig angenehm beschrieben, zumal ich mich jeder ernstzunehmenden Therapie verweigert habe. Da ich mir und meiner Umwelt ein kräftezehrendes Siechtum ersparen wollte, habe ich kurzen Prozess gemacht. Für jetzt entstandene Unannehmlichkeiten möchte ich mich entschuldigen.«

Hartmut Bohrs Stimme wurde nun etwas zögerlicher und leiser: »Unser zwischenmenschliches Verhältnis war zu meinen Lebzeiten nie das beste – es tut mir leid, aber ich denke, daran wird sich auch in Zukunft nicht viel ändern. Ohne Euer Wissen bin ich eine neue Beziehung eingegangen, wir kennen uns seit einem Jahr, eine bezaubernde Dame namens Rosemie, die im Übrigen auch alles, abzüglich eures Pflichtteils, erben wird.

Bei der Organisation der Beerdigung – das ist natürlich Eure Aufgabe, denn auch ein Pflichtteil will verdient sein – bitte ich darum, sparsam zu sein. Es wird eh nur geheult und geflennt, was soll man da teuer Geld ausgeben. Einfache Urne, kein Redner, kein protziger Grabstein, wenig Blumen und im Anschluss nur Aprikosenfladen mit dünnem Kaffee. Großen Wert lege ich auf die Gästeliste, die ich verfasst habe. Um die Familie kommt man nicht herum, aber ich will kein weiteres heuchlerisches Pack am Grab stehen sehen, das mich eh nicht leiden konnte.

Wenn Michi mich rechtzeitig gefunden hat, könnt Ihr die ganzen Vanille-Duftbäumchen wegwerfen. War eine reine Vorsichtsmaßnahme. Michi, mein treuer Nachbar, falls Du da bist – ich habe auf dem Küchentisch was für Dich hingelegt.

Verbrannt werden möchte ich, in der Kleidung, die gebügelt und gefaltet auf dem Küchenstuhl liegt – und mein letztes Hemd hat doch Taschen! Lebt wohl, Franz Bohrs!«

In einer Mischung aus Verwunderung und Hilflosigkeit starrten die Umstehenden auf Albert und Harmut Bohrs. Der Brief hatte seine Wirkung nicht verfehlt, es herrschte Stille. Wenn man aber die Brüder genau beobachtete, konnte man in ihren Augen vielleicht sogar den Ausdruck von Erleichterung ausmachen, nach außen wahrten sie die Etikette und verhielten sich der Situation angemessen betroffen. Unser Notarzt durchbrach als Erster das Schweigen: »Dann schreib ich mal den vorläufigen Totenschein«, und zog den Vordruck in vierfacher Ausfertigung aus der mitgeführten Kladde. Einer der Polizisten nickte zustimmend.

»Erinnert fast ein wenig an heute Morgen, wie der Schopp-mann mit seinen schriftlichen Anweisungen, aber so ist es wohl: Von der Wiege bis zur Bahre – Formulare, Formulare!«, sinnierte Hein, während wir das Haus verließen.

Die Havannasuite

Die Alarmierung erfolgt zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt

Wie lange eine Minute sein kann, hängt davon ab, auf welcher Seite der Toilettentüre man sich befindet.Wandspruch in einem öffentlichen WC

Unsere hauptamtliche Reinigungskraft war krankheitsbedingt ausgefallen. Mit Ersatz war erst nach dem Wochenende zu rechnen, und dementsprechend sahen mittlerweile auch unsere sanitären Anlagen aus. Besonders die Pissoire im zweiten Obergeschoss erweckten den Eindruck, als hätte gerade ein Bataillon der französischen Fremdenlegion dort sein Geschäft verrichtet. Der Chef vom Tag, ein altgedienter Hauptbrandmeister, sprach gerade ein Machtwort. »Mir ist vollkommen egal, ob heute Sonntag und schon Bereitschaftszeit ist. Es sieht da oben aus wie Sau – also wird jetzt geputzt!«, schnauzte er in Richtung einiger trotzig blickender junger Kollegen, an denen die Arbeit hängen bleiben würde. »Spätestens morgen sieht das Klo doch wieder genauso aus – was soll die unnötige Arbeit?«, meuterte einer der Brandmeister. Eine Antwort kam prompt. »Unnötige Arbeit? Du kleiner Rostfleck auf meiner Feuerwehraxt, hoffentlich hast du bald die Klobürste in der Hand!«, erwiderte der Chef vom Tag in einem Tonfall, der die Grenze zwischen Ernst und Spaß verschwimmen ließ.

Widerwillig machten sich die Kollegen ans Werk, deren Arbeit gerade zur Hälfte erledigt war, als sie durch einen Alarm vor-läufig vom weiteren Putzen erlöst wurden. »Ausgelöste Brandmelde-anlage im Hotel Segensberger Hof, Hauptstraße 14–18, Einsatz für den Löschzug Nord und Löschzug Mitte«, dröhnte es in der Fahrzeughalle. Die Wiederholung der Ansage ging im Tumult der herbeieilenden Kollegen unter.

Persönlich erwischte mich dieser Alarm ebenfalls zu einem äußerst ungünstigen Zeitpunkt. Gerade hatte ich den Drehknauf einer Toilettentür im ersten Obergeschoss verriegelt und war im Begriff, Sitzung zu halten, als auch mein Vorhaben jäh unterbrochen wurde. Eine Alarmierung duldet keinen Aufschub und so müssen gewisse Dinge auch mal warten, und sei es die eigene Defäkation. Nach kurzem Sprint in der Fahrzeughalle angekommen, streifte ich meine Schuhe ab, glitt in meine Stiefel und zog mir die darüber-gestülpte Latzhose über. Rein in die Jacke, Feuerwehr-sicherheitsgurt angelegt, Helm und Atemschutzmaske lagen bereits vorbereitet im Fahrzeug. Als Letzter sprang ich in die Mannschaftskabine, den Rest der Ausrüstung würde ich während der Fahrt anlegen. Hallentore öffneten sich und ein Löschfahrzeug, eine Drehleiter und ein Tanklöschfahrzeug verließen mit Blaulicht und Martinshorn die Wache. Eile und ein wenig Adrenalin können Erstaunliches bewirken. Mein Drang nach Stuhlgang war zunächst verflogen. Während unser Zugführer über Funk erste einsatztaktische Absprachen traf, vervollständigte der Angriffstrupp seine Ausrüstung. Ich schlüpfte gerade in die Begurtung meines Pressluftatmers, als Hein mich ansprach: »Du bist doch sonst nie der Letzte, wo warst du so lange?« – »Ich hatte gerade die Hose auf den Knien, wenn du verstehst, was ich meine«, antwortete ich vielsagend. »Ah, deshalb die dicken Augen«, frotzelte Hein, als er seine Atemschutzmaske aufzog. Seine Stimme klang nun verzerrt, fast so wie die von Darth Vader in StarWars, als er noch eins draufsetzte: »Verkneifen ist immer schlecht. Gibt nur Verstopfung!«

Mit diesen hoffnungsvollen Worten bog unser Löschzug in die Hauptstraße ein. In wenigen Augenblicken würden wir die Einsatzstelle erreichen. Der Segensberger Hof war eindeutig ein Hotel der Oberklasse. Ein offener Dachgarten mit integriertem Restaurant und ein ausgedehnter Wellnessbereich waren die Aushängeschilder des Hauses. Unser Löschzug traf als Erster ein. Wir hielten auf der großzügigen Umfahrt des Haupteingangs und konnten beobachten, wie Hotelbesucher vom Personal zu einem außenliegenden Sammelpunkt dirigiert wurden. »Na ja, unter diesen Umständen will ich dem Pagen mal verzeihen, dass er mir nicht die Tür aufhält«, rief Hein amüsiert, als er ausstieg und uns mit einem Wink anzeigte, dass wir folgen sollten.

Hein würde heute unseren Angriffstrupp führen. Gemeinsam machten wir uns mit Noah, unserem heutigen Zugführer, auf den Weg zur Brandmeldezentrale. Dieser gab auch schon über Funk weitere Anweisungen. »Drehleiterbesatzung erkundet die Rückseite des Hotels, der Rest baut eine Wasserversorgung auf, nachrückende Kräfte auf die Gebäuderückseite einweisen!«, sprach er in das Mikrofon seines Handfunkgerätes, während wir eine monströse Drehtür mit mittig eingelassenem Aquarium durchschritten.

Als wir die Lobby betraten, bot sich uns ein hektisches Treiben. Wo sonst Geschäftsleute an der Bar ein gelungenes Geschäft mit einem Cocktail feiern und Touristen sich mit dem Stadtplan vertraut machen, wuselte eine Menschenmenge, von Hotelpersonal dirigiert, durch einen Notausgang ins Freie. Eine Sirene heulte unaufhörlich, nur unterbrochen von Durchsagen, die die Hotelgäste zum Verlassen des Hotels aufforderten. Die ansonsten -gedämpfte Beleuchtung strahlte jetzt wie in einem Fußballstadion. Noah bahnte sich einen Weg durch die Menschen, hin zu einer hell blinkenden Leuchte, die die Lage der Brandmeldezentrale -anzeigte.

Kurz bevor wir unser Ziel erreichten, stieß der Sicherheitsbeauftragte des Hotels völlig aufgelöst zu uns. »Katastrophe, Katastrophe! Es haben mindestens drei Rauchmelder ausgelöst! Gott sei Dank sind wir nur zur Hälfte belegt. Drei Melder! Diesmal ist wirklich Feuer ausgebrochen!«, rief er, wobei sich seine hohe Stimme fast überschlug.

Brandmeldeanlagen lösen tatsächlich des Öfteren Fehlalarme aus. Ungünstige Witterungseinflüsse, technische Probleme oder auch Missbrauch sind nicht auszuschließen. Dennoch darf man solche Alarmierungen nie auf die leichte Schulter nehmen, unzählige Menschen haben diesen Anlagen ihr Leben zu verdanken. Es gilt der Grundsatz: Lieber einmal zu viel als einmal zu wenig alarmiert. An dieser Stelle kann ich jedem Leser den pädagogischen Rat nicht ersparen, in den eigenen vier Wänden Rauchmelder zu installieren.

Doch zurück zur Geschichte. Noah versuchte, den Mann zu beruhigen: »Alles der Reihe nach. Zeigen Sie mir zunächst auf dem Objektplan, wo der Brand sein soll.« Der Sicherheitsbeauftragte tat, wie ihm geheißen, und überreichte Objektpläne und Laufkarten. Noah studierte die Unterlagen und verglich sie mit der elektronischen Anzeige der Anlage, als per Funk eine Rückmeldung der im Außenbereich verbliebenen Kräfte eintraf: »Von außen keine Feststellung, Gebäuderückseite kontrolliert, Wasserversorgung steht, ein zweiter Angriffstrupp kommt zu euch.« – »Verstanden!«, quittierte Noah die Meldung, während er zeitgleich verschiedene Rauchabzugsklappen im Gebäude ferngesteuert öffnete.

Derweil schaute ich zurück in die Lobby, wo das Hotelpersonal immer noch Gäste ins Freie geleitete. Ein Pärchen im fortgeschrittenen Alter stritt sich lauthals über den gewählten Urlaubsort und ein Herr im Bademantel schwadronierte über seine unvollständige Garderobe. Mein Blick schweifte weiter und blieb an einem kleinen alltäglichen Hinweisschild hängen: WC. Die Verknüpfung zwischen Auge, Gehirn und Enddarm brauchte nur eine Millisekunde. Krämpfe durchzuckten meine Innereien, als Noah lautstark Anweisungen gab: »1. Angriffstrupp: Erkundung und gegebenenfalls Brandbekämpfung in der ›Havannasuite‹. Es dürfte sich niemand mehr in der Suite aufhalten, die Bewohner haben laut Aussage des Personals definitiv die Suite verlassen. Alle drei ausgelösten Melder sind im Bereich der Suite. Hier ist eure Laufkarte. 2. Angriffstrupp: Ihr kontrolliert das Zimmer links daneben, die sogenannte ›Bourbonsuite‹, dort sind noch zwei Personen vermisst. Wir wissen nicht, ob sie noch im Haus sind. Jedenfalls hat sie niemand beim Verlassen des Gebäudes registriert. Fragen? Keine! Dann los!«

Himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt, das hätte meinen Gefühlszustand passabel beschrieben. Einerseits war ich Noah dankbar, denn der Einsatzauftrag hatte meinen Adrenalinpegel so weit ansteigen lassen, dass meine Notdurft wieder fast vergessen war. Andererseits hatte ich das Paradies gesehen. Eine Toilette war eben noch in erreichbarer Distanz gewesen, aber jetzt war ich im Treppenraum auf dem Weg ins siebte Obergeschoss.

Zu viert, aufgeteilt in zwei Angriffstrupps, erreichten wir das mutmaßliche Brandgeschoss. Vorsichtig öffnete Hein die Tür zum Flurbereich und warf einen ersten Blick in den links befindlichen Bereich. Noch hatten wir unsere Atemschutzmasken nicht mit den Atemluftflaschen verbunden, daher konnten nasale Eindrücke noch wahrgenommen werden: »Rauchfrei, aber ich kann Brandgeruch wahrnehmen«, beschrieb Hein seine Eindrücke. »Nach ›Cohiba‹ oder ›Montecristo‹ riecht es aber nicht, oder? Nur wegen ›Havannasuite‹, versteht ihr?«, witzelte Marcel, der Truppführer des zweiten Angriffstrupps. »Klar, die haben den ganzen Humidor angezündet, du Blitzbirne! Weiter jetzt!«, gab Hein barsch zurück, während er auf der Laufkarte den Weg zur »Havannasuite« nachvollzog.

Nach etwa 20 weiteren Metern hatten wir unser Ziel erreicht. Der Brandgeruch vor den benannten Suiten wurde stärker, daher beschlossen wir, ab jetzt die Luft aus unseren Atemschutzgeräten zu nutzen. Schnell waren die Masken mit den Flaschen verbunden und eine gegenseitige Kontrolle durchgeführt. Hein beschrieb Noah über Funk den Stand der Dinge, bevor er an uns gewandt fortfuhr. »Wir bauen eine Schlauchleitung auf, während ihr die andere Suite überprüft«, wiederholte er nochmals die Aufgabenverteilung. Wir waren gerade damit beschäftigt, den Schlauch aus einem Wandhydranten sinnvoll auszulegen, als die Kollegen beherzt gegen die Tür der »Bourbonsuite« klopften. »Feuerwehr! Öffnen Sie die Tür!«, schallte es, begleitet durch Faustschläge, auf das Türblatt durch den Flur. Die Tür blieb verschlossen, überprüfen musste der Trupp die Räumlichkeiten aber auf jeden Fall. Um unnötige Sachbeschädigungen zu vermeiden und uneingeschränkten Zugang zu ermöglichen, hatte uns der Sicherheitsbeauftragte geistesgegenwärtig einen Generalschlüssel ausgehändigt. Der Schlüssel glitt ins Schloss und einen Augenblick später war der Trupp in der »Bourbonsuite« verschwunden. »Wir warten hier noch einen Augenblick«, entschied Hein seelenruhig. »Wenn wir da gleich rein gehen, ist der Flur hier ruck, zuck verraucht. Ich habe keine Lust, dass die noch mit Personen durchmarschieren, während wir hier arbeiten. Die Suite zu durchsuchen wird ja keine Ewigkeit dauern«, erklärte er sein Zögern.

Es dauerte wirklich keine Ewigkeit. Nach ungefähr 30 Sekun-den kam der Trupp mit zwei Personen im Schlepptau wieder heraus. Das schöne Goethezitat »halb zog sie ihn, halb sank er hin« war wie für diese Szene gemacht. An einem Mann in den besten Jahren hing eine Dame, die geschätzte 30 Jahre jünger war. Aus einer solchen Konstellation sollte man niemandem einen Vorwurf machen, viele träumen ja davon, jedoch war dieses Pärchen wirklich etwas auffällig. Der Herr im Morgenmantel machte einen etwas angegriffenen Eindruck. Latent weich in den Knien und mit glasigen Augen rief er immer wieder in unterschiedlichen Lautstärken: »Das ist meine Frau! Das ist meine Frau!«

»Herzlichen Glückwunsch!«, murmelte ich ungläubig in meine Atemschutzmaske. Halb umarmend wedelte sie dem Kerl mit einem aus Federn gefertigten Staubwedel kichernd im Gesicht herum, während sie versuchte, auf hohen Hacken (in Fachkreisen auch High Heels genannt) das Gleichgewicht zu halten. Gekleidet war sie geschmackvoll, aber sehr spärlich. Das Kostümchen sollte wohl die Dienstkleidung eines Zimmermädchens darstellen, jedoch waren deutliche Unterschiede zum hauseigenen Personal erkennbar, zumindest war mir in der Vergangenheit kein Zimmermädchen mit fast freiliegendem Gluteus maximus aufgefallen. Die beiden wurden umrahmt von Marcel und seinem Kollegen, die die beiden stützten und führten. »In der Bude ist der Name Programm. Ordentlich Whiskey gesoffen, gekifft und was weiß ich nicht … Viagra liegt auch noch auf dem Tisch. Tief geschlafen haben die Herrschaften angeblich und unser Klopfen und den Alarm überhört«, meinte Marcel vorwurfsvoll im Vorbeigehen. »Wohl neidisch!«, stellte Hein noch süffisant fest, bevor er mir ein Zeichen gab, dass nun unsere Arbeit beginnen würde. Ein letztes »Das ist meine Frau!« verhallte, als die Brandschutztür zum Treppenhaus automatisch ins Schloss fiel.

»So, jetzt sind wir ja unter uns, dann wollen wir mal!« Mit diesen Worten ging Hein in eine gehockte Position neben der Tür und umfasste die Klinke. Auch ich hatte meine Position eingenommen und war bereit, gegebenenfalls sofort mit Löschmaßnahmen zu beginnen. Langsam öffnete Hein die Tür und sofort quoll dichter Rauch aus dem geöffneten Spalt. »Hier sind wir richtig!«, rief er, bevor er in tiefster Gangart ins Zimmer robbte. Hein folgend, zog ich unsere Schlauchleitung hinter uns her, hinein ins Dunkel. Durch den Rauch war die Sichtweite im Zimmer quasi null, nur in Bodennähe konnte man noch schemenhaft Dinge wie Stuhlbeine und den Fuß einer Stehlampe erkennen. Der Rauch war derart dicht, dass selbst Feuerschein nicht zu erkennen war. Lediglich hören konnte man das Feuer, fast melodisch knisterte und prasselte es links von uns. Hein griff zu seiner Wärmebildkamera, um sich besser zu orientieren. Verschiedene Temperaturen werden durch diese Kamera auf einem Bildschirm verschieden hell oder dunkel dargestellt, sodass ein Brandherd als Quelle hoher Temperaturen in der Regel schnell gefunden wird. »Dort drüben«, wies Hein mir mit ausgestrecktem Arm die Richtung. »Sieht aus wie die Reste einer Couchgarnitur. Bitte sparsam löschen, ich will nachher nicht auch noch ’nen Wasserschaden beseitigen!«, ermahnte er mich vorbeugend. Der Wasserstrahl verfehlte nicht sein Ziel, die ersten Liter verdampften sofort und zu der naturgemäß eh schon stark erhöhten Raumtemperatur gesellte sich jetzt noch heißer Wasserdampf.

In dieser an sich schon lebensfeindlichen Umgebung meldete sich nun erneut mein Enddarm. Sinngemäß schrie mein Verdauungstrakt: »Maximaler Füllstand überschritten! Zwangsöffnung in 60 Sekunden!« Kurz wägte ich im Kopf alle möglichen Alternativen ab, bevor ich Hein in Kenntnis setzte.

»Hein, ich muss aufs Klo, dringend!«, rief ich lauthals und kam mir dabei vor wie ein Schuljunge in der Grundschule, der seinen Lehrer um Erlaubnis bittet. Hein reagierte, wie nur Hein es konnte. »Na dann geh doch, ich lösch hier so lange weiter«, rief er fast beiläufig zurück. An der Schlauchleitung entlang machte ich mich auf den Weg in den Flur, als mein Körper mir signalisierte, der Weg bis zur Toilette im Flur könnte etwas zu lang sein. Die einzige Alternative war die Keramikmöbelabteilung dieser Suite. In normalen Hotelzimmern ist das WC eigentlich immer direkt links oder rechts der Eingangstür, aber ist das auch in Suiten so? Darüber nach-zudenken machte keinen Sinn, ich hatte eh nur einen Versuch.

Glück hatte ich aber auch. Wenige Meter vor der Eingangstür befand sich eine weitere Tür. Ich öffnete sie, schaute hinein, und gottlob, dahinter lag ein gekacheltes Paradies. Am Ziel war ich aber noch lange nicht. Erstens war der Raum nach dem Öffnen der Tür nun ebenfalls verraucht und zweitens setzt man sich als Feuerwehrmann in voller Montur mit Pressluftatmer auf dem Rücken nicht mal eben auf die Schüssel. Die Prozedur ist folgende: auf die Knie gehen, Begurtung des Pressluftatmers öffnen und diesen über die linke Schulter nach vorn zwischen den Beinen ablegen. Die Leitung zwischen Atemschutzmaske und Flasche ist leider nicht lang genug, dass eine solche Abfolge von Arbeitsschritten im Stehen erledigt werden könnte. Danach Feuerwehrsicherheitsgurt ablegen. Dann Jacke ausziehen, sonst wird man die Latzhose nicht los, und schlussendlich in einer rückwärtsgewandten Bewegung nach hinten auf die Schüssel gleiten und gleichzeitig die Latzhose nach unten über die Stiefel abstreifen.

Das Gefühl der Erleichterung war einfach grenzenlos. Ein positiver Nebeneffekt dieser Form der Verrichtung ist übrigens, dass man von jeglichen üblen Gerüchen durch die umluftunabhängige Atemform abgeschirmt ist. Um ehrlich zu sein, ich wollte gar nicht mehr aufstehen, ich fühlte mich frei, ich fühlte mich leicht. Schließlich wurde mir jedoch klar, dass Hein im Brandraum allein war und dass er nach meinem erfolgreichen Stuhlgang nun wieder meine volle Unterstützung verdient hatte. Nachdem ich meine Schutzkleidung wieder angelegt hatte, konnte ich die Toilette verlassen.

Die Situation, die sich mir allerdings bot, empfand ich als peinlich und ungerecht. Hein war nicht mehr allein. Die Arbeit war längst erledigt. Das Feuer war aus, der Raum war belüftet, nur kleinere Nachlöscharbeiten standen noch an. Der zweite Angriffs-trupp hatte das gerettete Pärchen im Treppenraum an Rettungsdienstpersonal übergeben und war im Anschluss zurückgekehrt, um uns zu unterstützen. Hein, Marcel und ein weiterer Kollege namens Daniel saßen seelenruhig in der ausgebrannten Couch und schauten in meine Richtung. Sie trugen immer noch ihre Atemschutzmasken, aber an ihren Augen konnte ich sehen, dass sie lachten. Hein hatte selbstverständlich meine Abwesenheit erklären müssen und so waren sie über meine eilige Notdurft im Bilde. Das Hotel verließ ich in dem Wissen, dass mich diese Geschichte bis in den Ruhestand begleiten würde. Auf jeder Weihnachtsfeier würde es heißen: »Weißt du noch, wie du damals in dem Hotel …«

Tabubruch im Seniorenpark

Je oller, desto doller

Gerne der Zeiten gedenk’ ich, da alle Glieder gelenkig – bis auf eins. Doch die Zeiten sind vorüber, steif geworden alle Glieder – bis auf eins.Johann Wolfgang von Goethe

Unsere Einsatzstelle war kein klassisches Altenheim, in dem »satt, sauber und trocken« das allgemeine Pflegeprinzip darstellte, es handelte sich vielmehr um einen noblen Wohnpark, in dem Senioren ein weitgehend selbstständiges Leben führen, von ein paar kleinen Serviceleistungen einmal abgesehen. Ein Urlaub in einem 5-Sterne-Luxusresort hätte gewisse Parallelen mit der Lebensweise der Heimbewohner dieser gut betuchten 70+-Generation.

Die Räumlichkeiten bestanden aus hübschen Apartments (zwei bis drei Zimmer, Küche, Diele, Bad) und boten ausreichend Platz, um die Wände nach eigenem Geschmack mit Weltkriegserinne-rungen, vergilbten Jugendbildern und geschmacklosen Porzellantellern vollzupflastern. Beim Freizeitprogramm hatte man die Qual der Wahl: ein reichhaltiges Butterfahrtensortiment, Golf, Schach, Handarbeit und vieles mehr. Es war für jeden etwas dabei, wobei die Teilnahme keineswegs verpflichtend war. Entweder man blieb für sich und löste Kreuzworträtsel im heimischen Ohrensessel oder man beteiligte sich an Gemeinschaftsausflügen, beispielsweise am Wandertag zum Drachenfels mit anschließendem Verkauf von Lamawolldecken.