Die Sprache der Vagabunden - Martin Puchner - E-Book

Die Sprache der Vagabunden E-Book

Martin Puchner

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Beschreibung

Die unheimliche Macht der geheimen Worte – die bewegende Geschichte des Rotwelsch

Sie hinterließen geheime Zeichen, um den Nachfolgenden anzuzeigen, wo man willkommen war und wo nicht. Und sie benutzten einen geheimen Code, um auf der Straße zu überleben. Man nannte sie Vagabunden, Ausgestoßene, fahrendes Volk. Ihre rätselhafte Sprache, das Rotwelsch, hat Martin Puchner schon in den siebziger Jahren als Kind in der fränkischen Provinz fasziniert. Viel später, als Professor in Harvard, wird er diesen Code als Wissenschaftler erforschen – und erkennen, dass auch seine eigene Familie mit dieser Sprache auf unheilvolle Weise verbunden ist. Ein bewegendes und anrührendes Buch über die unheimliche Macht der Worte - und ein dunkles Familiengeheimnis.

  • »Eine brillante Mischung von persönlicher Geschichte und professioneller Erfahrung. Reich an lebendigen Figuren und spannenden Einsichten - bewegend und klug.« (Publishers Weekly)

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EPUB
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Seitenzahl: 288

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Die unheimliche Macht der geheimen Worte – die bewegende Geschichte des Rotwelsch

Sie hinterließen geheime Zeichen, um den Nachfolgenden anzuzeigen, wo man willkommen war und wo nicht. Und sie benutzten einen geheimen Code, um auf der Straße zu überleben. Man nannte sie Vagabunden, Ausgestoßene, fahrendes Volk. Ihre rätselhafte Sprache, das Rotwelsch, hat Martin Puchner schon in den siebziger Jahren als Kind in der fränkischen Provinz fasziniert. Viel später, als Professor in Harvard, wird er diesen Code als Wissenschaftler erforschen – und erkennen, dass auch seine eigene Familie mit dieser Sprache auf unheilvolle Weise verbunden ist. Ein bewegendes und anrührendes Buch über die unheimliche Macht der Worte – und ein dunkles Familiengeheimnis.

Martin Puchner, geboren 1969 in Erlangen, ist Literaturwissenschaftler, er studierte an der Universität Konstanz, an der Universität Bologna und an der University of California – 1998 an der Harvard University promoviert, bis 2009 an der Columbia University beschäftigt. Seither lehrt er Englisch und Komparatistik in Harvard und leitet dort außerdem die Theaterausbildung. 2017 erhielt er ein Guggenheim Fellowship und 2018 den Berlin Prize. Puchner ist Herausgeber der renommierten Norton Anthology of World Literature. Zuletzt erschien Die Macht der Schrift. Wie Literatur die Geschichte der Menschheit formte (2019).

Besuchen Sie uns auf www.siedler-verlag.de

Martin Puchner

DIE

SPRACHE

DER

VAGABUNDEN

Eine Geschichte des Rotwelsch

und das Geheimnis meiner Familie

Aus dem Englischen

von Matthias Fienbork

Siedler

Die Originalausgabe erschien 2020 unter dem Titel The Language of Thieves bei W. W. Norton & Company, New York.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Copyright © 2020 by Martin Puchner

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2021

Siedler Verlag, München,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Veröffentlicht nach Vereinbarung mit dem Autor,

vertreten durch BARORINTERNATIONAL, INC.,

Armonk, New York, U.S.A.

Umschlaggestaltung: Favoritbuero, München,

nach einer Vorlage von Dan Mogford

Umschlagabbildung: © Getty Images/Keystone Features/Stringer

Satz: Leingärtner, Nabburg

Repro: Reproline mediateam, München

ISBN 978-3-641-28232-5V002

www.siedler-verlag.de

Meinem Vater zum Gedenken

Inhalt

Einleitung: Sprachspiele

1 Tarnnamen

2 Das Buch der fahrenden Bettler

3 Ein Bild kommt zum Vorschein

4 Das Rotwelsch-Erbe

5 Der König der Vagabunden

6 Der Bauer und der Richter

7 Ein Dachboden in Prag

8 Als Jesus Rotwelsch sprach

9 Fellöfchespra für Erwachsene

10 Geschichte eines Archivars

11 Anklage in Hikels-Mokum

12 Der fehlerhafte Sternenbanner

13 Dein Großvater wäre stolz auf dich

14 Rotwelsch in Amerika

15 Das Gelächter des Jenischen

Danksagung

Anmerkungen

Bildnachweis

Einleitung

Sprachspiele

Sie kamen aus dem Nichts, seltsame Gestalten, Säcke über der Schulter, in langen Mänteln, die ihre ursprüngliche Farbe verloren hatten. Wenn es regnete, stanken sie und wurden von meiner Mutter nicht hereingelassen. »Ich weiß, was ihr wollt. Einen Moment, ich bin gleich wieder da.« Ich blieb in der Nähe der Eingangstür und hörte Geklapper aus der Küche, wo meine Mutter belegte Brote schmierte, viel Butter und Aufschnitt, sie wusste, was ihnen schmeckte. Mit einem Teller und einem Glas Wasser kehrte sie zurück. »Bitte!« Sie blieb auf der Schwelle stehen, als wollte sie das Haus bewachen, und versuchte, ein Gespräch mit den Männern zu führen. Doch die starrten nur auf ihre Brote und wichen ihrem Blick aus. Ich verstand sie kaum, weil sie einen fremden Dialekt sprachen und Wörter benutzten, die ich noch nie gehört hatte. Wenn die Männer fertig waren, nahm meine Mutter den leeren Teller entgegen und schloss die Tür, erleichtert, dass alles vorbei war. Ich lief zum Fenster, um noch einen letzten Blick von den Männern zu erhaschen, bevor sie im nächsten Moment verschwunden waren.

»Was sind das für Leute?«

»Sie haben kein Zuhause. Sie bekommen bei uns etwas zu essen.«

Nun ja, das hatte ich gesehen. Aber ich wollte wissen, warum sie kein Zuhause hatten, warum sie bei uns etwas zu essen bekamen und warum sie eine so eigentümliche Sprache sprachen.

Das war im Nürnberg der frühen Siebziger.Wir wohnten in einem kleinen Reihenhaus, in einem ruhigen Viertel. Die meisten Häuser stammten aus den Fünfzigern, denn die Stadt war im Krieg weitgehend zerstört und dann rasch und planlos wiederaufgebaut worden. Trotz Burg und Altstadt war Nürnberg eine Industriestadt mit einer großen Arbeiterschaft, zu der inzwischen auch Arbeitsmigranten aus Italien, Griechenland und der Türkei zählten. Einige wohnten auf der anderen Seite eines Parks in der Nähe, und nachdem ein paar ältere Jungen mich verprügelt hatten (es war nichts Ernstes), bat mich meine Mutter, den Umgang mit diesen Kindern zu meiden und mich nicht allzu weit von unserer Wohngegend zu entfernen.

Wie kam es, dass diese mysteriösen Männer, wie von unsichtbarer Hand geleitet, den Weg zu unserem Haus fanden? Später brachte mir mein Vater einige Worte ihrer Sprache bei. Stinker stand für Scheune, Schul für Gefängnis, und die Sprache hieß Rotwelsch. Welsch? Gab es einWelschland? Und warum Rot? Waren es Kommunisten? Das Ganze klang, als hätte sich ein Kobold einen Spaß gemacht und mit Wörtern herumgespielt und sie verfremdet. Ich fragte meinenVater, denn ich ahnte, dass er mir mehr über diese Männer und ihre Sprache würde erzählen können. »Es sind Reisende«, sagte er. Ich verstand nicht. »Wo reisen sie denn hin?« »Sie sind Landfahrer, auf der Flucht nach nirgendwo.« Eine sonderbare Erklärung, die sich mir in ihrer Rätselhaftigkeit aber einprägte.

Mein Onkel fand heraus, warum diese Leute regelmäßig bei uns vor der Tür standen, denn er entdeckte ein in den Grundstein eingeritztes Zeichen, ein eingekreistes Kreuz. Dieses Zeichen, sagte er, bedeutet, dass man hier etwas zu essen bekommt. Es gebe Dutzende solcher Zeichen. Ein Hammer bedeutet, dass man für Arbeit Essen bekommt, eine Katze, dass dort eine alleinstehende alte Frau wohnt. Senkrechte Striche warnten vor Polizisten, die einen in die Schule steckten.

Ich war fasziniert. Zu meinem großen Bedauern konnte ich noch nicht lesen und schreiben, und wegen meiner Legasthenie erwarb ich diese Fähigkeit auch erst mit knapp neun Jahren. Meine »E«s schauten nach links, meine »L«s standen auf dem Kopf, ich verwechselte einzelne Buchstaben, und wenn ich etwas lesen wollte, flitzten meine Augen hin und her bei demVersuch, die Wörter in der richtigen Weise anzuordnen. Es war hoffnungslos.

Doch nun zeigte mir mein Onkel Zeichen, die ich ohne Mühe entziffern konnte. Er spürte mein Interesse, malte diese Zeichen auf ein Blatt Papier und brachte mir ein gutes Dutzend bei.

Wappenzinken des M.H., der hier am

22. Dezember 1832 vorbeikam mit zwei Männern

(die beiden senkrechten Striche) und drei Frauen

oder Kindern (drei Kreise), der Pfeil zeigt die Richtung an.

Ich lernte, dass Fahrende diese Zeichen aus Solidarität hinterließen, um einander darüber zu informieren, wo man willkommen war und wo nicht. Es waren praktische Wegweiser. Es gab andere, kompliziertere Zeichen von Fahrenden, die auf diese Weise eine persönliche Signatur hinterließen und von ihren Vorhaben berichteten.1

Für mich erzählten diese Zeichen von einem fahrenden Volk, das sich im Verborgenen bewegte. Neben unserer Welt mit Häusern und Kindergärten (und dem Alphabet) existierte eine zweite Welt, bevölkert von Menschen der Straße, ohne Häuser und Kindergärten, in der völlig anders gesprochen und geschrieben wurde.

Diese Zeichen, sogenannte »Zinken« (abgeleitet aus lat. signum), verwandelten die Welt, meine Welt, in ein Labyrinth aus geheimnisvollen Symbolen – und in ein Rätsel, das ich lösen wollte, wie ein leidenschaftlicher Schatzsucher. Es wurde eine Obsession.

Ich weiß nicht, ob meine Mutter die Zinken an unserem Haus entfernte, denn wir zogen bald weg und ließen die Fahrenden zurück. In unserer neuen Straße sah ich nur einmal einen Fahrenden, einen Scherenschleifer. Ich lief sofort in die Küche und schnappte mir ein paar Messer, ging schüchtern auf den Mann zu, gab ihm die Messer und probierte ein paar Rotwelsch-Wörter aus. Der Scherenschleifer sah mich fragend an und nuschelte etwas. »Er hat mich nicht verstanden«, beschwerte ich mich später. »War wohl ein Zigeuner«, sagte meine Mutter. »Die sprechen eine andere Sprache und bleiben unter sich.« Sie war verärgert wegen des Betrags, den der Mann verlangt hatte, während ich darüber nachdachte, dass das mit den Fahrenden immer komplizierter wurde – verschiedene Gruppen, verschiedene Zeichen, verschiedene Sprachen, und je mehr ich lernte, desto größer wurde meine Verwirrung. Mein Onkel zeigte mir einmal einen Zinken, mit dem der Fahrende allen Eingeweihten verriet, dass er vier Sprachen sprach. Ein anderer hatte einen Zinken in Form eines Papageis gezeichnet, um mit seinem Sprachentalent anzugeben.2

Ein Bildhändler, der vier Sprachen spricht.

Zinken eines redegewandten Gauners.

Später, während meines Linguistikstudiums, schien mir, dass mit diesen Zeichen alles Schreiben begann, dass ihnen das Grundbedürfnis des Menschen zugrunde lag, sich zu verewigen, Spuren zu hinterlassen, denen Wissende folgen konnten.

Für ein Gespräch mit dem Scherenschleifer reichte mein Rotwelsch zwar nicht, aber meine Freunde konnte ich durchaus beeindrucken. Ich behauptete, dass sie Rotwelsch sprächen, ohne es zu wissen. Denn von meinem Onkel hatte ich auch gelernt, dass Rotwelsch auf das Deutsche abgefärbt hatte. Sein Lieblingsbeispiel war der Ausdruck »Saure-Gurken-Zeit«, den ich nicht verstand.3 Was mochten eingelegte Gurken, die so gut schmeckten, mit einer wirtschaftlichen Flaute zu tun haben?

Bei allen Bekannten probierte ich meine »Du sprichst Rotwelsch«-Masche aus, ganz begeistert, dass ich Zugang zu einer geheimen Informationsquelle hatte. Mein Lieblingsausdruck war einen Hasen machen (»weglaufen«), ein Bild, das den Witz dieser Sprache sehr schön zum Ausdruck brachte. Auch deswegen fand ich Rotwelsch so faszinierend: Es klang weltklug, ein wenig zynisch, misstrauisch gegenüber grandiosen Ideen und falschen Worten. Rotwelsch-Sprecher wussten, dass das Leben hart war und ihr Überleben davon abhing, ein verblichenes Zeichen lesen zu können und dann eiligst die Flucht anzutreten. In der Sprache kam eine ganze Lebensart zum Ausdruck.

Mir war klar, dass wir nicht zur Welt der Fahrenden gehörten. Wir waren eine ganz normale bürgerliche Familie, meine Mutter war Volksschullehrerin, mein Vater Architekt. Aber ich hatte das Gefühl, dass mich das Rotwelsche mit der Straße und der Welt der Fahrenden verband, von der niemand sonst etwas wusste, keiner meiner Freunde oder der Freunde meiner Eltern. Sie bemerkten nicht die Geheimzeichen am Straßenrand oder an abgelegenen Bauernhöfen, und sie kannten auch keine Rotwelsch-Ausdrücke – abgesehen von denen, die sie unwissentlich verwendeten. Für mich wurde Rotwelsch unser spezielles Geheimnis. Alle Familien haben ihre eigene Sprache, die Außenstehende nicht verstehen. Unsere Geheimsprache war Rotwelsch.

Hauptquelle allen Wissens über das Rotwelsche war mein Onkel Günter. Er wohnte in München, in einer großen Schwabinger Altbauwohnung, in der mitten im Flur eine Schaukel hing. Die Wohnung wies noch Spuren jener Zeit auf, in der mein Onkel und mein Vater dort in den Sechzigern in einer Art WG gelebt hatten. Es muss ein einziges Kommen und Gehen gewesen sein, nie war klar, wer dort richtig wohnte oder nur für eine Nacht oder einen Monat, Bart tragende Schriftsteller, Grafikdesigner und Gewohnheitstrinker in Cordhose und bunt kariertem Hemd.

Zum Zeitpunkt meiner Geburt wohnten nur noch Onkel Günter und seine Familie dort. Am interessantesten fand ich, neben der Schaukel, das Arbeitszimmer meines Onkels. Allerlei Musikinstrumente hingen an der Wand, Lauten, alte Violinen und Bratschen, hohe Bücherregale waren vollgestopft mit merkwürdigen Nachschlagewerken und Druckschriften. Hauptattraktion war ein von ihm konstruiertes Gestell mit Glasplatte, auf die er Bücher legte, die er dann im Liegen lesen konnte. Ich sehe ihn noch heute, wie er mit seinem roten Rauschebart auf der Couch liegt und seine Erfindung vorführt. Immer war süßer Tabakgeruch im Zimmer, vielleicht wegen der Wasserpfeife, die auf einem Buchregal stand, dazu der Geruch von Pfeifentabak und Zigarillos, die mein Vater gern rauchte.

In diesem Zimmer fanden sich ungewöhnliche Wörterbücher und obskure linguistische Abhandlungen, alte Bücher, die abweisend und zugleich verlockend aussahen. Ihnen verdankte mein Onkel seine Rotwelsch-Kenntnisse. Es war ein mysteriöser Ort, die Quelle all dessen, was an unserer Familie sobesonders war, und ihrer eigentümlichen Beziehung zu Fahrenden, die ziellos durch die Welt zogen.

Als ich zwölf war, starb mein Onkel an einem Aneurysma. Ich stellte mir vor, wie er auf seiner Couch lag, über sich ein Rotwelsch-Buch in dem Lesegestell. Er war noch keine fünfzig, sein Tod kam völlig überraschend, die Familie war durcheinander. Aufgeschnappten Gesprächsfetzen konnte ich entnehmen, dass er offenbar nicht in seinem Arbeitszimmer gestorben war, wie ich angenommen hatte, sondern dass er ausgezogen war und woanders gewohnt hatte. Es gab finanzielle Probleme, Erbschaftsprobleme. Mir oder meinem jüngeren Bruder wurde nichts erklärt. Wir waren eine Familie, in der viel geredet wurde, eine gastfreundliche Familie. Meine Eltern gaben regelmäßig Partys und veranstalteten häusliche Konzertabende. Immer hatten wir Besuch, und ich konnte so viele Freunde einladen, wie ich wollte. Doch über schwierige Dinge wurde bei uns zu Hause nicht geredet, stattdessen spielten wir Rotwelsch-Spiele.

Nach dem Tod meines Onkels wollte niemand mehr Rotwelsch spielen. Vielleicht war es zu schmerzhaft, weil es mit seinem Lebensweg und den undurchsichtigen Umständen seines Todes zu tun hatte. Ich selbst war in der Pubertät, andere Dinge beschäftigten mich. Und so trat diese geheimnisvolle und witzige Sprache in den Hintergrund, ein eigenwilliges Hobby, das uns eine Zeitlang in seinen Bann geschlagen hatte.

Aber irgendwie kam mir das Rotwelsche nicht abhanden, und im Rückblick muss ich sagen, dass mich diese Sprache stärker geprägt hat, als mir seinerzeit bewusst war. Sie stimmte mich ein auf die Unterwelt von Wörtern, auf die Umwege von Sprachen. Ich wurde vertrauter mit dem Rotwelschen und erkannte, dass diese Sprache seit dem Mittelalter in Konflikte über Migration und nationale Identität verwickelt war. Nach meiner Auswanderung in die Vereinigten Staaten stellte ich fest, dass mir die Sprache mitsamt ihrer Geschichte in die Neue Welt gefolgt war.

Das größte Rätsel aber war die Frage, woher die seltsame Verbindung zwischen meiner Familie und dieser Geheimsprache rührte. Bald sollte ich herausfinden, dass nicht nur mein Onkel und mein Vater, sondern auch mein Großvater sich intensiv mit dem Rotwelschen beschäftigt hatte. Bei den Recherchen zu dieser Geschichte stieß ich auf Familiengeheimnisse und Ausreden, auf historische Schuld und Versuche, sich dieser Schuld zu stellen.

1

Tarnnamen

Zwanzig Jahre nach meiner Einführung in das Rotwelsche saß ich in der Widener Library der Harvard University. Für jemanden wie mich war diese Bibliothek ein Paradies, weil sie so gut wie jedes Buch enthielt, das je geschrieben worden ist. »Enthielt« ist nicht ganz das richtige Wort. Ich habe gelernt, auf Sprache zu achten, Dinge genau zu benennen. Im Fall der Widener Library ist es so, dass das Gebäude nicht die Bücher enthält, sondern dass die Bücher, sechs Millionen an der Zahl, das Gebäude stützen. Bis unter die Decke reichen die Regale, sie sind Gewicht und tragende Wand zugleich. Sie verhindern, dass das ganze Gebäude einstürzt.

Nie hätte ich gedacht, dass mein Weg mich dorthin führen würde. In der Schule hatte ich Französisch, Latein und Englisch gelernt, das übliche Angebot, an der Universität war Griechisch hinzugekommen, und während eines Studienjahrs in Bologna hatte ich Italienisch gelernt. Nicht dass ich besonders sprachbegabt war – ich war guter Durchschnitt –, es war eher so, dass Sprachen das Einzige waren, was mich wirklich interessierte. Sprachen eröffneten mir neue, bis dahin verschlossene Welten, und mir war nur vage bewusst, dass dieses Interesse mit den rätselhaften Figuren zu tun hatte, die mit ihren Zinken und ihrer Geheimsprache vor unserem Haus aufgetaucht waren. Was ich in gewisser Weise von ihnen gelernt hatte: Durch Sprache vermitteln wir unsere Gedanken nicht nur, wir können sie auch verbergen. Gemeinschaften verwenden eigene Codes und sorgen dafür, dass Außenstehende diesen Code nicht verstehen.

Es war schon spät geworden. Ich konnte mich nicht recht auf meine Lektüre konzentrieren, musste immer wieder an die Bibliothek und ihre riesigen Bestände denken. Und auf einmal kam mir die Idee, im Katalog nach meinem Großvater zu suchen. Er war Bibliothekar und Historiker gewesen, spezialisiert auf Namenforschung. Er hatte sich auch für Familiengeschichte begeistert und in seiner Freizeit die Spuren unserer Familie über die Jahrhunderte bis zu einem süddeutschen Bauernhof namens Puchhof zurückverfolgt. Das war seine Methode: Namen von bestimmten Orten herzuleiten. Zeit seines Lebens hatte er Beziehungen zwischen Wörtern und Landschaften hergestellt und verfolgt, wie Menschen die Erde in Besitz genommen hatten, indem sie ihr einen Namen gegeben hatten. Das war sein Spezialgebiet, das ich immer etwas komisch und doch irgendwie faszinierend gefunden hatte.

Ich habe ihn vor allem als Rentner in Erinnerung, der Pfeife rauchend in seinem Sessel sitzt und manchmal mit seinem Gehstock meine Großmutter herumkommandiert, mehr aus Spaß, denn in Wahrheit war sie es, die damals das Sagen hatte. Wir lachten oft über ihn, was er meist humorvoll aufnahm. Sein Stock und das schlimme Bein waren das Ergebnis einer Kriegsverletzung, bei jedem Wetterumschwung schmerzte die Wunde. Ich stellte mir vor, dass ein Granatsplitter in seinem Bein steckte, ein Stück Krieg, wie eine Botschaft aus der Vergangenheit, die in ihm war und sich nicht entfernen ließ.

Meine Großeltern wohnten in einem Vorort von München, in einem Haus inmitten eines Gartens voller Pflaumenbäume. Im Herbst pflückten wir Pflaumen, Großmutter backte zimtduftenden Kuchen, und die verbliebenen Früchte fielen herunter und lockten Scharen von Wespen an. Am Pflücken beteiligte sich die ganze Familie, mehrere Cousins und Tante Roswitha, die jüngere Schwester meines Vaters, während Großvater auf der Terrasse saß und uns zufrieden zusah.

Ob es in der Widener Library eines seiner Werke gab? Ich schaute im Katalog nach, in dem Saal mit den Karteikästen (die wenig später durch Computer ersetzt wurden). Puchner, Karl Puchner. Da stand sein Name, und eines Tages würde dort auch mein Name stehen. Ich wurde ins Untergeschoss geschickt, gelangte durch einen Tunnel in eine Kellerbibliothek, und von dort ging es per Aufzug noch ein Stockwerk tiefer, in eine kleine Bibliothek mit der Bezeichnung Pusey 3. Der Raum war leer und still, hier wurden alte Kirchenbücher und andere Dokumente verwahrt, die vielleicht nicht dem Tageslicht ausgesetzt werden sollten.

Und hier fand ich die Dissertation meines Großvaters aus dem Jahr 1932, eine Arbeit über Schutzheilige von Klöstern in einer süddeutschen Diözese.4 Es war im Wesentlichen eine Aufzählung von Klöstern, mit einer knappen Darstellung, wann das jeweilige Haus seinen Schutzpatron angenommen hatte. Auch der heilige Martin war darunter, wie ich leicht amüsiert bemerkte. In anderen Arbeiten meines Großvaters ging es um ähnliche Themen – mittelalterliche Handschriften, Geschichten namhafter Familien und Klöster. Im Anhang seiner Dissertation stieß ich auch auf einen kurzen Lebenslauf, in dem es hieß, dass er in Nürnberg als Sohn eines kleinen Angestellten geboren wurde, nach dem Besuch der Oberschule ein Lehramtsstudium in den Fächern Geschichte, Geographie und Deutsch absolvierte und anschließend seine Dissertation schrieb.

Selbst im Vergleich zu der obskuren Literatur, mit der ich mich in meinem Studium beschäftigte, waren seine Arbeiten ziemlich dröge. Ich war enttäuscht. Was hatte ich erwartet? Wahrscheinlich etwas, das mir mehr von ihm erzählt, ein wenig von seiner Persönlichkeit vermittelt hätte. Vielleicht entsprach aber genau das seiner Persönlichkeit – trockene historische Studien verfassen, Dokumente bewahren, anhand derer künftige Historiker die Vergangenheit würden rekonstruieren können.

Ich sah mich noch etwas um und fand einen Artikel von ihm, der in einer Zeitschrift erschienen war. Beim Durchblättern stieß ich überraschenderweise auf das Wort Rotwelsch. Mir war nicht klar gewesen, dass mein Großvater sich ebenfalls für diese Sprache interessiert hatte. Waren seine Söhne, mein Vater und Onkel Günter, von ihm angeregt worden?

Ich beschloss, mir den Artikel mit der Überschrift »Familiennamen als Rassemerkmal«5 genauer anzusehen. Ich begann zu lesen, erst neugierig, dann immer schneller, zunehmend irritiert. Meinem Großvater bereitete Sorge, dass man aus Namen nicht eindeutig auf »völkische Zugehörigkeit« schließen könne. Manche klangen jüdisch, aber der Namensträger war Arier. Andererseits konnte ein Name durch und durch deutsch klingen, wurde aber von einer jüdischen Familie geführt. Ein großes Problem. Zum Glück wusste mein Großvater eine Lösung, die gut zu seinem Spezialgebiet passte. Er empfahl, dass Sprachforscher wie er zwischen jüdisch klingenden deutschen Namen und deutsch klingenden jüdischen Namen unterscheiden sollten. Bei diesem Vorhaben, das ihm für die Zukunft Deutschlands unverzichtbar erschien, wollte er gern mitarbeiten.

Fieberhaft versuchte ich, mich an alles zu erinnern, was ich von meinem Großvater wusste. Die Arbeiten zu Familiennamen und Familiengeschichte, die so unverdächtig angemutet hatten, nahmen einen anderen Charakter an, wenn man sie mit Rassefragen verknüpfte. Hatten die Nazis nicht genau das praktiziert? Musste nicht jeder Deutsche Ahnenforschung betreiben und hoffen, dass in seiner Familie kein Tropfen jüdischen Bluts war? Auf der Rückseite der Zeitschrift bemerkte ich Anzeigen für »Bücher und Hilfsmittel für den Familienforscher«, darunter eine »Anleitung zur Ahnentafelforschung«, eine »Deutsche Namenskunde«, und ein Buch mit dem Titel Biologischer Wille. Wege und Ziele biologischer Arbeit im neuen Reich. Jedermann musste einen sogenannten Ahnenpass vorlegen, in dem die Abstammung über mindestens zwei Generationen beglaubigt nachgewiesen wurde. Namen und Rasse – ein wichtiges Thema im Deutschland des Jahres 1934, genau die richtige Zeit, eine Karriere als Namensforscher zu beginnen.

Ich zwang mich, den Artikel langsamer zu lesen. Die Frakturschrift, in der er gesetzt war, bereitete mir etwas Mühe. Dem Vorwort entnahm ich, dass der Artikel auf einem Vortrag beruhte. Trotz des hasserfüllten Tons kannte sich mein Großvater in dem Thema aus. Offensichtlich hatte er sich schon lange mit jüdischen Namen beschäftigt.

Namen, schrieb er, trügen die ganze Geschichte von Völkern und Bevölkerungen in sich. Ortsnamen, sein Spezialgebiet, enthielten Informationen darüber, wer durch eine Region gekommen war und ihr einen Namen gegeben hatte. Und nun stellte er fest, dass Personennamen darüber informierten, wo ihre Träger gelebt hatten. Es war seine alte Methode, Namen mit Orten zu verknüpfen, nur diesmal andersherum.

Lange Zeit gründeten jüdische Namen auf der Bibel, doch aufgrund der wechselvollen Geschichte des Vorderen Orients nahmen Juden bald auch nicht-hebräische Namen an. Mein Großvater erwähnte griechische Namen, das Resultat der Eroberungszüge von Alexander dem Großen, in deren Gefolge Griechisch zur Lingua franca der Region geworden war. Meist hängten Juden (und viele Nicht-Juden) der Einfachheit halber den Vatersnamen an den Vornamen an. Nur die Nachfahren der Leviten und der Priesterkaste verwendeten Familiennamen wie etwa Levi oder Cohn.

Die jüdischen Migranten, die im Frühmittelalter nach Deutschland kamen, verwendeten auch deutsche Namen. Mein Großvater zitierte Ortsnamen und wies darauf hin, dass man anhand dieser Namen die Siedlungsgebiete von Juden in Deutschland zurückverfolgen könne. Nur sehr wenige jüdische Namen verwiesen auf Ortschaften in Norddeutschland, weil Juden sich dort lange Zeit nicht hatten niederlassen dürfen. Eine große Häufigkeit sei entlang des Rheins festzustellen, weil Flüsse schon immer Handelswege gewesen seien, aber auch in der Umgebung von Nürnberg – allerdings nicht in Nürnberg selbst, weil Juden von 1499 bis 1806 innerhalb der Stadtmauern nicht einmal übernachten durften. Dagegen war Frankfurt am Main eines der Zentren jüdischer Ansiedlung, was daran zu sehen war, dass viele Juden den Namen Frankfurter angenommen hatten. Es wurden sogar Namen verwendet, die auf einzelne Gebäude in der Stadt verwiesen. Da Häuser anfänglich keine Hausnummern hatten, wurden sie nach besonderen Merkmalen bezeichnet, wie etwa das Haus »Zum roten Schild«, in dem die Rothschilds wohnten. Anderen Namen lagen Berufsbezeichnungen zugrunde, besonders von Handeltreibenden.

Die wichtigste Neuerung kam im achtzehnten Jahrhundert, als Juden im Zuge der Aufklärung die Bürgerrechte verliehen wurden. Den Anfang machte Kaiser Joseph II., ein FreundVoltaires, des großen Philosophen der Aufklärung. Juden mussten, um aus Sicht des Staates gleichberechtigte Bürger zu sein, feste Familiennamen annehmen. So kam es zu den ungewöhnlichen Namen aschkenasischer Juden, die oft von Pflanzen (Rosenzweig), Schmuck (Goldblatt) und anderen kuriosen Objekten abgeleitet sind. Andere europäische Staaten folgten dem Beispiel, bis 1845 sogar in Russland Juden als gleichberechtigte Untertanen des Zaren anerkannt wurden.

Mein Großvater sprach keineswegs neutral über diese jüdische Siedlungsgeschichte, von alttestamentarischen Zeiten über das Exil bis zum Toleranzedikt. Die Judenemanzipation (»die sogenannte Judenbefreiung«) bezeichnete er als »verhängnisvoll«, da sie zur »Verjudung« (Lieblingswort von Hitler) Deutschlands geführt habe.6

Wenn mein Großvater die Judenemanzipation als größten Fehler der Geschichte bezeichnete, so gab es für ihn als Namenforscher doch einen Aspekt, den er amüsant fand. Kaiser Joseph II. hatte durch Erlasse bestimmt, welche Namen von Juden angenommen werden durften. Nicht erlaubt waren biblische Namen, Ortsnamen oder solche Namen, die auf Berufsbezeichnungen zurückgingen, weil es davon schon zu viele gab. Die neuen Namen sollten einzigartig sein, sodass man die betreffende Person leichter würde identifizieren können.

Die Zuweisung neuer Namen oblag den kaiserlichen Beamten. Mein Großvater merkte an, dass manche Namen zwar wohlklingend waren, andere aber, von niederen Beamten zugewiesen, bewusst lächerlich und beleidigend (etwa »Mist« oder »Galgenstrick«). Einige Juden konnten sich durch Bestechung etwas bessere Namen sichern, aber der Rest hatte kein Glück. Die zugewiesenen Namen drückten den grausamen Humor der Beamten aus. Militärbeamte hätten Namen wie »Ladstockschwinger« oder »Schießpulverbestandteil« verfügt. Mein Großvater sprach von Soldatenwitz und dürfte dabei geschmunzelt haben. Ich konnte mir seine ebenfalls lachenden Zuhörer vorstellen. Er deutete an, dass es Namen gebe, die er in guter Gesellschaft nicht erwähnen würde, womit er wahrscheinlich für noch mehr Heiterkeit und zustimmendes Nicken sorgte.

So amüsant das alles auch sein mochte, für meinen Großvater war dieses Thema nicht zum Lachen. Das Problem war, dass so viele Juden inzwischen deutsche Namen trugen, dass man einen deutschen nicht von einem jüdischen unterscheiden konnte. Vor der behördlich verfügten Neuordnung jüdischer Namen hatten Juden oft den Namen der Stadt angenommen, in der sie lebten, aber das traf auch für Deutsche zu. Gewiss, bei Namen von Städten mit einer bedeutenden jüdischen Gemeinde konnte man auf eine jüdische Abstammung schließen. Frankfurter war fast immer ein jüdischer Name, während Nürnberger fast immer ein deutscher Name war. Doch völlige Sicherheit gab es nie. Selbst bei alttestamentarischen Namen konnte man nicht ganz sicher sein, ob der Träger Jude war, weil auch viele Deutsche solche Namen trugen – selbst Salomon und Israel konnten, wie mein Großvater anmerkte, Namen von Deutschen sein. Also: ein großes Durcheinander. Wir müssen vorsichtig sein, ermahnte mein Großvater seine Zuhörer immer wieder. Man könne in dieser Angelegenheit nicht vorsichtig genug sein. Juden hätten mit ihrer »staunenswerten« Anpassungsfähigkeit Namen ihres »Gastvolks« angenommen, im Grunde aber hielten sie an ihren alten Gebräuchen fest.

Man müsse, sagte mein Großvater, nicht nur von einem Wirrwarr, sondern von gezielter Täuschung sprechen. Die Juden hätten bewusst christlich klingende Namen angenommen. Mein Großvater sprach in diesem Zusammenhang von »Tarnnamen«,7 und ein Beispiel, das ihm sofort einfiel, war »der Jude Karl Marx«, dessen Name auf den deutschen Vornamen Max zurückging. Auch stellte mein Großvater anderswo fest, dass viele Marxisten Juden seien. (Dass Karl Marx denselben Vornamen hatte wie er, dürfte ihm nicht gefallen haben.) Was meinen Großvater aber wirklich wurmte, waren Fälle, wo besonders wohlklingende deutsche Namen zwecks Tarnung missbraucht wurden. Als empörendes Beispiel führte er »Siegfried« an, einen Namen, der um die Jahrhundertwende ein sehr beliebter jüdischer Vorname war.

In diesem Zusammenhang wandte sich mein Großvater dem Thema Sprache zu. Jiddisch, sagte er, die hebräisch geprägte Variante des Deutschen, die von jüdischen Siedlern gesprochen wurde, sei eine Mischung aus Hebräisch und Deutsch »und, wie jede artfremde Mischung, widerlich«. Eine Sprachmischung fand mein Großvater allerdings noch abscheulicher als das Jiddische, und das war Rotwelsch.

Dass übrigens teilweise die Schwankung in der jüdischen Namengebung stark kriminell war, lässt ein Durchblättern einschlägiger Gerichtsakten deutlich erkennen. Man weiß ja, dass teilweise das Judentum engstens mit dem Gaunertum verbunden war. Das sogenannte Rotwelsch ist so eine Mischung von Deutsch, Hebräisch und Zigeunerisch. Leider hat sogar unsere Umgangssprache manche Wörter dieser trüben Quelle entnommen, die hebräischen Ursprungs sind, wie schummeln, Tinef, Kaff, schofel, Moos für Geld und ähnliche Wörter. Die Mitglieder von Gaunerbanden führten nun selbstverständlich keine festen Namen, um sich dem Zugriff der Gerichte leichter entziehen zu können. So fand sich in einem Gerichtsakt über die Vernehmung einer über 200 Mann zählenden Gaunerbande nicht ein einziger fester Name.8

Diese Passage war einigermaßen konfus. Es gab keinen logischen Zusammenhang zwischen den Sätzen, nur Unterstellungen. Mitglieder von Gaunerbanden hatten keine festen Namen. Im Laufe ihrer Geschichte hatten Juden neue Namen angenommen. Also waren Juden Gauner. Nun ja. (Und die angeführten Wörter waren auch nicht durchweg hebräischen Ursprungs.)

Aber das Schockierendste für mich war, dass in dieser wirren Tirade alles steckte, was mich am Rotwelschen so fasziniert hatte, die Geheimnamen, der Sprachmix, ja sogar die Tatsache, dass Rotwelsch-Ausdrücke den Weg zurück ins Deutsche gefunden hatten, sodass Deutsche sie verwendeten, ohne sich dessen bewusst zu sein. Für mich war das nichts Schlimmes. Es war genau das, was mein Onkel und mein Vater über das Rotwelsche erzählt hatten. Doch nun behauptete mein Großvater unter Verweis auf diese Merkmale, dass alle Juden Verbrecher seien.

Für seine Liste von Rotwelsch-Ausdrücken, die wieder ins Deutsche zurückgefunden hatten, nahm er nur Wörter, die mit Unehrlichkeit (schummeln und schofel) und Widerlichem (Tinef) assoziiert waren. Warum nahm er nicht die Wörter und Ausdrücke, die mir so gefielen, wie einen Hasen machen für »entkommen« oder Schule für Gefängnis? Oder meinetwegen Stinker für Scheune? Rotwelsch war keine trübe Quelle, wie mein Großvater verächtlich sagte. Es war phantasievoll, witzig, berührend und vor allem geheimnisvoll.

Die abfälligen Bemerkungen meines Großvaters machten klar, dass Rotwelsch und Jiddisch miteinander zu tun hatten. Jedenfalls hatten sie gemeinsame Feinde.

Ich zwang mich, den Artikel zu Ende zu lesen, und stieß auf der letzten Seite auf Handlungsempfehlungen meines Großvaters:

1.  Alle jüdischen Namen sollten erfasst werden. Ein solches Register sei die Grundlage für praktisches Handeln einschließlich der Lösung »der ganzen Judenfrage«.

2.  Namensänderungen sollten Juden künftig nicht mehr gestattet werden.

3.  Juden sollte es künftig verboten sein, deutsche Vornamen anzunehmen.

In meinem Kopf war ein einziges Durcheinander von Erinnerungen, Emotionen und Fragen. Ein Polaroidfoto aus meiner Kindheit zeigt meinen Großvater, meinen Bruder, mich und einen der zahllosen Teddybären meines Bruders. Ich halte ein Exemplar des Werkbuchs für Jungen in der Hand, mit dessen Hilfe Jungen alles Mögliche bauen konnten, von Modellflugzeugen bis hin zu Stereolautsprechern. Zuerst gefiel mir die Idee, dass ich all diese Dinge eigenhändig würde bauen können, aber am Ende machte mich das Buch nicht recht glücklich, da keiner meiner Versuche zu einem funktionstüchtigen Ergebnis führte.

Und ich entsann mich, wie er mich zu einem Restaurantbesuch eingeladen hatte, was ich aufregend fand, weil meine Eltern nicht oft essen gingen. Ich entschied mich für Schäufele (und bin inzwischen Vegetarier). Und nun stellte ich fest, dass mein freundlicher alter Großvater, der mich als Erster wie ein Erwachsener behandelt, der mich zu Schäufele eingeladen hatte und mir zeigen wollte, wie ich mit eigenen Händen etwas bauen konnte, dass dieser Großvater ebenjene antisemitische Tirade zum Thema Namen und Sprache geschrieben hatte.

Meine erste Reaktion war tiefe Scham. Niemand durfte davon erfahren. Ich hatte meine deutsche Herkunft immer als belastend empfunden und das Bedürfnis verspürt, mich für die Verbrechen zu entschuldigen, die von Deutschen begangen worden waren. Und nun zeigte sich, dass es nicht bloß um indirekte Verstrickung ging. Es reichte tiefer, es war persönlicher, es betraf meine Familie, es war ein Erbe, das ich nicht abschütteln konnte und für alle Zeiten verbergen musste.

Dann stieg Wut in mir auf, dass mein Großvater mir das antat, dass er mich in diese Lage versetzte. Wohin mit dieser Wut? Ich lenkte sie in meine Recherchen. Wie sich zeigte, war mein Großvater kein Zuschauer, keine Randfigur gewesen. Namen standen im Mittelpunkt der nationalsozialistischen Rassentheorie. Laut den Nürnberger Gesetzen von 1935 war Jude, wer mindestens drei jüdische Großeltern hatte. Diese Definition löste das Problem (wer Jude war) nicht, sondern verlagerte es nur in die Großelterngeneration. Wenn Vorfahren sich durch Mitgliedschaft in Organisationen jüdischer Gemeinden selbst als Juden identifiziert hatten, war die Sache einigermaßen klar. Was aber, wenn sie dank der Emanzipationsgesetze, die mein Großvater so entschieden beklagte, keiner solchen Organisation angehörten?

In diesen Fällen sollte die NS-Rassentheorie entscheiden. Doch obwohl die Nazis behaupteten, ihre Rassentheorie sei wissenschaftlich fundiert, funktionierte sie nicht, weil Rasse eben keine wissenschaftliche Kategorie ist. Gewisse äußerliche Merkmale – Hautfarbe, Gesichtsform – sollen sich wesentlich auf geistige Fähigkeiten, Verhalten und Charakter auswirken, was einfach nicht der Fall ist. »Rassenforschung« ist reine Phantasie. Wo immer sie auftritt, hat sie sich als pure Ideologie erwiesen, als Produkt von Vorurteilen und Projektionen. Deshalb konnte sie auch so erfolgreich sein: Man wollte daran glauben, wollte seine Vorurteile, seinen Glauben an die Überlegenheit dieser oder jener Rasse bestätigt sehen. Und man war froh, dass man diese Vorurteile – wie sie im Amerika des neunzehnten Jahrhunderts und im Deutschland des zwanzigsten Jahrhunderts gängig waren – als Wissenschaft ausgeben konnte. Die Vorstellung, die Menschheit ließe sich in Rassen einteilen, die etwas Wesentliches über den Menschen, seine Fähigkeiten und sein Verhalten aussagen, entbehrt schlicht jeder Grundlage.

Das einzig Reale am Rassenbegriff ist Rassismus. Die Geschichte der Rassentheorie ist in Wahrheit eine Geschichte von Rassismus und der Versuche, dessen Konsequenzen in den Griff zu bekommen. Für die Nazis war das ein Riesenproblem, denn es bedeutete, dass die Rassentheoretiker nicht zwischen Juden und Deutschen unterscheiden konnten, indem sie Nase, Stirn oder den Abstand zwischen den Ohren vermaßen. Zwar wurden immer mehr antisemitische Gesetze erlassen, aber dassdie Nazis außerstande waren, wissenschaftliche Verfahren zur Bestimmung von Juden zu entwickeln, brachte sie in Verlegenheit.

Mangels biologischer Kriterien sollten Namen den Ausschlag geben, und das war die Situation, in der mein Großvater seine Chance sah. Er brachte sich als Namenforscher in Stellung und versprach, das Instrument zu liefern, das Biologen nicht liefern konnten. Mit Hilfe seines Namenregisters würde man Juden von Nicht-Juden unterscheiden können – und der ganze NS-Staat beruhte ja auf dieser Unterscheidung. Statt Rassentheorie also Namenforschung.

Die meisten seiner Empfehlungen entsprachen der NS-Politik. 1938, drei Jahre nach den Nürnberger Gesetzen, wurde es Juden untersagt, ihren Namen zu ändern. Der Einfachheit halber beschränkte man die Liste der zulässigen Namen auf 185 (für Männer) und 91 (für Frauen).9 Die meisten biblischen Namen waren verboten. Am 1. Januar 1939 trat eine Verordnung in Kraft, wonach alle Juden, die nicht ohnehin schon als »typisch jüdisch« eingestufte Namen trugen, den Namen Israel beziehungsweise Sara annehmen mussten.10 Diese Maßnahmen wurden höchstwahrscheinlich nicht aufgrund der Vorschläge meines Großvaters ergriffen, dafür war er nicht wichtig genug, aber seine Ideen entsprachen der offiziellen Politik, und dass sie Gesetz geworden waren, dürfte ihn mit Zufriedenheit erfüllt haben.

Mit Blick auf das Register jüdischer Namen gab es nur ein Problem – Rivalitäten unter den involvierten Behörden. Die von den Nationalsozialisten vertretene Staatslehre gründete auf strikter Hierarchie, an deren Spitze der allmächtige Führer stand. Die Praxis sah oft ganz anders aus. Hitler hielt den innersten Machtzirkel bei der Stange, indem er die diversen Gruppen gegeneinander ausspielte und sie im Unklaren ließ, wie viel Macht und Einfluss sie jeweils besaßen. Sobald sich jemand über die anderen erhob, wurde er von Hitler erniedrigt. Niemand wusste genau, wo er stand.

Diese Unklarheit betraf alle Behörden, einschließlich derjenigen, die mit der Erstellung eines jüdischen Namenregisters beauftragt waren.11