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Im Himmel über unseren Städten und Dörfern, in Parks und auf Friedhöfen: Überall gibt es Vögel! Wer seine fliegenden Nachbarn näher kennen lernen möchte, braucht nicht viel mehr als dieses etwas andere Bestimmungsbuch. Der modern gestaltete Naturführer ist speziell auf die Vogelwelt in der Nachbarschaft der Menschen zugeschnitten. Die Vögel sind nach Ort und Sichtbarkeit, also nach der Wahrscheinlichkeit, sie zu entdecken, geordnet. Das ist besonders für Einsteiger hilfreich. Die Informationen zu jeder Art werden in lockerem Erzählstil präsentiert und sind mit detaillierten Fotos bebildert. Das Plus zum Buch: Die kostenlose KOSMOS-PLUS-App mit Vogelstimmen. Ein kenntnisreicher, unterhaltsamer Vogelführer – maßgeschneidert für alle, die Lust haben auf das Trend-Hobby Vögel beobachten.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 277
Veröffentlichungsjahr: 2020
© Frank Hecker
Inhalt
FASZINATION BIRDING
Glücksmomente
Lauscher spitzen
ZU RISIKEN UND NEBENWIRKUNGEN …
Warum also das Buch?
Nach Lebensräumen
Nach Sichtbarkeit
Artporträts
Artenauswahl
AUSRÜSTUNG
Das Fernglas
Das Spektiv
Fotografieren
Outfit
Was sonst noch?
Im Tagesverlauf
Im Jahresverlauf
Beobachtungen melden
VOGELSTIMMEN
Rufe und Gesänge helfen
Stimmen lernen
Dolmetscherschwächen
Enorme Vielfalt
INNENSTADT
Wo sind die Vögel?
Homerange
WOHNGEBIET UND DORF
Mehr Grün
Im Jahresverlauf
PARK UND STADTWALD
Strukturreich und vielfältig
Park versus Wald
TEICH, FLUSS UND SEE
AngelegtFluss und Bach
Teich und See
Im Jahresverlauf
DIESE VÖGEL SIEHST DU
in der Innenstadt
in Wohngebiet und Dorf
in Park und Stadtwald
an Teich, Fluss und See
immer wieder,sie sind aber ausgesetzt oder ausgebüxt
SERVICE
Nützliche Adressen
Empfehlenswerte Medien
Die Vogelarten und ihre App-Codes
Der Autor
Impressum
FASZINATION BIRDING
GLÜCKSMOMENTE
Montag, 17. September, Stuttgart Hauptbahnhof. Kurz nach sieben Uhr morgens. Knarzend und ächzend schiebt sich der Intercity mit dem Fahrtziel Düsseldorf in das Gleis 9 und kommt laut quietschend zum Stillstand. Nachdem wenige Reisende den Zug verlassen haben, besteige ich einen der vorderen Wagen und nehme wie immer, wenn ich die Auswahl habe, an einem Fenstersitz mit Blick auf den Schlossgarten Platz. Natürlich packe ich auch mein Fernglas aus – vielleicht geht ja noch was! Man weiß ja nie … Meistens sind es aber nur Hoffnungen, und außer ein paar Straßen- und Ringeltauben sowie Rabenkrähen gerät kaum etwas in das Blickfeld des erwartungsvollen Birders. Selten fliegen ein paar Gelbkopfamazonen in ihrer so typischen Flugweise mit den flachen, schnellen Flügelschlägen, dem wuchtigen Körper und dem kurzen Schwanz niedrig über die mächtigen Platanen, die die Bahnstrecke säumen.
Nicht aber an diesem Morgen! Kaum habe ich das Gepäck verstaut, verlasse ich auch schon wieder hektisch den Zug, der zum Glück immer einige Minuten hält. Denn über dem Schlossgarten kommen zwei Segler in Sicht. Oh, sind die groß! Verdammt groß! Aber auch verdammt schnell! Gleich werden sie wegen des Wagendachs außer Sicht geraten. Also Kamera und Fernglas geschnappt und nichts wie raus. Etwas ungläubige Blicke der Mitreisenden. Draußen bestätigt sich dann der Verdacht: Alpensegler – weißer Bauch und weiße Kehle! Da sie dann doch noch eine Ehrenrunde drehen, genieße ich diesen herrlichen Segler im Morgenlicht und mache einige Belegfotos. Wenn das kein schönes Abschiedsgeschenk meiner Heimatstadt ist! Beschwingt zurück in den Zug. Der Tag hat schon sein erstes Highlight. Und was für eines! So ganz nebenher – ohne dass es einen etwas kostet. Denn obwohl Alpensegler im süddeutschen Raum zugenommen haben, gelingen nur mit Glück oder oft langem Warten an den Brutplätzen Beobachtungen dieser spannenden Art. Also ein echter Glücksmoment!
© Holger Haag
So etwas passiert jedem Vogelbeobachter. Vielleicht nicht unbedingt mit Alpenseglern, denn die sind außerhalb einiger weniger Städte im Südwesten Deutschlands wirklich sehr selten, aber mit vielen anderen Arten und Erlebnissen. Es gibt immer wieder Arten, über die man sich besonders freut. Oder es ist einfach der Zauber einer schönen Beobachtung. Auch ein singendes Rotkehlchen an einem Wintermorgen, wenn es sonst im Wald ganz still ist, kann Glücksmomente auslösen. Man muss nur offen dem Schönen gegenüber sein und vor allem aufmerksam.
Alpensegler© Mathias Schäf
LAUSCHER SPITZEN
Oft entgehen uns solche Momente, weil wir durch viele Dinge abgelenkt sind. Wir schauen pausenlos auf das Smartphone oder sind mit Telefonieren beschäftigt. Viele begeben sich auch in eine freiwillige Isolation, indem sie Kopfhörer aufhaben und Musik hören. Ich höre auch gerne Musik, sehr gerne sogar, aber draußen möchte ich den Geräuschen der Natur lauschen und mich öffnen für alles, was mich umgibt. Als Birder habe ich außerdem einfach zu große Sorgen, ich könnte was verpassen. Und wenn du weißt, dass nach meiner Schätzung sicherlich weit mehr als die Hälfte, in manchen Lebensräumen vielleicht sogar drei Viertel der Beobachtungen nur über das Hören gelingen, kannst du mich verstehen und wirst keinen Kopfhörer mehr aufsetzen, wenn du draußen bist. Auch nachts ist es spannend, vor allem im Herbst und Frühjahr, zu sehen, welche Arten auf dem Zug vorbeiziehen. Manche Ornis schlafen selbst bei kühlen Temperaturen bei offenem Fenster, damit sie nichts verpassen. Aber bekommt man dann den nächtlichen Zugruf auch mit, wenn man in den seligsten Träumen liegt? Vielleicht per Zufall und mit Glück! Dank neuer Technik kann man jetzt auch schon kleine Aufnahmegeräte nachts raushängen, die die Rufe aufzeichnen, und am nächsten Tag auswerten. Total spannend, was dabei herauskommt. Voll aufregend!
Triebfeder ist bei jedem Birder, dass zu jeder Zeit alles passieren kann, also ganz unverhofft tolle Arten zur Beobachtung kommen. Ob das nun die Megaseltenheit im nahe gelegenen Feuchtgebiet ist oder eine neue Art für das Lieblingsgebiet oder den Garten. Wenn man es geschickt anstellt, zum Beispiel die Ansprüche den Gegebenheiten anpasst, kann man sich sehr oft schöne Momente bereiten. Jeden Tag. Und jeden Tag andere.
Vögel beobachten ist einfach eine große Bereicherung für den Alltag, egal, wie intensiv du es betreibst. Ob im Urlaub in fernen Landen, in einem großartigen Naturschutzgebiet, im Park nebenan oder gar vom Balkon: Birden entspannt, ist gesund – immer an der frischen Luft – und tut der Seele gut, was wissenschaftlich bewiesen sein soll. Wenn du also nach einer sinnvollen und spannenden Bereicherung für dein Leben suchst, die jeden Tag Glücksmomente hervorzaubern kann, dann bist du beim Birding genau richtig.
Jetzt schnapp dir das Fernglas und geh raus! Nimm dieses Buch einfach mit!
Viel Spaß
Michael
ZU RISIKEN UND NEBENWIRKUNGEN …
Birding kann zu einer großen Leidenschaft werden und deinen Alltag bereichern oder gar verändern. Und wie es oft so ist: Es wird immer besser, je mehr du dich auskennst. Und aufpassen: Es kann zur Droge werden. Ich sag nur eins: Zu Risiken und Nebenwirkungen lies dieses Buch oder frage den nächsten Birder.
Haussperling, Weibchen© Holger Haag
WARUM ALSO DAS BUCH?
Es soll bei dir Neugier und Interesse an einem faszinierenden Hobby und an einem spannenden Thema wecken. Oder vielleicht auch weiter anfeuern, denn immerhin hast du es dir ja schon zugelegt! Ein gewisses Interesse scheint also bereits vorhanden zu sein oder es wird ein solches vermutet, solltest du es geschenkt bekommen haben. Dann könnte es deine Kenntnisse vertiefen. Auf jeden Fall soll es dir Spaß machen und nebenbei auch ein bisschen Wissen vermitteln. Auf lockere Art möchte ich dich mit in die Welt des „Urban Birdings“ nehmen. Deshalb ist mein Anliegen mehr, dir die Faszination, die ich für Vögel verspüre, anhand von kleinen Geschichten und Anekdoten weiterzugeben, statt bierernst irgendwelche Bestimmungsmerkmale aufzuzählen. Du wirst also sehen, dass es mir nicht so sehr auf die Vermittlung des letzten Details von Merkmalen oder die ausführliche Darstellung von Stimme, Lebensraum oder Ökologie ankommt als vielmehr auf das Erleben, auf spannende Fakten und einfach auf das „Drumherum“. Es gibt daher auch keinen roten Faden, sondern jedes Artporträt ist ein bisschen anders „gestrickt“.
NACH LEBENSRÄUMEN
Die meisten Vogelbücher orientieren sich bezüglich ihres Aufbaus an der wissenschaftlichen Systematik. Also gruppiert man Arten, die miteinander verwandt sind. Das hat den Vorteil, dass ähnliche Arten oft in räumlicher Nähe, wenn nicht gar nebeneinander zu finden sind. Es kann aber auch dazu führen, dass sich gerade Einsteiger aufgrund der möglichen Vielfalt überfordert fühlen. So viele Arten, die alle fast gleich aussehen! Außerdem kennen die meisten Newcomer ja die Systematik gar nicht.
Deshalb ist das Werk so konzipiert, dass die Kapitel zunächst nach Lebensräumen gegliedert sind. Jedes Kapitel beschreibt die Vogelarten eines Lebensraums, also die, die dort besonders wahrscheinlich auftreten. Es sind die Gebiete, die sich in unserem unmittelbaren Wohnumfeld befinden. So geht es mit der Innenstadt los, führt über Wohngebiet und Dorf, auch mit einigen Arten des Offenlands wie Feldlerche, Feldsperlinge, Fasan oder Steinkauz, da du ihnen vielleicht am Stadtrand oder bei einem Gang über die Felder begegnen kannst, und über Park und Stadtwald bis hin zu Teich, Fluss und See. Diese Lebensräume stelle ich dir nachfolgend noch näher vor. Natürlich bewegen sich viele Arten auch zwischen den Lebensräumen, Vögel können fliegen und halten sich nicht an Kapitelgrenzen. So ist die Blaumeise im Kapitel „Innenstadt“ beschrieben, also im urbansten Lebensraum, natürlich triffst du sie auch im Dorf, im Park oder im Stadtwald.
NACH SICHTBARKEIT
Innerhalb der verschiedenen Lebensräume sind die Arten nach der Häufigkeit, oder eher nach der Wahrscheinlichkeit, mit der du sie sehen wirst, sortiert. Jedes Kapitel startet daher mit den Arten, die du wirklich relativ schnell entdecken kannst, wenn Lebensraum und Jahreszeit stimmen. Umso weiter du blätterst, desto weniger häufig werden die Arten. Der Kolumnentitel oben rechts auf der Doppelseite dient zur Orientierung, wo du dich gerade befindest, und unterteilt die Sichtbarkeit in drei grobe Kategorien:
SIEHST DU BESTIMMT! Du wirst überrascht sein, wie viele Arten ich dir sozusagen verspreche. Einige von ihnen kennst du sicher auch schon.
SIEHST DU WAHRSCHEINLICH! Hier findest du die Vogelarten, die einen nicht gerade direkt „anspringen“, aber doch so häufig sind, dass du sie eigentlich regelmäßig entdecken kannst, manchmal allerdings mit regionalen Unterschieden.
RESPEKT, WENN DU DIE ENTDECKST! Recht seltene Arten sind hier einsortiert. Das sind welche, die ich unbedingt erwähnen wollte, da besonders faszinierende Vögel dazugehören, es aber Glück und natürlich auch schon Können voraussetzt, diese Arten zu erkennen. Hier sind auch einige Arten dabei, die nur lokal vorkommen oder nur auf dem Durchzug erscheinen. Wenn du diese also findest, darfst du dich richtig freuen.
ARTPORTRÄTS
Der besseren Übersichtlichkeit wegen stehen zu Beginn eines jeden Artporträts nach dem deutschen und wissenschaftlichen Artnamen die wichtigsten Fakten, vor allem auch zum jahreszeitlichen Auftreten („Bei uns“). Außerdem habe ich hier die Stimmen grob beschrieben. Nutze aber bitte die App, um dir die Rufe und Gesänge anzuhören. Oder besorge dir eine Vogelstimmen-CD oder nutze xeno-canto.org, ein Vogelstimmen-Portal im Internet. Die Stimmen zu hören, vermittelt einen ganz anderen Eindruck, der unmöglich in Worte zu fassen ist. Danach folgen wissenswerte Informationen, Geschichten und Anekdoten zu der vorgestellten Art, gefolgt von den Merkmalen und den ähnlichen Arten und ihren Unterscheidungsmerkmalen. Oben rechts kannst du dir immer die grobe Größe des Vogels durch den Vergleich mit der Straßentaube vorstellen.
ARTENAUSWAHL
Da die Anzahl der Arten bewusst klein gehalten wurde, damit sie nicht überfordert, kann ich nicht ausschließen, dass dir Arten begegnen, die du nicht in diesem Buch finden wirst. Es behandelt ja gewissermaßen als Einstieg nur die Arten, die du sehr regelmäßig oder mit ein bisschen Glück und Können entdecken wirst. Ein guter Beobachter kann 300 oder mehr Arten in Deutschland, in Österreich oder in der Schweiz auf seiner persönlichen Artenliste haben – freilich oft erst nach etlichen „Sammler“-Jahren. In diesem Buch stelle ich 139 Arten vor, was schon eine ganze Menge ist, aber eben längst noch nicht alle Arten umfasst, die du hier erwarten kannst. Die Auswahl war natürlich nicht leicht, und ich hätte gerne noch ein paar Arten mehr vorgestellt. Verzeih mir die süddeutsche Brille, die ich nun einmal aufhabe. Manchmal habe ich mich in meinen Formulierungen etwas vermenschlicht ausgedrückt. So ist ein Vogel zum Beispiel natürlich nicht von sich überzeugt. Aber so kannst du dir die Verhaltensweisen vielleicht besser merken.
Doch wenn es mir gelingt, bei dir ein Interesse an den Vögeln zu entfachen oder dich weiter für das Vogelbeobachten zu begeistern, dann hat es sich gelohnt, diesen Naturführer zu schreiben, und ich bin glücklich!
AUSRÜSTUNG
Fast überall hast du das Vergnügen, Vögel zu entdecken. Du kannst also sofort vor deiner eigenen Haustür loslegen – egal, wo du wohnst. Und eigentlich benötigst du nichts, schon einiges kannst du mit bloßem Auge sehen und mehr noch hören. Das mit dem Hören ist aber so eine Sache, da du dazu die Stimmen kennen solltest. Dazu später mehr. Und das Sehen auf Entfernung geht mit einem Fernglas auch wesentlich besser und dieses ist, wenn ich ehrlich bin, eigentlich unerlässlich.
Ich habe schon ein bisschen einen Optik-Tick, denn ohne Fernglas verlasse ich üblicherweise nicht mehr das Haus. Wie oft habe ich mich schon geärgert, dass ich einen spannend aussehenden Vogel nicht bestimmen konnte, da ich kein „Glas“ zur Hand hatte. So habe ich mindestens mein sogenanntes Handy dabei, ein 6 × 20-Ferngläschen, das aber meistens völlig ausreichend ist, um viele Arten zu bestimmen. Es passt bequem in alle möglichen Taschen, sogar in die Hosentasche. Bei so manchem Meeting oder auch im Stadion war es schon meine Rettung.
DAS FERNGLAS
Bei der Optik rate ich dringend zu guter Qualität, auch wenn es recht teuer bis schmerzhaft teuer werden kann. Aber du wirst ein dauerhaftes Vergnügen haben. Statt alle zwei Jahre ein Fernglas für € 150 zu kaufen, durch das du nicht gescheit siehst und das bald kaputtgeht, leiste dir einmal eines für € 1 000 bis 2 000 und du hast zwanzig bis dreißig Jahre deinen Frieden und deine Freude. Aber nur nicht verlieren! Wenn man sich jedoch noch nicht so sicher ist: Leih dir ein Glas vom Opa oder kaufe dir ein Fernglas im mittleren Preissegment. Ein schlechtes Glas kann dir die Freude verderben, ein gutes hingegen die Sache befeuern!
© Heiko Fischer
Die üblichen Ferngläser haben eine 7-, 8- oder 10-fache Vergrößerung. Das ist die erste Zahl, die auf dem Produkt steht. Und einen Objektivdurchmesser von 20 bis 50 mm. Das ist die zweite Zahl. Eine große Zahl bedeutet hier, dass das Sehfeld in der Regel besser und das Bild heller wird. Aber umso größer der Objektivdurchmesser, desto schwerer und größer das Fernglas, aber auch desto lichtstärker. Wenn du dich nicht gerade auf Dämmerungsarten spezialisieren willst, reichen 30 oder 40 mm. Ich rate also zu 8 × 30, 8 × 40 oder 10 × 40. Lass dich ausführlich vom Optiker beraten und teste ausgiebig. Keine Schnellschüsse! Und auch nicht beim Optiker testen und nachher im Internet bestellen, das ist nicht nett.
DAS SPEKTIV
Ein Teleskop oder Spektiv ist eine sehr gute Ergänzung der Ausrüstung, aber erst einmal nicht zwingend. Es ist vor allem wichtig, wenn die Vögel weit weg sind, z. B. an der Küste, an großen Seen oder generell in Landschaften mit weiter Sicht. Auch bei der Bestimmung von Greifvögeln im Flug kann es sehr nützlich sein – nur musst du sie im Flug erst ein-mal „ins“ Rohr bekommen, was bei fliegenden Arten gelernt sein will. Im heimischen Garten oder im Wald macht es hingegen nur wenig Sinn.
Ein Spektiv hat nur einen Tubus, also eine Röhre, und meistens nur einen Einblick (Okular). Die Vergrößerung liegt in der Regel bei 20- bis 60-fach, der Objektivdurchmesser zwischen 50 und 80 mm. Die meisten hochwertigen Spektive haben Wechselokulare. Du kannst dein Okular also austauschen und die Wahl desselben an die Gegebenheiten anpassen. Hier gibt es feste Vergrößerungen (z. B. 20- oder 40-fach) oder Zoomokulare (z. B. 20–50-fach). Letztere bieten den Vorteil, dass man den Vogel bei niedriger Vergrößerung suchen kann und dann näher zoomt. Die kleinen Qualitätseinbußen sind in der Regel verschmerzbar. Gute Spektive fangen bei etwa € 1 500 an und können auch noch deutlich teurer sein. Bei so großen Vergrößerungen kannst du das Glas nicht mehr in der freien Hand ruhig halten. Daher musst du dir zu einem Spektiv immer auch noch ein Stativ zulegen, was alles nochmals teurer macht und vor allem wenig komfortabel. Du musst das alles nämlich auch noch tragen.
Lachmöwen im Winter© Philipp Herrmann
FOTOGRAFIEREN
Auf das Thema Fotografieren kann ich hier nicht groß eingehen. Nur so viel: Ein gutes oder auch weniger gutes Foto kann wichtig sein, um einen Vogel ggf. nachzubestimmen oder die Beobachtung einer Seltenheit zu belegen. Und einfach auch nur, um sich später noch an einer Beobachtung zu erfreuen. So geht es mir zumindest. Bereits das Smartphone kann hier nützliche Dienste leisten, besser sind Kompaktkameras. Die sogenannten Bridgekameras können mit entsprechenden Vergrößerungen schon richtig gute Ergebnisse zeitigen, was Laune macht. Profis hingegen verwenden Spiegelreflexkameras mit Wechselobjektiven, Preis nach oben offen! Und leider sind auch die Gewichte nach oben offen. Wer richtig fotografieren will, sollte sich nur darauf konzentrieren.
© Michael Schmolz
OUTFIT
Im Park oder in der Stadt brauchst du keine besonderen Klamotten. Vielleicht kannst du auch schon die ersten Arten beobachten, während du noch den Schlafanzug anhast! Auf Wanderungen sind aber strapazierfähige, schnell trocknende Kleidung und festes Schuhwerk angesagt. In entsprechenden Lebensräumen kann es wichtig sein, wasserdichte Schuhe zu tragen. Wander- oder Bergstiefel haben sich als zuverlässig erwiesen, da du darin gut wandern kannst und sie bis zu einem gewissen Grad wasserdicht sind. Aber wenn es richtig nass ist, solltest du auf Gummistiefel zurückgreifen. Generell ist farblich gedämpfte Kleidung von Vorteil. Auch das sogenannte Zwiebelschalenprinzip hat sich bewährt: Möglichst viele Schichten Kleidung anhaben, um immer wieder was ausziehen zu können, wenn es einem zu warm wird.
© Holger Haag
WAS SONST NOCH?
An Kopfbedeckung, Regenzeug, Taschenmesser, ggf. Handschuhe, Insektenschutz, Sonnenmilch und Getränke denken, bei größeren Exkursionen auch Verpflegung. Wichtig sind außerdem ein Bestimmungsbuch und ein Notizblock, zum einen um eine Skizze eines unbekannten Vogels anzufertigen oder auch um sich die Beobachtungen zu notieren. Dazu unten noch mehr. In unbekanntem Gelände kann auch eine Wanderkarte wichtig sein, auch wenn einem die mobilen Endgeräte so manches abnehmen, aber wenn uns Netz oder Akku im Stich lassen. Und – noch was ganz Triviales: Auch Toilettenpapier kann sehr hilfreich sein.
Jetzt bist du also gut ausgerüstet, hast Equipment dabei, mit dem du eine Woche in der Wildnis überleben könntest – kleiner Scherz –, dann brauchst du nur noch ein Gebiet – dazu mehr ab Seite 16 – und ein paar Informationen, wann man am besten beobachtet.
IM TAGESVERLAUF
Grundsätzlich kannst du zu jeder Tages- und auch Nachtzeit auf Vögel treffen. In der City sind die Chancen allerdings zu Mitternacht äußerst gering – außer vielleicht auf ein paar Tauben. Und auch sonst ist nachts nicht viel zu erwarten. Eulen sind nun mal eher selten und unauffällig, und die Zugrufe nächtlich ziehender Vögel muss man auch erst einmal hören und bestimmen können. So liegt das Hauptaugenmerk doch auf dem Tag. Morgens ist am meisten los. Mit dem ersten Licht werden viele Arten aktiv. Mir fällt es leider immer schwer, sehr früh aufzustehen. Wenn ich es aber gepackt habe, ist es grandios und die Belohnung reichlich. Vor allem die Gesangsaktivität ist morgens am besten und lässt zum späten Vormittag stark nach. So manche Art erwischt man frühmorgens noch rastend, bevor sie vielleicht jemand verscheucht oder sie sich ohnehin auf den Weiterzug begibt. Kurzum: Der Morgen lohnt immer. Mittags ist es hingegen oft sehr ruhig und die Aktivität sinkt auf ein Minimum. Dafür kannst du vielleicht kreisende Greifvögel sehen, die die Thermik nutzen. Am frühen Nachmittag im Hochsommer würde ich doch eher ins Freibad gehen. Zum Abend hin steigt die Aktivität – zum Teil auch der Gesang – wieder an, sodass diese Zeit für ein After-Work-Birding wie geschaffen ist.
IM JAHRESVERLAUF
Früher empfand ich die Monate Juli und August als echte Durststrecken. Vorbei die Brutzeit und vorbei auch die Gesangsaktivität. Da viele Vogelarten jetzt mausern, also ihr Gefieder erneuern, verhalten sie sich sehr ruhig, um nicht aufzufallen. Doch bereits Anfang Juli – jetzt echt – beginnt der Herbstzug, der bereits nordische und östliche Arten zu uns bringt. Außerdem streifen Jungvögel umher und können auch jetzt für das eine oder andere Highlight sorgen. Ab August nimmt der Durchzug mächtig an Fahrt auf, weshalb es sich dann lohnt, in entsprechenden Gebieten, z. B. in Feuchtgebieten, an Seen, in offenem Gelände, auf Vogelsuche zu gehen. Leider verlassen uns jetzt auch vermehrt die Langstreckenzieher. Im September und Oktober findet der Herbstzug seinen Höhepunkt. Tipp: Schließe dich gelegentlich Profis an, die von speziellen Punkten aus den Vogelzug beobachten. Auch an den Seen steigen die Zahlen rastender Vögel, während ein Großteil unserer Zugvögel jetzt definitiv abzieht. Ab November wird die Vogelwelt immer winterlicher, der Zug von Singvögeln nimmt deutlich ab. Dafür erhalten wir nun Zuzug von nordischen Wintergästen, z. B. Gänsen, Enten, Tauchern, Möwen usw.
© Heiko Fischer
Kälteeinbrüche haben meistens interessante Arten im Gefolge. Also immer rausgehen, vor allem an Gewässer, wenn es über Nacht geschneit hat. Von Dezember bis Februar sind die Zugbewegungen eher gering und vor allem Wintergäste, Wasservögel wie Singvögel, sorgen für Abwechslung. Beobachten lohnt vor allem an Gewässern und im Offenland. Je nach Jahr können auch Invasionen, z. B. von Seidenschwänzen oder Kreuzschnäbeln, stattfinden.
Eine der spannendsten Jahreszeiten ist mit Sicherheit das Frühjahr, wenn wieder Durchzugszeit ist. Außerdem kommen Zugvögel zurück und die Brutzeit beginnt. Schwere Doppelbelastung! Lieber Zugvögel beobachten oder Brutkartierung durchführen? Manchmal kann man es ja auch verbinden. April und Mai sind einfach Hammermonate! Im Juni wird es wieder ruhiger. Auch der Durchzug ist praktisch rum. Zumindest ist aber das Brutgeschäft bei den meisten Arten in vollem Gange.
BEOBACHTUNGEN MELDEN
Im Laufe deiner Orni-Karriere wirst du eine Menge Beobachtungen machen. Melde diese bitte unbedingt bei Online-Foren wie naturgucker.de oder ornitho.de. Solche Beobachtungen sind nicht nur für andere interessant, um sich über das Vogelgeschehen vor Ort oder in einer anderen Region zu informieren, sondern sie sind vor allem auch für Wissenschaft und Naturschutz wichtig, besonders wenn es beispielsweise um Brutvorkommen von selteneren Arten geht. Über die App „Naturalist“ kannst du deine Beobachtungen direkt vor Ort eingeben. Natürlich kannst du diese auch in ein Notizbüchlein schreiben und später eingeben oder in eine Datenbank eintragen. Nutze diese Foren auch, um dich selbst zu informieren: Was geht gerade ab? Bahnt sich ein Einflug an? Wo sind die interessanten Beobachtungsgebiete in deiner Region? Mitmachen lohnt sich!
VOGELSTIMMEN
Vögel begeistern uns nicht nur durch ihre Vielfalt an Farben, Formen und faszinierenden Verhaltensweisen, von denen die des Fliegens wohl an erster Stelle steht, sondern auch durch eine weitere, sehr hervorstechende Eigenschaft: Sie können zum Teil sehr unterschiedliche und vielfältige Lautäußerungen von sich geben, z. B. singen und rufen. Das unterscheidet sie doch von einer ganzen Menge weiterer Organismen, die dazu nicht in der Lage sind. Man denke hierbei an die meisten Insekten oder viele andere Wirbellose. Andere haben Stimmen, die wir – oder die meisten zumindest – nicht hören können, wie die Ultraschallrufe der Fledermäuse. Wir benötigen dann Hilfsgeräte, die zum Teil teuer sind und aus denen dann doch eher technisch klingende Geräusche kommen. Viele weitere Säugetiere verhalten sich eher still oder sind nur während einer kurzen Phase im Jahr rufaktiv. Frösche und Kröten sind ebenfalls nur für kurze Zeit im Jahr zu hören.
Ganz anders die Vögel! Sie beglücken uns mit Gesängen und Rufen. Viele Gesänge sind so schön oder so typisch oder beides, dass sie auch Dichter und Musiker inspiriert haben und so zu einem Stück Kulturgut geworden sind. Allein aus diesem Grund haben wir eine große Verpflichtung dieses Natur-Kulturerbe zu bewahren!
RUFE UND GESÄNGE HELFEN
Sie liefern uns weitere, oft entscheidende Merkmale bei der Bestimmung der verschiedenen Vogelarten. Und sie sind überhaupt oft das Erste und Einzige, was wir von einem Vogel mitbekommen. Viele Beobachtungen gelingen also nur über die Gesänge oder Rufe. Wenn man diese nicht kennt, verpasst man eine ganze Menge. Ich schätze, dass gut drei Viertel meiner Beobachtungen nur akustischer Natur sind. Stimmenkenntnis ist also sehr wichtig, in manchen Lebensräumen sogar unerlässlich.
STIMMEN LERNEN
Das Erlernen von Vogelstimmen ist ein langwieriger Prozess. Das geht nicht von heute auf morgen. Man muss sich zunächst einhören, generelle Unterschiede zwischen Gesangstypen, Phrasierungen, Tonhöhen und Rhythmen kennenlernen und dann wirklich Art um Art selbst lernen. Vor dem Busch stehen, dem Sänger zuhören und warten, bis du ihn siehst und dadurch vielleicht bestimmen kannst. Vogelstimmenexkursionen, wie sie Vogelschutzverbände anbieten, kann ich empfehlen. Du kannst so dein Wissen überprüfen und ausbauen, Grundkenntnisse vorausgesetzt. Zum Einstieg können solche geführten Exkursionen aber auch verwirren, wenn dir der Experte 20 oder 30 Arten im wahrsten Sinne „um die Ohren haut“. Ideal ist, wenn du einen netten Menschen findest, der dich ins Gelände mitnimmt und dich in die Welt der Vogelstimmen einführt. Nutze auch Vogelstimmen-Apps, Audiodateien oder CDs, um Gehörtes zu überprüfen oder auch um eine einzelne Art bewusst anzuhören, aber mehr vorbereitend. Zum Beispiel besuchst du ein Gebiet, in dem die Zaunammer vorkommt, da würde sich dann anbieten, diese Art vorher anzuhören, damit du schon eine gewisse Idee hast, wie der Vogel singt. Aber es ist meiner Meinung nach nicht zielführend, Art um Art durchzugehen, da man sich die Stimmen in der Regel nicht oder nur unzureichend merken kann. Die Vielfalt ist einfach zu verwirrend. Alles in allem: Es führt kein Weg daran vorbei, selbst sehr viel im Gelände zu sein und sich so ein Fundament zu erarbeiten.
DOLMETSCHERSCHWÄCHEN
Auch dieses Buch wird dir nur bedingt eine Hilfe bei den Stimmen sein, denn es ist unheimlich schwierig, Vogelgesänge oder -rufe in die menschliche Sprache zu übersetzen. Bei der Bearbeitung habe ich natürlich auch das eine oder andere Standardwerk gewälzt und mich gefragt: „Wie umschreiben es denn die Kollegen?“ Also saß ich da und sprach so manches „Holereidüdilö“ vor mich hin. Ergebnis: Ein und dieselbe Art kann ganz schön unterschiedlich beschrieben sein und jeder hört was anderes heraus bzw. umschreibt es anders. Es bleibt einfach schwierig, Rufe und Gesänge von Vögeln in menschliche Sprache zu übersetzen. Dafür hast du aber die Vogelstimmen über die KOSMOS-PLUS-App zum Buch dabei, sodass du die Stimmen eins zu eins und ohne Dolmetscherschwächen hören kannst.
Zaunkönig© Frank Hecker
ENORME VIELFALT
Viele Vogelarten haben zudem ein großes Repertoire an Rufen und Gesängen, von dem sie von Fall zu Fall und in unterschiedlichen Kontexten Gebrauch machen. Selbst erfahrenen Vogelbeobachtern kommt immer wieder mal eine Stimme unter, die sie noch nie oder ganz selten gehört haben und deshalb erst einmal nicht zuordnen können. Diese muss gar nicht zwangsläufig von einer sehr seltenen oder ihnen bisher unbekannten Art stammen, sondern kann auch ein selten zu hörender Laut einer vergleichsweise häufigen Art sein. Das macht die Sache mit dem Bestimmen nicht einfacher. Vogelstimmen sind nun mal eine eigene Welt und es dauert sehr lange, bis man eine gute Stimmenkenntnis hat. Und es ist einfach unmöglich, diese große Vielfalt an Rufen, Gesängen und anderen Lautäußerungen auf vergleichsweise kleinem Raum unterzubringen. Aber bitte jetzt nicht verzweifeln, sondern einfach rausgehen und anfangen. Aller Anfang ist schwer. Aber auch faszinierend.
INNENSTADT
Stadt ist nicht gleich Stadt. So wie jede Metropole ihre Charakteristika hat, ihr unverwechselbares Bild und ihre kulturellen Sehenswürdigkeiten, so unterscheiden sich die einzelnen Städte auch bezüglich ihrer Vogelarten. In Hamburg sind andere Arten häufig als beispielsweise in München, in Frankfurt andere als in Leipzig. Fliegen in Köln die Halsbandsittiche umher, findet man diese nicht oder höchstens selten in Stuttgart. Dafür gibt es in Stuttgart Zaunammern und Alpensegler, die man in Köln wiederum noch vergeblich sucht. Natürlich gibt es einige wenige Arten, die überall vorkommen und auch immer etwa gleich häufig sind. Buchfink, Amsel oder Kohlmeise sind beispielsweise weitverbreitet und treten fast überall in ähnlicher Häufigkeit auf.
Außerdem ist eine Stadt unheimlich reich an verschiedensten Habitaten. Es ist bei Weitem nicht eine einheitliche Wüste aus Gebäuden, sondern viel mehr. Allein schon unterschiedlich hohe und verschieden strukturierte Gebäude, Straßen und Plätze gliedern die tiefste City. Alle möglichen Formen von Grün sorgen für Abwechslung: das Straßenbegleitgrün, die Rabatten, Alleen, das Abstandsgrün, ein paar Bäume und Hecken in einem Hinterhof, ein kleiner Park. Wenn diese Parks groß werden, kann sich dort eine ganz eigene Vogelwelt ansiedeln, ein bisschen wie in einem naturnahen Lebensraum wie etwa im Wald. Daher habe ich das in einem eigenen Kapitel „Park und Stadtwald“ zusammengefasst. Sollten größere Teiche und Flüsse dabei sein oder das Gewässer den Lebensraum dominieren, so findest du im Kapitel „Teich, Fluss, See“ mehr Informationen.
© Heiko Fischer
Mit Innenstadt meine ich die Stadtzentren, die einen sehr hohen Grad an Versiegelung aufweisen. Gebäude, Straßen und Plätze nehmen dabei weit mehr als die Hälfte der Fläche ein, in vielen Bereichen kann sogar nahezu 100 % zugebaut sein. Oft hohe bis sehr hohe, dicht an dicht stehende Gebäude, breite Straßen, Fußgängerzonen, Plätze und repräsentative Bauwerke sind charakteristisch.
Turmfalke (links) und Mauersegler© Mathias Schäf
WO SIND DIE VÖGEL?
Überall! Natürlich wirst du bei einem Gang über den Ku‘damm nicht mit einer Artenliste nach Hause kommen, die mit einer Exkursion in den Oderbruch oder ins friesische Watt vergleichbar wäre, aber ein paar Arten wirst du überall entdecken. Und wenn Vogelzug ist, sogar noch ein paar mehr! Es gibt viele Arten, die siehst du zwar auch in der City, aber genauso häufig oder gar deutlich häufiger „draußen“, wie zum Beispiel Stieglitz, Grünfink oder Ringeltaube. Es gibt aber auch ein paar Spezialisten, die triffst du besonders in den Städten an, wie Straßentaube, Dohle, Turmfalke, Hausrotschwanz oder Mauersegler, oder kannst sie hier besonders gut beobachten. In einigen Städten triffst du neuerdings sogar auf Habicht, Wanderfalke oder gar den Uhu. Gut, einige von ihnen benötigen auch ein reich strukturiertes Umfeld, wo sie auf Nahrungssuche gehen können, sonst würden sie es in der Stadt auch nicht packen. Aber zum Brüten zieht es viele von ihnen an und in die Gebäude. Sonst sind jedoch in der Regel die unterschiedlich großen Grünflächen zwischen den Häusern die Räume, wo sich das Vogelleben abspielt. Ein paar Bäume vor einer Schule – und schon turnen einige Meisen im Geäst oder es schlägt ein Buchfink. In der Hecke des Pausenhofs hat es sich eine Spatzen-WG gemütlich gemacht und in der Rabatte scharrt eine Amsel nach Nahrung. In der nahe liegenden Allee brüten einige Saatkrähen und vom kleinen Park her schackert ein Elsterpärchen. Überall ist was los – und das zu allen Jahreszeiten!
HOMERANGE
Suche dir zum Beobachten Ecken, in denen es ein wenig wilder zugeht, wo sich das Grün ein bisschen entfalten kann, wo Brennnesseln stehen bleiben und einige Stauden gedeihen dürfen. Wie wäre es mit einem verwunschenen Garten einer alten Villa, mit einer bewachsenen Böschung entlang eines Bahndamms, einem kleinen Friedhof oder auch einer Baulücke mit ein paar Obstbäumen und einer alten Hütte, in der Zaunkönig und ein Hausrotschwanz brüten? Richtig spannend wird es auf größeren Brachen, wie einem verlassenen Güterbahnhof mit seinen Hochstauden, den Hecken und niedrigen Birken, oder einer Großbaustelle, die nicht überall in Betrieb ist. Große Parkplätze oder frisch geräumte Baufelder können auch interessant sein. Sie können teilweise mit kuriosen Arten aufwarten. Bitte jedoch auf Betretungsrechte achten und auf die ortsüblichen Gefahren aufpassen. Und leider musst du auch damit rechnen und dies akzeptieren, dass solche Gebiete irgendwann bebaut werden und dann nicht mehr zum Beobachten geeignet sind. Aber das nächste interessante Gebiet wartet nur darauf, von dir entdeckt zu werden.
Und eines muss natürlich auch gesagt werden: Beobachten in der Stadt ist nett und kann unerwartete Überraschungen mit sich bringen. Aber das genussvollere Birden findet natürlich vor den Toren der Stadt in naturnahen und abwechslungsreichen Lebensräumen statt, die wir nachfolgend durchstreifen.
WOHNGEBIET UND DORF
Hundertprozentig scharf ist die Abgrenzung zwischen der Innenstadt und einem Wohngebiet natürlich nicht, die Übergänge sind natürlich fließend, sowohl was den Lebensraum betrifft als auch bezüglich der Arten. Viele Arten wirst du in beiden Stadtlebensräumen antreffen, sie werden sich also nicht an von mir gewählte Einteilungen halten. Zum Beispiel kommen Haussperling und Girlitz sowohl in der Innenstadt als auch im Wohngebiet und Dorf vor. Doch der Girlitz ist für die mit Gärten durchsetzte Vorstadt oder das Dorf typischer.
Feldsperlinge© Frank Hecker
MEHR GRÜN
Im Wohngebiet und im Dorf ist der Bebauungsgrad im Schnitt geringer und der Anteil an Grün, also an unbebauten Flächen, größer. Gärten, breiteres Abstandsgrün und immer mehr kleine Grünanlagen oder auch mal eine Brachfläche prägen das Bild. Auch sind die Häuser meistens nicht mehr so hoch, sodass Arten wie Wanderfalke und Mauersegler eher fehlen oder deutlich seltener sind. Aber auch die Ausprägungen eines Wohngebiets und Dorfes sind äußerst vielfältig. Da gibt es den alten Dorfkern mit kompakter, aber niedriger Bebauung. Typische Arten hier sind Mehlschwalbe, Hausrotschwanz, Türkentaube oder Haussperling. In den Wohngebieten mit Einzel- oder Doppelhausbebauung und größeren Gärten kommen Arten wie Amsel, Grünfink, Girlitz, Hausrotschwanz, Elster und Meisen vor. Dann gibt es die durchgrünte, schon fast parkartige Villensiedlung, wo du unter anderem Buchfink, Blau- und Kohlmeise, Rotkehlchen, Zaunkönig, Zilpzalp, Mönchsgrasmücke und Buntspecht erwarten darfst.
Je mehr du in die Peripherie unserer Städte und Dörfer vordringst, desto vielfältiger wird die Vogelwelt und ist immer mehr von außen beeinflusst. Deshalb stelle ich in diesem Kapitel auch einige Vogelarten vor, die mehr am Stadt- oder Dorfrand leben, zum Beispiel in der kleinen Streuobstwiese, auf einer größeren Brachfläche im Neubaugebiet, auf der Pferdekoppel am Stadtrand oder sogar in der offenen Feldflur. Denn im Nullkommanix gelangt man von manchen Dörfern oder Siedlungen auf eine Wiese oder einen Acker, wo du dann auf ein deutlich erweitertes Artenspektrum triffst. Wenn du da regelmäßig spazieren gehst, kommst du mit Arten der Kulturlandschaft in Kontakt wie Rebhuhn, Steinkauz (regional!), Feldlerche oder Feldsperling (Foto). Auch sie findest du daher in diesem Buch. Als ich in Mainz wohnte, war ich beispielsweise mit dem Rad in weniger als fünf Minuten in einem Gebiet, wo unter anderem neben den gerade genannten Vogelarten noch Fasan, Schwarzkehlchen und Schafstelze vorkamen.
IM JAHRESVERLAUF
In den Ortsrandlagen und in den Dörfern kannst du das ganze Jahr über schöne Beobachtungen machen. Hier ist besonders auch der Winter lohnend, wenn viele Arten vom nahen Wald oder der Feldflur in die Siedlungen oder zumindest an deren Ränder ziehen. Da taucht dann plötzlich auch die Haubenmeise oder das Wintergoldhähnchen in der Thujahecke im Vorgarten auf, jagt der Sperber durch die Siedlung oder wagt sich auch mal ein Mittelspecht ans Futterhäuschen. Letzteres ist immer für Überraschungen gut. Nicht nur das heimische Vogelvolk gibt sich ein Stelldichein, sondern auch Bergfinken, Erlenzeisige und manchmal auch Rotdrosseln oder Birkenzeisige. Und mit viel, viel Glück sitzt unvermittelt eine Bande Seidenschwänze im Ebereschenbusch an der U-Bahn-Haltestelle. Das wirst du nie vergessen!
Und natürlich ist das Frühjahr
