Die Schuldlosen - Hermann Broch - E-Book

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Hermann Broch

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Beschreibung

Hermann Brochs Die Schuldlosen ist ein vielschichtiges Meisterwerk über die moralische Orientierungslosigkeit des Menschen in einer Welt, die ihre Werte verloren hat. Der Roman, der 1950 erschien, spielt in der Zwischenkriegszeit in Wien und besteht aus einer Folge ineinander verwobener Erzählungen, die lose durch Figuren, Stimmungen und Themen miteinander verbunden sind. Im Zentrum steht das Leben des Beamten Andreas, eines unauffälligen, pflichtbewussten Mannes, dessen Dasein durch eine scheinbar unbedeutende Begegnung aus dem Gleichgewicht gerät. Um ihn herum entfaltet Broch ein Panorama von Menschen – von der stolzen Frau von W., über die geheimnisvolle Marianne bis hin zu Zehentbauer, einem Mann, der vom Schicksal und seinen eigenen Leidenschaften getrieben wird. Jeder von ihnen ist auf seine Weise "schuldlos" und doch verstrickt in ein unsichtbares Netz aus Verantwortung, Unterlassung und stiller Mitschuld. Broch führt den Leser tief in die seelischen Abgründe seiner Figuren. Die äußeren Handlungen sind oft unspektakulär, aber hinter der Oberfläche tobt ein Kampf um Sinn, Wahrheit und moralische Reinheit. In einer Gesellschaft, die sich von festen Glaubensgrundsätzen entfernt hat, zeigt Broch, wie Menschen schuldig werden können, ohne aktiv Schuld auf sich zu laden – durch Passivität, Gleichgültigkeit oder moralische Blindheit. Die fragmentarische Struktur, durchzogen von Tagebuchnotizen, inneren Monologen und Reflexionen, spiegelt die Zerrissenheit der Epoche. Die Schuldlosen ist nicht nur ein psychologisches Porträt seiner Zeit, sondern auch ein philosophischer Roman über die Bedingungen menschlicher Verantwortung. Seine Relevanz bleibt bis heute ungebrochen: In einer Welt, in der persönliche und gesellschaftliche Schuld oft diffus erscheint, stellt Broch die drängende Frage, ob wahre Unschuld überhaupt möglich ist. Damit ist Die Schuldlosen ein zeitloses Werk über Moral, Existenz und die Suche nach menschlicher Würde in einer entzauberten Welt. Hermann Broch (1886–1951), Wiener Moderne, aus einer jüdischen Industriellenfamilie stammend, konvertierte früh, gab die Textilfabrik auf und entwickelte eine Werttheorie des modernen Zerfalls, die bereits die Schlafwandler-Trilogie prägte. Nach Verhaftung 1938 emigrierte er in die USA; in der Exillage verdichtete er ältere Erzählkerne zu Die Schuldlosen – zugleich ästhetische Forschung und diagnostische Zeitkunde. Empfohlen sei dieses Buch Leserinnen und Lesern, die narrative Innovation mit philosophischer Strenge suchen. Die Schuldlosen bietet, jenseits linearer Handlung, ein analytisches Sensorium für die Mikropraktiken der Komplizenschaft – ein Werk, das die Wahrnehmung schärft, statt Trost zu spenden, und das intellektuell lange nachwirkt.

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Hermann Broch

Die Schuldlosen

 
 
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Inhaltsverzeichnis

Die Schuldlosen
Die Vor-Geschichten
Die Geschichten
Die Nach-Geschichten
Entstehungsbericht

Die Schuldlosen

Inhaltsverzeichnis
Parabel von der Stimme

Zu Rabbi Levi bar Chemjo, der vor mehr als zweihundert Jahren sehr hochberühmt im Osten lebte, kamen eines Tages die Schüler und fragten:

»Warum, Rabbi, hat der Herr, dessen Name geheiligt ist, die Stimme erhoben, als Er die Schöpfung begann? Hätte Er mit seiner Stimme das Licht, die Gewässer, die Gestirne und die Erde sowie die Wesen, die sich auf ihr befinden, anreden und zum Dasein aufrufen wollen, auf daß sie allesamt Ihn hören und Seinen Befehl befolgen, so hätten sie hiefür schon vorhanden sein müssen. Doch nichts davon war vorhanden; nichts davon konnte Ihn hören, denn Er hat es erst gemacht, nachdem Er die Stimme erhoben hatte. Und das ist unsere Frage.«

Da zog Rabbi Levi bar Chemjo die Braue hoch, und recht unwillig erwiderte er:

»Des Herrn Sprache ,– geheiligt gleich Seinem Namen ,– ist Sein Schweigen, und Sein Schweigen ist Seine Sprache. Sein Sehen ist Blindheit, und Seine Blindheit ist Sehen. Sein Tun ist Nicht-Tun, und Sein Nicht-Tun ist Tun. Gehet nach Hause und denket nach.«

Betrübt, weil sie ihn offenbar erzürnt hatten, gingen sie davon, und in furchtsamem Zögern kamen sie tags darauf zurück:

»Verzeih, Rabbi«, begann schüchtern der, den sie zur Rede ausgewählt hatten, »du sagtest uns gestern, daß für den Herrn, dessen Name geheiligt ist, Tun und Nicht-Tun das nämliche sei. Wie aber kommt es, daß Er selber Sein Tun und Nicht-Tun voneinander geschieden hat, da Er am siebenten Tage rastete? Und wie kann Er, der alles mit einem einzigen Hauch zu bewerkstelligen vermag, ruhebedürftig und müde werden? War das Schöpfungswerk Ihm so große Anstrengung, daß Er sich selber mit Seiner Stimme dazu hat aufrufen wollen?«

Die anderen nickten zu dieser Rede. Und da der Rabbi bemerkte, wie sie ihn dabei angstvoll beobachteten, ob er nicht wieder unmutig werden würde, legte er die Hand vor den Mund, damit sie das Lächeln hinter seinem Bart nicht bemerken mögen, und er sagte:

»Laßt mich mit einer Gegenfrage antworten. Warum hat Er, der in Seinem geheiligten Namen sich verkündigt hat, die Engel um sich zu scharen geruht? Etwa zu Seiner Unterstützung, da Er doch keinerlei Unterstützung bedarf? Warum hat Er sich mit ihnen umgeben, da Er doch sich selber genügt? Nun gehet nach Hause und denket darüber nach.«

Sie gingen nach Hause, verwundert ob der Gegenfrage, die er ihnen gestellt hatte, und nachdem sie die halbe Nacht das Für und Wider erwogen hatten, kehrten sie des Morgens zu dem Lehrer zurück und meldeten ihm erfreut:

»Wir glauben, daß wir deine Frage verstanden haben und sie beantworten können.«

»So laßt hören«, sagte Rabbi Levi bar Chemjo.

Da setzten sie sich vor ihm hin, und ihr Wortführer erläuterte was sie in ihrem Sinn gefunden hatten:

»Weil, oh Rabbi, deiner Ausdeutung gemäß dem Herrn, dessen Name geheiligt ist, Schweigen und Rede, wie überhaupt alles noch so Gegensätzliche, immer das nämliche bedeutet, so in jedem Schweigen von Ihm auch Seine Rede enthalten ist, doch Er beschlossen hat, daß eine Rede, die keiner hörte, sinnlos wäre, genau so sinnlos wie ein Tun, das sich in schöpfungsloser Leere bewegt, geruhte Er, im Zwecke der Erfüllung Seiner heiligen Eigenschaften, zu benötigen, daß die Engel Ihn lauschend umgeben. Demzufolge hat Er Seine Stimme an sie gerichtet, als Er die Schöpfung befahl, und sie, die dem gewaltigen Werke folgten, wurden darob so erschöpft, daß sie der Ruhe bedürftig wurden; da rastete Er mit ihnen am siebenten Tag.«

Groß war da ihr Schrecken, als nun Rabbi bar Chemjo in diesem Augenblick laut auflachte; er lachte, und klein wurden vor Lachen die Augen über seinem Bart:

»So haltet Ihr den Herrn, dessen Namen geheiligt ist, für einen Possenreißer vor seinen Engeln? für einen Jahrmarktzauberer, der mit dem Stäbchen klopft und seine Kunststücke ankündigt? Fast ist es mir, als hätte Er Narren wie euch geschaffen, um über sie lachen zu können, wie ich es jetzt tue, denn wahrlich, Sein Ernst ist Lachen, und Sein Lachen ist Sein Ernst.«

Sie schämten sich, waren aber trotzdem froh, den Rabbi so heiter zu sehen, und baten daher:

»Hilf uns doch ein Stückchen weiter, Rabbi.«

»Ich will es tun«, entgegnete der Lehrer, »ich will es tun und wiederum hiezu mich einer Gegenfrage bedienen. Warum hat Gott, der Geheiligte, sieben Tage für Seine Schöpfung verwendet, da Er sie doch im Hui eines Augenblickes hätte vollbringen können?«

Sie gingen heim sich zu beratschlagen, und als sie am nächsten Tag vor den Rabbi traten, wußten sie, daß sie der Lösung nahe waren; ihr Wortführer aber sprach:

»Du hast uns den Weg gewiesen, Rabbi, denn wir haben erkannt, daß die Welt, die der Herr ,– Sein Name ist geheiligt ,– geschaffen hat, in der Zeit besteht, und daß daher auch die Schöpfung, da sie ja bereits zum Geschaffenen gehörte, einen Anfang und ein Ende benötigte. Doch um des Anfangs willen mußte die Zeit schon vorher vorhanden gewesen sein, und für das Zeitenstück vor dem Schöpfungsanfang waren die Engel zur Stelle, auf daß sie mit ihren Flügeln die Zeit durcheilen und sie tragen. Ohne die Engel gäbe es nicht einmal Gottes Zeitlosigkeit, in der, Seinem heiligen Ratschluß gemäß, die Zeit eingebettet ist.«

Rabbi Levi bar Chemjo schien befriedigt und sagte:

»Nun seid ihr auf dem richtigen Weg. Indes, eure erste Frage galt der Stimme, die der Herr in Seiner Heiligkeit zur Schöpfung erhoben hatte ,–, wie steht es nun damit?«

Da sagten die Schüler:

»Es hat uns viel Mühe gekostet, bis zu dem Punkt zu gelangen, den wir dir vorgetragen haben. Aber bis zu der letzten Frage, die unsere erste war, sind wir nicht gelangt. Da du uns wieder gütig gesinnt bist, hoffen wir, daß du uns die Antwort geben wirst.«

»Das will ich tun«, sagte der Rabbi, »und es wird kurz sein.«

Also hob er an:

»In jedes Ding, das Er, dessen Name geheiligt ist, geschaffen hat oder noch schaffen wird, geht ,– wie denn auch nicht ,– ein Teil Seiner geheiligten Eigenschaften ein. Was aber wohl ist Schweigen und Stimme zugleich? Wahrlich, vor allen Dingen, die ich kenne, ist es die Zeit, der solche Doppeleigenschaft zukommt. Ja, die Zeit ist es, und obwohl sie uns einschließt und durch uns hindurchströmt, ist sie uns hiebei Stummheit und Schweigen, aber wenn wir alt werden und nach rückwärts zu lauschen lernen, hören wir ein leises Murmeln, und das ist die Zeit, welche wir verlassen haben. Und je weiter wir nach rückwärts lauschen, je mehr wir hiezu imstande werden, desto deutlicher hören wir die Stimme der Zeiten, das Schweigen der Zeit, die Er in seiner Herrlichkeit geschaffen hat um Seinetwillen, doch auch um ihretwillen, auf daß sie die Schöpfung an uns vollende. Und je mehr Zeit verflossen ist, desto mächtiger wird uns die Stimme der Zeiten; wir werden mit ihr wachsen, und am Ende der Zeiten werden wir ihren Anfang fassen und den Schöpfungsaufruf hören, denn dann werden wir das Schweigen des Herrn vernehmen in der Heiligung Seines Namens.«

Die Vor-Geschichten

Inhaltsverzeichnis
Stimmen1913
Neunzehnhundertdreizehn ,–, warum mußt du's dichten? Um noch einmal meine Jugend zu sichten.
Ein Sohn und ein Vater, sie schritten fürbaß schon etliche Jahre: »Jetzt bin ich es laß«, sagt plötzlich der Sohn, »wo führt das noch hin? Viel gräßlicher ist es als einst am Beginn; das Wetter ist scheußlich, und ringsherum drohn Gefahren die Menge, Gespenst und Dämon.« Darauf der Vater: »In herrlichstem Führen ging der Fortschritt voran. Wer wagt dran zu rühren! Du störst ihn mit Zweifeln und ängstlichem Schaun; drum schließe die Augen zu blindem Vertraun!« Drauf sagt der Sohn: »Kalt faßt es mich an ,–, hat's dir noch immer kein Leid getan? Wir gerieten ,– oh merk's ,– auf gespenstische Bahn, unser Fortschritt ,– oh merk's ,– ist ein Stapfen am Ort; den Boden zog's unter den Füßen uns fort, und wir wirbeln umher wie gewichtloser Flaum. Unser Schreiten ist Täuschung; es fehlt ihm der Raum.« Darauf der Vater: »Öffnet nicht jegliches Weiterschreiten himmlisch dem Menschen unendliche Weiten? Der Fortschritt führt ins Unbegrenzte; du aber nimmst es für Gespenste.« »Fortschritts verflucht, fortschrittsbeschenkt, der Fortschritt selbst hat den Raum uns gesprengt, ohne den noch keiner ein Schreiten vollbracht, und raumlos der Mensch ward gewichtlos gemacht. Und dies ist das neue Weltengesicht: Die Seele braucht den Fortschritt nicht, doch braucht sie sehr ein Neugewicht.« Marschierend schüttelt der Vater das Haupt: »Mein Sohn ist reaktionsverstaubt.«
Oh, herbstlicher Frühling; nie gab es schöneren Frühling als jenen im Herbst. Noch einmal blühte das Vergangene, das Zuchtvolle, die lieblichste Ruhe vor dem Gewitter. Sogar Mars lächelte.
Und selbst zugegeben, daß angesichts der Leidensmannigfaltigkeit, die einander anzutun die Menschen fähig sind, der Krieg nicht der Übel ärgstes ist, er ist jedenfalls deren dümmstes, und von ihm, dem Vater aller Dinge, ist die Dummheit unausrottbar der Menschenwelt eingeerbt worden. Wehe, oh wehe! Denn Dummheit ist Vorstellungslosigkeit; sie schwatzt Abstrakta, schwatzt vom Heiligen, schwatzt vom Heimatboden und von der Landesehre, schwatzt von irgendwelchen Frauen und Kindern, die's zu verteidigen gilt. Aber wo's konkret wird, da wird sie stumm, und die zerfetzten Gesichter, Leiber und Glieder der Männer sind ihr ebenso unvorstellbar wie der Hunger, den sie den treuen Frauen und den geliebten Kinderchen auferlegt. Das ist die Dummheit, wahrlich eine gottserbärmliche Dummheit, miteinschließend die der Philosophen und Dichter, die triefenden Geistes, triefenden Mundes von des Krieges Heiligkeit daherschwatzen; freilich sollen sie sich auch vor den kühn fliegenden Fahnen auf den Barrikaden hüten, denn hier gleichfalls lauert das abstrakte Gewäsch, die unheilsträchtige blutig-blutlose Verantwortungslosigkeit. Wehe, oh wehe!
Im Raume, der nicht Raum zu nennen war, weil alle Engel darin Platz gefunden und alle Heiligen bei ihnen stunden, hauste einst gotisch die Seele; weder brauchte sie Boden noch Wölbung oder gar Fortschritt, denn ihr Schreiten war Schweben, gehalten von oben, ein Einverweben unendlich und ewig ins Ohngefehle. Doch hier, da schon Unendliches ihm winkte, da ward der Geist aufs neu zurückverwiesen zum Raum des Diesseits, und er mußte diesen sich frisch erwerben als Gewinn, hinnehmend Hoch und Breit und Tief als unbedingte Formen des Seins: so war das Wissen, das nun in Blut und Qual und Kompromissen zum Fortschritt wurde und sein Neubeginn hexig und ketzrisch verwirrt, in Roheit tief glaubenszerrissen, mitleidslos höllisch verfoltert und trotzdem schon menschlichkeitsweit, Barock erkenntnisgroß zu jeglicher Forschung bereit, es ahnt im irdischen Bilde aufs neu Unendlichkeit. Doch gleiches Spiel wie einst ,–, vom Geiste fast erlangt, entschlüpft Unendliches, weist hin zu fremd'ren Räumen, zum Rande der Erkenntnis, zu jenen eis'gen Träumen verstummten Wort's, ertaubten Ton's, wo selbst das Bild entschwankt: kein Maß ist hier mehr Maß, kein Engel wohnet hier, es gilt kein Eid, Gestrüpp des Richtungslosen ist's, ein Wuchern übergräßlich vertauschend Nah und Fern, ein Brodeln, hexenkeßlich vertauschend Heiß und Kalt, denn raumlos unermeßlich ein Raum erstehet hier, der Raum der neuen Zeit, bricht wieder auf zu Qualen ,– oh wie das Herz sehr bangt ,–, bricht wieder auf zu Kriegen ,– oh Sünde über Sünde ,–, auf daß die Menschenseele wiederum erstünde.
Das ist die große Zeit der bürgerlichen Jugend; sie denkt an Liebe, Geld und ähnliche Geschichten und ist durchwegs gewillt, auf andres zu verzichten, mit Eifersuchtsproblemen Welt an Welten fugend: Gott ist ein Requisit, verwendbar in Gedichten, und Politik ist dem, der in die Zeitung lugend als Pöbelsünd sie sieht, die einst'ge Fürstentugend, nichts als Verächtlichkeit; das macht ihn frei von Pflichten. Und neunzehnhundertdreizehn hat sich's so vollzogen mit leerem Seelenlärm und opernhafter Geste, und doch war's immer noch der leichte schöne Bogen, des Liebesritus Hauch, der Nachklang einst'ger Feste, Steifkragen, Mieder, Spitzen, oh Reiz des Glockenrocks: Oh letztes sanftes Jahr im Abschied des Barocks!
Selbst das längst Überlebte und dumpf Gewordene gewinnt im Abschied die sanfte Farbe der Wehmut, oh das Gewesene! Oh Europa, oh Jahrtausende des Abendlands, Roms gegliedertes Leben und Englands kluge Freiheit, einander entgegengesetzt, nunmehr beide bedroht, und es steht das Einstige nochmals auf, die wohnliche Ordnung der irdischen Symbole, in denen ,– oh mächtige Kirche ,– großgebreitet das Unendliche sich spiegelt, die Spiegelung des Kosmos in des Dreiklangs Ruhe, in seinen langsamen Auflösungen und Einmütigkeiten. Und eben dies war Europas Würde, die gebändigte Bewegung, die Ahnung der Ganzheit im Fortschreiten folgend den Linien einer Musik, die ,– oh Christlichkeit Sebastian Bachs ,– aufschaut als das Auge des Diesseits, prägend was jenseits ist, so daß oben wie unten die Verbindungen geschehen, das Geschehnis der gesitteten Ordnung und Freiheit hinerstreckt in gemessener Bewegung von Symbol zu Symbol bis zu den verborgensten Sonnen, der abendländische Kosmos. Und nun zeiget sich jählings, daß alles zugleich ist, verbindungslos die Bilder, unbeweglich vor Raschheit, kaum mehr Symbol, Endliches und Unendliches auf einmal, drohend lockend die Dissonanz. Unerträglich wird der Dreiklang und lächerlich, Tradition, in der sich nicht mehr leben läßt; Elysium und Tartaros stürzen ineinander, werden ununterscheidbar. Leb wohl Europa; die schöne Tradition ist zu Ende.
Kling klang Gloria, Wir ziehen in die Schlacht; Wir wissen nicht warum wir's tun, Doch Mann an Mann im Grab zu ruhn Vielleicht Vergnügen macht. Feinsliebchen bleibt zuhause sacht Und weint herzbitterlich, Doch der Soldate ritterlich Zu Weibertränen lacht, Wenn vor dem Feind gewitterlich Mit Kling und Klang und Gloria Die Feldkanone kracht. Halleluja, halleluja, Wir ziehen in die Schlacht.

 

I. Mit schwacher Brise segeln

Unter dem braun-weiß gestreiften Sonnensegel, das auch jetzt bei Nacht ausgespannt ist, stehen die leichten Korbtische und Korbstühle. Zwischen den Häuserreihen, durch die jungbelaubten Kronen der Alleen streicht der leise Nachtwind; man könnte fast meinen, er käme vom Meer. Aber es ist wohl nur das feuchte Pflaster; der Sprengwagen ist soeben durch die leere Straße gefahren. Ein paar Ecken weiter liegt der Boulevard; von dorther hört man das Hupen der Autos.

Der junge Mann war vielleicht schon ein wenig angetrunken. Ohne Hut, ohne Weste ist er die Straße heruntergekommen; er hielt die Hände im Gürtel, damit der Rock weit aufklaffe und der Wind möglichst bis zum Rücken gelange; das war wie ein lau-kühles Bad. Wenn man die Zwanzig kaum überschritten hat, ist das Lebende im Körper fast immer spürbar.

Der Boden vor dem Café ist mit braunen Kokosmatten belegt, und ihr Geruch ist leicht stickig. Ein wenig unsicher wand der junge Mann sich zwischen den Korbstühlen hindurch, streifte da und dort einen Gast, lächelte entschuldigend und gelangte zu der offenstehenden Glastüre.

Im Lokal war es womöglich noch kühler. Der junge Mann setzte sich auf die Lederbank, die unter der Spiegelreihe die Wände entlang lief; er setzte sich mit Bedacht der Türe gegenüber, denn er wollte die kleinen Windstöße sozusagen aus erster Hand in die Lungen bekommen. Daß das Grammophon auf dem Bartisch gerade jetzt das Spiel abbrach ,– ein paar Augenblicke lang zischte es noch kreiselnd, um sodann das Lokal den stilleähnlichen Kaffeehaus-Geräuschen zu überlassen ,–, das war unangenehm boshaft, und der junge Mann schaute auf des Marmorfußbodens blau-weiße Würfelmusterung, die an die eines Mühlbretts gemahnte; in der Mitte allerdings bildeten die blauen Würfel ein schräges Kreuz, ein Andreaskreuz, und zum Mühlspiel braucht man kein solches ,–, jawohl, das war überflüssig. Doch von derlei darf man sich nicht stören lassen. Die Tische hatten weiße, leichtgeäderte Marmorplatten; auf der vor ihm stand ein Glas dunkles Bier; die Bläschen des Schaumes dehnten sich und zerplatzten.

Am Nebentisch, gleichfalls auf der Lederbank, saß jemand. Es wurde ein Gespräch geführt, aber der junge Mann war zu faul, um den Kopf hinzuwenden. Es waren zwei Stimmen, die männliche sehr knabenhaft und die der Frau guttural-mütterlich. Ein dickes und dunkles Mädchen muß das sein, dachte der junge Mann, und nun wandte er den Kopf absichtlich nicht in diese Richtung. Wenn einem die eigene Mutter gerade gestorben ist, sucht man nicht andere Mütterlichkeiten. Und er bemühte sich, an den Amsterdamer Friedhof zu denken, an des Vaters Grab dort, an das er niemals hatte denken wollen, und an das er nun doch denken mußte, da man auch sie hineingesenkt hatte.

Daneben die männliche Stimme sagte:

»Wieviel Geld brauchst du?«

Als Antwort kam ein guttural dunkles Lachen. War die Frau da wirklich dunkelhaarig? Ein Wort kam ihm in den Sinn: dunkle Reife.

»So sag mir doch, wieviel du brauchst!« Die Stimme wurde die eines gereizten Knaben. Natürlich will jeder seiner Mutter Geld geben. Und die hier braucht's. Die seine hat's nicht gebraucht; die hat alles gehabt. Und schön wär's gewesen, für sie sorgen zu können, da seine Einnahmen ,– da drunten in Südafrika ,– ständig sich mehrten. Jetzt war's nutzlos. Reiner Tisch und nutzlos.

Wieder das dunkle Lachen daneben. Der junge Mann denkt: Jetzt hat sie nach seiner Hand gegriffen. Sodann hört er: »Woher hast du denn so viel Geld? ,… und selbst wenn du's hättest, von dir nähme ich es nicht.« So sprechen Mütter; sie nehmen's bloß vom Vater.

Warum war er nach dem Tod des Vaters nicht heimgekommen? So hätte es sich gehört. Was hatte er sich da noch weiter in Afrika herumzutreiben gehabt? Und er war geblieben, nicht bedenkend, daß die Mutter sterben konnte. Nun hat sie's getan. Gewiß, man hat ihm nicht rechtzeitig gekabelt, aber von Rechts wegen hätte er es ahnen müssen. Sechs Wochen nach ihrem Tod ist er in Amsterdam eingetroffen. Und was hatte er sich jetzt noch in Paris herumzutreiben?

Der junge Mann schaut auf den Fußboden, schaut zu dem Andreaskreuz hin. Der ganze Fußboden ist mit winzigen Sägespänhäufchen bedeckt; sie verdichten sich um die Grundplatten der gußeisernen Tischfüße zu kleinen Dünen.

Nach einer Weile denkt der junge Mann: Wahrscheinlich ist ihr mit hundert Francs geholfen. Wenn ich wüßte, wie ich's anstellen soll, würde ich ihr die hundert, nein, zweihundert, dreihundert nur zu gerne geben. Jetzt habe ich ja auch noch die holländische Erbschaft, die ich nicht antasten werde. Mein Vater hat immer gefürchtet, daß ich sie einstmals vertun würde. Ob er wohl enttäuscht wäre, wenn er mich jetzt sähe? Nein, ich werde sein Geld nicht anrühren. Aber ich habe es gut angelegt, vorsichtig und doch mit Verzinsung. Auch darüber würde er sich wundern. Und er überdachte nochmals die Vorzüge und Nachteile seiner neuen Kapitalsanlagen.

Darüber hat er das Gespräch daneben verloren. Jetzt hört er wieder hin, und die Knabenstimme sagt:

»Ich liebe dich ja.«

»Eben deshalb darfst du nicht von Geld sprechen.«

Der junge Mann denkt: Beide schicken sie ihre Stimmen aus, ihrer beider Münder entsenden den Atem mit der Stimme, und ein paar Spannen von ihnen entfernt, etwa über ihrem Tisch schon, kaum viel weiter dahinter, fließen die atmenden Stimmen zusammen, einander sich zu vermählen. Das ist das Wesen eines Liebesduetts.

Und in der Tat, aufs neue wird vernehmbar:

»Ich liebe dich ja, liebe dich so sehr.«

Ganz leise kommt es zurück:

»Oh, mein Kleiner.«

Jetzt küssen sie einander, denkt der junge Mann. Es ist gut, daß drüben kein Spiegel ist; sonst würde ich sie sehen.

»Noch einmal«, sagt die tiefe Stimme der Frau.

Ich möchte ihr vierhundert Francs dafür geben, denkt der junge Mann und vergewissert sich, ob seine nur allzusehr angefüllte Brieftasche ,– warum, zum Teufel, trage ich immer viel zu viel Geld mit mir herum? wem will ich damit imponieren? ,– auch wirklich noch vorhanden ist. Mit vierhundert Francs könnte man sie glücklich machen. Doch die Knabenstimme nimmt ihm das Wort aus dem Mund:

»Brauchst du das Ganze auf einmal? ,… in Raten könnte ich es wohl aufbringen.«

Der Bursch muß beiläufig im gleichen Alter wie ich sein, denkt der junge Mann, höchstens eine Spur jünger. Warum macht der kein Geld? Man müßte ihn lehren, wie leicht das Geldmachen ist. Ich möchte ihm vorschlagen, mit mir nach Kimberley zu gehen. Meinetwegen mag er sie mitnehmen.

»Lieber stürbe ich, als daß ich von dir Geld annähme.«

Hallo, denkt der junge Mann, das ist falsch; mit mir dürfte sie nicht so reden. Ich weiß schon, ich weiß schon, sie möcht's ihm ersparen; sie möchte ihn lieber füttern, mit dem Löffel füttern, aber sie will leben, sie muß leben, und zum Leben gehört Geld, das Drecksgeld. Aber mit wem will sie leben? mit wem will sie leben? mit ihm? Wenn ich ihr fünfhundert, sechshundert Francs gebe, wird sie mit mir leben wollen und ihn im Geheimen füttern. Würde sie von ihm das Geld nehmen, so würde sie vielleicht mit ihm leben, aber er würde nicht mehr ihr Sohn sein, und das will sie verhüten. So und so ist's schlecht. Freilich wär's besser für ihn, wenn sie stürbe; nur tut sie's nicht, geschweige denn, daß sie sich umbringt. Eigentlich müßte man den Knaben vor dieser Frau schützen. Doch der Gedanke ließ sich nicht weiter verfolgen. Wenn man schon einiges getrunken hat, läßt sich nicht jeder Gedanke zu Ende denken.

Mit dem Bier da scheint's nichts zu sein. Er hat das letzte Glas mit einem Zug geleert und fühlt sich ein wenig übel. Um die Magengegend herum hat sich etwas Eisiges festgesetzt, das Hemd klebt, und selbst mit tiefem Atemholen ist die vorherige Behaglichkeit nicht wiederzugewinnen; es wäre gut, eine mütterliche Frau zur Seite zu haben.

Er lacht vor sich hin: wenn ich mich umbringe und vererbe ihr mein Geld, all das schöne Drecksgeld, so kann sie den Burschen füttern, und wenn ihr mein Selbstmord noch überdies ein gutes Beispiel zur Nacheiferung wird, so ist der Kleine von ihr sogar befreit; so oder so ist's gut, oder wär's gut, denn ich will mich ja nicht umbringen, denke nicht daran mich umzubringen. Warum habe ich jetzt daran gedacht?

Hinter der Bar bewegte sich eine ältliche Person in einem nicht sehr reinen rosa Kleid. Wenn sie mit dem Kellner dort sprach, so sah man ihr Profil, und zwischen Ober- und Unterkiefer ergab sich ein Dreieck, das sich öffnete und schloß. Eine große, schneeweiße Angorakatze war nun mit unhörbarem Schwung auf den Bartisch gesprungen, putzte sich ein wenig und blieb dann unbeweglich sitzen, rosanasig und rund-blauäugig das Lokal betrachtend.

Ich bin froh, daß ich die Frau da neben mir nicht sehen muß, dachte er, und unversehens, ihm selber unversehens, sagte er halblaut:

»Man kann sich ruhig umbringen.«

Das hatte er gesagt, und er war darüber erschrocken: es war wie Antwort auf einen Anruf gewesen, den er gehört und doch nicht gehört hat, trotzdem wissend, daß er bei seinem Kindernamen gerufen worden war, ein Befehl zum Abbruch des Spiels, ein Befehl zum Heimkommen ins Haus. Und er überlegte: hätte ich keinen Namen gehabt, sie hätte mich nicht rufen können, so aber muß man ihr folgen; immer muß man der Mutter folgen, hat sie mich gelehrt, bis ins Grab hinein muß man ihr folgen, als sei nicht einmal das Überleben gestattet. Doch so schrecklich es war, sich umbringen zu müssen, es ließ sich nicht ändern; was richtig ist, ist richtig und muß offen ausgesprochen werden:

»Nur der Tod hindert uns an neuen Verflechtungen.«

Das stand nun gewissermaßen als ein Teil seines Ichs klar und scharf in der Luft, war gewissermaßen in die Luft eingeritzt und bildete zugleich selber einen Beweis für das Gesagte. Denn nun war zu erwarten, daß seine dort eingeritzte Stimme sich den Stimmen jener beiden verflechten werde, und er maß aus, an welchem Punkt der Luft vor ihm dies geschehen könnte: das Ritzbild stand genau an der richtigen Stelle, etwa acht oder neun Fuß von ihm entfernt. Jetzt wird es ein Trio, dachte er, und er horchte, wie sich die beiden dazu verhalten würden. Aber sie hatten es wohl nicht beachtet, denn die Frau sagte halb spielerisch, halb ängstlich:

»Wenn er jetzt käme!«

»Er würde uns töten«, erwidert die Knabenstimme, »zumindest mich würde er töten, soferne er sich hierher verirrte ,… und das ist äußerst unwahrscheinlich.«

Die beiden reden Mist, dachte der junge Mann, reden da von einem, der offenbar eine Art Rächer sein soll, eine Art Prüfer und Richter, eine Art Henker, der sie beide abschlachten wird. Ich muß sie doch beruhigen:

»Der kommt nicht. Herzschlag vor drei Jahren im Zug zwischen Amsterdam und Rotterdam.«

»Gib mir eine Zigarette«, sagt die Frau, und ihre Stimme klingt tatsächlich beruhigt.

Na, sie hat's verstanden, nickt der junge Mann, und ich werde auf den Schrecken einen Scotch trinken. Und er gibt dem herbeigerufenen Kellner die Bestellung.

Nachher fühlte er sich wirklich wohler, sogar richtig wohl. Das konnte fortgesetzt werden: »Kellner, noch einen!« Ja, das wollen wir fortsetzen. So ein elender Mist, was die redeten. Die Toten sollen aus den Gräbern kommen, um sie zu töten. Der Komtur. Der Steinerne Gast. Das gibt's nur in der Oper, meine Herrschaften, und da nur im Don Juan. Plötzlich durchfuhr es ihn:

»Jetzt kommt er trotzdem und macht reinen Tisch.«

Doch es war nur der Kellner, der mit dem Whisky vor ihm stand, und das war so komisch, daß er lachend wiederholen mußte: »Kommt trotzdem, ist schon gekommen.«

Freilich, die Frau daneben hat's ernst genommen: »Vielleicht wäre es besser, wegzugehen.«

»Ja«, sagt der junge Mann. Vielleicht war's doch ernst, vielleicht war's doch der Steinerne Gast und nicht der Kellner gewesen, der Holer, nicht der Bringer.

»Laß dich doch nicht ins Bockshorn jagen«, bittet die Knabenstimme, »eher können wir ihn auf der Straße treffen ,… er wird sich bestimmt nicht gerade in dieses Lokal verirren ,…«

Nicht so vorwitzig, Bürschchen ,… wenn er sich ins Spital hat verirren können, die Mutter zu holen, warum soll er sich da nicht auch hierher verirren? Die Ärzte im Spital haben erzählt, daß die schwere Magenoperation, die an ihr hatte vorgenommen werden müssen, selbst für stärkere Organismen kaum überlebbar gewesen wäre; durch nichts jedoch ist bewiesen, daß er sie nicht trotzdem gezwungen hat, sich umzubringen.

Die Frau daneben entgegnete:

»Auf der Straße kann man wenigstens davonlaufen.«

Es gibt kein Davonlaufen, meine Liebe. Wenn Sie davonlaufen, schießt er Sie in den Rücken. Es gibt nur einen einzigen Schutz, und das ist Namenlosigkeit. Wer keinen Namen mehr hat, der kann nicht gerufen werden, den können sie nicht rufen. Gottlob, ich habe meinen Namen vergessen. Und er wählte eine Zigarre aus seinem Etui und zündete sie behaglich an.

»Wir werden wegreisen, Süße, ganz weit weg ,… nichts und niemand wird uns mehr ereilen«, sagte die Knabenstimme.

Also hast du's doch kapiert, daß wir nach Südafrika fahren, Geld verdienen. Mir ist's recht. Nur, daß mir die Zigarre nicht schmeckt, ganz und gar nicht schmeckt, ist mir unrecht. Pfui Teufel, ich sollte eine heiße Milch trinken.

Prompt nahm's die Frau am Nebentisch auf: »Kellner, bringen Sie mir eine heiße Milch.«

Jetzt sind wir im Schwung, dachte der junge Mann; die Verflechtung der Stimmen funktioniert tadellos, und die der Schicksale wird folgen. Jetzt sollte ich mich davonmachen. Warum soll ich mich noch weiter in die Schicksale dieser beiden verflechten lassen? Ich möchte ihr einen Tausend-Francs-Schein zustecken und verschwinden. Sie gehen mich nichts an. Ich bin allein, und so bin ich auch am besten vor ihm gefeit. Bleibe ich mit ihnen, so wird mich nichts vor ihm retten.

»Süße, Süße, Süße ,…« warb das Bürschchen daneben.

Haben die beiden keinen Namen füreinander? Wissen sie vielleicht doch schon von der Gefährlichkeit der Namen? Verständlich wäre es; dennoch muß ich's rügen. Jawohl, meine Liebe, Sie sind unmütterlich; Mütter erfinden Namen für ihr Kind, und nichts kann sie abhalten, sie zu verwenden, und sei die Gefahr noch so groß.

»Wir sind in einem öffentlichen Lokal«, entschuldigte sich die Frau, und man spürte, wie sie auf den Kellner wies.

Der Kellner hatte eine spiegelnde Glatze. Wenn er unbeschäftigt war, lehnte er an der Theke, und die Kassierin sprach, auf- und zuklappenden Gebisses, eifrig auf ihn ein. Es war ein Glück, daß man nicht verstand, was ihre Stimmen redeten, sonst wären auch noch die in den Verflechtungsknäuel der Stimmschicksale, der Schicksalstimmen eingegangen, alles verflochten, aber jedes und jeder mutterseelenallein: der Knäuel sitzt mir in der Kehle; jetzt habe ich wieder einen Saudurst.

Die Frau hatte die bestellte Milch bekommen, und die Kassierin goß einen Rest in eine Untertasse: »Arouette«, lockte sie die Angora herbei, »Milch, hier, hier, Arouette.« Und Arouette begab sich würdevoll zögernd über die Theke zu der Milchschale hin.

Wahrscheinlich trank die Frau gleichfalls jetzt ihre Milch in kleinen leckenden Schlucken, denn die Knabenstimme sagte bewundernd:

»Oh, wie ich dich liebe ,… wir werden einander immer verstehen.«

»Verstehen ist Verflechten«, sagte der junge Mann, »und das ist meine Angelegenheit. Hätten die Dinge keine Namen, so gäbe es kein Verstehen, aber es gäbe auch kein Unheil.« Und er dachte: ich bin besoffen, namenlos besoffen, und ich habe keinen Namen mehr; die Mutter ist tot.

Hat die Frau geantwortet? sie hat's getan:

»Wir lieben, wir lieben einander bis zum Tode.«

»Der wird schon kommen und schießen; darüber mögen Sie ganz beruhigt sein, meine Gnädigste«, und der junge Mann ist sehr befriedigt, weil er den Reflex der Mittellampe nun auf der Glatze des Kellners entdeckt hat: eine Glatze ist eine Glatze, und ein Licht ist ein Licht, und ein Revolver ist ein Revolver, und zwischen den Namen spannt sich das Geschehen, so daß ohne Namen die Welt stillestünde; aber mein Durst ist ein Durst, und was für einer.

Indes, nun war ein Mann ins Lokal hereingekommen, ein etwas dicklicher, schwarzschnurrbärtiger Mann, dessen rötlichgeädertes Gesicht auf eine gewisse Schlagflußneigung schließen ließ, und ohne sich umzuschauen war er strackwegs auf die Bar zugegangen, hatte sich daran gelehnt, eine Zeitung aus der Tasche gezogen und zu lesen begonnen, ein Stammgast, der nicht eigens zu bestellen braucht; der Vermouth wurde ihm von der Kassierin in Selbstverständlichkeit hingeschoben.

Der junge Mann dachte: sie sehen ihn nicht. Und laut sagt er:

»Jetzt ist er da.«

Und weil sich nichts rührt, und auch der Mann an der Bar sich nicht umdreht, ruft er überlaut:

»Kellner, noch ein Bock.«

Zwischen dem Durst und dem Bier, Namen sie beide, spannt sich wohlig das Geschehen des Trinkens.

Der Wind draußen war stärker geworden, die herabhängenden Zacken des Sonnendaches bewegten sich, und wer an den Korbtischen dort Zeitung las, mußte oftmals das windknittrige Papier vermittels eines kurzen, knisternden Striches aufglätten.

Gleichviel, interessanter als die Zeitungsleser draußen war der hier an der Theke, und der junge Mann, der ihn beobachtete, hatte plötzlich den Eindruck, als hielte der dort das Blatt verkehrt in den Händen; das war ein falscher, ja ein beleidigender Eindruck, denn dem Fräulein an der Theke zugewandt, unterhielt sich der Mensch ganz offensichtlich über den Inhalt des Gelesenen, da er immer wieder mit dem schwarzbehaarten Handrücken und mit den Fingerknöcheln gegen eine bestimmte Stelle des Blattes trommelte.

Was aber mochte der nur gelesen haben, was ihn gar so sehr aufregte? Man mochte schier glauben, daß ihn vor lauter Aufregung nochmals der Schlag treffen könnte. Kein Zweifel war da möglich: der Mensch hat in der Zeitung bereits seinen eigenen Prozeß, seinen Mordprozeß abgedruckt gefunden, und das war merkwürdig, war um so merkwürdiger, als damit nicht nur die Zukunft vorweggenommen wurde, sondern auch eine Umkehrung der Rangordnungen Platz griff ,–, wie darf man es wagen, einem Richter und Prüfer den Prozeß zu machen? ist es nicht sein Recht, sein gutes Recht, sein ewiges Recht, den Knaben zu töten, die Frau zu töten, sie alle zu töten? Und der junge Mann starrt auf die Stelle, an der sich ihrer aller Stimmen und Schicksale verflochten hatten, um stets aufs neue sich daselbst zu verflechten.

»Wir sind hier«, meldet der ungeduldig gewordene junge Mann schließlich.

»Wenn ich nur das Geld aufbrächte«, sagte die Frau, »er ist käuflich.«

»Ich werde zahlen«, sagt der junge Mann, »ich ,…«, und er legt einen Hundertfrankenschein auf den Tisch, gleichsam zur Probe, ob das ausreicht.

Der Gast an der Theke schenkt der Geste, schenkt dem Geld keine Beachtung. Schulden müssen mit dem Leben bezahlt werden.

»Hab keine Sorgen, ich will nicht, daß du Sorgen hast«, ertönt flehend die Knabenstimme, »ich ,…«

Was heißt Ich? du schweig; wer kein Geld hat, der hat auch zu schweigen. Du bist mir zum Ekel. Ich will zahlen, und ich werde zahlen. Ich bin ich. Ich bin's, selbst ohne Namen bin ich's:

»Hier!«

Der junge Mann hat es geschrieen, hat es geschrieen, damit der Gast dort, der unbewegliche Gast sich endlich umdrehen und den erwarteten, ja längsterhofften Schrei des Erkennens ausstoßen möge, Schrei dem Schrei gesellt, Schicksal dem Schicksal, und einverflochten im gemeinsamen Vereinigungspunkt.

Nichts jedoch geschah. Sogar der Kellner kam nicht; der war draußen auf der Terrasse beschäftigt, und seine weiße Schürze wurde von der auffrischenden Brise hin und her geweht. Der Mensch an der Bar bleibt ungerührt, bleibt steinern ungerührt und spricht weiter mit der Kassierin, der er das Zeitungsblatt hinübergereicht hat. Das war seine Rache für die Namenlosigkeit ,–, steinerne Verachtung.

Die Frau am Nebentisch sagt:

»Ich mache mir keine Sorgen; im Gegenteil, mein Herz ist voller Hoffnung. Aber meine Füße und Hände sind schwer, und wenn er doch käme, ich wäre wie gelähmt ,… es ist Zeit heimzugehen.«

Hoffnung? Ja, Hoffnung. Wer keinen Namen mehr hat, lebt im Ungeschehen, und es kann ihm nichts mehr geschehen; er ist allen Verflechtungen entlöst: ich habe keinen Namen, ich will keinen mehr haben; ich bin lange genug mit dem mir aufgezwungenen herumgelaufen, und jetzt sind mir die Namen allesamt zum Ekel. Allein, ist das nicht ein leer nutzloses Aufbegehren, sogar ein Aufbegehren gegen die Mutter, die den Namen gerufen hat? Und fast weinerlich faßt er zusammen:

»Es nützt nichts ,…«

»Ja, laß uns heimgehen ,…«, sagt die Knabenstimme.

Heimgehen willst du? ohne Ich? ohne Namen? Das gibt's nicht, das hat's noch nie gegeben. Der junge Mann fühlt, daß Schwäche ihn wieder überkommt, daß sein Gesicht ,– aber vielleicht auch das des Burschen daneben ,– blaß geworden ist, und an die Stirn sich greifend, fühlt er den kalten Schweiß: ich habe alle Namen, alle von A bis Z und darum keinen.

»Oh, mein süßer Kleiner ,…«, sagt nun die Frau leise, verliebt, traurig.

Der junge Mann nickte. Nun nimmt sie Abschied. Auch ich werde Abschied nehmen, namenlosen Abschied. Ich werde die Kette aller Namen an mein Ich hängen. Ich werde mit A beginnen, auf daß ich als erster geprüft werde, geprüft auf Herz und Nieren, geprüft auf Leben und Tod, auch wenn er das Urteil schon fix und fertig in seiner Rocktasche dort hat.

Und wirklich hat nun der Mensch an der Bar den Revolver hervorgezogen und zeigt jetzt dem Kellner, wie die Waffe funktionieren wird; die Sache mit der Zeitung war also Vorbereitung gewesen, eine sehr richtige Vorbereitung ,–, warum soll nicht alles einmal verkehrt ablaufen?

Der Kellner wägt die ihm gezeigte Waffe in der Hand, und dann reibt er mit seiner Serviette den Lauf spiegelrein.

Nein, was zu viel ist, ist zu viel. Den Kellner geht die Sache überhaupt nichts an; der möge hinterher das Blut vom Marmorboden wegwaschen und Sägespäne draufstreuen. Und um ihn zur Pflicht zurückzubringen, ruft der junge Mann: »Noch ein Bock!« Dabei schwenkt er den Hundertfrankenschein, zugleich ein letztes, verzweifeltes, doch schon hoffnungsloses Signal für den Schützen. Natürlich kehrt sich der nicht daran; er schraubt weiter an der Waffe herum, macht sie schußbereit, er, Richter, Prüfer, Henker in einem.

Die Katze Arouette hat ihre Milch beendet, und weise rollt sie sich zum Schlafen ein, nachdem sie noch ein bißchen an Schnurrbart, Hals und Schwänzchen herumgeschleckt hat.

Währenddessen hat das Fräulein sich darangemacht, eine Reihe von Gläsern auf den Bartisch zu stellen, eine Kette von Gläsern, und bei jedem Hinstellen klirrte es leise und klingend. Der Revolver knackt. Die Instrumente werden gestimmt, denkt der junge Mann, und wenn alle Stimmen zusammenklingen, dann ist der Augenblick des Todes da: dann werde ich hingeschmettert sein, getroffen von dem Geschoß, das er dort eben ins Magazin einlegt, werde hingeschmettert sein auf den Marmorfußboden, hingeschmettert auf das marmorne Andreaskreuz, als ob ich daran angeheftet werden soll, angeheftet an seinen Namen. Hieß ich nicht einst schon einmal Andreas? mag sein, aber ich weiß es nicht mehr. Jedenfalls fängt Andreas mit einem A an, und er bat:

»Fortab sollt Ihr mich A nennen.«

Der Wind, der jetzt wieder heftiger hereinstieß, brachte Spuren von Akazienduft mit.

»Schön ist heute die Nacht unter den Bäumen, unter den klingenden Sternen«, sagte die Stimme der Frau in dunkler Sanftheit.

»Unter den klingenden Sternen des Todes«, respondierte der junge Mann und wußte nicht, ob er es gesagt hatte.

Die Knabenstimme aber sagte:

»In einer solchen Nacht könnte ich an deiner Brust sterben.«

»Ja«, sagte der junge Mann.

»Ja«, sagte die Frauenstimme ganz tief, »komm.«

Und nun bewegte sich der Mensch an der Bar. Ohne jegliche Eile und in größter Langsamkeit bewegte er sich. Erst nahm er das Zeitungsblatt aus den Händen der Kassierin zurück, um nochmals bekräftigend auf die Stelle zu schlagen, die von seinem Prozeß berichtete, und hierauf drehte er sein Gesicht langsam den Anwesenden zu, blind über sie hinwegschauend, dennoch schon das Urteil in seinem Mund:

»Die Exekution kann beginnen.«

Ungeachtet ihrer Weichheit duldete die richterliche Stimme keinen Widerspruch; sie trug bis zu dem Punkt der Verflechtung, bis zu diesem Punkt, auf den der junge Mann nach wie vor gebannt und mit aller Anstrengung hinstarrte, und da blieb sie hängen.

A. hingegen ,– denn so will er fortab genannt sein ,– sagt:

»Nun ist die Kette geschlossen, Geburt und Grab, da wie dort die Mutter.«

Den Gast an der Bar berührt es nicht. Mit großer, runder Bewegung hebt er die Waffe, zeigt sie den gebannten und gelähmten Blicken ringsum, und dann sie hinter seinem Rücken verbergend, setzt er sich in Bewegung, kommt in steinerner Entschlossenheit näher, unabänderlich unentfliehbar ,– war's nicht so erwartet? ,– dem Nebentisch zusteuernd. Und weil nun der Augenblick der Katastrophe eingetreten war, und weil die rücklaufende Zeit das Jetzt nun erreicht hat, den Jetzt-Punkt, des Todes Jetzt-Punkt, an dem sie aus der Zukunft in die Vergangenheit überspringt, oh, weil jetzt alles wieder zur Vergangenheit wird, gestattet sich A. den Traum, der ihn ja im nächsten Augenblick mitverschlingen soll, erstmalig und letztmalig aufzudecken, und seine Augen auf den Herankommenden geheftet, ihn und die von ihm eingeschlagene Richtung verfolgend, blickt er zum Nebentisch hin.

Der Nebentisch war leer, das Paar war verschwunden. Und gleichzeitig begann das Grammophon den »Père de la Victoire« zu spielen.

Der Kellner, seine Serviette schwenkend, war dem daherkommenden Gast gefolgt. A. hielt ihm den Hundertfrankenschein hin:

»Haben die Herrschaften bezahlt, die hier saßen?«

Der Kellner sah ihn verständnislos an.

»Ich wollte nämlich auch für sie bezahlen.«

»Alles ist bezahlt, mein Herr«, sagte der Kellner gleichgültig und betätigte seine Serviette, damit der schwarzschnurrbärtige, schlagflüssig dickliche Gast, der im Begriff war, sich daneben auf der Lederbank niederzulassen, reinen Tisch vorfände.

Der Gast lächelte über das ganze rötliche Gesicht: »Seien Sie doch nicht so ehrlich, mein Freund.«

Wen hat er gemeint? dachte A.: den Kellner oder mich? ich bin wirklich besoffen, zum Sterben besoffen.

Die Kassierin begann nun die Gläserreihe zu reinigen. Sie nahm ein Glas nach dem andern; es klirrte klingend, und jedes Glas spiegelte die Lichter des Lokals. Arouette, die wieder aufgewacht war, schlug manchmal mit spielender Tatze nach dem Geblinke. Und draußen war der Wind abgeflaut.

 

II. Methodisch konstruiert

Jedes Kunstwerk muß exemplifizierenden Gehalt besitzen, muß in seiner Einmaligkeit die Einheit und Universalität des Gesamtgeschehens aufweisen: so gilt es in der Musik, in ihr vor allem, und so müßte, ihr gleichend, auch ein erzählendes Kunstwerk in bewußter Konstruktion und Kontrapunktik aufgebaut werden können.

Annehmend, daß Begriffe mittlerer Allgemeinheit eine allseitige Fruchtbarkeit zeitigen, sei der Held im Mittelstand einer mittelgroßen Provinzstadt, also etwa einer der ehemaligen deutschen Kleinresidenzen ,– Zeit 1913 ,– lokalisiert, sagen wir in der Person eines Gymnasialsupplenten. Es kann ferner vorausgesetzt werden, daß derselbe, unterrichte er Mathematik und Physik, kraft einer kleinen Begabung für exakte Betätigungen an diesen Beruf geraten war, und daß er sohin mit schöner Hingabe, roten Ohren und einem netten Glücksgefühl im klopfenden Herzen seinem Studium obgelegen haben dürfte, freilich ohne die höheren Aufgaben und Prinzipien der gewählten Wissenschaft zu bedenken oder anzustreben, vielmehr überzeugt, mit der Ablegung der Lehramtsprüfung nicht nur eine bürgerliche, sondern auch eine geistige Höchstgrenze in seinem Fach erreicht zu haben. Denn ein aus Mittelmäßigkeiten konstruierter Charakter macht sich über die Fiktivität der Dinge und Erkenntnisse wenig Gedanken, ja, sie erscheinen ihm bloß schrullenhaft, er kennt bloß Operationsprobleme, Probleme der Einteilung und der Kombination, niemals solche der Existenz, und gleichgültig, ob es sich hierbei um Formen des Lebens oder um Formeln der Algebra handelt, ist er immer nur darauf erpicht, daß es »genau ausgehe«; die Mathematik besteht ihm aus »Aufgaben«, die er oder seine Schüler zu lösen haben, und ebensolche Aufgaben sind ihm die Fragen des Stundenplans oder die seiner Geldsorgen: sogar die sogenannte Lebensfreude ist ihm Aufgabe und eine teils vom Herkommen, teils von den Kollegen vorgezeichnete Gegebenheit. Völlig determiniert von den Dingen einer ebenen Außenwelt, in der kleinbürgerlicher Hausrat und Maxwellsche Theorie einträchtig und paritätisch durcheinanderstehen, arbeitet ein solcher Mensch im Laboratorium, arbeitet in der Schule, gibt Nachhilfestunden, fährt mit der Straßenbahn, trinkt abends manchmal Bier, besucht nachher das öffentliche Haus, hat Wege zum Spezialarzt, sitzt in den Ferien an Mutters Tisch; schwarzgeränderte Nägel zieren seine Hände, rötlichblonde Haare seinen Kopf, von Ekel weiß er wenig, doch Linoleum dünkt ihm ein günstiger Bodenbelag.

Kann ein solches Minimum an Persönlichkeit, kann ein solches Non-Ich zum Gegenstand menschlichen Interesses gemacht werden? Könnte man nicht ebensowohl die Geschichte irgendeines toten Dinges ,– beispielsweise einer Schaufel ,– entwickeln? Was kann nach dem großen Ereignis eines solchen Lebens, nämlich der abgelegten Lehramtsprüfung, noch Wesentliches geschehen? Welche Gedanken können im Kopfe des Helden ,– Namen tun nichts zur Sache, er heiße also Zacharias ,– noch entstehen, jetzt, da nun auch die kleine Denkbegabung zur Mathematik langsam zu erstarren beginnt? Was denkt er jetzt? Was dachte er? Reichte es je über die mathematischen Prüfungsaufgaben hinaus und bis in menschliche Bereiche? Nun wohl: zur Zeit der bestandenen Examina verdichtete sich dieses Denken immerhin zu gewissen Zukunftshoffnungen; da sah er sich zum Beispiel im eigenen Heim, sah, wenn auch ein wenig schwankend, das künftige Speisezimmer, aus dessen abendlichem Dunkel die Konturen eines schön geschnitzten Anrichteschrankes und der grünliche Schimmer des wohl gemusterten Linoleumfußbodens deutlicher sich abhoben, und es ließ sich im futurum exactum dieser Formungen ahnen, daß zu jener Wohnung eine Hausfrau erheiratet worden sein würde, was jedoch alles, wie gesagt, schemenhaft blieb. Das Vorhandensein einer Frau war ihm, im Grunde genommen, eine unvorstellbare Angelegenheit; wenn ihm auch beim Bilde der zukünftigen Hausfrau gewisse erotische Schwaden durchs Gehirn zogen und etwas in ihm meckerte, daß er deren Unterkleidung mit allen Fleckchen und Löchern so genau kennen werde wie seine eigene, wenn ihm also jenes Weib einmal als Mieder, einmal als Strumpfband angedeutet wurde ,– eine Illustrationsaufgabe für den damals sich entfaltenden Expressionismus ,–, so war es ihm andererseits undenkbar, daß ein konkretes Mädchen oder Weib, mit dem man normale Dinge in normaler Syntax besprechen könnte, irgend eine sexuelle Sphäre hätte. Frauen, die sich mit derlei beschäftigten, standen völlig abseits, keinesfalls niedriger als jene, aber in einer völlig andern Welt, in einer, die mit der, in der man lebte, sprach und aß, nichts gemein hatte: sie waren einfach anders, sie waren Lebewesen fremdester Konstitution, die für ihn eine stumme oder zumindest unbekannteste und irrationale Sprache redeten. Denn, wenn man zu diesen Frauen gelangte, so vollzog sich das Restliche mit sehr zielbewußter Fixheit, und niemals wäre es ihnen beigefallen, sich etwa über Staubtücher ,– wie seine Mutter ,– oder über diophantische Gleichungen ,– wie die Kolleginnen ,– zu unterhalten. Es erschien ihm daher unerklärlich, daß es je einen Übergang geben könne von diesen rein objektiven Themen zu den subjektiveren der Erotik; es war ihm dies ein Hiatus, dessen Entweder-Oder (ein Urquell allen Sexualmoralismus) überall auftritt, wo erotische Unsicherheit herrscht und demgemäß auch als der Anlaß zur künstlerischen Libertinage der Epoche genommen werden darf, nicht zuletzt als der zu dem spezifischen Hetärismus, in dem ein großer Teil ihrer Literatur exzellierte.

In der sonst so ungebrochenen Weltgegebenheit des Zacharias klaffte hier ein Riß, der also unter Umständen den sonstigen Automatismus seines Handelns in eine Art menschliche Entscheidungspflicht verwandeln könnte.

Vorderhand geschah natürlich nichts dergleichen. Bald nach dem Examen erhielt Zacharias eine Supplentenstelle zwecks pädagogischer Wirksamkeit zugewiesen, und er begann das nunmehr abgeschlossene, säuberlich abgeschnürte und handliche Paket seines Wissens in kleine Paketchen zu zerlegen, die er an die Schüler weitergab, auf daß er sie von diesen in Gestalt von Prüfungsergebnissen zurückverlangen könne. Wußte der Schüler nichts zu antworten, so bildete sich in Zacharias die, wenn auch nicht klare, Meinung, jener wolle ihm sein Leihgut vorenthalten, schalt ihn als verstockt und fühlte sich benachteiligt. Auf diese Weise wurde ihm jedes Klassenzimmer, in dem er unterrichtete, zum Aufbewahrungsort für ein Stück seines Ichs, gleichwie der Schrank in seiner kleinen Mietskammer, der seine Kleider beherbergte, denn auch diese Kleider hatten als Teile selbigen Ichs zu gelten. Fand er in der Tertia seine Wahrscheinlichkeitsrechnung vor, zu Hause im Waschtisch seine Schuhe, so fühlte er sich unzweideutig der Umwelt gegeben und verknüpft.

Da aber solches Leben nun schon einige Jahre währte, war es an der Zeit, daß die bereits angedeutete erotische Erschütterung eintrat. Und es wäre eine gezwungene und unnatürliche Konstruktion, wenn sich dem Zacharias ein anderes als ein ganz naheliegendes Komplement, nämlich seiner Hauswirtin Töchterlein ,– Philippine sei sie genannt ,– beigesellt hätte.

Es entsprach der Weibauffassung des Zacharias, jahrelang ohne irgend einen Wunschgedanken neben einem Mädchen einherleben zu können, und wenn dieses Negativum den Wünschen des Mädchens vielleicht auch nicht entsprochen hätte, er wäre sicherlich nicht der Mensch gewesen, bürgerlich-mädchenhaftes Seufzen zu verstehen. Sohin kann ohne weiteres angenommen werden, daß Philippinens Phantasie, wie immer sie sich auch mit dem Zacharias befaßt hätte oder nicht, nunmehr auf auswärtige Objekte gerichtet war, und man wird nicht fehlgehen, ihr romantischen Charakter zuzusprechen. Es ist zum Beispiel in kleineren Städten üblich, täglich den Bahnhof zu besuchen, um die durchfahrenden Schnellzüge anzustaunen, eine Sitte, der Philippine gerne folgte. Wie leicht ist es da möglich, daß ein junger Herr, am Fenster des abrollenden Zuges stehend, dem nicht unhübschen Ding zugerufen hätte: »Komm doch mit!« eine Begebenheit, die Philippinen fürs erste in einen blöde lächelnden Pfahl verwandelt hätte, und zwar in einen Pfahl, der nur mit schweren Füßen nach Hause gelangte, der aber auch eine neue Art von Träumen heimbrachte: nachtnächtlich muß sie fortan mit müden, ach, so müden Beinen enteilenden Zügen nachlaufen, die, auf Griffweite erreichbar, in ein Nichts versinken und nichts hinter sich lassen als ein erschreckendes Erwachen. Doch auch tagsüber, wenn man von der Näherei aufblickt und eine Zeitlang den aufreizend unvollkommenen Zickzackflug der Fliegen um die Stubenlampe verfolgt hat, da entsteht immer wieder jene Bahnhofsszene, schärfer und reicher als im Traum, reicher auch als die entschwundene Wirklichkeit, und Philippinen wird es zauberisch klar, wie sie auf den abfahrenden Zug noch hätte aufspringen können, sie sieht ihre große Lebensgefahr, sie sieht, nein, sie spürt die rührende Verletzung, die bei diesem kühnen Sprunge unvermeidlich gewesen wäre, und sie sieht sich sodann gebettet auf den weichen Polstern der I. Klasse, handgehalten von ihm und in die dunkle Nacht hinausfahrend; das sieht Philippine, und sie läßt den Schaffner, der Buße für die fehlende Fahrkarte samt reichlichem Trinkgeld erhalten hat, in Unterwürfigkeit verschwinden, so daß nur noch zu wählen ist, ob im entscheidenden Augenblick die Notbremse ihrer Ehre erreichbar sein wird oder nicht, denn beides ist atembeklemmend.

In solcher Sphäre lebend, hatte sie kaum mehr Augen für den Zacharias, nicht etwa seiner graugestrickten Socken wegen, die sie ausbesserte ,– auch den Schnellzugsgeliebten würde sie nicht anders als grausockig präzisiert haben ,–, wohl aber wegen der IV. Klasse, in der Zacharias seine Sonntagsausflüge mit Rucksack und Gamsbart besorgte; sie bemerkte kaum mehr seine Anwesenheit, und selbst der Hinweis auf seine Pensionsfähigkeit hätte nicht vermocht, ihr Blut rascher fließen zu lassen.