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"Die sieben Säulen der Weisheit" ist ein episches Werk, das nicht nur die Erlebnisse von Thomas Edward Lawrence während des Ersten Weltkriegs im Nahen Osten dokumentiert, sondern auch seine tiefgründigen psychologischen und kulturellen Beobachtungen zu den arabischen Rebellionen gegen das Osmanische Reich präsentiert. Der Stil des Buches ist geprägt von einer lebhaften, fast poetischen Sprache, die den Leser in eine Welt eintauchen lässt, die von Wüste, Beduinen und einer unerschütterlichen Suche nach Freiheit und Identität geprägt ist. Lawrence geht über die bloße Chronik historischer Ereignisse hinaus und reflektiert die moralischen und ethischen Dilemmata, die sich ihm während seiner Mission stellten, und bietet damit eine vielschichtige Sicht auf das geopolitische Geschehen seiner Zeit. Thomas Edward Lawrence, auch bekannt als 'Lawrence von Arabien', war ein britischer Offizier, Archäologe und Schriftsteller, dessen tiefe Verbindung zur arabischen Kultur und Geschichte seine Perspektive und seinen Schreibstil prägten. Bewaffnet mit einer außergewöhnlichen Bildung, einem Sinn für Abenteuer und einem tiefen Verständnis für die Menschen, mit denen er interagierte, ließ sein Engagement für den arabischen Nationalismus ihn als zentralen Akteur in einem der entscheidenden Konflikte des 20. Jahrhunderts hervortreten. Dies spiegelt sich in der Komplexität und den Nuancen seines Werkes wider. "Die sieben Säulen der Weisheit" ist nicht nur ein aufregendes historisches Dokument, sondern auch eine tiefgründige intellektuelle Auseinandersetzung mit dem menschlichen Streben nach Freiheit und Identität. Dieses Buch empfiehlt sich besonders für Leser, die sich für Geschichte, Kunst und die Psychologie von Kriegen interessieren, sowie für jene, die die zeitlosen Fragen der Loyalität und des Ethos in einem sich wandelnden politischen Umfeld ergründen möchten. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine Autorenbiografie beleuchtet wichtige Stationen im Leben des Autors und vermittelt die persönlichen Einsichten hinter dem Text. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Ein Reiter verschwindet im gleißenden Atem der Wüste, und mit ihm reiten Zweifel, Pflicht und das Versprechen einer neuen Ordnung. In dieser Spannung zwischen persönlicher Gewissensprüfung und politischem Aufbruch verdichtet sich die Erfahrung, die Die sieben Säulen der Weisheit trägt. Das Buch führt in einen Raum, in dem Landschaft und Charakter, Strategie und Sprache unentwirrbar verschmelzen. Es erzählt von einem Krieg, der zugleich innerer Konflikt ist, und von einer Bewegung, die zugleich Befreiung und Verstrickung bedeutet. Wer sich auf diese Seiten einlässt, begegnet einer Stimme, die die Dürre der Tatsachen in brennende Bilder verwandelt.
Dieses Werk gilt als Klassiker, weil es Kräfte zusammenführt, die selten in einem einzigen Buch zusammentreffen: Augenzeugenschaft, literarische Form und intellektuelle Selbstprüfung. Es prägte das Bild moderner Kriegserinnerung, indem es Feldberichte mit poetischer Reflexion verband. Seine Wirkung reicht in die Reiseliteratur, die Kulturbegegnung und die politische Reportage hinein. Viele spätere Darstellungen der arabischen Revolte und des Wüstenkrieges stehen im Schatten dieser Prosa, die den Mythos des Abenteurers ebenso wie die Nüchternheit des Chronisten vereint. Als Meilenstein literarischer Nonfiction hat es Maßstäbe gesetzt, an denen nachfolgende Autorinnen und Autoren sich messen.
Verfasst wurde das Buch von Thomas Edward Lawrence, bekannt als T. E. Lawrence, einem britischen Offizier und Gelehrten, der während des Ersten Weltkriegs im Nahen Osten tätig war. Entstanden ist der Text zwischen den Jahren nach 1918 und Mitte der 1920er, in mehreren Fassungen und Überarbeitungen. Im Zentrum stehen die Erfahrungen der arabischen Revolte gegen das Osmanische Reich, ihre Wege, Hoffnungen und Widersprüche. Lawrence reflektiert Rollenwechsel zwischen Vermittler, Verbündeter und Beobachter. Die Absicht des Buches ist nicht nur, Ereignisse festzuhalten, sondern Sinn zu suchen: eine Bilanz von Entscheidung und Verantwortung im Angesicht einer zerrissenen Ordnung.
Statt eine lückenlose Chronik zu liefern, entwirft Lawrence eine Topographie der Bewegung: Marschrouten, Gesprächsräume, Versammlungen in Zelten, Horizonte aus Sand und Politik. Das Buch folgt nicht ausschließlich Karten und Daten, sondern spürt Rhythmen von Vertrauen und Risiko nach. Zugleich skizziert es die Zusammenarbeit mit arabischen Kräften, die Dynamik der Guerilla und die zähe Logistik eines Krieges, der sich über Weite und Zeit ausdehnt. Leserinnen und Leser erhalten einen Überblick über Schauplätze und Ziele, ohne dass die einzelnen Operationen in Details zerfallen. So entsteht ein Erzählraum, der taktische Erwägung und moralische Selbstbefragung verbindet.
Der Entstehungsprozess ist selbst Teil der Geschichte: Lawrence arbeitete den Stoff mehrfach um, ein früher Entwurf ging verloren, und die schließlich verbreiteten Fassungen trugen die Spuren dieser intensiven Rekonstruktion. In den 1920er Jahren kursierten private Ausgaben; zugleich zielte der Autor auf einen Text, der der Komplexität gerecht wird. Er suchte eine Sprache, die sowohl die Härte des Krieges als auch die Zartheit kultureller Begegnungen trägt. Die sieben Säulen der Weisheit ist damit ein Projekt, das Erinnerung formt, indem es sie prüft. Absicht und Zielsetzung bleiben klar: Verstehen, ohne zu vereinfachen; bezeugen, ohne zu beschönigen.
Sprachlich steht das Werk an einer Schnittstelle: zwischen klassischer Reisebeschreibung, moderner Kriegsliteratur und autobiografischer Selbsterkundung. Das Ergebnis ist eine expressive, bisweilen barock anmutende Prosa, die Stein, Wind und Entschlusskraft mit gleicher Dichte erfasst. Lawrence entfaltet Bilder, die topografisch genau und zugleich symbolisch aufgeladen sind. Seine Sätze tragen die Spannung von Nähe und Distanz, von Empathie und Analyse. Diese ästhetische Haltung verleiht dem Text eine Eigenart, die über das Dokumentarische hinausweist und doch der Erfahrung verpflichtet bleibt. So gewinnt das Buch eine zeitlose Lesbarkeit, die aus Form und Haltung erwächst.
Mit seiner Wirkung verband sich früh die Frage nach Selbstbild und Selbststilisierung. Lawrence wird als Figur greifbar, die ihre Rolle reflektiert und doch nie ganz aus der Darstellung heraustritt. Das Buch thematisiert diese Unauflösbarkeit: die Begegnung mit Verbündeten, die Last von Entscheidungen, die Zwischentöne von Loyalität. Gerade die Offenheit für Ambivalenzen machte es einflussreich. Es lädt nicht zur bequemen Heldenverehrung ein, sondern zur Prüfung von Motiven, Mitteln und Folgen. Damit steht es exemplarisch für eine Moderne, die Gewissheiten verliert, ohne den Anspruch auf Wahrheit aufzugeben, und das Ringen um Integrität sichtbar macht.
Sein klassischer Status zeigt sich auch in der Breite seines Nachlebens. Die sieben Säulen der Weisheit beeinflusste nicht nur militärische Memoiren, sondern prägte Vorstellungen von Wüste, Widerstand und Vermittlung zwischen Kulturen. Reportagen, Essays und historiografische Studien greifen auf Bilder und Problemstellungen zurück, die hier mit ungewöhnlicher Intensität formuliert wurden. In der Literaturgeschichte markiert das Werk eine Nahtstelle von Abenteuererzählung und moderner Reflexion, deren Effekt bis in spätere mediale Bearbeitungen reicht. Es verließ den engen Rahmen militärischer Fachschrift und wurde zu einem allgemeinen Referenzpunkt für erzählerische Dokumentation.
Für die Publikationsgeschichte sind die Fassungen der 1920er Jahre zentral, darunter eine private Ausgabe, die nur im kleinen Kreis zirkulierte. Eine gekürzte Fassung erschien später unter dem Titel Revolt in the Desert und trug die Erzählung in eine breitere Öffentlichkeit. Diese Wege zeigen, wie sorgfältig Lawrence Form und Verbreitung kontrollierte, um einen Text zu wahren, der beides ist: Zeugnis und Kunstwerk. Die Bedingungen der Veröffentlichung erklären auch, warum das Buch zugleich legendär und schwer zugänglich wirkte, bevor es in unterschiedlichen Ausgaben einem größeren Lesepublikum bekannt wurde.
Thematisch öffnet das Werk Fragen nach Zugehörigkeit, Verantwortung und Sprache als Brücke zwischen Welten. Es zeigt, wie Koalitionen entstehen und sich bewähren müssen, wie Versprechen bindend werden und wie leicht Vertrauen verschleißt. Die Wüste ist nicht nur Kulisse, sondern Prüfstein für Entschlüsse und Werte. Taktik und Topographie bilden den Rahmen; Ethik und Perspektivwechsel füllen ihn. Die Erzählung untersucht, wie Macht ausgeübt, geteilt oder verweigert wird, und wie Identität im Übergang entsteht. So verbindet das Buch konkrete historische Erfahrung mit Überlegungen, die über Zeit und Ort hinaus Gültigkeit behalten.
Auch heute ist die Lektüre relevant, weil sie Mechanismen sichtbarer macht, die moderne Konflikte prägen: asymmetrische Kriegsführung, Bündnisse über kulturelle Grenzen, das Spannungsfeld von Ideal und Realpolitik. Lawrence’ Blick auf Kommunikation, Geduld und Symbolkraft liefert Einsichten, die über den historischen Fall hinausreichen. Leserinnen und Leser finden einen Text, der nicht Lösungen behauptet, sondern die Bedingungen ihres Gelingens auslotet. Die Genauigkeit der Beobachtung und die Bereitschaft zur Selbstbefragung machen das Buch zu einem Werkzeug, mit dem man Gegenwart befragen kann, ohne die Vergangenheit zu verzerren.
Die sieben Säulen der Weisheit bleibt fesselnd, weil es Intensität mit Nachdenklichkeit verbindet. Es bietet das Abenteuer eines Lebens am Rand konventioneller Bahnen und zugleich die Strenge einer moralischen Bilanz. Als Klassiker der literarischen Nonfiction hat es eine dauerhafte Anziehungskraft: Es lädt ein, den Staub der Wege zu spüren und gleichzeitig die feinen Gewichte von Wort und Verantwortung zu wägen. Wer hier liest, entdeckt Themen, die nicht altern: Mut und Maß, Fremdheit und Übersetzung, Entschlossenheit und Zweifel. Darin liegt seine Beständigkeit – und seine ungebrochene Fähigkeit, zu erhellen und zu bewegen.
Die sieben Säulen der Weisheit ist Thomas Edward Lawrences umfangreicher Bericht über die Arabische Revolte gegen das Osmanische Reich im Ersten Weltkrieg. Das Werk verbindet autobiografische Erinnerungen, militärische Analyse und Beobachtungen zu Kultur und Politik. Lawrence schildert, wie sich eine lose Koalition arabischer Stämme, angeführt von den Haschimiten, mit britischer Unterstützung gegen eine überlegene, aber überdehnte Imperiumsverwaltung behauptet. Die Erzählung folgt dem zeitlichen Ablauf der Kampagne und zeichnet zugleich die inneren Spannungen zwischen strategischen Zielen, begrenzten Mitteln und widersprüchlichen Kriegsversprechen nach. Im Mittelpunkt stehen konkretes Handeln im Feld, diplomatische Vermittlung und die Herausforderung, disparate Interessen in Bewegung zu halten.
Lawrence beschreibt seinen Weg vom Archäologen und Kartografen zum Verbindungsoffizier des britischen Nachrichtendienstes in Kairo. Die Ausgangslage ist von Vorsicht geprägt: London sucht arabische Unruhe im Hinterland der Osmanen, will aber eigene Kriegsziele nicht gefährden. Über erste Kontakte mit Scherif Husain und Prinz Faisal tastet Lawrence die Möglichkeiten einer Revolte ab. Er legt dar, wie Topographie, Stammesbindungen und Versorgungslinien die Optionen bestimmen. Früh macht er die Grenzen regulärer Operationen deutlich und skizziert Grundsätze einer beweglichen Kriegführung in der Wüste: kleine, schlagkräftige Gruppen, elastische Planung, Nutzung von Raum und Überraschung statt frontaler Konfrontation.
Ein Schwerpunkt ist der mühselige Aufbau einer tragfähigen Allianz. Lawrence schildert Treffen mit Stammesführern, das Feilschen um Loyalitäten und die Rolle von Gold, Waffen und Ansehen. Er fungiert als Übersetzer im doppelten Sinne: sprachlich und politisch zwischen britischen Kommandostellen und arabischen Erwartungen. Dabei rücken die Hejazbahn und osmanische Garnisonen als neuralgische Ziele in den Blick. Die Revolte braucht Bewegungsfreiheit, sichere Basen an der Küste sowie Nachschub über das Rote Meer. Zugleich ringt Lawrence mit britischen Vorbehalten und dem Misstrauen der Stämme gegenüber ausländischen Absichten. Die Erzählung betont, wie fragile Vereinbarungen den Rahmen jedes Einsatzes vorgeben.
Die frühen Operationen konzentrieren sich auf die Küste des Hedschas und die Sicherung von Häfen wie Yanbu. Lawrence schildert Abwehrkämpfe gegen osmanische Vorstöße, die Bedeutung improvisierter Verteidigung sowie den Einsatz von Marineunterstützung. Anschließend verlagert sich der Schwerpunkt auf Sabotage: Sprengungen der Hejazbahn, Angriffe auf Brücken, Schienen und Telegrafie, um Truppenbewegungen zu erschweren und Garnisonen zu isolieren. Die Aktionen zielen weniger auf Geländegewinn als auf ständige Unruhe. Lawrence beschreibt Ausbildung, Materialmangel und die Notwendigkeit, Verluste zu vermeiden. Aus den Erfahrungen entstehen taktische Regeln: Tempo, Zersplitterung, Dezentralisierung und das Ausnutzen der Weite als Schutzschild.
Ein Wendepunkt ist der Zug auf Aqaba. Lawrence schildert die lange, riskante Umgehung durch die Wüste im Bündnis mit Auda Abu Tayi und anderen Stammeskräften, die den osmanischen Küstenposten von der rückwärtigen, kaum gesicherten Seite erreicht. Der Fall Aqabas eröffnet einen Tiefwasserhafen als Basis für Nachschub und gibt der Revolte operative Tiefe. Zugleich verbessert er die Anbindung an die britischen Streitkräfte in Ägypten. Das Unternehmen zeigt die Wirksamkeit kühner Marschrouten, lokaler Kenntnisse und Überraschung. Es markiert die Verschiebung von defensiven Nadelstichen zu offensiver Bewegungsführung, die größere Verbände bindet und den politischen Stellenwert der Revolte erhöht.
Nach Aqaba intensiviert Lawrence die Kooperation mit dem britischen Oberkommando. Er koordiniert Bahnzerstörungen, Überfälle und Scheinoperationen mit Feldzügen General Allenbys in Palästina und Syrien. Eisenbahnlinien, Vorratsdepots und Nachrichtenverbindungen werden zu primären Zielen, um osmanische Kräfte zu fixieren und operative Durchbrüche zu erleichtern. Motorisierte Mittel, Sprengstoff, Panzerwagen und Luftaufklärung ergänzen Reiterei und Kameltruppen. Vor Großangriffen unterstützt die Revolte durch weit gestreute Sabotage, etwa im Raum Deraa. Lawrence betont, wie Timing und Dispersion das Gegnernetz überlasten. Die erzählte Abfolge kulminiert in schnellen Vorstößen, bei denen lokale Aufstände und reguläre Angriffe ineinandergreifen.
Mit der Einnahme großer Städte rücken Verwaltung und Politik in den Vordergrund. Lawrence beschreibt den Einzug in Damaskus, die improvisierte arabische Administration unter Prinz Faisal und die Schwierigkeiten, Ordnung, Versorgung und Rechtssprechung in einer erschöpften Region herzustellen. Gleichzeitig treten Spannungen westlicher Abmachungen zutage, darunter konkurrierende Kriegszusagen und territoriale Ansprüche der Alliierten. Die Erzählung skizziert Verhandlungen, Missverständnisse und die Grenzen militärischer Erfolge ohne klare politische Rahmenbedingungen. Lawrence schildert, wie divergierende Interessen die Nachkriegsordnung prägen und die Spielräume arabischer Selbstbestimmung einschränken, noch bevor dauerhafte Strukturen gefestigt werden können.
Ein wiederkehrendes Motiv sind Lawrences Überlegungen zu Führung, Loyalität und den Kosten der Gewalt. Er analysiert die Psychologie der Aufstandsbewegung, die Bedeutung symbolischer Siege und den Einfluss von Erzählungen auf Moral und Verbündete. Seine Darstellung untersucht die Spannung zwischen strategischer Nützlichkeit und persönlicher Bindung an die Kämpfer, zwischen britischer Dienstpflicht und arabischen Erwartungen. Zugleich formuliert er Grundsätze der Guerillakriegführung: Zielwahl mit maximalem Effekt, ökonomischer Kräfteansatz, Vermeidung bindender Gefechte. Reflexionen über Erschöpfung, Verantwortung und Irrtum rahmen die Feldberichte und verdeutlichen, wie eng taktische Entscheidungen mit politischen Folgen verknüpft sind.
Zum Schluss ordnet Lawrence die Revolte in die Nachkriegswirklichkeit ein. Er beschreibt, wie militärische Erfolge in Mandatsregelungen, Grenzziehungen und wechselnde Herrschaftsverhältnisse überführt werden, mit begrenzter Umsetzung der zuvor geweckten Erwartungen. Das Buch vermittelt als Gesamtbotschaft die Komplexität von Aufstand und Bündnispolitik: Wirksamkeit entsteht aus Anpassungsfähigkeit, lokaler Initiative und klaren Zielen, während unklare Versprechen Vertrauen unterminieren. Die sieben Säulen der Weisheit bleibt damit Zeugnis einer Kampagne und zugleich Analyse über die Grenzen imperialer Planung. Die Erzählung fasst Strategie, Kulturkontakt und politische Ambivalenz zu einem nüchternen Bild von Krieg und seinen Folgen zusammen.
Die sieben Säulen der Weisheit ist in der Zeit des Ersten Weltkriegs verortet, als das Osmanische Reich zwischen 1914 und 1918 seine letzten, krisenhaften Jahre erlebte. Schauplätze sind vor allem der Hedschas an der Westküste Arabiens, die Wüste Nefud, die Hejazbahn zwischen Medina und Damaskus sowie Syrien und Palästina. Ebenfalls zentral sind Kairo als britisches Nachrichtenzentrum und Aqaba am Roten Meer als logistische Drehscheibe. Die geographische Weite und klimatische Härte formten militärische Entscheidungen und begünstigten asymmetrische Kriegsführung. Das Buch spiegelt diese Räume als strategische Landschaften, in denen Mobilität, Versorgungslinien und Stammesbündnisse den Verlauf des Feldzugs bestimmten.
Die politische Ordnung der Region war von osmanischer Zentralgewalt, überlagert von britischen und französischen Kriegszielen, geprägt. In der Gesellschaft existierten städtische Eliten in Damaskus und Jerusalem neben beduinischen Stammeskonföderationen im Hedschas und Transjordanien. Die Haschimiten um Scharif Husain ibn Ali kontrollierten die heiligen Städte Mekka und Medina, während rivalisierende Kräfte wie die Raschīdī aus Haʾil und der aufstrebende Ibn Saud die innere Arabische Halbinsel prägten. Lawrence’ Werk zeigt diese komplexe Sozialordnung und macht verständlich, wie imperiale Geheimabkommen, Stammespolitik und religiöse Legitimität im Krieg ineinandergriffen.
Die Jungtürkische Revolution von 1908 und der Machtkonsolidierung des Komitees für Einheit und Fortschritt nach dem Coup von 1913 folgten Zentralisierung und Turkisierung. In Syrien und im Hedschas verstärkten sich Spannungen, da lokale Eliten Autonomieansprüche verteidigten. Unter Dschamal Pascha kam es 1915–1916 in Beirut und Damaskus zu Repressionen, kulminierend in den Hinrichtungen vom 6. Mai 1916, die als Märtyrertag in Erinnerung blieben. Lawrence’ Buch verweist auf diese Atmosphäre des Zwangs und der Furcht als Nährboden für arabische Absetzbewegungen. Die Schilderungen erklären, weshalb lokale Akteure Bündnisse mit Großbritannien suchten.
Das Osmanische Reich trat Ende Oktober 1914 in den Krieg ein, nach dem Beschuss russischer Häfen durch die Goeben und Breslau, und wurde Teil der Mittelmächte. Im Nahen Osten entstanden Fronten in Sinai-Palästina, Mesopotamien und am Roten Meer. Die britische Eroberung von Basra (November 1914) und die Suezfront schufen operative Möglichkeiten, zugleich bedrohte die Hejazbahn die Kommunikation der Haschimiten. Im Buch wird diese strategische Matrix als Hintergrund geschildert, in der Lawrence als Nachrichtenoffizier im Arab Bureau in Kairo die Operationsräume analysiert und Wege für indirekte Angriffe entwirft.
Die arabische Nationalbewegung hatte vor 1914 Gestalt angenommen: al-Fatat (gegründet 1911 in Paris, später in Damaskus) und al-Ahd (1913 von arabischen Offizieren in Istanbul) forderten Autonomie oder Einheit. Der Arabische Kongress 1913 in Paris artikulierte Reformforderungen an die Osmanen. Scharif Husain ibn Ali, als Hüter der Heiligen Städte, verband religiöse Autorität und dynastische Ambitionen. Lawrence’ Darstellung macht diese ideellen und personalen Träger sichtbar und zeigt, wie die Bewegung im Krieg einen militärischen Arm erhielt. Er rahmt die Revolte nicht als spontane Explosion, sondern als politisch vorbereitete Selbstbehauptung.
Die Husain–McMahon-Korrespondenz (Juli 1915 bis März 1916) legte britische Unterstützung für eine arabische Unabhängigkeit in Aussicht, ließ aber Grenzen bewusst vage. Umstritten blieb die Formulierung zu den Bezirken von Damaskus, Homs, Hama und Aleppo sowie die Sonderstellung Palästinas. Die Briefe bauten Erwartungen auf, die später an der Nachkriegsordnung zerbrachen. Im Buch erscheinen diese Zusagen als moralischer Kredit für die Revolte. Lawrence reflektiert, wie der Kampf der Verbündeten durch diplomatische Zweideutigkeit belastet war und wie dies bereits während der Operationen Misstrauen säte.
Das Sykes–Picot-Abkommen vom 16. Mai 1916 teilte große Teile des Nahen Ostens in britische und französische Einflusszonen. Frankreich erhielt Ansprüche auf Syrien und den Libanon (Zone A), Großbritannien auf Mesopotamien und eine südliche Zone (Zone B), während für Palästina eine internationale Verwaltung vorgesehen war. Russland wurde konsultiert und stimmte zu. Lawrence’ Werk betont die Kluft zwischen den geheimen Absprachen und den Erwartungen der arabischen Verbündeten. Die spätere Offenlegung durch die Bolschewiki 1917 verschärfte den Eindruck von Doppelspiel, den Lawrence im Feld spürte.
Die Arabische Revolte begann am 10. Juni 1916 mit Husains Erhebung in Mekka. Binnen Wochen fielen Mekka, Dschidda und Taif, während Medina unter Fakhri Pascha standhielt. Britische Seestreitkräfte vor der Rotmeerküste sicherten Nachschub und Artillerie, doch die Revolte blieb zunächst regional begrenzt. Ende 1916 entsandte das Arab Bureau Offiziere, darunter T. E. Lawrence, der in Yanbu und im Wadi Safra mit Emir Faisal Verbindung aufnahm. Das Buch schildert die mühsame Konsolidierung der Revolte, die Gewinnung von Stammesunterstützung und die Suche nach wirksamer Kriegsführung jenseits konventioneller Belagerungen.
Die Sabotage der Hejazbahn 1917–1918 wurde zum Kern der Strategie. Durch das Sprengen von Schienen, Brücken und Weichen sowie Angriffe auf Patrouillen wurden Hunderte Unterbrechungen erzwungen und Dutzende Züge entgleist. Tribale Verbündete wie die Howeitat, Bani Sakhr und Rualla operierten in kleinen, mobilen Einheiten; britische Sprengmittel und Beratung verstärkten ihre Wirkung. Ziel war, Medina zu isolieren, osmanische Truppen zu binden und die Bewegungen der Nordarmee Faisals zu erleichtern. Lawrence’ Bericht liefert taktische Details, begründet die Logik der indirekten Strategie und macht deren psychologische und logistische Effekte anschaulich.
Die Einnahme von Aqaba am 6. Juli 1917 war ein Wendepunkt. Ein aus dem Inland geführter Vorstoß unter Auda Abu Tayi und Lawrence umging die stark verteidigte Seeseite und überrumpelte die osmanische Garnison. Mit Aqaba als offenem Hafen konnten britische Waffen und Nahrung in großem Stil landen, während Allenbys Armee eine Verbindung zur Revolte gewann. Die Operation verschob das Gewicht der Revolte nach Norden und machte raschere Bewegungen entlang der Wüstenrouten möglich. Im Buch ist Aqaba als kühner, symbolischer Sieg inszeniert, der regionale Politik und alliierte Kriegführung neu ausrichtete.
General Edmund Allenby übernahm im Juni 1917 das Kommando in Ägypten und leitete die Dritte Schlacht von Gaza (31. Oktober bis 7. November 1917) ein, gefolgt von der Einnahme Jerusalems am 9. Dezember. 1918 kulminierte die Offensive in der Schlacht von Megiddo (19.–25. September), wo Durchbrüche an der Küste und im Gebirge erzielt wurden. Arabische Kräfte störten zeitgleich Bahnlinien bei Daraʿa und schnitten Rückzugswege. Lawrence beschreibt die Liaison zwischen regulären britischen Verbänden und arabischen Irregulären als arbeitsteilige Strategie, in der Beweglichkeit und Überraschung die osmanische Verteidigung zersetzten.
Damaskus fiel am 1. Oktober 1918. Australische, britische und arabische Truppen rückten fast zeitgleich ein; Emir Faisal etablierte eine provisorische arabische Verwaltung. Die kurze Phase arabischer Kontrolle stand unter Aufsicht der Alliierten und war von Kompetenzstreitigkeiten geprägt. Lawrence, der den Einzug begleitete, schildert im Buch die Ambivalenz des Triumphs: militärischer Erfolg ohne gesicherte politische Erfüllung. Die Ereignisse in Damaskus werden als Höhepunkt der Revolte, aber auch als Beginn der Nachkrisenordnung gezeigt, in der die Früchte des Sieges zwischen den Verbündeten neu verteilt wurden.
Die Balfour-Deklaration vom 2. November 1917 erklärte die britische Unterstützung für eine nationale Heimstätte des jüdischen Volkes in Palästina, unter Wahrung der Rechte nichtjüdischer Gemeinschaften. Sie ergänzte, aber widersprach teils den arabischen Erwartungen aus Korrespondenzen und Absprachen. Die Einrichtung der Zionistischen Kommission und spätere Mandatspolitik verstärkten Spannungen. Lawrence’ Werk thematisiert diese konkurrierenden Versprechen indirekt, indem es zeigt, wie Feldkommandeure mit den politischen Vorgaben umgehen mussten und wie arabische Partner auf sich abzeichnende Konflikte reagierten.
Auf der Pariser Friedenskonferenz 1919 trat Faisal für ein vereintes, unabhängiges Syrien ein; das Faisal–Weizmann-Abkommen blieb an Bedingungen geknüpft. Die King-Crane-Kommission (Sommer 1919) empfahl gegen eine weitreichende zionistische Politik und für begrenzte französische Rolle, wurde jedoch ignoriert. In San Remo (April 1920) erhielten Frankreich und Großbritannien Mandate über Syrien/Libanon bzw. Irak/Palästina. Der französisch-syrische Krieg endete mit Maysalun am 24. Juli 1920 und Faisals Absetzung. Lawrence reflektiert diese Entscheidungen als Bruch mit den Kriegszusagen und als politisches Scheitern der Revolte im Frieden.
Die Kairo-Konferenz vom März 1921 legte die britische Mandatspolitik neu aus: Faisal wurde im August 1921 König des Irak, Abdullah zum Emir von Transjordanien berufen. Royal Air Force Air Control und begrenzte Bodentruppen sollten Kosten senken und Aufstände eindämmen. Lawrence fungierte als Berater Winston Churchills und unterstützte die sogenannte sharifische Lösung, um die im Krieg eingegangenen Verpflichtungen teilweise einzulösen. Im Buch spiegeln sich diese Nachkriegskompromisse als nachträgliche, unvollkommene Reparatur politischer Brüche, die aus geheimen Verträgen und divergierenden imperialen Interessen resultierten.
Das Werk fungiert als politische Kritik, indem es die Diskrepanz zwischen britischer Feldpolitik und hoher Diplomatie offenlegt. Es zeigt die moralischen Kosten geheimer Abkommen und die Instrumentalisierung lokaler Verbündeter. Die nüchternen Schilderungen von Verwüstung entlang der Hejazbahn und der Nöte der Stammesbevölkerungen verweisen auf soziale Ungleichheiten, die imperiale Ziele verschärften. Lawrence’ Beobachtungen zur Korruption, zur Selbstherrlichkeit militärischer Bürokratien und zur Geringschätzung indigener Akteure sind eine indirekte Anklage. Damit macht das Buch die strukturelle Asymmetrie zwischen kolonialer Macht und regionalen Gesellschaften sichtbar.
Als Zeitdiagnose beleuchtet der Text die Konkurrenz von Selbstbestimmung und Geheimdiplomatie, die Entwertung öffentlicher Zusagen durch Abmachungen wie Sykes–Picot und die widersprüchliche Gleichzeitigkeit von Balfour-Deklaration und arabischen Versprechen. Er kritisiert klassenförmige Hierarchien im britischen Militär ebenso wie die soziale Fragmentierung in den Provinzen, deren Armut und Abhängigkeit strategisch ausgenutzt wurden. Eindringlich wird die Gefahr nationalistischer Instrumentalisierung ohne tragfähige Institutionen. So wird die Epoche als Konfliktfeld politischer Opportunität, imperialer Kalkulation und aufkeimender Massenbewegungen erkennbar, die die Nachkriegsordnung des Nahen Ostens entscheidend prägten.
Thomas Edward Lawrence (1888–1935) war britischer Archäologe, Offizier und Autor, dessen Name untrennbar mit dem Arabischen Aufstand im Ersten Weltkrieg verbunden ist. Unter dem später populären Beinamen „Lawrence of Arabia“ wurde er zu einer Ikone moderner Aufstands- und Guerillakriegführung sowie zum Symbol der Spannungen zwischen imperialer Politik und antikolonialen Hoffnungen. Seine Berichte und Reflexionen prägten die Wahrnehmung des Nahen Ostens in der Zwischenkriegszeit. Kurzlebiger Ruhm und bewusste Selbstzurücknahme, literarischer Ehrgeiz und Skepsis gegenüber Macht verbanden sich zu einer Biografie, die bis heute kontrovers diskutiert wird und zugleich einen seltenen Blick auf Kriegserfahrung, Kulturkontakt und Selbstinszenierung bietet.
Lawrence wuchs in Großbritannien auf und entwickelte früh ein starkes Interesse an mittelalterlicher Architektur und Geschichte. Er studierte in Oxford Geschichte und untersuchte in seiner Abschlussarbeit Burgen der Kreuzfahrerzeit, wofür er im Nahen Osten reiste und Feldforschung betrieb. Prägende Einflüsse waren die klassische Literatur, die mittelalterliche Historiografie und die archäologische Schule um David George Hogarth, unter dessen Förderung er praktische Ausbildung erhielt. Vor dem Krieg arbeitete er an Grabungen, unter anderem am Euphrat bei Karkemisch, und vertiefte dabei Sprachkenntnisse sowie Kenntnisse der regionalen Geografie. Diese Erfahrungen schufen die Grundlage für sein späteres Verständnis von Raum, Gesellschaft und Kriegführung.
Mit Beginn des Ersten Weltkriegs diente Lawrence in britischen Nachrichtendienst- und Stabsfunktionen in Kairo. Ab 1916 trat er als Verbindungsoffizier zur haschimitisch geführten Revolte gegen das Osmanische Reich auf und operierte überwiegend im Hedschas und in Nordsyrien. Er begleitete und förderte bewegliche Operationen, Sabotageakte und Angriffe auf Infrastruktur wie die Hedschasbahn, wobei lokale Kenntnisse, Mobilität und Bündnispolitik entscheidend waren. Seine Rolle verband militärische Beratung mit diplomatischer Vermittlung. Die Kampagnen brachten ihm internationale Aufmerksamkeit, aber auch anhaltende Selbstzweifel angesichts der politischen Folgen. In seinen späteren Schriften reflektierte er nüchtern über Grenzen, Kosten und Illusionen dieses Krieges.
Nach Kriegsende engagierte sich Lawrence in Debatten über die Neuordnung des Nahen Ostens. Er unterstützte Forderungen nach einer politischen Rolle für Verbündete aus der Revolte und setzte sich in offiziellen und halböffentlichen Funktionen für praktikable Lösungen ein, die lokale Ansprüche berücksichtigen sollten. Er nahm an Konferenzen teil und arbeitete zeitweise beratend in britischen Regierungsstellen, unter anderem in Fragen der Mandatsverwaltung. Zugleich wuchs seine Skepsis gegenüber imperialen Kompromissen und Geheimabsprachen. Die Spannungen zwischen Ideal und Realpolitik, die er in Artikeln und Briefen formulierte, prägten sein Selbstverständnis als Beteiligter und kritischer Beobachter der Nachkriegsordnung.
Sein literarisches Hauptwerk ist Seven Pillars of Wisdom, ein monumentaler Bericht, der zwischen 1919 und den mittleren 1920er-Jahren mehrfach überarbeitet und in einer limitierten Ausgabe veröffentlicht wurde. Das Buch verbindet Memoir, Reisebeschreibung und kulturreflexive Beobachtung; es wurde in der abgekürzten Fassung Revolt in the Desert weithin bekannt. Daneben verfasste Lawrence The Mint, eine schonungslose Darstellung des Dienstalltags in der Royal Air Force, die erst nach seinem Tod erschien. Seine viel beachtete Übersetzung der Odyssee erschien Anfang der 1930er-Jahre. Briefe und Essays wurden postum ediert und trugen zu seiner Reputation als stilistisch eigenständiger Prosaautor bei.
Von Ruhm und öffentlicher Rolle ermüdet, suchte Lawrence in den 1920er- und frühen 1930er-Jahren Anonymität im Dienstgrad. Er trat unter angenommenen Namen in die Royal Air Force und zeitweise in die Panzertruppe ein, arbeitete vorzugsweise fern der Öffentlichkeit und widmete sich technischen Projekten. Dazu zählte die Mitarbeit an schnellen Motorbooten für den Seenotdienst der RAF, worin sich sein Interesse an moderner Technik und Effizienz spiegelt. Er lebte zurückgezogen in Dorset und pflegte einen begrenzten Kreis literarischer und künstlerischer Kontakte. Die Spannung zwischen asketischer Lebensführung und ungewollter Prominenz blieb ein durchgehendes Motiv dieser Jahre.
Lawrence starb Mitte der 1930er-Jahre an den Folgen eines Motorradunfalls in Dorset; die Umstände führten zu neuer Aufmerksamkeit für Verkehrssicherheit und Schutzausrüstung. Sein Nachruhm speist sich aus der Verbindung von Kriegserfahrung, Gelehrsamkeit und literarischer Gestaltungskraft. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts prägten Editionen seiner Briefe und die Verfilmung Lawrence of Arabia sein Bild in der Öffentlichkeit, während Forschungen sein Werk historisch einordnen und Mythen korrigieren. Heute gilt er als ambivalente Figur zwischen Imperialgeschichte und antikolonialen Narrativen, deren Schriften weiterhin gelesen werden und Debatten über Repräsentation, Autorschaft und Verantwortung im Krieg befeuern.
Mancherlei Abstoßendes in dem, was ich zu erzählen habe, mag durch die Verhältnisse bedingt gewesen sein. Jahre hindurch lebten wir, aufeinander angewiesen, in der nackten Wüste unter einem mitleidlosen Himmel. Tagsüber brachte die brennende Sonne unser Blut in Gärung und der peitschende Wind verwirrte unsere Sinne. Des Nachts durchnäßte uns der Tau, und das Schweigen unzähliger Sterne ließ uns erschauernd unsere Winzigkeit fühlen. Wir waren eine ganz auf uns selbst gestellte Truppe, ohne Geschlossenheit oder Schulung, der Freiheit zugeschworen, dem zweiten der Glaubenssätze des Mannes – ein so verzehrendes Ziel, daß es alle unsere Kräfte verschlang, eine so erhabene Hoffnung, daß vor ihrem Glanz all unser früheres Trachten verblaßte.
Mit der Zeit wurde unser Drang, für das Ideal zu kämpfen, zu einer blinden Besessenheit, die mit verhängtem Zügel über unsere Zweifel hinwegstürmte. Er wurde zu einem Glauben, ob wir wollten oder nicht. Wir hatten uns in seine Sklaverei verkauft, hatten uns zu einem Kettentrupp aneinandergeschmiedet, hatten uns mit all unserem Guten und Bösen seinem heiligen Dienst geweiht. Der Geisteszustand gewöhnlicher Sklaven ist schrecklich genug – sie haben die Welt verloren – wir aber hatten nicht den Leib allein, auch die Seele der alles beherrschenden Gier nach Sieg überantwortet. Durch eigenen Willensakt hatten wir Moral, Selbstbestimmung, Verantwortung von uns getan, daß wir waren wie dürre Blätter im Wind.
Das unausgesetzte Kämpfen entäußerte uns der Sorge um unser eigenes Leben und das anderer. Um unseren Hals lag der Strick, und auf unsere Köpfe waren Preise gesetzt, die bewiesen, daß uns der Feind scheußliche Marter zugedacht hatte, wenn er uns fing. Täglich ging einer von uns dahin, und die Überlebenden sahen sich nur wie eben noch fühlende Puppen auf Gottes Bühne; in der Tat, unser Meister war erbarmungslos, erbarmungslos, solange sich unsere blutenden Füße noch weiterschleppen konnten. Der Ermattende beneidete die, die erschöpft genug waren, um zu sterben; denn der Erfolg schien so weit entfernt und Mißlingen eine nahe und gewisse, wenn auch bittere Erlösung von der Qual. Wir lebten stets in höchster Spannung oder tiefster Erschlaffung unserer Nerven, auf dem Wellenkamm oder im Wellental des Gefühls. Diese Machtlosigkeit war qualvoll für uns und ließ uns nur für das Nächstliegende leben, unbekümmert darum, was wir Böses taten oder erlitten, da körperliches Empfinden sich als ein armselig Vergängliches erwies. Grausamkeiten, Verirrungen, Lüste glitten über die Oberfläche dahin, ohne uns tiefer zu beunruhigen; denn die Sittengesetze, die gegen solcherlei unberechenbare Ausbrüche aufgerichtet schienen, mußten doch nur schwächliche Worte sein. Wir hatten erfahren, daß es Erschütterungen gab, die allzu übermächtig, Leid, das allzu tief, Ekstasen, die allzu hoch waren für unser sterbliches Ich, um überhaupt verzeichnet werden zu können. Wenn das Gefühl diesen Gipfel erreicht hatte, setzte das Gedächtnis aus, und der Verstand lief leer, bis wieder die Alltäglichkeit Platz gegriffen hatte.
Solches Hingerissensein durch die Idee gab dem Geist freien Spielraum und entführte ihn in unbekannte Gefilde; aber er verlor dabei die gewohnte Herrschaft über den Körper. Unser Körper war zu grob, um das Übermaß der Leiden und Freuden zu empfinden. Darum entäußerten wir uns seiner als Plunder, ließen ihn, indes wir vorwärts stürmten, beiseite liegen, ein atmendes Phantom nur noch, hilflos sich selbst überlassen und Einflüssen ausgesetzt, vor denen unser Instinkt in normalen Zeiten zurückgeschreckt wäre. Die Männer waren jung und kraftvoll; ihr heißes Blut verlangte unbewußt sein Recht und peinigte den Leib mit unbestimmtem Verlangen. Entbehrungen und Gefahren, dazu ein Klima, das denkbar marternd war, entfachten die männliche Glut nur noch mehr. Wir hatten nirgends einen Platz für uns allein, kein dickes Kleid, das unser Menschliches verbarg. In jeder Hinsicht lebten wir ohne Geheimnis voreinander.
Der Araber ist von Natur enthaltsam; und der allgemeine Brauch, früh zu heiraten, hatte in den Stämmen ungeregelte Gewohnheiten fast ganz ausgeschaltet. Die öffentlichen Mädchen in den wenigen Siedlungen, die wir in den langen Monaten unseres Umherschweifens antrafen, bedeuteten unseren Leuten nichts, selbst wenn ihr übertünchtes Fleisch schmackhaft gewesen wäre für einen Mann mit gesunden Sinnen. In Abscheu vor solcher schmuddeligen Angelegenheit begannen die Jungen unter uns unbekümmert ihr weniges Verlangen einander an den eigenen sauberen Körpern zu löschen – mehr ein nüchternes Sichabfinden, das, vergleichsweise, unleiblich und selbst rein erschien. Später suchten einige dieses leere Beginnen zu rechtfertigen und beteuerten, daß Freunde, gebettet im schmiegsamen Sand in erhabener Umschlingung der glühenden Körper gemeinsam erbebend, dort im Dunkel verborgen einen sinnlichen Widerhall fänden für die geistige Leidenschaft, die unsere Seelen zu großem Tun entflammte. Andere wieder, danach dürstend, Begierden zu züchtigen, deren sie nicht ganz Herr zu werden vermochten, fanden einen grausamen Stolz darin, ihren Körper zu erniedrigen, und boten sich mit grimmiger Freude zu allem dar, was physischen Schmerz oder Ekel mit sich brachte.
Zu diesen Arabern wurde ich als ein Fremdling gesandt, unfähig, ihre Gedanken zu denken oder ihre Anschauungen zu teilen, aber mit der Pflicht betraut, sie vorwärts zu führen und jegliche Bewegung unter ihnen, die England in seinem Kriege nützen konnte, zur höchsten Höhe zu entfalten. Wenn ich auch ihr Wesen nicht anzunehmen vermochte, konnte ich doch mein eigenes unterdrücken und bewegte mich unter ihnen ohne offenkundige Reibungen, vermied Streit oder Kritik und gewann unmerklich Einfluß. Da ich ihr Kamerad war, will ich nicht ihr Lobredner oder Verteidiger sein. Heute, wieder in meinen gewohnten Kleidern, könnte ich den Zuschauer spielen, unterworfen den Empfindsamkeiten unseres Theaters … aber es ist ehrlicher, zu gestehen, daß damals unsere Gedanken und Taten nichts Außergewöhnliches an sich hatten. Was jetzt wie Unmaß und Grausamkeit aussieht, erschien im Felde unvermeidlich oder gerade nur als eine unwichtige Formalität.
Blut war immer an unseren Händen, dazu waren wir ja ermächtigt. Verwunden und Töten erschien als ein nebensächliches Geschäft, so hart und schonungslos ging das Leben mit uns um. Da die Sorge um Erhaltung des Lebens so groß war, mußte der Wille zur Bestrafung mitleidlos sein. Wir lebten für den Tag und starben für ihn. Hatten wir Anlaß oder Wunsch zu strafen, so schrieben wir unverzüglich unseren Spruch mit Kugel oder Peitsche in die Haut des Verurteilten ein, und damit war der Fall in letzter Instanz erledigt. Die Wüste gestattete nicht das ausgeklügelt bedächtige Verfahren von Gericht und Kerker.
Gewiß, unsere Erquickungen und Freuden kamen mit der gleichen Heftigkeit über uns wie unsere Leiden; aber für mich im besonderen waren sie von geringerem Gewicht. Beduinenart ist schwer zu ertragen, selbst für den, der unter ihnen aufgewachsen ist, für den Fremden aber furchtbar: sie ist wie Tod schon im Leben. Wenn der Marsch oder das Tagewerk beendet war, besaß ich nicht mehr die Kraft, Eindrücke festzuhalten, oder auch die Neigung, das Liebenswerte zu sehen, das wir bisweilen an unserem Wege fanden. In meinen Aufzeichnungen hat eher das Grausige als das Schöne Platz gefunden. Sicher genossen wir die seltenen Augenblicke des Friedens und des Vergessens stärker; aber ich erinnere mich mehr der Qualen, der Schrecknisse und Verirrungen. In dem, was ich geschrieben habe, ist nicht unser ganzes Leben enthalten (denn es gibt Dinge, die kühlen Bluts zu wiederholen die Scham verbietet); aber was ich geschrieben habe, ist ein Teil unseres Lebens, wie es wirklich war. Gebe Gott, daß niemand, der meine Geschichte liest, verführt von dem Zauber der Fremde, hinauszieht, um sich und seine Gaben im Dienst einer fremden Rasse zu erniedrigen.
Wer sich und sein Selbst Fremden zum Eigentum gibt, führt das Leben eines Yahoo[1]1, hat seine Seele an einen Sklavenwärter verschachert. Er gehört nicht zu ihnen. Er kann sich gegen sie stellen, sich seine Sendung einreden, die anderen zurechthämmern und -biegen zu etwas, was sie aus sich selbst heraus niemals geworden wären. Dann beutet er seine frühere Umwelt aus, um sie aus der ihrigen herauszudrängen. Oder er kann, wie ich es tat, sie nachahmen, und zwar so gut, daß sie ihn in unechter Weise wiederum nachahmen. Dann gibt er seine eigene Umwelt auf und maßt sich die ihrige an; aber Anmaßungen sind hohl und wertlos. In keinem Falle tut er etwas aus seinem Selbst heraus, noch etwas so Echtes, das ihm voll entspräche (von dem Gedanken an Bekehrung abgesehen), und überläßt es den anderen, aus dem stummen Beispiel zu entnehmen, was ihnen beliebt.
In meinem Falle brachte mich die Mühe dieser Jahre, die Kleidung der Araber zu tragen und ihre Geistesart nachzuahmen, um mein englisches Ich und ließ mich den Westen und seine Welt mit neuen Augen betrachten: sie zerstörten sie mir gänzlich. Andererseits konnte ich ehrlicherweise nicht in die arabische Haut hinein – ich tat nur so. Leicht kann ein Mensch zum Ungläubigen gemacht werden, aber schwer ist es, ihn zu einem anderen Glauben zu bekehren. Ich hatte eine Form abgestreift, ohne eine andere anzunehmen; und das Ergebnis war ein Gefühl tiefster Vereinsamung im Leben und der Verachtung, nicht der Menschen, aber alles dessen, was sie taten. Solches Losgelöstsein kam in einer Zeit über den Mann, als er von überlanger körperlicher Anstrengung und Absonderung erschöpft war. Sein Körper schleppte sich mechanisch weiter, während sein vernünftiges Denken ihn verließ und von außen kritisch auf ihn herabblickte, sich fragend, was dieser wertlose Ballast eigentlich tat und warum. Manchmal unterhielten sich die beiden Ichs im Leeren; und dann war der Irrsinn nahe, wie er wohl einem Menschen nahe sein kann, der die Dinge gleichzeitig durch die Schleier von zweierlei Sitten, zweierlei Bildung, zweierlei Umwelt zu betrachten vermochte.
Die erste Schwierigkeit der arabischen Bewegung lag in der Feststellung, wer eigentlich »Araber« war. Da sie ein zusammengewürfeltes Volk sind, hat ihr Name im Lauf der Jahre seinen Inhalt geändert. Einst bedeutete er »ein Arabischer«. Es gibt ein Land, das Arabien heißt; doch damit ist nichts gewonnen. Es gibt eine Sprache, das Arabische, und das führt uns zum Ziel. Sie ist die gemeinsame Umgangssprache in Syrien und Palästina, in Mesopotamien und auf der großen Halbinsel, die auf der Karte mit Arabien bezeichnet ist. Vor dem Sieg des Islams waren diese Gegenden von verschiedenen Völkern bewohnt, die Sprachen der arabischen Sprachgruppe gebrauchten. Wir nennen sie das Semitische[2], was (wie die meisten wissenschaftlichen Bezeichnungen) ungenau ist. Indessen waren das Arabische, Assyrische, Babylonische, Phönizische, Hebräische, Aramäische und Syrische doch verwandte Sprachen; und die Merkmale gemeinsamer Einflüsse in der Vorzeit oder sogar eines gemeinsamen Ursprungs wurden durch die Erkenntnis bestätigt, daß Sitten und Gebräuche der heute arabisch sprechenden Völker Asiens zwar bunt wie ein Mohnfeld sind, doch im wesentlichen übereinstimmen. Man kann sie mit vollem Recht Verwandte nennen – wunderliche Verwandte, die voreinander auf der Hut sind.
Das arabischsprechende Gebiet Asiens stellt ein unregelmäßiges Parallelogramm dar. Seine Nordseite läuft von Alexandrette am Mittelmeer quer durch Mesopotamien ostwärts zum Tigris. Die Südseite bildet die Küste des Indischen Ozeans von Aden bis Maskat. Im Westen ist es begrenzt vom Mittelmeer, vom Suezkanal und dem Roten Meer bis Aden. Im Osten vom Tigris und dem Persischen Golf bis Maskat. Dieses Viereck, so groß wie Indien, bildet das Heimatland der Semiten, in dem keine fremde Rasse dauernd Fuß fassen konnte, obwohl Ägypter, Hettiter, Philister, Perser, Griechen, Römer, Türken und Franken es verschiedentlich versucht haben. Alle sind schließlich unterlegen; und ihre verstreuten Reste gingen bald in. der semitischen Rasse mit ihren stark ausgeprägten Merkmalen auf. Einige Male sind die Semiten über dieses Gebiet hinausgedrungen und selber in der Außenwelt untergegangen. Ägypten, Algier, Marokko, Malta, Sizilien, Spanien, Kilikien und Frankreich haben semitische Kolonien aufgesogen und vernichtet. Nur in Tripolis, in Afrika und in der erstaunlichen Erscheinung des Welt Judentums haben Teile der Semiten ihre Eigenart und Stärke behauptet.
Der Ursprung dieser Völker ist eine wissenschaftliche Streitfrage. Aber für das Verständnis ihres Aufstandes sind ihre gegenwärtigen sozialen und politischen Unterschiede von Bedeutung, die nur bei Berücksichtigung ihrer geographischen Lage verstanden werden können. Ihr Gebiet zerfällt in mehrere große Abschnitte, deren außerordentliche landschaftliche Verschiedenheit die voneinander abweichenden Sitten ihrer Bewohner bedingt.
Im Westen, zwischen Alexandrette und Aden, wird das Parallelogramm von einem Gebirgsgürtel umrahmt, der im Norden Syrien heißt, dann weiter nach Süden zu Palästina, ferner Midian, Hedschas und zuletzt Jemen. Seine Durchschnittshöhe beträgt ungefähr dreitausend Fuß mit einzelnen Gipfeln von zehn- bis zwölftausend Fuß 2. Dieser Berggürtel ist nach Westen zu offen, ist gut bewässert durch Regen und feuchte Seewinde und im allgemeinen dicht bevölkert.
Eine andere Reihe bewohnter Höhenzüge bildet nach dem Indischen Ozean zu die Südseite des Parallelogramms. Den Ostrand bildet zuerst eine Alluvialebene, Mesopotamien genannt, dann im Süden von Basra an ein Flachufer mit den Landschaften Koweit, Hasa und Katr. Ein großer Teil dieser Ebene ist bevölkert.
Diese bewohnten Berggürtel und Ebenen umschließen ein dürres Wüstengebiet, in dessen Mitte ein Archipel wasser- und volkreicher Oasen liegt: Kasim und E'Riad. Diese Oasengruppen sind das eigentliche Herz Arabiens, das Gehege seines völkischen Geistes und einer selbstbewußten Eigenart. Die Wüste umschließt sie rings und hält sie von der Berührung mit der Außenwelt fern.
Die Wüste um die Oasen, die ihnen diesen großen Dienst leistete und so den Charakter der Araber formte, ist landschaftlich nicht einheitlich. Südlich der Oasen erscheint sie als ein unwegsames Sandmeer, das sich fast bis zu den Abdachungen an der Küste des Indischen Ozeans erstreckt und diese Gebiete von der Geschichte Arabiens und dem Einfluß arabischer Sitte und Politik ausschließt. Hadramaut, wie man diese Südküste nennt, gehört mit in die Geschichte Niederländisch-Indiens und seine geistigen Fäden spinnen sich eher nach Java als nach Arabien. Im Westen der Oasen, bis zu den Höhen von Hedschas hin, liegt die Nedschdwüste, meist aus Kies und Lava bestehend, mit kleinen Sandeinschüssen. Im Osten der Oasen, nach Koweit zu, erstreckt sich ebenfalls steiniger Boden, aber unterbrochen von großen Strecken losen Sandes, der einen Durchmarsch erschwert. Im Norden der Oasen liegt ein Sandgürtel; daran schließt sich eine ungeheure Ebene aus Kies und Lava an, die den ganzen Raum zwischen dem Ostrand Syriens und den Ufern des Euphrats bis zur Grenze Mesopotamiens ausfüllt. Der Umstand, daß dieser nördliche Teil der Wüste für Fußgänger und Automobile zugänglich ist, ermöglichte den vollen Erfolg des arabischen Aufstandes.
Die Berggürtel im Westen und die Ebenen im Osten gehörten stets zu den volkreichsten und lebendigsten Gebieten Arabiens. Besonders Syrien und Palästina, Hedschas und Jemen griffen von Zeit zu Zeit in die Geschichte des europäischen Lebens ein. Ihrer kulturellen Eigenart nach gehören diese fruchtbaren und gesunden Bergländer mehr zu Europa als zu Asien. Wie überhaupt die Araber ihre Blicke stets auf das Mittelmeer und nicht auf den Indischen Ozean gerichtet hielten, sowohl für ihre kulturellen Bedürfnisse und wirtschaftlichen Unternehmungen, wie auch besonders für ihre Ausbreitung. Denn die Frage der Volksverschiebung bildet eine der stärksten und verwickeltsten Grundkräfte Arabiens; das gilt für das ganze Land, wie verschieden sie sich auch in den einzelnen Teilen gestalten mag.
Im Norden (Syrien) hatten die Städte infolge schlechter sanitärer Zustände und der ungesunden Lebensweise niedrige Geburtenziffern und hohe Sterblichkeitsraten. Infolgedessen fand die überschüssige Landbevölkerung Aufnahme in den Städten und wurde von ihnen aufgesogen. Im Libanon, wo die sanitären Bedingungen besser waren, nahm die Auswanderung der Jugend nach Amerika von Jahr zu Jahr zu und droht (zum erstenmal seit den Tagen der Griechen) die Zukunft eines ganzen Landstrichs entscheidend zu beeinflussen.
Im Jemen war die Lösung anders. Dort gab es keinen auswärtigen Handel und keine Industriezentren, welche die Bevölkerung an ungesunden Orten aufhäuften. Die Städte waren nichts als Marktflecken, primitiv und ländlich wie die Dörfer. Infolgedessen nahm die Bevölkerung langsam zu; die Lebenshaltung sank auf einen sehr niedrigen Stand, und allgemein machte sich eine Übervölkerung fühlbar. Eine Auswanderung über das Meer war unmöglich; denn der Sudan war sogar noch unwohnlicher als Arabien. Die wenigen Stämme, die das Wagnis unternahmen, sahen sich, wenn sie sich behaupten wollten, genötigt, ihre Lebensweise und ihre semitische Kultur von Grund auf zu ändern. Eine Ausdehnung nach Norden längs der Berge war ebensowenig möglich; denn der Weg war durch die Heilige Stadt Mekka und ihren Hafen Dschidda versperrt. Diese Schranke wurde immer wieder durch Einwanderer aus Indien und Java, Buchara und Afrika verstärkt, die sich kräftig behaupteten und dem semitischen Wesen feindlich gegenüberstanden; und sie wurde trotz aller wirtschaftlichen, landschaftlichen und klimatischen Gleichklänge durch das künstliche Mittel einer Weltreligion aufrechterhalten. Die Übervölkerung im Jemen, nachgerade zu einem Notstand geworden, fand daher nur im Osten einen Ausweg, wobei die dünner gesäten Grenzbewohner immer weiter und weiter die Hänge der Berge hinabgedrängt wurden, die Wadis entlang, das halbwüste Gebiet der großen wasserreichen Täler von Bischa, Dawasir, Ranja und Taraba, die weiter nordwärts in die Nedschdwüste führen. Die schwächeren Stämme mußten ständig wasserreiche Quellen und fruchtbare Landstücke gegen immer ärmere und weniger ertragreiche eintauschen, bis sie schließlich eine Gegend erreichten, wo ein Ackerbau allein unmöglich wurde. Dort fingen sie an, ihren kärglichen Lebensunterhalt durch Schaf- und Kamelzucht zu ergänzen; und mit der Zeit wurde ihr Dasein immer mehr und mehr von diesen Herden abhängig.
Schließlich wurden die Grenzvölker, schon fast alle Hirten geworden, unter einem letzten Vorstoß der notleidenden Bevölkerung in ihrem Rücken auch aus der fernsten kleinen Oase hinaus in die unwegsame Wildnis getrieben und sie wurden nun Nomaden. Dieser Vorgang, den man heute bei einzelnen Sippen und Stämmen verfolgen kann, deren Wanderungen sich nach Ort und Zeit genau bestimmen lassen, muß schon am Anfang der vollen Besiedlung des Jemen begonnen haben. Die Wadis unterhalb von Mekka und Taif sind voll von Erinnerungen und Ortsnamen einiger fünfzig Stämme, die von dort ausgezogen sind und heute vielleicht im Nedschd, im Dschebel Schammar, im Hamad oder sogar an den Grenzen von Syrien und Mesopotamien zu finden sind. Dort begann die Wanderung, entstand das Nomadentum, entsprang der Golfstrom der Wüstenwanderer.
Die Wüstenvölker waren ebenso unstet wie die Bewohner der Bergländer. Die wirtschaftliche Grundlage ihres Lebens war ihr Bestand an Kamelen; für die Zucht am geeignetsten waren die kräftigen Hochlandweiden mit ihrem starken, nahrhaften Dorngestrüpp. Von dieser Beschäftigung lebten die Beduinen; und sie wiederum formte ihr Dasein, bestimmte das Gebiet der einzelnen Stämme und hielt sie auf steter Wanderung von den Frühjahrs- zu den Sommer- und Winterweiden, je nachdem, wo die Herden ihre karge Nahrung fanden. Die Kamelmärkte in Syrien, Mesopotamien und Ägypten entschieden, wieviel Menschen die Wüste ernähren konnte, und regelten genau die Höhe ihrer Lebenshaltung. Gelegentlich kam es auch in der Wüste zu einer Übervölkerung im Vergleich zu den Ernährungsmöglichkeiten. Dann begannen die zahllosen Stämme einander zu schieben und zu stoßen, in dem natürlichen Drange, einen Platz an der Sonne zu finden. Südwärts zu unwirtlichem Sand oder Meer mochten sie nicht wandern. Westwärts konnten sie sich nicht wenden, denn die steilen Höhen von Hedschas waren von den Bergvölkern dicht besiedelt, die den Vorteil einer natürlichen Verteidigungsstellung genossen. Manchmal stießen sie nach den zentralen Oasen von E'Riad und Kasim vor; und wenn die Stämme, die neue Wohnsitze suchten, stark und kräftig waren, mochte es ihnen gelingen, sie teilweise zu besetzen. Wenn aber die Wüste ihre Kraft nicht gestählt hatte, wurden sie Schritt für Schritt nach Norden getrieben, in die Gegend zwischen Medina im Hedschas und Kasim im Nedschd, bis sie sich an der Gabelung zweier Wege befanden. Sie konnten sich nach Osten wenden, über Wadi Rumh oder Dschebel Schammar, und schließlich dem Batin bis Schamiye folgen, wo sie dann am unteren Euphrat Flußaraber wurden. Oder sie konnten langsam Sprosse für Sprosse die Leiter der westlichen Oasen erklettern – Henakijeh, Kheiber, Teima, Dschof und den Sirhan – bis sie sich glücklich dem Dschebel Drus in Syrien näherten oder ihre Herden in der nördlichen Wüste um Tedmur herum tränkten, auf dem Wege nach Aleppo oder Assyrien.
Aber auch dann wich der Druck nicht von ihnen: der unerbittliche Zug nach Norden dauerte an. Die Stämme wurden bis an den Rand der bebauten Gegenden Syriens oder Mesopotamiens gedrängt. Günstige Gelegenheit und die Magenfrage überzeugten sie von den Vorteilen, sich Ziegen und dann auch Schafe zu halten; und schließlich begannen sie Getreide zu bauen, wenn auch nur ein wenig Gerste für das Vieh. Sie waren nun nicht mehr Beduinen und litten ebenso wie die Dörfler unter den Raubzügen der nachdrängenden Nomaden. Ganz von selbst machten sie gemeinsame Sache mit der bereits ansässigen Landbevölkerung und fanden, daß auch sie nun Bauern waren.
So sehen wir also, wie Stämme, aus dem Hochland von Jemen gebürtig, von stärkeren Stämmen in die Wüste hineingetrieben und dort wider ihren Willen Nomaden werden, um sich am Leben zu erhalten. Wir sehen, wie sie Jahr für Jahr ein wenig weiter nördlich oder östlich wandern, wie sie gerade durch den einen oder anderen der Brunnenwege durch die Wüste geführt werden, bis endlich der Druck sie wieder aus der Wüste herausdrängt und sie sich ansiedeln, ebenso gegen ihren Willen, wie sie vordem zum Nomadenleben gezwungen worden waren. Dieser Kreislauf erhielt den Semiten ihre Kraft. Es gibt wenige, im Norden vielleicht überhaupt keine, deren Ahnen nicht einmal in dunkler Vorzeit durch die Wüste gewandert wären. Jeder von ihnen trägt mehr oder weniger das Merkmal des Nomadentums an sich, der schärfsten und einschneidendsten Zucht.
Stammesangehörige und Städter in den arabischsprechenden Teilen Asiens sind nicht verschiedene Rassen, sondern Menschen auf verschiedenen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Stufen. Man kann also eine geistige Familienähnlichkeit bei ihnen voraussetzen, und es ist nur folgerichtig, daß sich gemeinsame Grundzüge in den Äußerungen aller dieser Völker feststellen lassen.
Schon gleich zu Anfang, bei der ersten Begegnung mit ihnen, fiel die Klarheit und Härte ihres Glaubens auf, der fast mathematisch genau in seiner Abgrenzung ist und durch seine Gefühlskälte abstößt. Die Semiten kennen keine Halbtöne in den Registern ihrer transzendentalen Schau. Sie sind ein Volk der Grundfarben, oder vielmehr des Schwarz und Weiß, und sehen die Welt stets nur in Umrissen. Sie sind dogmengläubig und verabscheuen den Zweifel, die Dornenkrone unserer Zeit. Sie haben kein Verständnis für unsere metaphysischen Bedenken oder unsere grüblerischen Fragestellungen. Sie kennen nur Wahrheit und Unwahrheit, Glauben und Unglauben, ohne unsere zögernden Vorbehalte der feinen Abschattierungen.
Nicht nur im Religiösen, auch ihrer ganzen Anlage nach bis in die feinsten Verästelungen ihres Wesens sind sie ein Volk des Schwarz und Weiß. Ihr Denken fühlt sich nur wohl im Extremen. Sie bewegen sich am liebsten in Superlativen. Manchmal schien Unvereinbares ihren Geist erfaßt zu haben, das sie dann in verknüpfter Folge vorbrachten; aber sie suchten nie einen Ausgleich, führten die Logik mehrerer einander widersprechender Behauptungen bis zum unstimmigen Ende durch, ohne der Ungereimtheit gewahr zu werden. Mit kühlem Kopf und gelassenem Urteil, unerschütterlich ahnungslos ihrer Gedankengaloppaden, fielen sie aus einer Asymptote in die andere.
Sie waren ein geistig engbegrenztes Volk, dessen unentwickelte Verstandeskräfte in sorglosem Gleichmut brachlagen. Ihre Phantasie war lebhaft, doch nicht schöpferisch. Es gibt so wenig arabische Kunst in Asien, daß man fast sagen könnte, sie besaßen überhaupt keine, obwohl die Höherstehenden freigebige Gönner waren und stets alle Talente gefördert haben, die ihre Nachbarn oder Hörigen in der Architektur, in der Keramik oder in anderen Handwerkskünsten entfalteten. Sie schufen auch keine großen Industrien, dazu fehlte es ihnen an Organisationstalent. Sie erfanden keine philosophischen Systeme, keine gestaltreichen Mythologien. Zwischen Stammesidolen und Höhlengottheiten steuerte ihr Dasein dahin. Als ein Volk, das unter allen am wenigsten angekränkelt war, nahmen sie das Leben als eine unproblematische Gabe, die keiner Rechenschaft bedurfte. Es war für sie etwas Unabweisbares, dem Menschen zur unumschränkten Nutznießung zugeteilt. Selbstmord war unmöglich, der Tod nicht beklagenswert.
Sie waren ein Volk der Verkrampfungen, der plötzlichen Ausbrüche, der Ideen, eine Rasse des individuellen Genies. Ihre Entladungen wurden um so auffälliger durch den Gegensatz zur Gelassenheit ihres Alltags, ihre großen Männer erschienen größer durch den Gegensatz zum Allzumenschlichen der Masse. Der Instinkt bestimmte ihre Überzeugungen, die Intuition ihr Handeln. Ihre Haupttätigkeit bestand in der Herstellung von Glaubensbekenntnissen; sie besaßen geradezu ein Monopol auf Offenbarungsreligionen. Drei davon haben sich unter ihnen erhalten, von denen zwei auch (in abgeänderten Formen) zu nichtsemitischen Völkern gelangten. Das Christentum hat, nach seiner Übertragung in den Geist des Griechischen, Lateinischen und Germanischen, Europa und Amerika erobert. Der Islam hat in verschiedenen Abwandlungen Afrika und Teile von Asien unterworfen. Das waren die Erfolge der Semiten. Ihre Mißerfolge behielten sie für sich. Der Saum ihrer Wüsten war mit Trümmern von Glaubenslehren übersät.
Es ist bezeichnend, daß diese Reste gescheiterter Religionen gerade an den Grenzen zwischen Wüste und bebautem Land zu finden sind. Das weist auf die Entstehung all dieser Glaubenslehren hin. Sie stützten sich auf Behauptungen, nicht auf Beweisgründe, bedurften daher eines Propheten zur Verbreitung. Die Araber behaupten, daß es vierzigtausend Propheten gegeben hat; wir wissen von mindestens einigen hundert. Keiner von ihnen kam aus der Wüste; doch ihr aller Leben verlief nach dem gleichen Muster. Ihrer Geburt nach gehörten sie in volkreiche Ortschaften. Ein unverständlich leidenschaftliches Sehnen trieb sie in die Wüste hinaus. Dort lebten sie längere oder kürzere Zeit in Betrachtung und Einsamkeit; und von dort kehrten sie mit einer Botschaft zurück, die, wie sie meinten, ihnen zuteil geworden war, um sie früheren, nun zweifelnden Gefährten zu predigen. Die Gründer der drei großen Glaubenslehren haben alle diesen Kreis durchlaufen. Diese vielleicht zufällige Übereinstimmung erhält gesetzmäßigen Charakter durch die gleichlaufenden Lebensgeschichten der tausend anderen, die scheiterten, deren Berufung gewiß nicht weniger echt war, aber denen Zeit und Entnüchterung keine ausgedörrten Seelen aufgehäuft hatten, bereit, in Flammen gesetzt zu werden. Für die Grübler in den Städten ist der Drang in die Öde stets unwiderstehlich gewesen, wohl nicht, weil sie Gott dort fanden, sondern weil sie in der Einsamkeit mit größerer Klarheit die lebendige Stimme hörten, die sie in sich trugen.
Der gemeinsame Grundgedanke aller semitischen Religionen, der erfolgreichen und der erfolglosen, war die immer gegenwärtige Idee der Nichtigkeit alles Irdischen. Aus tiefer Abneigung gegen die Materie predigten sie Entbehrung, Entsagung und Armut, und in der Luft einer solchen Lehre verflüchtigten sich rettungslos die Seelen der Wüste. Eine erste Erfahrung von ihrem Sinn für die Reinheit dieser Verflüchtigung machte ich in früheren Jahren, als wir weithin über die leicht gewellten Ebenen Nordsyriens geritten waren bis zu einer Ruine aus der Römerzeit, die nach Meinung der Araber einst ein Wüstenschloß gewesen war, das ein Fürst der Grenzvölker für seine Königin errichtet hatte. Um den Bau noch schöner zu machen, war, wie sie erzählten, der Lehm nicht mit Wasser, sondern mit kostbaren Blumenessenzen geknetet worden. Meine Führer witterten gleich Hunden in der Luft, führten mich von einem zerfallenen Raum in den anderen und erklärten: »Das hier ist Jasmin, das Veilchen, das Rose.«
Aber zuletzt zog mich Dahoum mit sich: »Komm und rieche den schönsten Duft von allen!« Wir gingen in den Hauptraum, traten an die gähnenden Fensterhöhlen der östlichen Seite und tranken dort mit offenem Munde den leichten, reinen, unbeschwerten Wüstenwind, der uns umfächelte. Dieser sanfte Hauch war irgendwo jenseits des Euphrat entstanden, war viele Tage und Nächte lang über dürres Gras dahingestrichen bis zu diesem ersten Hindernis, den von Menschenhand errichteten Mauern des verfallenen Palastes. Es schien, als verweilte er zwischen ihnen, umschmeichelte sie, raunte ihnen etwas zu nach Kinderart. »Das ist der beste,« sagten sie zu mir, »er hat keinerlei Geschmack.« Meine Araber hatten allen Wohlgerüchen und Üppigkeiten den Rücken gekehrt und sich Dingen zugewandt, an denen Menschenhand keinen Anteil hatte.
Der Beduine der Wüste, der in ihr geboren und aufgewachsen ist, hat sich mit ganzer Seele dieser für Außenstehende allzu harten Kargheit hingegeben, aus dem zwar gefühlten, aber nicht bewußt gewordenen Grund, weil er sich in ihr wahrhaft frei findet. Er hat alle materiellen Bindungen, Annehmlichkeiten, Verfeinerungen, Luxus und sonstigen Ballast des Lebens hinter sich gelassen, um dafür eine persönliche Freiheit zu gewinnen, die von Elend und Tod bedroht ist. In der Armut sieht er keine Tugend an sich; er liebt die kleinen Freuden und Genüsse – Kaffee, frisches Wasser, Frauen – die er sich noch leisten kann. Sein Leben bietet ihm Luft und Wind, Sonne und Licht, freien Raum und eine große Leere. Diese Natur blieb unberührt von Menschenwerk und Gabenfülle: nur den Himmel droben und drunten die jungfräuliche Erde. So kam er unbewußt Gott näher. Gott hatte für ihn nichts Menschliches, nichts Faßbares, nichts Moralisches oder Ethisches, nichts was auf die Welt oder ihn Bezug hatte, auch nicht die Natur, sondern das ἀχροώματος, ἀσχημάτιστος, ἀναφής (das Farblose, Gestaltlose, Körperlose). Er war also nicht durch Devestitur, sondern Investitur qualifiziert, der Inbegriff alles Tuns, Natur und Materie nur Spiegelungen von Ihm.
Der Beduine vermochte nicht Gott in sich zu suchen; er war zu gewiß, daß er in Gott war. Er konnte nicht fassen, daß Gott irgend etwas war oder nicht war. Nur Er allein war groß; dennoch war etwas Heimisches, etwas Alltägliches um diesen Gott der Natur Arabiens. Er war in ihrer Nahrung, ihren Kämpfen, ihren Begierden, war der allerhäufigste ihrer Gedanken, ihr vertrauter Helfer und Gefährte, in gewisser Weise unvorstellbar für jene, denen Gott so kunstvoll verschleiert ist aus Verzweiflung über ihre fleischliche Unwürdigkeit oder durch die Äußerlichkeiten der formalen Verehrung. Die Araber sahen keine Widersinnigkeit darin, Gott mit ihren Schwächen und Gelüsten niedrigster Art in Verbindung zu bringen. Er war das gebräuchlichste ihrer Wörter; und wir haben in der Tat viel an Beredsamkeit eingebüßt, daß wir Ihn mit dem kürzesten und unschönsten unserer Einsilber benannten.
Der Glaube der Wüste scheint unaussprechbar in Worten und ist auch nicht mit Gedanken zu erfassen. Man unterlag leicht seinem Einfluß; und wer lange genug in der Wüste lebte, um ihrer endlosen Weite und Leere nicht mehr bewußt zu werden, der wurde unweigerlich auf Gott zurückgeworfen als einzige Zuflucht und Rhythmus des Seins. Der Beduine mochte nominell ein Sunnit, ein Wahhabi[3] oder sonst irgend etwas in der semitischen Sphäre sein; aber das hatte für ihn kein Gewicht. Jeder einzelne Nomade hatte seine offenbarte Religion, nicht erfahren oder überliefert oder kund getan, aber instinktiv in sich selbst; und so betonten alle semitischen Glaubenslehren, die zu uns kamen, die Leere der Welt und die Fülle Gottes; und ihre äußere Gestalt erfolgte auch entsprechend den Anlagen und Lebensumständen des Gläubigen.
Der Wüstenbewohner konnte mit seinem Glauben nicht nach außen wirken. Er ist niemals Evangelist oder Proselytenmacher gewesen. Er gelangte zu dieser intensiven Konzentrierung seines Ichs in Gott dadurch, daß er die Augen verschloß vor der Welt und vor den vielfältigen in ihm schlummernden Möglichkeiten, die nur durch Berührung mit Reichtum und Lockungen zur Auslösung kommen konnten. Er erlangte einen sicheren Glauben, einen starken Glauben, aber auf wie eng begrenztem Bezirk! Seine Erlebnisarmut beraubte ihn des Mitleids und ließ seine menschliche Güte entarten zu dem Bilde der Wüstenei, in der er sich verbarg. So kam es, daß er sich kasteite, nicht nur, um frei zu sein, sondern, um sich zu gefallen. Damit folgte ein Schwelgen in Schmerz, eine Grausamkeit, die ihm mehr bedeutete als alle irdischen Güter. Der Wüstenaraber kannte keine Freuden, nur die des freiwilligen Entsagens. Er fand Wollust in der Selbstverleugnung, dem Verzicht, der Entäußerung. Er machte die Entblößung der Seele zu einer ebenso sinnlichen Angelegenheit wie die Entblößung des Körpers. Dadurch mag er vielleicht, ohne Gefahr zu laufen, seine Seele gerettet haben, aber in einer kalten Selbstsucht. Seine Wüste wurde zu einem Eiskeller gemacht, in dem für alle Zeiten eine Vision von der Alleinheit Gottes unversehrt, aber unerprobt aufbewahrt wurde. Dorthin konnten sich die Suchenden aus der Außenwelt für eine Weile zurückziehen und von diesem Losgelöstsein aus sich über die Wesensart der Generation klar werden, die sie bekehren wollten.
Der Glaube der Wüste war für die Städter unmöglich. Er war zu fremdartig, zu einfach, zu wenig faßbar für die Übertragung und den allgemeinen Gebrauch. Die Idee, der Glaubenskern aller semitischen Religionen, war darin enthalten, aber sie mußte verdünnt werden, um für uns faßbar zu werden. Das Pfeifen der Geißel klang zu schrill für manche Ohren; der Geist der Wüste entwich durch unser gröberes Gewebe. Die Propheten kehrten mit ihrem Blick auf Gott aus der Wüste zurück, und durch ihr getrübtes Medium (wie durch ein dunkles Glas) ließen sie etwas sehen von der Majestät und Herrlichkeit, deren volle Schau uns blind, stumm, taub und zu dem gemacht hatte, was der Beduine geworden war, ein Abseitiger, ein Mensch für sich.
Die Schüler bemühten sich, nach der Lehre des Meisters sich und die Gläubigen von allem Irdischen loszulösen, aber strauchelten dabei über die menschliche Schwäche und scheiterten. Der Bauer und Städter aber mußte, um leben zu können, sich Tag für Tag den Freuden des Verdienens und Schätzesammelns hingeben, und durch den Zwang der Umstände wurde er zum grobsinnigsten und materiellsten der Menschen. Der leuchtende Glanz der Lebensverachtung, der andere zur härtesten Askese führte, stürzte ihn in Verzweiflung. Kopflos vergeudete er sich, wie ein Verschwender, verpraßte die Erbschaft seines Fleisches mit einer sehnsüchtigen Hast nach dem Ende. Der Jude in der Metropole von Brighton, der Geizhals, der Anbeter des Adonis, der Lüstling in den Freudenhäusern von Damaskus, jeder war in gleicher Weise typisch für die Genußfreude der Semiten und nur andere Auswirkungen derselben Triebkraft, an, deren anderem Pol die Selbstverleugnung der Essäer oder der Urchristen oder der ersten Kalifen stand, denen der Weg zum Himmel am leichtesten für die Armen im Geist erschien. Der Semit schwankte ständig zwischen irdischer Lust und Askese.
