Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra - Robin Sloan - E-Book

Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra E-Book

Robin Sloan

4,6
9,99 €

oder
Beschreibung

Als Clay Jannon seinen Job als Webdesigner verliert, meldet er sich auf eine Stellenanzeige hin bei Mr. Penumbra, der in San Francisco eine alte, verstaubte Buchhandlung betreibt, die rund um die Uhr geöffnet ist. Clay übernimmt die Nachtschicht, und bald ist ihm klar, dass hier irgendetwas nicht stimmt: Die Kunden kaufen nichts, sondern leihen die Bücher nur aus, drei Stockwerke hohe Regale beherbergen riesige Folianten, die keine Texte beinhalten, sondern nur ellenlange Reihen aus Buchstaben. Nach und nach findet Clay heraus, dass Mr. Penumbra und seine Kunden einem uralten Geheimnis auf der Spur sind. Mit der Unterstützung seiner Freundin Kat und seines ältesten Kumpels Neel, sowie der Weisheit von Mr. Penumbra, macht sich Clay daran, dieses Geheimnis zu lüften. Ein Geheimnis, das bis in die Anfangszeiten des Buchdrucks zurückreicht.

Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra ist ein spannendes literarisches Rätsel und ein inspirierendes und philosophisches Buch voller einzigartiger Charaktere und visionärer Ideen.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 411




Robin Sloan

DIE SONDERBARE

BUCHHANDLUNG

DES MR. PENUMBRA

Roman

Aus dem Amerikanischen

von Ruth Keen

Karl Blessing Verlag

Originaltitel: Mr. Penumbra’s 24-Hour-Bookstore

Originalverlag: Farrar, Straus and Giroux

Die Übersetzerin dankt dem Deutschen Übersetzerfonds

für die freundliche Unterstützung dieser Arbeit.

1. Auflage

Copyright © 2014 by Karl Blessing Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlaggestaltung: Geviert, München

Satz: Leingärtner, Nabburg

ePub-ISBN: 978-3-641-09323-5

www.blessing-verlag.de

Für Betty Ann und Jim

INHALT

Die Buchhandlung

Die Bibliothek

Der Turm

Epilog

DIE BUCHHANDLUNG

AUSHILFE GESUCHT

Verloren im Schatten der Regale, falle ich fast von der Leiter. Ich bin jetzt genau auf halber Höhe angelangt. Der Boden der Buchhandlung liegt tief unter mir, die Oberfläche eines Planeten, von dem ich mich weit entfernt habe. Die Regale türmen sich über mir auf, und dort, wo sie enden, ist es dunkel – die Bücher stehen dicht an dicht und lassen kein Licht hindurch. Gut möglich, dass dort auch die Luft dünner ist. Ich glaube, ich habe eine Fledermaus gesehen.

Verzweifelt klammere ich mich fest, eine Hand an der Leiter, die andere am Rand des Regalbretts, sodass meine Knöchel weiß hervortreten. Meine Augen schweifen über eine Reihe von Buchrücken – und da steht es. Das Buch, das ich suche.

Aber fangen wir lieber von vorn an.

Ich heiße Clay Jannon, und mit Papier kam ich damals selten in Berührung.

Die meiste Zeit saß ich am Küchentisch und ging auf meinem Laptop die »Aushilfe gesucht«-Anzeigen durch, nur blinkte irgendwann immer ein Browser-Tab auf, lenkte mich ab und verleitete mich dazu, einem Link zu einem langen Zeitschriftenartikel, etwa über genmanipulierte Weintrauben, zu folgen. Einem zu langen, wie ich fand, weshalb ich ihn meiner Leseliste hinzufügte. Dann klickte ich einen anderen Link an, der zu einer Buchrezension führte. Diese Rezension übertrug ich ebenfalls in meine Leseliste und lud mir das erste Kapitel des Buchs herunter – des dritten aus einer Serie über Vampir-Cops. Anschließend verzog ich mich – die »Aushilfe gesucht«-Anzeigen waren vergessen – ins Wohnzimmer, wo ich mit dem Laptop auf dem Bauch den ganzen Tag las. Ich hatte eine Menge Zeit.

Ich war arbeitslos, eine Folge der großen Lebensmittelketten-Rezession, die Anfang des einundzwanzigsten Jahrhunderts über Amerika hereingebrochen war und bankrotte Fastfood-Ketten und verrammelte Sushi-Imperien hinterlassen hatte.

Ich hatte meinen Job im Firmensitz von NewBagel verloren, das sich weder in New York noch an sonst einem für seine Tradition der Bagelherstellung bekannten Ort befand, sondern hier in San Francisco. Das Unternehmen war sehr klein und sehr neu, gegründet von zwei Ex-Googlern, die eine Software zur Entwicklung und Herstellung des idealen Bagels geschrieben hatten: außen glatt und knusprig, innen weich und nicht ganz durchgebacken, so rund wie ein perfekter Kreis. Es war mein erster Job nach der Kunstakademie, und ich fing als Designer an, entwickelte das Marketingmaterial, mit dem der leckere Kringel angepriesen und unter die Leute gebracht wurde: Speisekarten, Coupons, Diagramme, Werbeposter und einmal ein ganzes Photo-Booth-Video für eine Backwarenmesse.

Es gab eine Menge zu tun. Als Erstes bat mich einer der beiden Ex-Googler, mich an einem Neuentwurf des Firmenlogos zu versuchen. Das alte bestand aus einem blassbraunen Kreis, der große fröhliche Buchstaben in allen Regenbogenfarben umschloss und nach MS Paint aussah. Für die Umgestaltung nahm ich eine relativ neue Schrift mit kräftigen schwarzen Serifen, die, wie ich hoffte, ein bisschen an die Kästchen und Dolche des hebräischen Alphabets erinnerte. Es verlieh NewBagel etwas Seriosität und brachte mir einen Preis der Zweigstelle San Francisco vom American Institute of Graphic Arts ein. Als ich dann der anderen Ex-Googlerin gegenüber erwähnte, dass ich programmieren konnte (so lala), übertrug sie mir die Verantwortung für die Website. Also entwarf ich auch dafür ein neues Design und bekam dann einen kleinen Werbeetat, der mir erlaubte, Begriffe wie »Bagel«, »Frühstück« und »Topologie« zu verschlagworten. Ich war außerdem die Stimme von @NewBagel auf Twitter und konnte mit einer Mischung aus Informationshäppchen rund ums Frühstück und digitalen Coupons ein paar Hundert Interessenten anlocken.

Nichts davon könnte man als ruhmreiche neue Errungenschaft der menschlichen Evolution bezeichnen, aber ich habe etwas dabei gelernt. Es ging aufwärts mit mir. Doch dann ging es mit der Wirtschaft bergab, und wie sich herausstellte, bevorzugen die Leute in einer Rezession die guten alten blasigen und länglichen Bagels und interessieren sich nicht für die glatten, Ufo-mäßigen Bagels, nicht einmal für solche mit präzisionsgerebelten Salzkörnern.

Die erfolgsverwöhnten Ex-Googler hatten nicht vor, kampflos unterzugehen. Sie verpassten sich schnell ein neues Image, benannten sich um in Old Jerusalem Bagel Company und verzichteten komplett auf den Algorithmus, sodass die Bagels schwarz angekokelt und ungleichmäßig aussahen. Sie wiesen mich an, die Website altmodisch zu gestalten; eine Aufgabe, die mich seelisch belastete und mir null Preise vom American Institute of Graphic Arts einbrachte. Mein Marketingbudget schrumpfte und verschwand dann ganz. Es gab immer weniger zu tun. Ich lernte nichts und es ging weder aufwärts noch irgendwie weiter mit mir.

Schließlich warfen die Ex-Googler das Handtuch und zogen nach Costa Rica. Die Backöfen erkalteten und die Website erlosch. Für eine Abfindung war kein Geld da, aber ich durfte mein Firmen-MacBook und den Twitter-Account behalten.

So war ich also, nach nicht einmal einem Jahr, wieder ohne Job. Bald wurde klar, dass nicht nur die Lebensmittelketten gelitten hatten. Die Menschen mussten in Motels und Zeltstädte ziehen. Die ganze Wirtschaft glich plötzlich einem einzigen »Reise nach Jerusalem«-Spiel, und ich wusste, dass ich mir einen Stuhl schnappen musste, irgendeinen, und zwar so schnell wie möglich.

Angesichts der Konkurrenz waren meine Aussichten ziemlich düster. Ich hatte Freunde, die wie ich Designer waren, aber sie hatten schon weltberühmte Websites oder raffinierte Touchscreen-Interfaces entworfen, nicht nur das Logo für eine neu gegründete Bagelbude. Ich hatte Freunde, die bei Apple arbeiteten. Mein bester Kumpel, Neel, besaß bereits sein eigenes Unternehmen. Noch ein Jahr bei NewBagel, und ich hätte gut dagestanden, aber so war zu wenig Zeit gewesen, um mir ein Portfolio zusammenzustellen oder auch nur auf irgendeinem Gebiet besonders gute Kenntnisse zu erwerben. Was ich vorzuweisen hatte, war eine Abschlussarbeit über schweizerische Typografie (1957–1983) und eine Website von drei Seiten.

Aber ich blieb mit den »Aushilfe gesucht«-Anzeigen am Ball. Meine Ansprüche sanken rasch. Zuerst war ich fest entschlossen, nur bei einer Firma zu arbeiten, deren Zielsetzung mich überzeugte. Dann fand ich, eine Stelle, bei der ich wenigstens etwas Nützliches lernen könnte, wäre auch in Ordnung. Danach legte ich nur noch Wert darauf, dass das betreffende Unternehmen keinem bösen Zweck diente. Jetzt war ich gerade dabei, meine ganz persönliche Definition von »böse« zu überdenken.

Was mich schließlich rettete, war Papier. Denn es zeigte sich, dass ich mich auf die Jobsuche konzentrieren konnte, solange ich mich vom Internet fernhielt; daher druckte ich mir jedes Mal einen dicken Stapel »Aushilfe gesucht«-Anzeigen aus, verstaute mein Handy in einer Schublade und ging spazieren. Die Anzeigen, die zu viel Berufserfahrung verlangten, zerknüllte ich und warf sie unterwegs in eine der verbeulten grünen Mülltonnen, und wenn ich irgendwann erschöpft in einen Bus stieg, der mich nach Hause bringen würde, steckten zwei oder drei Prospekte, denen ich nachgehen konnte, zusammengefaltet in meiner Gesäßtasche.

Diese Methode brachte mir tatsächlich einen Job ein, aber nicht so, wie ich erwartet hatte.

San Francisco ist ein guter Ort für Spaziergänge, wenn man kräftige Beine hat. Die Stadt ist ein winziges Quadrat, das von steilen Hügeln durchsetzt und auf drei Seiten von Wasser begrenzt ist; infolgedessen öffnen sich einem überall überraschende Ausblicke. Während man noch gedankenverloren mit einer Handvoll Prospekte vor sich hin schlendert, fällt plötzlich der Boden steil ab und man schaut direkt in die Bay hinunter, auf all die bunten, rosa und orange beleuchteten Gebäude entlang der Straße dorthin. Der Baustil von San Francisco hat sich eigentlich nirgendwo sonst im Land durchsetzen können, und selbst wenn man hier lebt und daran gewöhnt ist, ist der Anblick immer wieder befremdlich: die hohen schmalen Häuschen, die Fenster wie Augen und Zähne, die kitschigen Verzierungen. Und hinter allem erhebt sich drohend, sofern man in die richtige Richtung schaut, das rostige Gespenst der Golden Gate Bridge.

Ich war einem dieser merkwürdigen Anblicke über eine Reihe von steilen, stufigen Gehsteigen abwärts gefolgt und dann am Wasser entlang über einen sehr langen Umweg nach Hause gelaufen. Ich ging vorbei an den alten Landungsbrücken – mied aber die lärmende Fischsuppen-Szene am Fisherman’s Pier – und beobachtete, wie Fischrestaurants allmählich in Läden für Bootszubehör und dann in Social-Media-Start-ups übergingen. Als mir schließlich der Magen knurrte und seine Bereitschaft zum Mittagessen signalisierte, wandte ich mich stadteinwärts.

Wenn ich die Straßen von San Francisco entlanglief, hielt ich immer Ausschau nach AUSHILFE-GESUCHT-Schildernin den Läden – was man eigentlich nicht tut, stimmt’s? Wahrscheinlich sollten sie einem eher suspekt sein. Seriöse Arbeitgeber inserieren auf Craigslist.

Und tatsächlich machte »Buchhandlung Penumbra – durchgehend geöffnet« ganz und gar nicht den Eindruck eines seriösen Arbeitgebers:

AUSHILFE GESUCHT

Spätschicht

Spezielle Anforderungen

Gute Zusatzleistungen

Eins vorweg: Ich war mir ziemlich sicher, dass »Buchhandlung Penumbra – durchgehend geöffnet« ein Euphemismus für irgendetwas sein musste. Wir waren hier am Broadway, in einem euphemistischen Stadtviertel. Mein »Aushilfe gesucht«-Spaziergang hatte mich weit von zu Hause fort geführt; der Laden nebenan hieß Booty’s und auf dem Reklameschild wurden Neonbeine abwechselnd übereinandergeschlagen und gespreizt.

Ich stieß die Glastür der Buchhandlung auf. Über mir erklang fröhlich eine Glocke, und ich trat zögernd ein. Mir war damals noch nicht klar, was für eine wichtige Schwelle ich gerade überschritten hatte.

Drinnen: Stellen Sie sich Form und Inhalt einer normalen Buchhandlung vor, bloß hochkant. Der Laden war geradezu absurd eng und schwindelerregend hoch, und die Regale reichten bis zur Decke – drei Stockwerke hoch Bücher, vielleicht sogar mehr. Ich reckte den Hals (warum wird man in Buchläden immer gezwungen, sich den Hals zu verrenken?), und die Regale verschwammen so übergangslos in den schummrigen Höhen, dass ich das Gefühl bekam, sie könnten endlos weitergehen.

Sie drückten sich eng aneinander, und ich meinte, am Rand eines Waldes zu stehen – keines freundlichen kalifornischen Waldes, sondern eines alten transsylvanischen Waldes, eines Waldes voller Wölfe und Hexen und bis an die Zähne bewaffneter Räuber, die dort in der Finsternis lauerten, wohin das Mondlicht nicht gelangte. An den Regalen waren Leitern befestigt, die sich von einer Seite zur anderen schieben ließen. Normalerweise haben solche Leitern einen gewissen Charme, aber so, wie sie hier in die düsteren Höhen ragten, wirkten sie unheilvoll. Sie raunten von Unfällen in der Dunkelheit.

Darum hielt ich mich lieber an die vordere Hälfte des Ladens, wo helles Mittagslicht hereinflutete und die Wölfe vermutlich in Schach hielt. Die Wände neben und über der Tür waren ebenfalls aus Glas, dicke quadratische Fensterscheiben, eingefasst von einem schwarzen eisernen Gitterwerk, und darüber spannte sich (rückwärts gelesen) ein Bogen aus großen goldenen Lettern:

Unterhalb, im Hohlraum des Bogens, saß ein Symbol – zwei Handflächen, die offen auf einem aufgeschlagenen Buch lagen.

Und wer war jetzt Penumbra?

»Hallihallo«, rief eine sanfte Stimme hinter den Stapeln. Eine Gestalt kam zum Vorschein – ein Mann, groß und dürr wie eine der Leitern, in einem hellgrauen Hemd mit Button-down-Kragen und einer blauen Strickjacke. Er wankte etwas und ließ eine lange Hand an den Regalbrettern entlanggleiten, um sich abzustützen. Als er aus dem Schatten trat, sah ich, dass sein Pullover zu seinen Augen passte, die blau waren und in einem Nest aus Falten versanken. Er war sehr alt.

Er nickte mir zu und winkte schwach. »Was hoffst du in diesen Regalen zu finden?«

Es war ein guter Spruch, und aus irgendeinem Grund wirkte er beruhigend auf mich. Ich fragte: »Spreche ich mit Mr. Penumbra?«

»Ich bin Penumbra« – er nickte –, »und ich bin der Hüter dieses Ortes.«

Bevor ich wusste, was ich sagte, war es schon raus: »Ich suche einen Job.«

Penumbra blinzelte einmal, nickte dann und taperte hinüber zu einem Schreibtisch neben der Tür. Es war ein wuchtiger Block aus dunklem, wirteligem Holz, eine solide Festung am Waldesrand. Wahrscheinlich könnte man sie im Fall eines Angriffs aus den Regalen tagelang verteidigen.

»Eine Anstellung.« Penumbra nickte wieder. Er glitt auf den Stuhl hinter dem Schreibtisch und schaute mich über das massige Ding hinweg an. »Hast du je in einer Buchhandlung gearbeitet?«

»Naja«, sagte ich, »während meines Studiums habe ich in einem Fischrestaurant gekellnert, und der Besitzer verkaufte da sein Kochbuch.« Es hieß The Secret Cod und schilderte in aller Ausführlichkeit einunddreißig verschiedene Arten, wie man einen Kabeljau – na, Sie verstehen schon. »Das zählt wahrscheinlich nicht.«

»Nein, tut es nicht, aber einerlei«, sagte Penumbra. »Vorkenntnisse im Buchhandel werden dir hier kaum von Nutzen sein.«

Moment mal – vielleicht war ich ja doch in einem Erotik-Shop gelandet. Ich blickte mich nach allen Seiten um, konnte aber weder Mieder noch ähnliche Reizwäsche entdecken. Stattdessen lag auf einem niedrigen Tisch gleich neben mir ein Stapel mit angestaubten Dashiell Hammetts. Ein gutes Zeichen.

»Erzähl mir«, sagte Penumbra, »von einem Buch, das du liebst.«

Die Antwort darauf war einfach. Konkurrenzlos. Ich sagte zu ihm: »Mr. Penumbra, es handelt sich nicht um ein einziges Buch, sondern um eine ganze Serie. Stilistisch ist sie nicht überragend und wahrscheinlich ist sie auch zu lang und das Ende ist grauenhaft, aber ich habe sie dreimal gelesen, und ich habe darüber meinen besten Freund kennengelernt, weil wir beide davon besessen waren, damals, als wir in die sechste Klasse gingen.« Ich holte Luft. »Ich liebe die Drachenlied-Chroniken.«

Penumbra hob eine Augenbraue und lächelte dann. »Das ist gut, sehr gut«, sagte er, und sein Lächeln wurde immer breiter und offenbarte dicht gedrängte weiße Zähne. Dann musterte er mich aus zusammengekniffenen Augen von oben bis unten. »Aber kannst du auch auf eine Leiter klettern?«

Und so kommt es, dass ich jetzt auf dieser Leiter hänge, oben im bodenlosen dritten Stock der Buchhandlung Penumbra. Das Buch, das er mir zu holen aufgetragen hat, heißt AL-ASMARI und steht etwa anderthalbmal so weit, wie mein Arm lang ist, zu meiner Linken. Ich muss eindeutig noch einmal nach unten und die Leiter ein Stück weiterschieben. Aber da steht Penumbra und ruft: »Streck dich, mein Junge! Streck dich!«

Und Mann, bin ich scharf auf diesen Job.

MANTELKNÖPFE

Das war alles vor einem Monat. Inzwischen bin ich Penumbras Verkäufer für die Nachtschicht und klettere die Leitern wie ein Äffchen rauf und runter. Dafür gibt es regelrecht eine Technik. Man schiebt die Leiter an die gewünschte Stelle und lässt die Rollen einrasten, dann geht man in die Hocke und springt gleich auf die dritte oder vierte Sprosse. Man zieht sich mit den Armen hoch, um den Schwung mitzunehmen, und schon hängt man anderthalb Meter in der Luft. Beim Klettern schaut man direkt geradeaus, nicht nach oben, nicht nach unten; man konzentriert sich auf einen Punkt etwa dreißig Zentimeter vor dem Gesicht und lässt die Wälzer in einem Wirbel aus bunten Buchrücken an sich vorbeirauschen. Dann zählt man stumm die Sprossen, und hat man endlich die richtige Ebene erreicht und greift nach dem gesuchten Buch… na, dann streckt man sich natürlich.

Beruflich betrachtet, ist das möglicherweise keine ganz so marktfähige Qualifikation wie Webdesign, aber es macht wahrscheinlich mehr Spaß, und im Moment nehme ich alles, was ich kriegen kann.

Ich wünschte nur, meine neuen Fähigkeiten kämen öfter zum Einsatz. Mr. Penumbras Laden operiert nicht aufgrund eines überwältigend großen Andrangs von Kunden rund um die Uhr. Tatsächlich gibt es kaum welche, und manchmal komme ich mir eher wie ein Nachtwächter vor als wie ein Verkäufer.

Penumbra verkauft gebrauchte Bücher, die aber durch die Bank in einem so ausgezeichneten Zustand sind, dass sie ebenso gut neu sein könnten. Er macht seine Neuerwebungen tagsüber– man kann sie nur dem Mann verkaufen, dessen Name auf dem Schaufenster steht–, und offenbar ist er kein einfacher Kunde. Die Bestsellerlisten scheinen ihn nicht groß zu kümmern. Sein Lagerbestand ist eklektisch; es gibt keinerlei Hinweise auf irgendwelche Standards oder Kriterien außer seinen eigenen Vorlieben, schätze ich mal. Jugendliche Zauberer oder Vampir-Cops wird man also hier vergeblich suchen. Was schade ist, denn es ist genau so ein Laden, in dem man sofort ein Buch über einen jugendlichen Zauberer kaufen will. Es ist ein Laden, in dem man ein jugendlicher Zauberer sein will.

Ich habe meinen Freunden von Penumbras Laden erzählt, und ein paar sind auch vorbeigekommen und haben die Regale in Augenschein genommen und mir beim Erklimmen der staubigen Höhen zugesehen. Normalerweise beschwatze ich sie, irgendwas zu kaufen: einen Roman von Steinbeck, Erzählungen von Borges, einen dicken Tolkien-Wälzer– für all diese Autoren hat Penumbra eindeutig ein Faible, weil er von jedem das Gesamtwerk führt. Wenn gar nichts geht, schicke ich meine Freunde wenigstens mit einer Postkarte nach Hause. Auf dem Schreibtisch vorn liegt ein ganzer Stapel. Darauf ist eine Außenansicht des Ladens abgebildet– eine zarte Federzeichnung, die so alt und uncool ist, dass sie schon wieder cool aussieht–, und Penumbra verkauft sie für einen Dollar das Stück.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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