Die Schwestern - Colm Tóibín - E-Book

Die Schwestern E-Book

Colm Tóibín

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Beschreibung

Colm Toibin, Autor von »Brooklyn«, über Sehnsucht, Erinnerungen und die Möglichkeit der Versöhnung – eine eindringliche Erzählung Núria, Conxita und Montse sind noch Kinder, als sie nach dem Tod des Vaters ihre katalanische Heimat verlassen, um zusammen mit ihrer Mutter nach Argentinien auszuwandern. Sie, die sich so nahestanden, entfremden sich dort zunehmend. Jede der drei Schwestern geht ihren eigenen Weg. Erst als sie Jahrzehnte später gemeinsam das Haus ihrer Tante in den Pyrenäen erben, wo sie als Kinder ihre Ferien verbrachten, finden sie wieder zusammen. Subtil erkundet Tóibín die fragile Architektur der Beziehung zwischen Töchtern und Mutter, voller Zwischentöne, Verletzlichkeit und jener tiefen Melancholie, die mit Entwurzelung und dem Ringen um Zugehörigkeit in einer fremden Gesellschaft einhergeht. »Die Schwestern« ist eine eindringliche Erzählung über Erinnerung und die Möglichkeit von Versöhnung.

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Seitenzahl: 152

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Das ist das Cover des Buches »Die Schwestern« von Colm Tóibín

Über das Buch

Núria, Conxita und Montse sind noch Kinder, als sie nach dem Tod des Vaters ihre katalanische Heimat verlassen, um zusammen mit ihrer Mutter nach Argentinien auszuwandern. Sie, die sich so nahestanden, entfremden sich dort zunehmend. Jede der drei Schwestern geht ihren eigenen Weg. Erst als sie Jahrzehnte später gemeinsam das Haus ihrer Tante in den Pyrenäen erben, wo sie als Kinder ihre Ferien verbrachten, finden sie wieder zusammen. Subtil erkundet Tóibín die fragile Architektur der Beziehung zwischen Töchtern und Mutter, voller Zwischentöne, Verletzlichkeit und jener tiefen Melancholie, die mit Entwurzelung und dem Ringen um Zugehörigkeit in einer fremden Gesellschaft einhergeht. »Die Schwestern« ist eine eindringliche Erzählung über Erinnerung und die Möglichkeit von Versöhnung.

Colm Tóibín

Die Schwestern

Aus dem Englischen von Giovanni Bandini und Ditte Bandini

Hanser

Die Sicherheitstür war stabil und aus Eisenstangen. Zum zweiten Mal hatte jemand Klebstoff ins Schlüsselloch getan. Damals hatte sie es geschafft, den hart gewordenen Kleber mit einer Schere herauszukratzen, aber diesmal half alles nichts. Es war ein heißer Samstag im Februar. Montse versuchte es bei den zwei Schlossern, die es in Chivilcoy gab, aber keiner von beiden nahm ab. Als sie bei der Polizeiwache anrief, fragte eine Männerstimme, was genau sie von ihnen erwartete.

»Ich sag Ihnen doch«, sagte sie, »ich bin in meinem eigenen Haus eingesperrt.«

»Ist es ein Notfall? Müssen Sie ins Krankenhaus?«

Sie legte wortlos auf. Bis dahin hatte sie sich in der Sackgasse, in der sie wohnte, sicher gefühlt, und sie hatte aufgeatmet, als ihr Nachbar zur Linken, Fonso Garay, ein neugieriger Typ, ins Altenheim umgezogen war, wodurch sein Haus jetzt leer stand. Auf der anderen Seite wohnte Salvo Fontana, der jedes Mal, wenn er sie kommen sah, leise auf Italienisch knurrte. Sie hatte einen Großteil ihres Mülls in seiner Tonne entsorgt. Er hatte ein Jahr gebraucht, um sie auf frischer Tat zu ertappen. Sie hatte versprochen, es nie wieder zu tun, aber ihm musste klar sein, dass sie nie die Absicht gehabt hatte, Wort zu halten.

Sähe sie ihn jetzt vorbeigehen und riefe sie ihm zu, würde er ihr nicht helfen. Er konnte sie nicht leiden; er würde sich freuen, sie hinter Gittern zu sehen.

Sie hatte keine andere Wahl, als bis Montag früh zu warten und dann noch einmal bei den Schlossern anzurufen. Zu essen war für zwei Tage genug da. Sie sollte sich entspannen, dachte sie, sich keine Sorgen machen, und die Zeit würde schnell vergehen.

*

Der Samstag zog sich allerdings hin. Sie konnte sich nicht beherrschen und probierte es noch mehrmals mit der Schere. Nachdem es ihr nicht gelungen war, das Gittertor zu öffnen, stand sie da wie ein gefangenes Tier und starrte unbewegt auf die hohen kahlen Wände auf der anderen Straßenseite.

Am Sonntagnachmittag spielte sie mit dem Gedanken, ihre Schwester Núria in Buenos Aires anzurufen. Sie wusste, dass Núria gewöhnlich jeden Sonntag gegen sechs Uhr ins Kino ging. Vielleicht sollte sie vorher durchklingeln und hören, was Núria zu sagen hatte.

Seit ihr Ehemann tot war, führte Núrias Sohn Alejandro das Familienunternehmen mit einer Mischung aus Genie und Umsicht, wie Núria ihr bei ihrem letzten Gespräch erklärt hatte. Das war, als es bei Montse durchs Dach regnete und sie Núria um ein Darlehen gebeten hatte, das ihr erst verweigert und dann in Form eines Schecks in einem Kuvert ohne ein begleitendes Wort zugeschickt worden war.

Aber was konnte Núria schon über Schlösser wissen, das Montse nicht gewusst hätte? Die Nachricht, dass ihre Schwester in Schwierigkeiten steckte, würde nur bestätigen, dass Núria etwas Besseres war, dass sie den ganzen Verstand und Charme abbekommen hatte und ihre zwei bedauernswerten Schwestern nichts. An Núria würde sie sich nur wenden, dachte Montse, wenn sie Geld brauchte. Und das war nicht, was sie im Augenblick brauchte.

Als der Sonntag sich zum Abend neigte und aus Salva Fontanas Haus Küchengerüche herüberstrichen, fragte sich Montse, was sie tun würde, wenn ein Feuer ausbräche. Sie sah sich schon verzweifelt in die menschenleere Straße hinausrufen, während hinter ihr der Rauch immer dichter und das Feuer immer bedrohlicher wurde. Sie stellte sich vor, wie sie auf Knien um Hilfe schrie, die Hände um die Stäbe der Schutztür geklammert.

Sie musste sich beruhigen. Warum sollte ein Feuer ausbrechen? Sie war in ihrem eigenen Haus eingesperrt, das war alles. Sie entschied, dass sie sich sicherer fühlen würde, wenn sie bis zum Morgen im Wohnzimmer blieb. Sie setzte sich in ihren gewohnten Sessel, als einzige Beleuchtung die kleine Lampe neben dem Fernsehgerät. Sie schloss die Augen und redete sich ein, dass sie, wenn sie ein Weilchen schliefe, eher in der Verfassung sein würde, mit dem Schlosser zu verhandeln, sobald der Morgen käme.

*

Fast jeden Abend stellte sich Montse gleich nach ihrer Heimkehr vor, wie es wäre, ihre Schwester Núria oder ihre Schwester Conxita zu sein. Sie saß im Sessel, wie Núria sitzen mochte, und ließ sich von einem der Dienstmädchen Tee bringen oder griff nach dem Telefon, um ihren Sohn in seinem Büro anzurufen. Sie erinnerte sich, dass sie ihren Ehering und den anderen Ring, den ihr Mann ihr zu ihrem fünfundzwanzigsten Hochzeitstag geschenkt hatte, im Bad neben dem Waschbecken liegen gelassen hatte. Vicente hatte sie ermahnt, auf ihre Ringe gut achtzugeben. Sie musste jetzt aufstehen und sie holen. Dann blickte Montse auf ihre eigenen Finger. Sie hatte nie irgendwelche Ringe getragen. Sie hatte nie einen Ehemann gehabt.

Oft ging sie von der Arbeit nach Haus, als sei sie Núria auf dem Heimweg nach einem Kinobesuch. Sie stellte sich vor, im Flur hänge ein Spiegel, und überprüfte im Vorbeigehen ihr Haar. Sie musste wirklich diesen Lippenstift ausprobieren, von dem sie die Werbung gesehen hatte! Und nachdem sie die Schuhe ausgezogen hatte, setzte sie sich im schäbigen Zimmer in den Sessel. Sie schloss die Augen. Es war Zeit, sich zu entspannen. Núrias Einkaufsbummel erschöpften sie häufig. Montse döste ein bisschen, versuchte dabei zu träumen, was Conxita träumen mochte.

Sie musste daran denken, wie anders ihr Leben jetzt wäre, wenn ihre verwitwete Mutter nicht fünfzig Jahre zuvor Knall auf Fall beschlossen hätte, mit ihren drei Töchtern — Núria, fünfzehn, Conxita, zwölf, und Montse, zehn — nach Argentinien zu ziehen.

Zwar hatte ihre Mutter Vettern in Argentinien, aber sie lebten irgendwo im Landesinneren. Angeschrieben, boten sie ihre Gastfreundschaft an, ihnen war aber klar, dass die Aussichten für eine Frau mittleren Alters ohne besondere Fertigkeiten außerhalb von Buenos Aires begrenzt waren.

Wer ihnen schließlich half, in Argentinien Fuß zu fassen, war kein Verwandter und überhaupt niemand, den sie gekannt hätten, sondern eine Herz-Jesu-Schwester, die aus einem Dorf in der Nähe von Burg stammte, dem Ort in den Pyrenäen, in dem Montses Mutter geboren war. Ihre Tante Julia hatte sich von Verwandten dieser Nonne, Schwester Teresa, deren Adresse geben lassen. Sie schrieb ihr. Binnen weniger Wochen kam die Antwort, dass es der Nonne eine Freude sein würde, der Witwe und ihren drei Töchtern nach bestem Vermögen zu helfen.

Als sie in Argentinien ankamen, war Núria schon groß und besaß eine Selbstsicherheit, die jeden beeindruckte, der ihr begegnete. Montse bemerkte, dass sie die Pan-Am-Stewardessen beobachtete, ihre eleganten Bewegungen und ihr zu einem makellosen Dutt geknotetes Haar, und ihr Lächeln nachahmte, das herzlich, aber auch dezent und distinguiert war.

»Sie sehen wie Tänzerinnen aus«, flüsterte Núria ihrer Mutter zu.

»Wie gerne wäre ich eine Stewardess«, sagte Montse sehnsüchtig.

»In Zukunft darfst du unsere Gespräche nicht mehr belauschen«, sagte Núria. »Und gar nichts wärst du gerne!«

Montse wandte sich an ihre Mutter um Beistand, aber ihre Mutter kramte mal wieder in ihrer Handtasche, davon überzeugt, dass sie etwas vergessen hatte.

Während des ganzen Fluges von Lissabon bis zur Zwischenlandung in Brasilien wanderte Conxita von der einen winzigen Toilette zu der anderen und schwärmte jedes Mal wieder von der Flüssigseife und dem Gratis-Parfüm.

»Am liebsten würde ich in diesem Flugzeug bleiben und immer nur hin und zurück fliegen, hin und zurück«, sagte sie.

»Pan Am würde bestimmt sehr schnell von dir genug bekommen. Die haben wahrscheinlich Richtlinien gegen Leute wie dich«, sagte Núria.

»Was für Richtlinien?«

»Wohlüberlegte.«

Die Maschine landete mit einem gewaltigen Zittern zu ihrem Zwischenstopp in Brasilien. Als sie wie eine Schafherde aus dem Flugzeug getrieben wurden, gezwungen, ihr ganzes Hab und Gut mit sich zu schleppen, und dann wieder zurück, wünschte sich Montse, man hätte sie in Barcelona zurückgelassen, oder sie ihrer Tante in den Pyrenäen wie ein Frachtstück zur Aufbewahrung anvertraut.

Und dann, auf der letzten Etappe der Reise, schien es befriedigender, zu träumen, sie sei dort — in ihrer alten Wohnung oder ihrer alten Schule oder in den Pyrenäen, in einem der Häuser von Burg, die ihre Tante häufig besuchte. Sie fände es herrlich, von einer der Nachbarinnen ihrer Tante gefragt zu werden, welche der Schwestern sie sei, und zu hören, sie sei seit letztem Jahr gewachsen. Bald würde sie genauso groß wie Conxita sein.

Das erste Hotelzimmer, in dem sie in Buenos Aires übernachteten, hatte nur zwei Betten. Ihre Mutter und Conxita teilten sich eines. Im anderen musste sie, am unteren Ende zusammengerollt, sich vor Núrias Füßen in Acht nehmen. Sie schrie, als Núria sie trat.

»Sie ist eine Belastung«, sagte Núria.

»Bald werden wir reichlich Betten haben«, sagte ihre Mutter. »Und niemand wird mehr weinen müssen.«

»Könnte man sie nicht zu diesen Verwandten schicken, die wir angeblich haben?«, fragte Núria.

»Ich habe andere Sorgen«, sagte ihre Mutter. »Wir müssen diese Nonne aufsuchen. Ich glaube zwar nicht, dass sie irgendetwas für uns tun kann, aber sie ist unsere letzte Hoffnung.«

»Können wir nicht einfach wieder nach Haus?«, fragte Conxita.

»Und wer soll die Tickets bezahlen?«, entgegnete ihre Mutter.

Später war sich Montse nicht mehr sicher, ob Núria wirklich gesagt hatte, wenn sie wieder nach Hause wollten, dann sollten sie sie doch bitte dalassen, oder ob sie nur erraten hatte, was ihrer Schwester durch den Kopf ging.

Bei ihrem ersten Treffen hatte Schwester Teresa ihrer Mutter erklärt, dass in der Schule, in der sie unterrichtete, leider kein einziger Platz mehr frei sei, da sie zu denen mit den strengsten Aufnahmebedingungen zähle. Doch als ihre Mutter das nächste Mal Núria mitbrachte, schien die Nonne ihre Meinung zu ändern.

»Ich weiß nicht, was Núria gemacht hat«, berichtete ihre Mutter, »denn angesehen hat man ihr nichts. Und es war auch nichts, was sie gesagt hätte, denn sie hat nur gegrüßt und der Nonne dafür gedankt, dass sie uns empfing. Ich nehme an, sie hat nichts Falsches gesagt. Vielleicht war es einfach das.«

»Ich fand sie ehrfurchtgebietend«, sagte Núria, »und ich habe mich bemüht, ihr zu zeigen, wie sehr ich sie bewunderte.«

Conxita setzte kurz einen Schielblick auf, um ihrer Schwester zu zeigen, was sie von ihr hielt.

»Schatz, ich habe dir doch gesagt, dass du das nicht tun sollst«, sagte ihre Mutter. »Sollte der Wind jetzt drehen, würden deine Augen immer so bleiben. Und eines kann ich dir versichern: Solche Grimassen wird Schwester Teresa bestimmt nicht gutheißen. Sie ist, wie deine Schwester gesagt hat …«

»Erfurchtgebietend«, sagte Núria.

Als vereinbart wurde, dass ihre Mutter sich zusammen mit ihren drei Töchtern die Schule ansehen konnte, schärfte sie den zwei Jüngeren ein, sich in allem an ihrer Schwester ein Beispiel zu nehmen.

»Seht der Nonne in die Augen, wenn sie mit euch spricht«, sagte sie.

*

Nachdem sie sie durch das Gebäude geführt hatte, reichte ihnen Schwester Teresa in einem Privatzimmer Erfrischungen.

»Ich habe mein Leben Gott geweiht«, sagte sie, »und ich habe es niemals bereut. Aber ich vermisse den Klang der katalanischen Sprache, und so wird es mir ein Trost sein, die Mädchen hier bei uns zu haben. Ich werde sie irgendwie hineinschmuggeln. Wenn jemand Sie fragt, wie Sie es geschafft haben, verweisen Sie ihn an mich.«

»Wir werden keinen Pieps von uns geben«, sagte Núria.

Sie zogen in ein anderes billiges Hotel um. Diesmal gab es vier Betten im Zimmer, und Núria nahm das dem Fenster am nächsten gelegene. Eines Tages, nach einem weiteren Treffen mit der Nonne, erzählte ihnen ihre Mutter, dass Schwester Teresa der irrigen Annahme gewesen war, sie hätten Geld, und mit einer säuberlich handgeschriebenen Rechnung über die anfallenden Schulgebühren ins Zimmer gekommen war.

»Anscheinend hat Núria den Eindruck erweckt, wir seien reich.«

»Ich habe überhaupt keinen Eindruck erweckt«, erwiderte Núria.

»Vielleicht hat sie einfach diesen Eindruck von dir gewonnen. Jedenfalls habe ich ihr erklärt, dass ich eine arme Witwe bin. Sie schien, gelinde gesagt, leicht überrascht. Ich glaube, sie hat, ganz leise, den Namen des Herrn in den Mund genommen. Und dann hat sie mich gefragt, warum ich nicht in der Heimat geblieben bin, wo ich zumindest Verwandte und Freunde hatte. Und als ich ihr sagte, ich hätte geglaubt, in Buenos Aires würden wir ein besseres Leben finden, ich hätte großartige Dinge über Argentinien gehört und ich hoffte, bald Arbeit zu finden, hat sie mich angesehen, als wäre ich verrückt.«

»Aber was hat sie gesagt?«, fragte Núria.

»Überhaupt nichts. Sie ist gegangen und hat mich über eine Stunde allein in dem Zimmer gelassen. Hinterher sagte sie, sie habe in der Kapelle gebetet. Ich nehme an, sie hat sich die Inspiration zu der langen Rede geholt, die sie mir dann gehalten hat.«

»Aber was hat sie gesagt?«, fragte Núria noch einmal.

»Dass sie nur in den seltensten Fällen ein Mädchen aufnehmen, ohne Schulgebühren zu verlangen. Zum Glück, oder weil Gott es so wollte, ist die Schwester, die über die Aufnahmen entscheidet, mit der Ehrwürdigen Mutter auf Exerzitien, was überhaupt der Grund war, weswegen ihr so ohne Formalitäten aufgenommen werden konntet. Vorläufig, sagte sie, würde niemand merken, dass ich keine Gebühren bezahlt habe, und sie würde euch nicht fortschicken, nachdem sie zugesagt hatte, euch aufzunehmen. Aber sie weiß nicht, wie lange das gut geht. Sie sagte immer wieder, was für ein Schock das sei. Sie dachte, wir hätten Geld. Ich sagte ihr, wir hätten absolut keines.«

»Hat sie sonst noch etwas gesagt?«, fragte Núria.

»Nachdem sie angefangen hatte zu reden, war kein Halten mehr. Und sie hat einen Akzent, wie man ihn überhaupt nicht mehr hört, nicht mal in den abgelegensten Dörfern der Hochpyrenäen. Sie klingt wie eine dieser Bäuerinnen, die auf dem Markt um Preise feilschen. Und sie weiß nicht, wie sie den anderen Nonnen erklären soll, warum sie drei mittellose Mädchen aufgenommen hat. Sie könnte ihnen kaum sagen, das liege daran, dass ihr Katalanisch sprecht. Jetzt, im Nachhinein, findet sie, dass das verrückt war, und ist ganz glücklich damit, Spanisch zu sprechen und das Katalanische zu vergessen. Aber es bleibt dabei, dass ihr auf die Schule kommt. Wir müssen für euch drei die Uniformen besorgen, bevor uns das Geld völlig ausgeht.«

»Glaubte die Nonne wirklich, wir seien reich?«, fragte Montse.

»Ich weiß nicht, was sie glaubte«, erwiderte ihre Mutter. »Sie ist verwirrt. Vielleicht ist sie gerade in dieser Lebensphase. Aber sie nimmt euch in die Schule auf.«

*

Als sie am folgenden Tag im Hotel die Mitteilung erreichte, ihre Mutter möchte das Ordenshaus anrufen, rechneten die Schwestern schon damit, dass die Zusage, sie als Schülerinnen aufzunehmen, zurückgenommen werden würde. Stattdessen sagte Schwester Teresa, nach vielem Suchen habe sie eine mögliche Arbeitsstelle für ihre Mutter gefunden. Ein Großhändler für Autoersatzteile suchte jemanden, der sich um die Rechnungen kümmerte, außerdem Anrufe entgegennahm und Bestellungen weitergab.

»Sie werden mit vielen verzweifelten Leuten in Werkstätten aus der ganzen Provinz zu tun haben«, sagte Schwester Teresa, »die dringend irgendwelche Ersatzteile brauchen. Und fragen Sie mich nicht, woher ich das alles weiß. Ich kann nur so viel verraten, dass wir einen Gärtner haben, und wenn sich irgendwo im Distrito Federal irgendetwas tut, dann erfährt er davon. Er war es, der von der freien Stelle erfahren hat. Ich habe ihm gesagt, Sie seien sehr höflich, jedoch vor niemandem Angst hätten. Ich hoffe, das stimmt.«

»Glaubt dieser Gärtner etwa, du bist so eine Art Mechaniker?«, fragte Núria.

»Ich hätte ihr sagen sollen, dass du für die Stelle besser geeignet wärst«, sagte ihre Mutter. »Du bist sehr höflich und hast vor niemandem Angst.«

»Wer ist sehr höflich?«, fragte Conxita.

»Du bist der Inbegriff der Ungezogenheit«, sagte Núria.

Niemand stellte die Behauptung in Frage, Núria habe vor niemandem Angst. An dem Abend studierte Montse ihre Schwester und fragte sich, ob es ihr wohl gelingen würde, den gleichen Eindruck wie Núria zu erwecken. Ihr fiel auf, dass ihre Schwester nie lächelte, nicht einmal, wenn jemand etwas Komisches sagte. Das musste sie den Stewardessen abgeguckt haben.

Bevor sie ihren potenziellen Arbeitgeber aufsuchte, ließ sich ihre Mutter die Haare machen. Sie gab sich Mühe, so elegant auszusehen, wie ihre bescheidene Garderobe gestattete. Das angebotene Gehalt war niedrig, aber fürs Erste, sagte sie, würden sie damit wohl auskommen.

Bevor die Mädchen mit der Schule anfingen, fand ihre Mutter eine Wohnung in einem eingeschossigen Haus in Retiro, das man in drei Einheiten aufgeteilt hatte, die über einen düsteren Korridor zu erreichen waren. Froh, wie sie war, aus dem überfüllten Hotelzimmer herauszukommen, störte es Montse anfangs nicht, dass die drei Schwestern sich das einzige Schlafzimmer teilen mussten, während ihre Mutter sich jeden Abend eine Matratze auf dem Fußboden des Wohnzimmers als Bett bezog.

In der Schule lernten die drei Mädchen, niemandem zu verraten, wo sie wohnten. Da ihre Klassenkameradinnen von Tennisklubs und Schwimmklubs und Skiurlauben sprachen, erzählten sie von ihrem Leben in Barcelona und ihren Urlauben in den Pyrenäen. Weil Schwester Teresa geachtet und gefürchtet war und die drei neuen Mädchen offensichtlich in ihrer Gunst standen, wurden sie so weit wie möglich in das Schulleben einbezogen.

Sie waren von Anfang an als »die katalanischen Mädchen« bekannt. Untereinander und mit Schwester Teresa sprachen sie Katalanisch, aber mit den anderen redeten sie ein Spanisch, das selbst die Lehrerinnen nur mit Mühe verstanden.

Wenn Mädchen versuchten, sie gesellschaftlich einzuordnen, und sie fragten, was ihr Vater beruflich mache, antwortete Montse, dass er bald nachkommen würde. Dann folgten andere Fragen — nach Kleidung und Urlauben, und warum ihre Mutter kein Auto zu haben schien. Später begriff sie, dass es besser sein würde, Gespräche mit ihren Schulkameradinnen zu vermeiden.

Rasch sonderte sich Núria von ihren Schwestern ab, nahm einen anderen Weg von der Bushaltestelle zur Schule, versuchte, Spanisch mit argentinischem Akzent zu sprechen, fand Freundinnen ihres Alters und ließ sich von ihnen zu sich nach Hause einladen.