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Atmen, das geht doch ganz automatisch, jeder kann es ... »Doch das richtige Atmen haben wir verlernt!«, so der bekannte Atemtherapeut und Wim-Hof-Instructor Jesse Coomer. Dabei können wir unser Leben in ungeahntem Maße positiv beeinflussen, wenn wir auf unsere Atmung achten und sie bewusst lenken: um unser körperliches und mentales Wohlbefinden zu fördern, Stress zu bewältigen, seelische Blockaden zu lösen, unser Energielevel spürbar anzuheben u.v.m.
Mit über 20 kraftvollen Atemübungen und einfachen Bewusstseinstechniken zeigt Jesse Coomer, wie wir die volle Kraft des Atems freisetzen und für Selbsterkenntnis und persönliche Transformation nutzen können.
Ein Buch, das eine frische, wohltuende Brise ins Leben bringt – für mehr Lebensenergie, Resilienz und ganzheitliche Gesundheit.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 311
Veröffentlichungsjahr: 2024
Atmen, das geht doch ganz automatisch, jeder kann es ... »Doch das richtige Atmen haben wir verlernt!«, so der bekannte Atemtherapeut und Wim-Hof-Instructor Jesse Coomer. Dabei können wir unser Leben in ungeahntem Maße positiv beeinflussen, wenn wir auf unsere Atmung achten und sie bewusst lenken: um unser körperliches und mentales Wohlbefinden zu fördern, Stress zu bewältigen, seelische Blockaden zu lösen, unser Energielevel spürbar anzuheben u.v.m.
Mit über 20 kraftvollen Atemübungen und einfachen Bewusstseinstechniken zeigt Jesse Coomer, wie wir die volle Kraft des Atems freisetzen und für Selbsterkenntnis und persönliche Transformation nutzen können.
Jesse Coomer
Die Sprache des
Atems
Der direkte Weg zu körperlicher und seelischer Gesundheit.
Mit 20 ganzheitlichen Atemübungen
Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Jochen Lehner
Die Originalausgabe erschien 2023 unter dem Titel The Language of Breath: Discover Better Emotional and Physical Health through Breathing and
Self-Awareness im Verlag North Atlantic Books, Berkeley, California.
Die in diesem Buch vorgestellten Informationen und Empfehlungen sind nach bestem Wissen und Gewissen geprüft. Dennoch übernehmen der Autor und der Verlag keinerlei Haftung für Schäden irgendwelcher Art, die sich direkt oder indirekt aus dem Gebrauch der hier beschriebenen
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Copyright © 2023 by Jesse Coomer
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2024 by Integral Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München
Alle Rechte sind vorbehalten.
Redaktion: Karin Weingart
Umschlaggestaltung: Guter Punkt GmbH & Co. KG unter Verwendung eines Motivs von © Andreas Sträußl, Guter Punkt, München
Satz und E-Book Produktion: Satzwerk Huber, Germering
ISBN: 978-3-641-32389-9V001
www.Integral-Lotos-Ansata.de
Inhalt
Vorwort von Brian Mackenzie
Einleitung
Die Bedingungen des Menschseins in unserer Zeit
Meine Geschichte, unsere Geschichte
Was Sie von diesem Buch erwarten können
1 Fehleinschätzungen und ihre Folgen
Das Geist-Körper-Paradigma
Ihre natürliche Intelligenz
2 Die Strategie: aktiv werden
Ein Tag im Leben …
Und heute?
Stille Verzweiflung und emotionale Beziehungslosigkeit
3 Die Sprache des Atems
Eine neue Sprache
Die Sprache des Atems: fünf Grundaussagen
4 Die Stimme des Unbewussten
Die Interozeption
Neu fühlen lernen
5 Die Sprache des Atems entschlüsseln
Das autonome/vegetative Nervensystem
Das Erlernen einer neuen Sprache
Der Herzschlag als Decodierungshilfe
Ein durchschnittlicher Tag
Ein einfacher Schlüssel
6 Ihre ersten Worte
»Jetzt beruhigen wir uns erst einmal« in der Sprache des Atems
Warum der Atem »spricht«
Die Feinabstimmung Ihrer Übersetzungshilfe
7 Die Atemmechanik
Tonfall und Betonung
Die Physiologie des Atmens
Atmen wie ein Säugling
Die Atemwelle
Und noch einmal: die Atemwelle
Ab sofort: funktionsgerecht atmen!
Auf die Haltung kommt es an
Stärkung der Atemmuskulatur
8 Aktiv zuhören
Erweiterte Bewusstseinsübung
9 Ein Wortschatz für alle Gelegenheiten
Das fortlaufende Gespräch
Worüber wir sprechen
Eine achtsame Partnerschaft
Bedenkenswertes und mögliche Missverständnisse
Erste Sätze
Was zu beachten ist
Eigene Sätze bilden
10 Die Liebe zur Nase
Die Vorteile der Nasenatmung
Gehen Sie’s langsam an
11 Teambildung
Zellatmung und wie sie funktioniert
Apropos Kohlendioxid
Hyperventilation – »Überbelüftung«
CO2-Toleranz und Handlungsfähigkeit
Weitere Techniken zur Verbesserung der CO2-Toleranz
Ihr individuelles CO2-Toleranztraining
Trainingsprogramm für Sportler
Immer wieder testen
12 Superventilation, Kreisatmung, Hypokapnie und Glücksgefühle
Bei Überforderung: kühlen Kopf bewahren!
Grübeleien unterbrechen
Hypoxie-Training
Kreativ sein und sich wohlfühlen
13 Atemarbeit und Gefühle
Die biologische Funktion der Emotionen
Verkörperte Gefühle
Und noch einmal: Die Grundlage jeder Verbesserung ist die bewusste Wahrnehmung
Die Übung des Zuhörens
14 Mit der Atemsprache zu positivem Handeln
Nicht vergessen: Sie sind keine Maschine
Ankerpunkte setzen
Besser entscheiden und sinnvoll agieren
Was tun, wenn sich nichts tun lässt?
Große Veränderungen
So lehren, wie Menschen lernen
Überwindung hinderlicher Überzeugungen und Befürchtungen
Was sonst noch eine Rolle spielt
Ausklang und Ausblick
Nachwort von Richard Bostock
Gesundheitliche Erwägungen
Vorsichtsmaßnahmen bei Superventilation und Kreisatmung
Superventilation und Übung des Zuhörens: Gegenanzeigen
Dank
Anmerkungen
Über den Autor
Vorwort
Die Atmung gehört zu den Grundtatbeständen der (menschlichen) Natur. Präziser kann ich es beim besten Willen nicht ausdrücken. Sollte es mir doch noch gelingen, werde ich es Sie wissen lassen.
Dass mir dieser Gedanke überhaupt gekommen ist, lag an meiner Beschäftigung mit der menschlichen Leistungsfähigkeit, die aus dem Sport und meiner seit jeher tiefen Verbundenheit mit dem Wasser, besonders dem Meer, erwachsen war. Seit Beginn dieses Jahrtausends bin ich als Lehrer und Coach tätig und gelangte über Themen wie Laufmechanik, Ausdauer, Höhentraining, adaptive Körperschulung sowie aufgrund meiner Erfahrungen als Assistent für Physiotherapie zu einem tieferen Verständnis des menschlichen Bewegungsverhaltens. Seit ungefähr 2004 ist der Ashtanga-Yoga fester Bestandteil meiner wöchentlichen Übungspraxis, quasi als Gegengewicht zu meinen ehrgeizigen Vorstellungen vom Ausdauertraining. So kam ich auch in Kontakt mit der Atemarbeit und erfuhr von deren Bedeutung für die Bewegung. Doch ließ ich diesen grundlegenden Zusammenhang zunächst noch außer Acht. 2007 hatte ich mir ein einigermaßen tragfähiges Verständnis von Kraft und Kondition erarbeitet und setzte es von da an im Rahmen des Ausdauertrainings um. In meiner beruflichen Tätigkeit ging es hauptsächlich um den Einsatz physischer Stressoren und um Bewegungsprinzipien.
Man könnte meinen, ich hätte die Gelegenheit, die Bedeutung des Atmens für einfach alles zu erkennen, ungenutzt gelassen, doch wie mir inzwischen klar geworden ist, würde das nicht ganz stimmen. Der Zusammenhang war immer präsent, damals aber hätte ich unmöglich all das schon verstehen können, was mir inzwischen bewusst ist. Jedenfalls rückte das Thema »Atmung« endgültig in meinen Blickpunkt, als ich begann, mit dem Atemwiderstand zu experimentieren.
Anfangs konnte ich nur schmunzeln über die Vorstellung, mit einer solchen Vorrichtung den Luftdruck so weit zu senken, dass man damit die Anpassung an niedrigen Sauerstoffgehalt trainieren konnte, aber ich setzte die Maske trotzdem auf. Und fand schnell heraus, dass sich der Luftdruck mit dieser Maske weitaus stärker verändern ließ, als ich es vermutet hatte (ich wusste aber nicht, ob das auch für den Sauerstoffgehalt galt). Dieser Augenblick, der mir lebhaft in Erinnerung geblieben ist, änderte für mich und mein Berufsleben alles, und das wusste ich auch sofort.
Ich spielte ein wenig damit herum und testete alle möglichen Ideen kurz aus, ziemlich abgefahrene ebenso wie wohlüberlegte und zeitaufwendige – und je mehr ich experimentierte, desto mehr brachte ich in Erfahrung und desto mehr Bücher las ich über die Physiologie und Biologie der Atmung, über den Stoffwechsel und schließlich auch über das Nervensystem.
Jesse Coomer lernte ich bei einem Atemseminar in Los Angeles kennen, an dem ich als Referent teilnahm. In der Rückschau erscheint mir dieses Seminar jetzt als thematisch allzu eng auf ein Verständnis der Atmung ausgerichtet. Um ganz ehrlich zu sein, es hatte beinahe etwas Sektiererisches. Seit unserer ersten Begegnung haben sowohl Jesse als auch ich diese Thematik sehr viel tiefer ausgelotet, als es an diesem einen Wochenende je möglich gewesen wäre. Und doch wären wir ohne dieses Wochenende wohl beide nicht da, wo wir jetzt sind, und ich wäre ganz sicher nicht in der Position, Ihnen die Bedeutung dieses Buchs erläutern zu dürfen.
Hätte ich nämlich die Arbeit nicht getan, zu der ich durch das Atmen gekommen bin, wäre ich jetzt wohl neidisch. Denn DieSprache des Atems ist praktisch eins zu eins das Buch, das ich gern geschrieben hätte, ein Buch über den Atem und seine Bedeutung. Was ich damit sagen möchte: Jesse Coomer hat seine Hausaufgaben gemacht und die ganze Arbeit auf sich genommen, ohne die wir dieses Buch jetzt nicht hätten. Und damit das ganz klar ist: Ich bin heilfroh, dass es so gekommen ist.
Was sich heute in der Sphäre rund um Atem und Meditation tummelt, lässt sich vielleicht mit dem Bohei auf dem Feld der Ernährungslehren vergleichen:
Die meisten Lehrer und Anwender auf diesem Gebiet zeigen eine fatale Neigung zu Fastfood-»Lösungen«, die auf die Schnelle den Energiebedarf decken und Fehlentwicklungen beheben sollen. Das hat viel mit dem gemein, was Sie online in Clickbait-Artikeln über Atemarbeit finden. À la: »Ein simpler Kniff gegen Stress«.
Manchen ist zwar irgendwie bewusst, dass sie wohl nicht an echten Nahrungsmitteln vorbeikommen werden, und trotzdem klammern sie sich an ihre Paleo-Ernährung oder an die vegane, vegetarische oder Low-Carb-Ideologie und scheuen für ihre ausgefeilten Methoden auch vor dem größten Zeitaufwand nicht zurück. Das entspricht im Raum der Atemarbeit den Leuten, die sich einer ganz bestimmten Schule verschreiben oder sich mit geradezu religiöser Inbrunst an eine eng definierte Technik klammern.
Da scheiden sich dann die Geister und für einige wenige beginnt die ernsthafte Recherche, die aber auch nicht ganz frei von Ideologie ist. Sie tun nur das, was als wissenschaftlich gesichert gelten kann, blicken aber nicht über ihren Tellerrand hinaus und interessieren sich kaum für den Einzelfall. Ebendieser mangelnden Flexibilität begegnen wir auch bei den vermeintlichen Atemspezialisten.
Ernährung und alles andere auf dem Gebiet der Biologie läuft letztlich auf Biochemie und deren Anwendung auf das Individuum hinaus, also auf die Frage, welche Ernährungsform funktioniert oder nicht funktioniert, problematisch sein kann oder eben nicht. In unserem Zusammenhang liegt das Interessante an der Biochemie darin, dass der Atem ununterbrochen – Tag für Tag und Jahr für Jahr – in Wechselwirkung mit ihr steht; und an dieser Stelle konvergieren wissenschaftliches Verständnis, Erfahrungswissen und Praxis, verschmelzen Lehre und Lernen zu einer einzigen Kunstform.
Mit diesem Buch halten Sie einen Leitfaden in der Hand, der Ihnen nahebringen wird, wie Sie eines unserer wichtigsten Instrumente für das Verständnis einiger Grundtatsachen des Lebens nutzen können. Auf den folgenden Seiten zeigt und erläutert Jesse Coomer Ihnen, inwieweit der Atem zu den ganz elementaren Dingen des Lebens gehört, wie fein er mit der Zellatmung verflochten ist und was er mit der Energie zu tun hat, der Grundlage allen Lebens. Sobald wir nicht länger Energie in ausreichenden Mengen erzeugen können (was ein sehr komplexes Geschehen ist), altern wir schneller und werden krankheitsanfällig. Oder ganz einfach ausgedrückt: Die Zellatmung stellt nicht nur Energie bereit, sondern sorgt auch für die Produktion und Verteilung von Eiweißen und Nukleotiden, aus denen die Bausteine des Lebens bestehen, unseres Lebens. Versiegt der Strom der Energie, sterben wir. Wir müssen für effektive Energieverteilung sorgen, weil sie in dieser Welt überall gebraucht wird und wir ein Teil dieses Geschehen sind.
Wir haben unsere innere Ruhe verloren, haben uns isoliert, kommen nur schwer zurecht, es geht uns nicht gut. Dieses Buch kann Ihnen die Begegnung mit sich selbst ermöglichen; dabei erfahren Sie, wie Stagnation entsteht und was es mit Ihrer Gesundheit auf sich hat. Die Beschreibung dieser Prozesse, die auch das Nervensystem und den so wichtigen Kohlendioxidhaushalt einbezieht, ist Jesse wirklich gelungen. Ihm ist bewusst, dass Stress uns umbringt. Er weiß, auf welche Weise uns der Körper auffordert, aktiv zu werden.
Mir persönlich war anfangs nicht klar, worauf ich mich mit dieser Atem-Sache einließ; dass sie aber auf etwas revolutionär Neues hinauslaufen würde, ahnte ich sofort. So war es auch, und die Meldungen im Einzelnen finden Sie in diesem Buch.
Ich würde mir wünschen – und Ihnen wünsche ich es auf alle Fälle! –, dass Sie mit Die Sprache des Atems sich selbst und die wahre Kraft entdecken können, die in Ihnen steckt.
Brian Mackenzie
Einleitung
Die Bedingungen des Menschseins in unserer Zeit
Den Satz »Dass du mit dir plauderst, ist unbedenklich, solange du dir nicht antwortest« bekommt man in amerikanischen Büros oft zu hören, nachdem man sich für ein Selbstgespräch entschuldigt hat. Und geklopft werden Sprüche dieser Art von Leuten, die uns im Hochsommer fragen, ob uns auch warm genug ist.
Tatsächlich führen wir alle ständig Selbstgespräche, vernehmlich oder stumm. In diesem Buch möchte ich einer Art des inneren Dialoges auf die Spur kommen, deren wir uns zumeist gar nicht bewusst sind: dem ständigen Strom von »Mitteilungen«, die sich auf unsere Stimmung, den Blutdruck und sogar auf die Bereitschaft auswirken kann, über abgedroschene Witze höflich zu lachen. Gerade in unserer Zeit ist es besonders wichtig, diese inneren Unterhaltungen, in denen eine bestimmte Seite des Menschseins zum Ausdruck kommt, zu verstehen.
Im Wort »Menschsein« sind all jene Eigenschaften, Erfahrungen, Ereignisse und Gefühle zusammengefasst, die die Vertreter unserer Spezies seit vorgeschichtlicher Zeit gemeinsam haben und die seit jeher in Gedichten, Gemälden, Liedern und Theaterstücken zum Ausdruck kommen: Einsamkeit, Geburt, Tod und das Verlangen nach Liebe. Gemeint ist also alles, was früher als Conditio humana bezeichnet wurde – die Bedingungen und Umstände des Menschseins. Momentan jedoch werden wir allmählich auf eine neue Gemeinsamkeit aufmerksam, die für das gegenwärtige Technologiezeitalter kennzeichnend ist.
Seit einigen Jahrzehnten wird uns zunehmend – und zunehmend schmerzlich – bewusst, wie tief die Kluft zwischen uns und der uns umgebenden künstlichen modernen Welt geworden ist. Mit Beginn der industriellen Revolution traten neue, bis dato unbekannte Gebrechen auf, unter denen die Menschen litten. Sie hielten sich in kleinen, schlecht belüfteten Arbeitsräumen auf, in denen sie eintönige Tätigkeiten verrichteten und nicht viel anders behandelt wurden als die Maschinen, die sie bedienten. Im zwanzigsten Jahrhundert mit seinen Errungenschaften auf den Gebieten Lebensmittelkonservierung, Klimatisierung, Kommunikation und Transportwesen brach für die Menschen eine Zeit an, in der sie unter Umständen leben mussten und müssen, die ihrer biologischen Ausstattung eher noch weniger zuträglich sind. Der technische Fortschritt brachte zwar einige Erleichterungen, mehr Komfort und Sicherheit mit sich, doch zeichneten sich im Laufe der Jahrzehnte auch die negativen Seiten dieses modernen Lebens ab. War früher der Hunger ein gewichtiger Faktor für die Dauer eines Menschenlebens, stehen wir heute vor den schlimmen Folgen einer allzu üppigen Lebensweise: Ungefähr jeder zweite US-Amerikaner leidet an Typ-2-Diabetes1 und jeder dritte ist prädiabetisch.2 Während wir einst jagten und sammelten oder Landwirtschaft betrieben, verbringt der durchschnittliche Amerikaner heute gut die Hälfte seiner wachen Zeit sitzend.3 Offenbar schlafen wir auch nicht mehr so gut wie früher einmal.4 Wir geben Jahr für Jahr Milliarden aus, um unserer Verdauung auf die Sprünge zu helfen.5 Und breit angelegte Studien lassen erkennen, dass 33 Prozent der Bevölkerung im Laufe ihres Lebens mit der Entstehung einer Angststörung rechnen müssen. Das sind beunruhigende Zahlen, vor allem, wenn man bedenkt, dass Angststörungen oft nicht erkannt, geschweige denn behandelt werden.6
Zweifellos hat das gegenwärtige Leben auch Vorteile, die wir nicht mehr missen möchten; offenbar aber besteht ein Widerspruch zwischen unserer biologischen Natur und der modernen Lebenswelt, den auch der medizinische Fortschritt nicht mehr ausgleichen kann – mit der Folge, dass die Lebenserwartung der heute Geborenen tendenziell sinkt.7
Aktuell leben wir in einer seltsamen Diskrepanz. Da wir diesen Zustand inzwischen jedoch als normal empfinden, begreifen wir nicht, was eigentlich mit uns los ist. Aber alles, was wir nicht verstehen, fürchten wir, vor allem, wenn es uns selbst betrifft. So leiden wir modernen Menschen an einem falschen Verständnis unserer selbst und der Interaktion zwischen uns und der Umwelt. Dieses falsche Verständnis aber schadet uns nur.
Meine Geschichte, unsere Geschichte
Die gerade angesprochenen Bedingungen des Menschseins beschreiben meine ersten dreißig Lebensjahre recht treffend. Wie die meisten Menschen hatte auch ich in den ersten drei Jahrzehnten meines Lebens keine nennenswerte Kenntnis dessen, was Menschsein eigentlich bedeutet. Ich wurde in diese moderne Welt hineingeboren, hatte zwölf Jahre Schule abzusitzen und danach viele weitere Jahre in ebenso künstlicher Umgebung; über die Funktionsweise meines Nervensystems aber wusste ich genauso wenig wie über unsere Gefühlsregungen und den Umgang mit ihnen. Antworten auf die Frage, was uns eigentlich zu Menschen macht, liefen zumeist darauf hinaus, dass wir uns nicht groß von Maschinen unterscheiden. (Mit diesem destruktiven Denkansatz setze ich mich im ersten Kapitel des Buches auseinander.)
Dieses mangelnde Verständnis meiner Natur führte dazu, dass ich kein wirkliches Zutrauen zu mir hatte. Ich traute meinen Empfindungen nicht, wusste ja nicht einmal, weshalb ich fühlte, was ich fühlte. Ich wusste nur, dass ich oft eher nervös als selbstsicher war, viel zu viel grübelte und nie im »Flow« war; wusste nur, dass ich unter Stress eher den nervlichen Kolbenfresser bekam, als dass ich Chancen beherzt beim Schopf gepackt hätte. In meinen späten Teenagerjahren und noch mit Anfang Zwanzig sagte ich mir wie so viele meiner Altersgenossen, dass ich mich mit meiner Beklommenheit und dem mangelnden Selbstvertrauen einfach abfinden müsste. Dann würde ich im entscheidenden Moment wenigstens keine kalten Füße bekommen und versagen. Natürlich wurde meine innere Zerrissenheit dadurch nur noch schlimmer. Mit der Folge, dass ich versuchte, meine Gefühle mit Drogen und Alkohol in den Griff zu bekommen. Erst mit Ende Zwanzig fand ich wieder zu mir. Und musste mir mühsam alles zusammensuchen, was mich als Mensch wirklich ausmachte. Hätte ich das doch nur schon als Kind erfahren!
Irgendwie brachte ich mein Studium zum Abschluss und wurde schließlich sogar Professor für Anglistik. Von dieser Position, die ich mehr als ein Jahrzehnt lang innehatte, konnte ich mich inzwischen einigermaßen erholen. Doch in dieser Zeit habe ich unmittelbar miterlebt, wie sich unsere moderne Welt auf die psychische Gesundheit der Jugend auswirkt. In meiner Anfangszeit als Dozent gab es in den Unterrichtsräumen noch keine Smartphones, aber im letzten Jahr meiner Lehrtätigkeit waren sie einfach überall, begleitet von Klagen über Stress, schlaflose Nächte, Tendenzen zu selbstzerstörerischem Verhalten. Und ich selbst war nicht weniger gestresst als meine Studierenden und offenbar alle anderen auch. Schon 2015 war im Journal of the American Medical Association zu lesen, dass bei 60 bis 80 Prozent der Arztbesuche Stress eine Rolle spielte und dass 44 Prozent der US-Amerikaner eine höhere Stressbelastung als fünf Jahre zuvor erlebten.8
Bei meinen Versuchen der Stress- und Angstbewältigung stieß ich irgendwann auf die Atemarbeit. Und damit änderte sich für mich alles.
Anfangs konnte ich mir kaum vorstellen, dass es sich dabei um einen ernst zu nehmenden Ansatz handelte, und auch heute noch staune ich fast täglich über diese unglaubliche Methode der Selbstkommunikation. Lange hatte ich den Eindruck, es handle sich dabei um eine Art Zauberei, und zu meinem Leidwesen tun viele die Atemarbeit auch heute noch als Hokuspokus ab. Dabei ist sie im Grunde, würde ich sagen, genauso magisch wie ein wunderbarer Sonnenaufgang. Oder so zauberhaft wie die Beziehung zu meiner Frau. Es handelt sich also keinesfalls um märchenhafte Dinge wie Elfen und Feenstaub, sondern um Phänomene, die so real sind wie die Atemarbeit selbst.
Die Praxis der Atemarbeit ist schon Jahrtausende alt, aber die wissenschaftliche Entdeckung des Zusammenhangs zwischen dem Atem und der geistig-körperlichen Gesundheit geht auf die Zeit des Amerikanischen Bürgerkriegs zurück. In dessen Verlauf dokumentierte der Militärarzt Dr. Jacob Mendes Da Costa erstmals Atemstörungen, ohne genau zu wissen, worum es sich dabei eigentlich handelte. Er beobachtete dreihundert Soldaten, die an etwas litten, was man zu Beginn des 20. Jahrhunderts schließlich als Hyperventilations-Syndrom bezeichnen sollte – eine heute sehr verbreitete Störung der Atemtätigkeit. In der wissenschaftlichen Erforschung der Atmung und ihrer Wirkung auf das autonome beziehungsweise vegetative Nervensystem ist seither eine Menge geschehen.
Das Vegetativum reguliert Pulsfrequenz, Verdauungssystem, Fortpflanzungsorgane, Blutzucker und alle möglichen anderen Systeme unseres Körpers, die wir nicht bewusst beeinflussen können. Werden diese Organe und Organsysteme nicht mehr so gesteuert, wie es für den Körper und somit den gesamten Menschen gut wäre, blühen uns all die Unannehmlichkeiten und Beschwerden, die ich oben als Bedingungen des Menschseins in der modernen Zeit beschrieben habe. Heute gibt es zahllose Studien, die den guten oder schlechten Einfluss der Atmung auf die Gesundheit insgesamt beschreiben und zugleich erkennen lassen, wie wir unser vegetatives Nervensystem bewusst beeinflussen9 – und auf diesem Wege auch Ängste abbauen können.10 Diese wissenschaftliche Aufarbeitung der Atemarbeit gibt uns die Möglichkeit, unser Leben mit jedem Atemzug zu verbessern.
Heute steht die Atemarbeit in voller Blüte und spricht aus vielen Kehlen. Einige dieser Stimmen haben wirklich etwas zu sagen; doch es gibt auch andere, die den Gegenstand allzu sehr vereinfachen, indem sie sich auf eine einzige Technik versteifen und alle anderen links liegen lassen. Wie in den frühen Tagen der Fitnessbewegung werden heute leider auch in puncto Atemarbeit alle möglichen Behauptungen ihre Wirksamkeit betreffend aufgestellt, die übertrieben oder schlicht falsch sind. Denn ebenso wenig, wie es Pillen gibt, die uns attraktiver machen, gibt es Atemtechniken, die dafür sorgen, dass wir nie wieder krank werden, traurig sind oder einen schlechten Tag erwischen.
Die Atemarbeit kann Ihnen das Engagement für die Verbesserung Ihres Lebens nicht abnehmen, doch wenn Sie sich mit ihrer Funktionsweise vertraut machen, können Sie einen Zustand erreichen, aus dem heraus Sie kreativ, selbstbewusst und sinnvoll agieren können. Denn das bessere Leben hängt davon ab, was Sie tun, und darin liegt der große Wert einer ganzheitlichen Form der Atemarbeit. Viele der Selbstzweifel und Versagensängste, die mich in jüngeren Jahren davon abhielten, aktiv zu werden, wären bestimmt nicht so groß gewesen, hätte ich meine Gefühle besser verstanden und den Atem sinnvoll einsetzen können.
Seit 2016 bin ich beruflich auf dem Gebiet der Atemarbeit tätig und trainiere Menschen aus aller Welt, die sich mit den verschiedenen Problemen der modernen Zeit herumschlagen, welche meiner Einschätzung nach mit der Beziehungslosigkeit und Desorientierung zusammenhängen, die ich heute an so gut wie allen Menschen beobachte. Ich berate und coache Ersthelferinnen, Firmenbosse, Sportlerinnen, rehabilitierte Suchtkranke und Angehörige aller Gesellschaftsschichten, damit sie sich so zu verstehen lernen, dass sie wieder zu sich finden und überlegter, selbstsicherer, gezielter agieren können. Ein solches Training bietet Ihnen auch dieses Buch, von dem ich mir wünsche, dass Sie mit seiner Hilfe wieder Anschluss an sich finden.
Was Sie von diesem Buch erwarten können
Das hinter der Sprache des Atems stehende Denken beruht auf seit Jahrtausenden bekannten und überlieferten Praktiken. Hinzu kommen wissenschaftliche Erkenntnisse der letzten gut einhundert Jahre sowie die Erfahrungen, die ich in dem Bemühen gemacht habe, den Menschen ein besseres Leben und ein besseres Verhältnis zu sich selbst zu ermöglichen. Der Gedanke der Kommunikation mit dem eigenen Inneren klingt vielleicht ein bisschen esoterisch, doch tatsächlich beruht ja alles auf dem in uns angelegten Verlangen, in dieser Welt und in dieser Gesellschaft zu überleben und es gut zu haben. Sie haben ein Anrecht darauf zu erfahren, wie das geht, und ich werde mir alle Mühe geben, es Ihnen so zu erklären, wie ich es nach meinen Recherchen und vielen Gesprächen mit Psychologen und Neurowissenschaftlern inzwischen verstanden habe. Wir wissen, dass unglaubliche Mengen an Informationen ständig in uns kursieren. Und die Fähigkeiten, die Sie sich mithilfe dieses Buches aneignen, werden es Ihnen ermöglichen, aktiv in diese Prozesse einzugreifen.
In den ersten drei Kapiteln des Buches möchte ich Sie ermuntern, sich selbst mit anderen Augen zu sehen. Ein Großteil unserer Entfremdung und Desorientierung in der modernen Welt beruht auf Fehleinschätzungen, die von Generation zu Generation weitergegeben worden sind. Sie begleiten uns nun schon so lange, dass wir ihnen kaum mehr Beachtung schenken, und haben auch Eingang in die Sprache gefunden, in der wir über uns sprechen. Viele Atemarbeiter werden durch eine grundlegende Fehleinschätzung ihrer selbst behindert und haben dadurch ein falsches Bild von der Atemarbeit. Das ganze Buch dient der Korrektur dieses Missverständnisses; machen Sie sich also keine Gedanken, wenn es Ihnen nicht sofort gelingt, das alte Paradigma hinter sich zu lassen.
In den ersten drei Kapiteln richten wir das Augenmerk auf die subtilen Botschaften unseres Unbewussten. Anschließend werden Sie im vierten und fünften Kapiteln lernen, Ihr Unbewusstes wahrzunehmen und die Feinheiten seiner Mitteilungen zu erfassen. Im sechsten Kapitel werden Sie Ihre erste Nachricht senden, und im siebten geht es um den Umstand, dass funktionales (beziehungsweise funktionsgerechtes) Atmen der mit jedem Luftholen verbundenen Kommunikation den richtigen Klang und Tonfall mitgibt. Im achten Kapitel verbinden wir das bis dahin Gelernte zu einer grundlegenden Übung, die wir als Übung der bewussten Wahrnehmung oder einfach als Bewusstseinsübung bezeichnen. Im neunten Kapitel bauen wir uns anhand unterschiedlicher Ansätze ein Atem-Vokabular auf. Im zehnten Kapitel geht es um Mund- und Nasenatmung. Die Kapitel elf und zwölf behandeln Verfahren, mit denen wir unsere innere Beziehung weiter stärken: durch Erhöhung der CO2-Toleranz, durch Superventilation beziehungsweise dadurch, dass wir unser Unbewusstes ins Fitnessstudio entführen oder es einfach unterbrechen, wenn es nicht aufhören will zu reden. Im dreizehnten Kapitel geht es um die biologische Funktion unserer Gefühlsregungen. Zudem stelle ich darin eine hochwirksame Übung vor, die uns so mit unserem Unbewussten verbindet, dass wir hören können, was es zu sagen hat. Auf diese Weise können wir Verbindungen herstellen, auf die wir sonst vielleicht nie gekommen wären. Im letzten Kapitel schließlich werde ich Ihnen vermitteln, wie Sie alles aus diesem Buch Gelernte zu einer täglichen Praxis verbinden können, um Ihrem Leben eine neue und bessere Richtung zu geben. Ob Sie ihre sportliche Leistung verbessern oder im Umgang mit anderen unbefangener werden möchten, ob Sie etwas für Ihre Kreativität tun oder auch in Zeiten, in denen Sie zur Tatenlosigkeit verurteilt sind, besser zurechtkommen möchten: In dem Kapitel werde ich Ihnen Vorschläge machen, die Ihnen den Einstieg erleichtern. In fast jedem Kapitel werden Sie eine Übung oder praktische Ratschläge zu den Lektionen finden, mit denen Sie sich Schritt für Schritt der guten Beziehung annähern, die Sie zu sich haben sollten.
Vom dritten an werden Sie am Ende jedes Kapitels unter der Überschrift »Sprachlabor« einen Abschnitt finden, in dem es darum geht, das Gelernte praktisch umzusetzen. Das braucht Zeit, überstürzen Sie also nichts. Die Grundlagen, die ich Ihnen in den ersten Kapiteln vermittle, zahlen sich später aus. Sie können das Buch natürlich gern in einem Rutsch durchlesen, vielleicht aber möchten Sie sich auch zwischen den einzelnen Kapiteln ein bis zwei Tage Zeit lassen, um das neu Gelernte ein wenig zu üben und darauf dann im nächsten Kapitel aufbauen zu können. Das überlasse ich ganz Ihnen; wenn Sie sich jedoch vom vierten Kapitel an immer ein paar Tage oder auch eine ganze Woche Zeit zum Üben nehmen, profitieren Sie wahrscheinlich am meisten.
Eine gesunde Beziehung zu uns selbst und zu unserer Umwelt steht uns von Natur aus zu. Dieses Buch möchte es Ihnen erleichtern, wieder zu sich zurückzufinden – nach einer Methode, die mir und meinen Klienten seit Jahren gute Dienste leistet und es immer mehr Menschen ermöglicht, sich eingebunden zu fühlen und in sinnvoller Weise aktiv zu werden. Die Atemarbeit nimmt Ihnen dieses Aktivwerden nicht ab, doch sobald Sie die Sprache des Atems sprechen können, sind Sie in der Lage, so mit sich selbst zu kommunizieren, dass Sie klarer denken und selbstbewusster agieren werden. Möge jeder Ihrer Atemzüge Sie tiefer in die Verbundenheit führen!
1
Fehleinschätzungen und ihre Folgen
In einem Text aus dem 11. Jahrhundert, der den Titel Almanach der Gesundheit trägt, wird von einem alten Mann berichtet, der eines Wintertages einen Heilkundigen aufsuchte und über Gelenkschmerzen und allgemeine Kälteempfindlichkeit klagte. Der Heilkundige untersuchte den Mann und verschrieb ihm einen Hahn. Da dieser Vogel als »heiß« und »trocken« betrachtet wurde, sah der Heilkundige in ihm das ideale Heilmittel für einen betagten Mann mit diesen Beschwerden. Hier handelt es sich um ein praktisches Beispiel für einen der ältesten und hartnäckigsten Irrtümer der Medizingeschichte: die sogenannte Säftelehre oder Humoralpathologie, die noch für weitere sechshundert Jahre die Grundlage der Medizin bleiben sollte.
Das Paradigma der vier »Humores« oder Säfte beziehungsweise Temperamente ist in den Werken des Aristoteles und dann auch bei Hippokrates zu finden, der als Vater der modernen Medizin gilt. Diese Lehre besagt, dass wir Menschen aus vier Säften bestehen und erkranken, sobald es zu einem Ungleichgewicht dieser Humores kommt. Die Vier-Säfte-Lehre entstand aus der Betrachtung getrockneten Blutes, das sich nach Ansicht der damaligen Fachleute in vier Substanzen zersetzte, die schwarze Galle, gelbe Galle, Schleim und Blut genannt wurden.
Man nahm an, dass sich die Menschen in den Wintermonaten, wenn die Säfte abkühlten, »erkälteten«. Auch heute halten ja noch viele Kälte für die Ursache von Krankheiten, sodass nach wie vor die alten Ausdrücke verwendet werden, um Zustände zu beschreiben, von denen wir längst wissen, dass sie auf Rhino- oder Coronaviren zurückgehen. Wenn in der alten Zeit jemand depressiv war, sagte man, er oder sie habe zu viel schwarze Galle und sei »melancholisch« (der Begriff setzt sich aus den griechischen Wörtern für »schwarz« und »Galle« zusammen). War die Gesichtsfarbe eines Menschen rötlich, also vom Blut geprägt, ging man davon aus, dass er ein »sanguinisches« (von lat. sanguis, »Blut«) Temperament habe. Spielte dagegen die gelbe Galle im Säftehaushalt eine beherrschende Rolle, sagte man dem Betreffenden nach, er sei bösartig und grob. Von der schwarzen Galle beherrschte Menschen wiederum galten als faul, und wenn der Schleim vorherrschte, ging man davon aus, dass der Betreffende zu Vergesslichkeit neigte.
Galenos von Pergamon (ca. 129 bis zwischen 199 und 216 n. Chr.), gemeinhin kurz Galen genannt, galt als einer der größten Heilkundigen der Antike und dürfte entscheidend zur Verbreitung der Säftelehre sowie in der Folge auch zur Praxis des Aderlasses beigetragen haben. Zu Galens Zeit glaubte man, die Monatsblutung befreie den Frauenkörper von schlechten Säften, und schloss daraus, dass künstlicher Blutentzug durch Aderlass die gleiche Wirkung haben müsse. Galen, Leibarzt des römischen Kaisers, war wohlhabend, immer bereit, den Menschen zu helfen – und hinterließ zahlreiche zum Teil sehr umfangreiche Werke.
Von seinen Schriften zum Aderlass wurde die Medizin mehr als tausend Jahre lang geprägt. Er unterwies nicht nur Ärzte in dieser Kunst, sondern auch Barbiere, weshalb bis heute vor allem im englischsprachigen Raum der Barber’s Pole mit den Farben Weiß und Rot – Rot für das Blut und Weiß für das als Stau-Binde verwendete Tuch – das Standessymbol der Barbiere darstellt. (Auch im deutschsprachigen Raum sieht man den »Barber-Pole«, oft mit Blau als dritter Farbe, in letzter Zeit immer häufiger, weil reine Barbierläden gerade stark im Kommen sind.) Galen beschrieb eine Form des Aderlasses, bei der neben Alter und Verfassung des Patienten auch Wetter, Jahreszeit und Ort der Behandlung berücksichtigt wurden.
Die Lehre von den vier Flüssigkeiten oder Säften, die einen Menschen ausmachen und seine Gesundheit beziehungsweise Konstitution bestimmen, prägten das Menschenbild seit der Zeit des Hippokrates (ca. 460 – 370 v. Chr.) bis zu den Anfängen der Krankheitskeimtheorie in den Fünfzigerjahren des 19. Jahrhunderts. Hätten wir damals gelebt, wäre unser Selbstverständnis genauso stark von der Humoralpathologie geprägt gewesen wie das heutige von der Schulmedizin. Und wir würden alles, die gesundheitliche Verfassung nicht weniger als unsere Gemütslage, auf das Gleich- oder Ungleichgewicht der vier Säfte zurückführen.
Die Geschichte der Säftelehre ist weitaus länger und vielschichtiger, als sie hier dargelegt werden kann, aber sie stellt ein gutes Beispiel für die Neigung des Menschen dar, Überzeugungen und Taten aus Fehleinschätzungen abzuleiten, die so stark sind, dass sie zu fundamentalen Glaubenssätzen und schließlich zu einem Paradigma werden können, das sich kaum noch infrage stellen lässt. Mehr als zwei Jahrtausende lang gingen wir selbstverständlich davon aus, dass wir aus vier Säften bestehen, und betrachteten unsere körperliche wie geistige Gesundheit ausschließlich unter diesem Gesichtspunkt. Spuren dieses Paradigmas lassen sich heute noch in unserer Sprache finden, auch wenn es uns im 21. Jahrhundert lächerlich erscheinen mag. Sie sagen doch auch immer noch: »Ich habe mich erkältet«, oder? Und nicht: »Ich habe mir ein Rhinovirus eingefangen.«
Das Geist-Körper-Paradigma
Jeder in den Neunzigerjahren und später Geborene hat von der Zeichentrickserie Teenage Mutant Ninja Turtles (in Europa auch einfach Ninja Turtles) gehört, die bei jungen Leuten wie mir damals den Wunsch weckte, (auf gute Weise?) auch einmal solchem Atommüll ausgesetzt zu sein.
Die Comicserie erzählt von vier ganz normalen Schildkröten, die nach dem Kontakt mit mysteriösen atomaren Abfällen zu muskelbepackten menschenähnlichen Schildkröten mutieren. Sie leben im Abwassersystem von New York City und machen Jagd auf Kriminelle. Als Junge habe ich mir gern vorgestellt, wie ich mich nach dem Kontakt mit radioaktivem Müll in eine Schildkröte verwandele und im Kampf gegen das Verbrechen ein tolles Leben führe – wie die Kröten auf dem Bildschirm.
Die Ninja Turtles haben zwei Hauptfeinde, mit denen sie sich in jeder Folge herumschlagen müssen: Shredder, einen ganz üblen Ninja, der ständig die ganze Stadt in seine Gewalt bringen möchte, und seinen Boss Krang, ein körperloses Gehirn aus der Dimension X. Dieses Gehirn ohne Körper bewegt sich in einem Roboter hierhin und dahin und plant dabei Raubüberfälle oder auch die Übernahme der Weltherrschaft.
Fast alle betrachten wir uns – wie diese Ninja-Bösewichter – auch als so etwas wie einen Geist, der in einem Körper herumfährt, als Maschinisten eines Roboters, der sich nicht wesentlich von unseren sonstigen Fortbewegungsmitteln unterscheidet. Er muss ständig gewartet werden. Braucht Treibstoff. Nutzt sich ab, wird alt und klapprig, und irgendwann geht er nicht mehr. Und wir denken: »Ach du liebe Zeit, da ist was kaputt.«
Unser Körper ermöglicht uns Bewegungen, Ortsveränderungen sowie Kontakt und Umgang mit unserer physischen Umgebung. Dabei glauben wir jedoch, dass wir unser Geist und sein Denkvermögen sind und den Körper haben. Offenbar sehen wir sie als voneinander verschieden und den einen als Herrn und Meister des anderen an. Diese Vorstellung ist so tief in uns verankert, dass sie sogar die Sprache prägt, in der wir über uns sprechen.
Eine Wasserscheide
Die Unterscheidung zwischen Geist und Körper ist schon in den meisten antiken Kulturen zu erkennen. Die alten Griechen, denen physische Kraft und Geschicklichkeit sehr wichtig waren, sahen Geist und Körper als grundsätzlich verschieden. Hier lassen sich bereits Ansätze der modernen Auffassung erkennen, der zufolge Körper und Geist sich nicht nur voneinander unterscheiden, sondern in regelrechtem Gegensatz zueinander stehen.
In seiner Erziehungslehre (einem Bestandteil seines Hauptwerkes Politik) forderte Aristoteles, intellektuelle und körperliche Bildung nicht im selben Jahr anzustreben, »da Verstand und Körper nicht zur gleichen Zeit angestrengt werden dürfen, denn die beiden Arten der Ertüchtigung wirken von Natur aus gegeneinander, und zwar so, dass Anstrengung des Körpers den Verstand hindert und Anstrengung des Verstandes den Körper.«11
Den Gedanken, der Körper stehe dem Wohlergehen des Geistes gewissermaßen im Wege, finden wir auch in vielen religiösen Schriften späterer Zeiten. Der Körper, oft einfach »das Fleisch« genannt, galt als ein nur auf seine eigene Lust bedachtes Tier, das ständig im Zaum gehalten werden musste. Wir waren gehalten, uns als Herren unseres Körpers zu verstehen, damit er uns nicht zur Sünde verführte. Es war, als stünden sich Geist und Körper vollkommen getrennt und einander fremd gegenüber und seien auf grundverschiedene Dinge aus.
Jedoch erst René Descartes schrieb im 17. Jahrhundert das fest, was seither Geist-Körper-Dualismus genannt wird. Descartes nahm sein Denken als Beweis für seine Existenz, wie es in seinem berühmten Satz »Ich denke, also bin ich« zum Ausdruck kommt. Weiterhin sah er den Geist als unteilbar, den Körper jedoch als aus einzelnen Partien bestehend und schloss daraus, dass die beiden grundsätzlich verschieden seien. In dieser Zeit entstand auch die Vorstellung, der Körper sei eine Art Gerät. Nichts weiter als eine aus Erde gemachte Statue oder Maschine, wie Descartes es ausdrückte.12
Das Geist-Körper-Paradigma hat sich zwar mit der Zeit weiterentwickelt, unser Selbstbild aber wird vielfach immer noch von ihm bestimmt. Die Vertreter der modernen Ausläufer dieses Denkens sind mittlerweile dazu übergegangen, den Körper vom Hals an abwärts als potenziell nützlich für den Geist zu betrachten – solange er gut gepflegt wird wie ein chromblitzendes Kraftfahrzeug. Diese Auffassung basiert auf einer bestimmten Betrachtungsweise unserer selbst, und von der wiederum hängt der Umgang ab, den wir mit der eigenen Person pflegen.
Die Tücken des Geist-Körper-Paradigmas
In der Nachfolge Descartes’ erleben wir uns als »Nutzer« eines Körpers, der etwas von uns Verschiedenes ist. Wir betrachten alles unterhalb des Kopfes als eine Art Maschine – und so gehen wir auch mit uns um: Maschinen können sich Tag für Tag acht Stunden lang unbewegt in schlecht belüfteten Räumen aufhalten, ohne Schaden zu nehmen. Maschinen haben keine Gefühle, keine Wünsche, keine Leidenschaften, sie sind vollkommen leblos und tun ausschließlich, was von ihnen verlangt wird.
Solange man glaubte, der Mensch bestehe aus vier Säften, war es nur folgerichtig, rheumatische Beschwerden mit Hähnchen lindern oder Krankheiten einfach mit dem Blut aus dem Körper entfernen zu wollen. Doch in dem Moment, in dem wir erkannten, dass unser Handeln von einer irrigen Annahme geleitet war, änderten wir unsere Selbstsicht und fanden wirksamere Behandlungsmethoden. Jetzt steht erneut eine Änderung unserer Selbstsicht an. Sind wir tatsächlich nur Maschinisten eines Roboters aus Fleisch und Blut, oder ist es nicht längst Zeit zum Umdenken?
Gestatten: All das sind Sie!
In einem Menschen wirken über 37 Billionen Zellen so zusammen, dass das Ganze unter allen klimatischen und sonstigen Bedingungen überleben kann, die auf der Erde herrschen. Das geht nicht ohne eine große, dem Ganzen innewohnende Intelligenz, die wir zumeist gar nicht wahrnehmen, sondern einfach voraussetzen. Diese Intelligenz wirkt in Ihnen und ist nichts von Ihnen Getrenntes (wie beispielsweise ein Roboter oder ein Computerprogramm). Diese Intelligenz gehört genauso zu Ihnen wie das bewusste Denkvermögen, mit dessen Hilfe Sie gerade dieses Buch lesen.
Ihre natürliche Intelligenz
Dass Sie die Wörter auf dieser Seite mit Leichtigkeit lesen können, hat mit der natürlichen inneren Vernetzung zu tun, die Sie als Mensch ausmacht. Ebenjene Intelligenz, die Ihnen das Verständnis geschriebener Sprache ermöglicht, orchestriert auch die Sinfonie aus Informationen und Materie, die Sie sind. Organe wie unter anderem der Magen sorgen für die Verdauung, Ihre Blutgefäße weiten und verengen sich, die Nieren erfüllen ihre Filterfunktion, das Blut strömt, der Gasaustausch mit der Umwelt nimmt seinen Lauf – und all das ist Ausdruck der unbewussten Intelligenz, mit deren Hilfe Sie überleben und gedeihen. Und all diese Prozesse beginnen natürlich weder am Hals, noch enden sie dort.
