10,99 €
Die Diskussion pro und contra Gendern wird meist mit linguistischen oder moralischen Argumenten geführt. Das Buch „Die Sterne sehen heut‘ sehr anders aus“ betrachtet die Debatte zusätzlich aus dem Blickwinkel der Kommunikation. Und hier zeigt sich zweierlei: 1.) Die Gendersprache hat tatsächlich Einfluss auf die Wirklichkeit – nur leider nicht so, wie beabsichtigt. Umfragen zeigen: Je mehr gegendert wird, desto stärker wird es abgelehnt. Da Gendern von falschen Vorstellungen ausgeht, wie sich Sprache auf das Zusammenleben auswirkt, kann es die Welt nicht gerechter machen, sondern nur zu Widerspruch reizen. Dieser für die Kommunikation problematische Effekt wird von Parteien und Unternehmen, die gendern, bisher ignoriert. 2.) Parallel zum forcierten Genderbemühen, Frauen und Nonbinäre in der Grammatik „sichtbar“ zu machen, verschwinden gesellschaftliche Anliegen von Männern allmählich vom Radar. In 16 essayistischen Texten umkreist der Band mit zahlreichen Beispielen aus dem täglichen Nachrichtenstrom das Themenfeld Gendersprache und mediale Darstellung von Identitätsthemen.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 185
Veröffentlichungsjahr: 2025
Werner Schandor
Die Sterne sehen heut‘ sehr anders aus
Das Werk einschließlich seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationen insbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß § 44b UrhG („Text und Data Mining“) zu gewinnen, ist untersagt.
Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: Werner Schandor, Haydngasse 11, 8010 Graz, Österreich. Kontaktadresse nach EU-Produktsicherheitsverordnung: [email protected]
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über dnb.dnb.de abrufbar.
Werner Schandor
Die Sterne sehen
heut‘ sehr anders aus
Über Genderfolklore & Medienklischees
edition tobak
Ich erinnerte mich dunkel daran, dass Sprache dereinst Freude bereitet hatte. – Cordula Simon, MondkälberJemand kann anfangen zu trinken, weil er sich als Versager fühlt, und dann umso mehr scheitern, weil er trinkt. Ähnlich verhält es sich mit der Sprache: Sie wird hässlich und ungenau, weil unsere Gedanken töricht sind, doch die Schlampigkeit unserer Sprache erleichtert uns diese törichten Gedanken. – George Orwell, Politik und die englische Sprache
Ich bin zunehmend schockiert über die gedankenlose und automatische Herabwürdigung von Männern, die mittlerweile so Teil unserer Kultur ist, dass sie kaum noch wahrgenommen wird. – Doris Lessing 2001 im „Guardian“
Inhalt
Heute schon schuhgeplattelt?
* Nach den Sternen greifen
Die St*rne sehen heut‘ sehr anders aus
Das neue N-Wort
Strukturelle Medienschieflage I
Strukturelle Medienschieflage II
Das Patriarchat als Scheinriese
Das Männerleid auf der Feminismuswaage
Entpört euch!
** Sprachfachsimpelei
Der Wurm schmeckt der Angler*in
Wie gendern?
*** Bücher zum Thema
Spinat und Genderdeutsch
Ist Gendern zwangsneurotisch?
Das Weltsicht-Märchen
Starker Tobak
**** Appendix
Operationen an der Sprache
Editorische Notiz
Literatur
Über den Autor
Heute schon schuhgeplattelt?
Stellen Sie sich vor, rechtskonservative Parteien würden behaupten, es mache die Heimatliebe sichtbar, wenn man beim Gehen bei jedem zehnten Schritt einen Schuhplattlerhopser einlegt und sich dabei auf die Sohle schlägt.
Wer schuhplattelt, könne etwas für die Heimat tun, heißt es von den führenden Ideologen der Bewegung. Zur Untermauerung der Argumente erscheinen wissenschaftliche Studien, die zum Ergebnis kommen, dass, wer beim Gehen zwischendurch einen Schuhplattlerhopser macht, generell mehr für die Volkskultur übrig hat, und dass dies im Sinne eines proaktiven Heimatverständnisses wäre. Ein „Gehleitfaden. Handreichung für eine heimatsensible Gehweise“ wird aufgelegt. Als Sie die ersten Leute auf den Straßen sehen, die bei jedem zehnten Schritt einen Schuhplattlerhopser tun, fühlen Sie sich noch an den Sketch „Ministry of Silly Walks“ der Monty Pythons erinnert und machen sich über die bedauernswerten Geschöpfe lustig, die sich zu diesem Nonsens hinreißen lassen. Aber als nach ein paar Monaten zuerst die Universitäten und dann immer mehr Behörden das Zehn-Schritt-Schuhplatteln ihrer Klientel empfehlen, weil es die Integrationsgerechtigkeit erhöhe – schließlich können dadurch auch Migranten ihre Verbundenheit mit Österreich (Bayern, der Schweiz …) zum Ausdruck bringen –, da finden Sie die ganze Angelegenheit schon ein bisschen seltsam. In den Medien wird das Thema kontrovers diskutiert, doch die Schuhplattlerfraktion schafft es, die Kritiker als gestrig dastehen zu lassen, indem sie ihre Behauptungen unbeirrt bei jeder Gelegenheit wiederholt. Schließlich, so das Argument, entwickle sich das Gehen natürlich weiter; kein Mensch könne bestreiten, dass wir heute anders – schneller – gehen als noch vor fünfzig Jahren, und nur sehr verbohrte Menschen würden sich dem Gehwandel entgegenstemmen. Immer mehr Leute auf den Straßen, an der Uni und auf Amtswegen bezeugen ihre Loyalität mit der Schuhplattelhopserei, denn Bundes- und Landeseinrichtungen haben mittlerweile „Fortschrittsbüros“ eingerichtet, die über die Durchsetzung des Plattelgehens wachen. In Behördenformularen wird die Einstellung zum Schuhplatteln abgefragt, und öffentliche Förderungen ebenso wie Anstellungen im öffentlichen Sektor werden an das Bekenntnis zur Hopserei gebunden. Als schließlich auch Unternehmen auf diesen Zug aufspringen und ihren Mitarbeitern empfehlen, im Umgang mit Kunden mindestens alle zehn Minuten einen Plattlerschlag auf die Schuhsohle anzudeuten, können Sie sich des Eindrucks nicht erwehren, dass jetzt langsam alle durchknallen. Sie selbst lassen sich zur Sicherheit alle Gründe pro Hopsen immer wieder durch den Kopf gehen, weil doch nicht sein kann, dass so viele spinnen; aber keines der Argumente der Schuhplattelbewegung ist wirklich stichhaltig. Und Sie verstehen immer weniger, dass Leute, die Sie bisher für vernunftgeleitet gehalten hatten, bei dieser Übung mitmachen.
Reiner Irrsinn. War es nicht das gedankenlose Mitmachen, das die totalitären Systeme des 20. Jahrhunderts in Europa ermöglicht hat? Haben nicht unausgegorene akademische Rassentheorien dem Rassenwahn des Dritten Reiches seine vermeintliche Legitimation verliehen? Und war nicht eine Lehre aus dieser Erfahrung, dass sich Universitäten und öffentliche Institutionen keinesfalls vor den Karren von Ideologien spannen lassen sollten? – Doch plötzlich hopsen an den Hochschulen, in Behörden, auf den Theaterbühnen und im Kunstbetrieb alle schuhplattelnd herum, als wären die Erfahrungen aus der Vergangenheit wie weggeblasen. Im Gegenteil: Die Plattler fühlen sich als Speerspitze der gesellschaftlichen Entwicklung und glauben, zur Rettung der Menschheit beizutragen, so wie es vor 100 Jahren Kommunisten ebenso wie Faschisten und Ultranationalisten getan haben. Huch! Wir sind doch die Guten?!
„Geh-Empfehlungen“
Manche platteln zähneknirschend, aber sie platteln. Andere agieren als Wortführer der immer gleichen Phrasen und wiederholen das Schlagwort von der „heimatsensiblen Gehweise“, der sich nur Heimatfeinde verweigern würden. Eine arme Sau, wer dabei nicht mitmacht. Als Nichthopser wird man in gewissen Kreisen schief angeschaut und im Umgang mit Behörden, Universitäten und Großunternehmen auch gegen seinen Willen immer wieder zum Hopsen genötigt. Fortschrittsbeauftragte wachen mit Argusaugen über die Einhaltung der „Geh-Empfehlungen“. Dabei ergibt Umfrage um Umfrage, dass das ganze Gehopse der breiten Mehrheit der Bevölkerung mächtig auf die Nerven geht. Und trotzdem wird weitergehopst, als hinge das Wohl der Gesellschaft davon ab. Wie ist das möglich?
Leider habe ich noch keine Antwort auf die Frage, wie es kommen konnte, dass das nicht minder abstruse Sprachgendern in akademisches Kreisen so breit akzeptiert ist und als fortschrittlich gilt, obwohl neben dem Hausverstand seriöse linguistische und sozialwissenschaftliche Studien darauf schließen lassen, dass die Gendersprache ihr Ziel, zu einer besseren Welt beizutragen, nie und nimmer erreichen kann. Denn sie geht von falschen Vorstellungen aus, auf welche Weise Sprache unsere Kultur mitprägt: nicht über das generische Maskulinum, die „Sichtbarmachung“ von Geschlechtern oder sonst eine Facette der Grammatik, sondern über Mythen, Erzählungen und Gesetze. Die Auswirkung der Grammatik auf unsere Gesellschaftsordnung ist gleich null, weshalb sich die Eingriffe und Vorgaben der Gendersprache im Grunde nicht rechtfertigen lassen.
Auf gruslige Art ist es faszinierend mitzuerleben, dass sich die Annahme der Genderlinguistik, das generische Maskulinum habe bisher unser gesellschaftliches Leben wesentlich beeinflusst und müsse daher vermieden werden, um „Geschlechtergerechtigkeit“ herbeizuführen, in den Köpfen hochgebildeter Menschen festsetzen konnte, obwohl es keinen belastbaren Beweis dafür gibt, aber zahlreiche gute Gegenargumente. Andererseits ist es auch erschreckend, der von Sprachbürokratinnen mit Nachdruck betriebenen Ausrottung des Maskulinums als Genus commune und der schleichenden sprachlichen Umprogrammierung beizuwohnen, die von einer hohen Konformitätsbereitschaft im Feld der Wissenschaft, der Kunst und im linken Parteienspektrum zeugt. Ein Fall von Gender Brainwashing?
Der Aluhut des Feminismus
Man könnte sich das Gendern sparen, ohne die gesellschaftlichen Anliegen, die damit verknüpft werden, zu schwächen. Im Gegenteil: Ich bin überzeugt, dass das Festhalten an falschen Vorstellungen einer Sache mehr schadet als nutzt. Die Gendersprache ist der Aluhut des Feminismus. Sie ist, gleich wie das fiktive Schuhplattelgehen, eine Symbolhandlung, die zu nichts führt als zur Überzeugung, zu den Guten zu gehören. Die Gendersprache ist insofern auch ein Symptom unserer Zeit, in der das Bekenntnis zu einer Sache – das Flagge-Zeigen – das Nachdenken darüber ersetzt. Die Pose der Sprecher ist wichtiger als der Inhalt des Gesagten. Hauptsache, man kassiert ein „Daumen hoch“ für seine Meinung. In den folgenden Texten blase ich der Schuhplattelsprache den Schuh auf, und ich nehme die erstaunliche Gedankenlosigkeit seriöser Medien aufs Korn, die bei manchen Themen das kritische Korrektiv vermissen lassen. Dazu zählt vor allem die Berichterstattung über Gender- und Rassismusthemen, die zunehmend in Schlagworten erfolgt (alter, weißer Mann, Patriarchat, heteronormativ …) und damit die Rhetorik linker Identitätspolitik inklusive Modefeminismus wiederkäut. Frauen haben seit Jahren die deutlich bessere Presse, während für Männer stets die Macho-, Boomer- und Patriarchatskeule bereitsteht. Dass auch Männer unter enormen wirtschaftlichen und sozialen Druck geraten sind, ist kaum ein Thema in Österreichs Medien. Gesellschaftliche Nachteile, die Männer betreffen, was u. a. bei der Lebenserwartung und aus der Bildungs- und Selbstmordstatistik deutlich wird, sind in einem feministischen Bermudadreieck vom medialen Radar verschwunden. Und so geht die „Sichtbarmachung“ der Geschlechter in der Sprache Hand in Hand mit der medialen Unsichtbarwerdung von Anliegen, die Männer betreffen.
Zur Sicherheit sei es erwähnt: Die Anliegen Geschlechtergerechtigkeit, Vielfalt von Lebensentwürfen und Antirassismus sind unbedingt zu unterstützen. Und sie sind auch breiter Konsens in unserer Gesellschaft, wie aktuelle sozialwissenschaftliche Studien belegen. Die Bevölkerung ist offener und aufgeschlossener denn je zuvor.1 Sicher gibt es Gegner der Gendersprache, die ein erzkonservatives oder gar völkisches Weltbild ihr Eigen nennen, an dem ich nicht anstreifen möchte. Dennoch ist es ein Fehler, die Kritik am Gendern und an den Genderklischees des Modefeminismus dem rechten Rand zu überlassen, denn es gibt genug Gründe, diese Themen aus einer aufgeklärten, fortschrittlichen Position heraus zu hinterfragen – ja, die den begründeten Einspruch geradezu notwendig machen. Denn der von Behörden, Firmen und manchen Medien angewandte Neusprech des Genderns hat sehr wohl Auswirkungen auf unser Zusammenleben, nur leider nicht die beabsichtigten. Er macht die Gesellschaft nicht „gerechter“, sondern trübt die Urteilsfähigkeit.
Dazu kommt: Indem die Proponenten des Genderns an falschen Vorstellungen festhalten, wie und wodurch Sprache die Gesellschaft formt, und dazu auf oft schlecht gemachte, teils widersprüchliche Studien verweisen, die die vermeintliche Nützlichkeit des Genderns beweisen wollen, nähren sie auch die Wissenschaftsfeindlichkeit. Denn die speist sich nicht erst seit Corona aus dem Verdacht, dass Studien teils einseitig und tendenziös argumentieren. Wenn, wie bei einigen Studien zur Gendersprache, halbe Wahrheiten als ganze ausgegeben werden, ist die Propaganda dahinter klar ersichtlich. Der schädlichste Aspekt der Gender-Propaganda ist meines Erachtens, dass sie die Fähigkeit zum rationalen, kritischen Abwägen zersetzt, und paradoxerweise konnte sich die Gender-Agenda mit ihren Dogmen ausgerechnet an den Universitäten ungehindert ausbreiten.2
Ein weiterer fataler Irrtum der Gendersprache ist, dass sie Kommunikation mit Erziehungsarbeit verwechselt: In liberalen Demokratien sollten die Menschen lernen oder gelernt haben, sich auf Augenhöhe unter Erwachsenen mitzuteilen. Die politische Korrektheit aber verfolgt ein sozialpädagogisches Anliegen – die Gesellschaft „verbessern“ – und verwandelt dadurch jedes Gespräch in eine Erziehungsmaßnahme. Die Mehrheit der Bevölkerung lehnt diese Art des „betreuten Sprechens“ (© Joachim Gauck) zu recht ab. Da rund 80 Prozent der Menschen den Gendersprech sinnlos finden und die Ablehnung wächst, je mehr gegendert wird, kann nicht ernsthaft von einem „Sprachwandel“ die Rede sein, sondern nur von einer demokratiepolitisch bedenklichen Sprachverordnung gegen den Willen der Sprecher.
Zahlreiche seriöse Studien und Umfragen zeigen, dass es auch innerhalb der linken Wählerschaft eine Mehrheit gibt, die nicht d’accord geht mit der exzessiven Regenbogen-Symbolpolitik und dem politisch korrekten Sprachzauber, der bei ihren Parteien zum guten Ton gehört. Aber diese Mehrheit schluckt ihre Einwände meist stillschweigend hinunter, um nicht als „rechts“ zu gelten. Einige, die vom harten Coronakurs samt Impfzwang verschreckt wurden, wechselten tatsächlich ins rechte Lager, wo sie sich weniger veräppelt fühlen. (Obwohl sie sich damit in falscher Sicherheit wiegen.) Für alle Fälle wird jeder, der kritische Argumente gegen Genderdeutsch, feministischen Chauvinismus und aus den USA importierten Anti/Rassismus vorbringt, ins rechte Eck einsortiert.
Rechte lachen sich ins Fäustchen
Diese Tabuisierung kommt nun jedoch als Bumerang zurück und hat höchst problematische Folgen für die Parteien links der Mitte, die sozialen Ausgleich und ökologisches Einlenken über das wirtschaftliche Wachstumsmantra oder das völkische Reinheitsgebot stellen. Der Philosoph Robert Pfaller hielt bereits 2017 in seinem Buch „Erwachsenensprache“ fest: „Wenn es der postmodernen Pseudolinken gelingen sollte, die Räume der Gleichheit durch Moralisieren und Sprechverbote im Namen diverser Empfindlichkeiten lahmzulegen, dann lacht sich die Rechte buchstäblich ins Fäustchen.“ Sieben Jahre später fand Pfallers Befund im „Superwahljahr“ 2024 und bei der Deutschlandwahl 2025 seine Bestätigung an den Wahlurnen. Während die Rechten wissen, wen sie wählen sollen, obwohl ihr politisches Personal in der Regel weder durch Intelligenz noch durch moralische Integrität glänzt, bleibt kritischen Linken wie meinereinem angesichts der gouvernantenhaften Verbissenheit, mit der Linke und Grüne ihre Wähler sprachlich erziehen wollen, nur die Flucht ins Lager der Nichtwähler. Die jüngsten Wahlen in Österreich und Deutschland haben gezeigt: Immer weniger Menschen schmeckt der rotgrüne Apfel, der in einen Regenbogenwimpel aus recycelten Phrasen eingehüllt ist. Dabei wären Klimawende und soziale Gerechtigkeit die Gebote der Stunde. Nur sind sie mit etlichen Schuhplattlerhopsern wider Willen verbunden. Könnten die Parteien links der Mitte nicht die Folklore beiseitelassen und wieder auf Augenhöhe mit den Leuten reden, um in der Sache etwas weiterzubringen, ohne in der Sprache so seltsame wie unnötige Verrenkungen zu machen? Könnten sie ihren Sympathisanten nicht wenigstens die Option anbieten, ihre Inhalte auch in konventioneller Sprache zu lesen?! Bitte lasst uns wählen, wie wir angesprochen werden wollen: politisch hyperkorrekt oder ganz normal. Wer will, kann sich dann weiter am Sternderlsprech ergötzen, ohne dass die große Mehrheit mit technokratischen Begrifflichkeiten a la „gebärende Person“ oder „Menschen mit Uterus“ vergrault wird.
Warum die Gendersprache kommunikativ ein Schuss ins Knie ist, führe ich detailliert im Kapitel „Der Wurm schmeckt der Angler*in“ aus. Wie eine „gerechte“ Sprache aussehen könnte, die auch dem allgemeinen Sprachgefühl gerecht wird, umreiße ich im Kapitel „Wie gendern?“
Die Essays in diesem Buch sind insgesamt all jenen Institutionen gewidmet, denen das Schicksal von Kakanien droht, von dem Robert Musil im „Mann ohne Eigenschaften“ schreibt: Es war „ein Staat, der an einem Sprachfehler zugrundegegangen ist“.
Holarä-duliöö!
* Nach den Sternen greifen
Die St*rne sehen heut‘ sehr anders aus
Wo man hinsieht, sieht man Sterne: Immer mehr Gendersterne fluten die Texte von Universitäten, Institutionen und Unternehmen, die sich offen und fortschrittlich geben wollen. Doch sie bedenken nicht, dass der Genderstern unser Denken spaltet und letztlich dem Humanismus schadet.
Als ich im Kindergartenalter war, saß ich in der Kirche manchmal im Chorgestühl im Altarraum, weil mein Bruder ministrierte und ich mit ihm durch die Sakristei in das Gotteshaus gehen durfte. Während der heiligen Messe kniff ich immer wieder die Augen zusammen und blickte in die Kronleuchter, die hoch über mir von der Decke hingen, weil ich, wenn ich die Lider fast, aber nicht ganz zumachte, die Lichter der kerzenförmigen Glühbirnen als strahlende Sterne wahrnahm. Das faszinierte mich. Der Pfarrer merkte es und redete mich mitten in der Messe an, ich solle das mit den Augen sein lassen. Das war mir sehr peinlich, und danach bin ich nicht mehr so gerne in die Kirche gegangen.
Sterne mag ich trotzdem: als Lichtreflexionen auf Fotografien, als Symbole und auch als Metaphern. David Bowie, von dem ich den Titel zu diesem Text geklaut habe, war besessen von der Stern-Metapher. Er posierte als „Starman“, „Ziggy Stardust“, „Rock’n’Roll Star“, „The Prettiest Star“ und wurde ganz am Ende seiner Karriere, als der Krebs ihn schon fast bezwungen hatte, zum „Black Star“. Das gleichnamige Album, zwei Tage vor seinem Tod erschienen, ist auch sein künstlerisches Vermächtnis.
Für die Rolling Stones hingegen diente der Stern zum Verhüllen ihrer verbalen Schweinigeleien. Ihre Single „Star Star“ aus dem Jahr 1973 sollte eigentlich „Starfucker“ heißen, aber ihre Plattenfirma bestand darauf, den Titel zu ändern – nicht jedoch den Text, wo es im Refrain recht monoton zur Sache geht: „You’re a star f*cker, star f*cker, star f*cker star“, singt Mick Jagger im Duett mit Ron Wood.
Die längste Zeit kennzeichnete der Asterisk, wie das Sternchen als Typografiezeichen heißt, entweder Anmerkungen in Fußnoten3 oder zensurierte Wörter bzw. Wortteile. Oft wurden in Texten Wörter, die Anstoß erregen könnten, mit Sternen keusch unkenntlich gemacht, und jeder wusste dennoch, was sich dahinter verbarg: „Sag deinem Hauptmann, er kann mich am Ar*** lecken!“
Mit dem Genderstern kehrt sich diese Verwendung um: In Anreden wie „Leser*innen“ kennzeichnet der Stern nicht etwas Obszönes, das verdeckt werden soll, sondern ihm wird vielmehr die Funktion zugewiesen, auf etwas hinzudeuten, das sich in der Sprache scheinbar nicht benennen lässt, nämlich Trans- und Intersexualität, die vom binären Schema der Biologie, männlich / weiblich, abweicht. Der Genderstern korrespondiert dabei mit dem Stern, den man bei einer Internetsuche anstelle eines Wortteils als Platzhalter setzen kann, wenn man das Ergebnis offen halten will.
In einigen Kulturen ist das sogenannte dritte Geschlecht historisch etabliert, etwa in Thailand. Dort werden Kathoeys als weibliche Männer zwar gesellschaftlich nicht umjubelt, aber in ihrer Besonderheit dennoch anerkannt. In Europa und den USA hingegen wurde Intersexualität die längste Zeit als Störung der Biologie wahrgenommen. Intersexuelle, Transsexuelle und andere Vertreter der Geschlechtsdiversität wurden und werden oft immer noch als pathologische Phänomene betrachtet und behandelt. Oder, wie es am Beginn von Jeffrey Eugenidis‘ Roman „Middlesex“ aus dem Jahr 2002 heißt: „Specialized readers may have come across me in Dr. Peter Luce’s study, ‘Gender Identity in 5-Alpha-Reductase Pseudohermaphrodites’, published in the Journal of Pediatric Endocrinology in 1975.“
Seit die Gender-Studies die Geschlechtereinteilung in männlich und weiblich gerne grundsätzlich als soziale Schimäre dekonstruiert hätten, wurde der Boden bereitet für eine breitere gesellschaftliche Akzeptanz von jenen, die sich nicht ins Mann-Frau-Schema fügen können oder wollen bzw. die ihre Geschlechtsidentität im Lauf des Lebens wechseln. Dieses Bemühen um soziale Anerkennung ist aus meiner Sicht das große Verdienst der akademischen Guerilla rund um Gender-Unruhestifterin Judith Butler. Ungleich höher ist jedoch der Schaden, der von ihrer Theorie der kulturellen Konstruktion biologischer Tatsachen ausgeht: Er lässt das universitäre Streben nach Rationalität langsam, aber sicher zerbröseln – zumindest in den Sozial- und Geisteswissenschaften, die in schwachen Stunden immer wieder anfällig für Verworrenes sind.
Vor lauter Begeisterung über die Errungenschaften der Gender-Studies, und weil geschätzte 0,004 % der Bevölkerung, die Intersexuelle sind oder sich als Transgender begreifen4, in der Sprache angemessen repräsentiert werden wollen, wird mit zunehmendem Eifer der Genderstern in Anreden und in Berufsbezeichnungen gesetzt. Logisch, wir sind ja alle für die gute Sache, Daivörsiti und so. Und es hängen auch immer mehr Menschen (zumindest in den Redaktionen) dem weitverbreiteten Glauben an, der angeblich mit zig Studien untermauert ist, wonach das grammatische Geschlecht natürlich auch das biologische Geschlecht und erst recht das individuelle geschlechtliche Selbstverständnis zum Ausdruck bringe, abbilde und festschreibe. Dort, wo die Ansicht herrscht bzw. frauscht, die böse deutsche Muttersprache sei irre patriarchalisch, muss folgerichtig neben dem Femininum auch das noch unbenannte Dritte benannt werden, wenn es um Berufsbezeichnungen oder die Anrede von Menschen (mwd) geht.
Auch wenn ich mit dieser Meinung in meinem politischen Umfeld auf der beargwöhnten Seite bin (die Grün- und Linksparteien gendern wie die Blöden, ihre Wähler sind Umfragen zufolge von der Sinnhaftigkeit aber nur maximal zur Hälfte überzeugt): Die Kennzeichnung aller möglichen Geschlechter in eine gendermäßig dekonstruierte Sprache hineinzutragen, birgt auch die Gefahr, den Humanismus selbst zu durchlöchern, bis nichts mehr davon übrig ist. Bereits das konventionelle „Gendern“ mit Beidnennung oder Binnen-I geht implizit davon aus, dass man 24 Stunden am Tag sein Menschsein darüber definiert, welchem Geschlecht man (nicht) angehört. Und der Genderstern setzt dem Ganzen die Krone auf und lenkt den Blick unausweichlich auf die Frage der Geschlechterzugehörigkeit. Das macht die Sache recht unlocker.
Vielleicht verdeutlicht ein Blick in die Geschichte und auf eine frühere Form der sprachlichen Schubladisierung, warum die Aufspaltung der Menschen nach Gruppenkriterien einen unguten Beigeschmack annehmen kann: Vor 100 Jahren war es in Deutschland und Österreich relevant, sich seines „Volkes“ und seiner „Rasse“ bewusst zu sein. Die Wahrnehmung konzentrierte sich nach und nach auf die Rassenfrage in ihrem nationalistischen und rassistischen Sinn. Das Augenmerk richtete sich auf die unterschiedlichen Phänotypen der Menschen, und die Unterschiede wurden immer stärker mit völkischen Fragen verknüpft. Der Gedanke, der sich damals in Teilen der Bevölkerung durchgesetzt hat und der dann von den Nazis offiziell vorgeschrieben wurde, war, dass es „Rassen“ gäbe, die wertvoller seien als andere – über allem die Arier germanischen Zuschnitts – und andere, die „minderwertig“ wären, allen voran die „jüdische Rasse“, die an allem Übel in der Welt schuld sei. Über Jahre und Jahrzehnte hinweg wurden die Leute darauf konditioniert, in ihren Mitmenschen nicht primär Menschen zu sehen, sondern Rassen- und Volksangehörige: Arier, Slawen, Juden … Herrenmenschen und Untermenschen. Nationalismus und Rassismus gaben den Rahmen für das Denken vor, bis er schließlich in Paragraphen Nazi-Deutschlands festgehalten und dadurch auch behördlich handlungsleitend wurde.
Am Beginn der goldenen 1990er-Jahre, als weder Genderthemen noch der postkoloniale Rassismusdiskurs eine Rolle im öffentlichen Leben spielten, sprach ich nach einer Lesung den Dichter Robert Schindel an. Meine Freundin und ich unterhielten uns prächtig mit dem Autor und sackten in der Bar seines Hotels mit ihm ab. Irgendwann zu sehr später Stunde kam das Gespräch auf sein Geburtsdatum – den 4.4.44 – und darauf, dass er während der verbleibenden 13 Monate der Naziherrschaft als Baby versteckt worden sei. Ich, blauäugig: „Warum?“ Darauf Schindel: „Na, schau mich an!“ Und ich besah mir sein Gesicht, seine dunklen Locken, seine Nase, die ziemlich groß und leicht gebogen war, seine dunklen Augen und seinen olivenfarben grundierten Teint – und erst da fiel es mir auf: Schindels Gesicht entsprach fast klischeehaft dem Erscheinungsbild, das von der NS-Propaganda „typisch jüdisch“ genannt worden wäre. Ich hatte mich stundenlang mit ihm unterhalten, ohne auch nur einen Augenblick über sein Aussehen nachzudenken. Es war mir völlig gleichgültig gewesen, einfach, weil es in meinem Denken keine Rolle spielte (und nach wie vor spielt), wer welchem Klischee entspricht und mit welchem Vorurteil das Klischee aufgeladen ist.5 Die „Rassenkunde“, die Menschen nach ihrer Physiognomie einteilt und diese mit bestimmten charakterlichen Merkmalen in Verbindung bringt, ist totaler Nonsens. Dass diese Verirrung der Anthropologie vor 100 Jahren überhaupt zu akademischen Ehren gelangen konnte, sollte einen dazu bringen, kulturwissenschaftlichen Fächern generell mit Skepsis zu begegnen: Zu leicht ist es, diese Disziplinen mit ideologischen Dogmen zu verbrämen, mit windigem Vokabular und steilen Hypothesen auszustatten und dies als objektive, stichhaltige Weltsicht zu verkaufen.
