Die Schlangen werden dich holen - Emilienne Malfatto - E-Book

Die Schlangen werden dich holen E-Book

Emilienne Malfatto

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Beschreibung

Es ist ein Krieg, den niemand so nennt. In Kolumbien werden jedes Jahr Hunderte von Menschen ermordet, ohne dass die Öffentlichkeit Notiz davon nimmt. Warum musste Maritza sterben? Emilienne Malfatto geht einem Frauenmord an einer sozialen Aktivistin in Kolumbien und der Frage nach, wie es dazu kommen konnte. Sie beleuchtet die Hintergründe, indem sie mit Maritzas Familie und ihren Freund*innen spricht und an die Orte des Geschehens reist – oft unter gefährlichen Umständen. Auf der Suche nach der Wahrheit, gewährt Malfatto einen Einblick in eine Gesellschaft , die von Lügnern und gewalttätigen Männern systematisch unterdrückt wird. Dabei schreckt sie nicht davor zurück, die kolumbianische Regierung, Drogenbosse und die Korruption im Land anzuklagen. Diese fulminante literarische Recherche beweist, dass Schreiben die Macht hat, den Tätern nachzuspüren, um den Stimmen der Opfer Gehör zu verschaff en. Der besondere Blick und der persönliche Stil Malfattos erzeugen eine berührende Poesie. »Eine mutige und notwendige Erzählung, die bewirkt, dass Maritza Quiroz Leiva und ihr Kampf nicht in Vergessenheit geraten.« babelio.com »Malfattos Schreibstil ist von großer Schönheit. Aus einer journalistischen Recherche […] macht sie eine tiefgründige und bewegende Geschichte, deren tragische Handlung mit atemberaubender Feinfühligkeit entwickelt wird.« #Sando

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Seitenzahl: 129

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Inhalt

Im Norden Kolumbiens, Januar 2019

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

14.

15.

Nachwort

Danksagung

Über die Autorin

Über die Übersetzerin

Für Maritzas Kinder.

Für meine Mutter.

Begnüge dich damit, zu wissen, dass alles ein

Geheimnis ist:

die Erschaffung der Welt und deine,

die Bestimmung der Welt und deine.

Lächle diesen Geheimnissen zu wie einer Gefahr,

die du gering schätzt.

Glaube nicht, dass du etwas wissen wirst,

wenn du über die Schwelle des Todes getreten bist.

Friede dem Menschen im schwarzen Schweigen des

Jenseits.

Omar Chayyām

Im Norden Kolumbiens, Januar 2019

ES IST SO WEIT. DIE MALA HORA IST GEKOMMEN. In wenigen Augenblicken wird Maritza Quiroz Leiva tot sein. Die unteren Berghänge der Sierra Nevada liegen im Dunklen. Licht dringt durch die Ritzen von Maritzas bescheidener Finca, die gar kein richtiges Bauernhaus ist, sondern nur eine Bruchbude aus Beton und Holz inmitten von Kaffee, Kakao und Vogelrufen. Die Finca heißt El Diviso. Um dorthin zu gelangen, braucht man mit dem Motorrad mehr als eine Stunde auf holprigen, rutschigen und in der Regenzeit matschigen Pisten, in engen Kurven zum Ansturm auf die Sierra, diesen gigantischen Stern aus Fels, auf diese Bergketten, die sich wie Arme nach dem Gipfel strecken, und dazwischen strömen Flüsse mit magischen Namen wie zwischen den Fingern einer offenen Hand.

Der kleine Hof liegt auf der linken Seite der Schotterpiste, klammert sich an einen steilen Berghang voller Kaffeesträucher, am Ende eines Weges, den Mandarinenbäume säumen. Es ist noch nicht allzu spät, aber in dieser mondlosen Nacht ist nichts zu erkennen. Es ist der 5. Januar, und Maritza wird sterben.

Drinnen schlafen Maritza und ihr Sohn Camilo noch. Oder vielleicht ist Maritza auch schon wach. Camilo wird vom Klopfen gegen das Holz geweckt, oder vielleicht von seiner Mutter, die ihm an die Schulter fasst, er weiß es nicht mehr. Er ist in diesem leichten Schwebezustand des nachmittäglichen Schläfers, der erst nach Sonnenuntergang wieder zu sich kommt. Im Hintergrund murmelt das Radio, eine Männerstimme und eine Frauenstimme, eine religiöse Sendung. Camilo setzt sich auf dem unbequemen Bett auf, ihm ist vom Schlaf noch ganz schwummerig, es war eine späte Siesta gewesen, sie haben noch nicht zu Abend gegessen.

Maritza hat bereits verstanden, sie ringt die Hände, sie weiß, was unerwartete Besucher nach neun Uhr abends hier zu bedeuten haben. Sie legt ihren Zeigefinger auf die Lippen, psst, jetzt bloß kein Geräusch machen. Die Leute vor der Tür wissen vielleicht nicht, dass ihr Sohn hier ist. Sie macht Gesten, die ihm zu verstehen geben, dass er unter das Bett kriechen soll. Camilo nimmt die Sache nicht ernst, aber er kennt die Ängste seiner Mutter, ihre Nervosität, er nickt, in Ordnung, legt sich auf den Betonboden.

An der Tür ist das Klopfen energischer geworden. »Machen Sie auf, Señora Maritza.« Eine Männerstimme, nicht wirklich bedrohlich, aber doch schon ein bisschen, von der Sorte, die keinen Widerspruch duldet. Maritza schindet noch ein paar Sekunden, »ich komme gleich«, Tränen in der Stimme, Panik. Sie bekreuzigt sich, Mein Gott, beschütze mich, bei dieser Erinnerung ist sich Camilo nicht sicher. Die Stimme drängt. Maritza zieht den Riegel zurück. Camilo liegt unter dem Bett. Seine Mutter öffnet die Tür. Sie tritt vor, geht ein paar Schritte in die Dunkelheit, als wolle sie die Killer davon abhalten, ins Zimmer zu kommen. Er sieht die Männer nicht. Er sieht seine Mutter nicht mehr. Die Nacht ist zu dicht. Einige Augenblicke. Stille. Camilo hört nur die Geräusche der Nacht und das Radio, das seine Mutter nicht ausgeschaltet hat.

Plötzlich ein kurzer Knall, dann noch einer. Zwei Schüsse, das dumpfe Geräusch eines Körpers, der auf dem Boden aufschlägt, der Klang eines Stoßes gegen Holz, vielleicht ist sie beim Fallen gegen die Tür geprallt. Dann kracht es noch zweimal, als hätten sie zuvor noch kurz überlegt. Die leeren Patronenhülsen fallen klirrend zu Boden. Camilo rührt sich nicht, schreit nicht, sein Atem wird zittrig, keuchend. Er wartet lange, liegt flach unter dem Bett, seine kurzsichtigen Augen starren auf die blaue Wand und auf das Rechteck aus Finsternis, in dem seine Mutter verschwunden ist. Er wartet darauf, dass die Killer ihn holen kommen, ihn aus seinem Versteck zerren wie ein Tier, das in der Falle sitzt. Doch nichts geschieht. Der Tod ist lautlos fortgegangen. Camilo hört nur noch die tropische Nacht mit dem Zirpen der Insekten und den Schreien von Tieren, die nicht wissen, dass Maritza tot ist.

1.

SO HAT ES GEENDET. Bäuchlings, mit vier Kugeln im Leib, an den Berghängen der Sierra Nevada de Santa Marta, jenem Gebirge, das ins karibische Meer eintaucht, dort, wo indigene Völker leben und Adler nisten, wo heilige Pflanzen wachsen und auch jene, die die Menschen um den Verstand bringen. Dort, wo diese Geschichte fünfzehn Jahre zuvor begonnen hatte.

Maritza Quiroz Leiva, einundsechzig Jahre alt, Mutter von sechs Kindern, ermordet am 5. Januar 2019. Der fünfte Mord an einer sozialen Aktivistin in diesem Jahr, der fünfte in weniger als einer Woche. Der Vorfall sorgte für einige Schlagzeilen, die Zeitungen füllten ihre Spalten mit fehlerhaften Informationen, weil sie nichts Besseres hatten, und dann ging die Geschichte in der Flut der Nachrichten unter. Ich war weit weg, ich habe damals nichts davon gehört. Ich habe deinen Namen, Maritza, nur durch Zufall erfahren, Monate später, in einem kleinen Zimmer unter einem Dach in Bogotá. Warum habe ich gerade dich ausgewählt? Vielleicht weil du eine Mutter warst, kaum älter als meine eigene, und auf dem einzigen Foto aus deiner Jugend, das ich gesehen habe, kurzes, schwarzes, lockiges Haar hast wie sie. Ich wollte herausfinden, wie es in deinem Leben so weit kommen konnte.

Am Anfang warst du nur ein Punkt auf einer Karte, eine Statistik in einer Tabelle über die Morde an sozialen Aktivistinnen und Aktivisten, die im Land stetig zunehmen, seit die kolumbianische Regierung 2016 ein Friedensabkommen mit der FARC geschlossen hat, den Revolutionären Streitkräften Kolumbiens, die aus einem Bauernaufstand entstanden sind, in einem Land, in dem eine zutiefst archaische – um nicht zu sagen feudale – Landverteilung herrscht.

Im Jahr 2016 wurde also nach mehr als einem halben Jahrhundert des Konflikts, nach fehlgeschlagenen Versuchen, abgebrochenen Verhandlungen und zu guter Letzt noch vier Jahren Gesprächen in Kuba, schließlich ein Abkommen unterzeichnet. Man hat viel von Frieden gesprochen, aber es wäre wohl angemessener, von einem Krieg weniger zu sprechen. In den facettenreichen kolumbianischen Konflikt waren so viele Bewegungen involviert – andere Aufstände verbündeter oder konkurrierender Banden, Paramilitärs, Drogenhändler, die mehr oder weniger korrupte reguläre Armee –, dass es illusorisch war zu glauben, man könne ihn so einfach lösen.

Fünf Jahrzehnte Krieg haben mehr als sieben Millionen Opfer hinterlassen – Tote, Vermisste und Vertriebene. Ihre Zahl nimmt weiter zu. Es gibt immer mehr Dissidenten der FARC, die das Friedensabkommen ablehnen und sich wieder bewaffnen. Und die Kolonnen, die den Kampf tatsächlich eingestellt haben, haben durch ihren Rückzug aus den ländlichen Gebieten ein Machtvakuum geschaffen und das Feld diversen Gruppen überlassen, von denen es in Kolumbien, dem größten Kokainproduzenten der Welt, nur so wimmelt. Die Anfang der 2000er Jahre offiziell demobilisierten Paramilitärs werden – unter verschiedenen Namen – immer einflussreicher und sichtbarer, seit wieder eine Regierung an die Macht gekommen ist,1 die sich ihnen gegenüber nachsichtig zeigt. Und die sozialen Aktivistinnen und Aktivisten aus der Zivilgesellschaft werden ermordet.

»Das Land ist in einem katastrophalen Zustand«, erklärt mir mit großer Ernüchterung ein alter Freund und Journalist am Tresen einer Kneipe im Zentrum von Bogotá. Ich bin am Tag zuvor angekommen. Schon lange lebe ich nicht mehr hier. Ich hatte das entsetzliche Elend in der Hauptstadt vergessen, die Schwärze von Abgasen und Armut, die Versehrten, die auf der Straße schlafen, die Vertriebenen, Abfallprodukte des Konflikts, die massenweise in den Slums an den Berghängen hausen, und die Gewalt. Sie kommen von überall hierher, aus dem Amazonasgebiet, von der Karibik- oder der Pazifikküste, wo man gerade erst einige Indigenen-Anführer massakriert hat, das steht auf den Titelseiten der Zeitungen, die in den kleinen Kiosken verkauft werden.

Bevor ich mich mit deinem Fall beschäftigt habe, Maritza, hatte ich im strömenden Regen von Bogotá wochenlang Organisationen, Universitäten und Büros abgeklappert, weil ich dieses Phänomen, die Ermordung der sozialen Aktivistinnen und Aktivisten, verstehen wollte – für das dein Tod in gewisser Weise eine Fallstudie ist. Ich habe Professoren an der Universität de los Andes befragt, und an der Nacional, auf meinem alten Campus, wo es immer noch nach Marihuana und nach Freiheit riecht, ich habe mit Anwälten und Wissenschaftlern gesprochen, mit besorgten Bürgerrechtlern und desillusionierten Journalisten.

Was ist eigentlich ein »sozialer Aktivist«, eine »soziale Aktivistin«? Dieser Begriff wird in Kolumbien sehr häufig verwendet, für alle möglichen Menschen. Im Wesentlichen ist damit jede Person gemeint, die sich für die Verteidigung und Förderung von Rechten einsetzt: für ihre eigenen Rechte, die Rechte einer Gemeinschaft, der Umwelt, der Arbeiter usw. Schon immer sind soziale Aktivistinnen und Aktivisten bedroht, verfolgt – auch mit legalen Mitteln – und ermordet worden. Aber seit dem Abschluss des Friedensvertrags sterben jedes Jahr mehr von ihnen, und zwar im ganzen Land. Im Jahr 2016 wurden 97 von ihnen ermordet. Im Jahr 2017: 159. Im Jahr 2018:172. Und im Jahr 2019:250. In der Mathematik nennt man das exponentielles Wachstum. Man könnte es auch Massaker nennen.

Letztlich lässt sich die Problematik folgendermaßen zusammenfassen: Jeder, der sich den Mächtigen oder ihren wirtschaftlichen Interessen – Drogenhandel, großen Energie-, Bergbau-, Landwirtschafts- oder sonstigen Projekten – in den Weg stellt, wird beseitigt. Es geht um zu viel Geld, als dass Menschenleben dabei ins Gewicht fallen könnten.

Man könnte sogar noch weiter gehen und von einem Massaker sprechen, das die Behörden beharrlich verharmlosen – oder sogar glattweg leugnen. Die politischen und wirtschaftlichen Eliten, die das Land seit Generationen, seit Jahrhunderten fest im Griff haben, haben keinerlei Interesse daran, dass sich etwas ändert. Das Chaos kommt ihnen zugute.

Im Dezember 2017 hat der Verteidigungsminister öffentlich erklärt, die weitaus meisten Morde an sozialen Aktivistinnen und Aktivisten seien das Ergebnis von Nachbarschaftsstreitigkeiten und »Techtelmechteln«.

Noch vor Kurzem, im Juli 2020, als ich mit der Niederschrift dieses Buches beinahe fertig war, hat der kolumbianische Präsident Iván Duque behauptet, diese Morde seien seit dem Beginn seiner Amtszeit – also seit 2018 – um 25 Prozent zurückgegangen. Dabei besagen die Zahlen das Gegenteil.

Dein Tod, Maritza, ist zu einer Liste hinzugekommen, die bereits lang war und die ständig länger wird.

1Die Autorin bezieht sich auf die rechtskonservative Regierung unter Präsident Iván Duque (2018–2022), die den Friedensprozess ausbremste. Im August 2022 wurde diese von der ersten linksgerichteten Regierung Kolumbiens abgelöst. Präsident Gustavo Petro und seine Vizepräsidentin, die Afrokolumbianerin und soziale Aktivistin Francia Márquez, treiben den Friedensprozess mit mehr Entschlossenheit voran. (Anm. d. Ü.)

2.

DAS KLEINE FLUGZEUG NEIGT SICH NACH VORN UND ALLES IST GRÜN. Ein smaragdgrüner Teppich. Große Wasserbänder, die sich wie riesige Anacondas durch den Wald schlängeln.

Ich bin in diese Welt am Ende der Welt gekommen, in diese Stadt, deren Namen ich für mich behalten werde, um mich mit deinen Kindern zu treffen, Maritza. Einige von ihnen verstecken sich seit deinem Tod hier. Seit die Presse verraten hat, dass dein Sohn bei dem Mord dabei war, und auch noch seinen vollen Familiennamen veröffentlicht hat – fehlten nur noch die Adresse und ein Passfoto.

Einen Moment lang hatte ich befürchtet, dass ich gar nicht so weit kommen würde. Die ganze Sache war alles andere als einfach. Deine Kinder sind misstrauisch und traumatisiert, und nur durch viel Glück und ein gutes Netzwerk von befreundeten Journalisten in Kolumbien ist es mir gelungen, mit ihnen in Kontakt zu kommen.

Ich habe niemandem gesagt, wo es hinging, nicht einmal den Freunden, die mich zum Flughafen gebracht haben und dabei sämtliche roten Ampeln überfuhren, weil wir spät dran waren. Und zu guter Letzt wäre das Flugzeug beinahe nicht gestartet. Ein Problem mit Küken und einer defekten Lüftungsanlage, das Geflügel drohe in dem nicht ausreichend mit Sauerstoff versorgten Frachtraum zu ersticken, verkündete der Flugkapitän ungerührt, während er uns zum Abflugbereich zurückbrachte. Mein Sitznachbar verzog spöttisch das Gesicht. Es war ein Soldat, ein junger Leutnant mit Stoppelhaar und kurzsichtigen Augen hinter den Brillengläsern. Wir unterhielten uns, während wir auf die Beendigung der Vogelkrise warteten. Der Soldat war auch noch Schachspieler, Whiskytrinker, Kiffer und ein großer Leser – eine ziemlich ungewöhnliche Kombination. Schließlich startete das Flugzeug, die Küken waren in Sicherheit, und wir flogen über die Berge, die Wolken und den grünen Teppich hinweg, während der Leutnant neben mir von Neruda und García Márquez sprach. Und ich dachte an die Ironie, dass ein Flugzeug am Boden bleibt, um Küken zu retten, in einem Land, in dem Menschen so leicht umkommen.

Die Stadt, in der deine Kinder leben, Maritza, ist ein großes Dorf am Ufer eines gewaltigen Flusses, wie ein Strom aus flüssigem Silber mitten im Wald, oder wie eines dieser glänzenden, gefährlichen Metalle, eine Fläche aus Quecksilber. Vor dem Treffen mit deiner Tochter Ariadna erkundete ich die Gegend auf einem bonbonrosa Fahrrad, das mir die Hotelbesitzerin, die es an diese fernen Gestade verschlagen hat, geliehen hatte. Ich fuhr an einem Militärlager vorbei, wie es sie überall in Kolumbien gibt. Ich musste wieder an die Worte eines Wissenschaftlers denken, bei unserem Gespräch in seinem kleinen Büro in der Universidad Nacional in Bogotá, wo über uns an der Decke noch die vergessenen Girlanden vom Tag der Toten hingen: »… Und wenn der Staat in die inneren Grenzgebiete kommt, dann ausschließlich in Form von Repressionen.« So ist es auch hier. An dem kontrastreichen, herrlichen Himmel kreisen Vögel vor den Wolken. Ich halte sie zuerst für Adler, aber es sind Aasgeier.

Ich lerne deine Tochter am Ende des Tages kennen. Ariadna sieht dir ähnlich, Maritza, sie ist wunderschön, ich weiß nicht, wie ich es sonst ausdrücken soll. Sie ist groß und schlank wie du, ihr Teint hat die Farbe von Milchkaffee, und ihr krauses Haar ist hoch auf dem Kopf zusammengebunden. Ich habe sie seither noch einige Male wiedergesehen, und jedes Mal war ich von ihrer Selbstbeherrschung und ihrer Ruhe beeindruckt. Sie ist mein Zugang zu deiner Geschichte gewesen. Ariadna war die Erste, der ich mein Projekt geschildert habe, und sie hat mich mit ihren Geschwistern zusammengebracht. Wir haben uns lange im Patio ihres kleinen Hauses unterhalten. Und ihr genaues, beinahe schon fotografisches Gedächtnis hat mir dabei geholfen, zahlreiche Kapitel deines Lebens zu rekonstruieren.

3.

WO SOLL MAN BEGINNEN, WENN MAN EIN LEBEN ERZÄHLT, Maritza? Ich kannte das Ende der Geschichte – deine Ermordung am 5. Januar 2019 –, nun musste ich den Anfang rekonstruieren.

Maritza Quiroz Leiva, geboren am 26. September 1957 in La Jagua de Ibirico, im Osten Kolumbiens. So also hatte deine Geschichte begonnen, in einer entlegenen Siedlung am Fuße des Gebirges, dem letzten Rückgrat der Anden, wo die Wolken eine kurze Pause einlegen, bevor sie nach Venezuela weiterziehen. Das Dorf schmiegt sich in der Savanne auf einen Boden aus Kohle, der täglich von Maschinen aufgerissen wird, ein Tagebau, eine riesige Wunde in der Erde.

Es heißt, der Ort sei nach dem Gründer des Dorfes benannt worden, Juan Ramón de Ibirico, einem Spanier, einem Siedler. Die jagua ist ein Baum, der große, essbare Beeren trägt und dessen Saft die Haut beinahe schwarz färbt. Vor langer Zeit schmückten die Indigenen, wenn sie sich auf eine Schlacht vorbereiteten, ihre Körper mit einer Kriegsbemalung aus dieser Flüssigkeit.

Deine Eltern, Consorcia Leiva und José Urbano Quiroz, kamen aus armen Familien in der Gegend. Deine Mutter Consorcia wurde in El Paso geboren, wo die Menschen auch von der Kohle leben und die Bergspitzen der Sierra Nevada in der Ferne sehen können. Sie arbeitete