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Wo steht die Schweiz im 21. Jahrhundert? In diesem Essay geht Joëlle Kuntz als Journalistin den Gründen für das Unbehagen nach, das sich rund um den Begriff der nationalen Unabhängigkeit entwickelt hat. Weshalb appellieren wir an sie? Weshalb wandelt sich das Gefühl der Sicherheit, das sie uns ehedem vermittelte, in Unsicherheit? Weshalb erscheint uns die Unabhängigkeit, einengend wie sie sich darbietet, eher als Belastung denn als Kraftquelle und Hilfe? Kuntz ordnet die schweizerische Unabhängigkeit ein in ihr geschichtliches und geografisches Umfeld. Sie legt dar, wie sich die Spannung zwischen moralischer Unabhängigkeit und praktischer Abhängigkeit entwickelte. Schliesslich zeigt sie die Stärken der Schweiz auf: einen pragmatischen Umgang mit der Abhängigkeit, die Fähigkeit des Zusammenlebens, ihre Gabe des Verhandelns, der Föderalismus und die Offenheit für Vielfalt, ihre vertiefte Kenntnis der Weltwirtschaft, der Forschung und der Dienstleistungswirtschaft und plädiert dafür, dass defensives Denken einer Bejahung der Interdependenz Platz macht.
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Seitenzahl: 185
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Joëlle Kuntz
Die Schweiz – oder die Kunst der AbhängigkeitZwischenruf
Übersetzt von Benedikt von Tscharner
Verlag Neue Zürcher Zeitung
Titel der Originalausgabe:
La Suisse ou le génie de la dépendance
© Editions Zoë, Genève 2013
www.editionszoe.ch
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation
in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten
sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
© 2014 Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich
Der Text des E-Books folgt der gedruckten 1. Auflage 2014 (ISBN 978-3-03823-908-6).
Titelgestaltung: Atelier Mühlberg, Basel
Datenkonvertierung: CPI books GmbH, Leck
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ISBN E-Book 978-3-03823-941-3
www.nzz-libro.ch
Vorwort
Ein Blick auf das politische Tagesgeschehen mit seinen Parlamentsdebatten und Abstimmungskämpfen zeigt, wie sehr in der Schweiz – aber auch anderswo – der Bürger Mühe bekundet, die internationale Dimension des politischen, wirtschaftlichen oder kulturellen Lebens in ihrer scheinbaren Widersprüchlichkeit zu erfassen und sich mit ihr zu versöhnen. Grenzen sind immer weniger sichtbar und greifbar, Unabhängigkeit ist nicht das Gegenteil von Abhängigkeit, Völkerrecht zerstört nicht die Souveränität… All diese teils banalen, teils paradoxen Feststellungen tauchen immer wieder in unseren nationalen Debatten auf und wirken sich auch auf die Haltung und die Stellung des Landes in seinem europäischen und weltweiten Umfeld aus.
In ihrem jüngst in Genf bei Editions Zoé und der Tageszeitung Le Temps erschienenen Essay La Suisse ou le génie de la dépendance geht die Journalistin Joëlle Kuntz diesen Fragen nach – als Journalistin und nicht als Historikerin oder als Politikerin, wie sie betont. Geschichte muss nicht nur mit wissenschaftlicher Akribie erforscht und erarbeitet, sondern am Ende auch vermittelt werden, an Herrn und Frau Jedermann, durch die Historiker selbst – einige, nicht alle, haben diese Gabe –, aber auch durch Journalisten, Diplomaten, Lehrer.
Joëlle Kuntz wurde zwar in der deutschsprachigen Schweiz, genauer gesagt in Uznach im Kanton St.Gallen, geboren. Ein Blick auf ihre Karriere zeigt jedoch, dass sie ohne Einschränkung zur Elite des welschen Journalismus zu zählen ist. Fast alle massgeblichen Medien tauchen da auf: Radio suisse romande, L’Hebdo, Télévision suisse romande (Ausland, Tagesschau), Le Nouveau Quotidien (stellvertretende Chefredaktorin)und Le Temps (Rubrik Opinions Gastautoren). Sie schreibt auch weiterhin regelmässig für Le Temps Kolumnen zu Zeitfragen und historischen Themen.
Zu Beginn ihrer Karriere arbeitete Joëlle Kuntz auch für französische Blätter und weilte zur Zeit der Nelkenrevolution als Korrespondentin in Lissabon; daraus entstand das Buch Portugal. Les fusils et les urnes (erschienen bei Denoël, Paris 1975). In jüngerer Zeit finden wir auf der Liste ihrer Werke L’histoire suisse en un clin d’œil mit einem Vorwort von Jean-François Bergier(Editions Zoé, Genève 2006), auf Deutsch erschienen unter dem Titel Schweizer Geschichte – einmal anders mit einem Vorwort von Peter von Matt (Tobler Verlag, Altstätten 2009) und Genf, Geschichte einer Ausrichtung auf die Welt (Zoé, Genève 2011).
Nochmals: Joëlle Kuntz ist Journalistin. Ihre Bücher zeichnen sich durch eine wohltuende Kürze und Klarheit aus. Sie haben meist Taschenbuchformat und verschwinden beinahe zwischen den wuchtigen «Mehr-Kilo-Bänden» des Rayons Geschichte. Der Zwischenruf, der elegante Essay zu aktuellen Fragen mit einigen historischen und philosophischen Exkursen, auch gelegentlichen politischen Seitenhieben, ist ein typisch französisches Produkt und im deutschen Sprachraum eher selten anzutreffen.
Indes, gerade wenn es um die schweizerische Aussenpolitik geht – mit den Themenbereichen Europapolitik, Bankgeheimnis und grenzüberschreitendes Steuerwesen, Migrationsbewegungen, Verhältnis zwischen Völkerrecht und Landesrecht u.a.m. –, ist es, so scheint mir, ganz besonders wichtig, dass über den «Röstigraben» hinweg immer wieder neu ein intelligenter Dialog geführt wird, dass die deutschsprachige Schweiz die Geisteshaltung der welschen Landsleute versteht und umgekehrt. Die Welt, in der wir leben, ist dieselbe. Die Schweiz gehört allen Bürgern gleichermassen!
Joëlle Kuntz spricht vom «Genie» der Schweizer für die Abhängigkeit. Der Übersetzer weiss, dass er génie hier nicht mit Genie übersetzen darf, denn Genies sind wir beileibe nicht; gemeint ist vielmehr Gabe, Neigung oder eben Kunst – «Kunst» kommt von «können». Wichtig ist, dass wir Schweizer uns dieser komplexen Abhängigkeiten, in denen wir gelebt haben und leben, die wir erleiden und mitunter auch (mit)gestalten, bewusst sind, dass wir sie nicht verdrängen, dass wir unser so ausgeprägt transnationales alltägliches Verhalten in Einklang bringen mit unserem nur zu oft auf nationale Dimensionen zurückgestutzten politischen Verständnis.
Joëlle Kuntz meint, wir Schweizer hätten eine besondere Gabe für das Verhandeln. Das mag richtig sein. Doch gut Verhandeln heisst auch, Hinschauen und Zuhören, Sich-Einfühlen, eine Gesamtschau entwickeln und Antizipieren. Da haben wir bestimmt noch Nachholbedarf, selbst wenn unsere eigene Geschichte uns immer wieder wertvolle Nachhilfestunden zu geben vermag. Wir müssten uns nur die Zeit nehmen, ihr zuzuhören …
Benedikt von Tscharner
ehemaliger Botschafter der Schweiz
Einleitung
Seit nunmehr gut zwanzig Jahren muss die Schweiz auf der Weltbühne Rückschläge hinnehmen. In den 1990er-Jahren waren es vor allem die Vorwürfe Amerikas oder Israels ob der herrenlosen jüdischen Guthaben auf ihren Banken, in deren Folge sie ihr Verhalten während des Zweiten Weltkriegs einer Überprüfung unterziehen musste. Im Jahr 2009 zog sie die Missbilligung der OECD, der Vereinigten Staaten und der Europäischen Union wegen des Bankgeheimnisses auf sich. Von Mouammar al-Gaddafi, dem einstigen libyschen Potentaten, wurde das Land gedemütigt. Die Beziehungen zur Europäischen Union waren und sind nicht gut. Und die deutschen und französischen Nachbarn haben die Schweizer Banken im Visier, wo sie unversteuerte Kapitalien vermuten. Regelmässig ertönt in der schweizerischen Öffentlichkeit der Aufschrei: «Man tut uns Gewalt an!» Wie üblich reagiert der Bundesrat fallweise ‒ eine Feuersbrunst aufs mal.
Im Jahr 2013 vermittelt die Schweiz zwei Bilder: In wirtschaftlicher Hinsicht geht es dem Land seit zehn Jahren gut. Dank einer umsichtigen Ausgabenpolitik ist es von der internationalen Finanzkrise weitgehend verschont geblieben, die sich im Anschluss an das amerikanische Kreditdebakel ausgebreitet hatte. Politisch hingegen wird die Schweiz nicht verstanden und von allen Seiten mit Kritik überhäuft. Die Staatsführung, stets geneigt, die nationale Unabhängigkeit zu beschwören, entpuppt sich als überfordert, sobald es darum geht, diese Unabhängigkeit für die Zukunft konkret auszugestalten.
Die Bürger der Schweiz zeigen sich von ihrer Regierung enttäuscht, die ihnen nicht mehr jene symbolischen Erfolge verschafft, die man sich einst an die Fahne heften konnte. Was sie täglich erleben, sind Verzicht, Rückzug, Abwehr. An keiner Front erfolgt ein Durchbruch, sei er auch noch so bescheiden.
Ein Teil der Öffentlichkeit tröstet sich mit der Beschwörung eines legendenumwobenen goldenen Zeitalters der nationalen Unabhängigkeit, das es mit ein wenig Mut wieder zu beleben gälte, beispielsweise mit Wilhelm Tell als Vorbild. Die Mehrheit allerdings bleibt skeptisch und fühlt sich eher hilflos angesichts dieses Grabens, der sich so unverständlicherweise auftut zwischen der guten, verdienstreichen Schweiz, die alle bewundern, und jener, der die Mächtigen dieser Welt ihren Willen aufzwingen.
Entmutigung macht sich breit. Unbeantwortete Fragen verdüstern die Gegenwart. Welchen Platz nimmt die Schweiz in der Welt des 21. Jahrhunderts tatsächlich ein? Wie kann sich das Land definieren, positionieren und aktiv werden?
Dieser Essay möchte im Lichte der Geschichte den Gründen für das Unbehagen nachgehen, das sich rund um den Begriff der nationalen Unabhängigkeit entwickelt hat. Warum appellieren wir an sie und warum antwortet sie nicht? Weshalb wandelt sich das Gefühl der Sicherheit, das sie den Bürgern einst vermittelte, in Unsicherheit? Warum schliesslich erscheint uns Unabhängigkeit in dieser einengenden Definition eher als Belastung des nationalen Zusammenlebens denn als Kraftquelle und Hilfe?
Zunächst möchte ich die nationale Unabhängigkeit in ihr geschichtliches und geografisches Umfeld einordnen; denn nur so wird verständlich, welche Hoffnungen sie verkörperte und welche Werkzeuge kollektiven Handelns sie im euro-amerikanischen Raum bot, wo sie sich herausgebildet hat. Dabei kann die moralische Überlegenheit analysiert werden, die das Konzept der Unabhängigkeit in einem kleinen, von grösseren Mächten umgebenen Land erlangte, während seine Abhängigkeit kaum wahrgenommen wurde.
Danach werde ich anhand einiger historischer Beispiele darlegen, wie sich diese Spannung zwischen moralischer Unabhängigkeit und praktischer Abhängigkeit entwickelt und schliesslich im Zuge des konkreten und systematischen Erlebens der Abhängigkeit zu einer Schwächung des Konzepts Unabhängigkeit geführt hat.
Schliesslich werde ich mich mit der Frage nach der Tragweite der Unabhängigkeit unter den politischen Bedingungen von heute auseinandersetzen und dabei das, was abgewertet oder gar als schmachvoll verborgen wurde, wieder aufzuwerten versuchen, nämlich den pragmatischen Umgang mit der Abhängigkeit, die Kunst des Zusammenlebens in einer von den Machtverhältnissen vorgegebenen Wirklichkeit.
Unabhängigkeit und Abhängigkeit sind keine eindeutigen Begriffe. Beiden ist eine Doppelnatur eigen. Unabhängigkeit steht zwar für Freiheit, bedeutet aber gleichzeitig auch Trennung und Isolierung. Abhängigkeit wiederum kann bis zur Versklavung gehen; ihre positiven Seiten sind jedoch Austausch, Verbundenheit, ja sogar Schutz. Die Auslegung der beiden Begriffe erfordert Urteilsvermögen. Man kann bei kommenden Entwicklungen schwere politische Fehler begehen, wenn man diese Beziehungen falsch interpretiert.
Als Freiheitsstreben verstanden verkörpert die Unabhängigkeit einen Wert, während die Abhängigkeit ein alltägliches Faktum ist, sowohl im Inneren der Staaten wie auch zwischen ihnen. Wenn allerdings dieser Wert infolge eines Übermasses an Emotionen das Faktische verdrängt, wird jedes Handeln unmöglich und die Politik von Ressentiments und Verwirrung durchsetzt, dann ist es Zeit, Form und Inhalt der Unabhängigkeit zu überprüfen, um sie auf die heutige Welt auszurichten und ihr wieder einen Sinn zu geben.
Wenn die Schweiz ihr Unbehagen mindern will, so besteht die Mindestaufgabe darin, den Begriff der Abhängigkeit von seiner ideologischen Diskreditierung zu befreien, die durch die Verabsolutierung der «nationalen Unabhängigkeit» entstanden ist – das gilt übrigens nicht nur für unser Land.
Was wir brauchen, ist ein anderer historischer Blick, eine etwas veränderte Perspektive. Wo bisher einzig der Sieg der Unabhängigkeit gefeiert wurde, müssen wir auch sehen, welche neuen Bande mit unseren Nachbarn entstanden sind. Es geht darum, nicht immer nur auf die Geschichte der Trennungen und Brüche zu verweisen, als ob allein diese die Schweiz hervorgebracht hätten, sondern auch auf die Geschichte der Verbindungen, Verpflichtungen und Zwänge. Bedeutsame Ereignisse müssen in ihrer Vielschichtigkeit dargestellt werden, und zwar mit dokumentarischer Sorgfalt und ohne Moralismus; und dazu gehören auch die anderen Staaten gemachten Konzessionen, denen die Schweiz es verdankt, weiterhin zu existieren.
Es wäre sicherlich leichter, die von manchen als zu nachgiebig beurteilte Haltung der heutigen Regierung gegenüber den Vereinigten Staaten zu verstehen, wenn die zahllosen in der Vergangenheit eingegangenen Kompromisse bekannter wären, wenn die Geschichte der Abhängigkeit ohne Scham neben die Geschichte der Unabhängigkeit gestellt werden könnte.
Dass es eigens beauftragter Historiker bedurfte, um die verdrängte Wahrheit der Anpassungen amtlich zu bestätigen, welche die Beziehungen zum Dritten Reich kennzeichneten, und dass der Bundesrat so peinlich davon berührt war, sagt viel über die Sakralisierung der Unabhängigkeit aus. Die Reaktionen auf den Bergier-Bericht machten es deutlich: Für die einen war der Bericht verfälscht, wenn nicht gar falsch, weil er dem Bild von den erbrachten Opfern, um unbeschadet davonzukommen, widersprach – Opfern auch an Ehre; für die anderen war er Beweis für den Verrat der damaligen Regierung, die sich im Umgang mit dem Feind kompromittiert hatte. Zwischen diesen beiden Haltungen machte eine Mehrzahl der Schweizer die schmerzhafte Entdeckung einer Wahrheit, die keineswegs überraschen konnte, die man indes lieber nicht in aller Öffentlichkeit diskutiert hätte. Auf jeden Fall wurde mit dem Faktum der Abhängigkeit das Monument der nationalen Unabhängigkeit angekratzt, das sich jeder durch die gängige Lesart der Schweizer Geschichte errichtet hatte und in der die tiefen und konstanten, die guten und die weniger guten Beziehungen mit unseren Nachbarn ausgeblendet sind. Das Lob der Unabhängigkeit geht oft mit einer Verkennung der Wirklichkeit oder gar mit Blindheit einher.
Geschichte ist ein Prozess fortwährender Arrangements. Wenn wir aufhören, aus dem nationalen Epos jenen triumphalen, linearen und abstrakten Weg zu basteln, der vom einstigen, gar mythischen Zustand der «Unterwerfung» zum erhofften Zustand der Unabhängigkeit führte, wenn wir unsere Geschichte in Verbindung mit jener der anderen lesen, dann wird es uns vielleicht besser gelingen, mit diesen Arrangements in gutem Einvernehmen zu leben. Die Geschichte der Abhängigkeit bleibt noch zu schreiben; es wäre dies ein Dienst an der Gegenwart, an den Frauen und Männern, die eingebunden sind in das Netz menschlicher Realitäten von heute.
Eine solche Aufgabe wäre schwierig und würde Zeit und Mittel erfordern, die mir nicht zur Verfügung stehen. Ich werde mich deshalb darauf beschränken, ein paar Spuren nachzugehen, um die Schweizer Geschichte aus ihrer Isolation zu befreien, um ihr ihre reale und lebendige Dimension im Tumult der Jahrhunderte wiederzugeben, den sie gemeinsam mit ihren unmittelbaren und auch ferneren Nachbarn durchlebt hat, und um sie «beziehungsorientiert» zu denken. Denn ungeachtet des Kults, den man der Unabhängigkeit widmet, ist sie in Wirklichkeit ein Band, das verbindet; ich werde das noch erklären.
Die Welt ist ein Puzzle mehr oder weniger gegenseitiger nationaler Abhängigkeiten. Dies zeigte sich spätestens bei der Ölkrise von 1974 und schlug sich nieder im Konzept der Interdependenz. Leider wird dieses allzu oft auf die kommerziellen Machtverhältnisse reduziert. In Wirklichkeit steckt mehr dahinter, nämlich ein Paradigmenwechsel in den Beziehungen zwischen den Staaten und den Gesellschaften. Dem Konzept der Interdependenz liegt die Einsicht zugrunde, dass die über die Erde verteilten Ressourcen langfristig auch einen politischen Preis haben, der daher rührt, dass sich die Anzahl der weltweiten Akteure vermehrt und dass sie sich emanzipieren. Dieser Preis betrifft nicht nur Käufer und Verkäufer, sondern in seinen sichtbaren sozialen und kulturellen Folgen die gesamte menschliche Gemeinschaft.
Im Jahr 2005, anlässlich des 60. Jahrestages der Vereinten Nationen, unterzeichnete Ruth Dreifuss zusammen mit rund sechzig Persönlichkeiten eine «Universelle Erklärung der Interdependenz». Der Augenblick sei gekommen, so heisst es darin, um «die unfreiwillige Risikogemeinschaft in eine gewollte Schicksalsgemeinschaft zu verwandeln».
Technisch ist die Schweiz für die Interdependenz gut gerüstet. Die Pro-Kopf-Anzahl an Juristen und Rechtspraktikern ist aufgrund des Föderalismus aussergewöhnlich hoch. Die Verhandlungskunst ist ein Spezialgebiet der Schweiz. Sie kennt das Labyrinth der Weltwirtschaft aus Erfahrung. Sie ist offen für die Vielfalt. Auf dem Gebiet der Forschung wie auch im Dienstleistungssektor hat sie viel einzubringen. Aber: Die Schweiz bleibt misstrauisch gegenüber fremden Mächten. Mit Baudelaire könnte man sagen: Die Unabhängigkeit des zwergenhaften Riesen hindert sie am Gehen.
Walter Benjamin schrieb in seinem Passagen-Werk, dass das Geschehen, das den Historiker umgibt und an dem er teilnimmt, als ein mit unsichtbarer Tinte geschriebener Text seiner Darstellung zugrunde liege. Auch ich glaube die Bedeutung der Geschehnisse zu erkennen, die meine Wahrnehmung des nationalen Diskurses der Schweiz beeinflussen. Meine Generation, d.h. die unmittelbare Nachkriegsgeneration, wurde durch zwei grosse Momente geprägt. Das war zum einen der Kalte Krieg mit seinen ideologischen Zwängen, sowohl innerhalb der Staaten als auch zwischen den Staaten, und mit der nuklearen Abschreckung als Ersatz für den Frieden. Und zum anderen war es die Auflösung dieser Ordnung zwischen 1989 und 1995 und die darauf folgende Globalisierung, die ihrerseits für Überraschungen sorgten. Zu erwähnen ist insbesondere das Wiedererwachen nationaler Bestrebungen in all ihren Facetten, friedlichen und gewaltträchtigen, und auf allen Kontinenten, ein Phänomen, das im Widerspruch zu den universalistischen Idealen stand, welche die westliche Zivilisation zu verkörpern glaubte. Zu diesen beiden politischen Momenten gesellte sich die moralische Bürde durch Auschwitz und den Gulag, die das Bild des Menschen für immer verdüsterte, aber gleichzeitig das Gebot der Demokratie samt ihren Institutionen der Gegenmacht fest verankerte.
Der Kalte Krieg war dadurch gekennzeichnet, dass die Allianzen, mit Ausnahme der westeuropäischen, nicht frei gewählt, sondern aufgezwungen waren: ideologisch, politisch und oft brutal, wie in Ungarn im Jahr 1956 oder in Chile 1973. Die Blockfreiheit stellte ein Risiko dar. Nationale Unabhängigkeit war damals ein zentraler Wert, der die Hoffnung auf eine von mehr Gleichheit und Gerechtigkeit und weniger Zwang geprägte Welt nährte. In diesem Sinne trat Charles de Gaulle in Bukarest an der Seite Ceauşescus auf, als dieser sich von Moskau distanzierte.
Obwohl die Schweiz ideologisch auf den Westen ausgerichtet war, eine Entscheidung, die auch ihrer Kultur entsprach, spielte sie ihre eigene Melodie, und zwar die der politischen Neutralität, mit den unumgänglichen Arrangements. Sie war blinder Passagier der NATO und akzeptierte gewisse wirtschaftliche Vorgaben, so etwa gegenüber kommunistischen Staaten ein Teilembargo für gewisse Erzeugnisse der Spitzentechnologie. Zum Ausgleich baute sie jedoch einen bedeutenden Handel mit den Oststaaten auf. Einerseits unterzeichnete sie 1972 ein Freihandelsabkommen mit der Europäischen Gemeinschaft; andererseits ging sie auf den von Leonid Breschnew lancierten Plan einer Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa ein, wo sie sich dann auszeichnen sollte.
Die Schweiz spielte also eine Rolle, bot eine Plattform für Gespräche zwischen verfeindeten Akteuren, diente als Vermittlerin. Es war eine nützliche Rolle. Während des Krieges, ob heiss oder kalt, war ihre Neutralität für die anderen Mächte unangefochten, wurde respektiert, mitunter sogar gefürchtet, zumal sie der Blockfreien-Bewegung als Bezugspunkt diente.
Die meisten in der unmittelbaren Nachkriegszeit geborenen Schweizer erlebten die bipolare Ordnung des Kalten Krieges mit einer gewissen Sorglosigkeit. Skeptiker machten sich zwar über den allenthalben betriebenen Bau von Atomunterständen lustig, generell jedoch wurden diese akzeptiert. Man lächelte über das Lied von Gilles aus den 1950er-Jahren «Uns fehlt der Krieg, wir sind besorgt!» Die polizeiliche Überwachung der linken Dissidenten blieb geheim, bis es im Jahr 1989 zur sogenannten Fichen-Affäre kam, die den weithin geteilten Antikommunismus in seinem bürokratischen und extremen Charakter enthüllte.
Der zweite politische Moment brachte Unsicherheiten ins Spiel. Als die disziplinierende Ordnung des Kalten Krieges auseinanderbrach, was zunächst Euphorie, danach Beunruhigung auslöste, entwickelten sich neue Kräfteverhältnisse, welche die Gepflogenheiten grundlegend veränderten, auf die sich die Schweiz stützte. Mit dem Aufstieg von Ländern wie Brasilien, Indien oder China, die bislang entweder abhängig waren oder abseitsstanden, und dem Entstehen einer als multipolar bezeichneten Welt konnte man nunmehr Bündnisse frei wählen, die bislang aufgezwungen worden waren. Befreit von der alten Bevormundung wurde das Bündnisprinzip sogar zum A und O der politischen und vor allem auch der wirtschaftlichen Beziehungen. Wer sich zusammenschliesst, ist stärker als derjenige, der sich nicht mit anderen verbündet. Die früher als Tugend verstandene Isolierung verwandelte sich nun in ein Problem. In allen Bereichen der internationalen Beziehungen entstanden Interessengruppen. Man musste sich Zutritt zu ihnen verschaffen, wenn man seinen Platz verteidigen wollte; man musste verhandeln, geben und nehmen, das neue Spiel mitspielen.
Der mit unsichtbarer Tinte geschriebene Text, der sich hinter meiner Schrift verbirgt, lässt den Schock erkennen, der sich für eine Bewohnerin eines kleinen Landes aus dem Übergang von einer stabilen, geschlossenen Ordnung ergab, die als ungerecht, beherrschend und potenziell katastrophal empfunden wurde, hin zu einer offenen, jedoch instabilen, wettbewerbsorientierten, nicht vorhersehbaren Ordnung, in der jeder seinen selbst gewählten oder ihm zugewiesenen Platz hatte, wo Werte wie Gerechtigkeit, Freiheit, Sicherheit und Unabhängigkeit neu verteilt wurden. Es war der Schock einer neuen Welterfahrung.
Diese Erfahrung wurde für mich zu einer Art von Initiation, als ich 2009 im Menschenrechtssaal des UNO-Gebäudes in Genf eine Diskussion zu leiten hatte zwischen Stéphane Hessel, der damals sein Buch Indignez vous! (deutsch: Empört euch!) noch nicht geschrieben hatte, und dem aus den Antillen gebürtigen Dichter Édouard Glissant, der seine Bücher Philosophie de la relation und La poétique du divers bereits veröffentlicht hatte. So sass neben mir auf der einen Seite ein philosophierender Diplomat, der seinerzeit an der Ausarbeitung der Allgemeinen Menschenrechtserklärung beteiligt war, und auf der anderen Seite ein Dichter des Widerstands, der den universalistischen Anspruch der französischen – und westlichen – Kultur zurückgewiesen hatte. Zwei weise Männer. Hessel sah die Universalität der Menschenrechte als oberstes Prinzip und versuchte, die menschliche Vielfalt in dieses Prinzip einzubringen. Glissant plädierte dagegen für die Vorherrschaft der Unterschiede als Bedingung der Universalität. «Ich verändere mich im Austausch mit dem anderen, ohne mich zu verlieren und ohne meine Natur zu entstellen», meinte er. Der Vision Hessels einer Welt, die sich um die Statue der Menschenrechte schart, stellte er die Vision einer Welt ohne Monument, ohne Drehbuch gegenüber, vereint nur durch die Moral der zwischenmenschlichen Beziehungen, die sich darin entwickeln, eine «archipelische» Welt, wie sich der Dichter ausdrückte. Wir befinden uns im geistigen Universum von Édouard Glissant, mit Überresten desjenigen von Stéphane Hessel.
Der Unterschied ist im Palast der Nationen von Genf bildlich erkennbar. An der Decke des alten Ratssaals, der 1937 eingeweiht wurde, als der Völkerbund dort einzog, findet sich ein Gemälde des katalanischen Künstlers José-Maria Sert: La leçon de Salamanque. Es zeigt fünf Männer, die fünf Kontinente verkörpernd, die in einer brüderlichen Geste der Einigkeit und vom gleichen Ideal beseelt ihre kräftigen Handgelenke gegenseitig fest umfassen. An der Decke des 2009 eingeweihten Menschenrechtssaals stellt das Werk eines anderen Katalanen, Miquel Barceló, das 21. Jahrhundert dar: ein wahrer Sturm an Material, Klebstoff und Farben über unseren Köpfen, Spitzen und Schlünde, keinerlei Ordnung, keine Logik. Das ist das Beben der Welt: atemberaubend, beängstigend, real.
Dieses Buch setzt sich aus mehreren Teilen zusammen. Jedes Kapitel konstituiert ein Feld, das es gestattet, sowohl die Abhängigkeit als auch die Unabhängigkeit in den verschiedenen Bereichen des nationalen Lebens zu illustrieren. Zusammen erlauben sie uns, das Gebäude der schweizerischen Politik in der Welt insgesamt zu erkennen, deren Stärken und Schwächen zu beurteilen und daraus einige Schlussfolgerungen zu ziehen.
Unabhängigkeit und Abhängigkeit lassen sich nicht immer in einen Gegensatz zueinander stellen, weder zeitlich noch sachlich. Man macht jedoch einen Schritt auf dem Weg zum Verständnis der Schweizer Geschichte, wenn man weiss, dass beide existieren und dass die Abhängigkeit jenen Kerker nicht verdient, in den die Unabhängigkeit sie gesperrt hat.
Kapitel 1
Nationale Unabhängigkeit als Idol der Völker
Im Walt-Disney-Vergnügungspark von Orlando in Florida gibt es eine Statue mit der Bezeichnung The Spirit of Independence. Auf einem hohen Sockel steht ein Mann in Lederstiefeln, aufrecht, voranschreitend, auf dem Kopf ein Dreispitz, in der rechten Hand ein Gewehr. Das Bild der Unabhängigkeit, das dem Menschen des 21. Jahrhunderts hier vermittelt wird, ist männlich, kämpferisch. Es steht für den Kampf der Amerikaner gegen Grossbritannien, an dessen Ende die Trennung ausgerufen wurde. Die Statue erregt keinen Anstoss – wenn auch vielleicht die Schweizer der Meinung sein könnten, dass die Waffe der Unabhängigkeit die Armbrust Wilhelm Tells sei. Sie stellt einen Rebellen dar, der für die Sache der Freiheit und gegen die Fremdherrschaft kämpft, und so wird sie denn auch in den meisten Ländern verstanden, die so etwas erlebt haben: Unabhängigkeit will erobert sein, mit der Waffe in der Hand. Ein Band wird durchschnitten, willentlich, heldenhaft. Neue Bande werden seinen Platz einnehmen, vielfältige, notwendige. Doch niemand hat bisher dem Geist der Abhängigkeit ein Denkmal errichtet, der zu Unrecht banalisiert wird.
Von Bodin zu Vattel
