Die schöne Intrigantin - Michaela Dornberg - E-Book

Die schöne Intrigantin E-Book

Michaela Dornberg

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Beschreibung

Als der alte Fahrenbach, der eine zunächst kleine Firma im Weinanbau und -vertrieb errichtet und im Laufe der Jahre zu einem bedeutenden Familienunternehmen erweitert hat, das Zeitliche segnet, hinterlässt er ein ziemlich seltsames Testament. Drei seiner Kinder scheinen Grund zur Freude zu haben, Frieder als neuer Firmenchef, Jörg als Schlossherr und Grit als Villenbesitzerin. Es war Sonntag Abend. Bettina saß in ihrer Bibliothek, vertieft in ein Buch, neben sich ein Glas Rotwein. Sie fühlte sich so unbeschreiblich wohl in der Sicherheit ihres Hauses, umgeben von Möbeln und Gegenständen, die seit Generationen im Besitz ihrer Familie waren. Im Kamin prasselte ein Feuer, das anheimelnde Wärme verbreitete. Bettina legte das Buch beiseite, um etwas von dem köstlichen Wein zu trinken, einem weichen, fast samtigen Bordeaux, natürlich vom Château Dorleac, dem Weingut in Frankreich, das ihr Bruder Jörg geerbt hatte. Das Leben war schön, und ihr ging es gut. Wenn jetzt noch Thomas bei ihr wäre, ihre große Liebe, dann wäre alles perfekt. Aber sie durfte nicht ungeduldig werden. Irgendwann würde Thomas seine Zelte in Amerika abbrechen und zu ihr kommen. Sie musste einfach noch etwas Geduld haben. Aber das war es ja. Je mehr Zeit verging, ohne dass etwas geschah, umso unruhiger wurde sie. Doch das war ja wohl normal. Briefe, Mails, Telefonate, kurze Treffen waren eben nicht genug. Nachdem sie schon mehr als zehn Jahre verloren hatte, in denen sie von Thomas getrennt war, sehnte sie den Augenblick herbei, da sie endlich nicht nur glückselige Tage von begrenzter Dauer miteinander verbrachten, sondern auch den Alltag mit all seinen Höhen und Tiefen. Fast neidvoll beobachtete sie das Glück ihrer Freundin Linde, die mit ihrem Mann so ungetrübt glücklich war. Seit die beiden verheiratet waren, waren sie noch glücklicher miteinander. Ach Tom! Sie schaute auf ihre Uhr. Warum hatte er denn noch nicht angerufen?

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Seitenzahl: 120

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Bettina Fahrenbach - Eine Powerfrau setzt sich durch – 16 –Die schöne Intrigantin

Schatten der Vergangenheit holen Carla Aranchez ein

Michaela Dornberg

Es war Sonntag Abend. Bettina saß in ihrer Bibliothek, vertieft in ein Buch, neben sich ein Glas Rotwein.

Sie fühlte sich so unbeschreiblich wohl in der Sicherheit ihres Hauses, umgeben von Möbeln und Gegenständen, die seit Generationen im Besitz ihrer Familie waren.

Im Kamin prasselte ein Feuer, das anheimelnde Wärme verbreitete.

Bettina legte das Buch beiseite, um etwas von dem köstlichen Wein zu trinken, einem weichen, fast samtigen Bordeaux, natürlich vom Château Dorleac, dem Weingut in Frankreich, das ihr Bruder Jörg geerbt hatte.

Das Leben war schön, und ihr ging es gut. Wenn jetzt noch Thomas bei ihr wäre, ihre große Liebe, dann wäre alles perfekt. Aber sie durfte nicht ungeduldig werden. Irgendwann würde Thomas seine Zelte in Amerika abbrechen und zu ihr kommen. Sie musste einfach noch etwas Geduld haben. Aber das war es ja. Je mehr Zeit verging, ohne dass etwas geschah, umso unruhiger wurde sie. Doch das war ja wohl normal. Briefe, Mails, Telefonate, kurze Treffen waren eben nicht genug. Nachdem sie schon mehr als zehn Jahre verloren hatte, in denen sie von Thomas getrennt war, sehnte sie den Augenblick herbei, da sie endlich nicht nur glückselige Tage von begrenzter Dauer miteinander verbrachten, sondern auch den Alltag mit all seinen Höhen und Tiefen.

Fast neidvoll beobachtete sie das Glück ihrer Freundin Linde, die mit ihrem Mann so ungetrübt glücklich war. Seit die beiden verheiratet waren, waren sie noch glücklicher miteinander.

Ach Tom!

Sie schaute auf ihre Uhr. Warum hatte er denn noch nicht angerufen? Bei ihm war auch Sonntag, es war nachmittags. Normalerweise hätte er längst anrufen müssen. Oder befand er sich wieder auf einer seiner zahllosen Geschäftsreisen, über die er nicht sprach?

Bettina trank noch ein Schlückchen ihres Weines, legte zwei neue Holzscheite in den Kamin, in die sich sofort knisternd das Feuer hineinfraß.

Sie würde versuchen, Thomas zu erreichen.

Bettina griff zum Telefon.

In diesem Augenblick klingelte es.

Das war ja wohl Gedankenübertragung.

»Bettina Fahrenbach«, meldete sie sich und war froh, nicht wie sie es eigentlich vorgehabt hatte, ein »Hallo, mein Liebster« ins Telefon geflötet zu haben.

Der Anrufer war nicht Thomas, sondern Doris, die Noch-Ehefrau ihres Bruders Jörg, die doch eigentlich, als sie sich voneinander verabschiedet hatten, der Meinung gewesen war, keine familiären Kontakte pflegen zu wollen, nach der Trennung und einem Neubeginn mit einem anderen Partner.

»Hallo, Bettina, störe ich dich?«

Die Stimme ihrer Schwägerin klang zaghaft, und ihr war anzuhören, dass sie geweint hatte. Aber sie klang nicht schleppend wie früher, wenn Doris dem Alkohol zugesprochen hatte.

»Nein, Doris, überhaupt nicht. Das ist aber eine Überraschung, eine Freudige sogar. Ich hätte mit allem gerechnet, aber doch nicht mit deinem Anruf. Wie geht es dir?«

Keine Antwort kam.

Bettina hatte schon die Befürchtung, das Gespräch sei unterbrochen worden.

»Doris? Bist du noch da?«

»Ja …, ja, ich bin noch am Apparat.«

»Das ist gut.« Sie hatte Bettinas Frage nicht beantwortet. Warum auch immer. Sollte sie die Frage wiederholen? Aber ja.

»Wo bist du, Doris? Und wie geht es dir?«

Wieder ein deutliches Zögern, aber diesmal ließ Bettina ihr Zeit zu antworten.

»Es geht …, es geht mir nicht so gut …, und ich bin …«

Schluchzen klang ihr entgegen.

»Doris, was ist los, und sag mir doch bitte, wo du bist.«

»Ich bin …«, sie konnte kaum sprechen. »Ich bin … kurz vor Fahrenbach … Bettina, darf ich zu dir kommen?«

Bettinas Gedanken überschlugen sich, sie erinnerte sich daran, wie glücklich Doris von ihrem neuen Partner erzählt hatte, seinen beiden Töchtern. Das war doch noch gar nicht so lange her.

»Selbstverständlich darfst du zu mir kommen, Doris. Ich freue mich. Und weißt du was, wir beenden jetzt unser Telefongespräch, und du gibst Gas … Danke, Doris, dass du mich angerufen hast.«

»Dann …, dann bis gleich.« Erleichterung klang aus der Stimme ihrer Schwägerin.

Bettina legte auf und klappte ihr Buch zu. Das mit dem Lesen war jetzt vorbei, aber das ärgerte sie nicht. Sie mochte Doris, mit ihr konnte sie besser umgehen als mit ihrer Schwägerin Grit oder mit Mona, der Frau ihres Bruders Frieder.

Was war bloß geschehen? Doris war voller Zuversicht in diese neue Beziehung gegangen, und eigentlich hatte es sich auch alles gut angehört. Und diesem Mann war es doch auch gelungen, Doris vom Alkohol fernzuhalten. Auf jemanden so einzugehen, ihm zu helfen, setzte doch eine gewisse Sensibilität voraus.

Bettina stand auf, warf einen kurzen Blick auf ihr Weinglas. Es war noch ein kleiner Rest im Glas, den trank sie aus und brachte das leere Glas in die Küche. Sie wollte Doris in keiner Weise in Versuchung führen.

Sie ging in die Diele, machte das Hoflicht an. Und da hörte sie auch schon den Motor eines Autos. Klar, wenn Doris bereits in Fahrenbach gewesen war, war es bis zum Hof kein weiter Weg, nur den Hügel hinauf.

Bettina ging hinaus.

Glücklicherweise hatte das Wetter sich gebessert, es war sehr viel milder geworden und regnete auch nicht mehr.

Doris stieg aus ihrem Auto, und Bettina eilte auf sie zu und nahm sie in die Arme.

»Schön, dass du da bist, Doris«, sagte sie herzlich. »Hast du Gepäck?«

»Nur eine kleine Tasche«, sie öffnete den Kofferraum und holte ihre Tasche heraus.

Während sie gemeinsam zum Haus gingen, warf Bettina ihr einen neugierigen Blick zu.

Doris war sehr schmal geworden, aber ansonsten sah sie gut aus, soweit man es im diffusen Blick der Hoflaterne erkennen konnte.

Sie betraten die Diele, Bettina stellte die Tasche am Fuße der Treppe ab. Sie würde Doris in einem der oberen Schlafzimmer unterbringen. An Platz mangelte es im Haus glücklicherweise nicht.

»Komm herein, ich habe in der Bibliothek das Kaminfeuer brennen, es ist kuschelig warm … Möchtest du etwas essen und trinken?«

Sie legte die Jacke ihrer Schwägerin auf die neben der Treppe stehende Weichholztruhe. Sie wusste nicht, ob Doris die Jacke mit nach oben nehmen oder an der Garderobe lassen wollte.

Dann gingen sie in die Bibliothek.

»Es ist wirklich gemütlich hier«, sagte Doris und blickte Bettina fragend an.

»Wohin soll ich mich setzen?«

»Wohin du willst.«

»Nehme ich dir keinen Lieblingsplatz weg?«

»Nein …, es ist überall gemütlich«, lachte Bettina. Jetzt sah sie, wie blass Doris war, und dass ihre Augen ihren strahlenden Glanz verloren hatten. Aber sie sah trotzdem gut aus und sehr gepflegt.

Doris setzte sich in einen direkt am Kamin stehenden Ohrensessel und kuschelte sich hinein.

Tief in Gedanken versunken starrte sie ins Feuer. Sie hatte Tränen in den Augen.

Offenbar hatte sie Bettinas Frage, ob sie etwas essen oder trinken wollte, vollkommen vergessen.

Bettina wollte ihre Schwägerin nicht bedrängen. Sie blieb abwartend stehen. Sie stellte sich immer wieder die Frage, was wohl geschehen war.

Nach einigen Minuten hob Doris den Kopf.

»Danke, dass ich zu dir kommen durfte«, sagte sie, und ihre Stimme bebte vor Schmerz, »ich hätte sonst nicht gewusst wohin … Ich bin etwas konfus losgefahren, und es war mir erst gar nicht bewusst, dass es der Weg zu dir war … Entschuldige die späte Störung.«

»Doris, als wir uns das letzte Mal sahen, habe ich dir gesagt, dass meine Tür für dich immer offen ist. Und das habe ich nicht nur so dahergesagt, sondern ehrlich gemeint.«

»Das weiß ich, Bettina. Wenn jemand aufrichtig und ehrlich ist, dann du.«

Jetzt wiederholte Bettina ihre Frage, die Doris wohl vollkommen vergessen, oder aber vielleicht auch wirklich überhört hatte.

»Darf ich dir etwas zu essen und zu trinken anbieten, Doris?«

»Wenn es dir nichts ausmacht, vielleicht ein Brot. Ich habe seit heute früh nichts mehr gegessen und, wenn du da hast, vielleicht ein Glas Wein?«

Als sie Bettinas fast entsetzten Gesichtsausdruck bemerkte, musste Doris lachen. »Ich weiß, was du denkst. Aber keine Sorge. Ich bin keine Alkoholikerin. Mein fast exzessives Trinken entsprang eher der Langeweile, Einsamkeit, dem Unglücklichsein. Ich habe aus Gewohnheit getrunken. Aber ich kann gut und gern ein, zwei Glas Wein trinken oder Bier oder auch mal ein Schnäpschen, ohne dass es den Zwang in mir auslöst, mehr zu wollen. Ich weiß auch nicht, was damals mit mir los war.«

»Das hört sich gut an«, sagte Bettina, »möchtest du einen Châteauwein trinken?«

»Klar, gern, die Weine sind doch hervorragend.«

»Bleib sitzen«, sagte Bettina, als sie sah, dass Doris aufstehen wollte, um ihr zu helfen. »Es dauert nicht lange, da bin ich zurück. Du kannst dir das kleine runde Tischchen an den Sessel ziehen, da kannst du essen, ohne woanders Platz nehmen zu müssen. Ich bin schnell wieder zurück.«

Bettina ging in ihre Küche. Sie stellte Wein, Mineralwasser und Gläser auf ein Tablett, schnitt einige Scheiben von dem köstlichen Mühlenbrot ab und stellte Butter, Käse, Salami, Schinken und Putenbrust dazu, schnell noch Besteck, Teller und Serviette.

»So, da bin ich wieder«, sagte sie und stellte alles auf den kleinen Tisch.

»Du musstest dir doch nicht eine solche Mühe machen«, sagte Doris und schaute ganz schuldbewusst drein.

Bettina lachte.

»Doris, ich bitte dich, es ist doch keine Mühe, ein paar Sachen aus dem Kühlschrank zu nehmen und Wasser und Wein einzuschenken. Greif bitte zu. Ich setz mich in den Sessel hier, da können wir uns unterhalten. Du siehst gut aus, vielleicht ein bisschen blass, und du hast müde Augen.«

Das hätte sie wohl besser nicht gesagt, Doris begann am ganzen Körper zu zittern, und ihre Augen füllten sich mit Tränen.

»Entschuldige, Doris«, sagte Bettina, und ihre Stimme klang ganz betroffen.

Doris winkte ab.

»Du kannst nichts dafür, ich …, nun es ist so …«

Sie brach ab, lehnte sich zurück.

»Ich glaub, ich kann nichts essen.«

»Doch, du kannst, meine Liebe. Mit hungrigem Magen kann man nicht einschlafen. Ich schlage vor, du isst etwas, trinkst ein Gläschen Wein, und dann zeige ich dir dein Zimmer. Wenn du willst, kannst du auch ein Bad nehmen. Und morgen unterhalten wir uns, einverstanden?«

Doris nickte.

»Baden könnte ich nicht, ich glaub, ich würde vor Erschöpfung in der Wanne einschlafen. Aber du hast recht, ich muss mich zwingen, etwas zu essen.«

Sie blickte Bettina an.

»Ich bin dir ja so dankbar dafür, dass du mich bei dir aufgenommen hast.«

»Aber Doris, das ist doch selbstverständlich. Wir sind Schwägerinnen.«

»Ich habe deinen Bruder verlassen, die Scheidung läuft. Da schlägt man sich normalerweise auf die Seite seiner Familie. Wie sagt man doch so schön? Blut ist immer dicker als Wasser.«

Dem widersprach Bettina sofort.

»So zu denken finde ich mehr als töricht. Für mich zählt in erster Linie der Mensch …, aber jetzt solltest du wirklich etwas essen, Doris. Ich weiß nicht, ob du Putenbrust magst, wenn ja, dann solltest du diese hier unbedingt probieren. Die ist ganz köstlich und kommt von einem Hof hier ganz in der Nähe, der sich auf die Aufzucht und Vermarktung von Puten spezialisiert hat … Doch ich möchte dir nichts aufschwatzen, außerdem ist alles andere auch total lecker. Hier bei uns auf dem Land ist eben alles Bio oder hat zumindest Bioqualität, und das macht schon einen Unterschied.«

Bettina musste lachen.

»Entschuldige, Doris, was rede ich da für einen Unsinn zusammen. Ich halte jetzt meine Klappe.«

»Ich werd auf jeden Fall zuerst die Putenbrust probieren, die mag ich nämlich besonders gern.«

Sie griff nach dem ebenfalls köstlichen Mühlenbrot, bestrich die Scheibe dünn mit Butter, ehe sie die saftige, rosafarbene Putenbrust darauf legte.

Bettina bemerkte, dass ihre Schwägerin am ganzen Körper zitterte. Man sah ihr die innere Anspannung förmlich an.

Sie würde auf jeden Fall dafür sorgen, dass Doris rasch ins Bett kam. Morgen war ein neuer Tag, da hatten sie hinreichend Zeit, sich zu unterhalten.

Auf jeden Fall war es schön, dass Doris in ihrer Verzweiflung, und verzweifelt war sie, das war unschwer zu erkennen, zu ihr gekommen war.

*

Eine knappe Stunde später lag Doris in ihrem Bett. Bettina hatte sie in dem Zimmer untergebracht, in dem Grit früher geschlafen hatte, und so fand es jetzt wenigstens eine Nutzung, denn Grit hatte noch keine einzige Nacht auf dem Hof verbracht, seit er in Bettinas Besitz war.

Keines ihrer Geschwister hatte bei ihr übernachtet. Jörg war überhaupt noch nicht gekommen, und Frieder hatte es vorgezogen, im feudalen Parkhotel in Bad Helmbach zu übernachten, als er gekommen war, um ihr ein Seegrundstück abzuschwatzen.

Bettina lag im Bett und dachte an Doris, mit einem Gefühl solcher Wärme, die sie erstaunte. Es war schon merkwürdig, dass ihre Schwägerin ihr immer lieber und vertrauter wurde. Und sie war froh, dass Doris, aus welchem Grund auch immer, den würde sie schon noch erfahren, zu ihr gekommen war.

Sie hätte sich früher, als Doris und Jörg noch verheiratet gewesen waren, mehr um Doris kümmern müssen. Sie hatte damals nicht erkannt, welch wertvoller Mensch sie war. Aber das lag auch daran, dass sie so wenig Wert darauf gelegt hatten, mit ihr und ihrem Mann beisammen zu sein. Dabei war Bettina sich sicher, dass ihr Vater Doris wirklich gemocht hatte. Na ja, so genau wusste sie es nicht, ihr Vater hatte ja niemals über seine Gefühle gesprochen. Das sah man ja auch daran, dass niemand von seiner letzten großen Liebe, der Ärztin Dr. Christina von Orthen, erfahren hatte. Selbst sie nicht. Dabei waren sie sich doch so nahe gewesen. Warum hatte ihr Vater nichts gesagt?

Bettina drehte sich zur Seite, kuschelte sich in ihr Deckbett. Sie merkte, wie ihre Gedanken zu wandern begannen – zuerst hatte sie nur über Doris nachgedacht, jetzt war sie schon bei Christina und wenn sie es jetzt zulassen würde, kämen ihre Geschwister an die Reihe – zuerst Frieder, der sie missachtete, weil sie seine Wünsche nicht erfüllte, dann Jörg, der sich nur an sie erinnerte, wenn er Probleme hatte und sie als Feuerwehr brauchte, und Grit, ihre Schwester, die sich so sehr verändert hatte. Sie dachte nur an ihren Liebhaber Roberto, der ihr wichtiger war als ihr Ehemann und ihre Kinder. Was war sie nur für eine Mutter, dass sie es zugelassen hatte, dass die Kinder mit ihrem Vater in Kanada lebten. Konnte man seine Prioritäten so setzen, dass ein Lover noch vor Ehemann und Kinder kam?

Sie war mittendrin im Grübeln, und das wollte sie doch nicht. Bettina warf sich auf die andere Seite, versuchte, an nichts zu denken, aber sie schaffte es nicht.

Und war es ein Wunder, dass sie jetzt auch an Thomas dachte, der nicht angerufen hatte?