Die Spaltung Amerikas - Arthur M Schlesinger - E-Book

Die Spaltung Amerikas E-Book

Arthur M. Schlesinger

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Beschreibung

Die Vereinigten Staaten von Amerika erscheinen gespaltener denn je – die Verwerfungslinien ziehen sich quer durch die Gesellschaft. Sind die USA, die mit dem Wahlspruch gegründet wurden, Aus Vielen Eines (E pluribus unum) zu erschaffen, am Ende? Das hergebrachte Selbstbild der USA als großer Schmelztiegel, in dem äußerliche Unterschiede irrelevant sind und in einer freiheitlichen Demokratie zu einer neuen, amerikanischen Identität verschmolzen werden, wird zunehmend ersetzt durch identitätspolitische Agenden, welche die Unterschiede in den Vordergrund rücken – mit Leitmerkmalen wie Ethnizität, Herkunft, Hautfarbe, Religion. Droht den USA ein Schicksal, das wir anhand der Vorgänge in Jugoslawien, Nigeria, dem Libanon vorausahnen können? Gruppenzugehörigkeiten kommt eine eminente Rolle zu, um Diskriminierung und Rassismus entgegentreten zu können; zugleich laufen die USA jedoch Gefahr, entlang von Kollektividentitäten aufgerieben zu werden und ihren inneren Zusammenhalt zu verlieren. Die extreme politische Spaltung des Landes zeugt deutlicher denn je davon. Mit seinem Bestseller Die Spaltung Amerikas (The Disuniting of America) legt Arthur M. Schlesinger Jr. (1917–2007), Historiker, zweifacher Pulitzer-Preisträger, Sonderberater von John F. Kennedy und Kennedy-Biograph, 1998 eine geradezu prophetische Langfrist-Diagnose vor, die angesichts der gegenwärtigen Ereignisse in den USA beklemmend aktuell ist. Mit der vorliegenden Ausgabe ist Schlesingers wohl meistdiskutiertes Werk erstmals in deutscher Übersetzung verfügbar.

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Seitenzahl: 274

Veröffentlichungsjahr: 2020

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ibidem-Verlag, Stuttgart

Inhaltsverzeichnis

Vorwort von Sandra Kostner

Vorbemerkung des Übersetzers

Vorbemerkung zur amerikanischen zweiten Ausgabe

Vorwort

1 „Eine neue Rasse“?

2 Geschichte als Waffe

3 Der Kampf der Schulen

4 Der Zerfall Amerikas

5 E Pluribus Unum?

Epilog

Schlesingers Bücherecke – ein gutes Dutzend Bücher oder: Unerlässliche Lektüre zum Verständnis Amerikas

Quellenangaben

Vorwort von Sandra Kostner

Den ersten Band der Debattenreihe Impulse gab ich im letzten Jahr heraus. Er widmete sich dem titelgebenden Thema: Identitätslinke Läuterungsagenda – ein zugegebenermaßen auf den ersten Blick sperriger Begriff, den ich aber deshalb gewählt habe, weil er genau das Phänomen auf den Punkt bringt, das ich analysieren und zur Debatte stellen wollte. Mit dem Begriff „identitätslinke Läuterungsagenda“ bezeichne ich eine spezifische Form der Identitätspolitik, die von Personen vorangetrieben wird, die sich selbst politisch links verorten, aber im Kern eine rechte Politik verfolgen. Das ist deshalb der Fall, weil sie die starre Orientierung an unveränderbaren Merkmalen fortführen, die von Rechten genutzt wurde, um die Ungleichbehandlung von Nichtweißen und Frauen zu rechtfertigen. Einzig die Richtung der Ungleichbehandlung drehten Identitätslinke um, sodass nun, zur Wiedergutmachung historischen Unrechts, von den ehemals bevorzugten Identitätsgruppen verlangt wird, dass sie Ungleichbehandlungen über sich ergehen lassen sollen und müssen. Anders gesagt: Menschen werden in dieser linken Form der Identitätspolitik weiterhin nicht als Individuen, sondern als kollektive Merkmalsträger behandelt.

Werden Menschen kollektive Identitäten aufgrund eines Abstammungsmerkmals aufgezwungen und werden sie aufgrund dieser aufgezwungen Identitäten nicht als Individuen, sondern als Merkmalsträger behandelt, ist der Samen für die Spaltung der Gesellschaft gesät. Übernehmen staatliche Institutionen, von Bildungseinrichtungen über Behörden bis hin zu Kultureinrichtungen, sowie private Arbeitgeber dieses identitätspolitische Denken – sei es aus Überzeugung, sei es aufgrund politischen oder aktivistischen Drucks –, dann erleben Menschen, dass ihre Chancen auf freie Entfaltung ihrer Persönlichkeit davon abhängen, mit welchem Abstammungsmerkmal sie geboren sind. Je mehr Menschen ihre Entfaltungschancen eingeschränkt sehen, desto mehr geht der spalterische Samen auf. Welche verheerenden Folgen dieser Samen, ist er erst einmal wie in den USA voll aufgegangen, auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt hat, führen insbesondere die jüngeren Entwicklungen dort eindrücklich vor Augen.

Ein früher Diagnostiker dieser spalterischen Identitätspolitik, die nunmehr sämtliche westlichen, liberaldemokratisch verfassten Staaten erfasst hat, war der Historiker Arthur M. Schlesinger Jr., der 1991 in seiner so hellsichtigen Schrift The Disuniting of America vor der ethnischen Spaltung der USA gewarnt hat; bereits 1998 schob er eine aktualisierte, neue Ausgabe nach. Heutzutage sind die USA auf eine Art und Weise gespalten, die wahrscheinlich selbst einen so weitsichtigen Analytiker wie Schlesinger mit Erstaunen erfüllen würde. Denn neben die Spaltung in ethnische Abstammungsgruppen trat in den letzten Jahren mit enormer Wucht die Spaltung nach Geschlecht und nach Genderidentitäten. Somit herrscht nun auf der gesamten identitätspolitischen Front eine „Wir-gegen-die-Mentalität“ vor, die gerade im Jahr 2020, befördert durch den stark identitätspolitisch geprägten Präsidentschaftswahlkampf, immer weitere Teile der USA erfasst hat und unerbittlich auf einen Kulminationspunkt zusteuert. Und damit auf den Punkt, an dem die USA so gespalten sind, dass das Land vor der Frage steht, in welcher Form sein Fortbestehen gesichert werden kann.

Liest man Schlesingers Text aus der Perspektive des Jahres 2020, springen zwei Punkte ins Auge: Zum einen, wie konstant sowohl die Gründe, die zur Rechtfertigung der Spaltungspolitik herangezogen werden, als auch die zum Einsatz gebrachten Methoden sind. Der wichtigste Grund heißt „Gerechtigkeit“, genauer gesagt „Rassengerechtigkeit“ („racial justice“). In den 1990er-Jahren wie heute ist den Befürwortern dieser Identitätspolitik zur Erreichung dieses Ziels so gut wie jedes Mittel recht – Nebenwirkungen, auch solche, die das Land tief und nachhaltig spalten, werden billigend in Kauf genommen. Vor genau diesen Nebenwirkungen warnte Schlesinger. Dass er leider mit seinen Warnungen nicht durchdrang, zeigen die Entwicklungen der vergangenen Jahre. Hätten Politik und Institutionen seine Analyse zur Grundlage ihrer Strategien gemacht, stünden die USA heute deutlich besser da.

Zum anderen fällt bei der Lektüre auf, wie sehr das rhetorische Arsenal der Identitätspolitik zwischenzeitlich ausgebaut wurde. Zentrale (Kampf-)Begriffe, mit denen heutzutage die spalterische Identitätspolitik vorangetrieben wird, wie „woke“ (besondere Wachsamkeit für Rassismus), „cancel culture“, „safe spaces“, „Triggerwarnungen“, „kulturelle Aneignung“, „Twitter-Mob“, „Black Lives Matter“, „BIPoC“ (Black, Indigenous and People of Color), „toxische Männlichkeit“, „Social Justice Warrior“ oder auch die Idee, dass es Dutzende von unterschiedlichen Genderidentitäten gibt, konnten noch keinen Eingang in Schlesingers Analyse finden.

Als Arthur M. Schlesinger im Jahr 2007 verstarb, war dieses Vokabular noch nicht im Umlauf. All diese erst in den letzten Jahren geprägten Begriffe sind Ausdruck dafür, dass Identitätspolitik nunmehr einem Hochgeschwindigkeitszug gleicht, der kontinuierlich weiter Fahrt aufnimmt und an den immer mehr thematische Wagen angekoppelt werden. Die fortwährend ergänzte Palette an Neologismen stellt eine Erweiterung des sprachlichen Instrumentariums dar, mit dessen Hilfe Identitätspolitik umgesetzt werden soll. Neu sind die Begriffe, altbekannt – und von Schlesinger hervorragend auf den Punkt gebracht – sind die mit ihnen verfolgten Ziele (vornehmlich die Einschränkung der Redefreiheit mittels eines moralisch erzeugten Konformitätsdrucks) und gesellschaftlichen Nebenwirkungen (wie vor allem die Spaltung der Gesellschaft).

Das Hauptziel war in den 1990er-Jahren wie auch heute, Begriffe zur Hand zu haben, mit deren Hilfe Menschen in moralisch Gute und Schlechte unterteilt werden können. Damals wie heute gilt als moralisch hochwertig, wer die richtige Sprache spricht und sich so als Unterstützer der identitätspolitischen Agenda zu erkennen gibt. Als moralisch minderwertig wird derjenige herabgewürdigt, der Kritik an der Agenda übt. Wer beispielsweise nicht hinnehmen möchte, dass zur Schaffung von „safe spaces“ für Opfergruppen, allen voran BIPoCs, Frauen und Menschen mit nicht-heteronormativer Genderidentität, die Meinungs-, Presse- und Wissenschaftsfreiheit eingeschränkt wird, dem wird unterstellt, dass er damit den genannten Opfergruppen ein Gefühl von Sicherheit, Wohlbefinden und Zugehörigkeit verweigere, ja, dass er in Kauf nehme, dass diesen Menschen sprachliche Gewalt angetan wird. Den Begriff „safe space“ kannte Schlesinger noch nicht, das Phänomen, dass für Opfergruppen Schutzräume geschaffen werden, zum Beispiel in der Form von Wohngebäuden nur für Afroamerikaner auf dem Gelände von Universitäten, floss avant la lettre in seine Analyse ein.

Wäre Schlesinger noch am Leben, sähe er sich heutzutage wohl als „alter weißer Mann“ diskreditiert, der mit seinen Analysen und Mahnungen nur eines bezwecke: seine „weißen, männlichen und heteronormativen Privilegien“ abzusichern. Zudem fände er seine Prognosen bestätigt – vielleicht auf eine Art und Weise, die selbst einen luziden Analytiker mit Entsetzen darüber erfüllte, in welchem Ausmaß es die amerikanische Gesellschaft zugelassen hat, dass sich die zerstörerischen Kräfte der Identitätspolitik nahezu ungehindert entfalten konnten. Ein Austausch mit Schlesinger als jemandem, der das Unheil früh heraufziehen sah, über die gegenwärtigen Entwicklungen, wäre sicher sehr erkenntnisreich und gewinnbringend.

Zwei Feldern, die maßgeblich dafür verantwortlich sind, dass das Spaltungs- und Zerstörungspotenzial der Identitätspolitik so stark an Fahrt aufnehmen konnte, hat Schlesinger jeweils ein eigenes Kapitel gewidmet: „Geschichte als Waffe“ und „Der Kampf der Schulen“.

Schlesinger hat anschaulich dargelegt, warum und mit welchen Methoden identitätspolitische Aktivisten versuchen, Geschichte als Waffe einzusetzen. Das sie leitende Motto lautet: Wer die Deutungsmacht über die Vergangenheit hat, kann auch die Gegenwart und Zukunft prägen. Grundsätzlich gilt: Wer Geschichte als identitätspolitische Waffe einsetzt, dem geht es nicht um Fakten. Es geht ihm nicht darum, vergangenes Geschehen möglichst akkurat zu rekonstruieren. Ganz im Gegenteil: Es geht ihm darum, die Vergangenheit in ideologische Narrative zu pressen. Auf der identitätsrechten Seite handelt es sich um weiße Überlegenheitsnarrative, die allerdings nur noch von kleineren Gruppen am gesellschaftlichen Rand offensiv vertreten werden. Auf der identitätslinken Seite geht es um moralisch hochwirksame Opfer- und Schuldnarrative.

Das identitätslinke Narrativ, das inzwischen viele Bildungsinstitutionen dominiert, lautet so: Heute lebende Menschen, die aufgrund ihres Abstammungsmerkmals einer Schuldgruppe zugewiesen werden, müssen anderen heute lebenden Menschen, die einer Opfergruppe zugeteilt werden, Bevorzugungsmöglichkeiten gewähren, um die Schuld ihrer Vorfahren abzutragen. Die enorme Komplexität historischer Vorgänge wird also auf einen einzigen Aspekt reduziert. Begründet wird dies damit, dass dieser aus moralischen Gründen der einzig relevante sei. Diese interessengeleitete Simplifizierung und Moralisierung der Vergangenheit, die Schlesinger bereits in den 1990er-Jahren feststellte, hat im Jahr 2019 mächtig Auftrieb erfahren.

Im August 2019 veröffentlichte das New York Times Magazine eine Initiative namens „1619 Project“. Die Initiatoren erklärten das Jahr 2019 zum 400. Jahrestag der Sklaverei in Amerika und das Jahr 1619 zum eigentlichen Ausgangspunkt der US-Geschichte. Dass es beim Projekt 1619 nicht um Fakten, sondern um eine ideologiekonforme Geschichtsschreibung und somit um die Verfügungsmacht über das nationale Narrativ geht, geben die Initiatoren freimütig zu. Ziel des Projektes ist es, wie die Initiatoren auf der Website des New York Times Magazine schreiben, Sklaverei und den erzwungenen Beitrag der Afroamerikaner zum wirtschaftlichen Erfolg des Landes ins Zentrum der nationalen Erzählung zu rücken.

US-Amerikaner sollen Rassismus als unauslöschliches Kainsmal sehen. Amerikaner sollen davon überzeugt werden, dass nichts so sehr die USA geprägt habe wie Rassismus und dass Rassismus der Wesenskern des Landes sei. Das Opfer-und-Schuld-Narrativ soll politisch, institutionell und gesellschaftlich als einzig gültiges verankert werden – mit dem Ziel, dass sich Afroamerikaner ermächtig fühlen und ihnen die Möglichkeit gegeben wird, unter Verweis auf ihren Opferstatus, dauerhaft Wiedergutmachung einzufordern –, sei es in symbolischer Form, indem sich Weiße zu ihrem Rassismus, ihrem privilegierten Weißsein oder ihrer schuldbehafteten Hautfarbe bekennen, sei es in materieller Form. Unter letztere fallen sowohl Bevorzugungen bei Stellenbesetzungen als auch Reparationszahlungen für die 1865 beendete Sklaverei.

Wie gut der Boden für dieses nationale Narrativ inzwischen in den USA bereitet ist, wird daran ersichtlich, dass es den Initiatoren innerhalb von sechs Monaten gelungen ist zu erreichen, dass rund 3.500 Schulen das Narrativ des Projekts 1619 in ihren Lehrplan übernommen haben. Dies bedeutet nichts anderes, als dass jungen Menschen an diesen Schulen simplifizierende und moralisierende Narrative beigebracht werden anstelle von komplexen und sich Eindeutigkeiten entziehenden Fakten. Überdies spaltet dieses Geschichtsbild die Schülerschaft in Träger von Opfer- und Schuldidentität auf. Die eigentliche Funktion eines nationalen Narrativs, etwas Gemeinsames und Verbindendes zu schaffen, wird damit konterkariert. Und aufgrund dessen, dass diese nationale Erzählung eine Erbsünde festschreibt, kann aus der Geschichte auch zukünftig nichts Verbindendes mehr entstehen.

Hinzu kommt, dass, wer jungen Menschen beibringt, ihr Land sei auf rassistischem Unrecht gegründet und seine ganze Geschichte sei nur davon geprägt, die Identifikation mit diesem Land erschwert. Insofern ist es kein Wunder, dass immer mehr junge Menschen ihr Land als nichts anderes als einen rassistischen Unrechtsstaat sehen, dessen Systeme auf Rassismus gründen und daher sozusagen „unheilbar“ an Rassismus erkrankt sind. Sie glauben, dass Sklaverei und Rassismus konstituierend für die USA sind, nicht individuelle Freiheitsrechte. Dabei sind es diese bereits 1787 verfassungsrechtlich abgesicherten Freiheitsrechte, welche die USA zu dem Land gemacht haben, das sie heute sind.

Sklaverei und Rassismus sind Teil der Geschichte der USA und müssen daher auch einen Platz im nationalen Narrativ haben. Nur: Sklaverei und Rassismus sind weitverbreitete, sich durch erhebliche Teile der Menschheitsgeschichte ziehende Phänomene. Die Gründung eines Staates auf individuellen Freiheitsrechten, zu deren Absicherung ein demokratischer Rechtsstaat etabliert wurde, stellt hingegen historisch betrachtet eine Ausnahme dar. Umso fataler ist es, wenn jungen Amerikanern in Schule und Universität ein nationales Narrativ vermittelt wird, in dem die eigentlich für die USA konstitutiven Freiheitsrechte entweder unberücksichtigt bleiben oder als so befleckt von der rassistischen Erbsünde dargestellt werden, dass Menschen dazu verleitet werden, die Eckpfeiler ihrer Gesellschaft abzulehnen. Zumal es sich dabei um genau die Eckpfeiler handelt, die letztendlich das Unrecht der Sklaverei (1865) und später die Jim-Crow-Gesetzgebung in den Südstaaten (1964) unhaltbar machten und so überhaupt erst zur Abschaffung dieser Unrechtsstrukturen führten.

Die Initiatoren des Projektes 1619 folgen der Maxime „catch ’em young“, um sicherzustellen, dass die nächste Generation in den ideologisch gewünschten Bahnen denkt. Die Bildungsinstitutionen sind dafür, wie auch Schlesinger schrieb, der ideale Indoktrinationsort. Was er für die 1990er-Jahre feststellte, trifft hinsichtlich der Ziele und Methoden eins zu eins auch 2020 zu – einzig die Intensität hat sich verstärkt.

Und wie vor bald einem Vierteljahrhundert bilden Universitäten die Speerspitze der identitätspolitischen Bewegung. In ihnen werden die Konzepte und Begrifflichkeiten entwickelt und wird Studierenden das identitätspolitische Programm als wissenschaftliche Erkenntnis vermittelt. Wie schon in den 1990er-Jahren stehen „westliche“ Bildungsinhalte unter einem rassistischen, sexistischen, transphoben oder islamophoben Generalverdacht. Es erschallt der Ruf nach einer „Dekolonialisierung des Curriculums“, wobei dies im Grunde nur ein neuer Begriff für die Forderung nach einer Überwindung des eurozentrischen Curriculums ist, deren Manifestationen in Schulen und Universitäten bereits Schlesinger kritisch beleuchtete. Neu hinzugekommen ist die Sprache der Gewalt, die zur moralischen Untermauerung der curricularen Neuausrichtung herangezogen wird. So wird neuerdings behauptet, dass es ein Akt von „epistemischer Gewalt“ sei, wenn Menschen mit einem nicht-westlichen Abstammungsmerkmal an westlichen Bildungseinrichtungen westliche Bildungsinhalte aufgezwungen würden. Sie müssten die Möglichkeit erhalten, „ihr“ Wissen, das sie aus „ihren“ Traditionen ableiten, als gleichberechtigt im Curriculum wiederzufinden. Setzen sich diejenigen durch, die dies verlangen, gibt es bald keinen gemeinsamen Lehrplan mehr, was die Spaltung der Gesellschaft, nun nach Wissensbeständen, noch einmal erheblich weiter vertiefen würde.

Wie leicht entflammbar eine in der Gesellschaft tief etablierte Opferkultur ist, führten die Ereignisse in den USA infolge des durch einen Polizeieinsatz herbeigeführten Todes von George Floyd im Mai 2020 vor Augen. Schlesinger warnte vor dieser leichten Entflammbarkeit, die nun schon seit Monaten in den USA zu beobachten ist und in den umfangreichsten und militantesten Unruhen seit den 1960er-Jahren ihren Ausdruck findet. Interessant ist, dass das identitätspolitische Pulver auf beiden Seiten zündet: also aufseiten der Afroamerikaner, die sich als Opfer sehen, und aufseiten der Weißen, die von ihrem Schuldstatus aufgrund ihrer Hautfarbe überzeugt sind. Beide sehen, angeheizt von der BLM-Bewegung, den Tod Floyds als stellvertretend für den ungebrochenen Rassismus, der in ihrer Wahrnehmung in den USA grassiert. Erstere sehen sich in ihrem Opferstatus, letztere in ihrem Schuldstatus bestätigt.

Aufschlussreich ist zudem, dass es, ausgelöst von einer Kurzschlussreaktion, nicht nur in den USA, sondern auch in Europa und Australien zu heftigen Debatten, Protesten (inklusive gewalttätiger Ausschreitungen und Plünderungen) sowie Selbstbezichtigungsgesten kam. Dass es sich um eine Kurzschlussreaktion handelt, zeigt sich daran, dass aus dem Umstand, dass auf dem Video ein schwarzes Opfer und ein weißer Täter zu sehen war, auf Rassismus als einzig mögliches Tatmotiv geschlossen wurde, ohne dass man die Hintergründe kannte oder sich für diese interessierte.

Was sich an dieser Kurzschlussreaktion und den nachfolgenden Ereignissen zeigt, ist, wie wirkmächtig das Opfer-und-Schuld-Narrativ mittlerweile in westlichen Gesellschaften ist. Zur Illustration nur ein Beispiel: Wenn in den USA ein Afroamerikaner bei einem Polizeieinsatz sein Leben verliert und der kanadische Premierminister Justin Trudeau deshalb auf die Knie geht, tut er dies nicht, weil er mit dieser Demutsgeste seine Schuld für eine von ihm begangene Tat ausdrücken möchte, sondern er tut dies einzig und allein aufgrund seiner Hautfarbe und einer vermeintlich daran gekoppelten Kollektivschuld. Eine solche Geste heißt und soll heißen: Alle Weißen sind schuld am Tode George Floyds, denn ohne weißen Rassismus wäre Floyd noch am Leben.

Auch diese Entwicklungen hat Schlesinger in ihren Grundzügen schon vorausgesehen. Ganz sicher hätte er zum Stand der Spaltung der US-Gesellschaft und den aktuellen Vorgängen kluge Analysen beizutragen. Da er nicht mehr unter uns weilt, müssen sozusagen seine intellektuellen Nachfolger diese Aufgabe übernehmen. Schlesingers Analysen werden in einem weiteren Band debattiert, der aus lizenzrechtlichen Gründen separat erscheinen muss. Im Zentrum des Debattenbandes werden die Folgen der Spaltungspolitik stehen, so, wie sie sich tagtäglich in den USA und, inspiriert von den Entwicklungen dort, in sämtlichen westlichen Ländern manifestieren.

Der Debattenband ist für 2021 geplant; Schlesingers Spaltung Amerikas haben wir wegen der Ereignisse des Jahres 2020 terminlich vorgezogen.

 

Stuttgart, im September 2020

Sandra Kostner

Vorbemerkung des Übersetzers

An einigen Stellen im Buch verwendet Arthur M. Schlesinger (1917–2007) das Wort „race“, dem im deutschen bei wörtlich-etymologischer Übersetzung das verständlicherweise verpönte und gemiedene Wort „Rasse“ entspräche; auch Zusammensetzungen wie „Rassentrennung“ oder Koppelungen wie „rassisch-ethnische Enklaven“ werden damit gebildet. In den USA wird mit Blick auf die Hautfarbe mehr oder minder unreflektiert regelmäßig das Wort „race“ verwendet; selbst für ein Einreisevisum in die USA muss man die „Rasse“ angeben, der man zugehört. Das stellt den Übersetzer insofern vor Schwierigkeiten, als „race“ eben nicht mit „Rasse“ zu übersetzen ist, wenn man Schlesinger gerecht werden will. Sollte stattdessen von der Haplo-Gruppe (so der Terminus der Genetiker) gesprochen werden? Oder von Pigmentiertheit?

Es ist nicht möglich und sinnvoll, hier in der Übersetzung durchgängig genau ein passendes deutsches Wort zu wählen. „Rassentrennung“ oder „rassische Konflikte“ etwa sind stehende und in den USA nicht diskriminierend intendierte Begriffe, sie werden vielmehr zumeist dann gebraucht, wenn es darum geht, Missstände deutlich zu machen. Der Terminus „race“ ist freilich auch im Englischen einer Wandlung des Verständnisses unterworfen; darauf weist Arthur M. Schlesinger selbst hin, wenn er zum ersten Mal Äußerungen aus dem 18. und 19. Jahrhundert zitiert. Die Übersetzung hat daher überall dort, wo das englische „race“ im Deutschen als „Rasse“ einen Klang von rassistischer oder NS-Terminologie aufscheinen lassen könnte, zu unbelasteten und nicht-diskriminierenden Umschreibungen gegriffen oder solche – wie in der originalen Formulierung „rassisch-ethnische Enklaven“ – für ganz entbehrlich gehalten. An Stellen, an denen „race“ die amerikanische Sprech- und Schreibweise vergangener Jahrhunderte aufgreift und weiterführt, die hier einfach nur allgemein eine Distinktion der Herkunft und nicht der Hautfarbe nach meint (so etwa dort, wo der schwarze Gelehrte W. E. B. Du Bois zitiert wird, der davon spricht, dass „der rassische Blickwinkel viel stärker gegen die Iren ausgerichtet war als gegen mich“), wird der Terminus mit „Rasse“ übersetzt und beibehalten.

Ferner wurde „Rasse“ überall auch dort – meist in Anführungszeichen – stehengelassen, wo der Autor auf einen durchaus rassistisch aufgeladenen Zusammenhang rekurriert oder einen solchen kritisch referiert.

Die Fußnoten stammen sämtlich vom Übersetzer; in ihnen werden Persönlichkeiten oder Begebenheiten der US-amerikanischen Geschichte oder andere bedeutsame, hierzulande eher unbekannte Figuren der Geschichte sowie solche der bei Abfassung des Buches aktuellen Tagespolitik erläutert (es ließen sich entsprechende Informationen gleichwohl nicht zu allen vorkommenden Namen oder Ereignissen mit vertretbarem Aufwand recherchieren). Quelle ist hier überwiegend Wikipedia.

 

Hamburg, im September 2020

Paul Nellen

 

 

Vorbemerkung zur amerikanischen zweiten Ausgabe

Das vorliegende Buch wurde erstmals 1991 von Whittle Books in der Reihe Die größere Agenda(Larger Agenda) als Debattenbeitrag über das neue Phänomen des Multikulturalismus veröffentlicht. 1992 brachte der Verlag W. W. Norton eine leicht überarbeitete Ausgabe für den Buchhandel heraus.

Diese zweite Norton-Version bringt den Text auf den neuesten Stand. Sie erweitert eine Reihe von Punkten, identifiziert neue Themen und fügt einen Epilog hinzu, in welchem die Auswirkungen einerseits des Multikulturalismus auf Seiten der Linken und andererseits des Monokulturalismus auf der rechten Seite des Spektrums im Hinblick auf die Bill of Rights diskutiert werden.

In einem neu hinzugefügten Anhang stellt der Autor eine kommentierte Liste der Bücher bereit, die nach seiner Einschätzung unentbehrlich sind, will man die amerikanische Erfahrung genauer beleuchten.

Arthur M. Schlesinger Jr.

Vorwort

Mit dem Ende des Kalten Krieges ging gleichzeitig auch die Ära der ideologischen Konfrontation zu Ende. Das Ende der Geschichte wurde damit freilich nicht eingeleitet, wie eigentlich versprochen – vielmehr wird ein altes Hass-System durch ein neues abgelöst. Während vor unseren Augen die Decke ideologischer Repression über Osteuropa weggezogen wird, treten ethnische Antagonismen zutage, die tief in der Erfahrung und im Gedächtnis der Menschen wurzeln. Mit dem Verlöschen des ideologischen Wettbewerbs nunmehr auch in der Dritten Welt lässt dort zugleich die Eindämmung nationaler und tribalistischer Konfrontationen durch die Supermächte nach.

Die Ära der ideologischen Konflikte läuft inzwischen aus. Damit tritt die Menschheit jedoch ein – vielmehr: aufs Neue tritt sie ein – in eine vielleicht noch gefährlichere Epoche ethnischer, herkunftsbezogener Animositäten.

Feindseligkeiten der eigenen Ethnie einer anderen gegenüber gehören zu den am meisten instinktgesteuerten menschlichen Reaktionen. Dennoch war die Geschichte unseres Planeten zu weiten Teilen die Geschichte der Vermischung von Völkern. Von Anbeginn an haben Massenmigrationsbewegungen Massenfeindseligkeiten hervorgerufen.

Heute, da das 20. Jahrhundert sich dem Ende zuneigt, kommt hier eine Vielzahl von Faktoren zusammen. Weit bedeutsamer noch als die Verflüchtigung des Kalten Krieges wirkt sich die Entwicklung schnellerer Kommunikations- und Verkehrsmittel aus, die Beschleunigung des Bevölkerungswachstums, der Zusammenbruch traditioneller sozialer Strukturen, die Flucht vor Tyrannei, vor Armut, vor Hungersnöten, vor ökologischen Katastrophen, der Traum vom besseren Leben irgendwo anders. All dies treibt Menschen über nationale Grenzen hinweg.

Die Welt schrumpft zusammen, ihre Bevölkerung ist heute durchmischt wie nie zuvor. Die Schrumpfung unterwirft die Welt einer Art Schrotsäge, die sie in entgegengesetzte Richtungen reißt – intensiver Druck in Richtung Globalisierung einerseits, in Richtung Fragmentierung andererseits. Der Weltmarkt, die elektronischen Technologien, die Sofortkommunikation, E-Mail, CNN – all dies untergräbt den Nationalstaat und entwickelt eine Welt ohne Grenzen. Gleichzeitig treiben genau diese internationalisierenden Kräfte die normalen Menschen dazu, Zuflucht vor unerbittlichen globalen Strömungen zu suchen, die sich ihrer Kontrolle und ihrem Verständnis entziehen. Je mehr Menschen das Gefühl haben, in einem riesigen, unpersönlichen, anonymen Meer zu treiben, desto verzweifelter schwimmen sie auf irgendein vertrautes, verständliches und schützendes Rettungsfloß zu; und desto mehr sehnen sie sich nach einer Politik der Identität. Integration und Desintegration sind daher Gegensätze, die sich gegenseitig verstärken. Je mehr sich die Welt integriert, umso mehr klammern sich die Menschen an ihre jeweiligen Eigengruppen, die in diesen post-ideologischen Tagen zunehmend durch ethnische und religiöse Loyalitäten definiert werden.

Was geschieht, wenn Menschen unterschiedlicher ethnischer Herkunft, die verschiedene Sprachen sprechen und verschiedene Religionen praktizieren, in derselben geographischen Region und unter derselben politischen Autorität miteinander zusammenleben? Wenn kein gemeinsames Ziel sie verbindet, werden ethnische Antagonismen sie auseinandertreiben. In dem dunkel vor uns liegenden Jahrhundert steht die Zivilisation vor einer kritischen Frage: Was hält eine Nation eigentlich zusammen?

Niemand dachte im 19. Jahrhundert sorgfältiger über eine repräsentative Regierung nach als John Stuart Mill1. Die beiden Elemente, die eine Nation, so wie Mill sie sah, definierten, waren der Wunsch der Bewohner, gemeinsam regiert zu werden, und die „gemeinsame Sympathie“, die sich in gemeinsamer Geschichte, gemeinsamen Werten und durch die gemeinsame Sprache entfalten würde.

„Freie Institutionen“, schrieb Mill, „sind in einem Land, das aus verschiedenen Nationalitäten besteht, so gut wie unmöglich. Innerhalb eines Volkes ohne Verbundenheitsgefühl der Menschen füreinander, gerade, wenn sie in verschiedenen Sprachen lesen und sprechen, kann eine geeinte öffentliche Meinung, die für die Arbeit einer repräsentativen Regierung notwendig ist, nicht existieren. ... Es ist im Allgemeinen für freie Institutionen eine notwendige Bedingung, dass die Grenzen der Regierungsmacht im Wesentlichen mit denen der Nationalitäten übereinstimmen.“

In unserer Welt decken sich diese Grenzen immer weniger miteinander. Es gibt nur noch wenige ethnisch homogene Staaten. Tagtägliche Ereignisse zeigen uns die Zerbrechlichkeit des nationalen Zusammenhalts. Wohin man auch blickt, überall ist Tribalismus der Grund dafür, dass Nationen auseinanderbrechen. Die Sowjetunion, Jugoslawien, die Tschechoslowakei sind schon auseinandergebrochen. Indien, Indonesien, Irland, Israel, Libanon, Sri Lanka, Afghanistan und Ruanda erleben ethnische oder religiöse Unruhen. Ethnische Spannungen verursachen Unruhen und Aufspaltungen in China, Südafrika, Rumänien, der Türkei, Georgien, Aserbaidschan, auf den Philippinen, in Äthiopien, Somalia, Nigeria, Liberia, Angola, dem Sudan, Kongo, Guyana, Trinidad, um nur einige zu nennen. Selbst so stabile und kultivierte Nationen wie Großbritannien und Frankreich, Belgien und Spanien sehen sich mit zunehmenden ethnischen Problemen konfrontiert. „Das Virus des Stammesdenkens“, schreibt der britische Economist, „droht das AIDS der internationalen Politik zu werden – jahrelang scheint es zu schlafen, dann aber flammt es auf, um ganze Länder zu zerstören.“

Nehmen wir den Fall unseres Nachbarn im Norden. Kanada wurde lange als das vernünftigste und friedfertigste Land der Welt betrachtet. „Reich, friedlich und, gemessen an anderen Ländern, beneidenswert erfolgreich“, schreibt der Economist, „doch heute an der Schwelle zu zerbrechen.“ Michael Ignatieff, der in England lebende Sohn eines in Russland geborenen kanadischen Diplomaten und von daher ein Beispiel für die moderne Vermischung von Völkern, schreibt über Kanada:

„Hier haben wir eines der fünf reichsten Länder der Erde, ein Land, das so einzigartig gesegnet ist mit Raum und Chancen, dass die Ärmsten der Welt an seine Tür klopfen, um eingelassen zu werden. Es selbst zerreißt darüber jedoch. ... Wenn eines der fünf am meisten entwickelten Länder der Erde keinen föderalen, multiethnischen Staat herausbilden kann, wer kann es dann?“

Die Antwort auf diese zunehmend bedeutsamer werdende Frage lautet, zumindest bis vor kurzem: die USA.

Wie gelang es den Amerikanern aber, so erfolgreich zu sein bei der Anwendung dieses beispiellosen Kunstgriffs? Andere Länder brachen auseinander, weil sie es versäumten, ethnisch ganz unterschiedlichen Menschen überzeugende Gründe zu liefern, sich selbst als Teil derselben Nation zu sehen. Der nigerianische Schriftsteller Chinua Achebe2 schreibt über sein eigenes Land, eines der reichsten Afrikas, das heute am Rande des Chaos steht: „Dies ist die größte Schwäche der Nigerianer – ihre Unfähigkeit, schwerwiegenden Bedrohungen als ein Volk zu begegnen – und nicht als konkurrierende religiöse und ethnische Interessengruppen.“

In dieser Hinsicht haben die USA gut funktioniert. Als multiethnisches Land haben sie, abgesehen von einem schrecklichen Bürgerkrieg, irgendwie zusammen- und miteinander durchgehalten. Was hat eigentlich die Amerikaner über zwei turbulente Jahrhunderte hinweg zusammengehalten, trotz des Fehlens einer gemeinsamen ethnischen Herkunft? Denn Amerika war multiethnisch von Anfang an. Hector St. John de Crèvecoeur3 emigrierte 1759 aus Frankreich in die amerikanischen Kolonien, heiratete eine amerikanische Frau, gründete eine Farm in Orange County, New York, und veröffentlichte während der amerikanischen Revolution seine Briefe eines amerikanischen Farmers (Letters from an American Farmer)4. Diesen Franko–Amerikaner des 18. Jahrhunderts entzückte die erstaunliche Vielfalt anderer Siedler um ihn herum: „Eine Mischung von Engländern, Schotten, Iren, Franzosen, Holländern, Deutschen und Schweden“, eine „merkwürdige Vermischung von Blut“, die man sonst in keinem anderen Land finden könne.

Crèvecoeur erinnerte sich an eine Familie, deren Großvater ein Engländer war: Seine Frau stammte aus Holland, ihr gemeinsamer Sohn heiratete eine Französin, und auch die vier Söhne dieses Paares hatten Frauen verschiedener Nationalitäten geheiratet. „Aus diesem völligen Herkunftsdurcheinander“, so schrieb Crèvecoeur, „entstand die Rasse, die wir jetzt Amerikaner nennen.“ (Das Wort Rasse, wie es im 18. und 19. Jahrhundert gebraucht wurde, meint das, was wir heute als Nationalität bezeichnen. So sprach man damals von der „englischen Rasse“, der „deutschen Rasse“ und so weiter.) Was, so überlegte der Autor, waren überhaupt die charakteristischen Eigenschaften dieser plötzlich sich bildenden amerikanischen Nationalität? In den Briefen eines amerikanischen Farmers formulierte Crèvecoeur eine berühmt gewordene Frage: „Was ist denn der Amerikaner, dieser neue Mensch?“

Crèvecoeur gab seiner eigenen Frage die klassische Antwort:

„Derjenige ist ein Amerikaner, der all seine vormaligen Vorurteile und Gewohnheiten hinter sich lässt und neue annimmt – aus der neuen Lebensart, die er nun pflegt; dazu die neue Regierung, der er nun gehorcht, und entsprechend die neue Stellung, die er nun innehat. Der Amerikaner ist ein neuer Mensch, der aufgrund neuer Prinzipien handelt. … Hier werden Menschen aller Nationen zu einer neuen Art von Menschen umgeschmolzen.“5

Der erste große amerikanische Historiker bekräftigte alsbald Crèvecoeurs Standpunkt. „Löschen Sie“, schrieb George Bancroft6,

„die Vergangenheit jeder einzelnen führenden Nation der Welt aus, und unser Schicksal wäre ein ganz anderes geworden. Italien und Spanien, in der Person von Kolumbus und Isabella, schlossen sich für jene große Entdeckung zusammen, die Amerika für Einwanderung und Handel aufschloss; Frankreich trug zu unserer Unabhängigkeit bei; die Suche nach dem Ursprung der Sprache, die wir sprechen, führt uns zurück bis nach Indien; unsere Religion stammt aus Palästina; von den Hymnen, die in unseren Kirchen gesungen werden, wurden einige zuerst in Italien vernommen, andere in den Wüsten Arabiens, wieder andere am Ufer des Euphrats; unsere Künste kommen aus Griechenland; unsere Rechtsprechung aus Rom; unser maritimer Kodex aus Russland; England lehrte uns das System der repräsentativen Regierung; die edle Republik der Vereinigten Provinzen – die Niederlande – hinterließ uns in der Welt des Denkens die große Idee der Toleranz aller Meinungen; in der Welt des aktiven Handelns das fruchtbare Prinzip der föderalen Union. Unser Land steht daher mehr als jedes andere für die Verwirklichung der Einheit des menschlichen Geschlechts.“

E pluribus unum – Eins werden aus Vielen. Die Vereinigten Staaten besaßen eine brillante Lösung für die inhärente Fragilität, ja Explosivität der multiethnischen Gesellschaft: die Schaffung einer gänzlich neuen nationalen Identität durch Individuen, die ihre alten Loyalitäten hinter sich ließen, hier ein neues Leben begannen und ihre ethnischen Differenzen einfach hinwegschmelzen ließen – eine nationale Identität, die die verschiedenen Ethnien, die unsere Küsten erreichen, absorbiert und sie transzendiert, Ethnien, die schon beim Eintreten in die neue nationale Identität die gemeinsame Kultur bereichern und umformen.

Jene unerschrockenen Europäer, die ihre Wurzeln gekappt hatten und die sich dem tosenden Atlantik entgegenwarfen, wollten eine schreckliche Vergangenheit hinter sich lassen und eine hoffnungsvolle Zukunft ergreifen. Sie sehnten sich danach, Amerikaner zu werden. Ihre Ziele waren Flucht, Erlösung, Assimilierung. Sie sahen Amerika als eine sich transformierende Nation, aus der sie schreckliche Erinnerungen verbannen und einen einzigartigen nationalen Charakter formen konnten, der auf gemeinsamen politischen Idealen und gemeinsamen Erfahrungen basierte. Die Entscheidung für Amerika bestand nicht darin, alte Kulturen zu bewahren, sondern eine neue, amerikanische Kultur zu schaffen.

Ein Grund, warum Kanada, trotz aller seiner Vorteile, so anfällig für Schismen ist, besteht in der Tatsache, dass, wie Kanadier freimütig zugeben, ihr Land eine solch einzigartige nationale Identität nicht besitzt. Immer wieder angezogen durch Großbritannien, Frankreich und die USA und aus Großzügigkeitserwägungen heraus einer Politik des offiziellen Multikulturalismus zugeneigt, haben Kanadier niemals ein starkes Bewusstsein dafür entwickelt, was es heißt, Kanadier zu sein. Mit den Worten von Sir John Macdonald7, Kanadas erstem Premierminister: „Das Land hat zu viel Geographie und zu wenig Geschichte.“

Die USA dagegen haben eine reiche Geschichte. Seit den Tagen der Revolution besitzen die Amerikaner ein starkes nationales Identitätsgefühl, das im Unabhängigkeitskrieg geschmiedet, in der Erklärung von 1776 und der Verfassung von 1787 artikuliert und durch die spätere Erfahrung der Selbstverwaltung vertieft wurde. Die Kraft des nationalen Credos ist der Grund dafür, dass es uns relativ gut gelungen ist, die „promiskuitive Rasse“ Crèvecoeurs in ein Volk umzuwandeln und dadurch eine multiethnische Gesellschaft zum Funktionieren zu bringen.

Das soll nun aber nicht heißen, dass die Vereinigten Staaten Crèvecoeurs Maßstab immer gerecht geworden wären. Neue Einwanderungswellen brachten Menschen ins Land, die nur sehr schwer in die Gesellschaft hineinpassten – eine Gesellschaft, die in ihrer Sprache, ihren Idealen und ihren Institutionen ja unvermeidlich englisch war. Für lange Zeit dominierten die Angloamerikaner die amerikanische Kultur und Politik. Sie schlossen jene aus, die nach ihnen kamen. Anglo-Amerika assimilierte nur schwer die Einwanderer aus Irland, aus Deutschland oder aus Süd- und Osteuropa.

Hinsichtlich der nichtweißen Menschen – jenen also, die Amerika schon lange zuvor besiedelt hatten und die von den europäischen Neuzuwanderern überrannt und massakriert wurden, oder jenen anderen, die gegen ihren Willen aus Afrika und Asien ins Land hinein geholt wurden – verwies ein tief verwurzelter Rassismus alle, ob rote, schwarze, gelbe oder braune Amerikaner, hinter die Grenzen ihres jeweiligen Grundstücks. Wir müssen uns einer beschämenden Tatsache stellen: Historisch gesehen war Amerika eine rassistische Nation. Weiße Amerikaner begannen als ein Volk, das in der Überzeugung von seiner rassischen Überlegenheit so arrogant war, sich ermächtigt zu fühlen, rote Menschen zu töten, schwarze Menschen zu versklaven und gelbe und braune Menschen für Tagelöhnerarbeiten zu importieren. Wir weißen Amerikaner waren rassistisch in unseren Gesetzen, in unseren Institutionen, in unseren Sitten, in unseren eingeübten Reflexen und in unseren Seelen. Der Fluch des Rassismus war das große Versagen des amerikanischen Experiments, der schreiende Widerspruch des amerikanischen Idealbilds und die noch immer lähmende Krankheit des amerikanischen Lebens – „die schönste Hoffnung der Welt“, schrieb Herman Melville, „verkettet mit des Menschen schlimmsten Verbrechen.“

Doch auch nichtweiße Amerikaner, obwohl miserabel behandelt, trugen zur Ausgestaltung der nationalen Identität bei. Auch sie, als Menschen dritter Klasse, hatten Anteil an der gemeinsamen Kultur der amerikanischen Gesellschaft und verhalfen ihr zu neuer Form und Gestalt. Das Hineinströmen nicht–angelsächsischer Stämme und die Erfahrung einer Neuen Welt formten das britische Erbe um; es machte die USA, wie wir alle wissen, zu einem ganz anderen Land, als Großbritannien es heute ist. Schon 1831 war Alexis de Tocqueville8, der große Kommentator der amerikanischen Demokratie, beeindruckt von dem „immensen Unterschied zwischen den Engländern und ihren Nachkommen in Amerika.“

Im Verlauf der zwei Jahrhunderte amerikanischer Geschichte bestand über die meiste Zeit hinweg die Vision von Amerika als eines zu einem einzigen Volk verschmolzenen Landes. Das 20. Jahrhundert brachte freilich eine neue, gegenteilige Vision hervor. Der Erste Weltkrieg zerstörte die alte Ordnung der Dinge und machte Platz für Woodrow Wilsons9 Doktrin von der Selbstbestimmung der Völker. 20 Jahre später löste der Zweite Weltkrieg die westlichen Kolonialreiche auf und intensivierte ethnische Militanz rund um den Planeten. In den Vereinigten Staaten selbst erleichterten neue Gesetze den Zutritt für Einwanderer aus Südamerika, Asien und Afrika – sie änderten die Zusammensetzung des amerikanischen Volkes.

In einem Land, das durch eine viel ungewöhnlichere Blutsmischung gekennzeichnet ist, als Crèvecoeur es sich je hätte vorstellen können, wird dessen gefeierte Frage aufs Neue aufgeworfen – mit neuer Leidenschaft und einer neuen Antwort. Heutzutage haben viele Amerikaner dem historischen Ideal einer „neuen menschlichen Rasse“ (im Sinne Crèvecoeurs, A. d. Ü.) abgeschworen. Die Flucht aus der Herkunft führt zur Suche nach den eigenen Wurzeln. Die „hergebrachten Vorurteile und Verhaltensweisen“, von Crèvecoeur noch verleugnet, haben ein überraschendes Comeback erfahren. Ein Kult der Ethnizität hat sich entwickelt – sowohl unter nicht-angloamerikanischen Weißen als auch unter nichtweißen Minderheiten. Dieser Kult verunglimpft das Ziel der Assimilierung und fordert das Konzept des „einen Volkes“ heraus, er schützt und fördert getrennte ethnische und Herkunfts- Gemeinschaften und will sie nun auf Dauer fortbestehen lassen.