Die Schattenreich Chroniken - Sandra Bäumler - E-Book

Die Schattenreich Chroniken E-Book

Sandra Bäumler

4,5

Beschreibung

Sie sind grausam. Sie sind zum Sterben schön. Sie sind Kreaturen der Nacht. Als der geheimnisvolle Frederic Puiset auf der Burg Hohenstein eintrifft, schwant Viktor, dem Sohn des Grafen, nichts Gutes. Seine Schwester Elisabeth hingegen ist von dem attraktiven Fremden ganz hingerissen, der im Namen seines Herrn um ihre Hand anhalten soll. Eines Tages erwacht Viktor aus einem vermeintlichen Albtraum. Doch nichts ist mehr, wie es war. Er wurde zum Vampir gewandelt und sein Vater sowie die gesamte Dienerschaft von Elisabeth im Blutrausch grausam ermordet. Kann er die Menschen, die im Dorf am Fuß der Burg leben, vor den Vampiren und seiner eigenen Gier nach Blut schützen?

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Sandra Bäumler Die Schattenreich Chroniken Kreaturen der Nacht

Für alle die Vampire lieben und Annette, du bist die Beste, ohne dich würden meine Kreaturen der Nacht noch in der virtuellen Schublade schlafen

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

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Kapitel

Prolog

Lukas hetzte durch die Dunkelheit. Zweige peitschten gegen sein Gesicht, hinterließen beißende Striemen. Mit hastigen Atemzügen pumpte er Luft in seine brennenden Lungen. Plötzlich wurde er zurückgerissen, die Schließe seines Umhangs zerquetschte ihm fast den Kehlkopf, er rang nach Atem. Sein Lodenmantel hatte sich im Geäst verfangen. Panisch zerrte er an dem rauen Stoff, der mit einem Ratsch nachgab. Er musste weg, weg von diesem grauenvollen Ort. Nur spärlich beleuchtete der Vollmond die Umgebung. Lukas hatte keine Ahnung, wo er war oder wohin er flüchten sollte. Er rannte in die unbekannte Finsternis; alles war besser, als das, was ihn verfolgte. Die Bäume schnappten mit ihren knorrigen Krallen nach ihm, kratzten über seine Haut. Er drückte sie zur Seite, ignorierte den Schmerz. Tränen rannen über seine Wangen, brannten in den Striemen. Sein Herz sprang wild gegen den Rippenkäfig. Im Geiste sah er die anderen vor sich. Die Bestie tötete sie erbarmungslos und so schnell, dass das Auge kaum folgen konnte. Der Dämon hatte ihre Kehlen aufgerissen, sich dann an ihrem Blut gütlich getan. Lukas überlebte als Einziger. Galle schoss seine Kehle hoch, zwang ihn zum Stehenbleiben. Keuchend stützte er sich an einem Baum ab. Er zuckte zusammen. War da ein Geräusch? Folgte ihm das Monster? Er musste weiter. Er schob das Geäst zur Seite, setzte seinen Weg ins Ungewisse fort. Hauptsache, er brachte möglichst viel Abstand zwischen sich und diese Kreatur. Hinter ihm brachen Zweige, sein Herz setzte einen Schlag lang aus. Er beschleunigte seine Schritte, doch der Wald wollte ihn nicht vorankommen lassen.

Voller Verzweiflung kämpfte er sich durch die Büsche, als er mitten in der Bewegung erstarrte; nicht einmal den kleinen Finger vermochte er zu rühren. Einzig sein Herz flatterte in der Brust. Panik umklammerte ihn mit ihren ehernen Klauen.

»Dachtest du wirklich, du könntest entkommen?« Die Stimme des Mannes, der die ganze Delegation bestialisch getötet hatte, klang weich, fast verführerisch. Einen Wimpernschlag später stand der Fremde vor ihm. Die Augen der Kreatur leuchteten wie glühende Holzkohlestückchen. Verzweifelt versuchte Lukas, seine Beine zu bewegen, aber sie verweigerten ihm den Dienst. Er blieb an Ort und Stelle, ohne sich auch nur eine Handbreit rühren zu können, hilflos wie ein vor Angst erstarrtes Rehkitz.

Bei Gott, was bist du, wollte er die Kreatur fragen, aber es kam nur ein heiseres Krächzen aus seiner Kehle.

»Man gab mir viele Namen, Dämon, Jäger der Nacht oder Vampir.« Die Stimme seines Gegenübers hatte sich verändert, klang nun weit entfernt von menschlich. Unfassbar, die Kreatur las seine Gedanken.

Noch immer konnte Lukas nicht ein Glied seines Körpers bewegen. Nur sein Herz arbeitete noch.

Das Monster packte ihn am Schopf und riss seinen Kopf nach hinten. Schmerzen durchzucken ihn, er keuchte auf.

»Ich rieche dein Blut, wie es durch deine Adern rauscht. Sein Geruch ist süß, so verlockend«, flüsterte die Kreatur in sein Ohr. Lukas hörte, wie sie tief einatmete, als würde sie einen betörenden Duft inhalieren. Schweiß perlte von seiner Stirn. Blanke Furcht legte sich wie eine Eisenkette um seinen Brustkorb, hinderte ihn am Atmen.

Im nächsten Moment spürte Lukas einen stechenden Schmerz an der Kehle. Die scharfen Zähne der Kreatur drangen in sein weiches Fleisch ein. Gierig saugte sie den roten Lebenssaft aus seinen Adern.

Ihm wurde übel und ein Schwindelgefühl übermannte ihn. Er wusste nicht, warum er noch auf den Beinen stand. Seine Gedanken rasten, suchten fieberhaft nach einem Ausweg, während die Kreatur sich an seinem Blut labte. Es gab nichts, was er tun konnte, um sie daran zu hindern, ihm das Leben aus den Adern zu saugen. Alles erschien hoffnungslos. Er erkannte, dass sein Ende unausweichlich gekommen war.

Vielleicht war es diese Erkenntnis, die ihn seltsam ruhig werden ließ. Er musste keine Angst haben, dies konnte nur eine Prüfung Gottes sein, und als guter Christ würde er sie ertragen. Sein ganzes Leben lang war er ein gottesfürchtiger Mensch gewesen. Lukas wusste, auf ihn wartete das Paradies. In Gedanken sprach er ein stilles Gebet, wie es ihm der Mönch in seinem Dorf gelehrt hatte. Seine Gliedmaßen wurden taub. Eine tiefe Müdigkeit erfasste ihn, sein Verstand dämmerte weg. Er spürte den Schmerz kaum noch, und nur Augenblicke später fühlte er gar nichts mehr.

***

Der Körper des jungen Mannes sackte leblos in sich zusammen und Frederic ließ sein Opfer los. Wie ein nasser Sack klatschte der Leib auf den Boden.

»Na, hast du das Paradies oder nur Finsternis gesehen, als dein Herz zu schlagen aufhörte?«, fragte er den Leichnam, den er trotz der Dunkelheit hervorragend sah. Er holte das faustgroße, auf Holz gemalte Bildnis, das er dem Boten auf der Burg abgenommen hatte, aus der Innentasche seines Umhangs. Blutspritzer verdeckten einen Teil des hübschen Gesichts. Sanft strich er mit seinen Fingerspitzen über das Mädchenporträt, um dessen Oberfläche vom Blut zu befreien. Dabei spürte er jeden getrockneten Pinselstrich. Der Anblick dieses wunderbaren Geschöpfs verzauberte ihn. Er musste es aufsuchen und für sich gewinnen. Zu viele Nächte verbrachte er schon allein. Dieses Mädchen sollte seine Gefährtin werden. Kostete es, was es wolle.

Alle Informationen, die er benötigte, um sie zu finden, hatte ihm der Abgesandte gegeben. Wenn auch nicht freiwillig. Der würdelose Kerl war mit einer Delegation zur Burg Hohenstein geschickt worden. Er sollte im Namen seines Herrn um die Schönheit werben. Genauso leicht, wie Frederic die Körper der Sterblichen kontrollieren konnte, fiel es ihm auch, in ihre Gedanken einzudringen. Mit dem Ärmel seines weißen Seidenhemdes wischte er sich das Blut vom Mund. Er spürte, dass seine Augen hell vor Erregung leuchteten. Diese faszinierende Maid würde bald ihm gehören.

1. Kapitel

Schon vor Sonnenaufgang ritt Viktor mit drei Dienern in den Wald. Sorgsam suchte er den günstigsten Platz, von dem aus er die ganze Lichtung überblicken konnte. Hier hielt sich die Rotwildherde meist früh am Morgen auf. Er hatte es auf den Leithirsch abgesehen, dessen prächtiges Geweih eine wundervolle Trophäe abgeben würde. Immer wieder war es dem Tier gelungen, zu entkommen. Dieser Hirsch hatte viel Glück. Bis heute.

Seine Männer verharrten in Sichtweite im Unterholz. Sie erwiderten Viktors Nicken. Langsam lösten sich die Nebelschwaden auf und die Sonne beschien die kniehohen Gräser. Der Morgentau glitzerte auf den Halmen. Kein Lüftchen regte sich, es herrschte eine lauschige Stille, die nur das leise Summen von Insekten unterbrach.

Ein Rascheln auf der gegenüberliegenden Seite der Lichtung erweckte Viktors Aufmerksamkeit. Angespannt hockte er zwischen den Büschen und wagte kaum, zu atmen. Es knackte im Geäst. Viktor zielte mit seiner Armbrust in die Richtung. Kurz darauf staksten zwei Hirschkühe aus dem Wald. Sie hoben ihre Köpfe, sondierten die Umgebung, verdächtige Geräusche würden sie nicht überhören. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis sie sich entspannten und zu äsen begannen. Wieder konnte man Laute im Gebüsch am Rande der Lichtung vernehmen.

Endlich trat er heraus, ein großer, majestätischer Hirsch. Sein braunes Fell glänzte rötlich im Schein der frühen Morgenstrahlen. Er überragte die Kühe deutlich. Ihm folgten weitere weibliche

Herdenmitglieder und Jungtiere vom Frühjahr. Alle Tiere beschäftigten sich jetzt mit der Suche nach zarten Gräsern. Der Hirsch hob zwischendurch seinen Kopf und lauschte. Beim geringsten Anzeichen einer Gefahr würde er mit seiner Herde die Lichtung fluchtartig verlassen. Viktor nickte nochmals seinen Männern zu, hob die Armbrust, sein Finger lag auf dem Abzug. Er wartete darauf, dass das Tier noch etwas näher kam, um einen gezielten Schuss abgeben zu können. Der Hirsch reckte den Hals und witterte. Etwas beunruhigte ihn. Viktor hielt die Luft an. Einen Augenblick lang befürchtet er, das Tier hätte ihn bemerkt und würde wieder entwischen. Doch dann knabberte es weiter die Halme an und näherte sich ihm langsam. Viktor folgte jeder Bewegung mit der Armbrust.

Nur noch ein paar Schritte. Seine Beute tat ihm den Gefallen. Er zog am Drücker, die gespannte Bogensehne schnellte zurück. Ohne Vorwarnung flatterte ein Fasan mit lautem Gezeter in die Höhe.

Auf dieses Signal hin flüchtete die Herde in wilder Panik. Mit einem dumpfen Schlag bohrte sich der Bolzen in einen Baumstamm gegenüber. Fluchend hängte Viktor sich die Armbrust über die Schulter und betrat die Lichtung. Seine Diener folgten ihm. Mattis zog das Geschoss aus dem Baumstamm.

»Den Baum habt Ihr auf jedem Fall erlegt, Herr.« Er grinste, fuhr sich durch seine wirren Locken. Viktor wollte etwas erwidern, als ihn ein Geräusch am Rande der Lichtung innehalten ließ. Er bedeutete seinen Begleitern, still zu sein, spannte seinen Bolzen sogleich wieder ein und zielte auf die Stelle. Vielleicht würde er ja doch noch Glück haben. Flach atmend beobachtete er den Waldrand. Da! Etwas flatterte aus dem Gebüsch. Es war dieser verfluchte Fasan.

»Besser als nichts«, sagte Viktor und Sekunden später lag der tote Vogel im hohen Gras.

Mattis hob das Tier auf. »Na ja, zumindest kehren wir nicht ohne Wild zurück. Auch wenn es kleiner ist, als erwartet.« Er lachte.

»Treib es nicht zu weit Junge, sonst muss ich dir deine Ohren lang ziehen«, entgegnete Viktor, doch Spott in seiner Stimme zeugte davon, dass er die Drohung nicht ernst meinte. Mattis brachte den Vogel zu den Pferden, die sie in der Nähe zurückgelassen hatten. Viktor folgte ihm, die beiden anderen Diener waren dicht hinter ihnen. Nach einem kurzen Marsch durchs Unterholz erspähte er Raja, seinen Schimmel, der sichtlich nervös war. Mattis Fuchs hingegen schien die Ruhe selbst. Viktor näherte sich seinem Pferd vorsichtig, um es nicht zu erschrecken. Als Raja seinen Reiter erkannte, beruhigte er sich.

Vorwiegend wurden hier die ruhigen Kaltblüter gehalten, da sie nicht nur als zuverlässige Reittiere, sondern auch als Arbeitstiere gute Dienste taten. Sein Pferd hingegen taugte wenig zur Feldarbeit. Viktors Vater verstand nicht, wie man an ein solch unnützes Tier Futter verschwenden konnte. Etwas Wertvolleres als dieses Ross besaß Viktor nicht. Es war ein Geschenk von Pfalzgraf Friedrich gewesen, an dessen Hof er einst als Knappe gedient hatte. Viktor war zwar der Sohn des Grafen von Hohenstein, doch die Reichtümer, die sein Vater hortete, würden ihm erst nach dessen Ableben gehören. So fiel Viktors eigener Besitz eher bescheiden aus. Rajas Name kam aus dem Arabischen und bedeutete Hoffnung, etwas, das er niemals aufgeben durfte.

Während Viktor aufsaß, befestigte Mattis den toten Vogel an seinem Sattel, dann kletterte auch er auf den Fuchs. Die zwei Diener taten es ihnen gleich. Als alle bereit waren, trieb Viktor Raja in Richtung Burg. Mattis ritt neben ihm. Viktor betrachtete den jungen Diener. Der Bursche war gut zwei Köpfe kleiner als er, aber das war nicht verwunderlich, denn aufgrund seines hohen Wuchses überragte er die meisten Menschen, die er kannte. Er strich sich eine dunkle Strähne aus dem Gesicht. Die Lederstiefel, die er über einer schwarzen Hose trug, knirschten bei jedem Schritt, den sein Ross tat.

»Wie spät mag es wohl sein?«, fragte Viktor.

»Bald werden die Glocken die Mittagszeit einläuten«, erwiderte Mattis.

»Die Jagd hat länger gedauert als geplant. Das wird Vater nicht gefallen.« Viktor verzog den Mund.

»Ach ja, heute soll uns ein Gast beehren«, erinnerte sich Mattis und hob die Augenbrauen. »Welcher wichtige Edelmann verirrt sich in diese Einöde, fernab der Reichsstadt?«

Viktor antwortete nicht, presste die Kiefer zusammen und blickte geradeaus. Elisabeth sollte unter die Haube kommen. Für seinen Vater war dies nur ein Geschäft, es ging letztlich immer um Geschäfte. Er hatte es nicht allzu eilig, zur Burg zu kommen. Gemächlich trabte Raja den Pfad entlang. Die warmen Strahlen der Septembersonne blitzten durch die zusammengewachsenen Kronen der Bäume, die sich herbstlich zu verfärben begannen. Moosgeruch lag in der Luft.

Eine von dichten Wäldern bewachsene Hügelkette bestimmte die Landschaft. Auf dem Höchsten thronte stolz die Burg Hohenstein. Man erreichte sie nur über einen einzigen schmalen Steig, der sich unterhalb des Berges gabelte. Der eine Weg führte in das kleine Dorf Hohenlohe, der andere zur fünf Tage entfernt gelegenen Reichsstadt Nürnberg.

Als Viktor die Gabelung erreichte, überlegte er kurz, ob er im Dorf nach dem Rechten sehen sollte. Fast alle dort lebenden Familien waren dazu gezwungen, auf der Burg Frondienst zu leisten. Der Graf setzte, zu Viktors Leidwesen, seine Ansprüche unerbittlich durch, ließ die Menschen bis zum Umfallen arbeiten. Ständig geriet er mit seinem Vater darüber in Streit. Heiße Wut schoss durch Viktors Körper. Er presste die Kiefer so fest zusammen, dass sie schmerzten, verwarf aber den Gedanken, das Dorf zu besuchen, und trieb sein Pferd weiter zur Festung.

Der Alte würde ihm die Hölle heißmachen, wenn er noch länger den Tag vertrödelte. Wahrscheinlich hatte er ihn mit seinem morgendlichen Jagdausflug schon genug gereizt.

Viktor sah das rot angelaufene Gesicht des alten Despoten im Geiste vor sich. Wie er schimpfte und zeterte. Oft waren seine Launen nur schwer auszuhalten.

Vielleicht sollte er einfach weit fortgehen.

Das schmale Antlitz seiner Schwester tauchte in seinen Gedanken auf und Viktor bekam ein schlechtes Gewissen. Nein. Energisch trat er seinem Hengst in die Flanken. Er würde sie nicht allein lassen, ihretwegen blieb er auf der Burg und ertrug die Reizbarkeit seines Vaters. Seufzend ritt er den geschwungenen Pfad entlang, der steil zur Festung führte.

Nur wenige Augenblicke später lag die mächtige Burg vor ihm. Eiligst schoben zwei Wächter das hölzerne Tor auf, das laut ächzte. Viktor ritt, gefolgt von seinen Begleitern, hindurch.

Ein vertrautes Bellen erregte seine Aufmerksamkeit. Als er Amica entdeckte, konnte er es kaum erwarten, ihre feuchte Schnauze im Gesicht zu spüren. Der Hündin ging es offensichtlich ebenso, denn sie passierte im Schweinsgalopp die Gesindehäuser, brachte eine Magd, die im Garten Gemüse erntete, aus dem Gleichgewicht, das Mädchen landete zeternd auf seinem Hinterteil, und erschreckte zwei Ochsen, als sie unter ihnen hindurchlief. Nur mit Mühe gelang es den Burschen, die von dem Fuhrwerk Heu abluden, das massige Gespann zu beruhigen.

Viktor erreichte die Ställe zeitgleich mit Amica, die um Rajas Beine herumschwänzelte. Der Schimmel schnaubte laut, versuchte dann, nach ihr zu schnappen.

»Da hat Euch jemand sehr vermisst«, meinte Mattis.

»Zur Fasanenjagd hätten wir sie auch mitnehmen können.« Viktor stieg von seinem Pferd und sogleich war Amica bei ihm. Er kniete sich zu ihr, strich über ihr raues Fell, sie beschnüffelte mit wedelndem Schwanz sein Gesicht.

»Ich hätte dich nicht hier lassen sollen, meine Schöne«, flüsterte er sanft, während er sie hinter den Ohren kraulte. Raja knabberte unterdessen an Viktors langem Haar. »Du hast recht, ich sollte dich von deinem Sattel befreien und abreiben.« Er stand auf.

»Sorge dafür, dass der verhexte Vogel zur Küche kommt«, befahl er Mattis.

»Ja, Herr«, erwiderte dieser sichtlich erheitert.

»Verzeiht mir, dass ich störe, aber der Graf sucht nach Euch«, sagte ein Stallbursche und ergriff die Zügel von Mattis Fuchs.

»Ich danke dir für deine Vorwarnung. Jetzt hat mein Vater so lange gewartet, dann wird er sich wohl noch eine kleine Weile gedulden können, bis ich mein Pferd versorgt habe«, gab Viktor augenzwinkernd zurück. Obwohl damit der Zorn seines Vaters wahrscheinlich ins Unermessliche wachsen würde, wollte er doch noch etwas Zeit schinden.

Er führte Raja zum Stall, Amica wich ihm nicht von der Seite. Da vernahm er aus Richtung der Werkstätten das gleichmäßige metallene Schlagen eines Schmiedehammers. Dies bedeutete nur eines: Johannes befand sich auf der Burg.

»Versorg mein Pferd«, bat Viktor den Stalljungen. Dieser nickte und nahm Rajas Zügel.

***

Schnurstracks ging Viktor zu den Werkstätten. Amica rannte ein Stück voraus, kam zurück, um dann wieder in Richtung Schmiede zu laufen. Sie schien noch ungeduldiger als Viktor zu sein. Tatsächlich stand Johannes, ein breitschultriger Hüne, in der Schmiede. Seine blonden Locken klebten ihm schweißnass im Nacken. Mit dem Handrücken fuhr er sich über die bärtige Wange. Er blickte von seiner Arbeit auf, seine himmelblauen Augen strahlten.

Obwohl Viktor der Sohn des Grafen war, verband die beiden ein freundschaftliches Verhältnis. Johannes lebte mit seiner Familie im Dorf. Er kam regelmäßig auf die Burg, um Waffen zu reparieren oder Rüstungen auszubessern, und im Gegensatz zu den meisten anderen wurde er vom Burggrafen für seine Dienste bezahlt. Aber die Vorstellungen der beiden, was eine angemessene Bezahlung war, gingen weit auseinander.

Viktor erreichte die Schmiede, hinter Johannes entdeckte er ein Mädchen, das am Boden saß und spielte. Es war Marie, die Tochter des Schmieds. Man konnte bereits jetzt erkennen, dass sie einmal eine Schönheit werden würde. Sie hatte Johannes kluge, blaue Augen und sein helles Haar, das die Farbe von reifem Weizen besaß, geerbt. Ansonsten gab es keine weitere äußerliche Gemeinsamkeit. Mit ihrer zierlichen Figur war sie das genaue Gegenteil ihres Vaters. Marie hob den Kopf und lächelte Viktor zu, als er die offene Schmiede betrat. Amica wuselte schwanzwedelnd durch die Werkstätte, schnüffelte an Johannes, schleckt mit der rauen Zunge über Maries Gesicht, die laut auflachte und den Hund von sich schob.

»Amica.« Viktor deutete neben sich, worauf die Hündin zu ihm trottete und gehorsam Platz nahm. Auch als er weiter ins Innere der Schmiede ging, blieb sie an Ort und Stelle liegen.

»Wo ist Hans? Hilft er dir gar nicht?«, erkundigte er sich.

»Nein, er kümmert sich um die Schmiede im Dorf.«

»Dann ist heute das hübsche junge Fräulein deine Hilfe.« Viktor sah zu Marie. Das Mädchen wurde ganz verlegen, ihre Wangen nahmen die Farbe von reifen Äpfeln an.

»Hast du es dabei?« Viktor schenkte seine Aufmerksamkeit wieder Johannes, konnte die Ungeduld, die unter seiner Haut prickelte, kaum zügeln. Der Schmied nickte, ging in den hinteren Teil der Werkstätte und öffnete eine Truhe, aus der er einen langen Gegenstand herausholte, welcher in ein Leintuch gehüllt war. Er reichte ihn Viktor, der ihn vorsichtig auswickelte.

Ein blank poliertes Schwert kam zum Vorschein. Viktor legte das Tuch weg und schwang das Schwert leicht von einer Seite zur anderen, es fühlte sich gut in der Hand an. Er hielt es mit der Spitze nach oben, vor sein Gesicht, sodass er die Klinge genau betrachten konnte. Filigrane Gravierungen zierten die silberglänzende Oberfläche. Sie war perfekt gearbeitet.

»Du hast dich selbst übertroffen.«

»Herr, das ist zu viel des Lobes, es ist ganz gut gelungen.«

»Sei nicht so bescheiden, mein Freund. Welchen Preis willst du dafür?«

»Das, was wir ausgehandelt hatten, Herr.«

Viktor fasste in die Tasche seiner ledernen Weste, nahm sechs Münzen heraus und drückte sie Johannes in die Hand.

»Das ist viel mehr, als wir vereinbart hatten.«

»Nein, das ist für deine hervorragende Arbeit nur angemessen. Außerdem wissen wir doch beide zu gut, dass mein Vater dich nicht so für deine Dienste entlohnt, wie es dir zusteht. Sieh dies als Ausgleich. Du hast schließlich eine Familie zu versorgen.«

»Dann danke ich Euch, Herr«, murmelte Johannes und steckte die Münzen ein.

Neugierig betrachtete Marie das Schwert, das Viktor auf das Leintuch gelegt hatte.

»Ich glaube, eine Waffe ist nichts für ein Mädchen.«

»Ich möchte auch gerne lernen, mit einer solchen umzugehen.

Dann kann ich mich und meine Familie verteidigen.«

»Das fehlte noch«, brummte ihr Vater.

Viktor musste schmunzeln. »Ich könnte dich in die Kunst des Schwertkampfs einweisen.« Dabei kniete er sich vor das Mädchen, sodass er sich mit Marie auf Augenhöhe befand.

»Wirklich?« Sie strahlte ihn an.

»Na ja, um so eine Waffe halten zu können, musst du allerdings noch etwas wachsen«, gab er amüsiert zu bedenken.

»Aber ich bin schon elf Winter alt!«

»Nun, ich glaube trotzdem, du solltest noch etwas größer werden.«

»Marie, jetzt hör auf, dem adligen Herrn die Geduld zu rauben«, unterbrach Johannes seine Tochter barsch.

»Ist schon gut. Wenn du groß genug bist, werde ich es dir vielleicht beibringen«, versuchte Viktor einzulenken. Das Mädchen starrte den Vater finster an und bemerkte so nicht, dass Viktor in seine Westentasche fasste, um eine Münze hervorzuholen.

»Ja, was ist denn da?« Viktor deutete auf das Ohr der Kleinen. Sie fasste sich hin.

»Nichts«, sagte sie verdutzt. Viktor streifte mit seinem Finger leicht Maries Ohr, dann hielt er seine offene Hand vor das Gesicht des Mädchens. Auf der Handfläche lag eine Kupfermünze.

»Sieh an, was ich in deinem Ohr gefunden habe.«

Marie sah die Münze ungläubig an, all der Groll schien vergessen. »Wie habt Ihr das gemacht?«

Viktor musste sich zwingen, nicht zu lachen, als die blauen Augen des Mädchens ihn verwirrt anstarrten.

»Na, Zauberei«, antwortete er und gab Marie die Münze, die diese ungläubig in der Hand hin und her drehte.

»Lasst das bloß nicht Bruder Franziskus hören. Der würde Euch doch glatt den Teufel austreiben«, meldete sich Johannes zu Wort. Viktor stimmte in sein dunkles Lachen mit ein.

»Herr, Herr!«, rief der alte Jakob aufgeregt, während er auf die Schmiede zu rannte. Viktor stand auf, um dem Diener entgegenzulaufen. Jakob rang nach Atem, als er ihn erreichte. »Herr …«, fing er noch mal an, brachte aber kein Wort heraus.

»Nur langsam, alter Knabe, setzt dich und verschnaufe ein wenig«, versuchte Viktor, den Mann zu beruhigen.

Lange, bevor Viktor geboren worden war, stand Jakob schon in den Diensten des Grafen, und war seinem Herrn stets treu ergeben. Nun hatte der schmächtige Mann ein Alter erreicht, in dem er sich etwas Ruhe redlich verdient hatte, fand Viktor. Er musterte den Greis, dessen weißes Haar lichter wurde. Jakobs dünner Körper wirkte gebrechlich und offensichtlich verließen ihn aufgrund des Alters langsam seine Kräfte, denn noch immer japste er heftig nach Luft.

»Der Graf wünscht, Euch zu sprechen«, berichtete er, nachdem er zu Atem gekommen war. »Den ganzen Tag verlangt er schon nach Euch.«

»Na, dann möchte ich meinen Vater nicht länger warten lassen«, erwiderte Viktor. »Bitte bring das Schwert in meine Kammer.

Aber erst bleibst du ein wenig sitzen und ruhst dich aus, Jakob.«

»Aber Euer Vater, Herr!«

»Falls er nach dir verlangt, fällt mir schon eine Ausrede für deine Abwesenheit ein. Gehab dich wohl, Johannes. Kleine Maid Marie, ich hoffe, wir sehen uns bald wieder.«

Viktor verließ die Schmiede in Richtung Herrenhaus.

»Amica«, sagte er, als er seine Hündin erreichte, worauf sie aufsprang und voraus sprintete.

»Herr, Ihr habt etwas vergessen.«

Viktor blieb stehen, Marie war ihm gefolgt. Mit gerunzelter Stirn schaute er auf sie herab.

»Eure Münze.« Sie hob ihm die Handfläche entgegen, auf der das kupferne Geldstück lag.

Viktor lächelte. »Die hab ich dir doch aus dem Ohr gezaubert. Sie ist deine.« Er schloss ihre Faust um die Münze. »Jetzt muss ich aber gehen, bezaubernde Marie.« Damit setzte er seinen Weg fort.

2. Kapitel

Viktor durchquerte das Tor in der inneren Ringmauer und betrat den kleinen Hof vor dem Palas. Ein massives Sandsteingemäuer, das Kellerräume und den Kerker beherbergte, bildete dessen Fundament. Auf dieses hatte man in Höhe der ersten Etage ein Fachwerkgebäude gesetzt. Der Bergfried daneben überragte alle Bauten der Burg, gleich einem steinernen Riesen behielt er seine Umgebung fest im Blick.

Als Viktor auf die Steintreppe zusteuerte, die zum Eingangsportal führte, umschmeichelte ihn der Duft nach frischem Brät. Dieses köstliche Aroma ließ ihm das Wasser im Munde zusammenlaufen. Sein Blick glitt zur Küche, die in einer kleinen Hütte außerhalb des Palas untergebracht war. Die rundliche Köchin übergoss gerade das Wildschwein, das an einem Spieß über dem Feuer briet. Schweißperlen glänzten auf Ottilias breiter Stirn. Auch Amica blieb von dem verführerischen Duft nicht unberührt. Sie schlich zu der Kochstelle, doch Viktor rief streng ihren Namen. Mit hängenden Ohren kam sie zurück, wobei sie ihm einen vorwurfsvollen Blick zuwarf.

Sein Magen beschwerte sich lautstark. Seit dem Morgen hatte Viktor nichts mehr gegessen; er dachte darüber nach, ob er zur Küche gehen sollte, entschloss sich aber, seinen Vater nicht länger warten zu lassen. Er stieg die Treppe hinauf. Durch das eisenbeschlagene Portal betrat er einen Vorraum, von dem zwei einfache Holztüren abzweigten. Die linke führte zur kleinen Kapelle, in der er sich manchmal aufhielt und den Anschein erweckte, er

wäre ins Gebet vertieft. Dies hatte sich als effektiv erwiesen, wenn er ungestört sein wollte. Sein Vater war sehr religiös, er erachtete es als eine Sünde, einen Mann während seines Gebets zu stören. Doch jetzt gab es keine Zeit dafür. Seufzend öffnete Viktor die Tür zum Rittersaal und trat ein.

Dort herrschte ebenfalls große Betriebsamkeit. Bedienstete schoben Tische zu einer langen Tafel zusammen, rückten Stühle und Bänke an die richtige Stelle, stellten an den Wänden eiserne Leuchter auf. Der düstere Saal sollte wohl für die unbekannten Gäste hell erstrahlen. Normalerweise hasste der Graf es, Kerzen zu verschwenden. Aber der Abgesandte und dessen Gefolgschaft repräsentierten einen wichtigen Fürsten. Der zeigte an Elisabeth ein großes Interesse, nachdem er das kleine Porträt zu Gesicht bekommen hatte, das sein Vater anfertigen ließ. Die Delegation sollte die Heiratsbedingungen aushandeln. Ein Knecht säuberte den mannsgroßen Kamin aus Sandstein. Der Besuch schien wirklich immens wichtig zu sein, nur selten wurde dort ein Feuer entzündet. Viktors Blick glitt durch den Raum, seinen Vater konnte er in dem bunten Treiben nicht finden. Er verließ den Saal durch einen Torbogen auf der anderen Seite und betrat die hölzerne Wendeltreppe. Oben angekommen, konnte er die grollende Stimme seines Vaters bereits hören.

Viktor schritt den Gang entlang. Die Nägel von Amicas Pfoten kratzten über den Holzboden. Die kleinen Fenster zum Innenhof wechselten sich mit brennenden Fackeln ab. Entzündete Wandfackeln, kein Zweifel, der Graf zog alle Register, um seinen Gast zu beeindrucken. Langsam passierte Viktor eine Tür nach der anderen.

Der Tag hatte so schön angefangen. Viktor entwich ein leises Stöhnen. Die Stimme seines Vaters wurde zunehmend lauter, je näher er der mit prachtvollen Schnitzereien verzierten Tür kam, die in dessen Gemach führte. Amica fiepte leise, schon öfter hatte sie mit den Schuhen des Grafen Bekanntschaft gemacht, wenn er in einer solchen Stimmung war. Sie senkte den Kopf, stellte das Nackenfell auf und wurde immer langsamer, wie Viktor auch. Es lagen nur noch wenige Schritte vor ihm. Mittlerweile konnte er jedes Schimpfwort verstehen, das sein Vater den Bediensteten an den Kopf warf. Die Laune des Grafen war heute nicht die Beste. Viktor lachte bitter, eigentlich war der alte Herr nie bei guter Laune. Er blieb vor der Tür stehen; dahinter schrie sein Vater, wie unfähig alle waren, und schaute zu Amica, die ihn flehend anblickte.

»Keine Sorge, du musst da nicht hinein.« Er deutete neben die Tür. Amica nahm gehorsam Platz. Anschließend legte er die Hand auf die Klinke, machte noch einen tiefen Atemzug, dann drückte er sie herunter. Sein Vater befand sich so in Rage, dass er sein Eintreten gar nicht bemerkte.

Der Graf fuhr aufgeregt über seinen ergrauten Bart. Er stand in der Mitte des Raumes, nur mit einem Leinenhemd bekleidet, das seine stämmige Statur in keinster Weise verbarg. Der Leibdiener brachte ein Kleidungsstück nach dem anderen, welches der Graf wiederum ein ums andere Mal zu Boden warf. Sein Kammerjunge sammelte diese wieder auf, um sie ordentlich in der bemalten Holztruhe zu verstauen. Auch der Arbeitstisch vor dem Fenster war mit Kleidungsstücken übersät.

Das Gesicht des Grafen lief puterrot an.

»Das sind alles nur alte Fetzen! Gibt es hier keine anständigen Kleider? Ich kann dem Abgesandten so nicht gegenübertreten. Der hält mich doch für einen Bettler!«

»Ihr seid doch immer zu geizig, um Euch neue Kleider anfertigen zu lassen, Vater.«

Bei diesen Worten zuckte der Graf zusammen. Es dauerte einige Augenblicke, bevor er reagierte.

»Da bist du ja endlich, du hast mich lange warten lassen.«

»Ich war jagen, da habe ich die Zeit vergessen.«

»Jagen, ich erwarte heute einen wichtigen Gast und du gehst jagen! Ich sollte dir eine verpassen. Du weißt, wie wichtig dieser Besuch für mich ist … und für deine Schwester natürlich«, fügte der Graf nach einer kleinen Pause hinzu. »Er besucht uns im Namen eines bedeutenden Fürsten, der seines Zeichens ein Berater Karls des Vierten ist. Wenn deine Schwester einen adligen Mann aus dem königlichen Hofstaat heiraten würde, wäre solch eine Verbindung das Beste, was ihr passieren kann.«

»Das Beste für sie oder für Euch?« Viktor machte einen Schritt in Richtung seines Vaters, unterdrücke das Verlangen, die Hände zu Fäusten zu ballen. Er spürte das vertraute Gefühl ohnmächtiger Wut in seinen Eingeweiden. Seine Schwester sollte wie Vieh verschachert werden, und er würde nichts dagegen tun können.

»Für unsere ganze Familie. Sie ist fünfzehn Jahre, im heiratsfähigen Alter also. Wenn sie nicht bald einen Mann findet, dann kann ich sie nur noch ins Kloster schicken«, antwortete der Graf barsch.

»Und wenn sie diesen Kerl nicht liebt, Vater?«

»Liebe, pah … die wird überschätzt. Das Einzige, was für eine adelige Frau wirklich zählt, ist ein Mann, der ihr ein standesgemäßes Leben bieten kann. Deine Schwester wird dies einmal zu schätzen wissen! Von dir werde ich wohl keine Erben erwarten können, ohne passendes Weib, daher braucht deine Schwester einen angemessenen Ehemann, mit dem sie adlige Nachkommen zeugen kann.« Der Blick des Fürsten fiel auf das Hemd, welches ihm sein Diener eben gereicht hatte und sein ohnehin rotes Gesicht färbte sich noch dunkler.

»Was soll das für ein Fetzen sein?«, schrie er und schlug damit nach seinem Bediensteten, der sich gerade noch ducken konnte. »Und wo bleiben die anderen Gewänder, nach denen ich geschickt habe? Ist hier denn wirklich niemand fähig, seine Arbeit zu verrichten?«

Der Graf wandte sich wieder Viktor zu, der sich zwang, den Vorwurf bezüglich seiner Unfähigkeit, eine Frau zu finden, unkommentiert zu lassen. Damit würde er nur wieder einen Streit vom Zaun brechen, darauf hatte er keine Lust.

»Beaufsichtige die Vorbereitungen! Ich will, dass der Abgesandte einen guten Eindruck von uns bekommt, sodass er seinem edlen Herren nur Positives berichten kann, und wo zum Teufel ist Jakob?«

»Ich habe ihn in die Küche befohlen, damit er nach dem Rechten sieht.«

»Gut, gut, wenn du ihn siehst, schick ihn zu mir.« Damit widmete der Graf der Garderobe wieder seine ungeteilte Aufmerksamkeit. Schon beim nächsten Gewand prasselte auf den Diener ein Schwall von Beschimpfungen nieder.

Viktor machte kehrt und verließ den Raum. Er schloss die Tür, lehnte sich dagegen und sog den Atem tief in seine Lunge. Es hatte ihn einiges gekostet, seinem Ärger nicht Luft zu machen. Aus den Augenwinkeln entdeckte er am Ende des Ganges eine vertraute Gestalt. Erst jetzt bemerkte er auch, dass seine Hündin nicht mehr auf ihrem Platz saß.

Elisabeth stand am Fenster, strich verträumt über Amicas Kopf. Seine Schwester schien etwas so vertieft zu beobachten, dass sie ihn offensichtlich nicht bemerkte, denn sie reagierte nicht. Viktor räusperte sich, um sie nicht zu erschrecken. Sie zeigte keine Reaktion. Doch als er direkt hinter ihr stand, drehte sie sich zu ihm.

»Na, hat der alte Herr schlechte Laune? Ich konnte ihn bis hierher schreien hören. Man müsste denken, seine Laune wäre besser, da er meint, bald eine passende Partie für mich zu finden, und er mich los ist, wenn seine Pläne aufgehen.«

»Nein, kleine Fee.« Viktors Kosename für Elisabeth war treffend, denn ihre zierliche Figur und ihre blasse, durchscheinende Haut gab ihr etwas Feenhaftes.

Viktor berührte kurz ihr kupferrotes Haar, das ihr bis zu den Hüften reichte, ließ es durch seine Finger gleiten. Die lindgrüne Farbe des schmalen, bodenlangen Seidenkleids, das sie trug, unterstrich ihre Elfenhaftigkeit.

»Er will nur dein Bestes.« Er erschrak über sich selbst. Jetzt hörte er sich wie sein Vater an.

Elisabeth lachte bitter. »Für mich oder für sich?«

Viktor wollte antworten, aber sie kam ihm zuvor.

»Und sag nicht, dass er mich liebt, denn so ist es nicht. Ich bin die Muttermörderin, hast du das vergessen? Ich bin schuld, dass sie gestorben ist.«

»Aber das stimmt nicht, kleine Fee. Sie ist bei deiner Geburt gestorben. Es ist nicht deine Schuld.«

»Das ist aber die Meinung des alten Mannes, er lässt es mich jeden Tag spüren. Und dass ich ihr so ähnlich bin, ist auch kein Vorteil. Schon allein das Graublau meiner Augen schmerzt ihn, du hast seine grünen. Wenn er dich betrachtet, sieht er sich selbst, seinen Stammhalter. Wenn er mich ansieht, wird er nur an Mutter erinnert.«

Viktor schwieg. Er wusste, dass seine Schwester recht behielt. Er ähnelte seinem Vater wirklich sehr, als dieser jung gewesen war, musste er genauso ausgesehen haben. Elisabeth hingegen war ihrer beider Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten. Den Schmerz, den ihr Anblick auslöste, ließ der alten Fürsten Elisabeth bei jeder Gelegenheit spüren. Bis heute war er nicht über den Tod seiner Ehefrau hinweggekommen. Aus diesem Grund hatte er sich seither auch nie darum bemüht, ein neues Weib zu finden, und sein Herz war zu Stein geworden. Er fristete ein einsames, verbittertes Leben. Vielleicht war es ja besser, wenn Elisabeth heiratete und die Burg verließ. Viktor spürte einen Stich in der Brust, der Gedanke schmerzte ihn. Seine Schwester war das Liebste, das er hier hatte. Ohne sie wäre das Leben auf der Burg ein einsames Einerlei, nur unterbrochen von den Wutausbrüchen seines Vaters.

»Weißt du überhaupt, dass der Kerl, mit dem er mich vermählen möchte, die Fünfzig schon weit überschritten hat?«

Elisabeth blickte aus dem Fenster. Schwalben schnappten im Flug nach Insekten. »Es muss sich unglaublich gut anfühlen, so frei zu sein«, sagte sie leise. »Sie können tun und lassen, was immer sie wollen.«

Viktor strich ihr über ihr seidenes Haar.

»Es ist noch nichts passiert, lass uns erst einmal abwarten.« Er küsste seine Schwester sanft auf den Hinterkopf. Anschließend lenkte er seine Schritte zum Rittersaal, Amica folgte ihm ohne Aufforderung.

Die Tafel, Stühle und Bänke befanden sich an ihren Plätzen. Zwei Mägde fegten den Boden, das Feuer im Kamin war bereits entfacht. Soweit es Viktor zu beurteilen vermochte, lief alles bestens, die Gäste konnten kommen. Er erinnerte sich wieder an seinen knurrenden Magen, beschloss daher, zur Küche zu gehen.

***

Viktor stand neben der gedeckten Tafel im Rittersaal und beobachtete seinen Vater, der wie ein Wolf im Käfig unruhig auf und ablief. Amica drückte sich an seine Beine, suchte den Schutz ihres Herrn. Es war bereits dunkel geworden, von den angekündigten Gästen fehlte jede Spur.

»Was bilden sich dieser Abgesandte und seine lächerliche Gefolgschaft bloß ein!« Die Stimme des Fürsten hallte von den Steinwänden wider. »Meine besten Kleider habe ich angezogen.« Er strich sein bodenlanges blaues Gewand zurecht, das in der Körpermitte von einem braunen Gürtel zusammengehalten wurde.

»Die köstlichsten Speisen stehen hier auf dem Tisch. Und jetzt verdirbt alles, weil dieser Kerl sich nicht blicken lässt. Er ist nur ein kleiner Lakai, nicht der König. Ich sollte die ganze Brut auspeitschen lassen, um ihnen Manieren beizubringen …!«

»Verzeiht mir meine Verspätung, edler Graf von Hohenstein, aber der Weg war sehr beschwerlich.« Ein junger Mann stand mitten im Raum. Keiner hatte sein Kommen bemerkt, nicht einmal Viktor, der sonst eigentlich sehr wachsam war. Der Graf hielt in der Bewegung inne und starrte den Fremden mit offenem Mund an. Amica knurrte leise, Viktor bedeutete ihr, still zu sein. Sein Vater rang sichtbar nach Fassung. Viktor trat etwas zurück, denn er erwartete einen Wutausbruch epischen Ausmaßes. Wiederum war es der Gast, der das Wort ergriff.

»Ich bringe Euch die Grüße meines Herren. Er war sehr von Eurer Tochter angetan. Ich habe ein Schreiben, das ich Euch überbringen soll.« Mit diesen Worten überreichte er ein versiegeltes Pergament.

»Habt Dank.« Der Graf nahm das Schreiben entgegen, schien wie ausgewechselt zu sein, lächelte sogar. Nun war es Viktor, dem der Mund offenstand, diesen Gemütsumschwung hätte er nicht erwartet. Amica zitterte an seinem Bein wie Espenlaub.

Der Blick des Fremden schweifte kurz zu ihm, bevor er Elisabeth ins Visier nahm. Er hatte etwas von einem Raubtier.

»Dies…« Dabei machte sein Vater eine ausladende Handbewegung, »… sind meine Kinder Viktor und Elisabeth.«

»Mein Name lautet Frederic Puiset, Ihr könnt mich Frederic nennen. Es ist mir eine Ehre.« Der Fremde schenkte Viktor keinerlei Beachtung, sondern wandte sich gleich an Elisabeth, die errötete, als er ihr für Viktors Geschmack zu lange in die Augen sah.

»Ich habe gehört, dass Ihr schön seid, aber die Beschreibungen werden Eurer Schönheit nicht gerecht.« Bei diesen Worten wurde die Röte in ihrem Gesicht noch intensiver. Sie senkte sittsam den Blick, betrachtete den Mann jedoch weiter durch ihre langen Wimpern. Viktor missfiel das Verhalten der beiden. Wie gierig dieser Kerl sein Gegenüber ansah, und Elisabeth, die mehr als geschmeichelt schien. Viktor musterte den Mann misstrauisch, denn er teilte die Faszination seiner Schwester nicht. Außerdem war er als Ritter gewohnt, die Stärken und Schwächen eines potenziellen Gegenübers einzuschätzen. Sein Blick streifte das dunkelbraune Haar des Fremden, das er im Nacken zusammengebunden trug, glitt über dessen Körper, den man, soweit es sich erkennen ließ, als wohlgeformt bezeichnen konnte, und kehrte zu Frederics Gesicht zurück. Dessen Haut war von vornehmer Blässe, fast schon ungesund hell. Wie eine Leiche. Viktor verschränkte die Arme, bekam ein ungutes Gefühl in der Magengegend. Dieser Mann war gefährlich.

Sein Vater räusperte sich. »Wir sind an den Hof geladen, was für eine wundervolle Nachricht.« Er hielt das entfaltete Schreiben in die Höhe und strahlte. So hatte Viktor ihn noch nie gesehen. »Wo ist Euer Gefolge? Uns wurde eine Delegation angekündigt«, wandte er sich an Frederic.

»Nun, ich reise allein«, gab der zurück. Dass ein Edelmann ohne Begleitung reiste, war schon sehr eigenartig.

Nachdenklich kratzte Viktor über sein bartschattiges Kinn. Irgendetwas war hier faul. Er fixierte den seltsamen Besucher, der erwiderte seinen Blick. Die Lippen des Gastes verzogen sich zu einem Grinsen und für einen kurzen Moment blitzten dessen Augen auf. Viktor spürte einen stechenden Schmerz in seinem Kopf. Über was hatte er gerade nachgedacht? Er vermochte sich an die vergangenen Augenblicke nicht zu erinnern. Verwirrt schaute er zu Frederic, dieser lächelte unschuldig.

In Viktor machte sich das Gefühl breit, dass alles in bester Ordnung sei und es nichts gab, worüber er sich Sorgen machen sollte. »Ohne Gefolge zu reisen ist sehr ungewöhnlich und auch gefährlich, möchte man meinen«, hörte er seinen Vater sagen. »Wie dem auch sei, begeben wir uns zu Tisch. Ich hoffe, es ist alles zu Eurer Zufriedenheit, greift zu«, lud der Graf seinen Gast ein.

»Verzeiht mir. Auf meinem Weg zu Euch gelang es mir, einen Hasen zu erlegen, den ich sogleich zubereitete. Aus diesem Grunde war mein Eintreffen so spät«, entschuldigte sich Frederic. »Ich weiß Eure Gastfreundschaft zu schätzen, aber nach der langen Reise würde ich mich lieber zurückziehen.«

Der alte Fürst starrte den Mann mit funkelnden Augen an, ballte die Hände zu Fäusten. Da war sie wieder, Vaters jähzornige Seite. »Was soll das heißen, Ihr verschmäht…!« Als hätte er mitten im Satz vergessen, was er schreien wollte, brach er abrupt ab, sein Gesicht entspannte sich und von Zorn war keine Spur mehr zu entdecken. Er sah mit ausdruckslosen Augen zu Elisabeth. »Meine Tochter wird Euch Euer Gemach zeigen. Wir sehen uns dann Morgen«, sagte er tonlos.

Elisabeth ging mit einem breiten Strahlen in Richtung Treppe.

»Mein Herr, folgt mir hier entlang.« Nachdem die beiden aus dem Saal verschwunden waren, drehte sich der Fürst, als wäre nichts geschehen, zu Viktor: »Komm, mein Sohn, lass uns essen, ehe alles schlecht wird.«

Sie setzten sich an die reich gedeckte Tafel. Viktors Stirn pochte. Müde stütze er seine Ellenbogen auf dem Tisch ab und massierte mit den Fingerspitzen die Schläfen. Er hatte das Gefühl, ein drückender Nebel würde seinen Verstand einhüllen. Dann löste er sich langsam auf. Je klarer sein Geist wurde, desto stärker verspürte er dem Fremden gegenüber Misstrauen.

»Dieser Frederic ist etwas seltsam Vater, findet Ihr nicht?«, fragte er vorsichtig.

»Seltsam? Er ist nicht seltsam, sondern ein eitler Fatzke«, brummte sein Vater barsch mit vollem Mund. Es schien, als habe er sich vorgenommen, alles, was sich auf dem Tisch befand zu verspeisen.

3. Kapitel

Elisabeth vermochte ihre Aufregung kaum zu verbergen, als sie den Gang entlang schritt. Sie lief schweigend neben Frederic und betrachtete den jungen Mann mit verstohlenen Blicken. Er konnte nicht älter als zwanzig Winter sein. Seine feinen Gesichtszüge waren vollkommen, die Lippen wunderschön geschwungen. Schon bei der bloßen Vorstellung, wie es sein musste, wenn dieser Mund den ihren sanft berührte, kitzelten zarte Elfenflügel in ihrem Bauch.

Im Gegensatz zu den meisten Männern trug Frederic keinen Bart. Sie mochte Bärte nicht, denn sie verdeckten die Gesichter. Außer ihrem Bruder hatte sie bisher selten einen Mann getroffen, der sich rasierte. Das Schönste an dem Fremden waren, so befand Elisabeth, dessen klare bernsteinbraune Augen, die von langen dunklen Wimpern umrahmt wurden. Ihre Blicke trafen sich und Elisabeth hatte das Gefühl, in diesen Augen zu versinken.

»Die Burg Eures Vaters ist beeindruckend.« Frederics samtige Stimme strich sanft über ihre Haut, wie die warmen Strahlen der Frühlingssonne nach einem langen Winter.

»Naja, sie ist ziemlich zugig und manchmal auch unheimlich. Wenn ich allein durch die Gänge wandle, habe ich sogar ein bisschen Angst.«

»Aber jetzt, mit mir, habt Ihr keine Angst?« Sein intensiver Blick ging ihr unter die Haut.

»Nein«, hauchte sie, mehr brachte sie in diesem Moment nicht hervor. Inzwischen waren sie stehen geblieben. Langsam beugte

sich Frederic zu ihr hinunter. Elisabeth zuckte zusammen, fast berührte seine Nasenspitze die ihre. Hunderte von Schmetterlingen schienen in ihrem Bauch einen Festtanz aufzuführen. Ihr Herz begann wild zu schlagen und sie hielt gespannt den Atem an, während sich sein Mund dem ihren näherte. Sein männlicher Duft umhüllte sie, es war wie ein Traum, ein wundervoller Traum, aus dem sie niemals wieder erwachen wollte.

»Ich dachte, es ist besser, wenn ich Euch Euer Zimmer zeige«, ließ die Stimme ihres Bruders Elisabeth zurückschrecken. Frederic trat ebenfalls einen Schritt zurück, straffte sich, verzog aber keine Miene. Sie konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass ihn das unerwartete Auftauchen ihres Bruders nicht allzu sehr überraschte.

»Elisabeth, geh bitte zu Vater.« Der Tonlage nach klang dies mehr nach einem Befehl als nach einer Bitte. Einfältiger Viktor, wenn er nicht gekommen wäre, hätte sie ihren ersten Kuss gekostet. Er war ein dummer Tölpel. Zorn stieg in ihr auf. Amica knurrte Frederic leise an. Natürlich war die Hündin auf Seiten ihres Herrn.

»Geh zu Vater!«, forderte Viktor sie erneut auf, worauf Elisabeth sich zögerlich in Richtung Treppe entfernte.

***

Viktor starrte sein Gegenüber an. Am liebsten hätte er dem Mann für sein dreistes Benehmen die Faust ins Gesicht gerammt. Nur unter Aufwendung seiner ganzen Kraft gelang es ihm, sich zu beherrschen und das Feuer, das durch seine Adern raste, unter Kontrolle zu halten.

»Ruhig, Amica«, befahl er seiner Hündin, die mit gesträubtem Nackenfell neben ihm stand und die Zähne fletschte. So aggressiv hatte er seine treue Begleiterin noch nie gesehen. Auch sie schien den Fremden für gefährlich zu halten.

»Nun, hier entlang«, sagte Viktor frostig und schritt voran. »Wie lange wollt Ihr auf unserer Burg verweilen?« Er konnte die Wut nicht aus seiner Stimme heraushalten.

»Ich reise ab, wenn ich das habe, weswegen ich gekommen bin.« Frederic bedachte ihn mit einem Lächeln. Ein kalter Hauch strich über Viktors Nacken, die Worte hörten sich eindeutig nach einer Drohung an.

»Werdet Ihr dann zu Eurem Herrn zurückkehren oder bereist Ihr noch andere heiratswillige Damen in dessen Namen?« Aufmerksam musterte Viktor das Gesicht seines Gegenübers.

»Er hatte nur Augen für Elisabeth und das kann ich ihm nicht verdenken, Eure Schwester ist eine Augenweide.«

»Ihr seid sehr jung für jemanden, der Verhandlungen führen soll.«

»Ja, ich bin sozusagen der engste Berater des Fürsten. Er schätzt gerade meine unkonventionellen Ansichten.«

»Seltsam, dass so ein wichtiger Mann kein Gefolge hat«, bemerkte Viktor in einem vor Sarkasmus triefenden Tonfall.

»Nun, manchmal ist es besser, allein zu reisen und keine Aufmerksamkeit zu erregen.«

»Hier ist Euer Zimmer. Meines ist übrigens nicht weit entfernt.« Viktor deutete auf die Tür, die sich neben der befand, vor der sie stehen geblieben waren. »Hier hallt es fürchterlich, nachts ist jeder Schritt im Gang zu hören.«

»Oh, seid beruhigt, ich kann sehr leise sein, fast lautlos«, entgegnete Frederic. Viktor würde auf der Hut sein. Er nahm eine Fackel aus ihrer Wandhalterung und öffnete die Tür.

»Hier könnt Ihr Eure Habe verstauen. Ihr besitzt Gepäck, oder reist Ihr auch ohne jegliche Habe?« Viktor konnte sich den bissigen Unterton nicht verkneifen, schritt dabei zu einer Truhe, die er öffnete.

»Natürlich nicht.« Frederic zog erstaunt die Augenbrauen hoch. »Es ist noch bei meinem Pferd.«

»Ich werde einen Bediensteten anweisen, es zu bringen«, brummte Viktor.

Langsam durchquerte Frederic das Zimmer, strich über die dunkle Wandvertäfelung, blieb dann vor dem Bett stehen, zog die Vorhänge zur Seite.

»Blutroter Samt, was für eine ansprechende Farbe«, stellte er bewundernd fest.

»Wenn Euch zu kühl ist, kann eine Magd Feuer machen.« Viktor deutete auf den großen Wandkamin gegenüber dem Bett.

»Das wird nicht nötig sein, es ist mir lieber, wenn ein Raum nicht so warm ist.«

»Dann kann ich Euch nur noch eine angenehme Nachtruhe wünschen.« Damit reichte Viktor Frederic die Fackel und verließ das Zimmer. Die Tür zog er mit einem lauten Schlag zu. Am liebsten hätte er gegen etwas getreten. Er wusste nicht warum, aber dieser Mann machte ihn einfach nur wütend. Amica fiepte.

»Meine Hübsche, du traust diesem Kerl auch nicht.« Er ging in die Hocke, kraulte sie hinter dem Ohr. In diesem Moment vernahm er Schritte und erhob sich. Elisabeth schritt den Gang entlang, starrte durch ihn hindurch, als wäre er Luft. Sie war böse auf ihn. Dieser Gedanke piekte in sein Herz, als würde es mit kleinen Messer traktiert werden. Er mochte es nicht, wenn sie ihm böse war. Als sie ihn passierte und keine Anstalten machte, stehen zu bleiben, umfasste Viktor ihren Arm, zwang sie so zum Anhalten.

»Kleine Fee«, flüsterte er sanft.

»Nimm deine Hand vor mir, ich möchte in mein Zimmer.« Noch immer würdigte sie ihn keines Blickes. Amica stieß mit der Nase gegen ihren Rock, wollte gestreichelt werden, doch sogar den Hund beachtete sie nicht. Ihr stures, uneinsichtiges Verhalten machte ihn langsam wütend.

»Du wirst dich von diesem Fremden fernhalten!«, fuhr er sie an. Jetzt wandte sich Elisabeth ihm doch zu. Als er bemerkte, wie sie ihn ansah, tat ihm sein harter Ton leid.

»Komm mit mir, ich bring dich zu deinem Zimmer, kleine Fee«, sagte er sanfter. Sie folgten dem Flur schweigend zu dessen Ende. »Du weißt, ich liebe dich und werde dich vor allem Bösen beschützen«, unterbracht Viktor das Schweigen.

»Ach, wenn du das nur könntest«, erwiderte Elisabeth traurig.

»Versprich mir bitte, dass du dich von diesem Mann fernhältst, ich habe bei ihm ein ungutes Gefühl.«

»Nein Viktor, du bist ungerecht. Frederic hat dir nichts getan und er ist unser Gast, wir sollten ihm mit Freundlichkeit und Respekt begegnen.« Elisabeth blieb vor ihrer Zimmertür stehen. Ihre fortgesetzte Uneinsichtigkeit befeuerte Viktors Wut erneut.

»Ich bin dein Bruder, zur Hölle, du wirst gehorchen!«

»Aber du bist nicht Vater, nur er kann ein Verbot aussprechen. Das hat er nicht, damit werde ich mit Frederic so viel Zeit verbringen, wie ich will. Er soll doch einen guten Eindruck von mir bekommen, um seinem Herrn Positives zu berichten.« Elisabeths Augen funkelten herausfordernd. Ungeduldig umfasste Viktor ihre Schultern, verspürte den Drang, den Starrsinn aus ihr herauszuschütteln.

»Hör auf, mir zu widersprechen, und halte dich von ihm fern!«

»Jetzt redest du wie Vater!« Sie sah ihn trotzig an. »Was wollt ihr eigentlich? Erst hofft ihr auf eine gute Partie, dann soll ich mich vor dem Mann, der von seinem Herrn, einem hochgestellten Fürsten, geschickte wurde, um in dessen Namen für mich zu freien, verstecken. Entscheidet euch endlich!« Elisabeth drehte sich auf dem Absatz um und verschwand in ihrem Zimmer. Viktor wollte ihr folgen, ließ es aber dann doch bleiben. Wenn er weiter auf sie einredete, trieb er sie wahrscheinlich noch mehr in die Arme dieses Fremden. Nein, er würde Morgen noch mal in Ruhe mit ihr sprechen.

Er betrat seinen Schlafraum. Eigentlich hätte er einem Bediensteten wegen Frederics Gepäck Bescheid geben müssen, aber der eitle Topf würde diese Nacht auch ohne seine Habe auskommen können.

Sofort machte Amica es sich vor dem Kamin gemütlich, in dem noch etwas Glut glomm. Eine Magd hatte schon vor geraumer Zeit ein Feuer entfacht, denn trotz des warmen Spätsommers wurde es in dem Gemäuer des Nachts sehr kalt. Viktor ging zu der Truhe, auf der sein neues Schwert lag, wickelte es aus und fuhr mit den Fingerspitzen die Klinge entlang. Ein Schmerz durchzuckte ihn, Blut quoll aus seinem Zeigefinger. Aus einem Reflex heraus steckte er den Finger in den Mund, schmeckte das kupferartige Aroma. Er hasste diesen Geschmack. Zum Glück hörte die Blutung schnell auf. Nachdenklich musterte er das Schwert in seiner Hand, es war äußerst scharf, würde sehr gute Dienste tun. Feinde sollten sich in Acht nehmen. Jetzt galt es, eine passende Scheide in der Waffenkammer zu finden. Er legte das Schwert wieder auf die Truhe und entledigte sich seiner Stiefel sowie der Kleidung. Müde sank er in sein Bett. Immer wieder lauschte er, ob er verdächtige Geräusche vernahm. Er wollte wachsam bleiben, doch als alles still blieb und auch Amica keine Reaktion zeigte, konnte er den Schlaf nicht mehr aufhalten.

***

Am nächsten Morgen erwachte er wie gerädert. Er hatte schlecht geträumt. Genau konnte er sich nicht mehr erinnern, er wusste nur noch, dass er in seinem Traum sehr viel Blut gesehen hatte. Vielleicht eine Erinnerung an die Schlachtfelder. Schwere Zeiten, die er lange hinter sich wähnte.

Amica saß vor seinem Bett, winselte leise und blickte erwartungsvoll. Die Strahlen der Sonne erwärmten Viktors Gesicht, sie stand bereits hoch am hellblauen Himmel. Es sah nach einem wunderschönen Tag aus, den er sich bestimmt nicht durch einen Albtraum verderben lassen würde. Er schwang sich aus dem Bett, unterzog sich einer Katzenwäsche, schlüpfte in Hose, Leinhemd sowie Stiefel und verließ, gefolgt von seiner Hündin, das Zimmer. Als Amica an der Tür des Gastes vorbeilief, knurrte sie leise und beschleunigte ihren Schritt.

Im Rittersaal saß sein Vater an der Tafel und aß. War der Alte überhaupt zu Bett gegangen oder hatte er die Nacht hindurch gegessen? Die einfachere Kleidung, die er trug, ließ den Schluss zu, dass er die Tafel wohl doch verlassen haben musste.

»Guten Morgen, Vater. Wie ich sehe, lasst Ihr es Euch schmecken.« Viktor nahm ebenfalls Platz. Ein mürrisches Brummen kam als Antwort. Nach der Miene des alten Herren zu urteilen, schien sich seine Laune heute wieder verschlechtert zu haben. Die freudige Aussicht, den königlichen Hof besuchen zu dürfen, hatte nicht sehr lange angehalten. Der Graf steckte sich gerade ein großes Stück Braten in den Mund. Nachdem er es herunter geschluckt hatte, fand er seine Stimme wieder.

»Deine Schwester ist schon in aller Frühe ausgeritten, in Männergewändern! Was macht das für einen Eindruck? Sie ist ein Weib, und hat sich verdammt noch mal wie eines zu benehmen!«

Viktor überraschte diese Nachricht nicht, denn er wusste, dass seine Schwester nichts mehr liebte, als im wilden Ritt durch die Wälder zu fliegen. Normalerweise gelang es ihr, diese Ausflüge vor ihrem Vater zu verheimlichen, dass sie dies heute so offen tat, sollte den alten Herrn mit Sicherheit provozieren. Sie machte damit alles nur schlimmer.

»Und unser Gast?«, erkundigte Viktor sich.

»Der wurde bis jetzt weder gesehen noch gehört. Eine Magd wollte ihm Frühstück bringen, aber sie sagte, seine Tür wäre verschlossen. Bin gespannt, wann der sich blicken lässt.«

»Wenn weiter nichts anliegt, sehe ich nach den Pferden«, sagte Viktor.

»Ja, tu das.« Der Graf schob sich das nächste Bratenstück in den Mund. Viktor riss etwas Brot ab und stand auf. Er aß es, während er zu den Stallungen schlenderte. Amica tobte voraus, belästigte die Bediensteten, die die Tiere fütterten, in der Hoffnung, es könnte etwas abfallen, bellte das Mädchen an, das sich um den eingezäunten Burggarten kümmerte. Viktor rief seine Hündin zu sich, die hängenden Ohren zeigten deutlich Amicas Missfallen.

Als er die Stallungen erreichte, unterbrach einer der Burschen seine Arbeit und trat Viktor in den Weg. Der Knabe biss sich angespannt auf die Unterlippe.

»Ist alles in Ordnung, mein Junge?«, fragte Viktor.

»Na, ja Herr, eines der Pferde … es … ich weiß nicht, wie … es

….« Der Knabe sah ihn ängstlich an.

»Was ist mit dem Tier?«, hakte Viktor ungeduldig nach.

»Kommt, Herr und seht selbst.«

Eilig folgte er dem Jungen ans Ende des Stalls. Bedeckt von Säcken lag etwas im Stroh. Der Diener nahm die Säcke weg und eine Stute, die in Kürze fohlen sollte, kam zu Vorschein.

»Wir haben sie abgedeckt, damit Eure Schwester das tote Tier nicht sieht.«

»Was ist passiert?«, fuhr Viktor sein Gegenüber scharf an.

»Ich weiß nicht, Herr. Als ich heute Morgen in den Stall gekommen war, lag sie schon so da.«

Viktor näherte sich dem Tier, um es genauer zu betrachten. Eine riesige Wunde klaffte an dessen Hals, das Muskelfleisch war völlig zerfetzt, sogar einige Halswirbel waren zu erkennen. Der Körper des Pferdes wurde von einer blutigen Pfütze umrahmt.

»Das kann nur ein großes Raubtier gewesen sein«, mutmaßte Mattis, der sich dazugesellt hatte. »Wir können von Glück reden, dass es nicht mehr Tiere gerissen hat.«

»Heute Nacht werden wir die Stallungen bewachen. Sorgt dafür, dass der Kadaver fortgebracht wird. Sind die anderen Tiere in Ordnung?«

»Ja Herr, sogar das Vieh, das im Freien steht, blieb verschont.«

»Wirklich seltsam«, sagte Viktor. »Lieber dringt dieses Raubtier in den verschlossenen Stall ein, als die leichtere Beute, die Tiere auf der Koppel, zu reißen.« Er wandte sich Mattis zu. »Und es hat wirklich niemand etwas gehört?«

»Nein, Herr.«

»Wir müssen unbedingt erfahren, wo das Tier Zugang zur Burg erlangte. Irgendwie muss es ja eingedrungen sein.«

4. Kapitel

Viktor und die Knechte suchten bereits den ganzen Vormittag die Vorburg ab, doch sie konnten keine undichte Stelle in dem Gemäuer finden. Jetzt war er langsam mit seinem Latein am Ende. Nachdenklich kratzte er sein bartschattiges Kinn und ließ den Blick über die Umgebung schweifen. Elisabeth lenkte ihre Stute durch das große Burgtor. Sie hielt direkt auf ihn zu.

»Ist etwas geschehen? Nach was suchen die Knechte?«

»Ein Raubtier hat die weiße Stute gerissen. Wir hoffen darauf, sein Schlupfloch zu finden.«

»Wart ihr erfolgreich?«

»Nein, es gibt keine Spur von diesem Vieh, wir müssen heute Nacht Wachen aufstellen«, erwidert Viktor zerknirscht, schaute dabei zur Stallung. »Eines ist seltsam, es tötete das Pferd, hat es aber nicht gefressen …«

Er wandte sich wieder seiner Schwester zu. »Du verlässt heute Abend den Palas bitte nicht, versprich mir das.«

»Wurden Menschen auch verletzt?«

»Nein, aber trotzdem, bleib bitte im Haus, solange ungewiss ist, ob dieses Vieh wiederkommt.«

»Ja, ich werde tun, was du von mir verlangst.« Elisabeth wendete ihr Pferd. Viktor schaute zu, wie sie auf ihrer Fuchsstute zu den Stallungen trabte. Er konnte nicht erklären warum, aber in ihm wuchs das Gefühl, dass hier sehr Gefährliches am Werke war. Alle seine Sinne schlug Alarm. Doch wie konnte man gegen einen Feind kämpfen, den man nicht aufzuspüren vermochte? Wie sollte er der Lage Herr werden? Er musste sich heute Nacht auf die Lauer legen. Wenn dieses räuberische Vieh es wagte, wieder in die Burg einzudringen, würde es seinen Meister finden. Viktor war Jäger und jedes Tier, auf das er es abgesehen hatte, konnte er früher oder später erlegen.

***

Elisabeths Blick folgte Viktor, der auf seinem Hengst das Burgtor passierte. Sie stand im obersten Geschoss des Bergfrieds, ihrem Lieblingsplatz. Bei klarem Wetter, wie heute, konnte man meilenweit sehen. In friedlichen Zeiten wollte ihr Vater den Turm nicht mit Wachen bestücken. Der alte Graf nahm nur so viele Söldner in seine Dienste, wie es unbedingt notwendig war. So konnte Elisabeth hier die Einsamkeit ungestört genießen und ihren Gedanken nachhängen.

Ihr Leinrock flatterte im Wind, aber sie fror nicht, denn das laue Nachmittagslüftchen war angenehm warm. Der Wind trug den Geruch von reifem Weizen zu ihr. Sie schloss die Augen und atmete tief ein. Bei ihrer Ankunft hatte Vater ihr eine kräftige Ohrfeige verpasst und nur dank Viktor war es nicht zu mehr gekommen. Der jähzornige alte Mann ließ öfter die Fäuste sprechen. Elisabeths Augen brannten verräterisch, eine Zornesträne entkam ihr, perlte über die pochende Wange. Mit dem Handrücken wischte sie die Nässe weg.

»Zu den Aufgaben einer adligen Dame gehört, dass sie sich mit Handarbeiten oder der Erziehung der Kinder beschäftigt. Sie reitet nicht in Männerkleidern wild über die Felder. Wenn das deine Mutter wüsste!«, hatte er gebrüllt.

Ein wütendes Schnauben entkam ihr. Wäre sie doch ein Junge geworden, dann könnte sie in die Welt hinausziehen, weg von ihrem despotischen Vater.

Ob Mutter dieses Leben wirklich für ihre Tochter gewollt hätte? Elisabeth hatte sie nie kennengelernt, doch in diesem Moment vermisste sie ihre Mutter unglaublich. Viktor erzählte manchmal von ihr, dass sie eine gütige und sanftmütige Frau gewesen war. Ihr wäre bestimmt am Glück ihrer Tochter gelegen, Vater hingegen dachte nur an Profit. Wie er sie an einen möglichst reichen und mächtigen Ehemann verschachern konnte. Verbindungen zum Königshof würden sein Ansehen und seinen Reichtum mit Sicherheit mehren. Daher sähe er es bestimmt gerne, wenn sie einen guten Eindruck bei Frederic hinterlassen würde. Was ihr gelegen kam, nur selten war sie mit dem alten Herrn einer Meinung. Doch was war mit Frederic? Wie es schien, hatte er den ganzen Tag sein Zimmer noch nicht verlassen. Lag es an Viktors unangemessenem Verhalten? Wie er sich gestern als ihr großer Bruder aufgespielt hatte, der Narr.

Sie rutschte auf dem Boden, lehnte den Rücken gegen die Mauer und schlang die Arme um ihre Knie. Heiße Tränen quollen aus ihren Augen. Niemals würde sie ihre eigenen Entscheidungen treffen können. Immer würden andere dies tun, und kein Mann käme jemals auf die Idee, zu fragen, was sie wollte. Selbst Viktor sah in ihr nur seine kleine Schwester, ein schwaches Mädchen, das man beschützen musste. Schniefend wischte sie sich die Tränen aus dem Gesicht. Wie sie es hasste, für alle ein hilfebedürftiges Weib zu sein. Aber Frederic hatte sich ihr gegenüber anders verhalten. Die Blicke, die er ihr zuwarf. Ein wohliger Schauer lief über Elisabeths Leib. Dieser Mann sah kein schwaches Mädchen in ihr, dessen war sie sich sicher. Genau das gefiel ihr an dem attraktiven Fremden. Er nahm sie, im Gegensatz zu den Männern, die sie umgaben, wirklich als Frau wahr ... und die Gefühle, die er in ihr auslöste, so etwas hatte sie bisher noch nie gespürt.

***

Die letzten Strahlen der Sonne färbten den Himmel tiefrot. Elisabeth stand auf. Es war Zeit, ihre kleine friedliche Idylle zu verlassen und vom Turm wieder herabzusteigen. Sie kletterte die vielen Holzstufen hinab, jede brachte sie der Welt näher, in der nur herumgeschubst wurde.

Zu ihrer Erleichterung begegnete ihr vor dem Palas keine Menschenseele. Ihre Schritte hallten einsam durch den Raum, als sie den Rittersaal passierte. Sie erklomm die Treppe, deren Stufen bei jedem Schritt knarrten. Auch im Obergeschoss hielt sich zum Glück niemand auf. Viktor hatte heute Nacht jeden Diener und Knecht in Beschlag genommen, um nach dem unbekannten Eindringling zu suchen. Sie war schon an der Tür ihres Vaters vorbei, als diese aufging. Elisabeth beschleunigte ihren Schritt, hoffte, dass sie ihr Zimmer erreichte, bevor er sie bemerkte. Aber er ließ ihr keine Chance zur Flucht.

»Elisabeth, komme her!«

Sie blieb mit einem leisen Seufzen stehen und drehte sich langsam zu ihm. Sein Gesicht hatte das vertraute Dunkelrot angenommen, die Zornesfalte zwischen den Brauen war tief in seine Stirn gegraben. Nur zögerlich ging sie zu ihm, ihr Herz beschleunigte seinen Schlag. Was hatte sie nun wieder falsch gemacht?

»Hast du diesen Frederic gesehen?«, schnaube er, als sie vor ihm stand.

»Nein«, antwortet sie. Ihr fiel ein Stein vom Herzen, sie war dieses Mal nicht Grund seines Grolles. Im nächsten Moment ersetzte Erstaunen das Gefühl der Erleichterung, da Frederic offensichtlich noch immer nicht aus seinem Zimmer gekommen war.

»Der Kerl hat sich den ganzen Tag nicht blicken lassen. Was bildet der sich ein …«

Ihr Vater konnte seinen Satz nicht beenden, wie aus dem Nichts war Frederic aufgetaucht. Wo kam er her?

»Graf, ich wollte Euch nur mitteilen, dass die Köchin die Liebenswürdigkeit besaß, mir ein kleines Mahl zuzubereiten. Ich hoffe, es ist für euch keine Beleidigung, wenn ich das Abendmahl ausfallen lasse?«

Der Graf sah ihn verwirrt an. »Nein, nein, wenn alles zu Eurer Zufriedenheit ist«, stammelte er. Kein Schimpfwort oder Fluch warf er dem Gast an den Kopf, sondern starrte nur, als wäre er nicht Herr seiner Sinne. So hatte Elisabeth ihren Vater noch nie erlebt.

»Ihr wolltet doch in Eure Räume gehen«, sagte Frederic sanft.

»Ja, Ihr habt recht. Es macht Euch doch nichts aus, wenn meine Tochter Euch Gesellschaft leistet, es wartet die Erledigung dringender Geschäfte auf mich«, erwiderte der Graf mit monotoner Stimme.

»Nein, geht ruhig.«