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Mit allen Sinnen in ein achtsames Leben
Die bewusste Beschäftigung mit den Sinnen ist reine Meditation, durch die wir automatisch ganz im Moment ankommen. Gleichzeitig lernen wir die versteckten Mechanismen unserer Wahrnehmung kennen und gelangen so zu mehr Selbsterkenntnis. Diese faszinierende und körperbasierte Achtsamkeitspraxis wird hier mit altem Yoga-Wissen, neurowissenschaftlichen Erkenntnissen und zahlreichen kreativen Übungen kombiniert. Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Fühlen sowie die Körperwahrnehmung (Propriozeption) werden geschult. Darüber hinaus beruhigt sich Ihr Geist, entschleunigt sich Ihr Denken und das Empfi nden verfeinert sich. Der praktische »7-Wochen-Workshop für alle Sinne« führt Sie nicht nur zu Ihrem wahren inneren Wesen, sondern sorgt auch für die bessere Vernetzung bestimmter Hirnareale. Dies erleichtert die Verarbeitung von Stress und schafft Resilienz für schwierige Lebenssituationen.
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Seitenzahl: 245
Veröffentlichungsjahr: 2022
INGA HECKMANN
DIE SINNE
ALS TOR ZUR
ACHTSAMKEIT
Über die körperliche Wahrnehmung zu einem gelassenen Geist
Mit 7-Wochen-Workshop für alle Sinne
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Illustrationen: atelier-sanna.com, München
© 2022 by Irisiana Verlag,
einem Unternehmen der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Straße 28, 81673 München
Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach
Projektleitung: Sven Beier
Bildredaktion: Sabine Kestler
Umschlaggestaltung: Geviert, Grafik & Typografie
Umschlagmotiv: © Shutterstock/DenisKrivoy und Grisha Bruev
ISBN: 978-3-641-28109-0V001
INHALT
Vorwort
Einleitung: Die Sinne als Tor zur Welt und die Tür nach innen
Eine kurze Betriebsanleitung für dieses Buch
Die Theorie der Sinne: Wie wir die Welt erfahren
Ein komplexes Team ohne Hierarchie
Ursachenforschung
Wie Sinneseindrücke verarbeitet werden
Sensorische Empfindung ist der Anfang
Die Sinne unter der Lupe
Der Sehsinn: Ein Spätentwickler
Der Hörsinn: Eine zwischenmenschliche Brücke
Der Tastsinn: Fühlen, fühlen, fühlen
Der Geschmackssinn: Die Kooperation macht das Aroma
Der Geruchssinn: Direkt und doch geheimnisvoll
Die Propriozeption: Wer bin ich und wo und wie?
Der siebte Sinn: Intuition
Fazit: Ein Wunderwerk
Gewohnheiten ändern mithilfe der Sinne
Die Praxis der Sinne: Wie wir unser Selbst erfahren
Das Spektrum erweitern
Umfassendes Sinnestraining
Meditation
Atem
Achtsamkeit
Sieben Wochen für die Sinne
Reiseziel: Intuition
Routinen für jeden Tag
Yoga für die Sinne
Die Reise geht los
Woche 1: Mit neuen Augen sehen
Woche 2: Unerhörtes Hören
Woche 3: Geschmacksbildung
Woche 4: Jetzt mit Gefühl
Woche 5: Propriozeption
Woche 6: Die Sinne kombinieren
Woche 7: Intuition beginnt im Körper
Schlussworte
Anhang
VORWORT
Liebe Leserinnen und Leser, als ich in den 1970er- und 1980er-Jahren auf dem Land aufwuchs, waren Computer noch etwas unglaublich Exotisches, das Telefonieren mit Bild gehörte in den Bereich der Science-Fiction und ferngesehen wurde nur am Wochenende. Das hat mich und viele meiner Generation zumindest in der Kindheit und Jugend vor den Fallen der heutigen Informationswelt bewahrt. Es gab einfach nur drei Fernsehprogramme, unser Entertainment war: rausgehen, mit anderen Kindern durch den Wald toben, über Wiesen rennen, in Flüssen schwimmen, Verstecken und Ball spielen, andauernd hinfallen und wieder aufstehen.
Schon eine Generation später sieht die Welt ganz anders aus, denn der technologische Fortschritt beansprucht in erster Linie nur einen Sinn: In unserer Kultur wird der Sehsinn überbetont, wir leben in einer optisch geprägten Gesellschaft. Beginnend bei Werbung, Social Media, Fernsehen, Mode – das Aussehen eines Menschen oder einer Ware beeinflusst maßgeblich unsere Entscheidungen, unser Urteil, ob wir etwas mögen oder nicht. Wir werden bombardiert mit extremen Bildern: idealisiert, perfekt und gephotoshoppt von Urlaubsorten und Models oder erschreckend und grausam von Gewalt, Krieg und Umweltzerstörung. Die Werbung auf Plakaten, in Schaufenstern, im Internet und im Fernsehen ist bunt, aufdringlich, manipulativ und zielt auf unsere Augen. Kurz: Unser Sehsinn wird dermaßen beansprucht und ist daher so ausgeprägt, dass alle anderen Sinne Gefahr laufen abzustumpfen, da sie nicht mehr gebraucht werden. Allenfalls der Hörsinn wird noch »trainiert«, im besten Fall durch Musik, im schlimmsten Fall durch dauernden Straßen-, Flug- oder Baulärm. Dabei haben wir neben Seh- und Hörsinn noch andere Sinne geschenkt bekommen. Fragen Sie sich selbst: Schreiben Sie noch Briefe mit der Hand? Wissen Sie, wie sich eine Baumrinde unter den Fingern anfühlt? Oder welches Kind kann mit geschlossenen Augen länger als zwei Sekunden auf einem Bein stehen, genießt wirklich den Geschmack von ungesüßten, kaum gesalzenen, unverarbeiteten Lebensmitteln? Welches Stadtkind kennt den Duft von Veilchen?
Dabei tragen wir ein unglaubliches Kunstwerk der Natur in uns – nicht nur fünf, sondern sechs, ja eigentlich sogar sieben Sinne. Wie in einer gut eingespielten Band spielt die fünfköpfige Stammbesetzung – Sehen, Hören, Fühlen, Schmecken und Riechen – im Vordergrund ihre Instrumente, während die Backgroundsängerin, die Propriozeption, im Hintergrund nicht nur coole Bewegungen und harmonische Sounds produziert, sondern ohne Unterlass für Orientierung und Sensibilität sorgt – eigentlich also als heimliche Bandmanagerin fungiert. Zusammenfassend kann man sagen: Die fünf klassischen Sinne sind unser Tor zur äußeren Welt und die Propriozeption die Tür zur inneren Welt. Wissenschaftler nennen sie Tiefensensibilität oder auch Eigenwahrnehmung (von lateinisch proprio: eigen), da sie ohne Pause, egal, ob wir schlafen oder wach sind, Informationen über die Lage unseres Körpers und unserer Gliedmaßen im Raum liefert, über die Neigung des Kopfes, die Bewegung der Finger, darüber, wie wir sitzen, gehen und stehen.
Machen wir uns an dieser Stelle eine wichtige Prämisse klar: Ohne diese sechs Sinne würde für uns die Welt, würden die Menschen, wir selbst, unser Körper, unsere Gefühle und Gedanken nicht existieren. Wir könnten ohne sie noch nicht einmal den leeren Raum wahrnehmen, in dem wir uns befinden. Vielleicht wären wir reines Bewusstsein, körperlos, aber in einer anderen, nicht in dieser menschlichen Dimension. Aber halt: Im Moment befinden wir uns hier auf diesem Planeten als Wesen in einer materiellen Welt und es ist uns unmöglich, nicht wahrzunehmen. Wir erleben die Welt in dem Rahmen, der uns durch Erfahrung, Erziehung, Epigenetik (dazu später mehr) und auch Traumata gesteckt wurde – nennen wir diesen Rahmen den Filter der Wahrnehmung. Genau hier liegt unsere Chance der Selbsterkenntnis: Wenn wir unsere unbewussten Filter kennenlernen, können wir unsere Wahrnehmung verändern. Die Mittel, die wir hierfür brauchen, heißen Achtsamkeit, Atem und Meditation.
Die Fokussierung auf die eigenen Sinne, genauer auf den Moment, in dem wir sehen, hören, riechen, schmecken, fühlen und unseren Körper wahrnehmen – das ist wahre Meditation. Wenn wir hierbei noch die Achtsamkeit auf unseren Atem richten, können wir nicht nur unsere Sinne in jeder Lebenssituation trainieren, sondern auch von all den Effekten profitieren, die Meditation mit sich bringt: einen ruhigen Geist, Gelassenheit sich selbst und der Welt gegenüber, die Veränderung von Gewohnheiten, einen niedrigeren Blutdruck, ein stabileres Immunsystem und vieles mehr, was uns ein glücklicheres Leben bescheren wird. Nicht zuletzt finden wir jenseits unserer unbewussten Filter zu unserem siebten Sinn, der Intuition.
Unser siebter Sinn hat eine sehr enge Verbindung zu allen Sinnen, aber insbesondere zum sechsten Sinn, der Propriozeption. Speziell über die bewusste Sensibilisierung der Propriozeption, so lehrt mich meine Erfahrung, können wir unsere Intuition schulen. Natürlich sind auch die restlichen fünf Sinne sehr wichtig, um unsere Wahrnehmung sowohl zu trainieren als sie auch immer wieder auf den Prüfstand zu stellen. Yoga ist die perfekte Methode, um die Propriozeption zu vertiefen, immer noch feinere Antennen für das Innenleben, für unser Selbst zu entwickeln. Zusammen mit Meditation und Pranayama, also der Atembeobachtung und verschiedener Techniken zur Kontrolle des Atems, haben Sie die Werkzeuge in der Hand, um Ihr Leben signifikant zu verbessern.
Die Sinne verbinden also innen und außen, unser Selbst mit der Welt, die Welt mit unserem Selbst – und uns selbst mit unserem Inneren. Durch unsere Sinnlichkeit haben wir als Menschen die Chance erhalten, uns unserer selbst bewusst zu werden und im Moment anzukommen, anstatt uns vom hin und her rasenden Verstand regieren zu lassen. Über die Kenntnis unserer selbst können wir wieder zurückkehren zu dem, was wir sind: ein Teil dieser sinnlichen Welt, aber scheinbar paradoxerweise auch ein Teil der Welt, die hinter der sinnlichen Wahrnehmung liegt.
Lassen Sie uns auf sinnliche Entdeckungsreise gehen und ein glücklicheres, entspannteres und bewussteres Leben genießen lernen!
Ihre
Inga Heckmann
EINLEITUNG: DIE SINNE ALS TOR ZUR WELT UND DIE TÜR NACH INNEN
Wir sind keine menschlichen Wesen, die spirituelle Erfahrungen machen. Wir sind spirituelle Wesen, die eine menschliche Erfahrung machen.
Pierre Teilhard de Chardin (1881–1955)
In diesem Buch schlagen wir einen auf den ersten Blick vielleicht weit erscheinenden Bogen von den Sinnesorganen und der Verarbeitung sensorischer Reize im Gehirn zu Yoga, Achtsamkeit und der Erforschung unseres Selbst.
Lassen Sie uns direkt in den Yoga einsteigen, denn er bietet eine wunderschöne Erläuterung an, wie wir Menschen »gebaut« sind. Eine Erklärung, die ich noch nirgends so einprägsam und klar gehört habe. In der Tausende Jahre währenden Geschichte des Yoga gibt es tatsächlich nur ein einziges historisches Werk, das sich mit dem theoretischen und philosophischen Hintergrund, dem achtgliedrigen Pfad des Yoga, beschäftigt: die Yoga Sutra des Patañjali. Diese Sammlung von Aphorismen ist relativ schwer verständlich, da sie in einer sehr kryptischen Sprache niedergeschrieben wurde. Über die Entstehung und den Verfasser, Patañjali, gibt es viele Mysterien, allerdings so gut wie keine belegten Informationen. Geschätzt wird, dass die Verse um 100 vor bis 500 nach Beginn unserer Zeitrechnung entstanden sind. Wir möchten uns hier nur mit einem Aspekt beschäftigen, der unser Thema, die Sinne und ihre Funktion als Tor zur Welt betrifft. Patañjali führt hierfür die beiden faszinierenden Begriffe »purusha« und »prakriti« ein. Purusha ist der Geist, prakriti die Urmaterie.
Das Eingangszitat von Pierre Teilhard de Chardin, einem französischen Jesuiten, Anthropologen und Philosophen, fasst diese beiden Begriffe poetisch zusammen: Das spirituelle Wesen des Menschen, das unveränderlich und ewig ist, entspricht Purusha. Der Körper und das Erleben der Welt durch die Sinne, also alles, was uns umgibt, ist Prakriti – die veränderliche Materie. Damit der Urgeist (Purusha) die Materie (Prakriti) begreifen kann, benötigen wir den Verstand (in Sanskrit citta) und eben unsere Sinnesorgane, die die Welt in diesen Verstand übersetzen. Um unterscheiden zu können, was Purusha, also unveränderlich, und was Prakriti, also veränderlich, ist, müssen wir die beiden Welten vollkommen durchdringen. Auf diesem Wege entdecken wir den inneren Beobachter, der, ohne zu urteilen, sozusagen bequem zurückgelehnt, die Unterscheidung vornehmen kann. Der kürzeste Weg dorthin (der achtgliedrige Pfad) führt laut Patañjali über Meditation, Yoga und Pranayama (Atemkontrolle). Allzu oft wird leider in der heutigen Praxis des Yoga die so wertvolle wie spannende philosophische Seite ignoriert und das Hauptaugenmerk auf die Asanas, die Körperübungen, gelegt.
Wir verbinden in diesem Buch, auf der Reise nach innen, bewusst alle drei Bestandteile der Yogapraxis mit unseren sechs Sinnen. Um genau zu verstehen, wie unser Verstand(Citta) die Materie und unseren Körper (Prakriti) begreift und wie wir letztendlich über die sensorischen Reize zu unserem wahren inneren Wesen (Purusha) gelangen, müssen wir uns im Klaren sein, wie unsere Sinne funktionieren. Wie kann zum Beispiel das, was wir sehen, zu einem sinn-vollen Bild werden, das wir einordnen können? Warum können wir Texte lesen, warum wirkt Musik so oft anrührend und warum kann ein Geruch Erinnerungen auslösen? Mit diesen und noch vielen weiteren faszinierenden Fragen beschäftigt sich die Wissenschaft seit Jahrhunderten.
In den letzten Jahren haben bahnbrechende Erkenntnisse der Neurowissenschaft das Denken, wie unser Gehirn und das Nervensystem funktionieren, geradezu auf den Kopf gestellt. Das Zauberwort lautet Neuroplastizität. Während man noch in den 1990er-Jahren dachte, dass das Gehirn irgendwann altert, Zellen absterben und der Verfall der Geisteskraft unaufhaltsam ist, je mehr Lebensjahre vergehen, weiß man heute: Unser Gehirn bleibt flexibel, lernfähig und veränderlich bis zum Tod – ganz der Definition von Prakriti folgend.
Gerade Meditation, Achtsamkeitsübungen und auch Yoga beziehungsweise jede bewusst ausgeführte Bewegung scheinen einen enormen neuroplastischen Effekt auf das Gehirn zu haben, wie inzwischen zahlreiche bekannte Studien belegen. Unter anderem nimmt die graue Substanz, die Anzahl von Nervenzellen im Großhirn, zu. Das bedeutet: Die Hirnleistung, sprich die Intelligenz, wird besonders im limbischen System, das wir später noch etwas näher kennenlernen werden, erhöht. Anhaltender Stress lässt die graue Substanz übrigens schrumpfen.
Apropos Stress: Bestimmte Hirnareale, die Emotionen steuern, werden durch Meditation besser vernetzt, was die Verarbeitung von Stress verbessert. Dadurch wird die in schwierigen Lebenssituationen so dringend benötigte Resilienz, die seelische Widerstandsfähigkeit, gestärkt. Ein sehr faszinierender Bereich im menschlichen Gehirn ist die Insula oder auch Inselrinde. Dieser sehr versteckte Teil tief im Inneren des Gehirns verarbeitet nicht nur zahlreiche Sinneseindrücke, von akustischen Reizen bis hin zu Geschmacks- und Geruchseindrücken, und bewertet die Intensität von Schmerzen. Darüber hinaus sollen Teile der Insula bei Gefühlen von Empathie und Liebe mitwirken. Manche Wissenschaftler behaupten gar, die Inselrinde wäre der Sitz des menschlichen Bewusstseins und jenes Teils des Gehirns, der zum Beispiel die Regulierung von Emotionen und die Erkenntnis eigener Motivationen steuert, als eine Art beobachtende Instanz. Fest steht: Durch regelmäßiges Meditieren wird die Insula deutlich vergrößert, was die Eigenwahrnehmung von psychischen und physischen Zuständen verfeinert. So kann das Ziel der Meditation nun auch wissenschaftlich beschrieben werden: die Installation eines inneren Beobachters, der nicht wertet, sich aus Gedanken und Geschehnissen zurückziehen kann, eben beobachtet, anstatt sich zu verstricken. Die Beschäftigung mit den eigenen Sinnen ist reine Meditation, da wir uns dabei automatisch in die Selbstbeobachtung vertiefen.
EINE KURZE BETRIEBS ANLEITUNG FÜR DIESES BUCH
Um Ihnen einen Überblick zu geben, was Sie in diesem Buch erwartet und wie Sie damit praktizieren können, hier eine »Betriebsanleitung«: Es besteht im Wesentlichen aus zwei Teilen, einem theoretischen Teil, der sich mit der Verarbeitung der einzelnen Sinne und der Bedeutung der Wahrnehmung für unser Leben beschäftigt. Am Ende jedes Kapitels zu den einzelnen Sinnen finden Sie jedoch schon eine kleine Übung, die ganz leicht durchführbar ist, Spaß macht und einen Ausblick auf den folgenden praktischen Teil gibt.
Im zweiten Teil begeben wir uns selbst auf eine spannende Expedition und verknüpfen die Sinne mit praktischen Übungen. Zunächst lernen Sie drei wichtige Grundpfeiler kennen: Atem, Meditation und Achtsamkeit. Hinzu kommen wesentliche, aber einfache Yogaübungen und -flows (Abfolgen von Yogahaltungen), Experimente in der Natur, der Küche, zu Hause – und zu guter Letzt ein siebenwöchiger Workshop für die Sinne. Mein Vorschlag: Sie können jederzeit den Theorieteil verkürzen oder überspringen und sich gleich auf die Forschungsreise in die Wahrnehmung begeben. Vielleicht möchten Sie zwischendurch etwas wissenschaftliches »Futter« über den jeweiligen Sinn aufnehmen, den Sie ausgelotet haben, und schlagen dazu wieder den Theorieteil auf. Versuchen Sie, mit einer offenen und neugierigen Haltung den Spaß an den Sinnen wiederzuentdecken, so wie Kinder alles auskosten, Neues spannend finden, jeden Geschmack, jede Farbe und Bewegung als Wunder betrachten.
Wenn Sie wollen, beginnen Sie diese aufregende Reise zunächst wissenschaftlich. Wie bei jeder weiten Reise ist ein gutes Navi recht nützlich, um sich zurechtzufinden und schließlich sicher und zuverlässig ans Ziel zu kommen – in unserem Fall zu einem ausgeglichenen, gelassenen und ziemlich erleuchteten Gehirn.
Da die Arbeit an diesem Buch eine umfangreiche Recherche erforderte, habe ich sehr viele wissenschaftliche Quellen genutzt. Es gibt eine wunderbare Fülle an Seiten im Internet, auf denen Sie sich noch weiter informieren können, zahlreiche Filme über die Sinne und verwandte Themen auf diversen Mediatheken und bei YouTube. Im Anhang finden Sie eine Auswahl der verwendeten Quellen sowie Buchtipps zum Weiterlesen – viel Spaß beim Surfen und Schmökern durch das faszinierende Reich der Sinne!
DIE THEORIE DER SINNE: WIE WIR DIE WELT ERFAHREN
EIN KOMPLEXES TEAM OHNE HIERARCHIE
Etwa 75 Prozent aller weltweiten Studien über die Sinne beschäftigen sich mit dem Sehsinn. Der Hörsinn wird in den letzten Jahren immer gründlicher untersucht. Eine ähnlich fundierte Erklärung wie beim Sehsinn, was seine Bedeutung für das menschliche Erleben betrifft, existiert jedoch noch nicht. Dass das Gehör in einschlägigen Studien so unterrepräsentiert ist, hat aber beileibe nicht mit seiner geringeren Bedeutung zu tun, wie wir später noch feststellen werden.
Wenn es um Superlative ginge, würde sowieso ein anderer Sinn siegen: Das größte unserer Sinnesorgane, das Organ mit den meisten Rezeptoren, die ein Sinnesorgan im menschlichen Körper zu bieten hat, ist eindeutig die Haut. Studien zum Thema Tastsinn sind dennoch vergleichsweise dünn gesät. Auch die, wie wir später erfahren werden, nicht minder faszinierenden Sinne Schmecken und Riechen rangieren eher unter »ferner liefen« in der Hitliste der Forschung.
URSACHENFORSCHUNG
Der Regensburger Psychologe Fabian Hutmacher hat sich mit dieser Vorherrschaft des Sehsinns in der Forschung beschäftigt. Er machte mehrere Komponenten aus, die dafür verantwortlich sein können, dass die Optik in der modernen Wissenschaft eine derartige Überbetonung erfährt. Zum einen drängt sich natürlich die Frage auf, ob der Sehsinn ja vielleicht doch der wichtigste aller Sinne ist. Hutmacher stellt dem das Beispiel eines Menschen gegenüber, der aufgrund eines Gendefekts keine Schmerzen wahrnehmen kann, also dessen Tastsinn komplett wegfällt. Studien zeigen: Diese Menschen haben eine geringe Lebenserwartung, da sie viele Gefahren, die Schmerz auslösen, nicht wahrnehmen können. Blinde hingegen würden laut Hutmacher in unserer Gesellschaft sehr gut unterstützt, mit akustischen Signalen bei Ampeln, in öffentlichen Verkehrsmitteln oder durch die inzwischen auf jeder Lebensmittel- oder Arzneipackung zu findenden Blindenschrift, um ein paar Beispiele zu nennen. Blinde haben im Vergleich tatsächlich eine wesentlich höhere Lebenserwartung als schmerzunempfindliche Menschen. Über die Bedeutung des Sehsinns als wichtigster Sinn kann also durchaus diskutiert werden.
KOMPLEXITÄT IST ANSICHTSSACHE
Zum anderen ist der Sehsinn leichter zu erforschen als der Geruchs- oder der Geschmackssinn: Sichtbares ist leichter zu beschreiben als Geschmack oder Geruch. Darüber hinaus galt der Sehsinn lang auch als der komplexeste aller Sinne, da die Areale im Gehirn, die für die Verarbeitung gebraucht werden, größer zu sein schienen. Dies wird allerdings nach neuer Forschungslage vom Hörsinn, der eine Vernetzung fast aller Hirnareale für die Verarbeitung akustischer Signale aktiviert, weit übertroffen. Was die Größe und Komplexität eines Sinnesorgans betrifft, dürfte die Haut als Siegerin hervorgehen, meint der Regensburger Psychologe: »Im Auge haben wir nicht so viele verschiedene Rezeptoren, nur Stäbchen für das Sehen im Dunkeln und drei verschiedene Arten von Zapfen für das Farbsehen.« Auch die Nase lässt das Auge weit hinter sich, was die Komplexität angeht, da sie Hunderte von Rezeptoren aufweist, um Gerüche ins Nervensystem aufzunehmen und weiterzuleiten.
Vieles um den Geruchssinn ist noch unerforscht, aber zumindest eines ist bewiesen: Er entwickelt sich bereits im Mutterleib, vor Hören und Sehen. So scheint zumindest die Evolution eine Sinnes-Hierarchie entwickelt zu haben.
DIE MACHT DER GEWOHNHEIT – UND DES GELDES
Zwei entscheidende Faktoren kommen zu den oben genannten noch hinzu, die den Sehsinn an der Spitze der Liste halten: Forschungsgelder werden eher für jene Studien gewährt, die sich mit Themen beschäftigen, die sich in der Vergangenheit bewährt haben, also als relevant betrachtet werden. Da liegt der Sehsinn weit vor seinen Mitbewerbern, aus oben genannten Gründen. Eine Katze, die sich in den Schwanz beißt … Bleibt der letzte Faktor, der vermutlich einer der wichtigsten ist: Wie bereits erwähnt, ist der Sehsinn in unserer Kultur überbetont. Smartphones, Tablets und Computer haben diese Entwicklung in den letzten Jahren noch verstärkt und die Dominanz des Sehsinns einzementiert. Dabei gibt es jenseits unserer westlichen noch andere Kulturen, in denen anderen Sinnen der erste Platz eingeräumt wird – dazu und zur Bedeutung der Sprache als Spiegel der Sinne kommen wir später noch.
Beschäftigen wir uns zunächst mit der faszinierenden Verarbeitung der Sinnesempfindungen in unserem Gehirn – Tatsachen, die das Leben und unsere Existenz in ein ebenso faszinierendes Licht rücken.
WIE SINNESEINDRÜCKE VERARBEITET WERDEN
Zunächst eine sehr wichtige Definition, die in ihrer Schlichtheit dennoch eine nicht zu unterschätzende Wirkung hat: Eine Sinneswahrnehmung ist die Verarbeitung eines sensorischen Reizes wie Riechen, Schmecken oder Hören im Gehirn. Die sensorischen Reize werden nach dem Empfang in spezialisierten Zellen, den Rezeptoren, in Sinnesorganen wie Nase, Zunge oder Ohr, in elektrische Impulse umgewandelt. Die elektrischen Impulse sind nötig, um die Nervenzellen im Gehirn und Rückenmark zu stimulieren, die wiederum in einem gigantischen neuronalen Netzwerk miteinander verbunden sind. Durch die Stimulierung der entsprechenden Nervenzellen wird ein neuronaler Prozess ausgelöst, in dessen Verlauf die Verarbeitung der Reize im Gehirn stattfindet. Ich bitte um Verständnis, dass ich nicht die gesamte Bandbreite der Sinnesverarbeitung in diesem Buch darstellen kann. Das würde den Rahmen dieses Buches sprengen. Ich habe die Zusammenhänge in enger Rücksprache mit einem Mediziner so zusammengefasst, dass sie allgemein verständlich sind und ihre Bedeutung für unser Leben klar wird. Wenn Sie mehr über das Thema lesen wollen, empfehle ich Ihnen das sehr gut geschriebene, populärwissenschaftliche Buch Biologie der Sinne von Dr. Stephan Frings und Dr. Frank Müller, in dem die Autoren tiefer in die Thematik einsteigen.
SENSORISCHE EMPFINDUNG IST DER ANFANG
Was passiert, wenn Sie diese Zeilen lesen? Grundlegend ist hierbei – abgesehen natürlich von der erlernten Fähigkeit des Lesens – die Aktivierung von Nervenzellen durch Lichtwellen in Ihren Augen. Dieser Reiz wird an Ihr Gehirn, genauer: an die Sehrinde, weitergeleitet und der neuronale Prozess angestoßen. Nun sind Lesen und insbesondere die kognitive Verarbeitung eines Textes ein gewaltiger und komplexer Prozess. Deswegen zunächst nur dies: Sie können diesen Text sehen, wenn die Nervenzellen aktiviert werden, und lesen, wenn Sie die Verknüpfung von Buchstaben zu Wörtern und Sätzen gelernt haben. Verstehen können Sie ihn deswegen noch lange nicht, was im ersten Moment nicht an seiner Qualität liegt. Erst wenn all die komplexen kognitiven Vorgänge im Gehirn nicht zum Verständnis des Geschriebenen gereichen, mag dies an der Autorin gelegen haben – oder an der Ihnen nicht bekannten Fremd- oder Fachsprache, in der der Text verfasst ist. Sie ahnen, es wird komplex. Man kann sagen:
Die sensorische Empfindung via Sinnesorgan stellt nur einen geringen Teil dessen dar, was Wahrnehmung und letztendlich menschliches Bewusstsein ausmacht.
Ich bitte Sie, sich diesen Satz geistig oder auch gern schriftlich zu notieren, denn dies ist einer der Schlüssel zu unserer Wahrnehmung, unserem Verhalten, unseren Beziehungen, wie wir später auch im praktischen Teil noch erkennen werden.
DIE LAST DER WAHRNEHMUNG
Bleiben wir beim Beispiel Sehen: Wir sehen ja vieles, wenn der Tag lang ist – aber längst nicht alles, was es tatsächlich zu sehen gibt. Das ist auch gut so, sonst würde unser Nervensystem unter der schieren Last des Reiztransportes zusammenbrechen. Das Nervensystem des modernen Menschen tut nun einmal nichts anderes als das des Steinzeitmenschen: Es filtert zunächst Reize, denn die ungefilterte Flut kann das Gehirn nicht verarbeiten, es nimmt also eine selektive Wahrnehmung vor. Allerdings gibt sich das Gehirn Mühe, möglichst viele Eindrücke zu verarbeiten – und das ist für uns Menschen im digitalisierten und lauten Zeitalter des Anthropozän schwieriger und wesentlich anstrengender als für unsere oben erwähnten Vorfahren. Wir sind unglaublich vielen Reizen gleichzeitig ausgesetzt: Straßenlärm, Gerüchen aller Art, flimmernden Bildschirmen, Mitteilungstönen, Stimmen, lauter Musik. Ein Jäger im mittleren Pleistozän hatte wesentlich weniger zu verarbeiten. Wichtig war für ihn: Wo ist das Mammut, wohin bewegt es sich, wie ist das Wetter, welche Hindernisse sind zu überwinden und wie kommt das Tier möglichst bald auf den heimischen Grill? Da piepte kein Smartphone beim Pirschen, kam keine E-Mail beim Angriff rein, sauste kein Lastwagen durchs Bild beim Ausweiden und hechteten keine 200 anderen Artgenossen kreuz und quer durch den Urwald, während er das Fleisch zur heimischen Höhle schleppte. Konzentration auf das Wesentliche, also auf das, was sich in relativ unmittelbarer Nähe vor Augen, Ohren, Nase und Händen befand, war nicht nur einfacher, weil keine Ablenkung dazwischenfunkte, sondern sie war auch lebensnotwendig.
STRESSOREN DER MODERNE
Heute müssen wir unsere Nahrung nicht mehr selbst erjagen, sondern können in einen Supermarkt gehen, gefahrlos und wetterunabhängig. Doch dort erwarten uns andere Stressoren: Musik in Dauerschleife, viele bunte Verpackungen, die uns Entscheidungen abverlangen, ungefährliche, aber nervige Menschenschlangen an der Kasse … Die Reizüberflutung, also die ungebremste Lawine an sensorischen Eindrücken, die auf den modernen Menschen einprasseln, erschwert nicht nur die Konzentration, sondern hält auch das Nervensystem in ständigem Aufruhr. Die Welt hat sich seit dem Paläolithikum dramatisch verändert – unsere Nervensysteme aber nicht: Die Stressoren sehen anders aus, klingen, riechen, schmecken anders und fühlen sich anders an, aber der Stress bleibt für die feuernden Neuronen der gleiche. Die Alarmlampen leuchten, auch wenn der Stress nicht lebensbedrohlich ist, das Nervensystem wertet ihn evolutionär bedingt als Gefahr: Unser Nervensystem glaubt permanent, der viel zitierte Säbelzahntiger könnte gleich um die Ecke biegen, um uns zum Abendessen zu verspeisen.
INFORMATIONSAUTOBAHNEN
Um zu verstehen, wie Reize im Gehirn verarbeitet werden und wann sie für das Nervensystem Stress oder einfach nur Information darstellen, schauen wir uns kurz den Aufbau des menschlichen Nervensystems an. Rückenmark und Gehirn bilden das zentrale Nervensystem (ZNS) und sind zu 80 Prozent mit der Verarbeitung sensorischer Reize beschäftigt. Ohne sensorische Reize wäre unser Gehirn so gut wie arbeitslos, abgesehen davon, dass wir von der Welt um uns herum nichts mitbekommen würden. Ohne unser Rückenmark würde uns jedoch diese hoch entwickelte Verarbeitungszentrale im Schädel nichts nützen: Das Rückenmark besteht aus unzähligen Nervenbahnen, die in erster Linie damit beschäftigt sind, Informationen weiterzuleiten, die unsere Sinne aufnehmen. Die längste Bahn davon ist durchschnittlich zwei Meter lang und verbindet das Rückenmark mit Händen und Füßen. Die kürzesten Bahnen sind wenige Tausendstel eines Millimeters lang und verbinden einzelne Zellen.
Das Gehirn besteht entwicklungsgeschichtlich und funktionell aus vier Teilen: Hirnstamm, Kleinhirn, Zwischenhirn und Großhirn. Der Hirnstamm ist der älteste Teil des Gehirns. Er ist die weiterentwickelte Verlängerung des Rückenmarks. Dieses Areal ist keineswegs zu unterschätzen: Mittig im Hirnstamm, dem Retikular, ist das Netzwerk der Nervenzellen komplexer als an jedem anderen Ort im Gehirn – dies ist die Schaltzentrale, in der sämtliche sensorischen Informationen zunächst ankommen. Und hier geschieht auch schon Selektion: Manche Reize werden schneller, andere langsamer in die nächste Station, den Thalamus, weitergeleitet. Der Thalamus wird in der Wissenschaft »Tor zum Bewusstsein« genannt, weil er entscheidet, welche Eindrücke für den Organismus entscheidend sind und welche nicht.
Noch nicht vollständig erforscht ist bei dieser Selektion der Einfluss des Hormonstatus des Organismus (also des Menschen), der diese Reize aufnimmt. Die Stimmung, in der wir uns hormonbedingt befinden, sorgt natürlich ebenso für eine Vorauswahl der Reize: Wenn ich gerade richtig wütend auf jemanden bin und entsprechende Stresshormone in meinem Körper für äußerste Erregung sorgen, bin ich vermutlich nicht empfänglich für hübsches Vogelgezwitscher. Dann werden andere Reize vom Thalamus an das Großhirn gesendet als in romantischer Stimmung: In der Großhirnrinde werden nämlich die sensorischen Reize im wahrsten Sinne des Wortes erst ins Bewusstsein gebracht. Allerdings umgeht ein Reiz das Tor zum Bewusstsein, den Thalamus: Olfaktorische Reize, also die Empfindungen des Geruchssinns, landen auf direktem Weg in der Großhirnrinde.
BIOPHOTONEN
Wenn Sie sich in das ungeheuer spannende Thema Informationsübertragung im Gehirn tiefer hineinfuchsen möchten, hier ein paar Anregungen (mit Infos zum Weiterlesen im Anhang). Die Wissenschaft geht momentan davon aus, dass Reize zunächst über spezielle Nervenbahnen, die Axone, in Form von messbaren bioelektrischen Strömen weitergeleitet werden. Damit die Nervenzellen wiederum miteinander kommunizieren können, dienen biochemische Stoffe, die Neurotransmitter, zur Übermittlung der Informationen Dies sind bisher recht begründete Theorien, doch manches – wie die unglaubliche Geschwindigkeit der Reizweiterleitung bei der sensorischen Wahrnehmung – kann so nicht erschöpfend erklärt werden. Da sich die Neurowissenschaft in den letzten beiden Jahrzehnten geradezu Siebenmeilenstiefel der Erkenntnis umgeschnallt hat, kann man gespannt sein, was in den nächsten Jahren noch ans, ja, Licht kommen wird. Denn eine hochinteressante Theorie verfolgen inzwischen diverse Forschungsanstalten von China bis Kanada; eine Theorie, die bis vor Kurzem (und auf Wikipedia immer noch) als esoterischer Humbug abgetan wurde: Die sogenannten Biophotonen sind buchstäblich ins Rampenlicht getreten. Biophotonen sind Lichtteilchen, die zwischen Zellen für Kommunikation sorgen, und das millionenfach schneller als der bisher bekannte elektrische Impuls. Es handelt sich um sehr geringe Emissionen von Photonen im Bereich der sichtbaren infraroten und ultravioletten Strahlung, die bei Pflanzen, Bakterien und in bestimmten tierischen Zellen – und im menschlichen Gehirn! – nachgewiesen wurden. In einer Studie von Neurowissenschaftlern und Pharmaforschern der Universitäten in Budapest, Edmonton (Kanada) und Kerman (Iran) stellten die Experten die These auf, dass zum Beispiel die Verarbeitung eines optischen Reizes im Gehirn über Biophotonen gewährleistet wird.
Neurowissenschaftler an der Universität von Calgary in Kanada vermuten ebenfalls, dass das menschliche Gehirn optische Kommunikationskanäle haben könnte. Aber sie gehen noch weiter: Die Forscher spekulieren, dass die oben erwähnten Axone mit einer sogenannten Myelinschicht als Leitungsbahnen fungieren, um nicht nur elektrische Impulse, sondern auch Lichtinformation zu transportieren. Und was noch viel spannender klingt: Sie werfen die Frage auf, ob die im menschlichen Gehirn vorkommenden Photonen mit einer sogenannten Verschränkung von Quanten verbunden sind. Dieses Phänomen aus der Quantenphysik zu erklären, würde jetzt zu weit führen, aber eines sei gesagt: Bisher wurden alle Phänomene des menschlichen Organismus, also auch des Gehirns und des Bewusstseins, mit der klassischen Physik erklärt. In dieser kommt die Quantenphysik nicht vor, da sie bisher für das menschliche Leben als irrelevant galt. Die schier nicht nachvollziehbar schnelle Informationsübertragung im menschlichen Gehirn – nicht nur, was die Reizweiterleitung, sondern auch was das Gedächtnis, die Wirkungsweise von Anästhesie und, am grundlegendsten, das menschliche Bewusstsein betrifft – könnte unter anderem damit erklärt werden, so die Forscher. Der Quantenphysiker Christoph Simon, Mitautor der zitierten Studie von 2016, verfasste 2018 eine weitere Studie mit dem schönen Namen »Kann die Quantenphysik das harte Problem des Bewusstseins lösen?«. Seit Jahrhunderten, so Simon, treibt die Frage nach dem menschlichen Bewusstsein nicht nur Wissenschaftler, sondern auch Philosophen um. In seiner Studie diskutiert der Physiker zum Abschluss auch eine Reihe philosophischer Fragen – die allerdings offenbleiben …
ASSOZIATIONEN MACHEN MENSCHLICHES LEBEN KOMPLEX
