Die Show - Richard Laymon - E-Book

Die Show E-Book

Richard Laymon

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Beschreibung

Eigentlich ist es ein ganz normaler Tag im August des Jahres 1963: Der kleine Ort Grandville ächzt unter der Sommerhitze, während zugleich eifrig Vorbereitungen für die große »Vampirshow« – eine Art Dracula-Musical – getroffen werden, die am Abend stattfinden soll. Doch es ist der Tag, der das Leben dreier Jugendlicher für immer verändern wird. Denn obwohl sie eigentlich zu jung sind, scheuen sie keine Mühen, um Die Show zu sehen. Ein fataler Fehler, wie sich nur allzu bald herausstellt …

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Seitenzahl: 579

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Inhaltsverzeichnis
 
ZUM BUCH
 
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Kapitel 57
Kapitel 58
Kapitel 59
Kapitel 60
Kapitel 61
Kapitel 62
Kapitel 63
Kapitel 64
 
Copyright
HEYNE HARDCORE
ZUM BUCH
Es ist der Sommer 1963, und die Show ist in der Stadt! Begeistert stehen der sechzehnjährige Dwight, sein Kumpel Rusty und die hübsche Slim vor dem Plakat, das eine »Große Vampirshow« ankündigt – angeblich mit einem echten Vampir. Pech nur, dass die Show erst um Mitternacht beginnt und Minderjährigen der Zutritt untersagt ist. Doch das spornt die drei Freunde gerade an, hinter das Geheimnis dieser Show zu kommen. Ist das alles Humbug – oder sind tatsächlich echte Vampire nach Grandville gekommen? Für Dwight, Rusty und Slim beginnt das Abenteuer ihres Lebens …
 
Das preisgekrönte Meisterwerk des Bestseller-Autors von »Das Spiel«, »Die Insel« und »Der Keller« – ein Psycho-Thriller, der virtuos mit unserer tief verwurzelten Angst vor dem Übersinnlichen spielt.
 
»Richard Laymon hat einen Pakt mit dem Teufel geschlossen. So schreiben kann niemand!« Dean Koontz
 
»Richard Laymon ist einzigartig. Ein Phänomen. Ein Genie des Grotesken und Makabren.« Joe Citro
 
»Einfach grandios! Wenn jemand weiß, wie man spannend schreibt, dann Richard Laymon.« Bentley Little
 
 
ZUM AUTOR
 
Richard Laymon wurde 1947 in Chicago geboren und studierte in Kalifornien englische Literatur. Er arbeitete als Lehrer, Bibliothekar und Zeitschriftenredakteur, bevor er sich ganz dem Schreiben widmete und zu einem der bestverkauften Spannungsautoren aller Zeiten wurde. 2001 gestorben, gilt Laymon heute in den USA und Großbritannien als Horror-Kultautor, der von Schriftstellerkollegen wie Stephen King und Dean Koontz hoch geschätzt wird.
Von Richard Laymon sind im Heyne Verlag außerdem die Romane Rache, Die Insel, Das Spiel, Das Treffen, Der Keller sowie Nacht erschienen.
Titel der amerikanischen Originalausgabe
THE TRAVELLING VAMPIRE SHOW
Deutsche Übersetzung von Thomas A. Merck
Dieses Buch widme ich
 
Richard Chizmar, dem Besitzer, Manager und Trainer des CD-Teams.
 
Du hast uns gezeigt, was eine Show ist!
1
Als ich sechzehn Jahre alt war, kam im Sommer eine reisende Vampirshow in unseren Ort.
Ich hörte es von Rusty und Slim, meinen besten Freunden.
Rusty hieß eigentlich Russell, aber er mochte den Namen nicht.
Und Slim hieß in Wirklichkeit Frances, aber sie ließ sich nur von ihren Eltern und den Lehrern so nennen. »Frances ist ein Name für einen sprechenden Esel«, sagte sie immer, und wenn man sie fragte, wie sie denn stattdessen genannt werden wollte, hing ihre Antwort meistens davon ab, was sie gerade las. »Nancy«, sagte sie dann zum Beispiel, oder »Holmes« oder »Scout« oder »Zock« oder »Phoebe«. Im Sommer zuvor hatten wir sie Dagny nennen müssen und in jenem Sommer eben Slim. Ich glaubte daraus erkennen zu können, dass sie gerade irgendwelche Western las, aber ich fragte nicht nach.
Ich selbst heiße übrigens Dwight. Benannt nach Dwight D. Eisenhower, dem Oberkommandierenden der Alliierten Streitkräfte in Europa – zum Präsidenten hatte man ihn erst nach meiner Geburt und Taufe gewählt.
Wie dem auch sei, jedenfalls war es ein heißer Augustmorgen, wir hatten noch einen ganzen Monat Ferien vor uns, und ich musste im vorderen Teil des Gartens den Rasen mähen. Wir waren damals vermutlich die einzige Familie in Grandville, die noch keinen motorbetriebenen Rasenmäher hatte. Dabei hätten wir uns locker einen leisten können, denn mein Dad war der Polizeichef der Stadt und meine Mom Englischlehrerin an der Highschool. Finanziell gesehen wäre sogar ein kleiner Gartentraktor drin gewesen, aber mein Dad lehnte so was aus Prinzip ab.
Schon bevor es den Begriff akustische Umweltverschmutzung gab, tat er alles in seiner Macht Stehende, um solchen »verfluchten Lärm« zu vermeiden. Außerdem war er ohnehin gegen Gerätschaften aller Art, die mir oder meinen zwei Brüdern das Leben leichter gemacht hätten. Er wollte, dass wir hart arbeiteten, und weil er die Weltwirtschaftskrise und den Zweiten Weltkrieg mitgemacht hatte, hatte er eine ziemlich rigide Auffassung davon, was harte Arbeit war. Seiner Meinung nach hatte es »die heutige Jugend« viel zu leicht, und deshalb tat er alles, um uns das Leben so schwer wie möglich zu machen.
Und so kam es, dass ich an jenem heißen, diesigen Vormittag, an dem sich die Sonne hinter einer grauen Wolkendecke verborgen hielt und man die Abkühlung durch das aufziehende Gewitter geradezu herbeisehnte, beim Schieben des Handrasenmähers im halbhohen Gras gehörig ins Schwitzen kam.
Ich hatte mein T-Shirt ausgezogen und über das Geländer der Veranda geworfen, und fühlte mich, als ich Rusty und Slim durch den Garten auf mich zu kommen sah, mit meinem nackten Oberkörper ein wenig unbehaglich. Das war ziemlich seltsam, denn eigentlich gingen wir jeden Tag miteinander zum Baden, aber trotzdem wäre ich am liebsten losgelaufen und hätte mir mein T-Shirt geholt. Doch ich blieb, wo ich war, und wartete in Turnschuhen und Jeans, bis die beiden bei mir waren.
»Hallo, Leute«, rief ich.
»Hallo, Dwight«, antwortete Rusty. »Geht dir dabei einer ab?« Ihm gefiel diese Art zu sprechen, voller lahmer sexueller Anspielungen.
»Wohl kaum«, gab ich zurück.
»Arbeitest du wirklich oder tust du nur so?«, fragte Rusty weiter, während Slim mit einem Blick auf meinen schwitzenden Oberkörper meinte: »Ist doch viel zu heiß zum Rasenmähen.«
»Das solltest du lieber meinem Dad sagen.«
»Gern. Wo ist er?«
»In der Arbeit.«
»Dann hat er Glück, sonst hätte ich ihn mir mal ordentlich zur Brust genommen.«
Wir alle grinsten, weil wir wussten, dass sie nur Spaß machte. Slim mochte meinen Dad – und meine Mom – sehr, auch wenn ihre Sympathie für meine Brüder sich in Grenzen hielt.
»Wie lang brauchst du denn noch?«, fragte Rusty.
»Ich kann’s mir einteilen«, entgegnete ich. »Hauptsache, der Rasen ist gemäht, wenn Dad heute Abend nach Hause kommt.«
»Dann komm mit uns«, sagte Slim.
Ich nickte rasch und rannte ins Haus. Dort war niemand, denn meine Mom war zum wöchentlichen Einkauf im Supermarkt und meine Brüder – einer von ihnen war bereits verheiratet – wohnten nicht mehr zu Hause.
»Bin gleich wieder da!«, rief ich und schnappte mir, während ich die Stufen zur Veranda hinaufrannte, mein T-Shirt vom Geländer. Drinnen wischte ich mir damit den Schweiß von Stirn und Brust, bevor ich hinauf in mein Zimmer ging, den Kamm von der Kommode nahm und mich vor den Spiegel stellte. Dank meines Vaters waren meine Haare viel zu kurz. Meine Söhne laufen nicht herum wie Mädchen. Ich durfte nicht einmal Koteletten tragen. Meine Söhne laufen nicht herum wie Halbstarke. Dank meines Vaters hatte ich nicht viel Haar, das ich hätte kämmen können. Weil es aber verschwitzt und zerzaust war, fuhr ich ein paarmal mit dem Kamm durch und achtete darauf, dass der »Scheitel« kerzengerade war und ich wenigstens andeutungsweise eine Stirnlocke hatte.
Danach steckte ich meine Geldbörse ein, holte mir ein kurzärmeliges Hemd aus dem Schrank und zog es an, während ich die Treppe wieder nach unten eilte.
Rusty und Slim warteten auf der Veranda.
»Wo wollt ihr hin?«, fragte ich, während ich mir die Schuhe zuband.
»Das wirst du schon sehen«, antwortete Slim.
Ich schloss die Tür und folgte meinen Freunden hinunter in den Garten.
Rusty trug Jeans und ein altes Hemd, aber das hatten wir eigentlich alle an, wenn wir nicht gerade in die Kirche oder zur Schule gehen mussten. Jungs in unserem Alter trugen so gut wie nie kurze Hosen. Kurze Hosen waren was für Kinder, alte Säcke oder Mädchen.
Slim trug eine kurze Hose, eine abgeschnittene Bluejeans, die so ausgewaschen war, dass sie fast weiß aussah. Die Fransen hingen ihr wie ein ultrakurzes Baströckchen über die Oberschenkel. Über der Hose trug Slim ein weißes, weites T-Shirt, das ihr, weil sie es nicht in den Hosenbund gesteckt hatte, bis über den Hintern herabhing. Durch den dünnen Stoff konnte man ihr weißes BikiniOberteil sehen. Es war eines von diesen ziemlich knappen Dingern, die man am Rücken und oben am Hals zuband. Slim trug es anstatt eines Büstenhalters. Wahrscheinlich war es bequemer als ein BH und auf jeden Fall war es sehr viel praktischer.
Im Sommer trugen wir alle Badezeug anstatt Unterwäsche, schließlich konnte man niemals sagen, wann man am Freibad oder am Fluss vorbeikam … von Wolkenbrüchen, die einen bis auf die Knochen durchnässten, ganz zu schweigen.
Auch ich hatte an diesem Vormittag meine Badehose an, die noch ganz nass vom Schweiß war und mir an den Pobacken klebte, als ich mit Rusty und Slim die Straße entlangging.
»Also, was habt ihr vor?«, fragte ich nach einer Weile.
Slim sah mich an und hob eine Augenbraue. »Stufe eins ist bereits abgeschlossen.«
»Wie bitte?«, fragte ich.
»Wir haben dich aus den Ketten der Knechtschaft befreit.«
»An einem Tag wie heute kann man doch nicht rasenmähen«, erklärte Rusty.
»Danke, dass ihr mich befreit habt.«
»Gern geschehen«, meinte Rusty.
»War uns ein Vergnügen«, sagte Slim und klopfte mir wohlwollend auf den Rücken.
Es war nichts weiter als eine freundschaftliche Geste, aber ich verspürte dabei ein verzehrendes Gefühl voller Erregung und Einsamkeit. Ich hatte das in diesem Sommer ziemlich häufig gehabt, wenn ich mit Slim zusammen gewesen war, und es hatte nicht unbedingt etwas damit zu tun, dass sie mich berührte. Manchmal brauchte ich sie bloß anzusehen, und schon fühlte ich mich komisch.
Natürlich behielt ich das für mich.
»Jetzt gehen wir Stufe zwei an«, sagte Slim. »Wir schauen, was auf Janks Lichtung los ist.«
Ein eiskalter Schauder lief mir den Rücken hinab.
»Hast du etwa Angst?«, fragt Rusty.
»Und wie! Siehst du nicht, wie ich zittere?«
Ich zitterte tatsächlich, aber nicht so stark, dass man es hätte sehen können.
»Wir müssen da nicht hin«, sagte Slim.
»Also ich will auf alle Fälle«, sagte Rusty. »Wenn ihr zu viel Schiss habt, dann gehe ich eben alleine.«
»Was ist denn da draußen so Tolles?«, fragte ich.
»Das hier«, erwiderte Rusty.
Bis jetzt waren wir in einer Reihe mit Slim in der Mitte die Hauptstraße entlanggegangen, nun kam Rusty herüber zu mir und zog ein zusammengefaltetes Stück Papier aus der hinteren Hosentasche.
»Die Dinger hängen hier überall rum«, sagte er, während er es auseinanderfaltete.
An der Art, wie er mir das Stück Papier vors Gesicht hielt, erkannte ich, dass ich es nicht berühren sollte. Deshalb blieb ich stehen, um es mir anzusehen, denn im Gehen konnte ich nicht lesen, was darauf geschrieben stand. Wir alle blieben stehen.
Slim trat an mich heran, sodass auch sie das Plakat, das Rusty offenbar irgendwo abgerissen hatte, genau betrachten konnte.
Es sah folgendermaßen aus:
GROSSE VAMPIRSHOW
 
ERLEBEN SIE DEN EINZIGEN VAMPIR IN GEFANGENSCHAFT
 
VALERIA
 
UMWERFEND! BETÖREND! TÖDLICH! EINE FASZINIERENDE SCHÖNHEIT, GEBOREN IM WILDEN TRANSSYLVANIEN! TAGSÜBER SCHLÄFT SIE IN IHREM SARG, ABER DES NACHTS ERNÄHRT SIE SICH VON MENSCHENBLUT.
 
ERLEBEN SIE, WIE VALERIA VON DEN TOTEN AUFERSTEHT! ERLEBEN SIE, WIE SIE SICH ÜBER FREIWILLIGE AUS DEM PUBLIKUM HERMACHT! ERSCHAUDERN SIE, WENN VALERIA IHNEN IN DEN HALS BEISST! ZITTERN SIE VOR ANGST, WENN SIE IHR BLUT TRINKT!!!
 
WO?: Janks-Lichtung, 2 Meilen südlich von Grandville an der Route 3 WANN?: Freitag um Mitternacht (nur eine Vorstellung!) EINTRITTSPREIS: 10 $ (MINDERJÄHRIGEN UNTER 18 JAHREN IST DER ZUTRITT UNTERSAGT)
»Wow!«, murmelte ich mehr als einmal, während ich erstaunt und fasziniert zugleich das Plakat las.
Als ich beim letzten Satz ankam, war es mit meiner Begeisterung allerdings vorbei.
Eine seltsame Angst war in mir aufgestiegen, die aber sofort einer Mischung aus Erleichterung und Enttäuschung Platz machte.
Hauptsächlich war es Erleichterung.
»Oh, Mann«, murmelte ich und versuchte, dabei möglichst niedergeschlagen zu klingen. »Was für ein Pech.«
2
»Pech?«, rief Rusty entsetzt. »Spinnst du? Wir können eine Vampirshow sehen! Eine echte, lebendige Vampirin, hier in Grandville. Und da steht, dass sie umwerfend ist. Siehst du? Umwerfend! Betörend! Eine faszinierende Schönheit! Schau doch hin, was da steht! Ein echter Vampir! Diese Valeria schnappt sich Freiwillige und beißt sie in den Hals! Sie ernährt sich von Menschenblut!«
»Super«, sagte Slim.
»Das wäre vielleicht super, wenn wir sie sehen könnten«, meinte ich und versuchte Trübsinn zu heucheln. »Aber in so eine Show kommen wir nie rein.«
Rusty kniff die Augen zusammen und schüttelte den Kopf. »Genau deshalb gehen wir auch jetzt da hin.«
»Ach so«, sagte ich.
Manchmal, wenn Rusty seine Ideen auftischte, fiel mir nicht mehr als ein »ach so« ein.
»Kapiert?«
»Glaube ja.« Ich hatte keine Ahnung, was er meinte.
»Wir sehen uns einfach mal auf der Lichtung um«, sagte Slim. »Vielleicht kriegen wir ja was mit.«
»Und sehen Valeria!« Rusty klang ziemlich aufgeregt.
»Da würde ich mir nicht allzu viele Hoffnungen machen«, sagte Slim.
»Wäre doch möglich! Bestimmt ist sie schon da. Irgendwer muss ja schließlich die Plakate aufgehängt haben, und wenn heute um Mitternacht die Show sein soll, müssten sie jetzt eigentlich schon das Zelt aufbauen.«
»Gut möglich«, sagte Slim, »aber das heißt noch lange nicht, dass du deine betörende, faszinierende Valeria zu Augen kriegst.«
Rusty warf Slim einen tadelnden Blick zu, bevor er sich an mich wandte, als suchte er einen Verbündeten.
Ich konnte den Blick nicht von Slim wenden, die den Mund aufriss und die Zähne bleckte.
Die Grimasse tat mir einerseits in der Seele weh, andererseits brachte sie mich zum Lachen. Ich zwang mich, hinüber zu Rusty zu blicken und sagte: »Sie ist ein Vampir, du Idiot.«
»Wer? Slim?«
»Valeria. Auf dem Plakat steht, dass sie ein Vampir ist!«
»Ja – und?« Rusty blickte mich verständnislos an.
»Meinst du im Ernst, dass du sie draußen auf der Lichtung beim Sonnenbaden erwischst?«
»Verstehe!«
Jetzt hatte er kapiert.
Slim und ich lachten. Rusty wurde rot, fing dann aber ebenfalls an zu kichern. »Und als Vampir muss sie tagsüber in ihrem Sarg liegen, stimmt’s?«
»Stimmt!«, wiederholten Slim und ich im Chor.
Rusty lachte darüber ziemlich ausgiebig. Und wir stimmten ein, während wir uns wieder in Bewegung setzten.
Nach einer Weile war uns Rusty ein paar Schritte voraus. »Aber vielleicht erwischen wir sie ja trotzdem beim Sonnenbaden«, sagte er, während er sich zu uns umwandte.
»Bist du blöd oder was?«, fragte Slim.
»Nackt!«
»Das würde dir wohl gefallen.«
»Darauf kannst du Gift nehmen!«
Ich schüttelte missmutig den Kopf. »Du würdest bloß einen Haufen Asche sehen, sonst nichts. Und der erste Windhauch …«
Slim sang sofort los: »The vampire, my friend, is blowing in the wind …«
»Und selbst wenn sie nicht schon beim ersten Sonnenstrahl zerfallen würde«, fuhr ich fort, »wäre sie wohl kaum so blöd, ihre Vampirshow sonnengebräunt abzuziehen.«
»Ganz genau«, sagte Slim. »Vampire müssen leichenblass aussehen.«
»Sie könnte sich ja schminken«, meinte Rusty.
»Das ist ein Argument«, sagte Slim. »Wahrscheinlich schmiert sie sich ein Kilo weiße Schminke ins Gesicht, damit sie eine glaubhafte untote Blässe kriegt. Also, warum soll sie darunter nicht braun sein?«
»Überall«, sagte Rusty gierig. »Nicht bloß im Gesicht.«
»Ich schätze, wir müssen bald mal eine Freundin für dich finden«, seufzte Slim.
Ich fragte mich, wie Slim wohl aussehen würde, wenn sie nackt in der Sonne lag, flach auf dem Rücken, die Hände unter dem Kopf gefaltet. Es erregte mich, sie mir so vorzustellen, mit geschlossenen Augen und golden glänzender Haut, aber irgendwie machte es mir auch ein schlechtes Gewissen.
Um das Bild aus dem Kopf zu kriegen, schlug ich vor: »Wie wär’s denn mit Valeria?«
»Genau«, sagte Slim. »Die wäre die richtige Freundin für ihn. Schließlich soll sie faszinierend und betörend sein.«
»Die würde ich sofort nehmen«, erklärte Rusty.
»Du hast sie doch noch nicht mal gesehen!«
»Ist mir egal.«
»Weil du alles glaubst, was du liest«, lachte Slim. »Aber was ist, wenn Valeria eine grottenhässliche Kuh ist?«
»Unsinn. Sie ist umwerfend. Muss sie doch sein!«
»Reines Wunschdenken«, sagte ich.
Rusty lächelte, als ob er ein Geheimnis wüsste: »Wollen wir wetten?«
»Fünf Dollar, dass sie nicht umwerfend ist.«
»Ich habe keine fünf Dollar«, sagte Rusty.
Das wunderte mich nicht. Seine Eltern gaben ihm zwei Dollar Taschengeld in der Woche, die er im Handumdrehen ausgegeben hatte. Mir ging’s da besser, denn meine Eltern gaben mir zwar kein Taschengeld, aber dafür bezahlten sie mich für die Arbeiten, die ich in Haus und Garten erledigte. Auch bei unseren Nachbarn verdiente ich mir auf diese Weise hin und wieder ein paar Dollar hinzu.
»Wie viel möchtest du denn einsetzen?«, fragte ich.
»Lasst doch das blöde Wetten sein«, bat Slim. »Am Schluss verliert dabei immer jemand.«
»Richtig«, sagte Rusty. »Und zwar Dwight. Möchtest du nicht ein paar Dollar auf mich setzen, Slim?«
»Soll das ein Witz sein?«
»Nun komm schon! Du bist doch immer flüssig.«
»Weil ich mein Geld nicht zum Fenster rausschmeiße.«
»Aber diese Wette ist schon so gut wie gewonnen!«
»Woher willst du das wissen?«, fragte Slim.
»Ist doch ganz einfach. Auf der Janks-Lichtung gibt es eine Vampirshow. Und die Hauptattraktion heißt Valeria und ist ein Vampir.«
»Was heißt hier Hauptattraktion?«, warf ich ein. »Für mich klingt das eher so, als wäre sie die einzige Attraktion.«
»Okay, von mir aus. Aber dass das mit dem Vampir absoluter Quatsch ist, darin sind wir uns doch einig, oder? Diese Valeria ist ebenso wenig ein Vampir wie ihr und ich. Also muss sie bildhübsch sein, sonst kommen keine Zuschauer. Dass sie kein echter Vampir ist, lassen ihr die Leute durchgehen, schließlich weiß jeder, dass es keine Vampire gibt …«
»Manche Leute wissen das nicht«, unterbrach ich ihn.
»Das können dann nur Schwachsinnige sein!«
»Da wäre ich mir nicht so sicher«, sagte Slim.
Wir starrten sie beide an.
»Was wäre denn, wenn es doch Vampire gäbe?« Ihre Augen funkelten.
»Nun dreh mal nicht durch«, sagte Rusty.
»Kannst du beweisen, dass es keine gibt?«
»Wozu sollte ich das beweisen? Es weiß doch jeder, dass es keine gibt.«
»Ich weiß das nicht«, sagte Slim.
»Quatsch.« Er wandte sich an mich. »Was meinst du, Dwight?«
»Das Gleiche wie Slim.«
»Da wäre ich nie drauf gekommen!«
»Slim ist intelligenter als wir beide zusammen«, sagte ich und wurde rot, weil sie mich spöttisch ansah. »Doch, Slim! Das bist du!«
»Unsinn. Ich lese nur viel. Und ich mache mir meine eigenen Gedanken, auch auf die Gefahr hin, dass mich jemand schwachsinnig nennt.« Sie lächelte Rusty zu.
»Damit warst doch nicht du gemeint«, entgegnete er. »Aber langsam frag ich mich schon …«
»Falls es dich beruhigt: Ich bezweifle ebenfalls, dass Valeria ein Vampir ist, auch wenn es theoretisch möglich wäre.«
»Na also!«
»Und dass sie besser hübsch sein sollte, wenn sie schon kein Vampir ist, finde ich auch.«
Rusty strahlte. »Dann könntest du doch in die Wette einsteigen, oder?«
»Geht nicht. Wenn ihr gegeneinander wettet, braucht ihr jemanden, der entscheidet, wer gewonnen hat. Das ist mein Job. Ich bin die Schiedsrichterin.«
»Von mir aus gerne«, sagte ich.
»Wenn’s sein muss«, brummte Rusty.
»Wieso schaust du denn so skeptisch?«, fragte Slim.
»Weil du immer auf Dwights Seite bist!«
»Nur, wenn er recht hat. Und irgendwie habe ich das Gefühl, dass Dwight diese Wette gewinnen wird.«
»Danke schön«, sagte ich.
»Ich verspreche euch, dass ich gerecht sein werde.«
»Also, um was wetten wir?«, fragte Rusty.
»Wie viel willst du denn verlieren?«
Ich war mir meiner Sache nun nicht mehr so sicher, denn Rustys Argumente leuchteten mir ein. Dass diese Valeria, wenn sie kein echter Vampir war, etwas anderes zu bieten haben musste, war nicht von der Hand zu weisen. Aber musste sie dafür wirklich eine Schönheit sein? Es genügte vielleicht auch, wenn sie richtig gruselig war.
»Wettet doch nicht um Geld«, schlug Slim vor. »Wie wäre es denn, wenn der Verlierer irgendetwas Ekliges machen müsste?«
Rusty grinste. »Den Gewinner am Arsch lecken vielleicht?«
»So was in der Art.«
Ich verzog das Gesicht. »Ich lecke auf keinen Fall an deinem Arsch, Rusty.«
»Es muss ja nicht das sein«, sagte Slim.
»Und wenn der Verlierer ihren Arsch leckt?« Rusty deutete mit dem Kinn auf Slim.
Was war daran eklig?, fragte ich mich.
Slim wurde ganz rot. »An meinem Arsch leckt niemand«, sagte sie. »Und auch nicht woanders an mir, damit das klar ist.«
»Dann eben nicht«, sagte Rusty und lachte. Er konnte manchmal schon ziemlich plump sein.
»Vergessen wir die Wette doch einfach«, schlug ich vor.
»Du hast wohl Angst, dass du verlierst«, erwiderte Rusty.
»Vielleicht kriegen wir Valeria nicht mal zu sehen!«, verteidigte ich mich.
»In diesem Fall ist die Wette natürlich abgeblasen«, sagte Slim.
»Es gibt ja noch gar keine Wette!«
»Ich hab’s«, sagte Rusty. »Der Gewinner spuckt dem Verlierer in den Mund.«
Das war sogar Slim zu viel. »Sag mal, hast du einen Hirnschaden oder was?«, fragte sie.
»Weißt du was Besseres?«
»Alles ist besser als das!«
»Wenn das so ist, dann sag was.«
Mit gerunzelter Stirn blickte Slim ein paarmal zwischen Rusty und mir hin und her, bevor sie verkündete: »Der Verlierer kriegt eine Glatze rasiert.«
In dieser Hinsicht hatte Rusty sehr viel mehr zu verlieren als ich. Er war mächtig stolz auf seinen Haarschopf, um den ihn sogar Elvis beneidet hätte.
»Also, ich weiß nicht«, sagte er und rümpfte die Nase.
»Wieso nicht? Du gewinnst doch sowieso«, erinnerte ich ihn.
»Natürlich gewinne ich … aber trotzdem … meine Haare …« Er strich sich über den Kopf. »Ich will nicht rumlaufen wie ein Trottel.«
»Wächst ja nach«, sagte ich.
»Irgendwann«, fügte Slim hinzu.
»Aber von Dwight lasse ich mir keine Glatze rasieren!«
»Das besorge ich«, erklärte Slim.
Als ich das hörte, wollte ich die Wette nicht mehr gewinnen. Ich hoffte, dass Valeria die schönste Frau auf der ganzen Welt war.
»Also?«, fragte Slim. »Was ist?«
»Ich bin dabei«, sagte ich.
Rusty hätte wohl gerne einen Rückzieher gemacht, aber jetzt stand seine Ehre auf dem Spiel. »Okay«, sagte er. »Die Wette gilt.«
3
Auf der unbefestigten Straße hinaus zur Janks-Lichtung gab es normalerweise keinen Wegweiser, aber heute hingen an beiden Seiten der Abzweigung Plakate für die Vampirshow an den Bäumen, und ein auf eine dicke Papptafel gemalter roter Pfeil deutete in den Wald hinein. Über den Pfeil hatte jemand in großen Lettern, aus denen rote Tropfen nach unten liefen, »GROSSE VAMPIRSHOW« geschrieben, und darunter, etwas kleiner, aber in der gleichen Schrift: »MITTERNACHT«.
»Hat wohl ein echter Profi gemalt«, bemerkte Slim.
»Vermutlich haben wir es nicht mit geistigen Überfliegern zu tun«, erwiderte ich.
»WARUM REDET IHR EIGENTLICH SO LEISE?«, tönte Rusty so laut, dass wir beide zusammenzuckten.
Wir wirbelten herum und sahen, wie er uns auslachte.
»Super«, sagte Slim genervt. »Echt super.«
»Du bist unheimlich komisch«, sagte ich.
»IHR SEID DOCH NICHT ETWA NERVÖS, ODER DOCH?«
Slim verzog das Gesicht. »Beruhige dich.«
»WOVOR HABT IHR DENN ANGST?«
Am liebsten hätte ich ihm eine aufs Maul gehauen, aber ich hielt mich zurück. Ich habe es bisher noch nicht erwähnt, glaube ich, aber Rusty war nicht gerade gut in Form. Auch wenn er kein echter Fettsack war, so war er doch ziemlich pummelig und schwach und nicht unbedingt jemand, der bei einem Kampf zurückschlagen konnte. Das könnte einem zunächst als ein Vorteil erscheinen, wenn man jemandem die Fresse polieren will. Aber wenn ich Rusty vermöbelt hätte, dann wäre ich mir irgendwie schäbig vorgekommen, ganz abgesehen davon, dass er nach Slim mein bester Freund war.
Grinsend tönte er weiter: »NA, HAT ES EUCH DIE SPRACHE VERSCHLAGEN?«
Slim zwickte ihn in die Seite.
»AUA!«, schrie er auf und drehte sich weg. »Das hat wehgetan!«
»Sollte es auch«, antwortete Slim. »Und jetzt sei endlich still.«
»Meine Güte!«
»Wir sollten besser leise sein«, erklärte Slim. »Wenn die uns entdecken, geben sie uns einen Tritt in den Hintern, und dann können wir uns diese Valeria ins Haar schmieren.«
»Oder willst du sie jetzt nicht mehr sehen?«, fragte ich Rusty.
»Natürlich will ich. Hey, ich habe doch nur Spaß gemacht.«
»Hoffen wir, dass dich niemand gehört hat«, sagte Slim.
»Bestimmt nicht. Wir sind schließlich noch meilenweit von der Lichtung entfernt.«
»Ein paar hundert Meter höchstens«, sagte ich.
»Und im Wald hört man jedes Geräusch verdammt weit«, fügte Slim an.
»Okay, okay. Ich habe verstanden.«
Weil die ungeteerte Straße viel schmaler als die Landstraße war, konnten wir nicht mehr nebeneinander gehen. Slim übernahm die Führung, und Rusty und ich folgten ihr.
Im Wald war es dunkel. Auch auf dem Feld hatte die Sonne nicht geschienen, weil dicke, graue Wolken am Himmel hingen, aber jetzt, zwischen all den Bäumen, war es noch sehr viel düsterer, und alles sah aus wie an einem Sommerabend kurz nach Sonnenuntergang, wenn man zwar noch recht gut sehen konnte, aber genau wusste, dass es in einer halben Stunde zu dunkel sein würde, um draußen Ball zu spielen.
»Wenn es noch düsterer wird, dann braucht Valeria gar keinen Sarg«, witzelte ich.
»Psst«, zischte Rusty und legte einen Finger über seine Lippen.
Ich zeigte ihm zur Antwort den Stinkefinger.
Er grinste dreckig.
Danach hielt ich den Mund.
Unsere Schritte machten auf dem weichen Waldboden so gut wie keine Geräusche, außer wenn einer von uns auf einen Zweig trat. Rusty atmete ziemlich schwer und murmelte hin und wieder leise etwas vor sich hin.
Slim summte kaum hörbar eine Melodie, die sich harmonisch mit den Geräuschen des Waldes rings um uns herum vermischte, dem Gesang der Vögel, dem Summen von Insekten und dem Huschen und Scharren anderer, unsichtbarer Kreaturen. »Dum da da dum«, sang Slim leise, und Rusty machte keine Anstalten, ihr zu sagen, sie solle still sein, bis er auf einmal zischte: »Stopp!«
Slim blieb stehen.
Als wir zu ihr aufgeschlossen hatten, sagte Rusty mit leiser Stimme: »Ich muss mal pinkeln.«
Slim nickte. »Such dir einen Baum aus«, sagte sie.
Rusty blickte von ihr zu mir. »Aber ihr geht nicht fort, oder?«
»Wir bleiben, wo wir sind«, sagte Slim.
Ich nickte.
»Okay«, sagte Rusty. »Bin gleich wieder da.« Er verschwand zwischen den Bäumen.
»Musst du auch?«, fragte Slim mich.
»Nö.«
»Ich auch nicht.« Sie schürzte die Lippen und blies in die Luft. »Verdammt heiß hier im Wald.«
»Stimmt«, murmelte ich. Ich war schweißgebadet, und meine Klamotten klebten mir am Leib.
Slims kurzes, blondes Haar war so feucht, dass es sich an Stirn und Scheitel kräuselte. Schweiß rann ihr übers Gesicht. An ihrer Nase bildete sich ein dicker Tropfen und fiel hinab auf ihr T-Shirt, das so durchnässt war, dass ich fast hindurchblicken konnte.
»Ich hoffe, diese Vampirin ist die Mühe wert.«
»Das wirst du nie erfahren, denn wir kriegen sie bestimmt nicht zu Gesicht.«
Slim verzog den Mund. »Wenn sie in einem Sarg liegt, dann müssen wir sie irgendwie rausjagen. Wir nehmen doch nicht all das auf uns, um sie dann nicht zu sehen.«
»Ich weiß nicht.«
»Was weißt du nicht?«, fragte sie, während sie ihr T-Shirt auszog. Obwohl sie noch ihr Bikinioberteil trug, kam es mir so vor, als ob sie von der Hüfte aufwärts völlig nackt wäre. Nachdem sie das T-Shirt zusammengedreht hatte, wischte sie sich damit den Schweiß aus dem Gesicht.
Ich wandte mich ab.
»Was weißt du nicht?«, wiederholte Slim.
Einen Augenblick lang wusste ich nicht mehr, worüber wir gesprochen hatten. Dann erinnerte ich mich wieder und sagte: »Valeria wird nicht allein sein, schätze ich mal.«
»Da könntest du recht haben.« Slim ließ das T-Shirt sinken und lächelte mich an. »Sie braucht bestimmt ein paar Sargträger.«
»Genau.«
»Vielleicht hat sie eine ganze Mannschaft dabei«, fuhr Slim fort, während sie sich Brust und Arme trockenrieb.
»Die höchstwahrscheinlich nicht aus unbescholtenen Bürgern besteht.«
Slim lachte leise und beugte sich nach vorn, um sich den Schweiß vom Bauch und den Oberschenkeln zu wischen. Ich nutzte die Gunst der Stunde, um einen Blick auf ihr Bikinioberteil zu werfen. Unter den Rändern des Stoffes kamen die hellen Hügel ihrer Brüste zum Vorschein.
»Wir müssen vorsichtig sein«, sagte ich.
»Stimmt. Wenn die echt verboten aussehen, lassen wir es lieber.«
Wir hörten Schritte, drehten uns um und sahen, wie Rusty auf uns zu kam.
Slim rieb sich weiterhin den Körper mit dem zusammengedrehten T-Shirt ab. Mir wäre es lieber gewesen, sie hätte es wieder angezogen, aber ich sagte nichts.
»Ich bin fertig«, sagte Rusty und musterte Slim mit fragenden Blicken. »Was ist denn hier los?«
»Nichts«, antwortete Slim. »Wir warten auf dich, das ist alles.«
»Und wir haben gerade besprochen, dass wir wirklich vorsichtig sein müssen«, erklärte ich. »Valeria hat bestimmt …«
»Sargwächter«, ergänzte Slim.
Rusty nickte lächelnd.
»Niemand kann sagen, wie viele Leute zu der Vampirshow gehören«, meinte ich.
»Seltsame Burrrrschen …«, sagte Slim und rollte dabei das R wie ein Darsteller in einem Piratenfilm.
»Bestimmt«, sagte Rusty. »Wer mit einer Vampirshow unterwegs ist, muss ja ein bisschen seltsam sein.«
»Und vielleicht auch gewalttätig«, sagte ich.
Rusty verzog das Gesicht. »Ihr habt doch nicht etwa die Hosen voll, oder?«, fragte er und fügte, noch bevor wir antworten konnten, hinzu: »Also ich gehe auf jedem Fall.«
»Das heißt ›auf jeden Fall‹, du Idiot«, sagte Slim.
»Kann man beides sagen.«
Slim, die nicht gerne herumdiskutierte, schenkte ihm ein seltsames Lächeln und zog ihr T-Shirt an. »Kommt, gehen wir weiter.«
Danach sagten wir eine Weile nichts mehr. Es war nicht mehr weit bis zur Janks-Lichtung, und wir wurden langsam alle ein bisschen nervös.
Die Janks-Lichtung konnte einen auch ohne Vampirshow ganz schön nervös machen.
Das fängt schon damit an, dass dort so gut wie nichts wächst. Die Lichtung ist nichts weiter als ein großer Fleck kahlen Bodens mitten im dichten, grünen Wald, aber niemand hält die Fläche absichtlich frei. Auf der Janks-Lichtung wächst kein Baum, kein Moos und kein Gras. So war das seit Menschengedenken.
Manche behaupten, der Erdboden dort sei vergiftet, aber das glaube ich nicht, denn dafür krabbeln viel zu viele Viecher auf der Lichtung herum: Ameisen, Spinnen, Schlangen und so weiter.
Andere sind der Überzeugung, es seien Außerirdische dort gelandet (klar, dass dann nichts mehr wächst), und wieder andere sagen, die Lichtung sei verflucht, was ich persönlich nach allem, was dort geschehen ist, noch für die wahrscheinlichste Möglichkeit halte.
 
Der Name der Janks-Lichtung geht nämlich nicht etwa auf einen früheren Besitzer zurück, sondern darauf, dass ein gewisser Tommy Janks dort 1954 ziemlich schreckliche Dinge getan hat.
Ich war damals noch ziemlich klein und habe nicht viel erzählt bekommen, aber ich erinnere mich noch gut an jenen Sommer. Mein Dad, der damals schon Polizeichef war, hatte viel zu tun und war nur selten daheim, und meine Mom, die sonst immer gut gelaunt ist, war auf eine ganz seltsame Weise nervös. Immer wieder redeten die Leute in der Stadt über verschwundene Mädchen, und eines Tages rannten die Erwachsenen alle mit schreckensbleichen Gesichtern herum und sagten in einem fort: »So ein Ungeheuer …« und »Großer Gott …« und »Ich habe doch schon immer gesagt, dass mit dem etwas nicht stimmt.«
Später erfuhr ich, dass eine Gruppe von Pfadfindern Tommy Janks auf der Lichtung erwischt hatte, wie er an einem Lagerfeuer das Herz eines der verschwundenen Mädchen briet. Weil er taubstumm war, hatte er sie nicht kommen gehört.
Für die Kinder war es natürlich schrecklich, so etwas mit ansehen zu müssen, andererseits aber wurden sie über Nacht zu Helden. Dafür hassten wir sie, aber irgendwie beneideten wir sie auch. Nicht, weil sie Tommy Janks gefasst hatten (das hatte mein Vater besorgt), sondern weil sie gesehen hatten, wie er das Herz über dem Feuer geröstet hatte. Nur aus diesem Grund waren die Pfadfinder damals zu lebenden Legenden geworden.
Einer von ihnen hat Jahre später Selbstmord begangen, und ein anderer …
Aber das ist eine andere Geschichte. Ich bleibe lieber bei dieser hier.
Nachdem er Tommy Janks festgenommen hatte, war mein Dad mit ein paar Leuten hinaus zur Lichtung gefahren und hatte dort nach und nach siebenundzwanzig Leichen ausgegraben. Sechs davon waren die der Mädchen, die den Sommer über verschwunden waren, die anderen hatten schon länger dort gelegen, manche von ihnen fünf, manche zwanzig oder dreißig Jahre. Ich habe sogar gehört, dass einige der Toten über hundert Jahre in der Erde gelegen haben sollen.
Trotzdem war die Lichtung offenbar nie ein Friedhof gewesen, denn niemand hatte dort einen Grabstein oder die Überreste eines Sarges gefunden. Nur Leichen, manche davon zerstückelt, die man einfach in Erdlöchern verscharrt hatte.
Tommy Janks wurde zum Tode verurteilt und verbrutzelte auf dem elektrischen Stuhl.
Die Lichtung bekam seinen Namen.
4
Damals, als die Pfadfinder Tommy Janks mit dem Mädchenherz am Spieß erwischt hatten, hatte es noch keine Straße hinaus zu der Lichtung gegeben. Mein Dad hatte sich mit seinem Geländewagen einen Weg durch den Wald suchen müssen, aber bis man all die Leichen und Knochen fortgeschafft und alle Untersuchungen abgeschlossen hatte, war aus den Reifenspuren eine befahrbare Trasse geworden, auf der seitdem andauernd Leute zur Janks-Lichtung fuhren.
Zuerst kamen sie, um die Fundorte der Leichen anzugaffen, aber dann haben die Teenager von Grandville und anderen Orten in der Nähe gemerkt, dass die Lichtung der perfekte Ort zum Knutschen war. Falls man sich traute, nachts dort hinzufahren.
Ziemlich bald fummelten sie dort nicht nur im Auto herum, sondern soffen sich die Hucke voll, prügelten sich und feierten wilde Sexpartys – so jedenfalls hörten wir es immer wieder.
Was man ebenfalls hörte, waren Gerüchte, dass sich Hexen und Teufelsanbeter auf der Janks-Lichtung trafen, um dort schwarze Messen zu feiern. Nackte Orgien mit grausamen Opferritualen und so.
Manchmal fand ich die Vorstellung, dass sie da draußen Menschenopfer brachten, ziemlich aufregend. Ich malte mir große Feuer aus, vor denen schöne nackte Mädchen schweißglänzend wild zu Trommelklängen tanzten, irgendwelche Beschwörungen sangen und mit langen Messern herumfuchtelten. Und mittendrin eine schöne, nackte Jungfrau, die, an einen Altar gefesselt, voller Angst darauf wartete, als Blutopfer für die Mächte der Finsternis aufgeschlitzt zu werden.
Die Vorstellung fand ich ziemlich erregend.
Rusty fand das auch.
Wir redeten über solche Sachen immer ganz leise und aufgeregt, aber nie, wenn Slim dabei war. Das hätte ich vor Slim gar nicht gekonnt. Weil sie ja selbst ein Mädchen war, dachten wir, dass sie nicht mehr mit uns zusammen sein wollte, wenn sie mitbekam, was wir uns so ausdachten.
Immer, wenn ich mir die Hexenorgien auf der Janks-Lichtung ausmalte, sah ich Slim als die gefesselte Jungfrau. (Das verschwieg ich sogar Rusty.) Sie wurde aber nie wirklich geopfert, weil ich in letzter Sekunde ihre Fesseln durchschnitt und sie rettete.
Ich weiß nicht, ob damals wirklich junge Frauen auf der Janks-Lichtung geopfert wurden, aber es war sexy, romantisch und aufregend, es sich vorzustellen, während wir die Tieropfer, die es dort offenbar wirklich gegeben hatte, nur abstoßend und widerlich fanden.
Alle fanden die Tieropfer abstoßend und widerlich. In der Stadt verschwanden immer wieder Haustiere, und niemand wollte auf den Überresten von Rex und Miezi herumknutschen. Ganz abgesehen davon, dass das alles andere als erotisch war, warf es die bange Frage auf, ob man nicht auch selbst so enden würde.
Es musste etwas geschehen mit der Janks-Lichtung, und weil sie außerhalb der Stadtgrenzen von Grandville lag, musste sich die Verwaltung des County darum kümmern, die nach längerem Hin und Her einen Maschendrahtzaun um das Feld errichtete.
Der Zaun blieb etwa eine Woche lang intakt.
Als das seltsame Treiben auf der Janks-Lichtung wieder einsetzte, wandte sich ein besorgter Bürger namens Fargus Durge an den Rat des County. »Man veranstaltet keine Orgien und heidnische Opferrituale auf der Hauptstraße von Grandville oder Brixton oder Clarksburg, stimmt’s?«, fragte er. Da stimmten ihm alle zu. »Und was ist der Unterschied zwischen einer Hauptstraße und der Janks-Lichtung? Die Hauptstraße ist mitten in der Stadt, und die Janks-Lichtung ist weit draußen im Nirgendwo. Völlig abgelegen! Nur deshalb ist sie so ein Magnet für missratene Teenager, Freaks, Perverse, Satanisten und Triebtäter aus dem ganzen Umland.«
Und was war Fargus Durges Lösung?
Er meinte, die Janks-Lichtung sollte besser erreichbar sein, dann könnte man dort alle möglichen Veranstaltungen abhalten.
Das County machte genügend Geld frei, um die Fahrspuren zu einer unbefestigten Straße auszuwalzen und eine Stromleitung hinaus auf die Lichtung zu legen. Dann stellte sie noch ein paar Flutlichtmasten auf, damit dort auch Nachtveranstaltungen möglich waren und überließ es Fargus Durge, ein Stadion mit ein paar nicht überdachten Zuschauertribünen zu errichten.
Es wurde ein ziemlich kleines Stadion.
In einer milden Juninacht vor gut zwei Jahren wurde es eingeweiht und war seither der Öffentlichkeit zugänglich, außer bei besonderen Veranstaltungen. Jeden Abend schaltete eine Zeitschaltuhr das Flutlicht ein, das dann bis zum Morgen brannte, um lichtscheues Gesindel von der Lichtung fernzuhalten.
Im ersten Sommer hielt Fargus Durge jeden Freitagund Samstagabend eine Veranstaltung auf der Janks-Lichtung ab, aber weil das Stadion so klein war, konnte man keine Basketballspiele oder Rock-Konzerte dort veranstalten, was die Einsatzmöglichkeiten natürlich ziemlich einschränkte.
So kam es, dass Durges Veranstaltungen nicht gerade Knaller waren: Tischtennisturniere, Dichterlesungen, sowie Auftritte von Männergesangsquartetten, Jongleuren oder Klaviersolisten. Einmal hatte er auch einen alten Knacker da, der das Publikum mit irgendwelchen schlechten Kartentricks langweilte.
Obwohl die Veranstaltungen keinen Eintritt kosteten, kam so gut wie niemand, was aus einem anderen Blickwinkel betrachtet auch sein Gutes hatte.
Fargus Durges großartiger Stadionplan hatte nämlich keinen Parkplatz vorgesehen, und das war an einem Ort, zu dem praktisch jedermann mit dem Auto fuhr, ein ziemliches Manko. So parkten die Besucher kreuz und quer auf der Lichtung und im Wald, was bei den zwanzig bis dreißig Zuschauern, die Durges Veranstaltungen höchstens anlockten, nicht so schlimm war.
Erst als Fargus an einem Abend im Spätsommer einen Boxkampf veranstaltete und dafür fünf Dollar Eintritt verlangte, kamen plötzlich zweihundert Leute, und im Nu war die Lichtung dermaßen zugeparkt, dass die Leute über die Autos klettern mussten, um ins Stadion zu kommen.
Die Zuschauer fanden den Boxkampf trotzdem große Klasse, aber danach brach das absolute Chaos aus. Mein Dad, der sich damals als Ordner ein kleines Zubrot verdient hatte, erzählte mir, dass sich beim Wegfahren die Autos dermaßen ineinander verkeilten, dass manche Fahrer komplett durchdrehten und der Abend in einer wüsten Prügelei endete.
Als alles vorbei war, saßen neunzehn Menschen in Untersuchungshaft, zwölf lagen im Krankenhaus (darunter acht Frauen, die in dem Durcheinander vergewaltigt worden waren – einige von ihnen sogar mehrfach) und vier waren tot: Ein Mann starb am Herzinfarkt, zwei an Messerstichen, und ein sechs Monate altes Baby, das seiner Mutter im Gewühl heruntergefallen war, war mit dem Kopf unter einen VW-Käfer geraten.
Danach gab es auf der Janks-Lichtung weder Boxkämpfe noch irgendwelche sonstigen Veranstaltungen, und seien sie auch noch so langweilig.
Fargus Durge machte sich noch in der Nacht des Boxkampfs aus dem Staub, und die Leute nannten das Stadion fortan nur noch »Fargus’ Irrsinn«.
 
Auch wenn es keine Vorführungen mehr gab, so flammte doch weiterhin jeden Abend das Flutlicht auf, um Liebespaare abzuschrecken und den Satanisten die Lust an schwarzen Messen zu nehmen.
Seit jener blutigen Nacht vor zwei Jahren war die Vampirshow die erste offizielle Veranstaltung, die in dem seither verwaisten Stadion stattfand.
Jetzt, als Slim, Rusty und ich weiter durch den Wald gingen, fragte ich mich, ob die Show auch wirklich offiziell zugelassen war. Hatte Fargus Durge etwa einen Nachfolger bekommen, der diese bizarre Vorführung gebucht hatte?
Eher unwahrscheinlich.
Soweit ich wusste, hatte die Verwaltung des County die Janks-Lichtung aufgegeben. Die Elektrizitätsrechnungen wurden zwar noch bezahlt, aber ansonsten wollte man mit dem Schauplatz des Desasters nichts mehr zu tun haben. Dass sie jetzt ausgerechnet eine Vampirshow dort erlauben sollte, kam mir doch ziemlich unwahrscheinlich vor.
Außer man hatte jemanden geschmiert.
Mein Vater sagte, dass viele Schausteller nur so ihre Auftritte bekamen. Sie steckten den richtigen Leuten Geld zu, und schon hatten sie ihre Genehmigung. Vermutlich bildete die Vampirshow da keine Ausnahme.
Es war aber natürlich auch möglich, dass sich die Vampirleute nicht um Genehmigungen scherten und ihre Veranstaltung einfach so abhielten.
Ich glaube, ich muss wohl aufgestöhnt haben, denn Slim fragte mich mit leiser Stimme: »Ist was?«
»Nichts«, antwortete ich. »Ich frage mich bloß, was eine Vampirshow auf der Janks-Lichtung verloren hat.«
»Was geht dich das an?«, fragte Rusty verwundert.
»Ich fand’s nur seltsam.«
»Die Lichtung ist doch der ideale Ort für eine Vampirshow«, sagte Slim.
»Genau«, stimmte Rusty ihr zu.
»Aber woher wissen die überhaupt, dass es die Lichtung gibt?«
Rusty grinste. »Vielleicht war Valeria ja vorher schon mal da. Weißt du, was ich meine?« Er kicherte. »Vielleicht hat sie dort schon mal eine Riesen-Saugerei veranstaltet. Gut möglich, dass sie für ein paar der Leichen verantwortlich ist.«
»Und jetzt kommt sie aus lauter Sentimentalität wieder an den Ort des Geschehens zurück«, fügte Slim hinzu. »Aber findet ihr es nicht merkwürdig, dass jemand aus Zufall auf einen Ort wie die Janks-Lichtung kommt?«, beharrte ich.
»Warum nicht?« Rusty lachte. »Man kann doch auch zufällig in ein Schlangennest treten.«
»Ich mein’s ernst«, sagte ich.
»Vielleicht haben sie so was wie ein Vorauskommando«, sagte Slim. »Jemand, der die Gegend sondiert und sich ein wenig umhört. Dem bräuchte nur jemand etwas von der Lichtung erzählt zu haben, und schon hätten sie ihren Veranstaltungsort.«
»Ich finde es trotzdem seltsam.«
»Eben!«, sagte Slim. »Seltsam ist genau das, was eine Vampirshow braucht.«
»Wahrscheinlich.«
»Hauptsache, sie sind da«, sagte Rusty.
Aber sie waren nicht da.
Oder zumindest sahen wir sie nicht, als wir kurz darauf den Waldrand erreichten und hinaus auf die Lichtung sahen.
Vor uns standen die Imbissbude und die Tribünen, über denen die Flutlichtmasten in den grauen, regenschwangeren Himmel ragten.
Wir sahen keine Autos.
Wir sahen keine Menschen.
Wir sahen keine Vampire.
5
Wir traten hinaus auf die Lichtung.
»Ich schätze mal, wir sind vor ihnen da«, sagte Slim mit gedämpfter Stimme.
»Sieht ganz so aus«, sagte Rusty. Auch er sprach jetzt so leise, als ginge er mitten in der Nacht über einen Friedhof. Er blickte auf seine Uhr. »Es ist aber auch erst halb elf.«
»Trotzdem müssten sie längst da sein«, meinte ich. »Die müssen doch die Vorstellung vorbereiten, oder etwa nicht?«
»Wer weiß?«, gab Rusty zurück.
»Woher wollt ihr überhaupt wissen, dass niemand hier ist?«, fragte Slim, die dabei aber ein Gesicht machte, als meinte sie das nicht ganz ernst.
»Weil man niemanden sieht«, erwiderte Rusty.
»Vielleicht sollten wir verschwinden«, sagte ich.
Sie sahen mich an, und ich wusste sofort, dass für sie das Wort »verschwinden« hier eine doppelte Bedeutung hatte. Normalerweise hätten sie darüber ihre Witze gerissen, aber jetzt waren sie still.
»Wenn was passiert«, sagte Slim, »bleiben wir zusammen.«
Rusty und ich nickten.
In unheilvoller Erwartung gingen wir langsam in die Lichtung hinein. Auf der Janks-Lichtung erwartete man eigentlich ständig, dass etwas passierte, auch wenn man nie wusste, was es genau sein und aus welcher Richtung es kommen würde.
Man wusste, welche schlimmen Sachen hier geschehen waren und nach wie vor geschahen. Jedes Mal, wenn ich mit Rusty oder Slim auf der Janks-Lichtung war, ist uns etwas zugestoßen. Wir hatten uns zu Tode erschrocken, hatten Unfälle gehabt und waren von allen möglichen Lebensformen – menschlich und tierisch – verprügelt, gebissen, gestochen und gejagt worden.
Auf der Janks-Lichtung war das eben so.
Aus diesem Grund waren wir auf alles gefasst. Wir hätten nur gern gewusst, woher der Ärger kommen würde, aber weil das unmöglich war, versuchten wir, unsere Augen überall zu haben: auf den Tribünen direkt vor uns, auf der Straße hinter uns, auf den düsteren Waldrändern rings um die Lichtung und auf dem grauen, staubigen Boden.
Den Boden behielten wir ganz besonders im Auge. Nicht, weil man darin so viele Tote gefunden hatte, sondern wegen der Gefahren, die dort lauerten. Obwohl er ziemlich eben aussah, gab es im Boden der Janks-Lichtung tückische Löcher, von Glasscherben und scharfkantigen Steinen ganz zu schweigen.
Die Steine waren besonders gefährlich. Viele von ihnen ragten wie Eisberge nur ein winziges Stück aus dem Boden hervor, aber dieses Stück hatte es in sich. Blieb man daran hängen, bewegte sich der tief im Boden eingebettete Stein keinen Millimeter, und man selbst fiel hin.
Auf der Janks-Lichtung zu Boden zu gehen ist nicht ratsam, denn wenn man danach wieder aufsteht, ist man meistens in keiner besonders guten Verfassung mehr.
Selbst wenn man Glück hat und ohne einen Spinnen- oder Schlangenbiss davonkommt, landet man garantiert auf weiteren spitzen Steinen oder messerscharfen Glasscherben, die von ausgedehnten Saufgelagen, wilden Partys, intimen Stelldicheins, alkoholisierten Orgien, schwarzen Messen oder weiß der Himmel welchen sonstigen Exzessen übrig geblieben waren. Wenn die Sonne schien, konnte man auf der Lichtung vom Geglitzer der Scherben fast blind werden, aber an grauen Tagen wie diesem waren sie nur schwer zu erkennen.
Jeder, der hierherkam, hatte Angst davor, hinzufallen, und trotzdem ließ es sich nur schwer vermeiden. Wenn man nicht über einen aus der Erde ragenden Stein stolperte, kam man womöglich ins Straucheln, weil man in eines der zahlreichen Löcher trat. Es gab dort Maulwurfslöcher, Spinnenlöcher, Schlangenlöcher, große, längliche Löcher, die früher wohl einmal Gräber waren und sogar frisch ausgehobene Löcher. Obwohl man 1954 angeblich sämtliche Leichen entfernt hatte, gruben immer wieder irgendwelche Leute auf der Janks-Lichtung herum. Gott allein weiß, weshalb. Tatsache ist jedenfalls, dass wir jedes Mal, wenn wir herkamen, ein neu gebuddeltes Loch fanden.
Nicht zuletzt deshalb gaben wir immer acht, wo wir hintraten.
Außer dem Boden musste man aber auch die nähere Umgebung im Auge behalten, wenn man nicht wollte, dass sich jemand auf einen stürzte. Auch das war uns schon mehrmals auf der Janks-Lichtung passiert, und nun waren wir auf der Hut.
So kam es, dass wir, während wir auf das Stadion zu gingen, uns ständig in alle Richtungen umblickten, und meistens einer von uns rückwärts ging, um sicherzustellen, dass uns niemand verfolgte.
Irgendwie machte uns das nervös.
Und wir wurden noch viel nervöser, als Slim mit dem Kinn nach links deutete und sagte: »Da kommt ein Hund.«
Rusty und ich wirbelten herum.
»Mist«, sagte Rusty.
Das war keine Lassie, kein Rin Tin Tin und auch kein Waldi oder Bello, sondern ein kniehoher, knochendürrer Köter mit gelblichem Fell, der mit gesenktem Kopf und eingezogenem Schwanz auf uns zu schlich.
»Der sieht nicht gerade freundlich aus«, sagte ich.
Rusty sagte noch einmal: »Mist.«
»Kein Halsband«, bemerkte ich.
»Was du nicht sagst«, erwiderte Rusty voller Sarkasmus.
»Du kannst mich mal«, gab ich zurück.
»Zumindest hat er keinen Schaum vorm Maul«, sagte Slim, die allem eine positive Seite abgewinnen konnte.
»Was machen wir jetzt?«, fragte ich.
»Nichts. Wir ignorieren den Hund einfach und gehen weiter«, sagte Slim. »Vielleicht läuft er ja nur herum und genießt die Natur.«
»Leck mich am Arsch«, sagte Rusty.
»Sag das nicht zu laut, sonst glaubt der Hund, er ist gemeint«, flachste ich.
»Ha, ha«, sagte Rusty ohne eine Spur von Amüsement.
Wir fingen an, ein wenig schneller zu gehen, wussten aber, dass wir nicht rennen durften. Obwohl wir versuchten, den Hund nicht anzusehen, warfen wir alle ihm verstohlene Blicke zu. Er schlich immer näher an uns heran.
»Mann, das ist echt nicht gut«, sagte Rusty.
Wir waren jetzt nicht mehr weit vom Stadion entfernt. Wenn wir losrannten, konnten wir es vielleicht vor dem Hund erreichen. Aber an dem Stadion gab es keinen Zaun oder eine andere Barriere, die uns Schutz vor einem wild gewordenen Köter bieten konnte.
Mir fiel bloß ein, auf einen der Flutlichtmasten zu klettern, aber der nächste war mindestens fünfzehn Meter weit entfernt.
Viel näher war der Imbissstand, über dem noch immer ein großes Schild BIER-SNACKS-SOUVENIRS anpries, obwohl er seit der Unglücksnacht geschlossen war.
In den Stand hinein konnten wir nicht, das hatten wir früher schon des Öfteren versucht, aber sein Flachdach lag gut drei Meter über dem Erdboden. Wenn wir es bis dort hinauf schafften, waren wir vor dem Hund in Sicherheit.
»Was haltet ihr von einer kleinen Kletterpartie?«, fragte Slim, die offenbar dasselbe gedacht hatte wie ich.
»Auf den Imbissstand?«, fragte ich.
»Ja.«
»Und wie?«, fragte Rusty.
Slim und ich sahen uns an. Wir hätten es ohne Probleme geschafft, an einer Wand des Schuppens hinaufzuklettern, denn wir waren ziemlich schnell, beweglich und stark.
Im Gegensatz zu Rusty.
»Fällt dir was ein?«, fragte ich Slim.
Sie zuckte mit den Achseln.
Auf einmal rannte der Hund los, überholte uns und blieb mit gesenktem Kopf vor uns stehen. Laut knurrend fletschte er die Zähne, wobei ihm der Speichel in langen Fäden aus den Lefzen lief. Sein linkes, stark hervorgequollenes Auge funkelte böse, und da, wo eigentlich sein rechtes Auge hätte sein sollen, war nur ein schwarzes Loch.
»Mist«, murmelte Rusty. »Jetzt sitzen wir echt in der Scheiße.«
»Bleib schön ruhig«, sagte Slim, deren Stimme erstaunlich gelassen klang. Ich konnte nicht sagen, ob sie damit Rusty oder den Hund meinte. Oder alle beide.
»Der reißt uns in Stücke«, winselte Rusty.
Slim sah ihn tadelnd an und fragte: »Hast du irgendwas, womit wir ihn füttern können?«
»Was, zum Beispiel?«
»Irgendwas zu essen.«
Rusty schüttelte langsam den Kopf. Ein Schweißtropfen löste sich von seiner Nase.
»Gar nichts?«, fragte Slim.
»Nun komm schon«, sagte ich zu Rusty. »Du hast doch immer was zu essen dabei.«
»Jetzt nicht.«
»Bist du sicher?«, fragte Slim.
»Ich hab’s gerade im Wald gegessen.«
»Was denn?«
»Ein Snickers.«
»Du hast ein Snickers im Wald gegessen?«
»Ja.«
»Und wieso haben wir das nicht mitbekommen?«
»Weil ich’s beim Pinkeln gegessen habe.«
»Na toll«, murmelte Slim.
»Ich hatte nur eines, und da hab ich gedacht …«
»Du hättest wenigstens die Hälfte davon aufheben können«, sagte Slim. »Für den Hund von Baskerville …«
»Woher sollte ich denn wissen, dass …«
Der Hund ließ ein fieses, gurgelndes Knurren hören, das sich anhörte, als wäre seine Kehle voller Schleim.
»Hast du was dabei, Dwight?«, fragte Slim.
»Nö.«
»Ich auch nicht.«
»Was machen wir jetzt bloß?«, fragte Rusty mit Panik in der Stimme. »Mann, wenn der uns beißt, kriegen wir eine Tollwutspritze. Da stechen sie dir so eine gemein dicke Nadel in den Bauch und …«
Slim ging in die Hocke und streckte dem Hund ihre leeren Hände hin. Das Tier legte die Ohren an und starrte sie sabbernd und knurrend an.
»Weißt du denn, was du da tust?«, fragte ich Slim.
Anstatt mir eine Antwort zu geben, begann sie in leisem Singsang auf den Hund einzureden. »Hallo, Hundchen. Bist du ein braves Hundchen? Na, hast du Hunger? Suchst du was zu fressen? Wir würden dir ja gerne etwas geben, aber wir haben leider selber nichts.«
»Pass auf, sonst beißt er dir noch die Hände ab«, warnte Rusty.
»Nein, tut er nicht. Er ist ein guter Hund. Du bist doch ein gutes Hundchen, oder?«
Der Hund duckte sich noch weiter und hörte nicht auf, die Zähne zu fletschen.
Ich ließ den Blick über den Boden rings um uns schweifen und fand nichts, womit man den Hund hätte verjagen können. Nur Steine, Zigarettenstummel, welke Blätter, die der Wind aus dem Wald hergeweht haben musste, eine zerknitterte, schmutzige Packung Lucky Strikes, ein paar platt getretene Bierdosen, eine einzelne Socke und eine tote Schlange, auf der unzählige Ameisen herumkrabbelten.
Slim, die immer noch mit ausgestreckten Händen in der Hocke saß, sagte im selben ruhigen Singsang wie vorher: »Du bist ein braves Hundchen, nicht wahr? Warum klettert ihr nicht einfach mal auf den netten Imbissstand, Jungs? Ja, so ist’s ein liebes, nettes Hundchen. Vielleicht könnte der liebe, nette Dwight ja dem lieben, netten Rusty ein bisschen helfen, und dann wartet ihr auf dem Dach des hübschen kleinen Stands auf die liebe, nette Slim? Na, ist das eine gute Idee, mein Hundchen? Jaaa, das ist eine gute Idee.«
Rusty und ich schauten uns an.
Wahrscheinlich dachten wir beide das Gleiche.
Wir können doch nicht einfach abhauen und Slim mit dem Hund allein lassen. Aber sie will, dass wir das tun, dachte ich. Und wenn sie was sagt, dann meint sie das auch. Und sie hat mehr Grips als wir beide zusammen, deshalb hat sie wahrscheinlich auch einen Plan, wie sie mit dem Vieh fertig wird.
Ich brachte noch so viel Widerspruchsgeist auf, um Slim zu fragen: »Bist du sicher?«
»Was meinst du, Hundchen?«, antwortete sie in ihrem Singsang. »Bin ich mir sicher? Und du, bist du dir sicher? Du bist so ein lieber, guter Hund. Aber es wäre auch total lieb von euch gehirnamputierten Pennern, wenn ihr jetzt das tun würdet, was ich euch sage. Ob die mich wohl verstanden haben, Hundchen?«
Rusty und ich begannen, uns langsam nach rückwärts und zur Seite zu bewegen.
Der Hund nahm sein eines Auge von Slim und blickte von mir zu Rusty und wieder zurück. Sein lauter und drohender werdendes Knurren sollte uns wohl signalisieren, dass wir stehen bleiben sollten, aber das taten wir nicht. Unser Vorteil war, dass er mit seinem einen Auge uns nicht beide gleichzeitig beobachten konnte.
Ohne auf Slim zu achten, die sich immer noch direkt vor ihm befand, bewegte der Hund den Kopf ruckartig von einer Seite zur anderen wie ein Zuschauer bei einem Tennisspiel. Sein Knurren klang jetzt nicht mehr bloß drohend, sondern wütend und war so laut, dass es Slims ruhige Stimme übertönte.
Slim griff nach unten, packte ihr T-Shirt und zog es sich über den Kopf.
Der Hund richtete sein eines Auge wieder auf sie.
»Lauft los, Jungs!«, schrie sie.
Rusty und ich rannten zu dem Imbissstand. Während ich mich mit dem Rücken gegen die Vorderwand lehnte, in die Knie ging und mit den Händen eine Räuberleiter für Rusty formte, sah ich, wie Slim mit dem Hund ein Tauziehen veranstaltete, wobei ihr T-Shirt das Tau war.
Rusty stellte einen Fuß in meine Hände und stieß sich nach oben, was ich unterstützte, indem ich ihm mit den Händen einen kräftigen Schub gab. Mit diesem Schwung schaffte er es nach oben, und obwohl ich befürchtete, dass er gleich wieder herunterfallen würde, schaute ich ihm nicht nach, sondern behielt Slim und den Hund im Auge.
Der Hund hatte sein Ende des T-Shirts fest zwischen den Zähnen und knurrte wie wahnsinnig, während er den Kopf hin und her schleuderte und sich mit allen vier Pfoten in den Staub stemmte.
Slim stand mit weit gespreizten Beinen und leicht angewinkelten Knien vor ihm und verlagerte all ihr Gewicht nach hinten, um dem Zerren des wütenden Tieres standhalten zu können. Mit ihrer glänzenden, schweißnassen Haut und ihrem knappen weißen Bikinioberteil sah sie aus wie beim Wasserskilaufen auf dem Fluss. Nur gab es da einen entscheidenden Unterschied: Wenn sie hier stürzte, fiel sie nicht ins angenehm kühle Wasser, sondern auf den harten, mit Scherben übersäten Boden, wo der Hund innerhalb von Sekundenbruchteilen über sie herfallen würde.
»Komm rauf!«, rief Rusty mir vom Dach des Imbissstands aus zu.
Slims Arme und Schultern zuckten im Rhythmus des zerrenden Hundes.
Als sie bemerkte, dass ich sie beobachtete, schrie sie mich an: »Kletter endlich aufs Dach!«
Genau in diesem Augenblick ließ der Hund los.
Slim taumelte japsend rückwärts und ruderte wie wild mit den Armen, wobei das T-Shirt durch die Luft flatterte. Dann fiel sie hin.
Und der Hund stürzte sich auf sie.
Ich brüllte wie ein Irrer und rannte los. Slim lag auf dem Rücken, und der Hund stand über ihr und bohrte seine Hinterpfoten in ihre Hüften, während er versuchte, mit seinen Zähnen und den Krallen der Vorderpfoten ihren Oberkörper zu zerfetzen. Slim keuchte und stöhnte und griff nach den Pfoten, um sie von ihrem Hals und ihrem Gesicht fernzuhalten.
Ich packte den Hund am Schwanz und zog so fest ich konnte. Eigentlich wollte ich nur den Hund von Slim wegziehen, damit sie zum Imbissstand laufen konnte, aber dann drehte ich durch.
Als ich den Hund von ihr herunterriss, sah ich die Kratzer an ihrem Körper. Und ihr Blut. Vielleicht war das der Auslöser.
Ich hielt den Schwanz des Hundes in beiden Händen und drehte mich immer schneller um die eigene Achse. Zuerst versuchte der Hund noch, nach mir zu schnappen, aber dann hörte er damit auf und jaulte jämmerlich, während ich ihn immer schneller und schneller im Kreis herumwirbelte.
Slim rappelte sich auf. Im Drehen sah ich sie nur in bestimmten Intervallen und nur für ganz kurze Zeit.
Sie war da, fort, da, fort …
Dann sah ich, wie sie zum Imbissstand rannte, sah wie sie hochsprang, wie Rusty sie an einem Arm nach oben zog. Noch eine Drehung und ich sah den ausgebleichten Boden ihrer abgeschnittenen Jeans. Beim nächsten Mal sah ich, wie sie neben Rusty auf dem Dach stand.
Ich hörte nicht auf mich zu drehen und blickte dabei immer wieder zu Slim und Rusty hinauf, die verblüfft und besorgt zu mir herabstarrten.
Inzwischen war mir furchtbar schwindlig, und meine Arme taten mir weh. Ich wusste, dass ich bald aufhören musste und bewegte mich auf den Imbisstand zu, um den Hund gegen die Wand zu schleudern.
»Nicht hierher!«, schrie Rusty.
»Lass einfach los!«, rief Slim.
Das tat ich dann auch.
Als der Hund einmal nicht auf den Imbissstand zeigte, ließ ich seinen Schwanz los. Ohne ihn als Gegengewicht geriet ich ins Taumeln und hatte große Mühe, mich auf den Füßen zu halten.
So sah ich zunächst nicht, wo der Hund hinflog, aber ich hörte, wie sein Jaulen auf einmal ein, zwei Oktaven höher klang.
Und dann, noch immer unkontrolliert herumtorkelnd, sah ich ihn. Mit angelegten Ohren und wild herumstrampelnden Beinen flog er mit dem Kopf voraus durch die Luft, bis er ein ganzes Stück weiter weg auf den Boden knallte und das Gejaule in ein gepeinigtes Winseln überging, während er in einer Wolke aufgewirbelten Staubs verschwand.
»Dwight, bist du okay?«, hörte ich Slims Stimme von hinten sagen.
Und Rusty sagte: »Du hast sie wohl nicht mehr alle.«
Und dann raste, grollend wie ein aufs Äußerste gereizter Grizzlybär, der Hund in einer wirbelnden Staubwolke auf mich zu.
»Mist!«, rief Rusty.
»Renn los!«, schrie Slim.
Ich brüllte etwas Unverständliches und rannte panisch hinüber zum Imbissstand.
6
Ich sprang hoch und hielt mich an der Kante des Daches fest. Rusty und Slim packten meine Handgelenke und zogen mich so schnell hoch, dass ich mich einen Moment lang richtiggehend schwerelos fühlte. Einen Augenblick später knallte der Hund gehen die Wand der Bude.
Ich legte mich auf die Dachpappe und schnappte nach Luft. Mein Herz klopfte wie wild.
Während ich versuchte, zu Atem zu kommen, saß Slim im Schneidersitz neben mir, legte mir eine Hand auf die Brust und sagte »wow« und »du hast mir das Leben gerettet« und »du bist ja ein richtiger Kämpfer« und so weiter, was mir ziemlich gut gefiel.
Währenddessen beugte sich Rusty an der Dachkante über das große Holzschild mit der Aufschrift »Bier – Snacks – Souvenirs« und behielt den Hund im Auge. »Er ist immer noch da«, sagte er und »er ist nicht mal verletzt« und »Scheiße, wir kommen hier nie wieder runter.« Und so weiter.
Nach ein paar Minuten setzte ich mich auf und musterte Slim. Sie hatte Kratzer im Gesicht, auf den Schultern, Armen und Handrücken. Sogar auf ihrer rechten Brust, ganz nahe am Saum des Bikini-Oberteils, waren ein paar Abschürfungen, die aber nicht bluteten.
»Der hat dich ganz schön erwischt«, sagte ich.
»Zum Glück hat er mich nicht gebissen. Das verdanke ich dir.«
Rusty drehte sich zu uns um. »Du wirst trotzdem um eine Tollwutspritze nicht herumkommen.« Es klang fast so, als ob ihm die Vorstellung gefiel.
»Scheiß drauf«, sagte Slim.
»Du kriegst sie, glaub mir!«, beharrte Rusty.
»Siehst du dir bitte mal meinen Rücken an?«, wandte sich Slim an mich. Ich krabbelte um sie herum und erschrak. Ihr Rücken war, abgesehen von der Bikinischnur, nackt bis zur Hüfte hinab und schmutzig von ihrem Sturz auf den Boden der Lichtung. An mindestens fünf Stellen steckten Glassplitter in ihrer Haut. Aus den Wunden sickerte Blut.
»Mein Gott«, murmelte ich.
Rusty sah ebenfalls hin und sagte: »Nicht schlecht.«
»Ich tue, was ich kann«, erwiderte Slim mit einem gequälten Lächeln.
Ich fing an, die Glassplitter aus ihrem Rücken zu ziehen.
»Und eine Tetanusspritze kriegst du auch«, sagte Rusty triumphierend.
»Krieg ich nicht.«
»Sie hat schon letztes Jahr eine bekommen«, erklärte ich, »als dieser Idiot sie mit dem Messer gestochen hat.«
»Ganz genau«, sagte Slim.
»Und so eine Spritze hält fünf bis zehn Jahre«, fügte ich hinzu.
»Schadet trotzdem nichts, wenn sie zur Sicherheit noch eine kriegt«, meinte Rusty. »Und die Tollwutspritze braucht sie auf jeden Fall.«
Als ich die Splitter aus Slims Rücken gezogen hatte, blutete sie noch immer. »Leg dich besser hin«, sagte ich.
Sie streckte sich auf dem Dach aus, drehte ihren Kopf zur Seite und legte ihn auf ihre verschränkten Arme. Ihr Rücken sah aus, als hätte ihn jemand rot angemalt. Aus zehn oder zwölf Wunden floss Blut, aber nicht mehr so stark wie vorher.
»Tut’s sehr weh?«, fragte ich.
»Es ist mir schon besser gegangen«, antwortete Slim. »Aber auch schon viel schlechter.«