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Hermann Brochs Die Verzauberung ist ein faszinierender, symbolträchtiger Roman über Macht, Verführung und den Verlust rationaler Orientierung – ein Werk, das sich zwischen realistischer Erzählung und metaphysischer Allegorie bewegt. Die Handlung spielt in einem abgelegenen Alpendorf, dessen abgeschlossene Welt durch das Auftreten eines rätselhaften Fremden ins Wanken gerät. Der Fremde, ein charismatischer, namenloser Wanderer, übt eine unheimliche Anziehungskraft auf die Dorfbewohner aus. Zunächst scheint er ein Suchender, ein Prophet der Natur zu sein – doch allmählich wächst sein Einfluss zu einer dunklen Macht, die das Denken und Handeln der Menschen beherrscht. Besonders der Lehrer Marius Ratti, ein nüchterner, gebildeter Mann, und die Bäuerin Magda, eine von inneren Konflikten geprägte Frau, geraten in den Bann dieser geheimnisvollen Gestalt. Während Ratti versucht, mit Vernunft und moralischem Bewusstsein gegenzusteuern, wird Magda zur Schlüsselfigur eines wachsenden Unheils. Broch beschreibt das allmähliche Abrutschen der Dorfgemeinschaft in kollektive Verblendung – ein psychologisch präzises Bild, das als Allegorie für den Aufstieg des Totalitarismus im Europa der 1930er Jahre gelesen werden kann. Der "Zauber", der über das Dorf kommt, ist die Verführung durch Irrationalität, durch die Sehnsucht nach einfachen Wahrheiten und starken Führern. Mit dichter Sprache und philosophischer Tiefe zeigt Broch, wie leicht menschliche Sehnsucht und Angst in ideologische Hörigkeit umschlagen können. Die Verzauberung ist damit nicht nur ein Roman über eine Dorfgemeinschaft, sondern eine Warnung vor den Mechanismen des Faschismus und der geistigen Unterwerfung. Auch heute bleibt das Werk erschreckend aktuell: In Zeiten politischer Manipulation, Populismus und kollektiver Verführbarkeit erinnert Broch eindringlich daran, dass Vernunft und Moral die einzigen Mittel gegen die "Verzauberung" durch Macht und Ideologie sind. Ein zeitloses, intensives Buch über die dunklen Seiten der menschlichen Seele. Hermann Broch (1886–1951), Wiener Moderne und studierter Techniker sowie ehemaliger Textilunternehmer, wandte sich spät ausschließlich der Literatur und Erkenntniskritik zu. Nach Die Schlafwandler vertiefte er seine Theorie des Wertzerfalls und der Massensuggestion; 1938 emigrierte er nach kurzer Haft durch die Nationalsozialisten in die USA. Die Verzauberung, in den 1930er Jahren entworfen und postum publiziert, fungiert als literarisches Labor seiner Diagnose totalitärer Verführung: die Verschmelzung von Mythos, Pseudowissenschaft und Erlösungssehnsucht als soziale Sprengkraft. Empfehlenswert ist dieses Buch allen, die die moderne Romanform als Instrument politischer und moralischer Erkenntnis begreifen: Leserinnen und Leser mit Interesse an Ideologiegeschichte, Sozialpsychologie und österreichischer Literatur werden hier reich belohnt. Die sprachliche Dichte fordert konzentrierte Lektüre, eröffnet jedoch eine seismografische Sensibilität für Mechanismen der Verführbarkeit, deren Aktualität weit über den historischen Kontext hinausreicht.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Der Schnee liegt auf den Ästen des Fichtenwaldes draußen, er liegt in meinem Garten, er sitzt in den Felsritzen der Kuppronwand; Garten und Wald sehe ich, wenn ich zum Fenster hinausblicke, die Kuppronwand, an deren Abhang mein Haus liegt, kann ich nicht sehen, auch nicht von den Fenstern der Rückseite aus, sie ist vom Wald verdeckt, aber ihr Vorhandensein ist immerzu spürbar. Wer am Ufer des Meeres wohnt, vermag unter all seinen Gedanken kaum einen einzigen zu denken, in dem das Meer nicht mitgedacht wäre, und nicht anders verhält es sich für den, der sich am Ufer der großen Berge angesiedelt hat: alles was an seine Sinne dringt, jeder Ton, jede Farbe, jeder Vogelruf und jeder Sonnenstrahl, alles ist Echo der großen schweigenden Masse des ruhenden Berges, dessen Falten vom Lichte entzündet, von den Farben gemalt, von den Tönen umspült werden –, muß da der Mensch, er selber in seiner Seele immer nur wieder Vogelruf, Farbe und Sonnenstrahl und Nacht, muß er da nicht gleichfalls zum immerwährenden Echo jenes gewaltigen Schweigens werden? mitklingendes und widerklingendes Instrument, auf dem das Schweigen spielt?
Hier sitze ich, ein alternder Mann, ein alter Landarzt, und will etwas aufschreiben, das mir zugestoßen ist, und als könnte ich damit des Wissens und des Vergessens habhaft werden, durch das unser Leben hindurchläuft, auftauchend und wieder einsinkend und manchmal zur Gänze verschwindend, aufgesaugt von der Zeit und im Nichts verloren. War dies nicht auch der Grund gewesen, der mich vor Jahren aus der Stadt herausgetrieben hat, hierher in die Stille einer mäßigen Landpraxis, der mich den wissenschaftlichen Betrieb, in dem ich eingesponnen war, verlassen hieß, um eines anderen Wissens willen, das stärker werden sollte denn jegliches Vergessen? Jahr um Jahr habe ich dahin gebracht, als einer, dem das große Glück beschieden war, an dem unendlichen Bau der Wissenschaft mitzuarbeiten, an einem Wissen, das kaum mehr das meine war, sondern der Menschheit als solcher gehört, ich, ein bescheidenes Glied in der Kette der Werkenden, gleich ihnen allen, einen kleinen Stein nach dem anderen hinzutragend, immer nur das nächste Resultat sehend, dennoch gleich allen anderen die Unendlichkeit des Baues ahnend, beglückt und erleuchtet von diesem unendlichen Ziel, ich habe es im Stich gelassen, als wäre es der Turmbau von Babel, an dem ich beteiligt gewesen war, ich habe den Blick von solcher Unendlichkeit weggewendet, von einer Unendlichkeit, die nicht mir, sondern [der] Menschheit gehört, von einer Unendlichkeit, die das Gestern auslöscht und bloß das Morgen gelten läßt, und ich habe mich in eine kleine Arbeit zurückgezogen, die kein Erkennen mehr ist, sondern Leben und Mitleben und hie und da vielleicht Hilfe, als könnte ich dadurch mein Gestern retten, da das Morgen für mich immer kürzer wird. Wollte ich in die Unordnung des Unmittelbaren? wollte ich bloß dem Systematischen der Erkenntnis enteilen? nun liegt es schon lange Jahre zurück, viele Jahre, und ich habe nur mehr eine ferne Erinnerung an die Stadt und an den Ekel vor dem städtischen Leben, der mich mit einem Male gepackt hat, an den Ekel vor dieser Pünktlichkeit, mit der die Trambahnen verkehrten und vieles geregelt war, vor dieser Gesetzlichkeit, die das Wort überflüssig machte, stumm die Arbeit im Laboratorium und in der Klinik, stumm die Einlieferung der Kranken, stumm beinahe die Maschinerie des Gesundpflegens – kaum konnte man es Pflegen nennen – und der Krankheitsbekämpfung, stumm die Sprache, in der ich mich, in der wir uns verständigten, stumm wie das Unendliche, in dem das Ziel all jenes Geschehens lag und heute noch liegt, heute freilich, ohne daß ich ihm noch zustrebe. Es mag sein, daß in jenem Ekel vor der städtischen Ordnung die Angst enthalten gewesen war, die Vielfalt des Lebens zu verlieren, denn so vielfältig der Mensch auch ist, er kann seine Vielfalt nicht mehr nützen, wenn er einmal eine Bahn eingeschlagen und sich auf sie festgelegt hat; er bleibt in ihr und nichts kann ihn dann mehr entreißen. Doch wenn es sich vielleicht auch so abgespielt haben mag, was ich freilich, da es so ferne ist wie ein längst enteilter Traum, nicht mehr zu behaupten wagen würde, was habe ich dagegen eingetauscht? liegt die Stadt, die ich geflohen habe, nicht ebenso in ihrer Landschaft wie das Dorf, in dem ich jetzt wirke? ist ihre Ordnung nicht gleichfalls ein Stück der großen Menschlichkeit? Suchte ich die Einsamkeit? Ich gehe allein durch die Wälder, gehe allein über die Berge, und trotzdem sind mir die Gemarkungen der Felder, ist mir das Sein in den Ställen und Höfen, ist mir das Wissen um die alten Bergwerksstollen tief unter mir im Berge, ist mir all dieses menschliche Schaffen und Wesen zwischen Getier und Pflanze, eine größere Beruhigung als diese selber, ja, ein Büchsenschuß im Walde läßt mich wieder als Glied der menschlichen Ordnung und des Seins fühlen, obwohl es in sich beschlossen und ohne Ziel ist. Warum empfand ich die Ordnung in der Stadt nicht mehr als Ordnung, sondern nur mehr als Überdruß des Menschen an sich selbst, als ein lästiges Unwissen, während ich hier voll Anteilnahme bin? Ich habe das Erkennen verlassen, um ein Wissen zu suchen, das stärker sein soll als die Erkenntnis, stark genug, um die Zeitspanne, die dem Menschen beschieden ist, sich mit seinen Füßen dahin und dorthin zu bewegen, seine Augen da und dort ruhen zu lassen, um diese Zeitspanne eines kurzen Erdendaseins mit einem fast fröhlichen Warten auszufüllen, ein Wissen, enthoben dem Vergessen, erfüllt von dem Gestern und dem Morgen, erfüllt von dem Sinn des Gewesenen und des Künftigen: dies war meine Hoffnung gewesen. Hat sich solche Hoffnung erfüllt? Gewiß, auch im Vergessen geht nichts verloren, und alles, was je vorhanden gewesen, es ist heute ebenso in mir vorhanden wie einstens; unser Schiff wird immer schwerer, je mehr es sich dem Hafen nähert, kaum mehr ein Schiff, sondern nur mehr Fracht, kaum mehr in Fahrt, sondern unbewegt auf dem ruhenden Spiegel des Abends, so läuft es ein, gewichtlos trotz übergroßer Ladung, und niemand kann sagen, ob es sinkt oder in den Wolken sich verflüchtigt, aber wir kennen nicht die Fracht, wir kennen nicht den Hafen, unergründlich ist das Gewässer, das wir befahren haben, unergründlich der Himmel, der sich darüber wölbt, unergründlich ist unser eigenes Wissen, das wachsend uns entschwindet. Jahr um Jahr ist vergangen, seitdem ich mich hierher geflüchtet habe, voll Ungeduld, die letzte Zeitspanne auszunützen, geflüchtet vor der schrittweisen Erkenntnis der geduldigen Forschungsarbeit wissenschaftlichen Lebens, zurückgegeben meinem eigenen Leben, glücklos, dennoch glückhaft, da ich mein Wissen wachsen fühlte, Vergangenes und Zukünftiges zusammenwuchs, dennoch so unerfaßbar, daß es nur wie ein Ahnen war, ein Gewinnen und Verlieren zugleich. Und da ich es jetzt niederschreiben will, das Unvergeßliche im Vergessenen, da ich es nachzeichnen will, das Unsichtbare im Sichtbaren, so tue ich es mit aller Hoffnung des jungen und aller Hoffnungslosigkeit des altgewordenen Menschen, den Sinn des Geschehenen und noch zu Geschehenden zu erhaschen, ehe es zu spät ist.
Und ich schreibe dies nieder, weil draußen der Schnee fällt und weil es dunkelt, wiewohl es noch früh am Nachmittag ist. Und eigentlich möchte ich bloß aufschreiben, als könnte ich es sonst vergessen, daß hier nicht immer Schnee gelegen hat, sondern daß vielerlei in diesem Jahr vonstatten gegangen ist, Blüte und Frucht und der Harzduft des Waldes, Wasser, das über das Gestein der Kuppronwand tropfte und rieselte, Wind, der von ferne kam und wieder davonzog, Licht, das brannte und wieder erlosch, und Himmel, der Tag war und wieder Nacht. Denn dies alles geschah, während mein Herz klopfte, es geschahen Wind, Sonne und Wolken, und sie flossen durch mein Herz und meine Hände.
Vielleicht wäre es richtiger, mit meiner Kindheit zu beginnen, ja, vielleicht würde es genügen, ein kurzes Stück dieser Kindheit wahrhaft festzuhalten und niederzuschreiben, daß es damals ein großes Stadthaus gab und in ihm eine Stiegenhalle, in deren oberstem Stockwerk ich stand, hinunterspähend in den hallenden und kühlen Abgrund. Denn auch dies will ich niemals vergessen. Es würde vielleicht auch genügen, eine einzige Minute des gestrigen Tages aufzuschreiben, sie festzuhalten, damit [sie] aufgerichtet bleibe in dem sinkenden Dahinziehen der Himmel und der Berge, in dem mählichen Verdunkeln und Erhellen, das so leicht und so schwer durch uns hindurchflutet, doch ich will des Märztages gedenken, der nun schon Monate, ja, beinahe ein ganzes Jahr zurückliegt, so ferne wie der gestrige Tag, so nahe wie die Kindheit, denn so und nicht anders ist unsere Erinnerung: sie hebt das eine oder das andere heraus, und sie trifft damit das Leben und das Sterben zugleich, sie erfaßt einen einzigen Augenblick, der vielleicht an sich gar nicht bedeutsam ist; aber da sie ihm den Sinn seiner Gewesenheit und seiner Dauer verleiht und das menschliche Sein in die Natur zurückführt, jenseits von Tod und Leben, ins Unabänderliche, so will ich jenes Märztages gedenken, obwohl er sich gewiß nicht wesentlich von anderen Tagen unterschied und trotzdem voll innerer Bedeutsamkeit gewesen ist.
Es war ein Tag, an dem die Sonne schien und der Winter in die Schattenwinkel der Welt zurückgedrängt war: noch waren zwar auf der Landstraße hie und da die Furchen und Radspuren durch Eisstreifen eingeebnet, aber braun lagen bereits die Felder im Tale, wissend vom Grün, und grün tauchten bereits Wiesenflecken zwischen den Schneeflecken auf, Wiesen mit Gras, das sich erneuert und zwischen [dem] auch schon die Gänseblümchen wachsen, die Welt war wie ein großes erwachendes Gänseblümchen, und unmerklich nur bewegten sich die kleinen weißen Wolkenfetzen im ruhenden Blau der Sonne.
Ich hatte die wenigen Patienten, die zu mir gekommen waren, erledigt und befand mich auf dem Weg zu meiner Ordination im Unterdorf. Zweimal wöchentlich ordiniere ich da unten, in dem Raum, den ich mir hierzu im Wirtshaus Sabest eingerichtet habe, und außerdem Sonntags, immer zwischen zwölf und zwei. Im Winter benütze ich die Landstraße, die von Unter- nach Ober-Kuppron hinaufführt und sich von dort zum Kuppronsattel hinüberwendet, wenn Schnee liegt fahre ich sogar oft mit den Skiern ab, im Sommer aber nehme ich den Waldpfad. Der Rückweg freilich ist weniger angenehm; man braucht immerhin fast eine Stunde um hinaufzukommen, indes darf sich ein Landarzt um so was nicht scheren, er muß marschieren können, auch wenn er schon über fünfzig ist. Und manchmal gibt es ja ein Gefährt, einen Wagen oder ein Auto, das mich mitnimmt; das gehört zum Brauch der Gegend und ist nur richtig.
Es war Mittag und wie ein großes blaues Lied, als ich nach Unter-Kuppron kam; die Kirchenuhr schlug, und gleich darauf ließen die beiden Glöcknerbuben in das Lied des Himmels hinein auch noch die Mittagsglocke singen. In der Dorfstraße traf ich den Fremden.
Zwischen einer geschwungenen scharfen Nase und einem schon lange nicht rasierten Stoppelkinn hing ihm ein dunkler Gallierschnurrbart über die Mundwinkel und machte ihn älter aussehend als er es wahrscheinlich war; ich schätzte ihn auf dreißig oder etwas darüber. Er beachtete mich nicht, doch als er vorüber war, bildete ich mir trotzdem ein, seinen Blick erhascht zu haben und daß dies ein träumerisch starrer und dennoch kühner Blick gewesen sei. Vermutlich habe ich dies bloß aus seinem Gang erraten, denn dieser Gang war trotz offenkundiger Müdigkeit, trotz miserablen Schuhwerks beschwingt und streng zugleich, wahrlich, man konnte es nicht anders ausdrücken, es war ein beschwingtes und strenges Latschen, und es war, als würde, als müßte solches Gehen geleitet sein von einem scharfen, in die Ferne gerichteten Blick. Es war nicht der Gang eines Bauern, eher der eines fahrenden Gesellen, und dieser Eindruck war durch eine gewisse ungelüftete Kleinbürgerlichkeit, die hinter dem Manne herwehte, verstärkt, einer kleinbürgerlichen Selbstgerechtheit, deren Eindruck vielleicht von dem dunklen Anzug, vielleicht von dem schäbig im Kreuz baumelnden und beinahe leeren Rucksack bedingt war. Ein gallischer Kleinbürger.
Beim Wirtshaus angelangt sah ich nochmals die Straße entlang. Der Mann verschwand soeben in der Kirchengasse.
Vor dem Wirtshaus stand ein mit weißstaubigen Zementsäcken beladenes Lastauto; es mußte gerade eingelangt sein, über dem Kühlerventil zitterte ein kleines Wölkchen heißer Luft, ein sanftes Kräuseln irdischen Äthers, Vorbote des Sommers.
Die Hauseinfahrt ist von den Türen zur Gaststube und zu der kleinen Handlung, die gleichfalls von Sabest betrieben wird, flankiert. Beide Lokale können aber auch von der Einfahrt aus betreten werden. Zur Gaststube führen ein paar Stufen hinauf, die Handlung dagegen befindet sich auf Straßenniveau. Die Einfahrt, deren Schatten mich nun aufnahm, ist so hoch und breit, daß ein Heuwagen hindurch kann, sie ist unnützerweise wie ein Zimmer ausgemalt und riecht immer nach den leeren Bierfässern, die hier warten, von der Brauerei abgeholt zu werden. Hier ist auch mein Doctorschild angebracht. Da ich Tabak brauchte, ging ich in die Handlung, fand aber niemanden dort; auch in der anschließenden Fleischhauerei, einem kleinen in den Hof vorspringenden neueren Anbau mit flachem Dach war keine Menschenseele vorhanden. Die grauen und blauen Fliesen waren aufgewaschen und mit weißem Sand bestreut, die Stahlleisten mit ihren Haken waren blank geputzt; kein Fleisch hing daran, bloß eine Anzahl langer Dörrwürste hing still an den Wänden. Der unebene, zerschnittene Hackstock war gleichfalls sauber gewaschen, freilich ohne daß das schwarzeingefressene Blut aus dem Holze zu entfernen gewesen war, und so sauber und kühl die Luft hier auch roch, sie war doch wie eine frische und große Wunde. Ich ging in die Wirtsstube hinüber.
In der Stube saßen der Chauffeur und seine beiden Mitfahrer an dem langen Ecktisch und hatten ihr Bier vor sich stehen. Sonst gab es keine Gäste im Lokal, weder an dem zweiten Langtisch, noch an dem runden Honoratiorentisch beim Fenster, der als einziger mit einem blaugewürfelten Tischtuch bedeckt war und neben dem weißen Zündstein einen Behälter mit groben Zahnstochern trug.
»Der hat ein Maul«, sagte gerade der Chauffeur. Ich nahm an, daß es der Chauffeur war; er saß am dicksten da und sah wohlsituierter aus als die beiden andern. Und da es zum Wesen beginnender Behäbigkeit gehört, Worte und Gedanken wie die anderen Dinge des Lebens gründlich zu benützen, wiederholte er nach einer kurzen Pause des Überlegens: »Der hat ein Maul.«
»Ja, das hat er«, sagte ich, der Eintretende, zum Gaudium der Anwesenden. Aber obwohl ich es zu diesem Zwecke gesagt hatte, hatte ich doch den Fremden dabei im Sinn, ja, ich wußte beinahe mit Sicherheit, daß der Chauffeur ihn gemeint hatte.
Auch Peter Sabest, der achtzehnjährige Wirtssohn, der hinter der Schank stand, lachte. Er hatte ein erwachsenes Gesicht aufgesetzt und war mit dem Drehen einer Zigarette beschäftigt. »Womit kann ich dienen, Herr Doctor?« fragte er.
Ich verlangte den Tabak, den ich in der Handlung nicht bekommen hatte, und er gab mir [ein] Päckchen aus dem Glasschrank hinter der Theke.
»Du bist ja heute Alleinherrscher im Hause, Peter.«
»Nicht für lange«, meinte er bedauernd, »sie sind bloß zum Markt gefahren.«
Die Chauffeure, oder richtiger, der Chauffeur und seine beiden Helfer hatten aufgemerkt, als ich per Doctor tituliert wurde, ich wurde ihnen vertrauenerweckend, und da sie den Spaß fortzusetzen wünschten, sagte der eine, es war der ältere: »So einer hat nichts und nimmt das Maul voll.«
»Leeres Maul muß reden«, entdeckte der Jüngere, ein kleiner Mensch mit rundem Gesicht und einer Stupsnase, den man für einen Tschechen hätte halten können, gewissermaßen für einen jungverheirateten Tschechen, denn er war sicherlich kaum mehr als fünfundzwanzig, und an seinem Finger steckte doch schon ein Ehering.
»Na«, meinte ich, »bei den Weibern stimmt das nicht ganz, die reden auch mit vollem Mund … oder etwa nicht, junger Ehemann?«
Da mußten sie wieder furchtbar lachen, aber Peter, der die Blondheit und die weiße Haut seiner Mutter geerbt hatte, errötete, genau so wie diese es zu tun pflegte. In wenigen Jahren wird er dies freilich nicht mehr zustande bringen; da wird seine Haut ein weißliches, weißes Leder sein, über eine Fettschicht gespannt, die kein Erröten zuläßt.
Ich hatte meine Pfeife gestopft, in Brand gesteckt und setzte mich zu den Chauffeuren.
»Was hat er denn geredet?« fragte Peter.
Der ältere der beiden Mitfahrer hatte seinen Rock abgelegt, wohl weil die Sonne draußen so sommerlich schien, er griff sich ins Hemd und kratzte seine Brust: »Ja, wovon hat er eigentlich geredet?«
Der Chauffeur machte eine unwillige Gebärde des Nichtwissens: »Wenn man fährt, paßt man auf die Straße auf.«
Ich meinte: »Zum Teufel, wenn ihr nicht wißt, was er geredet hat, so hat er vielleicht gar nicht geredet.«
»Ich bin rückwärts auf den Säcken gesessen«, entschuldigte sich der Jüngere.
»Unsinn hat er verzapft«, sagte der Chauffeur.
»Ich glaube, es war ein Zigeuner«, sagte der ältere Mitfahrer und kratzte weiter. Der Floh schien den Weg zum Rücken genommen zu haben.
»Ein Gallier«, sagte ich.
»Ah«, sagte der Chauffeur wegwerfend, weil er sich unter einem Gallier nichts vorstellen konnte.
»Schön, daß ihr ihn mitgenommen habt«, sagte ich, »der Kerl war hundemüde.«
Sie sahen mich erstaunt an, weil ich wußte, von wem die Rede war. Und sie waren ein wenig verärgert darüber. Kein Spaß mehr.
»Ich nehme sonst nie einen mit«, brummte der Chauffeur, »schon weil's verboten ist.« Er schob die Ledermütze zurück. Seine spärlichen Haare klebten an der Stirne.
Der große Leonberger des Wirts kam, die Flanken an den Stühlen und Tischkanten reibend, nun langsam aus dem Hinterzimmer hervor. Als Hundebesitzer werde ich von ihm geschätzt, er legte den Schädel mit dem stets leicht geifernden Maul auf meine Knie und in seinem blutunterlaufenen Auge war die wohlwollende Trauer einer treuen Gesinnung und einer maßvollen Rede: »Da bist du ja wieder, Mensch, und du riechst teilweise nach Doctor und teilweise nach deinem Hund Trapp und teilweise nach den anderen Dingen des Lebens, von denen ich aber jetzt nicht weiter sprechen will.«
»Ja«, entgegnete ich, »ja, Pluto, der Trapp läßt dich schön grüßen.«
»So sei es«, antwortete das Auge Plutos.
»Geh' hinaus, Pluto«, sagte ich, »draußen ist ein Märztag, dessen Sonne nach Sommer riecht.«
»Ja«, antwortete er, »ich weiß es, ich bin auch heute schon draußen gelegen, und es war mir angenehm.«
In der Wirtsstube war es kühl, wenn auch infolge der geschlossenen Fenster etwas stickig. Der säuerliche Geruch nach Küche und Bier und Wein, nach Schweiß und halbgarem Fleisch, dieser Ritter- und Landsknechtgeruch, in dessen Dunst das Abendland die Welt erobert hat und der nun nur mehr in Wirtshäusern ein kleinbürgerliches und haustierhaftes Dasein fristet, freilich immer noch bereit, hervorzubrechen und über Schlachtfelder sich zu legen, er war auch hier vorhanden, und die Chauffeure schmeckten ihn.
Der ältere Mitfahrer gab die Suche nach dem Floh auf; er zog die Hand aus dem Hemd und betrachtete bedauernd seine leergebliebenen derben Finger.
Auf einmal wurde der Chauffeur redselig: »Haben Sie je so einen Unsinn gehört, Herr Doctor? wir sollen keusch leben, damit es auf der Welt besser wird …?«
»So? das hat er verzapft?«
»Ja«, der Chauffeur trank sein Bier aus, »so ein Schwein.«
»Du hast ihm aber zugestimmt«, behauptete jetzt der ältere Mitfahrer.
»Ich? ich habe mich nicht darum gekümmert, ich habe auf die Straße geschaut … wenn einer Ja gesagt hat, dann warst du es.«
»Warum soll ich nicht Ja sagen? ich pfeif' ohnehin auf die Weiber … ob nun davon die Welt besser wird oder nicht.«
Etwas schuljungenhaft und weil er sich am Gespräch beteiligen wollte, warf Peter ein: »Es wird ein Pfaff gewesen sein.«
»Pfaff hin, Pfaff her«, meinte der junge Ehemann, »wenn so einer über ein Mädel kommt, dann redet er anders daher.«
Die Messinghähne am Schankkasten glänzten wie der Märzmittag draußen, drüben in der weißbeleuchteten Häuserfront glühten dunkel die Fenster und bemühten sich, die Wellen des Sonnenhimmels nachzuahmen, es ist die Zeit, in der das Licht wie ein Schwarm gläserner Mücken sich auf die Erde senkt, sie zu befruchten.
»Und ich will von dem Gerede nichts hören«, setzte der junge [Mann] fröhlich fort, »das ist alles ein Quatsch.«
»Und Ihre junge Frau will auch nichts davon hören«, sagte ich.
»Nein, das will sie nicht.« Und er lachte mit der glücklichen Miene eines Menschen, der ein Wunder erfahren hat und ihm verhaftet bleiben will.
»Na«, sagte ich, »vielleicht bekehrt er Sie noch. Setzen Sie sich jetzt doch zu ihm.«
»Nein«, sagte der Chauffeur, und obwohl er doch mutig aussah und mit seiner Lederkappe einem Lokomotivführer glich, bekam er dabei eine etwas scheue Stimme, »nein, er mag ruhig auf seinen Säcken bleiben, denn wir nehmen jetzt den Kerl nicht weiter mit, ich kann ihn mit seinem Gerede nicht brauchen … die Straße übers Gebirge ist lausig, eine Serpentine nach der andern, und der schwere Wagen … ich muß froh sein, wenn ich drüber bin, ehe es ganz dunkel wird.«
Die Leute sagten »Grüß Gott« und verließen die Wirtsstube. Ich sah ihnen durchs Fenster nach. Unschlüssig spähten sie links und rechts die Straße entlang, dann kletterten sie auf ihre Plätze, zweimal drückte der Chauffeur den Anlasser, und nach einem kurzen Ruck und einer Wendung des Volants ratterten sie ab. Der Mitfahrer auf den Säcken bemerkte mich beim Fenster und winkte mir.
»Sind Patienten droben?« fragte ich Peter, als ich mich wieder zur Stube wandte.
Nein, es sei noch niemand gekommen, und Peter schien damit zu rechnen, daß ich das Gespräch mit ihm fortsetzen werde, nicht nur, weil er sich allein hier langweilte, sondern weil er überhaupt in einem guten Verhältnis zu mir stand. Und wer der Landstreicher gewesen sei, von dem wir gesprochen hatten?
Aber da konnte ich ihm keine Auskunft geben. Vielleicht hatte der Chauffeur den Menschen nun doch wieder mitgenommen, und er saß nun neben ihm, während er den Wagen langsam nach dem Oberdorf hinaufsteuerte und der Steigung halber unausgesetzt den Geschwindigkeitshebel zu betätigen hatte. Aber vielleicht auch hatten die drei Männer den Landstreicher jetzt auch schon wieder vergessen, hatten sich mit jedem Ruck der Kupplung ein Stück der Erinnerung aus den Köpfen beuteln lassen und dösten nur mehr noch vor sich hin. Ich zumindest hatte alle Lust, zu vergessen. Und so ging ich durch das Hinterzimmer auf den Hof hinaus, von dem die angebaute Treppe in den Oberstock und zu dem offenen Gang führt, an dem die Fremdenzimmer und die Wohnung Sabests, aber auch meine beiden Räume, Wartezimmer und Ordination liegen.
Schön brannte die Sonne herab. Das rauhe Eisengeländer, über das ich mich lehnte, floß heiß durch meine Hand, und das Lied des Vorfrühlings war beinahe verstummt, so erstaunt war es über seine eigene Kraft. In der Mitte des Hofes steht mächtig und verwunderlich ein großer Kastanienbaum: wäre er nicht von den Mauern des Hauses und der Ställe so geschützt, er hätte in dieser rauhen Höhenlage nimmer gedeihen können. Seine unbelaubten Äste warfen verschnörkelten Schatten, so schlief ihr Grün in ihnen.
Während ich so meine Gemächlichkeit sonnte und auf das immer leichter werdende Murmeln des Lichtes lauschte, hörte ich das Rollen eines Wagens in der Hausdurchfahrt, und die Wirtsleute kutschierten herein, aber nicht nur sie, sondern mit ihnen auch ein Kalb, ein Stierkind, ein Kuhkind, das mit gefesselten Beinen auf dem Plateau des einspännigen Fleischerwagens lag und aus seitwärts gedrehtem Kopf zu dem Kastanienbaum emporsah, ohne dessen Seltenheit zu erkennen.
Das Gefährt hielt an. Sabest sprang vom Bock, half auch seiner Frau herunter, und während sie ihre Einkäufe aus dem Wagen räumte, hob Sabest mit Hilfe des Hausknechts, der aus der Remise herausgekommen war, das Kalb herunter, entfesselte es, so daß es auf wackligen Beinen dastand, und band es lose an das Wagenrad. Dann wurde das Pferd ausgespannt.
Der Theodor Sabest ist nicht so, wie man sich einen Wirt und Fleischer vorstellt, er kann kein Fett ansetzen; er paßt eher zu seinem Kaufmannsladen. Aber das ist nur der erste Eindruck. Denn man merkt sehr bald, daß er zum Typus der magern Metzger gehört, ja, man möchte beinahe sagen, zum Typus der magern Henker, und es fällt ihm schwer, die Gemütlichkeit zu produzieren, ohne die ein Wirtsgeschäft nun einmal nicht zu führen ist. Aber man kann sich vorstellen, wie dieser brutale und leidenschaftliche Mann einst um das blonde Mädchen, das jetzt seine Frau ist, geworben haben muß. Sie, die trotz ihrer Blondheit auch nicht gerade sanft ist, ist eine richtige Wirtin geworden, tüchtig und von jener offenen und doch verschlagenen Sinnlichkeit, die zwischen Küche und Alkohol ihren eigentümlichen Platz hat. Wenn man sie ansah, bedauerte man es, daß sie nicht mehr Kinder hatte, doch ein Henker will keine Mutter, sondern eine Geliebte zu Hause haben, er hegt den Urwald, in dem die Menschen zu ihrem Glück, zu ihrem Unglück zusammengeführt werden, er höhnt jene, die roden und hinausstreben aus der feuchten Dunkelheit, denn er weiß, daß der Mensch, mag er auch Häuser mit breiten Toreinfahrten bauen oder gar mit Autos sich fortbewegen, niemals über den Rand des Waldes vordringt, er weiß, daß Anfang und Ende alles Menschlichen in der Dunkelheit des Urschlafs und des Vergessens liegen, daß jede Handlung, jedes Gespräch, jedes Tun, jedes Lassen in die Finsternis des Ur-Gestrüppes zurückführen können, und daß die düstere Flamme stets bereit ist, hervorzubrechen, uns zu verzehren. Wohl ist anzunehmen, daß der Wirt Theodor Sabest sich über diese Dinge wenig Gedanken machte, und es mag auch sein, daß ich, der Arzt, der manches um seine Ehe weiß, ein wenig zu viel in seine Seele lege und wenn man ihn selber fragte, so würde er wohl antworten, daß sie aus lediglich pekuniären Gründen es bei einem einzigen Erben bewenden ließen.
Doch da nun auch Pluto herausgekommen war und gutmütig an dem Kalb schnupperte, ja, mit schwerer Pfote es sogar zum Spielen aufforderte, wurde es unruhig, zerrte am Strick und sprang steifbeinig vorne hoch. Und das sah beinahe unwürdig aus für ein Geschöpf, das nun doch bald zum Tode geleitet werden sollte. Da ging ich in meine Ordination.
Dies war der erste Tag, den ich beschreiben wollte.
Alles war vergessen. Der Schnee hatte es zugedeckt. Mit einem Schlag war der zurückgedrängte Winter wieder hervorgebrochen, mit einem Schneegewitter war er über die Kuppronwand, hinter der er sich verborgen gehalten hatte, wieder ins Tal herübergesprungen, zwei Tage und zwei Nächte fielen die Flocken, und als der Wind dann wechselte und von Norden blies, da strahlte die Sonne über einer Landschaft, in der auf silberweiß polierten Straßen die Schlitten Weihnachten zurückklingelten.
Aber wenn auch der Schnee zu Wällen aufgeschichtet den Fahrdamm säumte und kalt der weiße Glitzerstaub über die Hänge und Felder dahingeweht wurde, es war, so weihnachtlich es war, nicht weihnachtlich, denn der Märzwind ist kein Dezemberwind, die Märzensonne keine Dezembersonne, der Märzmensch kein Dezembermensch. Alles war schärfer und war zugleich weicher als es im Dezember gewesen war, Schärfe und Weichheit waren anders verteilt, es war die Kälte gewissermaßen in ihre Bestandteile zerlegt, stechend fuhr sie durch meinen dicken Pelz, aber über dem hartgefrorenen Schnee der Wege lag trotzdem eine Tauschichte, ätzend und klebrig, so daß schwere schwarze Schneeklumpen an den Schuhsohlen hafteten, sich am Absatz verkeilten, aber sich auch in Trapps Pfoten verklemmten und er, manchmal winselnd aufseufzend, zu hinken begann. Das hinderte freilich nicht, daß er dann wieder losschoß, besonders wenn er Pulverschnee fand, froh der aufwirbelnden Kühle und sich in ihr wälzend. Für einen ausgewachsenen Wolfshund benahm er sich etwas zu jugendlich, aber er hat kein Gefühl für Würde.
»Komm«, sagte ich, »komm, Trapp, wir müssen ins Unterdorf, man hat nach mir telephoniert. Die Lenard kriegt ihr Kind.«
Dann packte ich meine Instrumente in die Tasche, bedeutete der Karoline, daß wir zum Abendbrot zurück sein würden, und wir traten in den hellen Nachmittag hinaus.
Der Nordwind pfiff noch immer, freilich nicht mehr so scharf wie in den letzten Tagen, er war gewissermaßen einstimmig geworden, seine Ober- und Unterwinde waren verstummt, er war jetzt ein einsamer Spaziergänger, der über die Baumwipfel dahinwandert und dabei leise vor sich hinpfeift. Sonst war es ganz still im Walde; manchmal fiel von irgend einem Ast ein Brocken Schnee, knisterte rieselnd und platschte weich auf. Aus dem Hause Wetchys drüben, das gleich dem meinen im Fichtenwald eingebettet liegt, – unmittelbar im Walde, denn die Gärten und Zäune sind vom Schnee überdeckt – steigt eine dünne Rauchfahne in die Klarheit, in diese Silberbläue, die aus der Unendlichkeit kommt, die Stämme einhüllt und fast bis zum Boden reicht, dünner, ein wenig harter Geruch des Rauches, der Humanität, des Wohnens in der geruchlosen Frische.
Auch aus meinem Haus steigt der Rauch. Es ist mein Haus, und seit über zehn Jahren wohne ich bereits darin. Damals war ich von einer Gebirgstour kommend hierher geraten und war geblieben, habe in einem plötzlichen Entschluß die gerade ausgeschriebene Stelle eines Gemeindearztes und die Wohnung angenommen, eigentlich bloß des Hauses auf dieser Waldhöhe willen. Dabei ist es ein Schwindelhaus, ein richtiges Inflationshaus, Kind eines Börsenmanövers und sogar eine etwas unfertige und gebrechliche Frühgeburt. Denn zu jener Inflationszeit gaben einige Schwindler vor, den Bergbau im Kuppron wieder beleben zu wollen, und weil sie nicht bloß Aktien ausgeben konnten, bauten sie hier die beiden Villen und ein Stück der Seilbahn, die nach Plombent hinunterführen sollte. Aber weiter ist die Sache natürlich nicht gediehen, die Stollen wurden nicht erschlossen, das Hüttenwerk in Plombent nicht errichtet, sinnlos spannt sich eine Strecke Seilbahn mit einem einsam baumelnden Förderkorb über dem Fichtenwald beim Kalten Stein, unfertig blieben die beiden Häuser und wurden von der Gemeinde für Steuerschulden übernommen, und sozusagen unfertig auch blieb der einstige Verwalter Wetchy, der in dem einen Haus wohnt und jetzt als Agent landwirtschaftlicher Maschinen ein dürftiges Dasein fristet. Und weil die Gemeinde für das andere Haus keine andere Verwendung fand, so wurde es, gut genug für den Arzt, der dem Bauern ohnehin ein überflüssiges Möbel ist, zur Doctorwohnung bestimmt.
Der Schatten der Tag- und Nachtgleiche, vom Kuppron herabfließend, ist im Walde schon spürbar, obwohl er ihn noch nicht erreicht hat, aber wenn man den zum Dorf hinführenden gelbausgetretenen Pfad nimmt, auf dem ich die Spuren meiner Nagelschuhe vom Vormittag wiedererkannte, und ins Freie tritt, da steht zur Rechten des Schreitenden die beschattete, schattenwerfende mächtige Wand, den Wald um ihre Lenden geschwungen wie ein Tuch, und der oberste Rand der Felder, aus deren Weiß die schneebedeckten dunklen Haselnußstauden tauchen, ist von dem gleitenden Kuß der Dunkelheit bereits erreicht. Vor mir, ein paar Steinwürfe entfernt, liegt das Dorf, auch dieses noch besonnt, und hinter ihm im großen Bogen, beginnend neben der Lücke des Kuppronpasses mit der Ventalp und dem Rauhen Venten schwang sich die golden hohe Kette der Gipfel, deren Vorberge in unabsehbaren Stufen nach Osten und Norden auslaufen, hier aber, zur Linken, ihre erste Einsenkung haben, die runde Schale des Kupprontales, das man freilich von hier aus nicht zur Gänze übersieht: der Talausgang im Norden, zu dem es, die Straße nach Plombent hinausschickend, leicht abfällt, ist vom Abhang gedeckt, ebenso der in der Mitte des Kessels liegende Ort Unter-Kuppron, man sieht bloß die südlich ansteigende Hälfte des Tales und die Einzelgehöfte, die drüben auf den Hängen verstreut sind, aber durch die winterlich sonnige Stille dringt der Schlag der Turmuhr herauf, und eingebettet das Tal, eingebettet die Wohnstätten in die durchsichtig hellblaue Kälte, ruht und schwebt sie bis zum Himmel, reicht hinan bis in die jenseitigen Himmel, der kalte Atem der Sonne.
Man muß nicht ins Dorf hineingehen, um zur Straße zu gelangen, man biegt links ab – auch diesen Pfad habe ich selber ausgetreten, denn Wetchy und Karoline zählen nicht –, und ist stolz, solcherart zehn Minuten Wegs erspart zu haben. Die Sonne im Rücken, den leichten Nordwind im Gesicht, den glücklichen Hund vor meinen Augen, schreite ich tüchtig aus, sogar ein wenig besorgt, denn die Lenard hat zwar schon zwei Geburten hinter sich, aber beide sind nicht leicht gewesen. Ich hätte doch die Skier nehmen sollen.
Immerhin, nach einer Viertelstunde kam der Kirchturm mit seinem einfachen Satteldach in Sicht, gleich darauf auch die Schneedächer des Dorfes, und nach einer weitern Viertelstunde war ich unten und bei Lenard, wo die Sache bereits in vollem Gange war. Aber es ging alles am Schnürchen, die Hulles Marie, die als Hebamme fungiert, hätte es auch allein schaffen können, genau um sechs Uhr im letzten Strahl des Sonnenlichtes holten wir den neuen Menschen zur Welt, war dieses Alltagswunder vollbracht, und wieder einmal staunte ich, ich der alte Geburtshelfer, der jahrelang in der Frauenklinik gearbeitet hatte, wieder staunte ich, daß das Geschöpf, das wir einem Menschenleib entnommen hatten, nun selber ein solcher geworden war, ausgestattet mit allem, was zum Bewältigen und Erleiden der Welt nötig ist. Es war ein Bub, den ich da abnabelte, der zweite Lenardbub, nachdem das letzte ein Mädel gewesen war, rot wie ein Krebs, Flaum auf dem Kopf, mit süßen kleinen Fingern und Halbmondnägeln, und wütend, ob der ihm angetanen Schmach. Und über dem ganzen Haus war ein Lächeln.
Indes, so sehr ich mich auch meiner Leistung freute, es hätte wenig Sinn gehabt, mich in dem Haus dieses Erfolgs [halber] noch weiter aufzuhalten, ich wusch mich also nochmals, packte den weißen Kittel und die Instrumente in die Tasche, und nachdem dies geschehen war, eröffnete ich Trapp, der während der Prozedur zusammengerollt in der Küche geschlafen hatte, daß wir uns auf den Weg machen könnten. Er hieß es gut, und wir traten auf die Gasse hinaus, in die die Dämmerung herabgestiegen war.
Da ich nun schon einmal da war, ging ich ins Wirtshaus, um zu erfahren, ob es dort irgendwelche ärztliche Neuigkeiten für mich gäbe. Es lag nichts vor. In der Toreinfahrt traf ich auf Peter, der eben das Haus verlassen wollte.
Wir sprachen erst eine Zeitlang miteinander über allerlei, über seine Abneigung gegen das Metzgergewerbe, das er nicht erlernen wollte, von seiner Vorliebe für den weniger blutrünstigen Kaufmannsstand, und dann machten wir uns auf den Weg. An der Ecke der Kirchengasse wurde er unruhig, und ich war indiskret genug, ihm zu sagen, daß ich ohnehin wisse, wohin er wollte, und daß ich ihn sogar begleiten werde.
Er errötete und wir bogen ein, denn wenn man die Absicht hat, den Häusler Strüm, oder richtiger, seine sechzehnjährige Tochter Agathe Strüm zu besuchen, so muß man hier einbiegen. Aber wir waren nur wenige Schritte in der Kirchengasse gegangen, als ich sagte:
»Da ist er.«
Eigentlich hatte ich es gesagt, bevor ich ihn noch recht erblickt, geschweige in der beginnenden Dunkelheit ihn erkannt hatte, so selbstverständlich war es, daß die Gestalt, die dort vor dem Haus des Lorenz Miland lehnte, die des Gesuchten sein müsse. Des Gesuchten? Ja, des Gesuchten. Denn ich hatte ihn zwar vergessen, so sehr vergessen, daß ich keinerlei Veranlassung hatte, zu fragen, ob er im Dorf noch gesehen worden wäre, und hatte doch gewußt, daß er sich hier noch aufhielt. Solche Dinge kommen vor.
Und so war es auch nur richtig, daß ich, da wir auf ihn zuschritten, »Guten Abend« sagte.
»Guten Abend«, sagte auch er. Er stand im Lichtschein des Fensters, barhaupt – kein Bauer tritt ohne Hut vor die Türe – und ohne Überrock oder Wams stand er da in der Kälte und hackte jetzt mit dem Absatz ein wenig an dem unebenen Eisstreifen herum, der die Hausmauer entlang lief. Das alles erschien wenig zweckvoll. Wartete er auf jemanden? ich schaute ihn ein wenig verwundert an.
»Guten Abend, Peter«, sagte er schließlich, »du kannst wohl nicht grüßen.«
Was hatte es Peter zu verschweigen, daß er den Mann kannte?
Peter sagte betreten: »Guten Abend, Herr Ratti.«
Ratti, das klang italienisch; dazu paßte es, daß der Mann einen Lockenkopf hatte, was in dieser Gegend recht selten ist.
Er schaute recht freundlich drein: »Schöner Abend«, sagte er ermunternd.
»Na ja, ein wenig frisch.« Und um etwas Konkreteres zu sagen, stellte ich fest: »Sie wohnen beim Miland.«
»Ja, er hat mich aufgenommen.«
Aufgenommen? als Gast? als Wanderer, der für ein paar Nächte bleibt? als Knecht? Wenn es als Knecht sein sollte, so wunderte es mich, daß der Mann noch immer da war, denn der Miland verlangt harte Arbeit, muß bei den achtzig Joch, die [er] zu bewirtschaften hat und die, wie hier üblich, in der ganzen Gemarkung verstreut sind, harte Arbeit verlangen, und dazu schien mir dieser Mensch durchaus ungeeignet. Im übrigen war es verwunderlich, daß Miland jetzt, schon zum Frühjahrsanbau, einen Knecht einstellen sollte. Nun, das wird sich ja alles noch weisen, und ich sagte daher bloß:
»Wir haben uns ja schon gesehen. Sie sind mit dem Zementauto gekommen.«
»Das haben Sie nicht gesehen«, stellte er richtig, »da war ich schon abgestiegen.«
Bei aller Freundlichkeit, mit der dies gesagt war, war es eine kleinliche Rechthaberei, aber es war mehr, es war wie eine Aufforderung zum Haß, in seinem freundlichen Ton, in seiner gleißnerischen Gebärde lag etwas, das hieß: Hasse mich, hasse mich, damit du mich liebst.
Es ist möglich, daß ich mich irre. Aber Trapp, der an dem Fremden herumgeschnuppert hatte und sich niemals irrt, stellte das perpetuum mobile seines Freundschaftswedelns ein und hielt den Schweif bös und kerzengerade.
Ich hatte keine Lust, Herrn Ratti zu hassen, aber weil ich nun schon einmal vor seinem Hause stand, wollte ich meinen Freund Miland besuchen. Ich nickte also dem Ratti bloß zu und trat ein.
Im Stallgebäude brannte Licht; Miland war also offenbar dort noch beschäftigt und ich steuerte auf den Stall zu. Neun Stück Vieh standen da, die meisten mit dem dunkelbraunen glänzenden Fell des kurzhörnigen Schlages, wie er hier gezüchtet wird, außerdem ein Paar schwerer Pferde; in einem größern Abteil am Ende des Stalls aber befand sich der Stier, der Gemeindestier, der von Miland gehalten wurde, und rasselte an seinen beiden Ketten. Das Ganze sah proper und gepflegt aus, sauberer Betonfußboden und eine Wasserleitung im Stall. Freilich mußte man das Wasser ins Reservoir vom Brunnen herüber pumpen, aber das war immerhin noch praktischer als das Schleppen der Eimer. Und außerdem will man auch was fürs Auge haben.
»Hallo, der Herr Doctor«, sagte Miland, der mich eintreten gehört und aus einem der Stände aufgetaucht war, »das ist ein seltener Besuch.« Und weil ein Bauer immer praktisch denkt und nur sichtbare Ursachen der Geschehnisse gelten läßt, setzte er fort: »Brauchen Sie was von uns, Herr Doctor? hat die Karoline keine Eier mehr?«
Nein, die Karoline hatte mich nicht geschickt. Ich sei bloß so da.
Er hatte sich die Hände bei der Wasserleitung abgespült und streckte sie mir jetzt entgegen: »Das ist mal schön von Ihnen.«
Mir fiel plötzlich eine merkwürdige Ähnlichkeit zwischen dem Miland und seinem neuen Hausgenossen auf. Die Bauern hier haben manchmal etwas Südliches an sich, dunkelhaarig, sehnig und mit scharfen Adlerprofilen, Jägertypen. Auch ihm hing der dunkle Schnurrbart über die Mundwinkel. »Fertig mit der Arbeit?« fragte ich.
»Ja, aber noch kein Abendbrot gehabt … Sie kommen doch mit hinüber …« Und er dreht den Schalter der beiden Deckenlampen ab. Die Tiere atmeten im Dunkel.
Das Haus liegt im rechten Winkel zum Stallgebäude. Wir gingen über den Hof. Nun war der Himmel schon voll der Märzsterne. Die Luft war milder als am Nachmittag. Der Schlaf der Geschöpfe wärmt immer den Himmel ein wenig an.
Die Bäuerin, die Milandin geheißen, ist ein starkknochiger harter Mensch, beinahe ebenso groß wie Miland, von einer stets zunehmenden Männlichkeit, obwohl sie noch keine vierzig alt ist. Sie stammt aus dem Oberdorf, ist eine geborene Gisson, und es soll Kämpfe gekostet haben, bis der Miland sie gekriegt hat. Aber das Eheleben der beiden ist undurchsichtig, trotz der vielen Kinder, die sie miteinander gehabt haben. Manche der Kinder sind gestorben, und es mag sein, daß es dies war, was sie so hart gemacht hat. Keines Menschen Tod geht spurlos an uns vorbei, wer ihm nahegestanden hat, erbt ein Stück der freigewordenen Seele und wird in seiner eigenen Humanität reicher. Doch eine Mutter kann ihr Kind nicht beerben, und ihr Antlitz trägt die harten Züge der Menschen, die in der Hölle der Enterbten wohnen.
»Guten Abend allseits«, sagte ich eintretend, »hier ist ja noch Vollbetrieb.«
Mit Ausnahme des zwölfjährigen Karls, der schon zu Bett gegangen sein mochte oder sich sonstwo herumtrieb, war die ganze Familie versammelt. Die Bäuerin mit dem kleinen Buben im Arm, die zehnjährige Zäzilie, die beim Tisch döste, der Knecht Andreas mitsamt seiner Pfeife auf der Bank sitzend, ebenso die Magd Hermine, die sich freilich schon räkelte und daran war, in ihre Holzpantoffeln zu fahren und davonzuschlurfen. Irmgard aber, die älteste Tochter, stand am Herd und kochte Tee; viele Bauern hier trinken Tee.
Wir setzten uns an den Tisch, der von dem Essen der anderen noch fettig war, und der Bauer begann allsogleich, den blonden Kopf der schläfrigen Zäzilie zu streicheln. Das Brot und ein starker Riemen hellbraunen Specks lagen in der Mitte des Tisches, auch die Schüssel mit den Klößen, die man für den Bauern übrig gelassen hatte, doch vorher bekam er noch seine Milchsuppe, die er löffelte, ohne die Linke vom Haupt seines Kindes wegzunehmen. Dann kamen die Klöße und der Speck an die Reihe, und auch ich schnitt mir manchmal ein Stück davon ab und aß es mit Brot. Während des Essens schwiegen wir, und Trapp sah uns zu, hin- und herüberlegend, ob die für uns ungenießbaren Speckschwarten für uns oder den Hofhund draußen bestimmt sein würden.
Als wir so weit fertig waren, fragte der Bauer, ob der Marius schon sein Essen gekriegt hätte.
»Nein«, meinte die Frau, die eben hinausging, den Kleinen ins Bett zu bringen, »nein, er ißt nur einmal am Tag, sagt er. So hat er's ja auch bisher gehalten.«
»Aber den Tee trinkt er«, ließ sich Irmgard vom Herd her vernehmen.
»Also Marius heißt er«, sagte ich.
»Ja, Marius Ratti … Sie kennen ihn also schon, Herr Doctor.«
»Er steht ja mit dem Peter draußen vor dem Haus.«
»Das tut er gerne«, sagte der Knecht Andreas und kicherte.
»Na, vielleicht ist der Peter doch lieber zur Agathe gegangen … mir wäre es auch lieber.«
»Nein«, beharrte Andreas, »sie stehen draußen.«
War der Peter etwa deshalb betreten gewesen, weil ich ihn bei seiner Zusammenkunft mit einem dahergelaufenen Menschen ertappt hatte? Ich fragte: »Wie ist denn der Mensch gerade zu Euch geraten?«
Offensichtlicherweise war dieser Marius Ratti ein häufiges Gesprächsthema, denn die Milandin, die eben wieder zur Tür hereinkam, wußte schon, um was es sich drehte, und antwortete: »Die Irmgard hat ihn aufgelesen.«
Irmgard stellte jedem ein großes Gefäß, Schale konnte man dies nicht nennen, mit Tee hin: »Nein, der Karl hat ihn hereingeführt … er hat die Kinder auf der Gasse gefragt, ob bei der Kirche nicht noch ein Gasthaus sei.«
»Warum ist er nicht gleich beim Sabest geblieben?«
»Dort ist es ihm zu nobel, hat er gemeint … viel Geld hat er ja nicht. Und da habe ich ihn eben gefragt, ob er nichts essen wolle … das muß man doch tun … oder ist er etwa nicht ein Wanderer?«
»Ja«, entgegnete ich, »ein Wanderer ist er wohl.«
»Mag er es sein«, sagte die Bäuerin, »und wenn er Hunger hatte, so ist es mir recht, daß man ihm das Essen gab, doch ich mag solche Leute nicht im Haus; vielleicht gar sind die Gendarmen hinter ihm her.«
»Dann wärst ihn gleich los, Bäuerin«, kicherte der Knecht Andreas.
Der Bauer sagte: »Ich hab' noch keinen fortgejagt, und es hat mir nicht geschadet bisher.«
Nun kamen sie alle auf ihren lautlosen dicken grauen Socken zum Tisch heran, und wir rührten alle in dem braunroten Wasser, das von ferneher nach Tee schmeckte, und unsere Gedanken waren bei dem Wanderer. Denn auch der Seßhafte wandert, er will es bloß nicht wissen, und wenn er den Fahrenden bei sich zurückhält, so geschieht es wohl, weil er an sein eigenes Fortmüssen nicht erinnert sein will.
»Ich will ihn hereinholen«, sagte Irmgard und ging zur Türe.
Miland faßte Zäzilie an den festgeflochtenen Zopf: »Und dir, gefällt er dir, der Marius?«
Das Kind nickte bloß als Antwort in den Teetopf hinein und lächelte ein wenig blöde. Dann aber, einer jähen Eingebung folgend, glitt sie von ihrem Stuhl, huschte zur Bank hinüber, kletterte hinauf, und in dem trüben Licht der Zimmerecke – hing doch die elektrische Birne unter dem Blechschirm tief über dem Tisch – tastete sie nach dem Schalter des Radioapparates, der dort städtisch-braunlackiert inmitten des spärlichen Hausrates auf dem Bord stand. Und so vollzog sich der Eintritt des Marius unter den Klängen eines Jazzs, dessen müder Rhythmus aus dem Kasten kroch und auf der dunkelverräucherten Stubendecke herumhüpfte.
Auf dem Fußboden dagegen hüpfte Zäzilie. Sie sprang von einem Bein auf das andere, stieß einmal das eine, einmal das andere Ärmchen in die Luft, in ihrem Gesicht lag ein heiliges und ernstes Erwachen, lautlos war ihr Tanz, ein Huschen auf grauen dickgestrickten Strümpfen, und auch als der Jazz in einen Tango umschlug, ließ sie nicht ab von ihrem Engelstanz.
Marius hatte sich an den Türpfosten gelehnt, und mit der freundlichen Neigung des Kopfes, die ihm zu eigen war, betrachtete er das liebliche Bild, hatte nicht acht auf Irmgard, die ohne den Blick von ihm zu wenden, das Teegefäß für ihn auf den Tisch stellte, ja, beinahe geflissentlich übersah er die Gebärde, mit der sie ihn zum Tische lud. Doch plötzlich, schon meinte ich, er wolle am Tanze teilnehmen, war er mit ein paar großen beschwingten Schritten in der Ecke und stellte [den] Apparat ab.
Mitten in der Bewegung erstarrte Zäzilie. Sie war so verblüfft, daß ihr Entzücken gleichsam des Entsetzens nicht gewahr wurde, das sich doch schon eingestellt hatte: leicht in die Beuge gezogen war der eine Fuß, fast stand sie auf einem Bein, der Arm mit emporgedrehter Handfläche deutete noch nach aufwärts, als wollte er nach den entschwundenen Klängen da oben noch haschen, und ihr Gesicht, des Erwachens noch nicht müde, des Erwachens nimmer müde, es vermochte nicht zurückzugehen in die Verschlossenheit des Fleisches, sondern wie zu ewigem Erwachen gefroren war es und trug doch schon auch wieder das Mal trauernden Schlafes.
Doch schließlich löste es sich, ihrem zum Weinen gekrümmten Mund entrang sich ein »Böh«, und sie flüchtete zurück in [die] Arme des Vaters.
Siehe, auch wir waren erstarrt, obwohl wir doch ganz einfach bei unserem Tee saßen, um eine nüchterne Glühbirne herum, in dieser warmen und doch nüchternen Küchendunkelheit, in der weiß die Teller am Bord glänzten, in dieser Wärme, in der sich der standhafte Brodem verbrutzelten Fetts mit dem Dunst menschlicher Körper mengte, siehe, auch wir waren erstarrt, sowohl Irmgard, deren Hand immer noch den Marius zum Tische lud, wie ihr Vater, der Zäzilie an sich preßte, ja selbst der Knecht Andreas war es, denn er rieb das Streichholz, das er schon gezückt hatte, nicht an seinem Hinterschenkel, sondern hielt es still in der Luft. Und es war die Bäuerin die erste, die wieder zur Sprache fand, und sie sagte: »Gebt die Musik wieder her.«
»Bäuerin«, sagte er höflich, »gebt den Kasten wieder zurück.«
»Possen und nochmals Possen«, ereiferte sich die Frau, »seid Ihr bei Trost! und all das schöne Geld, das er gekostet … sofort gebt die Musik wieder her.«
»Wenn's die Bäuerin befiehlt, so habe ich zu gehorchen«, fügte er sich mit schauspielerischer Willfährigkeit, »doch Eltern sind schwach, sie tun vieles den Kindern zuliebe, sie geben nach, ohne Rücksicht darauf, daß es dem Kinde schaden könne …« und nach einer kleinen Kunstpause, setzte er mit gewinnendem Lächeln hinzu: »… ich meine halt, daß es für Kinder jetzt Schlafenszeit wäre.«
Zäzilie, die es eigentlich anging, horchte nicht hin. Sie saß jetzt ruhig neben ihrem Vater und ließ sich streicheln.
Marius hatte die Hand am Apparat und wartete.
Da sagte Miland: »Das ist eine städtische Musik.«
Damit hatte er wohl recht, aber es war auch ein städtischer Apparat, und selbst wenn ländliche Weisen aus ihm herausgedrungen wären, so wäre es nicht anders gewesen.
»Städtisch oder nicht städtisch«, antwortete Marius, »es ist eine kostspielige Musik, und die Bäuerin will sie haben.« Aber dabei sah er Irmgard an, als sollte die Entscheidung von ihr erfließen.
»Trinkt Euren Tee und gebt Ruh«, befahl die Bäuerin mit einem kurzen harten Lachen.
Irmgard aber stand unter dem Blick des Marius. Auch ich sah sie an. Sie hatte die Arme unter dem Busen gekreuzt, genau so wie es ihre Mutter und ihre Großmutter zu tun pflegen, sie war in allem eine echte Gisson, großflächig das Gesicht unter den rötlichen Haaren, warm durchblutet und mit hellrosa Lippen. War es das Gesicht, das ihre Mutter trug, als sie zur Hochzeit ins Unterdorf geholt wurde? wird auch in dieses Gesicht noch die Härte einziehen? Wo, ach wo, ist das Menschliche und Bleibende, da das Alter Schleier über unser Gesicht zieht und doch es entschleiert?
Keiner von uns weiß, was in dem andern vorgeht; und der Knecht Andreas seufzte »Ach ja«, während er sein Zündholz nach einigen Bemühungen nun doch in Brand gesetzt hatte und unter vorgehaltener Hand der Pfeife näherte.
Da sagte Irmgard, die ihr Auge von dem des Marius abließ: »Wirklich, es ist Schlafenszeit«, und sie führte die kleine Schwester an der Hand hinaus, ohne Marius dabei weiter anzusehen. Marius aber setzte sich zu uns an den Tisch, rührte langsam in seinem Topf und begann schluckweise zu trinken, wie einer, der seine Arbeit getan und dem eine Labe gebührt. Und wir sprachen von gleichgültigen Dingen. Nach einiger Zeit erhob sich der Bauer, schaltete ein, und wir konnten die politischen Nachrichten hören.
Dann ging ich heim, Trapp hinter mir her, denn er war müde geworden und wollte nicht mehr laufen. Der Schnee knirschte jetzt unter den Füßen, er ist voller Unebenheiten und voller kleiner schwarzer Schatten, denn der Mond steht hinter mir. Kalt und milde ist es zugleich. Ich gehe leicht; so hätte ich auch als Kind gehen können, ich atme, wie ich als Kind geatmet habe, und wenn mein Gesicht auch noch so entschleiert sein mag, von innen gesehen, ist es mir nur noch rätselhafter geworden. Nichts ist noch beantwortet; – wie kann es da schon Zeit zum Abschiednehmen werden? So wanderte ich. Da und dort waren die Häuser beleuchtet, in manchen sah man die Leute sitzen, nicht anders [als] wir in Milands Küche beisammen gesessen hatten, und als ich aus dem Dorf heraustrat, stand mächtig und weiß im Mondlicht die Kuppronwand vor mir, zarter und silberner die ferneren Gipfel, gelockert, gelöscht von Nebeln des Nachthorizontes. Und als ich weiter aufwärts wanderte, meinem Schatten nach, der zweibeinig vor mir herwanderte und mir den leichten Weg wies, da wurde es immer heller, es wurde so milde und strahlend, daß man vor lauter Licht kaum mehr die beleuchteten Fenster der Häuser von Ober-Kuppron droben sah, ich wanderte immer weiter aufwärts zur kühlen Sanftheit des Firmaments, in dem die Gestirne schwammen, als wären auch sie von all der Milde erwärmt und leicht geworden.
Irmgard Miland war eine Gisson, ihre Mutter war eine Gisson, aber die echteste Gisson war ihre Großmutter, obwohl der Name Gisson nur der erheiratete war. Bei Frauen so starker Art empfindet man es stets als Ungehörigkeit, daß sie des eigenen Namens verlustig werden, statt ihn auf Tochter und Enkelstochter und Aber-Enkelstochter zu vererben. Indes, im Falle der Gissons, der in mancher Beziehung als ein Ausnahmsfall zu betrachten ist, ist der Name Gisson von »Mutter Gisson«, wie sie allgemein genannt wurde, so restlos aufgesaugt, so restlos übernommen worden, daß man gar nicht auf den Gedanken kommt, es müsse doch einmal auch einen männlichen Träger dieses Namens gegeben haben, und wenn man daran denkt, so scheint es einem, als sei der Mann dieses Namens gar nicht gestorben, wie er es zweifelsohne getan hat, sondern als sei auch er aufgesaugt worden von der Frau, als sei er nicht eingegangen in die Erde, die seine Gebeine birgt, sondern in die Frau, und dies nicht etwa, weil er ein Schwächling war, sondern weil man sich ihn nur als einen starken, ja, gewaltigen Mann vorstellen kann, der in seiner Stärke sich solches Verlöschen gewünscht haben mochte. Ja, das geht so weit, daß man bei seinem Sohn, dem rotbärtigen Mathias, der ihm an Kraft und mächtigem Aussehen angeblich durchaus gleicht, immer wieder vergißt, daß auch er den ein wenig fremdländisch klingenden – derartiger gibt es einige hier im Oberdorf – und schönen Namen Gisson trägt; ruft man ihn, so heißt er einfach der Bergmathias.
Jetzt war es April. Auf dem vielfach schon schwarz gewordenen Schnee, der an vielen Stellen schon wieder schwarze Erde und bleiches Gras sehen ließ, klatschte schwerer Regen vom tiefen Himmel, und Himmel wie Regen schienen bereit, sich alsbald wieder zu Schnee zu verwandeln. Mit verwischten Umrissen tauchten die Dinge aus dem Nebel, wenn man sich ihnen näherte, Tannen, von denen es tropfte, Häuser, auf deren Dächern der Rauch wie ein leichter Nebelbrei lag.
Es war etwa elf Uhr, als ich Sucks Haus, das ein wenig außerhalb des Oberdorfs liegt, verließ und mich auf den Heimweg machte. Es war ein unangenehmer Fall; die Frau hatte eine Furunkulose, fieberte und sollte das Kind nähren, und auch dieses gefiel mir nicht mehr recht. Und wie immer bei derartigen Anlässen wurde ich ärgerlich ob des Fortbestandes der Menschheit unter solch erschwerten Umständen. Warum gaben sie es nicht lieber auf? bloß weil sich jeder fürchtet, als einer jener letzten Menschen sterben zu müssen, die dies mangels Nachwuchs allein und ohne Hilfe zu besorgen hätten? Natürlich galt es jetzt, auf Flaschenmilch überzugehen, und dabei konnte von Pasteurisierung hier heroben keine Rede sein. Es war ein Jammer.
Als ich unter solch ärgerlichen Gedanken durch die Dorfstraße hinabging, die – zum Unterschied von Unter-Kuppron – eigentlich bloß streckenweise eine richtige Dorfstraße mit aneinandergereihten Gebäuden, oftmals aber durch unverbaute Ackerlücken oder kleinere einzelne Holzhäuser unterbrochen ist, als ich also da, die Kapuze des Lodenmantels über den Kopf gezogen, zwischen den nassen Häusern hinabging und meinen Stock in den Schneemorast stieß, fiel mir beim Berghof plötzlich ein, Mutter Gisson zu besuchen.
Der Berghof ist ein langgestreckter niederer Bau, dem man die gotische Entstehung noch an den Fenstergewänden und Kragsteinen anmerkt und in dieser alten Knappensiedlung, die Ober-Kuppron ja ist, einstens eine Art Bergwerksdirektion gewesen sein mußte. Heute bildet er, und auch dies schon seit unvordenklichen Zeiten, einen nicht ganz geklärten Gemeinschaftsbesitz einiger Familien, vermutlich der ehemaligen Bergmeister, Oberknappen und anderer Bevorzugter, und die haben den Komplex durch Anbringung gesonderter Eingangstüren und durch Teilung des großen Hofes so weit es anging in bäuerliche Einzelwohnstätten verwandelt. Richtige Bauernhöfe sind hierdurch freilich nicht entstanden, und das war schließlich auch nicht notwendig, denn hier heroben gibt es ja auch keine richtigen Bauerngemarkungen, sondern die Anwesen sind aus Waldrodungen entstanden und zumeist so klein, daß kein einziges über Häuslergröße hinausgewachsen ist, aber es mag sein, daß gerade der Bestand dieses Gemeinschaftshauses für die Ober-Kupproner den Kitt eines Zusammenhalts abgibt, in dem irgend eine ferne Erinnerung an die alte zünftlerische Bergmannseinheit noch fortlebt. Die Talbauern unten haben hierfür kein Verständnis, und wenn sie, von einigen Ausnahmen abgesehen, auch selber nicht reich sind, so erscheint ihnen der Oberdörfler mit seinem Kleinbesitz auch heute noch unbäuerisch und proletarisch, der Berghof jedoch, trotz seiner ehrwürdigen Tradition, als eine Art Mietskaserne. Lange genug haben sie's dem Miland nachgetragen und ihn scheel angesehen, weil er eine von hier genommen hatte.
Wie die meisten der Fenster in diesem Landstrich sind auch die Mutter Gissons mit Hängenelken geziert; blütenlos noch hängen die graugrünen Stengel gleich einem dickverfilzten wetterharten Bart aus den Kasten, und das Regenwasser rann an ihnen herab. Und wie bei den anderen Wohnungen war auch hier eine der Fensteröffnungen in einen Türeingang verwandelt, dessen äußerer Holzflügel bei Tage immer offenstand und mit einem Drahthaken an die Mauer rechts befestigt war, während links die Holzbank zum Draußensitzen in den Boden gerammt war, versehen mit einem Fach für die Holzschuhe, die hier üblicherweise vor dem Eintritt von den Füßen gestreift werden. Durch die innere Glastüre jedoch gelangt man unmittelbar in die Küche.
Hier stand ich nun, entledigte mich meines regenschweren Mantels, und Mutter Gisson schimpfte auf die Mannsleute, die ihr mit Nagelschuhen und triefenden Kleidern den weißgescheuerten Boden beschmutzten. Eine helle Behaglichkeit herrscht in diesem Raum; es ist, als ob die Sonne, die nun schon seit Jahrhunderten allmorgendlich hier hereindringt, um einen ganzen Vormittag zu verweilen, einen Helligkeitsvorrat aufgespeichert hätte, von dem an so trüben Tagen, wie der heutige es ist, gezehrt werden kann. In der einen Ecke hinten steht der Herd, auf dem schon die Mittagssuppe kocht, zwei Glasspinde, Bauernarbeit aus dem 18. Jahrhundert, sind vorhanden und sind mit geblümtem Geschirr vollgeräumt, vorn bei dem einen Fenster steht der große Tisch innerhalb der Eckbank, und dort sitzt Mutter Gisson und schimpft.
»Anstatt zu schimpfen könnt Ihr mir wirklich lieber einen Schnaps geben, Mutter, bei dem Sauwetter.«
»Das möchte Ihnen passen, Herr Doctor.«
Und sie steht auf, um aus der Speisekammer die Flasche zu holen. Mit dem Schnaps aber hat es seine eigene Bewandtnis; es ist ein höllisch scharfes Getränk, ein geheimnisvolles Kräutergetränk. Im August zur Sternschnuppenzeit kann man Mutter Gisson vor ihrer Türe sehen, wie sie aufmerksam den Himmel mustert; ich wußte lange nicht, was dies zu bedeuten hatte, doch seitdem [ich] in ihrem Vertrauen war, ließ sie manchesmal einiges davon verlauten. »In acht Tagen gehe ich«, sagt sie dann, oder »Morgen gehe ich«, und wenn es dann so weit ist, steigt sie in frühester Dämmerung in die Berge hinein, klettert in den Wänden herum wie eine Junge und kommt mit einem sorgsam verhüllten Kräuterbündel zurück. Von dem Inhalt gibt sie allerdings nichts preis, und auch die Fundstellen hält sie strenge geheim. »Wer wird denn all das Wissen erben, Mutter Gisson?« – »Die Irmgard, aber so weit sind wir noch nicht.«
Nun, da sie mit der Flasche zurückkam, bringt sie auch einen Laib Brotes mit.
»Schnaps allein taugt nichts«, sagte sie.
Meine Freundschaft mit Mutter Gisson ist nun schon von langer Dauer und wird mit jedem Jahr fester. Bald nachdem ich meine Stelle hier angetreten hatte, hatte sie mich rufen lassen, der Mathias, der damals um die dreißig gewesen war, war plötzlich zusammengebrochen, und ich konstatierte eine mehr als operationsreife Appendicitis. Aber trotz meines dringenden Appells schickte sie ihn nicht ins Spital. Sie hatte dem Sohn lange in die Augen geschaut, und dann sagte sie mir: »Nein, da käme er nimmer als Lebendiger hin, wir müssen's hier schaffen.« So hat sie die Behandlung selber in die Hand genommen: im Stall zwischen den beiden Kühen ließ sie das Bett des Patienten aufschlagen – später sah ich, daß zu ihren Therapien immer wieder die Tiere gehörten –, und dort in dem Brodem der Tiere und in ihrer unmittelbaren Ausstrahlung mußte er acht Tage lang fasten. Ob sie ihm auch warmen Kuhfladen auf den kranken Bauch gestrichen hat, konnte ich nicht ermitteln, denn sie erlaubte nicht, daß ich den Kranken, dem die Bauchfellentzündung sozusagen auf der Stirn geschrieben stand, überhaupt noch anrührte. Als ich sie später danach fragte, lächelte sie bloß und sagte »Vielleicht.« Aber sie hat den Sohn durchgebracht, und im Laufe der Zeit habe ich noch manche ähnliche Fälle mit ihr erlebt. Nicht etwa, daß sie die ärztliche Wissenschaft verachtet, sie tut es nicht mehr als ich, untrüglich indes weiß sie deren Grenzen, und daß ich dies anerkannte, hat mir nicht nur ihre Freundschaft, sondern auch wertvolle Hilfe eingetragen. Und beinahe erscheint es natürlich, wenn sie, die mit ihren siebzig höchstens fünfzehn Jahre älter als ich ist, mich als einen jugendlichen Draufgänger behandelt, dem man, mag er sich auch schon bewährt haben, Zügeln anlegen muß.
»So, Herr Doctor«, sagt sie, »da hast du deinen Schnaps, und das Brot ist ganz frisch.«
Wenn wir zwei Worte gewechselt haben, duzt sie mich; hier im Oberdorf ist man überhaupt leicht auf Du, zumindest unter Gleichaltrigen.
Ich frage nach der Irmgard.
Mutter Gisson lacht leise. Sie hat starke gelbe Zähne. Als ihr einmal einer weh tat, hat sie ihn selber ausgerissen. Wie sie das zustandebrachte, ist mir immer noch ein Rätsel.
»Hast den Marius schon gesehen?«
»Teufel, der ist noch immer beim Miland?«
»Den hat mir die Irmgard heute heraufgeschickt.«
»Will sie den etwa heiraten?«
Jetzt lacht sie nicht mehr, sondern sagt bloß kurz ein »Nein«, das wie ein an die Enkelin gerichtetes Verbot klingt.
Sie sann eine Weile nach, und es war, soweit man dies aus ihrem Blick schließen konnte, als beschäftigte sie sich mit etwas sehr Fernem. Und beinahe klang es wie eine Drohung, da sie sagte: »Vielleicht ist es jetzt an der Zeit.«
»Was ist an der Zeit, Mutter Gisson?«
»Daß es anders wird.« Und dann fügte sie hinzu: »Der Marius ist gelehrig.«
Gelehrig bedeutete in ihrer Sprache so viel wie wißbegierig. Ich nickte.
»Er ist zum Bergwerk«, und sie deutete mit dem Daumen zur Hinterwand des Zimmers, denn in dieser Richtung liegt der Kuppron.
