Verlag: ROWOHLT E-Book Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2015

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E-Book-Beschreibung Die Straße - Cormac McCarthy

Die Welt nach dem Ende der WeltEin Mann und ein Kind schleppen sich durch ein verbranntes Amerika. Nichts bewegt sich in der zerstörten Landschaft, nur die Asche schwebt im Wind. Es ist eiskalt, der Schnee schimmert grau. Sie haben kaum etwas bei sich: ihre Kleider am Leib, einen Einkaufswagen mit der nötigsten Habe und einen Revolver mit zwei Schuss Munition. Ihr Ziel ist die Küste, obwohl sie nicht wissen, was sie dort erwartet. Die Geschichte der beiden ist eine düstere Parabel auf das Leben, und sie erzählt von der herzzerreißenden Liebe eines Vaters zu seinem Sohn.

Meinungen über das E-Book Die Straße - Cormac McCarthy

E-Book-Leseprobe Die Straße - Cormac McCarthy

Cormac McCarthy

Die Straße

Roman

Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl

Informationen zum Buch

Die Welt nach dem Ende der Welt

Ein Mann und ein Kind schleppen sich durch ein verbranntes Amerika. Nichts bewegt sich in der zerstörten Landschaft, nur die Asche schwebt im Wind. Es ist eiskalt, der Schnee schimmert grau. Sie haben kaum etwas bei sich: ihre Kleider am Leib, einen Einkaufswagen mit der nötigsten Habe und einen Revolver mit zwei Schuss Munition. Ihr Ziel ist die Küste, obwohl sie nicht wissen, was sie dort erwartet. Die Geschichte der beiden ist eine düstere Parabel auf das Leben, und sie erzählt von der herzzerreißenden Liebe eines Vaters zu seinem Sohn.

Informationen zum Autor

Cormac McCarthy wurde 1933 in Rhode Island geboren und wuchs in Knoxville, Tennessee, auf. Für sein literarisches Werk wurde er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Pulitzerpreis und dem National Book Award. Die amerikanische Kritik feierte «Die Straße» als «das dem Alten Testament am nächsten kommende Buch der Literaturgeschichte» (Publishers Weekly). Das Buch gelangte auf Platz 1 der New-York-Times-Bestsellerliste und verkaufte sich weltweit mehr als eine Million Mal. Mehrere von McCarthys Büchern wurden bereits aufsehenerregend verfilmt, «Kein Land für alte Männer» von den Coen-Brüdern, «Der Anwalt» von Ridley Scott und «Ein Kind Gottes» von James Franco.

Weitere Veröffentlichungen

Die Abendröte im Westen

All die schönen Pferde

Border-Trilogie

Grenzgänger

Draußen im Dunkel

Kein Land für alte Männer

Verlorene

Der Anwalt

Ein Kind Gottes

Land der Freien

Dieses Buch ist John Francis McCarthy gewidmet

Wenn er im Dunkel und in der Kälte der Nacht im Wald erwachte, streckte er den Arm aus, um das Kind zu berühren, das neben ihm schlief. Nächte, deren Dunkel alle Dunkelheit überstieg, und jeder Tag grauer als der vorangegangene. Wie das Wachstum eines kalten Glaukoms, das die Welt verdüsterte. Mit jedem kostbaren Atemzug hob und senkte sich weich seine Hand. Er schob die Plastikplane weg, richtete sich zwischen den stinkenden Fell- und Wolldecken auf und hielt Richtung Osten nach einer Spur von Licht Ausschau, aber es war nichts zu sehen. In dem Traum, aus dem er erwacht war, hatte er, von dem Kind an der Hand geführt, eine Höhle durchstreift. Das Licht ihrer Lampe spielte über die feuchten Sinterwände. Wie Pilger in einer Sage, von einem Granitungeheuer verschlungen und zwischen seinen inneren Organen verirrt. Tiefe Steinschächte, in denen das Wasser tropfte und sang, in der Stille ohne Unterlass die Minuten der Erde schlug, ihre Stunden, Tage und Jahre. Bis sie in einer großen Steinhalle standen, in der ein schwarzer, alter See lag. Und am anderen Ufer ein Lebewesen, das sein triefendes Maul aus dem Travertinbecken hob und mit toten Augen, weiß und blind wie Spinneneier, ins Licht starrte. Es schwang den Kopf tief über das Wasser, wie um Witterung von dem aufzunehmen, was es nicht sah. Kauerte dort bleich und nackt und durchscheinend, seine Alabasterknochen als Schatten auf die Felsen dahinter geworfen. Seine Eingeweide, sein schlagendes Herz. Das Gehirn, das in einer Glocke aus stumpfem Glas pulsierte. Es schwang den Kopf hin und her, stieß dann ein leises Ächzen aus, drehte sich um, wankte davon und verschwand lautlos im Dunkel.

Beim ersten grauen Licht stand er auf, ließ den Jungen schlafen und ging auf die Straße, wo er sich niederhockte und die Landschaft im Süden musterte. Öde, stumm, gottverlassen. Er meinte, es sei Oktober, doch er war sich nicht sicher. Er hatte schon seit Jahren keinen Kalender mehr geführt. Sie zogen Richtung Süden. Noch ein Winter hier war nicht zu überleben.

Als es hell genug wurde, um das Fernglas zu benutzen, suchte er das unter ihm liegende Tal ab. Alles verblasste in die Düsterkeit. Über dem Asphalt flog in lockeren Wirbeln die weiche Asche. Er musterte, was er sehen konnte. Die Straßenabschnitte dort unten zwischen den toten Bäumen. Er hielt nach Farbigem Ausschau. Nach irgendeiner Bewegung. Irgendeiner Spur von stehendem Rauch. Er senkte das Fernglas, zog sich den Baumwollmundschutz vom Gesicht, wischte sich mit dem Handrücken die Nase und suchte dann erneut die Landschaft ab. Dann saß er, in der Hand das Fernglas, einfach nur da und sah zu, wie das aschene Tageslicht über dem Land gerann. Er wusste nur, dass das Kind seine Rechtfertigung war. Er sagte: Wenn er nicht das Wort Gottes ist, hat Gott nie gesprochen.

Der Junge schlief noch, als er zurückkam. Er zog die blaue Plastikplane von ihm herunter, faltete sie zusammen, trug sie zu dem Einkaufswagen, verstaute sie und kam mit ihren Tellern, ein paar Maismehlfladen in einer Plastiktüte und einer Plastikflasche mit Sirup zurück. Er breitete die kleine Plane, die sie als Tisch benutzten, auf den Boden, legte alles darauf aus, zog den Revolver aus seinem Gürtel, legte ihn ebenfalls auf das Tuch und sah dann einfach dem Jungen beim Schlafen zu. Der Junge hatte sich in der Nacht den Mundschutz abgestreift, der irgendwo zwischen den Decken vergraben war. Er sah dem Jungen zu und blickte dabei immer wieder zwischen den Bäumen hindurch in Richtung Straße. Das war kein sicherer Ort. Nun, da es Tag war, konnte man sie beide von der Straße aus sehen. Der Junge drehte sich zwischen den Decken herum. Dann schlug er die Augen auf. Hi, Papa, sagte er.

Ich bin da.

Ich weiß.

Eine Stunde später waren sie unterwegs. Er schob den Wagen, und sowohl er als auch der Junge trugen Rucksäcke. Die Rucksäcke enthielten Wesentliches. Falls sie den Wagen aufgeben und sich aus dem Staub machen mussten. Am Griff des Wagens war ein verchromter Motorradspiegel befestigt, mit dem er die Straße hinter ihnen im Auge behielt. Er rückte seinen Rucksack zurecht und blickte hinaus auf das verwüstete Land. Die Straße war leer. Unten in dem kleinen Tal die noch graue Schlangenlinie eines Flusses. Reglos und präzise. Entlang dem Ufer ein Packen toten Schilfs. Geht’s dir gut?, fragte er. Der Junge nickte. Dann marschierten sie im stahlgrauen Licht die Asphaltstraße entlang, schlurften durch die Asche, jeder die ganze Welt des anderen.

Sie überquerten den Fluss auf einer alten Betonbrücke und stießen ein paar Kilometer weiter auf eine Tankstelle, die sie von der Straße aus in Augenschein nahmen. Ich finde, wir sollten sie uns mal genauer ansehen, sagte der Mann. Einen Blick hineinwerfen. Das Unkraut, das sie durchwateten, zerfiel um sie herum zu Staub. Sie überquerten das Vorfeld aus rissigem Asphalt und fanden den Tank für die Zapfsäulen. Der Deckel war verschwunden, und der Mann ließ sich auf alle viere nieder, um an dem Stutzen zu riechen, aber der Benzingeruch war nur noch zu erahnen, schwach und schal. Er stand auf und ließ seinen Blick über das Gebäude wandern. Die Schläuche der Zapfsäulen waren merkwürdigerweise noch ordentlich eingehängt. Die Fenster unversehrt. Das Tor zur Werkstatt stand offen, und er ging hinein. An einer Wand ein Werkzeugschrank aus Blech. Er durchsuchte die Schubladen, aber es war nichts darin, was er gebrauchen konnte. Gute Schraubendrehereinsätze. Eine Ratsche. Er sah sich in der Werkstatt um. Ein Metallfass voller Abfall. Er ging ins Büro. Überall Staub und Asche. Der Junge stand in der Tür. Ein Schreibtisch aus Metall, eine Registrierkasse. Ein paar alte Reparaturhandbücher, aufgequollen und nass. Wegen des undichten Dachs war das Linoleum fleckig und wellte sich. Er ging zum Schreibtisch hinüber und verharrte einen Moment lang. Dann nahm er den Hörer ab und wählte die Nummer seines Vaters aus jener lang vergangenen Zeit. Der Junge sah ihm zu. Was machst du da?, fragte er.

Fünfhundert Meter weiter blieb er stehen und blickte zurück. Wir denken nicht nach, sagte er. Wir müssen zurück. Er schob den Wagen von der Straße und kippte ihn um, sodass er nicht mehr zu sehen war, sie legten ihre Rucksäcke ab und gingen zu der Tankstelle zurück. In der Werkstatt zerrte er die Metalltonne mit dem Abfall von der Wand, kippte sie um und sortierte sämtliche Plastik-Ölflaschen aus. Dann saßen sie auf dem Boden und ließen den Bodensatz aus den leeren Flaschen ab, indem sie eine nach der anderen verkehrtherum in einen Topf stellten, bis sie am Ende fast einen Viertelliter Motoröl gewonnen hatten. Er schraubte den Plastikdeckel fest, wischte die Flasche mit einem Lappen ab und wog sie in der Hand. Öl für ihre kleine Funzel, um die langen grauen Morgen- und Abenddämmerungen zu erhellen. Dann kannst du mir eine Geschichte vorlesen, sagte der Junge. Oder, Papa? Ja, sagte er.

Auf der anderen Seite des Flusstals führte die Straße durch völlig verbranntes schwarzes Gelände. In alle Richtungen erstreckten sich verkohlte, astlose Baumstümpfe. Asche wehte über die Straße, und von den geschwärzten Strommasten hingen wie schlaffe Hände abgerissene Kabel und wimmerten dünn im Wind. Auf einer Lichtung ein abgebranntes Haus, dahinter ein Streifen Weideland, öde und grau, und ein nackter roter Erdwall von einer verlassenen Baustelle. Weiter weg Reklametafeln, die für Motels warben. Alles, wie es einmal gewesen war, nur verblichen und verwittert. Auf der Hügelkuppe standen sie in Kälte und Wind und verschnauften. Er sah den Jungen an. Alles in Ordnung, sagte der Junge. Der Mann legte ihm die Hand auf die Schulter und deutete mit einer Kopfbewegung zu dem offenen Land hin, das unter ihnen lag. Er nahm das Fernglas aus dem Wagen und suchte die Ebene dort unten ab, wo sich im Grau der Umriss einer Stadt erhob wie eine auf die Einöde geworfene Kohleskizze. Nichts zu sehen. Kein Rauch. Darf ich mal schauen?, fragte der Junge. Ja. Natürlich. Der Junge stützte sich auf den Wagen und stellte die Schärfe nach. Was siehst du?, fragte der Mann. Nichts. Er senkte das Fernglas. Es regnet. Ja, sagte der Mann. Ich weiß.

Sie ließen den Wagen, mit der Plane abgedeckt, in einer trockenen Rinne und stiegen zwischen den dunklen Stangen der stehengebliebenen Bäume hindurch den Hang hinauf bis zu einer Stelle, wo er ein Felsgesims gesehen hatte, und unter dessen Vorsprung saßen sie und sahen zu, wie die grauen Regenwände über das Tal wehten. Es war sehr kalt. Sie kauerten aneinander, jeder zusätzlich zur Jacke in eine Decke gehüllt, und nach einer Weile hörte es auf zu regnen, und es fielen nur noch vereinzelt Tropfen von den Zweigen.

Als es aufgeklart hatte, gingen sie zu dem Wagen hinunter, zogen die Plane weg und holten ihre Decken und alles, was sie für die Nacht brauchten. Sie stiegen den Hügel wieder hinauf, schlugen auf der trockenen Erde unter den Felsen ihr Lager auf, und der Mann legte die Arme um den Jungen, um ihn zu wärmen. In die Decken gewickelt, sahen sie zu, wie das namenlose Dunkel kam, um sie einzuhüllen. Die grauen Konturen der Stadt verschwanden mit dem Einbruch der Nacht wie eine Erscheinung, und er zündete die kleine Lampe an und stellte sie an eine windgeschützte Stelle. Dann gingen sie auf die Straße hinaus, er nahm den Jungen bei der Hand, sie marschierten bis zur Hügelkuppe, dem höchsten Punkt der Straße, von wo sie über das dunkler werdende Land nach Süden blicken konnten und, im Wind stehend und in ihre Decken gewickelt, nach Anzeichen eines Feuers oder einer Lampe Ausschau hielten. Es war nichts zu sehen. Die Lampe zwischen den Felsen am Hang des Hügels war kaum mehr als ein Lichtpünktchen, und nach einer Weile gingen sie zurück. Alles zu feucht, um ein Feuer zu machen. Sie aßen ihre kärgliche Mahlzeit kalt und legten sich dann, die Lampe zwischen sich, in ihrem Bettzeug nieder. Er hatte das Buch des Jungen mitgenommen, aber der Junge war zu müde für eine Geschichte. Können wir die Lampe anlassen, bis ich eingeschlafen bin?, fragte er. Ja. Natürlich.

Er brauchte lange, um einzuschlafen. Nach einer Weile wandte er sich dem Mann zu und sah ihn an. Sein Gesicht war im trüben Licht vom Regen schwarz gestreift, wie bei einem Schauspieler der alten Welt. Darf ich dich mal was fragen?, sagte er.

Ja. Natürlich.

Werden wir sterben?

Irgendwann schon. Aber jetzt noch nicht.

Gehen wir immer noch nach Süden?

Ja.

Damit wir es warm haben.

Ja.

Okay.

Okay was?

Nichts. Einfach nur okay.

Schlaf jetzt.

Okay.

Ich puste die Lampe aus. Ist das okay?

Ja. Das ist okay.

Und dann später, in der Dunkelheit: Darf ich dich mal was fragen?

Ja. Natürlich.

Was würdest du machen, wenn ich sterben würde?

Wenn du sterben würdest, würde ich auch sterben wollen.

Damit du mit mir zusammen sein kannst?

Ja. Damit ich mit dir zusammen sein kann.

Okay.

Er lag da und lauschte dem im Wald tropfenden Wasser. Muttergestein, das. Die Kälte und die Stille. Die Asche der vorigen Welt von den rauen, irdischen Winden in der Leere hin- und hergeweht. Herangeweht, verstreut und abermals herangeweht. Alles aus seiner Verankerung gelöst. Ohne Halt in der aschenen Luft. Getragen von einem Atemhauch, zitternd und kurz. Wenn nur mein Herz aus Stein wäre.

Er wachte vor Morgengrauen auf und sah zu, wie der graue Tag anbrach. Langsam und halb undurchsichtig. Während der Junge noch schlief, stand er auf, zog sich seine Schuhe an und marschierte, in seine Decke gewickelt, zwischen die Bäume. Er stieg in einen Felsspalt ab, wo er sich hustend zusammenkrümmte und lange Zeit weiterhustete. Dann kniete er einfach in der Asche. Er hob das Gesicht dem erblassenden Tag entgegen. Bist du da?, flüsterte er. Werde ich dich endlich sehen? Hast du einen Hals, damit ich dich erwürgen kann? Hast du ein Herz? Hol dich der Teufel, hast du eine Seele? O Gott, flüsterte er. O Gott.

Am Mittag des folgenden Tages durchquerten sie die Stadt. Der Revolver lag griffbereit auf der gefalteten Plane oben im Wagen. Er ließ den Jungen dicht neben sich gehen. Die Stadt war größtenteils ausgebrannt. Keinerlei Anzeichen von Leben. Autos auf der Straße mit einer Aschenkruste überzogen, alles von Asche und Staub bedeckt. Im getrockneten Schlick Fossilien. In einem Eingang ein ledrig mumifizierter Leichnam. Der dem Tag eine Grimasse schnitt. Er zog den Jungen näher an sich heran. Vergiss nicht, dass das, was du in deinen Kopf lässt, für immer dort bleibt. Vielleicht denkst du mal darüber nach.

Aber manches vergisst man doch, oder?

Ja. Was man behalten will, vergisst man, und was man vergessen will, behält man.

Eine Meile von der Farm seines Onkels entfernt gab es einen See, wo sein Onkel und er im Herbst Feuerholz zu holen pflegten. Er saß im Heck des Ruderbootes und ließ seine Hand durch das kalte Kielwasser gleiten, während sein Onkel sich in die Riemen legte. Die Füße des Alten in ihren schwarzen Kinderschuhen gegen die Spanten gestemmt. Sein Strohhut. Die Maiskolbenpfeife zwischen seinen Zähnen und am Pfeifenkopf ein dünner, leicht schwingender Sabberfaden. Er drehte sich nach hinten, um das andere Ufer anzupeilen, klemmte sich die Ruderschäfte unter die Arme und nahm die Pfeife aus dem Mund, um sich mit dem Handrücken das Kinn zu wischen. Das Ufer säumten Birken, die sich bleich wie Gebeine von den Nadelbäumen dahinter abhoben. Der Ufersaum ein Wirrwarr verkrümmter Stümpfe, grau und verwittert, Windbruch eines Jahre zurückliegenden Sturms. Die Bäume selbst waren längst zersägt und als Feuerholz fortgeschafft worden. Sein Onkel wendete das Boot und legte die Ruder ein, und sie trieben über die sandigen Untiefen, bis das Heck im Sand knirschte. Ein toter Flussbarsch trieb bauchoben im klaren Wasser. Gelbe Blätter. Sie ließen ihre Schuhe auf den warmen, gestrichenen Brettern, zogen das Boot auf den Strand und brachten den an einem Tau befestigten Anker aus. Ein mit Beton ausgegossener Schweinefetteimer mit einem Ringbolzen in der Mitte. Sie gingen am Ufer entlang, während sein Onkel, ein zusammengerolltes Seil über der Schulter, die Baumstümpfe in Augenschein nahm und dabei seine Pfeife paffte. Er suchte einen aus, und sie wälzten ihn, die Wurzeln als Hebel nutzend, so lange herum, bis er halb im Wasser schwamm. Die Hosen bis zu den Knien aufgekrempelt, aber sie wurden trotzdem nass. Sie befestigten das Seil an einer Klampe am Heck des Bootes und ruderten über den See zurück, zogen den Stumpf langsam ruckend hinter sich her. Da war es schon Abend. Nur das langsame, regelmäßige Knarren und Schurren der Dollen. Der See dunkles Glas, und am Ufer gingen Fensterlichter an. Irgendwo ein Radio. Keiner von ihnen hatte ein Wort gesagt. Das war der vollkommene Tag seiner Kindheit. Der Tag, dem es nachzueifern galt.

In den folgenden Tagen und Wochen hielten sie sich weiterhin südlich. Einsam und hartnäckig. Unwirtliches Hügelland. Aluminiumverkleidete Häuser. Zuweilen konnten sie zwischen den kahlen Beständen von Nachwuchsholz hindurch Abschnitte des Interstate Highway sehen. Kalt, und es wurde immer kälter. Unmittelbar hinter dem hohen Sattel in den Bergen blieben sie stehen und blickten hinaus über die große Kluft nach Süden, wo das Land, so weit das Auge reichte, abgebrannt war: Geschwärzte Felsformationen ragten aus den Aschebänken, Ascheschwaden wallten auf und wehten durch die Einöde Richtung Flachland. Hinter der Düsternis zog die stumpfe Sonne kaum sichtbar ihre Bahn.

Sie brauchten Tage, um dieses kauterisierte Gelände zu durchqueren. Der Junge hatte ein paar Buntstifte gefunden und seinen Mundschutz mit Fangzähnen versehen, und er trottete, ohne zu klagen, dahin. Eines der Vorderräder des Wagens hatte zu eiern angefangen. Was tun? Nichts. Wo alles vor ihnen zu Asche verbrannt war, ließ sich kein Feuer machen, und die Nächte waren länger, dunkler und kälter als alles, was sie bisher erlebt hatten. Eine Kälte, die Steine zerspringen ließ. Einen das Leben kosten konnte. In der Schwärze drückte er den zitternden Jungen an sich und zählte jeden zarten Atemzug.

Er erwachte zu fernem Donnergrollen und setzte sich auf. Überall um ihn herum schwaches Licht, zitternd und ursprungslos, im Gestöber von Rußflocken gebrochen. Er zog die Plane um sie beide und lag lange Zeit lauschend wach. Falls sie nass wurden, konnten sie kein Feuer machen, um sich daran zu trocknen. Falls sie nass wurden, würden sie wahrscheinlich sterben.

Die Schwärze, in der er in jenen Nächten erwachte, war blind und undurchdringlich. Eine Schwärze, dass einen vom Lauschen die Ohren schmerzten. Oft musste er aufstehen. Kein Geräusch außer dem Wind zwischen den kahlen, geschwärzten Bäumen. Er stand auf und stand wankend in diesem kalten, sich selbst genügenden Dunkel, die Arme ausgestreckt, um das Gleichgewicht zu halten, während der Vestibularapparat in seinem Schädel seine Berechnungen anstellte. Eine alte Chronik. Um die Senkrechte zu ermitteln. Kein Sturz, dem nicht eine Abweichung vorausginge. Er machte große Marschierschritte in das Nichts, zählte sie ab, um wieder zurückzufinden. Mit geschlossenen Augen und rudernden Armen. Senkrecht wozu? Zu etwas Namenlosem in der Nacht, Erzgang oder Grundmasse. Dessen gemeinsamer Satellit er und die Sterne waren. Wie das große Pendel in seiner Rotunde, das den langen Tag hindurch Bewegungen des Universums verzeichnet, von dem es, kann man sagen, nichts weiß und doch, so weiß man, wissen muss.

Sie brauchten zwei Tage, um dieses aschig verschorfte Terrain zu durchqueren. Die Straße dahinter verlief entlang einem Hügelkamm, von dem beidseits ödes Waldland abfiel. Es schneit, sagte der Junge. Er blickte zum Himmel auf. Eine einzige graue Flocke schwebte herab. Er fing sie mit der Hand und sah zu, wie sie darauf zerging wie die letzte Hostie der Christenheit.

Sie gingen weiter, die Plane über sich gezogen. Die feuchten grauen Flocken wirbelten und rieselten aus dem Nichts. Am Straßenrand grauer Matsch. Unter den durchweichten Ascheverwehungen rann schwarzes Wasser hervor. Auf den fernen Kämmen keine Freudenfeuer mehr. Die Blutsekten, dachte er, müssen sich allesamt gegenseitig vertilgt haben. Niemand war auf dieser Straße unterwegs. Keine Straßenräuber, keine Marodeure. Nach einer Weile kamen sie zu einer Autowerkstatt an der Straße, stellten sich in der offenen Tür unter und schauten hinaus auf den grauen Schneeregen, der in Böen vom Hochland herabwehte.

Sie suchten ein paar alte Holzkisten zusammen und entzündeten auf dem Boden ein Feuer, und er fand ein paar Werkzeuge, leerte den Wagen und machte sich an dem Rad zu schaffen. Er zog den Bolzen, bohrte mit einem Handbohrer den Innenring aus und setzte eine neue Buchse ein, ein Stück Rohr, das er mit einer Metallsäge auf die passende Länge zugeschnitten hatte. Dann schraubte er alles wieder zusammen, stellte den Wagen auf die Räder und schob ihn über den Boden. Er lief ziemlich rund. Der Junge saß da und sah sich alles an.

Am Morgen zogen sie weiter. Wüstes Land. Ein an ein Scheunentor genageltes Bärenfell. Räudig. Strähniger Schwanz. In der Scheune drei an den Balken hängende Leiber, vertrocknet und staubig zwischen den fahlen Lichtstreifen. Hier könnte es was geben, sagte der Junge. Hier könnte es Mais oder so was geben. Gehen wir, sagte der Mann.

Am meisten Sorgen machten ihm ihre Schuhe. Das und das Essen. Immer das Essen. In einem alten, mit Schindeln verkleideten Räucherschuppen fanden sie einen Schinken, der an einem Spriegel in einer hohen Ecke hing. Er sah aus wie etwas aus einer Gruft Gehobenes, ganz vertrocknet und schrumpelig. Er schnitt ihn mit seinem Messer an. Im Inneren tiefrotes und salziges Fleisch. Nahrhaft und gut. An diesem Abend brieten sie ihn in dicken Scheiben über ihrem Feuer, und die Scheiben köchelten sie zusammen mit einer Dose Bohnen. Später wachte er im Dunkeln auf, und ihm war, als habe er irgendwo in den flachen dunklen Hügeln Ochsenfelltrommeln schlagen hören. Dann drehte der Wind, und es herrschte nur noch Stille.

In Träumen kam aus einem grünbelaubten Baldachin seine bleiche Braut zu ihm. Ihre Brustwarzen mit Pfeifenton geweißt, die Rippen weiß bemalt. Sie trug ein hauchdünnes Kleid, und ihr dunkles Haar war mit Elfenbein- und Perlmuttkämmen aufgesteckt. Ihr Lächeln, ihre niedergeschlagenen Augen. Am Morgen schneite es wieder. Kleine graue Eisperlen auf die Stromkabel über ihnen aufgezogen.

Er misstraute alledem. Er sagte, die richtigen Träume für einen Mann in Gefahr seien Träume von Gefahr, und alles andere sei die Lockung der Trägheit und des Todes. Er schlief wenig, und er schlief schlecht. Er träumte, sie gingen durch einen blühenden Wald, wo Vögel vor ihnen herflogen und der Himmel von schmerzhaftem Blau war, aber er lernte, sich aus solchen Sirenenwelten herauszureißen. Und lag dort im Dunkeln, während in seinem Mund der unheimliche Nachgeschmack eines Pfirsichs aus einem Phantomobstgarten schwand. Er dachte, wenn er lange genug lebte, werde die Welt endlich ganz und gar untergehen. Werde, wie die sterbende Welt, welche die frisch Erblindeten bewohnen, langsam ganz aus dem Gedächtnis schwinden.

Aus Tagträumen unterwegs gab es kein Erwachen. Er trottete weiter. Er hatte von ihr noch alles in Erinnerung, außer ihrem Geruch. Wie er neben ihr in einem Theater saß, vorgebeugt, um der Musik zu lauschen. Goldene Voluten und Wandleuchter und zu beiden Seiten der Bühne die hohen, säulenartigen Falten der Vorhänge. Sie hielt seine Hand in ihrem Schoß, und durch den dünnen Stoff ihres Sommerkleides konnte er den oberen Rand ihrer Strümpfe fühlen. Dieses Bild bewahren. Und nun schick ruhig deine Dunkelheit und Kälte, und der Teufel soll dich holen.

Aus zwei alten Besen, die er gefunden hatte, bastelte er ein Räumgerät, das er mit Draht vor den Rädern des Wagens befestigte, um Hindernisse zu beseitigen, dann setzte er den Jungen in den Korb, stellte sich wie der Führer eines Hundeschlittens auf die hintere Querstange, und sie fuhren hügelabwärts, wobei sie den Wagen in den Kurven wie Schlittenfahrer durch Verlagerung ihres Körpergewichts lenkten. Es war seit langem das erste Mal, dass er den Jungen lächeln sah.

Auf der Hügelkuppe beschrieb die Straße eine Kurve, in der sich eine Haltebucht befand. Ein alter Pfad, der in den Wald führte. Sie gingen ihn ein Stück, setzten sich auf eine Bank und blickten hinaus über das Tal, wo das Land sich sanft gewellt in grießigem Nebel verlor. Weiter unten ein See. Kalt, grau und schwer in dem leergefegten Becken der Landschaft.

Was ist das da, Papa?

Das ist ein Damm.

Wozu ist der?

Er hat den See entstehen lassen. Bevor sie den Damm gebaut haben, war da unten bloß ein Fluss. Das Wasser, das durch den Damm fließt, hat große Ventilatoren angetrieben, die man Turbinen nennt, und die haben Strom erzeugt.

Um Licht zu machen.

Ja. Um Licht zu machen.

Können wir hinuntergehen und ihn uns anschauen?

Ich glaube, das ist zu weit.

Wird der Damm noch lange da sein?

Ich denke schon. Er besteht aus Beton. Wahrscheinlich wird er noch Hunderte von Jahren da sein. Vielleicht sogar Tausende.

Meinst du, es könnte im See Fische geben?

Nein. Im See gibt es nichts.

In jener lang vergangenen Zeit hatte er irgendwo hier ganz in der Nähe zugesehen, wie ein Falke die lange blaue Wand des Berges herabgestürzt war, mit dem Kiel seines Brustbeins aus einem Zug Kraniche das innerste Tier herausgeschossen und es zum Fluss hinuntergetragen hatte, ein schlackerndes, knochenloses Bündel, das durch die stille Herbstluft eine Spur aus losen, taumelnden Federn zog.

Die körnige Luft. Deren Geschmack einem nie aus dem Mund ging. Sie standen im Regen wie Tiere auf dem Bauernhof. Dann gingen sie weiter, hielten im eintönigen Geniesel die Plane über sich. Ihre Füße waren nass und kalt, und ihre Schuhe gingen kaputt. Auf den Hängen altes Getreide, tot und niedergedrückt. Die öde Kammlinie im Regen rau und schwarz.

Und die Träume so farbenreich. Wie sonst würde der Tod einen locken? Beim Erwachen im kalten Morgendämmer wurde alles sofort zu Asche. Wie alte, jahrhundertelang in Grabkammern verborgene Fresken, die plötzlich dem Tageslicht ausgesetzt werden.

Es klarte auf, und sie gelangten mit der Kälte endlich in das breite, tiefgelegene Flusstal, das zusammengestückelte Ackerland noch erkennbar, alles entlang dem öden Schwemmland tot bis auf die Wurzeln. Sie trotteten auf der Straße weiter. Große, mit Schindeln verkleidete Häuser. Dächer aus maschinengewalztem Blech. Auf einem Feld eine Holzscheune mit einer verblassten Reklame in drei Meter hohen Buchstaben auf der Dachschräge. Besuchen Sie Rock City.

Die Hecken am Straßenrand hatten sich in Reihen schwarzer, verkrümmter Dornensträucher verwandelt. Kein Anzeichen von Leben. Er ließ den Jungen mit dem Revolver in der Hand auf der Straße zurück, stieg ein paar alte Kalksteinstufen hinauf, ging die Veranda des Farmhauses entlang und spähte durch die Fenster. Er verschaffte sich durch die Küche Einlass. Auf dem Boden Müll, alte Zeitungen. Porzellan in einem Vitrinenschrank, Tassen an ihren Haken. Er ging den Flur entlang und blieb in der Tür zum Wohnzimmer stehen. In der Ecke stand ein altes Harmonium. Ein Fernseher. Billige Polstermöbel zusammen mit einer alten Chiffoniere aus Kirschholz. Er stieg die Treppe hinauf und machte einen Gang durch die Schlafzimmer. Alles mit Asche bedeckt. Ein Kinderzimmer, auf der Fensterbank ein Plüschhund, der in den Garten hinausblickte. Er durchsuchte die Schränke. Er zog die Betten ab, und seine Ausbeute waren zwei gute Wolldecken, mit denen er die Treppe hinunterging. In der Speisekammer standen drei Gläser mit eingemachten Tomaten. Er blies den Staub von den Deckeln und nahm sie genauer in Augenschein. Jemand vor ihm hatte ihnen nicht getraut, und am Ende tat auch er es nicht, ging mit den Decken über der Schulter hinaus, und sie machten sich wieder auf den Weg die Straße entlang.

Am Stadtrand kamen sie zu einem Supermarkt. Auf dem mit Abfall übersäten Parkplatz ein paar alte Autos. Sie ließen ihren Einkaufswagen draußen stehen und gingen durch die vermüllten Gänge. In der Obst- und Gemüseabteilung fanden sie auf dem Boden der Behälter ein paar alte grüne Bohnen und einige längst zu schrumpeligen Abbildern ihrer selbst vertrocknete Aprikosen. Der Junge folgte ihm auf Schritt und Tritt. Sie schoben sich durch die Hintertür hinaus. In der Gasse hinter dem Supermarkt ein paar Einkaufswagen, alle stark verrostet. Sie gingen erneut durch den Laden, um einen anderen Wagen zu finden, aber es gab keinen. Am Eingang befanden sich zwei Limonadenautomaten, die auf den Boden gekippt und mit einer Brechstange aufgestemmt worden waren. Überall in der Asche Münzen. Er ging in die Hocke und fuhr mit der Hand durch das Innere der ausgeweideten Maschinen, und in der zweiten schloss sie sich um einen kalten Metallzylinder. Er zog die Hand langsam zurück und hatte eine Coca-Cola-Dose vor sich.

Was ist das, Papa?

Was Feines. Für dich.

Was ist das?

Hier. Setz dich.

Er lockerte die Trageriemen am Rucksack des Jungen, stellte die Last hinter ihm auf dem Boden ab, schob den Daumennagel unter die Aluminiumlasche im Deckel der Dose und öffnete sie. Er hielt die Nase in das aus der Dose dringende leichte Perlen und reichte sie dann dem Jungen. Na los, sagte er.

Der Junge nahm die Dose. Das sprudelt, sagte er.

Na los.

Er sah seinen Vater an, dann kippte er die Dose und trank. Er überlegte einen Moment. Es schmeckt richtig gut, sagte er.

Ja.

Trink auch was, Papa.

Ich möchte, dass du es trinkst.

Trink auch was.

Er nahm die Dose, trank einen kleinen Schluck und reichte sie zurück. Trink du es, sagte er. So lange bleiben wir einfach hier sitzen.

Weil ich nie mehr eine andere zu trinken kriege, stimmt’s?

Nie mehr ist eine lange Zeit.

Okay, sagte der Junge.

In der Abenddämmerung des nächsten Tages waren sie in der Stadt. Die langen Betonbögen der Interstate-Kreuze vor der fernen Düsternis wie die Ruinen eines riesigen Lachkabinetts. Er trug den Revolver vorne im Gürtel und hatte den Reißverschluss seines Parkas nicht zugezogen. Überall mumifizierte Tote. Das Fleisch entlang den Knochen aufgeplatzt, die Bänder zu Riemen vertrocknet und straff wie Drähte. Verschrumpelt und ausgemergelt wie Moorleichen der letzten Tage, ihre Gesichter wie gekochte Rohbaumwolle, ihre Zähne ein gelbes Staket. Wie Pilger irgendeines einfachen Ordens waren sie allesamt barfuß, denn ihre Schuhe waren längst gestohlen.

Sie gingen weiter. Im Rückspiegel hielt er ständig nach hinten Ausschau. Das Einzige, was sich auf den Straßen bewegte, war die wehende Asche. Sie gingen über die hohe Betonbrücke, die den Fluss überspannte. Unten eine Hafenanlage. Kleine, halb im Wasser versunkene Vergnügungsboote. Flussabwärts hohe Schornsteine, trübe im Ruß.

Am nächsten Tag stießen sie ein paar Meilen südlich der Stadt auf ein halb im toten Gestrüpp verborgenes, altes Holzrahmenhaus mit Kaminen, Giebelfenstern und einer Steinmauer. Der Mann blieb stehen. Dann schob er den Wagen die Einfahrt hinauf.

Was ist das hier, Papa?

Das ist das Haus, in dem ich aufgewachsen bin.

Der Junge betrachtete es. Von den unteren Wänden waren die Holzschindeln mit dem abblätternden Anstrich weitgehend abgebrochen und als Feuerholz verwendet worden, sodass die Pfosten und die Isolierung freilagen. Das verrottete Fliegengitter der hinteren Veranda lag auf der Betonterrasse.

Gehen wir hinein?

Warum nicht?

Ich habe Angst.

Willst du denn nicht sehen, wo ich mal gewohnt habe?

Nein.

Es passiert nichts.

Es könnte jemand da sein.

Das glaube ich nicht.

Aber wenn doch?

Er blickte zum Giebelfenster seines früheren Zimmers auf. Dann sah er den Jungen an. Willst du hier warten?

Nein. Das sagst du immer.

Tut mir leid.

Ich weiß. Aber du machst es trotzdem.

Sie legten ihre Rucksäcke ab, ließen sie auf der Terrasse stehen, wateten durch den Abfall auf der Veranda und schoben sich in die Küche. Der Junge hielt sich an seiner Hand fest. Alles weitgehend so, wie er es in Erinnerung hatte. Die Zimmer leer. In dem kleinen, vom Esszimmer abgehenden Raum ein nacktes, eisernes Bettgestell, ein Klapptisch aus Metall. In dem kleinen Kamin noch derselbe gusseiserne Rost. Die Kiefernholzvertäfelung war von den Wänden verschwunden, so dass das Futterholz bloßlag. Mit dem Daumen ertastete er im gestrichenen Holz des Kaminsimses die Löcher von Reißnägeln, die vor vierzig Jahren Strümpfe gehalten hatten. Hier haben wir Weihnachten gefeiert, als ich ein Kind war. Er drehte sich um und schaute hinaus auf die Einöde des Gartens. Ein Gewirr toten Flieders. Der Umriss einer Hecke. In kalten Winternächten, wenn bei Sturm der Strom ausgefallen ist, haben wir hier am Kamin gesessen, meine Schwestern und ich, und unsere Hausaufgaben gemacht. Der Junge sah ihm zu. Sah Schemen, die er nicht sehen konnte, von ihm Besitz ergreifen. Wir sollten gehen, Papa, sagte er. Ja, sagte der Mann. Aber er tat es nicht.

Sie gingen durch das Esszimmer, wo der Schamottestein im Herd noch so gelb war wie an dem Tag, an dem man ihn gelegt hatte, weil seine Mutter es nicht ertragen konnte, ihn geschwärzt zu sehen. Der Boden von Regenwasser gewellt. Im Wohnzimmer die Knochen eines kleinen Tiers, zerstückelt und zu einem Häufchen geschichtet. An der Tür ein Trinkglas. Der Junge packte ihn an der Hand. Sie stiegen die Treppe hinauf und gingen den Flur entlang. Auf dem Boden standen kleine, feuchte Gipskegel. Die Holzlatten der Decke lagen frei. Er stand in der Tür seines Zimmers. Ein kleines Kabuff unter dem First. Hier habe ich geschlafen. Mein Bett stand an der Wand da. Nachts zu Tausenden die Träume einer Kinderphantasie zu träumen, herrliche oder schreckliche Welten, doch niemals die, die sein würde. Als er die Schranktür öffnete, rechnete er halb damit, seine Kindersachen vorzufinden. Vom Dach fiel rohes, kaltes Tageslicht ein. Grau wie sein Herz.

Wir sollten gehen, Papa. Können wir jetzt gehen?

Ja. Wir können gehen.

Ich habe Angst.

Ich weiß. Es tut mir leid.

Ich habe wirklich Angst.

Schon gut. Wir hätten nicht herkommen sollen.

Drei Nächte später wachte er in den Ausläufern der östlichen Berge in der Dunkelheit auf und hörte etwas kommen. Er hatte beide Hände seitlich neben sich. Der Boden zitterte. Es kam auf sie zu.

Papa?, sagte der Junge. Papa?

Pst. Alles in Ordnung.

Was ist das, Papa?

Es näherte sich, wurde lauter. Alles zitterte. Dann lief es unter ihnen durch wie eine U-Bahn, zog in die Nacht davon und war fort. Der Junge klammerte sich weinend an ihn, den Kopf an seiner Brust vergraben. Pst. Alles in Ordnung.

Ich habe solche Angst.

Ich weiß. Alles in Ordnung. Es ist weg.

Was war das, Papa?

Das war ein Erdbeben. Jetzt ist es weg. Uns kann nichts passieren. Pst.

In jenen ersten Jahren waren die Straßen mit Flüchtlingen bevölkert, die ihre Kleidung wie ein Leichentuch trugen, Mundschutze und Schutzbrillen aufhatten und in ihren Lumpen am Straßenrand saßen wie verarmte Luftschiffer. Ihre Schubkarren mit Ramsch beladen. Leiter- oder Handwagen ziehend. Die Augen hell in ihren Schädeln. Glaubenslose, leere Hülsen von Menschen, die die Landstraßen entlangwankten wie Migranten in einem Fieberland. Die Hinfälligkeit von allem und jedem endlich zutage getreten. Alte, quälende Streitfragen in Nichts und Nacht aufgelöst. Mit dem letzten Exemplar von etwas geht die ganze Gattung zugrunde. Macht das Licht aus und ist weg. Man brauchte sich nur umzuschauen. Nie mehr ist eine lange Zeit. Aber der Junge wusste, was er wusste. Dass nie mehr im Handumdrehen passiert war.

Im grauen Licht des Spätnachmittags saß er am grauen Fenster eines verlassenen Hauses und las alte Zeitungen, während der Junge schlief. Die merkwürdigen Nachrichten. Die wunderlichen Anliegen. Um acht schließt sich die Schlüsselblume. Er betrachtete den schlafenden Jungen. Bringst du es fertig? Wenn es so weit ist? Bringst du es wirklich fertig?