Die Seelen-Docs - Univ.-Prof. Dr. med. Andreas Ströhle - E-Book

Die Seelen-Docs E-Book

Univ.-Prof. Dr. med. Andreas Ströhle

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Beschreibung

Der umfassende Ratgeber der Seelen-Docs zu Depression, Burn-out und Erschöpfung Depressionen, Burn-out und Erschöpfung – was ist normal, und wann sollte ich mich an einen Arzt oder eine Psychotherapeutin wenden? Die Seelen-Docs geben Antworten auf die wichtigsten Fragen rund um psychische Gesundheit und seelisches Wohlbefinden. Das umfassende Standardwerk zu Depression, Burn-out und Erschöpfung von den Expert*innen für Psychologie, Psychiatrie und Psychotherapie - mit vielen praktischen Hilfestellungen für Betroffene und Angehörige. Psychologischer Ratgeber für die Selbsthilfe Antriebslosigkeit, Hoffnungslosigkeit, innere Leere, Niedergeschlagenheit oder keine Freude mehr am Leben, wer hat das nicht schon mal erlebt? Doch wann wird aus Angst eine Angststörung und aus Konflikten eine Lebenskrise? Welche Therapiemöglichkeiten gibt es, und was kann ich selbst für mich tun, um mein Leben wieder meistern zu können oder gar nicht erst krank zu werden? Depressionen zählen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. Doch nicht nur diese. Auch Burn-out und Erschöpfung sind zunehmend Phänomene unserer Zeit und belasten viele Menschen. Die Seelen-Docs vermitteln in ihrem Sachbuch verständlich und umfassend das wichtigste Grundlagenwissen. Das Kompetenzteam zeigt mögliche Ursachen auf, welche wissenschaftlich gesicherten Therapiemethoden, wie die Verhaltenstherapie, heute helfen, und gibt praxiserprobte individualisierbare Hilfestellungen für den Alltag von Betroffenen und auch für Angehörige. Das Programm für eine gesunde Psyche Die medizinische Expertise der Seelen-Docs basiert auf jahrelanger wissenschaftlicher Tätigkeit und klinischer Erfahrung mit zahlreichen Patient*innen. Sie vermitteln ihr gesammeltes Wissen rund um Gesundheitspsychologie und Psychiatrie einfach und verständlich. Ihr Kompaktprogramm für eine stabile Psyche eignet sich ideal zur begleitenden Behandlung ebenso wie zur Prävention. Prof. Dr. med. Andreas Ströhle leitet an der Klinik für Psychologie und Psychotherapie der Charité Berlin (CCM) den Fachbereich Affektive Erkrankungen, Dipl. Psych. Janina Rogoll ist Psychotherapeutin und Supervisorin, Prof. Dr. Thomas Fydrich leitet das Zentrum für Psychotherapie an der Humboldt-Universität in Berlin.

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Seitenzahl: 239

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Univ.-Prof. Dr. med. Andreas Ströhle / Dipl.-Psych. Janina Rogoll / Prof. Dr. Thomas Fydrich

Anna Cavelius

Die Seelen-Docs

Hilfe bei Depression, Erschöpfung und Burn-out

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

»Depressionen sind die psychische Volkskrankheit Nr. 1.« Die Seelen-Docs

Wer hat das nicht schon mal erlebt: Antriebslosigkeit, das Gefühl innerer Leere oder keine Freude mehr am Leben. Doch was davon ist noch normal und ab wann sollte ich mir professionelle Hilfe holen? Welche Therapiemöglichkeiten gibt es? Was kann ich selbst für mich tun, um meinen Alltag wieder meistern zu können oder gar nicht erst zu erkranken?

Die Seelen-Docs, das Kompetenzteam für Psychologie, Psychiatrie und Psychotherapie, vermitteln in diesem umfassenden Standardwerk leicht und verständlich das notwendige Grundlagenwissen. Vorgestellt werden Ursachen, Therapiemethoden und praxiserprobte Hilfestellungen für Betroffene und Angehörige. Das dargestellte Kompaktprogramm für eine stabile Psyche eignet sich sowohl zur Begleitung einer Behandlung als auch zur Vorbeugung von Depressionen und Burn-Out.

 

Weitere Informationen finden Sie unter: www.droemer-knaur.de

Inhaltsübersicht

Liebe Leserin, lieber Leser,

Kapitel 1: Depression, Erschöpfung & Burn-out erkennen

Eine Geschichte des Menschseins

Von der »Krankheit der Klugen« zur Todsünde

Die Medizin entdeckt die Depression

Das Doppelgesicht der Depression

Die Depression verstehen

Gesichter der Depression

Depressive Episode

Weitere Anzeichen

Der Schweregrad der Depression

Tests und Skalen

Chronische Depression (Dysthymie) und Double Depression

Anpassungsstörung mit depressiver Symptomatik

Zwischen Hoch und Tief: die bipolare Erkrankung

Depression im Zusammenspiel mit anderen Erkrankungen

Depression kann jeden treffen

Kinder und Jugendliche

Depressionen bei Erwachsenen

Depressionen im höheren Lebensalter

Burn-out – nicht krank, aber angezählt

Was Burn-out bedeutet

Burn-out ist keine psychische Erkrankung

Anzeichen eines »Burn-out«

Unterschiede zu körperlichen Erkrankungen

Risiken für das Auftreten von Burn-out

Chronisches Erschöpfungssyndrom – wenn es keinerlei Erholung mehr gibt

Nur müde oder schon erschöpft?

Woher die Erschöpfung kommt

Ursachen und Auslöser

Sonderfall: Post Covid und Long Covid

Kapitel 2: Ursachen und auslösende Bedingungen für Depressionen

Allgemeine Ursachenmodelle für psychische Erkrankungen

Das biopsychosoziale Modell

Das Vulnerabilität-Stress-Modell

Stress als auslösender Faktor

Gene, Gehirn und Hormone

Werden Depressionen und manisch-depressive Erkrankungen vererbt?

Die Botenstoffe im Gehirn: Neurotransmitter

Weitere biologische Systeme

Psychologische, soziale und Verhaltenseinflüsse

Die Psychologie der Depression

Vier Modalitäten des Erlebens und Verhaltens:

Erklärungsmodelle für Depressionen

Kapitel 3: Depressionen behandeln und vorbeugen

Was tun, wenn einen eine Depression packt?

Die ersten Schritte

Wie eine Psychotherapie abläuft

Wohin, wenn es brennt?

Digitale Gesundheitsanwendungen

Depressionen psychotherapeutisch behandeln

Gar nicht so einfach: der Beginn einer Psychotherapie

Die kognitive Verhaltenstherapie (KVT)

Cognitive Behavioral Analysis System of Psychotherapy (CBASP)

Achtsamkeitsbasierte therapeutische Ansätze

Acceptance and Commitment Therapy (ACT)

Compassion Focused Psychotherapy (CFP)

Schematherapie

Psychodynamische Psychotherapie

Systemische Therapie

Interpersonelle Psychotherapie (IPT)

Humanistische Psychotherapie

Was passt für wen?

Hilfreiche Medikamente

Verschiedene Formen von Antidepressiva

Was tun bei Nebenwirkungen?

Wann wird welches Antidepressivum eingesetzt?

Medikamente für die manisch-depressive Erkrankung

Therapiekonzept und Behandlungsphasen

Antidepressiva bei Kinderwunsch

Neue Perspektiven

Andere biologische Behandlungsverfahren

Bewegung und Sport

Das beste »natürliche« Antidepressivum

Wie Bewegungstherapie hilft

Gut zu wissen

Weitere komplementäre Behandlungen

Ergotherapie – ins Tun kommen

Kreativtherapie – jede ist eine Künstlerin

Kapitel 4: Für eine starke Psyche

Gemeinsam sind wir stärker: Selbsthilfegruppen als Chance

Mehr als eine Interessengemeinschaft

Gut zu wissen

Die Macht der Gedanken

Typische Denkmuster bei Depressionen

Denken macht Fühlen, macht Handeln

Auf »gute« Gedanken kommen

In Bewegung kommen

Allgemeine Empfehlungen für Erwachsene

So können Sie starten

Mind-Body-Interventionen

Ernährung für eine stabile Psyche

Richtig essen bei Depressionen

Es gibt keine Diät gegen Depression

Parallelwelten – bewusster Umgang mit sozialen Medien

Wie depressiv machen soziale Medien?

So können soziale Medien und das Internet bei Depressionen helfen

Depression, Familie und Freunde

Ich und die anderen

Ich und meine Arbeit

Für An- und Zugehörige: Wie gehe ich mit einem an Depression Erkrankten um?

Service

Liste angenehmer Aktivitäten

Adressen, die Ihnen weiterhelfen

Register

Die Seelen-Docs

Sachregister

Liebe Leserin, lieber Leser,

wer kennt sie nicht, diese Zustände? Erschöpfung, innere Leere, keine Lust zu nichts und am besten sich ganz abkapseln und zurückziehen. Die Stunden – Tag und Nacht –, in denen die Gedanken kreisen, man sich für die kleinsten Dinge aufraffen muss und die Stimmung auf dem Tiefpunkt ist. Alles erscheint wert- und sinnlos, und das Leben ist nur noch Last, wenn nicht gar eine einzige Qual. Mal ehrlich, solche Zeiten gibt es und kennen wir alle. Aber was passiert, wenn aus diesen Momenten Tage, Wochen oder sogar Monate werden und dann irgendwann vielleicht eine Depression diagnostiziert wird? Betroffene berichten davon, leer und oft auch regelrecht gefühllos zu sein. Aber sie können es kaum in Worte fassen. Und wenn der dunkle Schatten der Depression vorüber ist, dann fällt es umso schwerer, es richtig zu erklären. »Eine Depression wünscht man nicht einmal seinem schlimmsten Feind.« Das fasst es vielleicht am besten zusammen.

Mit diesem Buch widmen wir uns einer der häufigsten psychischen Krankheiten und versuchen, ein wenig »Licht ins Dunkel« zu bringen. Denn die Depression kann eine lebensgefährliche Erkrankung sein. Wir als Professionelle, aber auch als Zugehörige tun alles, um die schlimmste Komplikation, nämlich den Suizid, zu verhindern.

Wir informieren Sie in diesem Buch umfassend über die verschiedenen Formen depressiver, aber auch manisch-depressiver Erkrankungen, die typischen Beschwerden, ihre Entstehung und ihren Verlauf. Vor allem aber – und das liegt uns sehr am Herzen – haben wir versucht, uns auf die verschiedenen Behandlungs- und Beeinflussungsmöglichkeiten zu konzentrieren. Denn Menschen mit Depressionen kann geholfen werden! Depression ist heilbar. Dabei sind die Betroffenen selbst Expertinnen und Experten für sich selbst und können eine ganze Menge gegen die dunklen Zeiten tun. Die Kombination aus Fachwissen, das dem aktuellen Forschungsstand entspricht, und praxisorientierten Tipps unterstützt dabei nicht nur Personen, die an Depressionen erkrankt sind, sondern regt auch zur Selbsthilfe an.

Wir, die Seelen-Docs, erleben täglich in Praxis, Klinik und Wissenschaft, dass mehr Aufklärung über diese Erkrankung gebraucht wird. Denn Depressionen können jede und jeden treffen. Dabei können zum Beispiel Lebensereignisse, (Vor-)Erkrankungen, familiäre Belastungen und neurobiologische Faktoren eine wesentliche Rolle spielen. Eine fachlich fundierte Behandlung bleibt jedoch oft aus. Wir haben uns bemüht, eine Orientierung hinsichtlich der verschiedenen medizinischen und psychotherapeutischen Behandlungsmöglichkeiten zu geben und transparent verschiedene Ansätze der Psychotherapie darzustellen. Natürlich ersetzt dieses Buch keine Psychotherapie, kein Medikament und auch keine andere Behandlung. Es kann jedoch ein Anfang sein, sich dem Thema zu nähern und Veränderungen einzuleiten, die mit dazu beitragen können, die Depression in den Griff zu bekommen.

Dieses Buch muss nicht von vorne bis hinten gelesen werden. Schauen Sie sich das an, was Sie anspricht, was Sie am meisten interessiert. Übrigens haben wir uns im Sinne einer besseren Lesefreundlichkeit für die in den Leitmedien übliche Form des Genderns entschieden: Wir setzen abwechselnd die weibliche und männliche Form ein.

 

Wir wünschen Ihnen alles Gute!

Ihre Seelen-Docs

Kapitel 1

Depression, Erschöpfung & Burn-out erkennen

Jeder von uns kennt Phasen im Leben, in denen wir niedergeschlagen sind und »einfach nichts mehr geht«. Solche vorübergehenden Stimmungstiefs oder gelegentliche Unlust haben aber noch lange nichts mit einer depressiven Erkrankung zu tun. Eine klinisch handfeste Depression greift tief in unser Fühlen, Denken und Handeln ein, geht mit Störungen im Gehirn und auch anderen Körperfunktionen einher, schränkt unseren Alltag stark ein und verursacht erhebliches Leid. Treffen kann sie jeden, sie hat viele Gesichter und – ist heute glücklicherweise meist gut behandelbar.

Eine Geschichte des Menschseins

Schon in der Antike beschrieben Ärzte die »Melancholie« als Erkrankung. Heute wird diese Bezeichnung in der medizinischen Fachsprache nicht mehr als Diagnose verwendet. Die biochemischen und psychologischen Abläufe der Entstehung von Depressionen sind gut erforscht, genauso wie die Faktoren, die Depressionen akut hervorrufen und aufrechterhalten. Auch verschiedene Behandlungsformen sind wissenschaftlich gut untersucht. Den seelisch-geistigen Aspekten widmen sich Philosophie und Theologie, Kunst und Literatur. Auch sie bieten Orientierung und Wege aus den dunklen Welten.

Weil Depression (von lat. depressus: niedergedrückt, herabgezogen), Melancholie oder auch Schwermut den Menschen seit Beginn seiner Geschichte begleitet, sucht man seit jeher nach Ursachen und Antworten. In der antiken Medizin und Naturphilosophie spielte als Erklärungsmodell die Säftelehre (Humoralpathologie; lat. humores = Säfte) eine wichtige Rolle. Sie diente in der Medizin bis ins 17. Jahrhundert als Leitkonzept zur Erklärung vieler Erkrankungen, auch von seelischen. Das Vorkommen von vier charakterbildenden Körpersäften prägte nach dieser Lehre die Konstitution eines Menschen, aber auch seine Neigung zu bestimmten Beschwerden. Geriet die Verteilung der Säfte aus dem Gleichgewicht, kam es zu Krankheiten. Um zu heilen, war es also entscheidend, das Gleichgewicht zwischen allen Säften (wieder)herzustellen.

Bei diesen »Säften« handelte es sich um Blut, schwarze und gelbe Galle sowie Schleim. Bei einem Melancholiker überwog nach diesen Vorstellungen die schwarze Galle (griech. melas = schwarz; cholé = Galle). Ihr Sitz wurde in der Milz (engl. spleen) vermutet.

Um die schwarze Galle zu reduzieren und den Menschen aus seinem Seelentief zu holen, empfahl der Urvater aller Ärzte, Hippokrates von Kos (um 460–370v.Chr.), Methoden, die uns teilweise auch heute noch bekannt vorkommen: eine Ernährungsumstellung wie den Verzicht auf dunkelfarbige Speisen, die Anwendung von regelmäßigen Bädern, aber auch Bewegung, Musik und anregende Gespräche. Nicht zuletzt kamen zur Behandlung auch das damalige Allzweckmittel Aderlass, Abführmittel wie die Wurzeln der Christrose (Helleborus niger) oder Bilsenkraut, um Erbrechen herbeizuführen, sowie kalte Speisen, Thymian und Aloe zur Abkühlung der inneren Hitze.

Von der »Krankheit der Klugen« zur Todsünde

Schon antike Philosophen wie Platon oder Aristoteles stellten Zusammenhänge zwischen einer melancholischen Grundgestimmtheit und der Genialität und Tiefsinnigkeit eines Menschen fest.

In den Problemata Physica notierte Aristoteles: »In vielen Dingen überragen sie die anderen, die einen durch ihre Bildung, die anderen durch ihr Können, andere durch politische Wirksamkeit.« Der in Rom wirkende Universalgelehrte und Arzt Galenus (129–216n.Chr.) verknüpfte die Viersäftelehre zuletzt mit der von den vier »Temperamenten«, also den vier Grundtypen menschlicher Befindlichkeit und menschlichen Verhaltens. Je nach Überwiegen eines der Körpersäfte bildet sich nach dieser Theorie eine bestimmte Persönlichkeit, ein besonderer Charakter und damit verbunden auch die Neigung zu bestimmten Krankheiten:

Blut (lat. sanguis, griech. háima): Sanguiniker (haimatos – heiter, aktiv)

Schleim (griech. phlégma): Phlegmatiker (phlegmaticós – passiv, schwerfällig)

schwarze Galle (griech. mélaina cholḗ): Melancholiker (melancholicós – traurig, nachdenklich)

gelbe Galle (griech. cholḗ): Choleriker (cholericós – reizbar und erregbar)

Im christlichen Mittelalter jedoch hatte die Melancholie oder Schwermut nichts mehr mit Genialität gemein. Der negative Aspekt der Krankheit begann zu überwiegen, denn man fürchtete, die »Mönchskrankheit«, wie man sie nun nannte, könne womöglich den Glauben ins Wanken bringen. Dem Leben in einer lang anhaltenden Einsamkeit waren viele Mönche der christlichen Frühzeit nicht gewachsen. Heute weiß man, dass diese Form der selbst gewählten Isolation zu schweren Depressionen und schizophrenen Symptomen führen kann. Die Krankheit verbarg sich unter dem Begriff »acedia«: eine innere Haltung, die man als Überdruss, Kleinmut und stumpfe Gleichgültigkeit gegenüber Vorschriften und Geboten verstehen konnte. Sie machte es den Betroffenen unmöglich, ihren alltäglichen Pflichten nachzukommen. Gleichzeitig entfernten sie sich von ihrer Berufung und dem Gottvertrauen.

Die Trägheit des Herzens

In der Einsamkeit und Eintönigkeit der Einsiedelei oder der Klosterzelle lautete die Berufskrankheit der Mönche. Für den Kirchenlehrer Thomas von Aquin (1225–1274) war die Schwermut der Inbegriff der Entfremdung von Gott. Schon der frühchristliche Theologe Euagrios Pontikos (345–399n.Chr.) hatte die acedia zum größten Laster erklärt, das den Menschen von Gott wegführt: die Trägheit des Herzens. Noch heute zählt diese bewusste Abwendung des Menschen von der Liebe Gottes zu den sieben Todsünden. In seinen Aufzeichnungen notiert Pontikos detailliert, wie den Mönch »der Hass auf seinen Platz, seine Lebensweise und das Werk seiner Hände« überfällt, »dass die Liebe von den Brüdern gewichen ist und niemand da ist, der ihn tröstet«. (Praktikos,12).

Die Medizin entdeckt die Depression

Waren die Behandlungsweisen in der Antike und im Mittelalter mit Ernährungsempfehlungen, Bewegungstherapie und Unterhaltung noch vergleichsweise sanft gewesen, so wuchs in der Renaissance die Bereitschaft zur medizinischen Intervention. Im frühen 17. Jahrhundert setzte man Brenneisen auf die Schädelnaht der Betroffenen oder durchbohrte gar Schädelknochen, um melancholische Dämpfe entweichen zu lassen. Und die psychiatrischen Therapien im 18. und 19. Jahrhundert waren nicht weniger brutal. Hunger, Durst, Schläge, das Stellen unter eiskalte Duschen oder das Lagern in Bädern fast bis zum Ertrinken waren nicht unüblich, genauso wenig wie Drehmaschinen, Magnetismus und »Faradisierung«. Während Kranke »zur Beruhigung« im Drehstuhl festgeschnallt und anschließend in bis zu 100 Umdrehungen pro Minute versetzt wurden, sollten Séancen (spiritistische Sitzungen mit einem »Medium«) und der Einsatz von magnetisiertem Wasser Heilkrisen für Krankheiten aller Art einleiten. Die Faradisation, eine aus der Militärpsychiatrie stammende Foltermethode für Soldaten mit sogenannten Kriegsneurosen, sollte durch regelmäßig verabreichte Stromschläge die Symptome »so unerfreulich wie möglich« machen.

Im Zeitalter der Aufklärung (frz. siècle de lumières), der Epoche der Vernunft, die sich in Form einer geistigen Bewegung Ende des 17. Jahrhunderts ausgehend von England und den Niederlanden über Europa ausbreitete mit einer gewaltigen Revolution im Gefolge, rückte die Melancholie noch mehr in den Fokus der Medizin. Ärzte vermuteten die Ursache für die Schwermut nun im Nervensystem. In Deutschland forderte der Arzt Johann Christian Reil (1759–1813) als Vertreter der sogenannten romantischen Medizin neue unschädliche Behandlungsweisen. Er verlangte, die bisherigen staatlich beaufsichtigten, ländlich gelegenen sogenannten »Tollhäuser« durch angemessene Bauten mit besserer Personalausstattung zu ersetzen und für die Erkrankten pharmazeutische, chirurgische und psychische Mittel bereitzustellen. Um das Selbstbewusstsein der »Irrenden« wieder aufzurichten, brauchte es für den als Begründer der modernen Psychiatrie geltenden Universalmediziner zudem immer einen »Arzt der Seele und Arzt des Körpers« sowie die Einstellung von »Psychologen« für die »Pädagogik der Seele«.

Im Zuge dieser Entwicklungen wurde der Begriff »Melancholie« auch nach und nach durch den der »Depression« ersetzt. Ihre Gültigkeit als menschliche Grundverfassung blieb jedoch erhalten. Dies ist unter anderem den Schriften des dänischen Theologen, Philosophen und Psychologen Søren Kierkegaard (1813–1855) zu verdanken. Der vielseitig Begabte litt in seinem kurzen Leben häufig an depressiven Episoden und Ängsten und hatte von den Romantikern gelernt, dass extreme Gefühle ein Zeichen des Genius waren, vor allem, wenn sie wehtaten. Für ihn war der Mensch ein von Natur aus instabiles und damit gefährdetes Wesen. Er beschäftigte sich in seinen Veröffentlichungen auch psychologisch mit der »Verzweiflung« – der »Krankheit zum Tode« – und kam zu dem Schluss, dass diese ein unverzichtbarer Teil der Natur des Menschen sei.

Melancholie ist ein Motiv des norwegischen Malers Edvard Munch. Er führte dies in fünf Gemälden und zwei Holzschnitten aus.

Das Doppelgesicht der Depression

Dass Depression schon früh mit besonderen Begabungen und einer erhöhten Sensibilität in Verbindung gebracht wurde, liegt unter anderem daran, dass manche Menschen mit depressiven Erkrankungen auch Zeiten mit völlig gegensätzlichen Symptomen durchleben. Diese werden als manische Episoden bezeichnet (griech. manía = Raserei). In diesen Tagen und Wochen können die Betroffenen vor Energie nur so sprühen, sie brauchen dabei kaum Schlaf, sind enorm leistungsfähig und so gut gelaunt, dass sie andere mit ihrer Euphorie anstecken können. Dann gibt es wieder Phasen von abgrundtiefem Trübsinn, durchbrochen von Zeiträumen mit normaler Stimmung. Auch diese Erscheinungsform wurde bereits in der Antike beschrieben. Erst der deutsche Psychiater Emil Kraepelin (1856–1926), von dem die Grundlagen des heutigen Systems der Einteilung psychischer Störungen stammen, nannte diese Erkrankungsform »circuläres Irresein« oder auch »manisch-depressives Irresein«. Heute diagnostizieren Ärztinnen Psychiater und Psychotherapeutinnen dieses Krankheitsbild als bipolare Erkrankung (siehe auch Seite 25).

In den letzten Jahrzehnten haben sich die therapeutischen Möglichkeiten für diese beiden psychischen Krankheiten deutlich verbessert. Bevor eine Depression jedoch erfolgreich behandelt werden kann, muss sie erst einmal erkannt werden. Das ist mitunter nicht so einfach, zumal die Krankheit sehr unterschiedliche Gesichter haben kann. Die schlimmste Folge einer Depression ist der Suizid. Man geht heute davon aus, dass etwa die Hälfte der Menschen, die einen Suizid begehen, an einer Depression leiden oder gelitten haben.

Wichtig

Betroffene sollten besonders in manischen Phasen ermutigt werden, einen Arzt aufzusuchen und eine konsequente Behandlung wahrzunehmen. Es ist äußerst schwierig, im Auf und Ab von Depression und Manie einen geregelten Alltag zu leben.

Die Depression verstehen

Um der Krankheit besser auf die Spur zu kommen, ihre Ursachen weiter aufzuklären und passende Behandlungen zu erarbeiten, entwickelten Ärzte und Psychologen im 20. Jahrhundert teilweise zeitlich parallel verschiedene Störungsmodelle der Depression. So unterschied man zwischen endogener und neurotischer Depression in der Annahme, es gäbe für Erstere eine organische, also körperliche Ursache (endogen = von innen aus dem Körper kommend). Die neurotische Form (griech. neuron = Nerv) hingegen würde durch äußere Faktoren, wie die Lebenswelt und das Milieu (soziales Umfeld), Kindheitserfahrungen und weitere biografische Ereignisse, hervorgerufen. Im Lauf der Zeit stellte sich allerdings heraus, dass das Festhalten an solchen starren Diagnoseschemata wissenschaftlich nicht korrekt und daher auch für Behandlungen nicht hilfreich war.

Heute weiß man dank der Erkenntnisse aus der Hirnforschung und der experimentellen Psychologie, dass die Depression eine Erkrankung des Gehirns und des weiteren Nervensystems ist. Dabei spielen unter anderem Botenstoffe im Gehirn (Nervenüberträgerstoffe) und Hormone eine entscheidende Rolle. Die depressive Erkrankung wirkt sich auf den gesamten Körper sowie die Denk‑, Erlebens- und Verhaltensweisen der Betroffenen aus. Psychologen und Psychiaterinnen unterscheiden Depressionen heute in erster Linie nach ihrem Schweregrad und ihren unterschiedlichen Erscheinungs- und Verlaufsformen (mehr dazu ab Seite 26).

Die vier häufigsten Irrtümer zum Thema Depression

Irrtum 1: Immer mehr Menschen erkranken an Depressionen

Weil beispielsweise über depressiv Erkrankte mehr in den Medien berichtet wird und Krankenkassen sowie Rentenversicherungsträger Statistiken über zunehmende Arbeitsunfähigkeitstage und Frühberentungen veröffentlichen, entsteht der Eindruck, dass die Erkrankung deutlich häufiger auftritt. Dabei steht hinter den höheren Zahlen womöglich eher die (sehr begrüßenswerte) Entwicklung, dass sich mehr Erkrankte um professionelle Hilfe bemühen und Ärztinnen und Psychiater Depressionen besser erkennen und behandeln können. Der vermutlich wichtigste Faktor ist jedoch, dass die Krankheit auch als Depression benannt wird und weniger oft die ausschließlich körperlichen Diagnosen (z.B. Lumbalsyndrom, Ischialgie) gestellt werden. Auch sind psychische Erkrankungen weniger stigmatisiert als noch vor einigen Jahren, und es gibt im Gesundheitssystem im Vergleich zu früher deutlich bessere diagnostische Kenntnisse.

 

Irrtum 2: Ausschlafen und Ausruhen hilft bei Depressionen

Jeder Mensch mit einer Depression fühlt sich erschöpft, leer oder kraftlos, und die meisten leiden unter wiederkehrenden Schlafstörungen und nächtlichem Grübeln. Dies heißt aber nicht, dass lange Schlafen und Ausruhen sinnvolle Maßnahmen zur Bewältigung sind. Bei den meisten Menschen mit Depressionen führen langer Schlaf und die damit verbundene Inaktivität sogar zu einer Verschlechterung (siehe auch Seite 22).

 

Irrtum 3: Depression ist gar keine richtige Erkrankung

Jeder Mensch hat Sorgen und erlebt schlechte Zeiten. Dabei sind Gefühle der Bedrücktheit, der Überforderung oder auch der Trauer gesunde Reaktionen. Die meisten Menschen können diese Zustände – meist mit der Hilfe von Angehörigen oder durch das Nutzen eigener Stärken – in den Griff bekommen. Für jemanden mit einer klinischen Depression fehlt hierfür die Kraft. Er ist in seiner Stimmung gefangen, oft wie versteinert und dabei häufig voller Schuldgefühle. Es gibt keine andere Erkrankung, in der so viele Menschen in ihrer Not versuchen, sich das Leben zu nehmen. Nur ein Fachmann oder eine Expertin kann ein nachvollziehbares Stimmungstief von einer behandlungsbedürftigen Depression abgrenzen.

 

Irrtum 4: Antidepressiva verändern die Persönlichkeit

Nicht wenige depressiv Erkrankte befürchten, durch die Einnahme von Antidepressiva ihre Persönlichkeit zu verändern und »ferngesteuert« zu werden, also ihre Autonomie zu verlieren. Dies ist glücklicherweise nicht der Fall. Es ist die Depression, die zu tiefgreifenden Veränderungen in der Wahrnehmung, im Gefühlsleben und Verhalten führt. Richtig eingesetzte Medikamente wirken gegen gestörte Funktionsabläufe im Gehirn, was mit der Zeit in den meisten Fällen zum Abklingen der Depression führt. Die Betroffenen fühlen sich dann wieder so wie im gesunden Zustand. Auch machen Antidepressiva nicht abhängig (siehe auch Seite 122).

Gesichter der Depression

Die meisten Menschen mit depressiven Symptomen fühlen sich hilflos, sind trostlos und ohne Hoffnung und können sich ihre Müdigkeit und Antriebslosigkeit nicht erklären. Viele sind sich auch nicht bewusst, dass ihre Probleme möglicherweise Anzeichen einer psychischen Erkrankung sind und daher eine professionelle Diagnostik und Behandlung notwendig sein kann.

Eine länger andauernde Depression ist eine behandlungsbedürftige Krankheit. Meist beginnt sie schleichend mit Lustlosigkeit und Antriebsschwäche. Sie ist als Erkrankung oft zunächst nicht erkennbar, weil die Symptome nicht richtig verstanden und eingeordnet werden. Werden die Lähmung und die negative, depressive Stimmung aber übermächtig und wird das Gefühl der Hoffnungslosigkeit immer größer, dann kommen oft auch Gedanken an Lebensüberdruss hinzu. Und dann wird die Depression lebensgefährlich.

Als potenziell todbringende Krankheit wird die Depression oft unterschätzt. Auch herrscht nach wie vor großes Unwissen, und es gibt viele Vorurteile über die Erkrankung. Zwar ist eine Tendenz zu gehäuften Selbstdiagnosen beobachtbar (siehe Kasten Seite 22), doch bestimmen nach wie vor viele Fehlinformationen die Diskussion um die Krankheit. Das führt dazu, dass sich Erkrankte mitunter wie Versager oder Simulanten fühlen oder von anderen so gesehen werden. Dies führt zum Rückzug und blockiert die Zuversicht, die nötig ist, um sich einer fachlichen Beratung oder Behandlung zuzuwenden.

Wer an einer Depression leidet, erlebt diesen Zustand oft in Kombination mit Scham- und Schuldgefühlen. Das Feedback von außen tut das Übrige dazu: »Stell dich nicht so an«, »jetzt reiß dich mal zusammen«, »fahr doch mal in den Urlaub« … Negative Reaktionen und Verurteilungen durch andere Menschen sind hier wie bei allen anderen psychischen Erkrankungen auch nach wie vor ein Problem. Seit immer mehr öffentliche Personen über ihre Depressionen sprechen oder sie über die sozialen Medien kundtun sowie dank intensiver Aufklärungsarbeit, ist die Erkrankung in der Öffentlichkeit heute nicht mehr ganz so negativ besetzt, und die Betroffenen werden weniger ausgegrenzt als noch vor einigen Jahren. Trotzdem ist es weiterhin wichtig, das Bewusstsein und die Kenntnisse über psychische Erkrankungen zu stärken. Dass man mit einem gebrochenen Arm zum Arzt muss, weiß jeder. Die Erkenntnis, dass eine fachliche Konsultation auch bei psychischen Erkrankungen notwendig ist, hat sich noch nicht ausreichend durchgesetzt.

 

Fachleute unterscheiden verschiedene Formen der Depression:

Depressive Episode

Die Kriterien hierfür (engl. major depressive episode/MDE) sind klar definiert. Die Betroffenen leiden unter einer deutlich gedrückten Stimmung und besitzen kaum noch Antrieb. Das Interesse sowie die Fähigkeit, Positives zu erleben, sind nicht mehr vorhanden. Typischerweise gehen gleichzeitig Schlafprobleme (Schlaflosigkeit oder vermehrter Schlaf), innere Leere, Gedanken der Wertlosigkeit, Schuldgefühle und Hoffnungslosigkeit damit einher.

Die Kriterien für eine depressive Episode sind schon dann erfüllt, wenn die Phase über einen Zeitraum von mindestens zwei Wochen anhält und nahezu täglich über den größten Teil dieses Zeitraums andauert. In der Regel dauern die Episoden jedoch deutlich länger als zwei Wochen. Sie können einmalig auftreten, oft aber wiederholen sie sich in unterschiedlichen Abständen (rezidivierendes Auftreten).

Um eine sichere Diagnose zu stellen, muss eine (Fach-)Ärztin oder eine Psychotherapeutin diese leidbringenden Stimmungsveränderungen abgrenzen von nicht krankhaften (pathologischen) Reaktionen. Traurigkeit, Trauerreaktionen oder wiederkehrende, eher kürzere Stimmungsschwankungen sind möglicherweise normale Veränderungen und müssen keineswegs eine krankhafte Depression sein.

Symptome einer Depression

Hauptsymptome

Häufige zusätzliche Beschwerden

gedrückte, depressive Verstimmung, die von Betroffenen manchmal auch als Gefühl der Fühllosigkeit oder Gefühlstaubheit beschrieben wird

deutlicher Interessenverlust an Dingen, die sonst Teil des Alltags und des Lebens waren, sowie Freud- und Lustlosigkeit

Verlust der Fähigkeit, in Abhängigkeit von äußeren Situationen unterschiedliche Gefühle zu haben (Verlust der affektiven Modulationsfähigkeit)

deutlicher Mangel an Motivation und Antrieb

leichte und häufigere Ermüdbarkeit, Kraftlosigkeit, aber auch vermehrtes Schlafbedürfnis

Probleme mit der Konzentration

vermindertes Selbstwertgefühl

Schuld- und Schamgefühle

Verlangsamung und Schwerfälligkeit bei Bewegungen und körperlichen Aktivitäten, aber eventuell auch quälende körperliche Unruhe und Bewegungsdrang

Lebensüberdruss, Selbstmordgedanken, -pläne oder -versuche

Einschlaf- oder Durchschlafstörungen oder sehr frühes Erwachen, ohne wieder einschlafen zu können, aber auch vermehrtes Schlafen

Appetitverlust, teilweise mit deutlicher Gewichtsabnahme, aber auch deutlich verstärktes Essverhalten (»Frustessen«)

Weitere Anzeichen

Lebensüberdruss – im Sinne von »Es wäre nicht schlimm, wenn ich morgen nicht mehr aufwachen würde« – kann sich in häufigeren Gedanken an den Tod, Suizidgedanken, einem Selbstmordversuch oder auch einer Selbsttötung (Suizid) offenbaren. Bei einem Erkrankten kann der Wunsch entstehen, am Morgen nicht mehr aufzuwachen oder bei einem Unfall oder einem Unglück zu versterben. Auch der Gedanke, dass es für das eigene Umfeld und andere Menschen besser wäre, man würde nicht mehr leben, ist häufig. Besonders gefährlich ist es, wenn Betroffene schon einmal einen Suizidversuch unternommen oder klare Vorstellungen oder sogar Vorbereitungen für eine Selbsttötung getroffen haben.

Bei manchen Depressionen leiden die Betroffenen zusätzlich unter verschiedenen Körpersymptomen. Vorkommen können:

Herzrasen

Atemnot

Engegefühle der Brust

Verdauungsbeschwerden

Schwindel

Treten solche Beschwerden auf, ist zunächst unbedingt eine medizinische Abklärung notwendig (siehe Seite 27). Wenn keine körperlichen Ursachen erkennbar sind, wird von psychiatrischer oder psychotherapeutischer Seite eine Klärung vorgenommen, ob möglicherweise eine (vielleicht auch zusätzliche) Angststörung oder eine somatoforme Erkrankung (siehe Seite 45) vorliegt.

Der Schweregrad der Depression

Dieser bemisst sich an der Anzahl der Symptome:

leicht: zwei Haupt- und zwei Zusatzsymptome aus der Liste von Seite 22 und Fortführung der meisten normalen Alltagsaktivitäten

mittelschwer: zwei Haupt- und drei bis vier Zusatzsymptome und Schwierigkeiten beim Aufrechterhalten normaler Aktivitäten

schwer: drei Haupt- und fünf oder mehr Zusatzsymptome; Suizidgedanken und -handlungen sind häufig. Die Symptome, die Stimmung und Verhalten betreffen, wie auch die Suizidalität werden vermehrt von körperlichen Symptomen begleitet.

Bei besonders schweren Depressionen können auch wahnhafte bzw. psychotische Symptome auftreten. Hierzu gehören beispielsweise eine übersteigerte und nicht korrigierbare Überzeugung eigener Schuld oder auch Vorstellungen davon, verfolgt, abgehört oder beobachtet zu werden, sowie das Hören von Stimmen. Wahn oder Halluzinationen stehen häufig im Einklang mit den persönlichen depressiven Themen von Unzulänglichkeit, Schuld, Verarmung, Krankheit, Tod oder Bestrafung. Beim Vorliegen psychotischer Symptome ist die Suizidgefahr deutlich erhöht.

Tests und Skalen

Für die Art der Behandlung und die Kontrolle des Erkrankungsverlaufs ist es für die Fachperson wichtig, die Schwere der Erkrankung einschätzen zu können. Hierzu stehen uns heute spezielle psychologische Tests zur Verfügung. Mit ihnen unterscheiden Ärzte und Ärztinnen leichte, mittelschwere und schwere Depressionen. Zwei der am meisten verwendeten Tests sind die Hamilton Rating Scale of Depression (HRSD), die Montgomery-Asberg Depression Rating Scale (MADRS) und das Beck Depressionsinventar (BDI). Betroffene können mit ihrer Hilfe strukturiert befragt werden zu Symptomen und deren Ausprägung. Wichtig sind auch die Skalen, um verschiedene antidepressive Behandlungen hinsichtlich ihrer Wirksamkeit vergleichen zu können, etwa im Zusammenhang von Studien.

Chronische Depression (Dysthymie) und Double Depression

Neben den klar von gesunden Phasen abgrenzbaren depressiven Episoden gibt es auch chronisch verlaufende depressive Verstimmungen. Diese bezeichnen Fachleute als Dysthymie (griech. dysthymós = missmutig). Die chronische Depression dauert mindestens zwei Jahre an und ist vom Schweregrad der Symptomatik und der Beeinträchtigung im Alltag her weniger leidvoll und weniger den Alltag einschränkend anzusehen als die depressive Episode. Allerdings ist auch das zeitgleiche Auftreten von Symptomen einer depressiven Episode und einer dysthymen Erkrankung möglich. Hier spricht man von einer »doppelten Depression« (engl. double depression). Menschen, bei denen schon in jüngeren Jahren eine chronische Depression auftritt, können diesen Zustand als normal erleben: »Ich war schon immer so« – »Das gehört zu mir«.

Anpassungsstörung mit depressiver Symptomatik

Kommt es beispielsweise durch die Trennung von einem Partner, dem Verlust des Arbeitsplatzes oder andere belastende Lebensereignisse zum Auftreten depressiver Symptome, spricht man heute von einer Anpassungsstörung mit depressiver Symptomatik. Die Betroffenen können einen neu eingetretenen Zustand über längere Zeit hinweg nicht akzeptieren bzw. sich an die neue Situation nicht anpassen. Diese Form der Depression muss aber deutlich auf ein bestimmtes Ereignis zurückführbar sein und darf nicht länger als sechs Monate dauern. Ab wann therapeutische Hilfe nötig ist, kann in einem Gespräch mit einer Therapeutin oder einem Psychiater geklärt werden.

Zwischen Hoch und Tief: die bipolare Erkrankung

Bei dieser psychischen Erkrankung kommt es zu einem Wechsel zwischen manischen und depressiven Phasen. Typisch für manische Episoden sind Überaktivität oder ein gesteigerter Antrieb. Die Betroffenen können nach eigenen Berichten regelrecht »Bäume ausreißen«. Damit einher geht oft eine übertrieben gute oder euphorische, teilweise aber auch gereizte Stimmung. Die Stimmungsschwankungen treten weitgehend unabhängig von aktueller Lebenssituation oder -ereignissen auf. Für die Betroffenen ist es in der manischen Phase oft schwierig, die Realität klar zu beurteilen. Dadurch entstehen häufig Konflikte und Schwierigkeiten im Umgang mit anderen Menschen und im weiteren Verhalten. Durch die stark gehobene Stimmung, die häufige Überschätzung der eigenen Person (z.B. Größenideen) und den übertriebenen Optimismus können Betroffene Hemmungen verlieren und sich rücksichtslos, leichtsinnig und situationsunangemessen verhalten. Häufig kommt es zu massiven Geldausgaben bis hin zur Verschuldung. Auch vermehrter Alkohol- oder Substanzkonsum mit einer weiter enthemmenden Wirkung kann auftreten. Häufig stehen Menschen nach schweren manischen Episoden vor einem Scherbenhaufen mit umfassenden schädlichen Folgen im persönlichen, beruflichen und materiellen Bereich. Noch schwerwiegender können sich die Folgen einer manischen Episode mit psychotischen Symptomen auswirken.

Symptome und Kriterien für eine Manie

Bei einer Manie handelt es sich um eine Periode starker und ständiger euphorischer oder gereizter Stimmung, die mindestens eine Woche andauert. Während der Zeit bestehen drei oder mehr der folgenden Symptome:

übertriebenes Selbstbewusstsein oder Größenwahn

verringertes Schlafbedürfnis (z.B. Erholungsgefühl nach nur drei Stunden Schlaf)

gesprächiger als üblich oder Drang zum Reden