Die Spur des Vielfraßes - Dag O. Hessen - E-Book

Die Spur des Vielfraßes E-Book

Dag O. Hessen

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Beschreibung

An einem Tag im Februar 1972 fährt Dag O. Hessen mit seinem Vater in den Bergen Ski, als sie im Schnee auf die Spur eines Vielfraßes stoßen. Der junge Dag überredet seinen Vater, der Spur zu folgen, doch irgendwann verschwinden die Abdrücke des Raubtiers an einem steilen Birkenhain und die beiden müssen die Verfolgung aufgeben. 50 Jahre später kehrt Hessen an dieselbe Stelle zurück, um die Spur jenes Tieres wieder aufzunehmen, das ihm damals entkommen war. Sein Vater ist längst verstorben, aber die Berge sind noch da, und irgendwo da draußen ist der Vielfraß. Eine Erzählung über Sehnsucht, Erinnerung, Sinn und Wildnis.

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Seitenzahl: 319

Veröffentlichungsjahr: 2025

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DAG O. HESSEN

Die Spur des Vielfraßes

Originaltitel: Jervesporet

Cappelen Damm, 2023

Autor: Dag O. Hessen

©2025 by Kommode Verlag, Zürich

Übersetzung: Günther Frauenlob und Frank Zuber

Lektorat: Margit Ritzka

Korrektorat: Patrick Schär / torat.ch

Titelbild, Gestaltung und Satz: Anneka Beatty

Druck: Druckhaus Sportflieger GmbH

ISBN 978-3-905574-52-4

Verlag

Kommode Verlag

Stampfenbachstrasse 32, CH-8006 Zürich

+41 79 246 59 14

[email protected]

www.kommode-verlag.ch/produktsicherheit

Produktsicherheit

Verantwortliche Person gemäss EU-Verordnung

2023/988 (GPSR):

GVA Gemeinsame Verlagsauslieferung

Göttingen GmbH Co. KG

Postfach 2021, D-37010 Göttingen

+49 551 384 200 0

[email protected]

Diese Übersetzung wurde mit der finanziellen Unterstützung von NORLA ermöglicht.

DAG O. HESSEN

Die Spur des Vielfraßes

Aus dem Norwegischen von Günther Frauenlob und Frank Zuber

INHALT

WINTER

FRÜHLING

SOMMER

HERBST

JAHRESENDE

DANKSAGUNG

LITERATURVERZEICHNIS

Über uns ist der Himmel weiß, unter uns liegt der Schnee. Die zwei Varianten von Weiß treffen am Horizont aufeinander. Der Winter geht zu Ende, die Sonne macht sich allmählich bemerkbar und verbreitet diffuses Licht hinter der dünnen Wolkendecke. Nur ein paar verkrüppelte Fjellbirken brechen hier oben das Weiß. Weiter unten bilden sie einen Wald, und noch tiefer im Tal stehen Fichten. Im Nordwesten ragen Gipfel wie die Zahnreihe eines Vielfraßes in den Horizont. Vater und ich sind auf Skitour im Fjell. Wir haben Winterferien, und wie so oft sind wir abseits der Loipe von der Hütte durch den Wald gelaufen. In einer mit Weidenbüschen bewachsenen Senke haben Schneehühner den Schnee mit zierlichen Mustern bestickt, durchbrochen von der Spur eines Hasen. Die Schneehühner hatten sich hier versteckt, teils eingegraben, teils vom leichten Schneefall der Nacht bedeckt. Im Morgengrauen schüttelten sie die Flocken ab, knabberten ihr Frühstück aus Winterknospen und hinterließen zum Abschied Flügelabdrücke im lockeren Neuschnee. Die Spuren erzählen stille Geschichten, sie verraten uns, wer hier war. Manchmal, wenn auch selten, ist der Schnee blutgetränkt. Das Drama, das sich dort abgespielt hat, liest sich wie rote Schrift auf einem weißen Blatt. Meist jedoch herrschen in den Winterbergen Ruhe und Frieden. Und endloses Weiß.

Plötzlich kreuzen wir überraschend eine Spur, die anders als alle anderen aussieht. Es sind Abdrücke von breiten Tatzen. Sie verlaufen in gerader Linie vom nördlichen Horizont bis über die runde Hügelkuppe im Osten.

»Bär«, sage ich.

»Vielfraß«, sagt Vater, der fast alles weiß und außerdem Tierarzt ist.

Unsere größte Marderart, erklärt er, ein Verwandter des Mauswiesels und des Hermelins, der wie ein kleiner Bär aussieht. Ein Tier, das kaum jemand je zu sehen

bekommt. Kompakt, aber an Kraft und Wildheit fast nicht zu übertreffen. Es scheut weder steile Schluchten noch Luchse, Wölfe oder Bären und kann ein Rentier erlegen, das fünfmal so schwer ist wie es selbst. Es beißt dessen Kopf ab und hängt ihn als Trophäe in einen Baum. Sein Gebiss ist so stark, dass es tiefgefrorenes Fleisch kauen und die dicksten Oberschenkelknochen zermalmen kann. Es ist eine Ewigkeitsmaschine, die unendlich weit laufen kann. Kurz, der Vielfraß steht außerhalb aller Maßstäbe. Das sagt mein Vater, ein nüchterner Mann, der nie übertreibt.

Fasziniert betrachte ich die frische Spur. Ich halte den Stockteller daneben und merke mir die ungefähre Größe. Die Abdrücke passen zu Vaters Beschreibung, sie zeugen von der Zielstrebigkeit dieses Tieres, das breitbeinig und selbstsicher von Ewigkeit zu Ewigkeit zieht. Die Spur ist nicht von Neuschnee bedeckt, es kann nicht allzu weit entfernt sein. Das Fabeltier. »Können wir ihm folgen?«, frage ich und bekomme ein Nicken als Antwort. Wir drehen nach Südosten ab und folgen der Fährte des Vielfraßes. Wir laufen ungefähr eine halbe Stunde. Das Tier, dem wir folgen, weiß offenbar, wohin es will. Sein Weg führt einen steilen, mit Birken bewachsenen Abhang hinab, wo der Schnee tief liegt. Für den Vielfraß ist das kein Problem, seine breiten Pfoten sind wie Schneeschuhe. Für uns jedoch ist es ein gefährliches Staksen durch Tiefschnee und dichten Birkenwald. Vater befiehlt den Rückzug. »Wir müssen ja auch wieder heimkommen«, mahnt er. Enttäuscht bleibe ich stehen und betrachte die Spur des Vielfraßes. Vielleicht sind wir ihm näher, als wir ahnen, vielleicht ist er gleich hinter dem Wald. Einen wilden Vielfraß zu sehen, das wäre ein Erlebnis!

In den nächsten Tagen geht mir das Tier nicht aus dem Kopf, und nach den Winterferien opfere ich ein neues Schreibheft, auf dessen Umschlag ich »Zoo-Tagebuch und Beobachtungen« schreibe. Auf der ersten Seite trage ich mit verschnörkelter Handschrift ein:

Vielfraß. 1972. 28. Februar. Spur eines Vielfraßes auf halbem Weg von Øksendalen nach Friisbua. Sie hat unseren Weg gekreuzt und war so groß, dass ich die ganze Hand hineinlegen konnte. Länge 17–18 cm, Breite 9–10 cm. Ganz frisch. Kühl.

Jetzt stehe ich wieder hier, ziemlich genau an der Stelle, wo die Spur damals unseren Weg kreuzte. Seitdem sind fünfzig Jahre vergangen. Ein ganzes Leben. Vater ist nicht mehr, aber zwei neue Generationen sind hinzugekommen. Heute finde ich keine Spuren, aber ich habe ein halbes Jahrhundert Motivation gesammelt und beschlossen, mir alle Zeit der Welt zu nehmen, um möglichen Fährten zu folgen. Vielleicht finde ich die Spur eines anderen Vielfraßes, vielleicht bekomme ich das Fabeltier endlich zu Gesicht. Und wenn nicht, finde ich vielleicht wenigstens Überbleibsel einer verlorenen Jugend und das intensive Naturgefühl, das ich als Teenager hatte. Oder geht das auch mit der Jugend verloren? Vielleicht schafft das die Natur mit ihrem Gefühl des Frühlings, der Lebenslust und Lebenskraft, der Wärme und des Frühlingsrauschens. Aber ich bin auch auf der Suche nach der Faszination, die mich damals ergriff, als ich mit Vater der Spur des Vielfraßes folgte. Die Fährte verkörperte für mich alle Wildheit. Ich erlebte den Vielfraß als Urkraft, als Wildnis in Tiergestalt. Er stand für alles, was in der gezähmten Restnatur mehr und mehr verloren ging. Die Chance, einen Vielfraß zu sehen, ist verschwindend gering, und weil ich ein anderer bin als vor fünfzig Jahren, wird es vielleicht ebenso schwierig werden, die intensiven Gefühle aus der Phase aufleben zu lassen, als mir das ganze Leben offenstand. Als die Lebenslust auf dem Höhepunkt und alle Sinne geschärft waren. Als alle Türen offenstanden, Routine ein Fremdwort war und fast jedes Erlebnis neu. Deshalb habe ich meine Ambitionen heruntergeschraubt und mir ein bescheideneres Ziel gesetzt: Ich will einfach nur fühlen, dass ich existiere und viel Zeit habe, dass ich in der Natur bin. Ich will in die Welt des Vielfraßes eintauchen. Davon träume ich seit fünfzig Jahren, aber ich habe mir nie die Zeit dafür genommen.

WINTER

Ich stehe über der Baumgrenze und drehe nach Osten ab, wo die Spur des Vielfraßes damals verlief. Es hat den ganzen Winter über gestürmt und wenig geschneit, die Schneedecke ist fest und gut mit Skiern zu begehen. Ich gleite leicht dahin. Vorbei an den letzten Außenposten des Bergwaldes, kleinen, verwundenen Birken, die auf der Südseite der Jammerdalshøgda ihr Dasein fristen und sich vor dem ewigen Nordwind ducken. Bei den Bäumen finde ich zwei alte Spuren. Es sind erhöhte Reliefs, die der Wind zurückgelassen hat, nachdem ein Tier an einem warmen Tag den Schnee eindrückte und verdichtete. Wie harte Granitformationen in einer Landschaft aus weichem Kalkstein. Die eine stammt von einem Schneehuhn, die andere von einem größeren Tier, vielleicht einem Vielfraß. Ich laufe durch eine Senke zwischen zwei Höhenzügen, wo der Wind losen Schnee auf der festen Unterlage umherwirbelt. Die Sonne scheint bleich durch die Wolkendecke und lässt die ruhelos tanzenden Flocken glitzern.

Das Terrain ist einfach. Zehntausende von Jahren hat das Eis seine Arme vom Rondane-Gebirge ausgestreckt, jeden Widerstand glattgeschliffen und Sand, Kies und andere Sedimente in den Tälern hinterlassen. So entstand eine Landschaft aus runden Bergen und Tälern. Bloß das zentrale Massiv dieses Plateaus hat seine ursprüngliche Wildheit behalten. Geringer Niederschlag sowie eine karge Geologie erlauben nur genügsame Vegetation. Doch genau diese Kargheit und Offenheit verleiht der Landschaft ihren speziellen Charme und lässt viel Raum für Licht, was im Winter durch den Schnee und im Sommer durch helle Flechten betont wird, die wie ein Teppich auf der Hochebene wachsen. Zwischen den Bergen haben reißende Gletscherflüsse jahrtausendelang Täler und Schluchten ausgeschliffen und mancherorts Boden abgelagert, auf dem fruchtbare grüne Oasen entstanden sind.

Am höchsten Punkt der Senke öffnet sich eine von Bergen umgebene Hochebene nach Südwesten, die weiter unten in Birkenwälder und endlose Moore übergeht. Zwei Löcher in der niedrigen Wolkendecke lassen Sonnenstrahlen hindurch, die wie Scheinwerfer über die weiße Landschaft streifen. Im Süden erahne ich zwei schwarze Punkte. Sie sind mein Ziel. Alles ist so weiß, dass ich bei der Abfahrt keinerlei Anhaltspunkte habe und nicht erkennen kann, wie steil das Gelände ist. Aber ich kenne mich aus und weiß, dass es sanft und gleichmäßig abfällt. Unterwegs komme ich an einer kleinen Fläche mit aufgescharrten Flechten und tropfenförmigem schwarzem Rentierkot vorbei. Ein gutes Zeichen für jemanden, der nach einem Vielfraß sucht, der seinerseits auf Rentiere aus ist. Hier hat jedoch nur ein Rentier seine Spuren hinterlassen. Wo ist seine Herde?

Die schwarzen Punkte am Horizont werden zu den Umrissen einer Hütte mit Nebengebäude. Ich war schon oft in Kluftbua, aber das letzte Mal ist viele Jahre her. Die kleine Hütte soll eine Station auf meiner Vielfraß-Expedition werden. Freundlicherweise steht sie im Winter für Tourengeher offen.

Ich stelle die Skier auf der windgeschützten Seite an die Wand, bürste den Schnee ab und gehe hinein. Es ist eine Blockhütte mit braun gebeizter, vom Wetter verschlissener Verschalung, eingerahmt von roten Stirnbrettern. Vier solide Dachbalken und ein ebenso solider Firstbalken tragen, was an Schneemassen kommen mag. Die Hütte ist einfach und aufgeräumt, wer hier übernachtet, enttäuscht das Vertrauen des Besitzers nicht. Abgesehen vom Windfang besteht sie aus einem einzigen Raum mit einem Holzofen, Tisch, Bank und Hocker, zwei Kerzen und einem Etagenbett, auf dem Schaffelle liegen. Was braucht man mehr? Über dem Sprossenfenster hängt ein Bild von der Heuernte in alten Zeiten. Vor einem rot gestrichenen Bauernhaus neben einer kleinen Scheune wenden zwei Frauen Heu und schichten es in Haufen auf. So war es hier üblich, bevor die Heureiter sich verbreiteten. Im Hintergrund steht ein Mann mit Pferd und Karren.

Bis auf das Etagenbett ist die Hütte noch wie vor fünfzig Jahren. Ich habe öfter hier übernachtet und werde es auch wieder tun, aber heute bin ich nur auf Stippvisite. Ich setze mich an den Tisch und schaue durch das Sprossenfenster auf den Hang, den ich gleich bewältigen muss. Dabei denke ich an meinen Kollegen, den Biologen und Schriftsteller Edward O. Wilson. »Ich habe noch nie einen Vielfraß gesehen«, schrieb er 2006 in The Creation, das kein Buch über die Schöpfung im biblischen Sinne ist, sondern eine Huldigung an den durch Evolution entstandenen Artenreichtum, die Vielfalt des Lebens. Das Buch trägt den Untertitel Ein Aufruf zur Rettung des Lebens auf der Erde und richtet sich auch an jene, die Letzteres als das Werk eines Schöpfers betrachten. Darin schreibt der Evolutionsbiologe:

Keine Worte und keine Kunst können die volle Tiefe und Komplexität der lebendigen Welt erfassen, wie sie die Biologen immer mehr verstehen. Wenn ein Wunder ein Phänomen ist, das wir nicht verstehen, ist jede Spezies eine Art Wunder. Jeder Organismus ist kraft der speziellen Bedingungen, die ihn geschaffen haben, einzigartig und widerstrebt einer einheitlichen Beschreibung.

Um diese Behauptung zu vertiefen, zieht Wilson den Vielfraß als Beispiel heran, eines der zwei Tiere, die ihn besonders faszinieren. (Das zweite ist die Ameise, deren zahlreiche Arten er sein Leben lang studiert hat.) Er fährt fort:

Diese Marderart aus den Wäldern des Nordens ist für ihre Wildheit, ihre List und ihre Scheu bekannt. Mit seinem stämmigen Körper, der drei bis vier Fuß lang ist und zwischen zwanzig und vierzig Pfund wiegt, ist der Vielfraß eines der kleinsten Raubtiere am Ende der Nahrungskette. Er frisst alles, von Ratten bis zu Rentieren. Er kann Pumas und Wolfsrudel von einer Beute vertreiben und Tierkadaver wegschleppen, die dreimal so schwer sind wie er selbst. Er hat ein zotteliges, schwarzes Fell, aber man möchte ihn kaum streicheln. Er hat scharfe Zähne, einziehbare Raubtierkrallen und ein Gesicht wie ein kleiner Bär. […] Er ist ein Einzelgänger und extrem scheu. Er wandert weit, ist heute hier, morgen dort und übermorgen für immer verschwunden.

Fünfzig Jahre nachdem ich zum ersten Mal hier war, sitze ich wieder in Kluftbua, esse meine belegten Brote und schaue dabei zu, wie das Licht mit den ziehenden Wolken wechselt. Ich bin ungeduldig, esse rasch auf, schnalle die Skier wieder an und setze meinen Weg fort. Nach Süden hin steigt er leicht an. Von der Anhöhe blicke ich zurück auf die Hütte, die völlig einsam daliegt. Am Horizont trifft die weiße Vidda auf einen unruhigen Himmel in vielen Graustufen. Es zieht zu, der Schnee fegt wieder über das Fjell, aber ich laufe weiter, bis alles um mich herum weiß ist. Ich mag es, wenn ich ganz vom weißen Nichts umhüllt bin, ohne Anhaltspunkte in der Landschaft. Ich kann gerade noch das Fridtjof-Nansen-Porträt auf meinen Åsnes-Skiern erkennen. Der letzte Held, dessen Ruhm noch nicht verblasst ist.

Im weißen Niemandsland, mit rauschendem Wind und raschelnden Schneekristallen, kann ich einfach nur sein. Ich muss nichts erreichen. Warum habe ich so wenig von dem gemacht, was ich in meiner Jugend unbedingt einmal tun wollte? Nun, ich gehe – oder besser gesagt laufe – noch immer hinaus in die Natur, aber nur selten in die Natur hinein. Ich laufe viel Ski, aber meist schnell und auf gut präparierten Loipen. Mit Ausnahme von ein paar Gipfeltouren im Frühjahr habe ich die Loipen seit vielen Jahren nicht mehr verlassen. Selbst bei den Touren ging es immer nur gerade hinauf und wieder hinunter, mit häufigem Blick auf die Uhr. Es gibt immer etwas zu tun, sodass die Touren zu einem bloßen Ventil für den Stress werden, hastig eingeschoben zwischen Pflichten und Notwendigkeiten, diktiert von der Zeit. Es ist zum Zwang geworden, etwas Nützliches zu tun, mein Dasein zu rechtfertigen, wo ich doch das Glück gehabt habe, zur besten Zeit und am besten Ort der Welt geboren zu sein. Vielleicht geschah das weniger aus Pflichtgefühl als auf der Suche nach einem Sinn oder zumindest dem Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun. Das glaubte ich nur zu finden, indem ich zu etwas Größerem beitrug, von dem auch andere profitieren. Ich suchte also einen Sinn im Leben und wusste nicht, dass der Sinn des Lebens etwas ganz anderes ist. Je mehr ich leistete, desto bedeutsamer schien es zu werden. In Wirklichkeit war dies eine Variante des Hedonismus: So viel Glück wie möglich bringt so viel Nutzen wie möglich. Doch weil der Nutzen zu einem gewissen Grad gegen Glück eingetauscht wird, wenn man etwas vollbringt oder erreicht, sind Hedonismus und Pflichtethik ziemlich eng verwandt.

Als ich in meiner Jugend die Natur entdeckte, dachte ich: Hier will ich mein Leben verbringen, jedenfalls einen Großteil. In den Wäldern und Bergen. Dann schlich sich Schritt für Schritt, beinahe unbemerkt, das Beschäftigtsein in mein Leben. Der Alltag wurde immer effizienter: schnellere Computer, schnellere Straßen, schnelleres Alles. Doch je effizienter ich wurde, desto eiliger wurden die Dinge und desto weniger Zeit hatte ich. Fünf Minuten Warten auf den Bus wurden zu einer Ewigkeit und ohne Smartphone zum Zeitvertreib fast unerträglich. Selbst zehn Sekunden Wartezeit an einem trägen Computer sind zu ärgerlicher Zeitverschwendung geworden, weil der Fluss des Lebens immer rascher fließt. Hier draußen im Fjell fühlt sich die Zeit anders an. Ich kann hier stehen und einfach nur sein. Ich befinde mich in einem Reservat für Langsamkeit und analoge Zeit.

Mein Vater stammte von einem kleinen Bauernhof auf einer Insel in Westnorwegen. Er war Pflichtethiker und ein echtes Kind der calvinistischen Genügsamkeitskultur, die im Vestland vorherrscht. Gleichzeitig besaß er viel innerliche Ruhe und Lebensweisheit – und eine umfangreiche Gedichtsammlung. Während ich im Schnee stehe und den Gegensatz zwischen der Zeitlosigkeit hier und der alltäglichen Tretmühle daheim spüre, kommt mir Jan-Magnus Bruheims Gedicht Der Fleißige in den Sinn, das Vater auswendig konnte. Ich erinnere mich nur an die letzte Strophe:

So jagte er durchs Leben,

doch fasste nie das Sein.

Die Freude auf den Fersen,

doch holt’ sie ihn nie ein.

Natürlich ist es erfreulich, wenn man Dinge erledigt und anderen von Nutzen ist. Wenn einem etwas glückt, kann dies auch glücklich machen. Nur im Gras zu liegen und die Wolken zu betrachten, kann einem vielleicht Frieden schenken, aber kaum Sinn stiften und auf Dauer glücklich machen. Ein gutes Beispiel ist Nansen, der mich von meinen Skiern aus anblickt. Er hat seinen Ruhm und Glanz behalten, weil er so viel ausgerichtet hat, auch als Humanist. Gleichzeitig lebte er in ständigem Konflikt zwischen Pflicht und Freude. Zur Pflicht gehörten die Wissenschaft, Vortragsreisen, Diplomatie und Menschengewimmel, während die Jagd, Natur und das einfache Leben seine Lebensfreuden ausmachten. Dennoch bestand sein Leben in erster Linie aus Pflichten. Vermutlich waren die Einsamkeit und die Stille unter freiem Himmel für ihn Inseln der Freude in einem Meer des Gegenteils. Doch die Pflichten waren auch selbst gewählt. In einem Brief an seine Schwester Ida verrät er die innere Triebkraft hinter seinem Lebenswerk: »Und dann diese Furcht, dass dein Name nicht viel länger leben wird als du selbst … diese Suche nach einem Anlass zur Hoffnung.« Es ist die Angst, dass alles vergebens sein könnte. Der Tod gibt der persönlichen Eitelkeit Impulse, der Nachruf eines Menschen als Motivation sollte nicht unterschätzt werden. Manche richten schon ihr Leben im Hinblick auf Nekrologe und posthume Ehrungen aus. Als guter Mensch in Erinnerung zu bleiben, der etwas für andere getan hat, grenzt beinahe an Unsterblichkeit. Das gilt nicht nur für barmherzige Samariter oder Begründer von Imperien, jeder kann diesen Antrieb spüren. Für die meisten von uns gilt dabei allerdings die prosaische Einschränkung, dass wir unseren Lebensunterhalt verdienen müssen. Mir ist klar, dass meine Errungenschaften keine Wellen schlagen, sondern bestenfalls das Wasser kräuseln werden. Warum habe ich dann nicht einfach ein langsames Leben in der Natur geführt?

Ich weiß nicht, wie lange ich gedankenverloren hier gestanden habe, aber plötzlich beißt die Kälte und der Wind zieht durch meine Kleider. Für heute hatte ich keine anderen Pläne, als den Ort wiederzusehen, an dem Vater und ich die Spur des Vielfraßes fanden, und Kluftbua zu besuchen. Darüber hinaus wollte ich nur absolute Stille und absolutes Weiß erleben. Bei klarem Wetter und Windstille wäre ich noch ein Stück weitergegangen, vielleicht bis zur Dämmerung, sodass ich auf dem Rückweg die Stirnlampe gebraucht hätte, aber unter diesen Bedingungen kehre ich lieber um. Der Tag neigt sich dem Ende zu, als ich in das Flusstal hinabfahre, das bei Kluftbua beginnt. Von hier aus bahnt der Fluss sich seinen Weg bis ins Gudbrandsdal. Das Tal ist ein guter Ort bei Wind, ich habe schon oft hier Schutz gesucht, wenn schlechtes Wetter aufzog. Es ist lieblich und leicht zu durchqueren. Weidenbüsche und kleine Birken bieten auch im Winter Nahrung für Schneehühner und Hasen. Der Wind lässt nach, und die Sonne kommt wieder hervor. Hier unten ist alles voller Spuren, und offene Rinnen im Eis des Flusses kündigen schon den Frühling an. Ich folge dem Fluss fast bis Breistølen. Hier wurde vor wenigen Jahren ein Bär gesichtet, der im Moor saß und ein Schaf fraß. Leider nicht von mir. Auch wilde Bären habe ich auf dem norwegischen Festland noch nie gesehen.

Dann stapfe ich den mit Birken bewachsenen Hang nach Westen hinauf. Er ist steil, und ich sinke tief ein. Ich überlege, ob ich Felle unter die Skier spannen soll, doch letztendlich bin ich zu faul. Nach einer halben Stunde erreiche ich flacheres Terrain an der Baumgrenze. Einmal, vor vielen Jahren, stieß ich hier auf ein Rentier, obwohl die Anhöhe nicht zu deren Route gehört. »Stieß« im wahrsten Sinne des Wortes. Ich musste eine Notbremsung vor einem großen Loch im Schnee machen. Von dort gingen Spuren in alle Richtungen. Von Füchsen, aber vor allem Vielfraßspuren. In dem Loch lag das Rentier, oder besser gesagt, was davon übrig war. Das meiste war schon aufgefressen, sogar die dicksten Knochen waren durchgebissen. Ob der Vielfraß das Tier getötet oder den Kadaver gefunden hatte, war unmöglich zu sagen – vermutlich Letzteres. Was das Rentier so weit entfernt von der Herde verloren hatte, war eine andere Frage. Wahrscheinlich hat der Vielfraß den Kadaver von weit her gewittert, obwohl er tiefgefroren unter dem Schnee lag, vielleicht von ganz oben in Jammerdalen? Er hat sich in den Schnee gegraben, die gefrorene Haut aufgerissen und sich durch tiefgefrorenes Fleisch bis zu den Eingeweiden durchgefressen. Danach hat er vielleicht satt im Schnee gelegen und das Leben nach Art der Vielfraße genossen. In der Folgezeit ist er alle paar Tage wiedergekommen und hat das ganze Fleisch und schließlich das Knochenmark aufgefressen. Kurz: Er hatte eine gute Zeit. Doch das ist lange her. Diesen Vielfraß gibt es nicht mehr, und heute sind hier keine Spuren, nicht einmal von Schneehühnern.

Ich fahre auf der anderen Seite ab, überquere ein Moor, steige ein Stück durch einen Birkenwald auf, und schon bin ich an meiner Hütte. Seit vielen Jahren habe ich nicht mehr hier übernachtet, aber die Hütte ist gut in Schuss, dafür hat Vater immer gesorgt.

Die Architektur und die Einrichtung könnte man »typisch Siebzigerjahre« nennen, obwohl sie eigentlich aus den Sechzigern stammen. Vater und Großvater haben die Hütte eigenhändig renoviert. Kariertes Sofa, karierte Gardinen, Sprossenfenster, Kiefernholzmöbel und Paraffinlampen. Ein abgeteiltes Schlafzimmer, Kamin und Sitzecke, etwas luxuriöser als die Vorgängerin, die nur ein Zimmer hatte und keine Wochenendhütte war, sondern eine Notunterkunft für alle, die hier draußen zu tun hatten, also Holzfäller oder Ziegenhirten. Meine Hütte ist insofern luxuriös, als sie für die Freizeit eingerichtet wurde, allerdings nüchtern und minimalistisch. Ein Ort, den man in den Winter- und Osterferien mit dem Volkswagen erreichen konnte, obwohl man auf den letzten anderthalb Kilometern alles mit dem Schlitten hinaufziehen musste. Man musste den Ofen anfeuern, den Brunnen freigraben, Wasser holen und warten, bis es gemütlich wurde. Das konnte mehrere Stunden dauern. Eine Hütte, in der Karten- und Brettspiele ausreichten, gebaut für eine langsame Zeit. Wir ahnten nicht, wie das norwegische Hüttenleben in den 2020er-Jahren ausarten sollte. Wussten nichts von dem Kampf um Steckdosen, um alle möglichen Ladegeräte anzuschließen und den digitalen Datenfluss aufrechtzuerhalten, oder den Diskussionen über die Wahl des Fernsehkanals oder wer in welchem Badezimmer Vorrecht hat. Als wir endlich einen Gasofen in die Hütte stellten, war Mutter glücklich. Dann kam ein Solarpanel aufs Dach, und keiner vermisste die qualmenden Paraffinlampen. Auf seine alten Tage legte Vater noch ein paar Stromanschlüsse für Lampen, eine Kaffeemaschine und ein paar zusätzliche Steckdosen. Zur gleichen Zeit wurde ein Weg gebaut, der im Winter geräumt wird.

Allmählich übernahm der Immobilienmarkt und veränderte das norwegische Hüttenleben für immer. Grundbesitzer verkauften ganze Areale, die einmal wertloses, karges Fjell gewesen waren, an Baugesellschaften. Gleichzeitig stieg die Kaufkraft im ganzen Land. Die Hütten wurden nicht nur mehr, sondern auch größer. Bald gehörten ein Bad mit Fußbodenheizung, Sauna, Wasch- und Spülmaschine sowie ein Kühlschrank aus gebürstetem Stahl zur Grundausstattung. Vor fünfzig Jahren gab es 170.000 Hütten in Norwegen, und die durchschnittliche Größe lag bei fünfzig Quadratmetern. Heute gibt es fast eine halbe Million, und viele davon sind »Freizeitwohnungen« mit zugehöriger Infrastruktur und einer Durchschnittsgröße von hundert Quadratmetern. Auch hier schreitet die Entwicklung immer rascher voran. Alles ist so schnell gegangen, dass wir erst jetzt die Auswirkungen auf die Natur sehen. Die Landschaft, wie sie einmal war, verschwindet aus dem kollektiven Gedächtnis. Wir erkennen den Unterschied nur, wenn wir alte Bilder betrachten. Zum Glück sind manche Hütten noch echte Hütten, darunter auch unsere.

Ich stelle den Rucksack vor der Tür ab und hole den Schlüssel. Er hängt, wo er immer gehangen hat, nicht besonders gut versteckt, denn hier gibt es nichts von Wert zu stehlen. Dann schließe ich die Tür auf, nehme den Besen, der immer im Windfang steht, bürste den Schnee von den Stiefeln, gehe hinein und öffne die Gardinen. Im kleinen Waschzimmer hängt der einzige Spiegel der Hütte. Er ist klein und verstaubt, aber selbst in der schwachen Beleuchtung sehe ich, dass die Jahrzehnte ihre Spuren hinterlassen haben. Es ist noch immer mein Gesicht, das mich anstarrt, die Ähnlichkeit mit meinem Konfirmationsporträt ist noch gegeben, aber ich sehe neue Züge. Mehr Falten, ein Schatten unter den Wangen, der früher nicht da war, graue Haare an den Schläfen, die sich unbarmherzig ausbreiten werden. Das meiste an mir aus dem Jahr 1972 ist ausgetauscht, Zelle für Zelle, und das viele Male. Es hat keinen Bruch gegeben, alles ist unendlich langsam vor sich gegangen. Trotz der ständigen Erneuerung ist die Alterung fortgeschritten, nicht einmal mein inneres Ich, meine DNA, ist davon unberührt geblieben. Die Zeit hat auch an ihr gezehrt, die Reparaturmaschinerie hält immer schlechter mit den ewigen Mutationen Schritt, epigenetische Veränderungen verfälschen die Botschaft, die Zellwände werden steifer, es gibt Falten, alles wird grau. Ich finde nichts Versöhnliches am Altern, aber die Alternative ist ebenso inakzeptabel. Zum Glück lässt auch die Sehkraft im Alter nach, sodass man den Verfall nicht so deutlich erkennt. Und doch sehe ich im Spiegel noch immer den Jungen, der mich vor fünfzig Jahren daraus ansah. Weniger erwartungsvoll, aber altersweise. Damals hatte ich keine Ahnung, was das Leben bringen würde. Das Einzige, das ich sicher wusste, war, dass ich älter werden würde. Paradoxerweise bekümmerte mich das damals viel mehr als heute.

Im Gegensatz zu mir ist die Hütte mehr oder weniger dieselbe geblieben. Zum Glück ist das Gebiet nicht der Hüttenurbanisierung zum Opfer gefallen. Die Almen und die Landschaft sind noch weitgehend so, wie ich sie aus meiner Kindheit in Erinnerung habe. Das gibt mir ein Gefühl der Sicherheit in unserer beschleunigten Welt.

Gefühle sind im Großen und Ganzen rational. Sie werden von Botenstoffen und Signalwegen im Gehirn diktiert, und viele von ihnen haben ihren Ursprung tief in der evolutionären Vorgeschichte. Je enger ein Säugetier mit uns verwandt ist, desto mehr dieser Signalstoffe – und Gefühle – haben wir gemeinsam. Manche sind absolut grundlegend: Hunger, Durst, Furcht, Aggression und Sexualtrieb. Selbst Lust, Freude, Fürsorglichkeit und Empathie gehören dazu, denn sie werden durch die Ausschüttung von Glückshormonen (auch Belohnungshormone genannt) verursacht. Sehnsucht ist insofern rational, als sie zur Handlung motiviert. Nostalgie hingegen ist ein merkwürdiges Gefühl. Es ist schwer zu sagen, wofür sie gut ist, sie ist eher eine Gemütslage als ein Primärgefühl. Alte Hütten sind Nostalgie, deshalb klammern wir uns an sie und empfinden sie als Teil unserer Identität. Die Eltern sind tot, die Kinder ausgezogen, die Familie über alle Welt verteilt, aber in der Hütte ist alles beim Alten. Wir verbinden sie mit guten Ferienerinnerungen und einer sorgenfreien Kindheit. Dadurch erinnern sie uns gleichzeitig an alles, was nicht mehr wie früher ist und nie mehr zurückkommt. In meinem Fall ist dies die Jugend, das Gefühl, dass die Zukunft vor mir liegt, ein Vater, der mir Sicherheit gibt, und meine Schwester Marit.

Mit acht Jahren wurde ich zum ersten Mal mit dem Tod konfrontiert, als ein Mädchen in meiner Klasse plötzlich starb. Weil die Schule direkt neben dem Friedhof lag, war die ganze Klasse dabei, als der Sarg vor ihren untröstlichen Eltern ins Grab gesenkt wurde. Seitdem hing der Tod wie das Rauschen eines Wasserfalls über dem Tal. Manchmal lähmte mich die Angst bei dem Gedanken, dass dieses wunderbare Leben plötzlich unwiderruflich zu Ende gehen könnte. Dass ich nie wieder den Frühling erleben würde. Ich sitze in der Hütte und betrachte bemalte Vasen, Stickereien und andere Dinge, die mich an Marit erinnern. Dabei denke ich, dass der Tod seinen Stachel verloren hat. Das mag Resignation oder Fatalismus sein, aber es gibt einem auch Frieden, das Schicksal zu akzeptieren. Trotzdem gibt es Dinge, auf die ich nicht für immer verzichten möchte, zum Beispiel auf den Frühling in den Bergen.

Bei all den Brüchen, die der Tod in meinem Leben verursachte, blieben die Natur und die Berge feste Bezugspunkte. Auch heute verursacht das Wiedersehen mit der vertrauten Landschaft dieselben Gefühle. Die Hütte ist trotz allem nur eine flüchtige Konstruktion in einem größeren Zusammenhang, genau wie ich selbst. In einer alten Hütte geht die Nostalgie schnell in Sentimentalität über, und diese wiederum ist Nostalgie auf Steroiden, eine dysfunktionale Sehnsucht, die nur zu Missmut führen kann.

Die Mäuse haben kräftig gefeiert und den Inhalt eines Schranks komplett zernagt. Zum Glück war es nicht der Vorratsschrank. Stattdessen haben sie Kerzen, ein paar Weinkorken, Seife und Styropor zerfleddert und Verpackungen durchlöchert. Waschpulver ist in den Schrank gerieselt und hat sich mit Mäusedreck vermischt. Töpfe und Pfannen sind verschmutzt. Den Schrank mit Kekspackungen, alter Schokolade und anderen Leckereien haben sie merkwürdigerweise nicht angerührt. Wenn sie das gewusst hätten! Ich ziehe eine Packung Kekse mit Mindesthaltbarkeitsdatum 1995 hervor, sie schmecken noch völlig in Ordnung. Nachdem ich den Mäusedreck aufgefegt habe, schaufle ich den Brunnen frei, hole ein paar Eimer Wasser, putze den Boden und koche eine notdürftige Mahlzeit. Die Kälte hat sich in den Wänden festgesetzt, ich muss zwei Stunden lang voll anfeuern, bis die Innentemperatur über null Grad steigt.

Ich esse, lege ein paar Scheite nach und finde tatsächlich noch einen Schluck Cognac in einer Flasche, die von Vater stammt. Dann ziehe ich Mikkjel Fønhus’ Buch Vielfraß aus dem Rucksack. Von den späten Fünfzigerjahren bis zu seinem Tod 1973 schrieb der Autor jedes Jahr ein Buch, und viele davon landeten bei mir auf dem weihnachtlichen Gabentisch. Ich zog mich dann immer früh zurück und verschwand in Fønhus’ Welt. Schon am ersten Weihnachtstag waren die Bücher ausgelesen. Oft endete die Geschichte mit dem Tod sowohl des Tieres als auch seiner Nemesis, des Jägers. Das Neue an Fønhus war, dass er aufseiten der Tiere stand und die Welt mit den Augen und den Gefühlen der Tiere betrachtete. Vielfraß war eines der wenigen Bücher von ihm, das ich nicht hatte. Es war ziemlich schwer antiquarisch zu bekommen. 1959 kostete es 19,50 Kronen, heute habe ich fast 300 Kronen dafür bezahlt. »In der fortgeschrittenen Abenddämmerung«, schreibt Fønhus, »kam ein Tier von der Größe eines mittelgroßen Hundes aus einem Gesteinsfeld gekrochen.«

[…] Es ging nach Osten. Auf breiten und großen Pfoten lief es breitbeinig und im Zickzack, aber mit stetem Kurs auf einen hohen Berg tief im Fjell – den Ørneflag. […] Es wanderte nach Art seines Geschlechts über das Fjell. Wenn es an einem größeren Stein vorbeikam, sprang es hinauf und schaute sich um, witterte in die Luft. So konnte es riechen, ob es in der Nähe Tiere gab, an die es sich anschleichen konnte. […] Gegen Mitternacht glitt es wie ein Schemen über den Bergrücken unterhalb des Ørneflag – sein Schatten war deutlich unter dem sternenfunkelnden Himmelsgewölbe zu erkennen.

Der Vielfraß-Jäger, Heine Juvet, ist kein schlechter Mensch. Er muss sein Auskommen auf einem kargen Berghof verdienen. Die Abschussprämie für einen Vielfraß ist eine willkommene Aufstockung, außerdem hat der Vielfraß sich an Heines Herde bedient. Ökologische Bedenken oder Mitleid mit dem Raubtier plagen den Bauern nicht, für ihn ist es ein Krieg, in dem alle Mittel erlaubt sind, so auch Giftköder und Schlagfallen. Fønhus lässt dies einen Rentierzüchter wie folgt ausdrücken: »Diese Tiere hat der Teufel ins Fjell gesetzt, nicht unser Herr!« Und als der Vielfraß in die Falle tritt: »Der Vielfraß lag da, die Pfote steckte in den zugeschnappten Eisenbügeln, er bekam sein Bein nicht los …« Schließlich beißt er seine leblose Pfote ab und wird fortan »Dreifuß« genannt.

Ich lege eine dicke Birkenwurzel in den Kamin und gehe zum Schuppen, um mehr Holz zu holen. Von der Haustür sind es ungefähr zehn Schritte durch den Schnee. Der Februar ist in wenigen Stunden vorbei, aber noch hat die Dunkelheit alles im Griff. Es ist eine kalte Winternacht, bis auf die glitzernden Sterne ist nirgendwo ein Licht zu sehen. Wann habe ich zuletzt einen solchen Sternenhimmel gesehen? Ich hatte vergessen, wie überwältigend der Anblick ist. Links von der Schuppentür, hinter einem Vorhang, ist das Plumpsklo. Auf dem Boden stehen Eimer mit eingetrockneten Beizeresten, eine Säge und andere Werkzeuge, ein Hackklotz mit Axt, an der Längswand ein paar Klappstühle und zwei Reihen bis unters Dach gestapelte Holzscheite. Vater war sehr ordentlich, aber auch ein Sammler. Wer in den harten Dreißigerjahren in Sunnmøre aufgewachsen ist, wirft nichts weg. Vater bog jeden krummen Nagel wieder gerade und schlug jeden vertrockneten Pinsel, bis die Borsten wieder weich waren. Er war genügsam, aber nie geizig. Im Schuppen hat er einen beachtlichen Holzvorrat hinterlassen, und auch draußen auf der windgeschützten Seite steht ein Stapel, der in all den Jahren gut durchgetrocknet ist. Der Boden ist mit Mäusedreck übersät, die Mäuse haben Pinsel und Lederriemen angenagt – magere Kost, selbst für eine Maus.

Ich nehme einen Besen und fege das Gröbste auf, dann hole ich ein Stück Käse aus der Hütte und nagle es in der Nähe der Tür fest. Ein paar Meter weiter stelle ich eine Kerze auf den Boden. Mit dicker Mütze und Schaffellmantel setze ich mich auf den Styroporsitz des Plumpsklos. Der isolierende Kunststoff leitete damals ein neues Zeitalter in der Hütte ein. Zehn Minuten lang herrscht absolute Stille. Ich will den Mäusen zwanzig Minuten geben, bevor ich mich wieder an den warmen Kamin zurückziehe. Bald raschelt es im Holzstapel, lauter und lauter, und eine einsame Maus springt heraus, um sich den Käse zu schnappen. Doch der ist, wie gesagt, festgenagelt. Das kleine Tierchen ist hin- und hergerissen zwischen Hunger und Angst, aber der Hunger ist stärker. Im selben Moment erblicke ich ein dreieckiges Köpfchen im Türspalt – und eine Sekunde später stürzt sich ein Mauswiesel im weißen Winterfell auf die Maus. Ein heller Schrei, ein kurzer Kampf, dann schießt das Wiesel mit der Maus im Maul wieder hinaus. Die Maus wiegt sicher gleich viel wie es selbst. Alles ging so schnell, dass mir erst jetzt klar wird, welches Drama sich vor meinen Augen abgespielt hat. Ich hatte nicht vor, der Maus etwas zu tun, aber wenn ich genau nachdenke, hatte ich draußen die Spuren eines Wiesels gesehen, die zu einem Loch im Schnee führten. Das Mauswiesel ist keine Maus, sondern eine Marderart. Wie ironisch, dass ich auf der Suche nach dem Vielfraß stattdessen seinen kleinsten Verwandten sehe, einen Cousin des Marders und des Hermelins. Es ist das kleinste Raubtier der Welt unter den Säugetieren und ein gefährlicher Fressfeind der Maus, obwohl es meist weniger als hundert Gramm wiegt. Eine Marderart mit der komprimierten Kraft und Wildheit des Vielfraßes, verkleinert auf ein halbes Prozent von dessen Körpermasse. Auch die Baummarder haben mich schon in der Hütte besucht. Einmal ist einer durch den Kamin eingedrungen. Er hatte die Hütte für sich allein, inspizierte alle Betten und verschmierte sie mit Ruß, ehe er die Suche nach etwas Essbarem aufgab und auf demselben Weg wieder verschwand.

Zurück vor dem Kamin mit Fønhus. Heine ist stundenlang Dreifuß’ Spur gefolgt, die nun sehr charakteristisch ist: drei Pfoten und ein vierter, leichter Abdruck ohne Zehen. Am Abend führt die Spur ihn in ein Geröllfeld mit großen Felsbrocken. Der Jäger bastelt sich eine provisorische Fackel, macht die Flinte bereit und folgt dem Tier. Zwischen den Felsbrocken feuert er einen Schuss ab, die Fackel geht ihm aus, und nach einem heftigen Gerangel im Dunkeln hat er den Vielfraß erlegt. Später sieht er jedoch, dass die Spur mit den drei Pfoten und dem leichten Abdruck am oberen Ende des Geröllfeldes weiterführt. Es ist also nicht Dreifuß, dem Heine einige Stunden später das Fell über die Ohren zieht:

Er fuhr vorsichtig mit der Messerspitze unter die Haut, und je weiter sie sich löste, desto mehr dicke Muskeln kamen zum Vorschein. Nun begriff er, warum das gar nicht so große Tier zu unglaublichen Kraftakten fähig war. Einmal hatte Heine beobachtet, wie ein Vielfraß einen ganzen Rentierbock, den er getötet hatte, mit sich schleppte.

Ein Freund von mir war Augenzeuge einer ähnlichen Begebenheit. Bei der Winterjagd im Norden bemerkte er ein Rentier, das abseits der Herde auf einem Hügel graste, wo der Schnee fortgeweht war. Er schaute durchs Fernglas und sah, wie ein gedrungenes, schwarzes Raubtier sich an das Ren anpirschte. Es war direkt unterhalb, aber durch einen Vorsprung verdeckt. Blitzschnell sprang es über die Kante nach oben und schlug die Zähne in den Hals des Rentiers. Der Kampf dauerte nicht lange. Wie der Überfall des Wiesels auf die Maus, nur in der größtmöglichen Version.

Zum Thema Mensch und Natur gibt es jede Menge Literatur. Ein Großteil davon dreht sich um das gleiche wiedererkennbare Motiv: Das einfache Leben in der Natur. Manche Texte sind naiv und schwärmerisch, doch die meisten vermitteln, was so schwer in Worte zu fassen ist, nämlich wie uns die Natur bereichert – sowohl durch das, was sie ist, als auch durch das, was sie nicht ist. Viele ergreifen Partei für die Tiere und somit gegen die Übergriffe der Menschen. Manche vergleichen die moderne Tierhaltung sogar mit Konzentrationslagern, andere versuchen, uns selbst vor dem Hintergrund der Tierwelt zu verstehen. Sie deuten den Menschen anhand der Tiere und ihres Verhaltens, während einige wenige dies umkehren und die Tiere vermenschlichen. So auch Fønhus, doch bei ihm klingt dies nicht naiv oder aufgesetzt. Er schreibt nicht, ob und was der Vielfraß denkt, aber es wird klar, dass das Tier die Jäger beobachtet und entsprechende Maßnahmen ergreift. Es weiß, dass es sich von den Menschen fernhalten muss. Vielleicht sollte man besser sagen, dass Autoren wie Fønhus die Wirklichkeit so weit wie möglich mit den Sinnen der Tiere betrachten. Seit Darwin erkannte, dass alles Leben miteinander verwandt ist, haben wir die Natur immer besser verstehen gelernt. Vieles hat sich gewandelt, zum Beispiel der Hass auf Raubtiere. Er stammt aus der Zeit, als wir die Schwächeren und sie die Stärkeren waren. Das Blatt hat sich gewendet, obwohl der alte Hass bei manchen noch schwelt.

Vielleicht liegt das daran, dass der Mensch ebenfalls ein Tier ist. Wir hegen eine ängstliche Faszination für das Animalische in uns, vielleicht als Gegengewicht zur kontinuierlichen Selbstzähmung des Menschen im Lauf seiner kulturellen Entwicklung. Sowohl in der Biologie als auch in der Philosophie und der Literatur – insbesondere im Krimi – zieht das Tierische uns an: Wildheit, Begierde, Blutdurst, das Dunkle und Gefährliche. Deshalb ranken sich so viele Mythen um den Vielfraß, auch wenn er in dieser Hinsicht nicht ganz mit dem Wolf mithalten kann. Letzterer ist heute jedoch zumindest hierzulande dermaßen überwacht und verwaltet, dass ihm die Mystik verloren geht, die dem Vielfraß weiterhin anhaftet. Übrigens habe ich noch nie einen Wolf in freier Natur gesehen, obwohl ich das auch gern erleben würde.

Es gehört zum Zweck dieser Tour, mich über die wohltuende Langsamkeit zu freuen und meiner Fantasie beim Lesen freien Lauf zu lassen. Derzeit konzentriert sich meine Lektüre am Kamin ganz auf den Vielfraß, was die Auswahl übersichtlich macht. Ich überfliege Ida Fjeldbraatens Roman Vielfrass