Die Stimme des Schöpfers - Titus Müller - E-Book
Beschreibung

Die Bibel berichtet über manche Ereignisse und Personen nur knapp, und leicht wird beim Lesen übersehen, wie umwälzend und großartig die geschilderten Begebenheiten waren. Titus Müller hat sich in die Situationen hineingedacht. Er erzählt sie emotional packend und auf eine Weise, wie sie die Beteiligten damals erlebt haben könnten. Die Geschichten enthalten historische Hintergründe, gekonnt verwoben durch einen meisterhaften Schreibstil. Das Ergebnis ist ein faszinierendes Leseerlebnis - als wäre man mittendrin. Eine wunderbare Lektüre für alle, die bekannte Geschichten aus dem Alten Testament ganz neu erleben möchten.

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Seitenzahl:200

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Über den Autor

Titus Müller studierte in Berlin Literatur, Mittelalterliche Geschichte, Publizistik und Kommunikationswissenschaften. Mit 21 Jahren gründete er die Literaturzeitschrift „Federwelt“ und veröffentlichte seither über zwanzig Bücher, zuletzt den Roman „Der Tag X“. Titus Müller ist Mitglied des PEN-Club und wurde u. a. mit dem C. S. Lewis-Preis und dem Sir Walter Scott-Preis ausgezeichnet.

www.titusmueller.de

Inhalt

Neues Leben in der Strafkolonie

Willst du das letzte Dummerchen im Garten Eden sein?

Eine Schnur hat ihn mit mir verbunden

Wo ist dein Bruder?

Die Flut

Der Schöpfer ruft

Im Harem des Pharaos

Wo kriegen wir das Opferlamm her, Vater?

Kampf in der Nacht

Prinz und Mörder

Wie soll ein Volk von Priestern leben?

Debora und Jaël

Beim zweiten Besuch des Engels

Das Rätsel

Simsons Tod

Die Geschichte der Welt

Warum rufst du mich ständig?

Davids Flucht

Wie sollte man Jahwes Zorn entgehen?

Batseba

Lass mich sterben, Gott!

Du wirst ein einsamer Mann sein

Von Weinbergen und Hunden

Der Kriegsheld

Nimm zwei Zentner Silber mit!

Der Verräter

Meint ihr, euer Gott ist erhaben über Marduk?

Vom Fisch verschlungen

Hunderttausend, die rechts nicht von links unterscheiden können

Verwendete Bibelstellen

Behandelte Geschichten

„Da gestern Sonntag war und eine bleierne Langeweile über der ganzen Insel lag, die mir fast das Haupt eindrückte, griff ich aus Verzweiflung zur Bibel … Welch ein Buch! Groß und weit wie die Welt. Wurzelnd in den Abgründen der Schöpfung und hinaufragend in die blauen Geheimnisse des Himmels … Sonnenaufgang und Sonnenuntergang, Verheißung und Erfüllung, Geburt und Tod, das ganze Drama der Menschheit, alles ist in diesem Buch.“

Heinrich Heine, Juli 1830

Darauf hatte Gott sich lange gefreut. Der Mächtige rief seine Geschöpfe zusammen, diejenigen mit vier Flügeln, die mit zwei Flügeln, die Musiker, die Uralten und die Jüngeren. „Es ist so weit“, verkündete er. „Ich werde Menschen erschaffen.“

Sie warteten gespannt, welchen Ort er dafür auswählen würde. Als er sich der Erde zuwandte, erschraken die Engelgestalten. „Ausgerechnet die Erde“, riefen sie, „die Strafkolonie Luzifers!“ Sie verstanden Gottes Entscheidung nicht.

Gott sang ein Lied des Lichts. Helligkeit breitete sich auf dem Planeten aus. Mit den Schatten flohen Dämonen, sie verkrochen sich vor Gottes Gegenwart. Einst waren es starke Engel gewesen. Jetzt aber konnten sie Würde und Zärtlichkeit nicht länger ertragen, ihre Rebellion hatte sie wie eine Krankheit zerfressen. „Was tut er da?“, schrien sie. „Die Erde gehört uns. Wir lassen uns nicht vertreiben!“

Der Schöpfer senkte sich auf den wüsten Planeten herab. Er erzählte von Hügeln, flüsterte von Tälern und Ebenen, und da teilte sich das Wasser, und es entstanden Kontinente und Meere von großer Schönheit.

Lächelnd strich Gott über die Erde. Wo er sie berührte, spross saftiges Gras, Blumen blühten, und es wuchsen Büsche und Bäume. Durch ihr Geäst zog ein warmer Wind, und an den Zweigen bildeten sich Früchte.

„Ich will Zeit erschaffen“, sagte Gott.

Ein Seraph fragte: „Was ist das – Zeit?“

„Sie wird den Menschen helfen, Ruhe zu finden. Sie unterscheidet Tage von Jahren.“ Er richtete sich auf und rief aus dem Nichts eine gewaltige Sonne ins Leben. Gleich wandten sich die Bäume und das Gras dem neuen Himmelsfeuer zu. Es gab ihnen Kraft. Gierig tranken die Pflanzen das Wasser aus der Tiefe und bildeten neue Blätter und Blüten, die sie der Sonne entgegenstreckten.

Gott formte den Mond. Da wurde es dunkel, und der Mond beschien die Wälder und die grasbewachsenen Hügel. Gott holte Sterne heran und fügte sie zu einer Galaxie zusammen. Sie leuchteten in einem Lichtermeer am Himmel.

Ein neuer Morgen zog herauf. „Das Meer und die Seen sollen vor Geschöpfen wimmeln“, sagte Gott. Es war ihm eine Freude, Leben zu erschaffen. Zuerst erfand er die Seepferdchen, dann den Wal, die Krabben, Schwertfische, Delfine, Quallen, zuckende Würmer, Makrelen, die in großen Schwärmen durch das Meer zogen, Schildkröten.

„Der Himmel soll den Vögeln gehören“, sagte er. Er schuf Adler, Schwäne und Pelikane, Meisen und Baumpieper und Kolibris. „Vermehrt euch“, rief er all den Tieren zu, „durchdringt das Wasser mit eurem Tanz, erfüllt die Luft mit Gesang!“

Als die Engel diese Pracht sahen, leuchteten sie vor Entzücken.

Am nächsten Tag widmete Gott sich dem Land. Er fand, dass es Füchse geben müsste und Ameisen, die einer Königin dienten. Er setzte Schweine und Bären in den Wald, Luchse ließ er auf die Bäume klettern, und weil er ihnen Leben eingehaucht hatte, galoppierten Pferde über die Ebene. Den warmen Äquator besiedelte er mit Zebras und Giraffen und Löwen.

Die Dämonen beobachteten mit zusammengekniffenen Augen, was er tat. Die Engel schwiegen vor Ehrfurcht. Gott nahm Erde und formte ein stattliches Wesen mit zwei Beinen daraus. Wenn man in sein Gesicht blickte, sah es Gott auf gewisse Weise ähnlich.

Er trug den Menschen – so nannte Gott dieses neue Wesen – in einen Garten, den zwei Flüsse bewässerten und dessen Bäume besonders schmackhafte Früchte trugen. Dort hauchte er ihm Leben ein. Der Mensch schlug die Augen auf. Gott lächelte ihn an.

„Hast du mich gemacht?“, fragte der Mensch.

„Ja, das habe ich.“ Gott zeigte auf die Bäume. „Das ist dein Garten. Aber nicht nur den Garten, die ganze Erde gebe ich dir. Gib acht auf die Tiere und Pflanzen. Du sollst ihr Hüter sein.“

Der Mensch sah sich den Garten an. Er kostete von den Früchten, tollte mit jungen Tigern über die Wiese und erfreute sich an einem Bad im Fluss. Während er in der Sonne lag und sich von ihr trocknen ließ, beobachtete er die Tiere um sich herum. Da wurde er traurig. „Alle haben jemanden von ihrer Art, mit dem sie das Leben teilen“, sagte er. „Warum bin ich ganz allein?“

Gott wartete, bis er eingeschlafen war. Dann schuf er eine Frau. Als der Mensch wieder erwachte, sah er, wie ein Wesen, das ihm ähnlich war, ein Eichhörnchen fütterte und ihm über das Fell streichelte.

Der Mensch war überglücklich. „Ich bin Adam“, sagte er. „Möchtest du meine Gefährtin sein?“

Sie lächelte. „Das will ich!“ Und sie spazierten durch den Garten.

Gott kam jeden Tag zu ihnen und begleitete sie eine Weile. Er stellte ihnen auch einige Seraphim und Cherubim vor. Eines Tages erzählte Gott von der Rebellion, die es gegen ihn gegeben hatte.

„Aber wie kann das sein?“, fragte Adam. „Wie können die Engel sich gegen dich gewandt haben? Du hast sie doch geschaffen.“

„Ich zwinge kein Geschöpf, bei mir zu bleiben. Jedes hat die Freiheit, mich zu verlassen.“

Eva, die Frau, fragte: „Jedes? Auch wir?“

„Auch ihr. Ich habe einen Baum in die Mitte des Gartens gepflanzt. Der Garten ist groß, so weit seid ihr noch nicht gewandert. Wenn ihr mir gehorsam sein und bei mir bleiben wollt, braucht ihr nichts weiter zu tun, als diesen einen Baum zu meiden. Es gibt Abertausende Bäume und Büsche, von deren Früchten ihr essen könnt. Ihr werdet nie Hunger leiden, und es gibt viel zu sehen. Die Tiere verändern sich, nicht jedes sieht genauso aus wie seine Eltern. Auch neue Früchte sind schon in den heutigen angelegt. Und eines Tages werde ich euch lehren, wie man etwas erschafft. Ich werde euch wunderbare Dinge zeigen.“

Adam sah einer Libelle nach, die mit funkelnden Flügeln vom Seeufer aufflog. „Und wenn wir eine Frucht von dem verbotenen Baum essen?“

„Du meinst, wenn ihr mein Gebot übertretet und euch von mir abwendet?“, fragte Gott. Er machte ein ernstes Gesicht. „Dann müsst ihr sterben.“

„Was ist das – sterben?“

„Sterben geschieht, wenn man sich von mir entfernt. Erinnerst du dich an den Moment, als du dir eine Gefährtin gewünscht hast, Adam? Es hat beinahe wehgetan, weil dir etwas fehlte. So empfinde ich, wenn ihr sterbt.“

Adam seufzte. „Ich möchte nicht, dass du so fühlst, Gott.“

„Wir werden nie vom verbotenen Baum essen“, versprach Eva.

Eva schickte den Panther fort, mit dem sie im Garten spazieren gegangen war, und sah hinüber zum verbotenen Baum. Seine Früchte glänzten in der Nachmittagssonne. Vögel zwitscherten in den Ästen. Ansehen dürfen wir sie, dachte Eva, nur essen sollen wir sie nicht. Zu gern wollte sie wissen, wie die Früchte aus der Nähe aussahen. Ihre Haut schien so glatt zu sein.

Sie machte einige Schritte darauf zu. Etwas bewegte sich im Geäst, die Zweige raschelten. Ein großer Vogel? Nein, ein anderes Tier, eines, das sie noch nie gesehen hatte. Erfreut hielt Eva ihm die Hand hin, und das Tier flog heran. „Ich nenne dich ,Schlange‘“, sagte sie. „Du kannst deinen Körper so herrlich biegen.“

Die schuppenharten Mundwinkel der Schlange waren zu einem Dauerlächeln geformt. „Danke.“

Hatte das Tier gerade gesprochen? „Du kannst reden?“, fragte sie.

„Gott wollte diese Fähigkeit für sich behalten. Er ist recht knauserig mit seinem Wissen. Aber ich hab’s mir selbst beigebracht.“ Die Schlange sah sie mit ihren gelben Augen durchdringend an.

Wie schön dieses Tier war. Die schillernden Flügel neben dem Kopf, sie flirrten herrlich, und der lange Körper schwebte so anmutig.

Die Schlange fragte: „Hat Gott wirklich gesagt, dass ihr keine Früchte essen dürft?“

„Unsinn. Wir essen jeden Tag Früchte. Nur von diesem Baum sollen wir nicht essen, sonst müssen wir sterben.“

Die Schlange drehte sich zum Baum um, in dessen Geäst sie eben geruht hatte. Dann wandte sie sich wieder Eva zu. „Glaubst du, was er sagt?“

„Natürlich. Ich vertraue ihm.“

„Und wenn das mit dem Sterben eine Übertreibung ist? Ich sehe nicht gerade tot aus, oder?“

Hatte die Schlange etwa die Frucht gekostet?

„Sie sind köstlich, und ihr süßes Fleisch macht klug. Ich fühle mich bedeutend klüger als vorher.“

„Du meinst, wir würden nicht …?“

„… sterben, richtig. Stattdessen würdet ihr wissen, was Gut und Böse ist.“

Böse. Dieses Wort hatte sie noch nie gehört. Sie wollte gern erfahren, was es damit auf sich hatte.

„Willst du das letzte Dummerchen im Garten Eden sein? Sogar ich weiß, was Böse ist, und ich bin weder Gott noch Mensch.“ Die Schlange wand ihren Schwanz um einen dünnen Ast und bog ihn herunter, sodass er vor Eva hing und mit ihm eine herrliche blaue Frucht.

Gott hatte alles für sie getan, diesen Garten hatte er angelegt, und er hatte ihr beigebracht zu sprechen. Sie sollte sein Vertrauen nicht missbrauchen.

Aber etwas Wildes, Draufgängerisches war in ihr erwacht. Die Frucht schimmerte verlockend, und Gott war nirgendwo zu sehen. Sie griff nach der Frucht, strich über ihre glatte Haut.

„Siehst du“, sagte die Schlange. „Du hast sie berührt und bist nicht gestorben. Gott will doch bloß nicht, dass euch die Augen geöffnet werden und ihr werdet wie er.“

Ein verführerischer süßer Duft ging von der Frucht aus. Sie roch daran. Pflückte sie und berührte sie mit den Lippen. Nichts geschah. Die Schlange hatte recht. Eva biss hinein. Das Fruchtfleisch war wässrig und schmackhaft. Sie kaute und schluckte. Melonen schmeckten besser und Himbeeren und Pflaumen und Kirschen auch. Etwas enttäuscht ließ sie die Frucht sinken.

Die Schlange ließ den Ast los. Er schnellte zurück in den Baum. „Du tückisches Wesen! Wie konntest du Gott so enttäuschen?“ Sie flog vorwurfsvoll schimpfend um Eva herum. „Jetzt wirst du aus dem Garten verstoßen werden, und Adam darf weiter hierbleiben und all das ohne dich genießen. Gott weiß, dass Adam so etwas nie getan hätte.“

Sie spürte neue Dinge in sich: Neid. Eifersucht. Zorn auf diese Schlange, die sie in Versuchung geführt hatte. Sie packte sie bei den Flügeln und versuchte, ihr die Flatterdinger auszureißen.

„Da kommt Adam“, sagte die Schlange weinerlich und zappelte herum, um sich freizuwinden. „Oh, er wird dich verachten!“

Sie gab die Flügel frei. Blitzschnell entfernte sich die Schlange. Hätte Adam die Frucht wirklich niemals gekostet? Sie hob die angebissene Frucht vom Boden auf, biss erneut hinein und kaute. „Schau mal, Adam, wir können doch von diesem Baum essen, es ist gar nichts dabei.“

Er machte große Augen. „Aber Gott hat doch gesagt …“

„Muss dir Gott etwa jeden Handgriff vorgeben? Muss er dir beibringen, zu trinken und zu essen? Er war einfach übervorsichtig. Vielleicht war er nicht sicher, ob wir diese Früchte vertragen. Mir schmecken sie hervorragend. Willst du probieren?“

„Gib mal her.“

Sie reichte ihm lächelnd die Frucht, und er biss davon ab. Eine Weile kaute er und schluckte. Dann sammelte sich Wasser in seinen Augen, und er ließ die Frucht ins Gras fallen. „Wir hätten das nicht tun dürfen. Diese Früchte sind nicht gut für uns. Wir hätten Gott vertrauen müssen.“

Sie wusste, er hatte recht. Auch sie empfand Reue und Scham. „Du hättest eben besser auf mich aufpassen müssen. Ich bin jünger als du, ich habe noch keine Erfahrung.“

„Wenn Gott uns hier sieht, wird er zornig werden.“ Adam nahm ihre Hand und zog sie fort, tiefer in den Garten hinein.

Als es am Abend kühler wurde, schlenderte Gott durch den Garten und rief ihre Namen. Warum rief er nach ihnen? Warum packte er sie nicht bei den Haaren und zerrte sie aus dem Gebüsch? Er sagte ihre Namen so sehnsuchtsvoll, es klang, als vermisse er sie. Eva konnte ihn sehen, er stand auf dem Hügel und blickte in ihre Richtung. Als wollte er ihnen die Würde lassen, selbst aus dem Versteck herauszutreten.

Sie flocht sich einen Schurz aus Blättern und Adam ebenfalls. Dann verließen sie das Gebüsch, zitternd. Eva kam es vor, als würde sie nackt vor Gott stehen, bis ins Mark durchschaut. Zögerlich trat sie auf ihn zu. Neben ihr Adam. Jeder von ihnen musste diesen Weg zu Gott allein gehen, sie hielten einander nicht bei der Hand.

Gott fragte Adam: „Hast du von den verbotenen Früchten gegessen?“

„Es ist nicht meine Schuld. Eva hat die Frucht gepflückt. Ich war bloß neugierig.“

„Warum hast du das getan?“, wandte Gott sich an sie.

„Die Schlange … Ich wollte das gar nicht. Aber die Schlange hat böse Dinge gesagt.“

Plötzlich flirrte es, das Schlangentier näherte sich, bis es neben ihr in der Luft schwebte.

„Siehst du“, sagte das Wesen zu Gott, „auch deine Menschen sind dir untreu. Du kennst die Konsequenzen: Wer sich von dir abwendet, muss sterben! Oder misst du etwa mit zweierlei Maß? Mich hast du verstoßen. Willst du diese da leben lassen?“

Gott machte eine zornige Handbewegung, und die Flügel der Schlange verschwanden. Sie fiel zu Boden und wand sich im Staub. „Ich bin gerecht“, sagte Gott. „Der Tod wird kommen. Ein Nachfahre dieser Frau wird dir den Kopf zertreten. Und du wirst ihn in die Ferse beißen.“

Er nahm ein Schaf, das in der Nähe graste, und plötzlich war da überall eine rote Flüssigkeit, das Schaf erschlaffte, und seine Augen wurden stumpf. Eva erschauderte. Sie hatte so etwas Furchtbares noch nie gesehen.

„Das nennt man Sterben“, sagte Gott. Er weinte, während er dem Tier die Haut abzog. Dann zeigte er ihnen, wie man sie mit einem Stein bearbeitete und daraus Fellschurze machte.

Adam hielt entsetzt den Atem an. Vor seinen Augen grub der Tiger die Zähne in den Körper der Antilope. Er riss Fleisch heraus und zerkaute es. Laut knackte ein Knochen, das Raubtier zerbrach ihn zwischen seinen Kiefern. Blut rann ihm vom Kinn.

Der Tiger sah auf. Ein kalter, blutrünstiger Blick. Erschaudernd zog sich Adam zurück. Er hatte plötzlich Angst, genauso zerfleischt zu werden. Der Tiger zog drohend die Lefzen hoch und machte ein abstoßendes, bösartiges Gesicht. Das Gebiss des Tigers war Furcht einflößend.

Was war aus dem Tier geworden, mit dem er damals herumgetollt war? Nie wieder würde er wagen, seine weichen Ohren zu streicheln und sich gegen seinen Fellbauch zu lehnen, wenn sie vom Toben ausruhten. Nie wieder würde er Seite an Seite mit ihm durch unbekannte Wälder streifen.

Seit Monaten spielten die Tiere verrückt. Sie fielen übereinander her und töteten einander. Oft musste Adam sich ducken, sich zurückziehen, langsam und lautlos. Selbst die Insekten waren nicht länger friedlich. Gestern hatte ihn ein Gestreiftes gestochen, es hatte höllisch wehgetan.

Sein Magen knurrte, wie er das schon seit vielen Wochen tat. Die Samen und Pflänzchen, die Gott ihnen mitgegeben hatte, wuchsen hier draußen nicht so gut wie im Garten. Etliche waren ihm schon eingegangen. Andere trugen nur spärlich Frucht.

Von einer Anhöhe sah Adam sehnsüchtig zum Paradies hinüber. Dort kannte er gute Sträucher, gute Bäume. Er wusste, wo schmackhafte Früchte wuchsen, wo man Kräuter fand und Pilze und sättigende Wurzeln. Aber Cherubim mit Feuerschwertern bewachten Gottes Garten, er konnte sie von hier aus sehen. Sie trugen zwei Flügelpaare, eines hielten sie hocherhoben, das andere an den Körper gefaltet. Über ihre Schwerter züngelten Flammen. Tag und Nacht hielten die Cherubim Wache an den Grenzen des Gartens, um Chaos und Zerstörung davon fernzuhalten.

Die Cherubim wandten sich ihm zu. Er duckte sich rasch und rannte davon. Er konnte den Blick der Cherubim nicht ertragen.

Heute würde er nichts mehr finden, es dämmerte bereits. Er machte sich auf den Weg zur Hütte. Kurz spielte er mit dem Gedanken, die Beeren, die er gepflückt hatte, gleich selbst aufzuessen, anstatt sie mit Eva zu teilen. Es war einfach ungerecht: Er plagte sich den ganzen Tag ab, wanderte so weit, dass ihm die Füße wehtaten, suchte und suchte. Und sie wurde seit Wochen fauler, sie klagte und schlief viel und aß sich dick an seiner Ausbeute.

Von der Hütte hallte ein hoher Ton herüber, wie er ihn noch nie von einem Tier gehört hatte. Er blieb erschrocken stehen. Was, wenn ein Raubtier seine Frau getötet hatte! Das könnte er nicht verkraften. Er brauchte Eva doch! Er liebte sie. Voller Angst schlich er sich an die Hütte an. Wieder drang dieser langgestreckte Laut nach draußen.

Vielleicht ist es kein Raubtier, sondern ein Vogel, sagte er sich. Früher, im Garten, hat sie sich immer welche gezähmt. Vielleicht hat sie sich bloß einen farbenfrohen, seltenen Vogel gefangen, und ihr ist nichts zugestoßen.Mit klopfendem Herzen spähte er durch die Türöffnung. Er sah Eva auf dem Strohlager liegen, sie war blass und geschwächt. Auf dem Bauch hielt sie etwas, das … das …

Eva lächelte müde. „Komm rein, Adam. Schau!“ Sie hob das kleine Etwas in die Höhe. „Ich habe einen Mann geboren.“

Das kleine Etwas schrie. Tränen kullerten ihm über die Wangen.

Adam trat in die Hütte. War das tatsächlich ein Mensch? Das Wesen hatte Finger so wie Eva und er, nur kleiner. Es hatte Beine und an den Füßen winzige Zehen. Es hatte eine Nase und einen Mund. Sein Kopf war von feinem Flaum bedeckt. „Beißt es? Wo hast du es gefunden? Meinst du, es ist aus dem Garten entlaufen?“

„Nein. Er war in mir drin. Ich habe ihn Kain genannt. Er ist in meinem Körper gewachsen. Heute habe ich ihn herausgepresst. Es hat sehr wehgetan, aber jetzt bin ich glücklich, dass ich ihn sehen kann.“

Tatsächlich, Eva war nicht mehr so dick wie in den vergangenen Wochen. „Was hat er da am Bauch?“, fragte er.

„Eine Schnur hat ihn mit mir verbunden. Ich habe sie mit dem scharfen Stein durchgeschnitten.“

„Vielleicht weint er deshalb.“ Adam bestaunte das Ende der Schnur, die am Bauch des kleinen Menschen hing. Evas Bauch und sein eigener waren glatt und ohne Schnur, sie waren von Gott erschaffen worden. Aber dieser kleine Mensch war in Eva gewachsen und mit ihr verbunden gewesen.

„Ich würde ihn so gern Gott zeigen“, sagte sie.

Adam verstand sie gut. Seit sie den Garten verlassen hatten, fehlten ihm Gottes Beistand und Rat, ihm fehlten die Gespräche, das gemeinsame Spazierengehen und Lachen. Er fühlte sich oft einsam, obwohl er doch Eva hatte, aber Eva konnte Gott nicht ersetzen, sie war eine Leidensgefährtin, und eine Leidensgefährtin beseitigte nicht das Leid.

Er kniete sich neben sie. „Darf ich ihn mal haben?“

Sie reichte ihm zögerlich den kleinen Menschen, als könne er in seinen Händen zerbröckeln wie trockener Lehm, wenn er nicht behutsam war.

Adam nahm ihn hoch. Seine Finger umschlossen sanft die kleine Brust, und der kleine Mensch verstummte. Er sah Adam mit staunenden Augen an, blauen Augen, in denen noch die Tränen standen.

„Erkennst du gerade, dass ich auch ein Mensch bin? Mein Name ist Adam. Willkommen in unserer Hütte, Kain.“

Eva setzte sich auf, es kostete sie sichtlich Mühe. „Er hat noch nichts gesagt, seit ich ihn geboren habe. Vielleicht kann er nicht sprechen.“

„Weißt du, woran er mich erinnert? An unsere ersten Tage im Garten. Wir haben genauso gestaunt wie er.“ Jede Pflanze, jedes Tier war damals etwas Besonderes gewesen. Melonen zu entdecken, Elefanten, Orchideenblüten! Eine Ameisenkolonie. Ein Vogelnest. Stundenlang hatten sie am Bachufer gesessen und den Fischen zugesehen, die gegen die Strömung anschwammen. Wie viel Zeit hatten sie da gehabt! „Kann er laufen?“

„Ich glaube nicht. Bisher hat er keinen Schritt getan.“

„Ich werde es ihm zeigen. Er wirkt so schwach und hilfsbedürftig. Er braucht uns, Eva. Wir werden ihm die Welt zeigen.“

„Vielleicht ist er ein Geschenk von Gott“, sagte Eva.

„Erinnerst du dich, wie er gesagt hat, wir sollen uns vermehren und die Erde füllen und weise über die Tiere regieren?“

„Das war noch im Garten. Vor dem … schlimmen Tag.“

„Ich glaube, Gott hat uns dieses kleine Wunder geschickt, unseren Kain, um uns daran zu erinnern. Als ein Zeichen, dass er uns nicht vergessen hat.“

Den ganzen Tag Rüben zu graben, da weiß man hinterher, was man getan hat. Hätte Abel mir geholfen, wäre ich schneller fertig gewesen. Aber er muss sich ja um seine Tiere kümmern. Junge, tut mir der Rücken weh.

Jetzt hat er sich diesen Wolf gezähmt. Das Tier läuft um seine Schafherde herum. Warum fällt es die Schafe nicht an? Eine Spinnerei, genauso wie das mit den Fasanenvögeln. Er füttert sie mit Grassamen und nimmt ihnen die Eier weg. Mutter liebt den Geschmack der Eier. Arbeit ist das trotzdem nicht. Eier einzusammeln oder einem Wolf so lange zuzureden, bis er zahm wird – so was kann Abel meinetwegen in den Abendstunden machen. Tagsüber sollte er mir auf dem Feld helfen.

Die schönsten Rübenknollen und die besten Ähren habe ich ausgesucht. Gefällt dir mein Opfer, Gott? Du hast dieses Jahr alles wunderbar wachsen lassen, es war Mühe, aber wir sind versorgt. Danke.

Ekelhaft, der Schafkadaver auf Abels Altar, oder? So etwas kannst du doch nicht gutheißen. Sieh ihn dir an, wie er seine Faulheit vor dir rechtfertigen will. Er sollte auf dem Feld schuften wie ich, anstatt den Tag mit seinen Tieren zu vertrödeln. Du könntest ihn ruhig mal zur Vernunft bringen. Das wäre für die ganze Familie gut.

Danke, dass ich nicht so ein Versager bin wie er. Dass ich am rechten Weg festhalte. Vater sagt, es ist Teil unserer Strafe, dass die Feldarbeit so mühsam ist. Das zeigt ja auch, dass du diesen Weg für uns vorgesehen hast. Abel versucht, der Strafe zu entgehen – das darfst du nicht zulassen. Das Leben muss beschwerlich sein. Auf diese Weise vergessen wir nicht, wie gut wir es bei dir im Paradies hatten und dass wir dich brauchen. Abel spielt doch mehr, als dass er arbeitet. Damit verspottet er dich. Er schnitzt sich Flöten und belästigt uns mit seiner Pfeiferei. Ich habe auch nicht jeden Tag Lust auf die anstrengende Feldarbeit. Aber es geht ja nicht darum, ob man Lust auf etwas hat.

Hast du gesehen, dass er gestern am helllichten Tag geschlafen hat? Ich schufte mir den Rücken krumm, und er macht ein Nickerchen bei seinen Schafen! Zum Glück hat Tasita ihn erwischt. Vater hätte strenger sein müssen. Überhaupt müsste er die beiden mal ermahnen. Tasita verbringt zu viel Zeit mit Abel. Wenn er sie zur Frau nehmen will, soll er das offen sagen, anstatt mit ihr herumzuturteln.

Bitte schick mehr Regen. Der Boden ist so trocken geworden. Und dann sind da diese Käfer, die an den Blättern fressen. Bitte vertreibe sie!

Abel hat bestimmt ein schlechtes Gewissen. Schau, Gott, wie er da vor dem Altar kniet und die Augen zusammenkneift. Er will dich einlullen, lass das nicht zu! Er muss lernen, dir zu gehorchen.

Feuer vom Himmel! Du entzündest sein totes Lamm? Aber dann musst du auch meine Feldfrüchte –

Du kannst doch nicht sein Opfer annehmen und meines verschmähen! Gott? Ich bin der Fleißige von uns Brüdern! Ich versorge treu die Familie!

Dieser Winselknabe, dieser Einschmeichler, dieser tückische Hund!

Warum bist du zornig?

Das fragst du mich, Gott? Du fragst mich, warum ich zornig bin?