Die Suche nach Sinn - James T. Webb - E-Book

Die Suche nach Sinn E-Book

James T. Webb

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Beschreibung

Intelligente, wissbegierige Idealisten sehen sich häufig mit schmerzvollen Enttäuschungen und quälenden Sinnfragen konfrontiert. Die Suche nach Antworten kann zu einer existenziellen Depression führen. Dieses Buch hilft Betroffenen dabei, sich selbst und ihr Denken zu verstehen, und es zeigt Strategien auf, wie sie ihre Desillusionierung bewältigen und ihren Idealismus in positive, sinnstiftende und erfüllende Bahnen lenken können. •Woher kommt Idealismus? • Neugierige, intelligente Menschen wollen mehr wissen • Desillusionierung und Depression • Bewusstheit und Akzeptanz • Ungesunde und gesunde Coping-Strategien im Umgang mit Illusionen • Hoffnung, Glück und Zufriedenheit • "Eine tiefgründige und einfühlsame Analyse eines wichtigen, häufig unterschätzten Themas. Dieses Buch ist eine hervorragende Ressource für alle hochbegabten Individuen und die Fachleute, die mit ihnen arbeiten." Jerald Grobman, M. D., Psychiatrist and Senior Supervisor of Psychology Interns at Lenox Hill Hospital: Private Practice. New York City

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Seitenzahl: 356

Veröffentlichungsjahr: 2020

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James T. Webb

Die Suche nach Sinn

Intelligenz im Spannungsfeld von Idealismus, Desillusionierung und Hoffnung

Aus dem amerikanischen Englisch von Cathrine Hornung

Die Suche nach Sinn

James T. Webb

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Hogrefe AG

Lektorat Psychologie

Länggass-Strasse 76

3012 Bern

Schweiz

Tel. +41 31 300 45 00

[email protected]

www.hogrefe.ch

Lektorat: Dr. Susanne Lauri

Herstellung: René Tschirren

Umschlagabbildung: Getty Images/AscentXMedia

Umschlag: Claude Borer, Riehen

Satz: Mediengestaltung Meike Cichos, Göttingen

Das vorliegende Buch ist eine Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch. Der Originaltitel lautet „Searching for Meaning: Idealism, Bright Minds, Disillusionment, and Hope“ von James T. Webb. © 2013. All Rights Reserved. Published by arrangement with the original US publisher, Great Potential Press, Inc.

Format: EPUB

1. Auflage 2020

© 2020 Hogrefe Verlag, Bern

(E-Book-ISBN_PDF 978-3-456-95977-1)

(E-Book-ISBN_EPUB 978-3-456-75977-7)

ISBN 978-3-456-85977-4

https://doi.org/10.1024/85977-000

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Anmerkung:

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Widmung

Dieses Buch ist Richard M. Christy gewidmet, meinem ersten Mitbewohner im College, der mein Denken beflügelt hat, und Llewellyn Queener, einem fürsorglichen Professor, der mir geduldig zur Seite gestanden und mir den Weg gewiesen hat, als mein Denken zu sehr schmerzte.

Inhaltsverzeichnis

Widmung

Einführung

Kapitel 1: Die Suche nach Sinn

Von der Illusion zur Desillusionierung

Hohe Intelligenz und Desillusionierung

Die Welt aus der Distanz betrachtet

Desillusionierung, Anderssein und Einsamkeit

Desillusionierung als Chance

Kapitel 2: Idealismus: Woher kommt er, und was macht er mit uns?

Wesentliche Merkmale von Idealismus

Wer wird Idealist?

Probleme, die mit Idealismus einhergehen

Ideale als Illusionen

Kapitel 3: Neugier will befriedigt werden!

Was es heißt, hochintelligent zu sein

Stufen der Moralentwicklung

Erhöhte Sensitivität bei hochintelligenten Kindern und Erwachsenen

Erhöhte intellektuelle Sensitivität

Erhöhte imaginäre Sensitivität

Erhöhte emotionale Sensitivität

Erhöhte sensorische Sensitivität

Erhöhte psychomotorische Sensitivität

Probleme, die durch Hochsensitivität hervorgerufen werden können

Das Streben nach Konsistenz

Intensität und die Suche nach Bedeutung

Erfolg und Sinn im Leben

Kapitel 4: Schwermut, Kummer und Verzweiflung: Die existenzielle Depression

Ein Gefühl von Hilflosigkeit

Depressionen nehmen zu

Depressionen bei Kindern und Jugendlichen

Ursachen von Depression

Vier Risikofaktoren

Verlust, Trauer und Schuld

Idealismus, Perfektionismus und Enttäuschung

Zwischenmenschliche Entfremdung

Existenzielle Depression

Depression und Zorn

Irrationale Überzeugungen

Selbstmanagement

Kapitel 5: Der Sinn des Lebens und existenzielle Fragen

Existenzielle Sichtweisen von der Antike bis heute

Existenzielle Theoretiker in der Psychologie und Psychiatrie

Existenzielle Fragen und intellektuelle Fähigkeiten

Existenzielle Fragen und die Theorie von Dabrowski

Desillusionierung: Der erste Schritt Richtung Weisheit

Weitere psychologische Theorien

Kapitel 6: Bewusstheit und Akzeptanz

Das Johari-Fenster

Ihr persönliches Wappen

Rollen ablegen

Das Awareness-Modell

Sich seiner selbst bewusst werden

Und jetzt?

Das Anderssein wertschätzen

Akzeptanz

Ideale in die Tat umsetzen

Erkenne dich selbst

Wann Sie sich professionelle Hilfe suchen sollten

Schopenhauers Wahrheiten

Kapitel 7: Unwirksame Bewältigungsstrategien, die Illusionen Nahrung geben

Die Wahrheit, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit!

Die Kontrollillusion

Hektische Betriebsamkeit

Passive Ablenkung

Sich an Dinge klammern

Narzisstisches Verhalten

Lernen, keinen Anteil mehr zu nehmen

Drogenkonsum

Die Suche nach dem nächsten Kick

Sich verstellen

Auf Distanz gehen

Wut

Die Illusionen dieser Coping-Stile

Kapitel 8: Gesunde Bewältigungsstrategien jenseits von Illusionen

Schreiben Sie selbst das Drehbuch zu Ihrem Leben

Engagieren Sie sich für eine Sache, die Ihnen wichtig ist

Nutzen Sie Bibliotherapie und führen Sie Tagebuch

Nehmen Sie es mit Humor

Berührung und Verbundenheit

Bauen Sie Beziehungen auf, in denen Sie sich nicht verstellen müssen

Probleme abschotten

Loslassen

Im Hier und Jetzt leben

Optimismus und Resilienz kann man lernen

Die Kontinuität der Generationen

Seien Sie anderen ein Mentor und Lehrer

Der Welleneffekt

Welcher Coping-Stil ist der beste?

Kapitel 9: Hoffnung, Glück und Zufriedenheit

Die Glücksforschung

Eine Richtung wählen und Ziele setzen

Bedeutsame und unterstützende Beziehungen pflegen

Positive Einstellungen und Emotionen kultivieren

Spirituelle Emotionen nähren

Materielle Güter allein machen nicht glücklich

Lebenszufriedenheit lässt sich trainieren

Selbstermächtigung durch die sechs Faktoren

Sinn im Leben finden

Essen Sie den Fisch, aber spucken Sie die Gräten aus

Ihr persönliches Vermächtnis

Das ethische Testament

Mein Vermächtnis an Sie

Danksagungen

Über den Autor

Literatur

Sachwortverzeichnis

|11|Einführung

Während ich an diesem Buch arbeitete, wurde mir klar, dass ich damit gewissermaßen in Vorleistung ging, um eine sehr alte Schuld zu begleichen. Als ich mein Studium am College begann, teilte ich das Zimmer mit einem Kommilitonen, der deutlich älter war als die meisten Studenten, nämlich Mitte dreißig. Da er vor dem Studium beim Militär gewesen war, besaß er viel mehr Lebenserfahrung als ich und war auch um einiges aufgeschlossener, was unterschiedliche Kulturen, Menschen und Lebensentwürfe betraf. Er war ein nachdenklicher Agnostiker. Ich dagegen war im tiefen Süden der Vereinigten Staaten aufgewachsen, in einer konservativen, weitgehend abgeschotteten Kultur mit festen Überzeugungen und entsprechend geringer Toleranz. Meine liebevollen Eltern waren auf traditionelle Weise religiös und lebten ein angepasstes, rechtschaffenes und konventionelles Leben. Mein Vater, ein angesehener Zahnarzt, hatte es zu Wohlstand gebracht, und an den Sonntagen ging die Familie gemeinsam in die Kirche. Ich selbst war in der Jugendgruppe der Kirchengemeinde aktiv und unterrichtete sogar in der Sonntagsschule. Bevor ich aufs College kam, war ich stets der Auffassung gewesen, dass die Lebensweise meiner Familie die richtige war, dass unser Leben so war, wie es sein sollte, und dass unsere Werte, Verhaltensweisen und Weltanschauungen gewissermaßen das gesellschaftliche Nonplusultra waren.

Mein Mitbewohner, dem ich rückblickend zu großem Dank verpflichtet bin, hörte geduldig zu, wenn ich versuchte, ihn von der Richtigkeit meiner beschränkten und traditionellen Ansichten zu überzeugen, und wenn ich Passagen aus der Bibel zitierte, stellte er mir kluge Fragen, die mich dazu bewegten, alte Gewissheiten aus neuen Blickwinkeln zu betrachten. Er sprach mit mir über unterschiedliche Kulturen und die Traditionen verschiedener Gesellschaften und religiöser Gruppierungen und machte mich darauf aufmerksam, dass alle diese Gruppen ihren Lebensentwurf für richtig hielten. Er führte mir die Willkür, die narzisstischen Selbsttäuschungen und die Überheblichkeit im Denken vieler Menschen – mich eingeschlossen – vor Augen. Er gab mir Voltaires Candide zu lesen und führte mich an Philosophen wie Sartre, Nietzsche und Kierkegaard heran. Das alles war ein Schock für mich, denn bis zu jenem Zeitpunkt war ich davon ausgegangen, dass ich die Welt ganz gut verstanden hatte. Aber jetzt wurde mir allmählich klar, dass es keine absoluten Regeln für ein „gutes“ Leben gab und dass die Art und Weise, wie jemand sein Leben lebte, auch vollkommen sinnlos sein konnte. Die wohlwollenden Denkanstöße meines Mitbewohners brachten mein Weltbild ins Wanken, was starke und unangenehme Empfindungen bei mir hervorrief. Am liebsten hätte ich diese neuen Ideen einfach |12|ignoriert, aber nun, da ich mit ihnen in Berührung gekommen war, ließen sie mich nicht mehr los. Ich fing an zu denken.

In den Seminaren wurde ich zudem mit den Arbeiten einiger großer existenzieller Theologen konfrontiert – Paul Tillich (Protestant), Jacques Maritain (Katholik), Martin Buber (Jude), James Pike (Protestant) und Alan Watts (Zen-Buddhist) –, die alle versuchten, das Leben aus religiöser Sicht zu ergründen. Je mehr ich lernte, desto stärker wurde mir bewusst, wie verlogen und heuchlerisch das Leben vieler Menschen um mich herum war. Das idyllisch anmutende Leben meiner Eltern erschien mir mit einem Mal wie eine Farce, ein Sammelsurium von Illusionen, die sich allesamt auf althergebrachten Traditionen und Ritualen gründeten und nur darauf ausgerichtet waren, die Fassade und das gesellschaftliche Ansehen zu wahren. Außerdem wurde mir klar, dass ich mich selbst getäuscht hatte, indem ich diese Überzeugungen und Verhaltensweisen übernommen hatte. Mein Idealismus wurde auf eine harte Probe gestellt. Ich kam mir vor wie ein Betrüger und fühlte mich zugleich selbst betrogen von der unkritischen Selbstgerechtigkeit meiner Eltern, Lehrer, Pfadfinderführer, Seelsorger und all jener, die mir gesagt hatten, wie ich leben sollte. Ich verlor den Halt und wurde depressiv, während ich immer tiefer in einem Sumpf aus Zweifeln, Wut und Enttäuschung versank.

Glücklicherweise nahm sich ein gütiger und fürsorglicher College-Professor meiner an und gab mir die Gelegenheit, über meine Angst und Desillusionierung zu sprechen – andernfalls wäre ich wahrscheinlich implodiert. Dank dieses Professors, der mir in gewisser Weise das Leben gerettet hat, lernte ich allmählich, meine Unzufriedenheit, innere Leere und Depression so zu kanalisieren, dass sie für mich und nicht gegen mich arbeiteten. Ich wechselte zu Psychologie als Hauptfach und erkannte, dass viele Menschen vor mir – jedenfalls viele grüblerische Idealisten – im Laufe der Jahrhunderte mit ähnlichen existenziellen Fragen gerungen hatten. Später wurde mir bewusst, dass viele junge Leute, aber auch Erwachsene, die gleichen Erfahrungen machen und genauso darunter leiden wie ich damals auf dem College.

Ich bin meinem damaligen Mitbewohner und dem Professor zu großem Dank verpflichtet. Ohne es zu ahnen, haben diese beiden Menschen mein privates und berufliches Leben in vielerlei Hinsicht beeinflusst. Manch einer wird sich fragen, ob es nicht besser gewesen wäre, wenn mein Mitbewohner mir meine Illusionen gelassen und mir dadurch den Schmerz der Desillusionierung erspart hätte. Schließlich ist Unwissenheit ein Segen, heißt es. Allerdings wäre ich diesen Fragen im Laufe meines Studiums oder meines Lebens ohnehin begegnet, und vielleicht hätte ich dann nicht das Glück gehabt, einen unterstützenden Freund und einen geduldigen, mitfühlenden Lehrer an meiner Seite zu haben, die mir halfen, mit meinen Ängsten und Zweifeln zurechtzukommen. Viele Menschen müssen diesen Prozess ganz allein durchstehen, was gewiss um einiges härter ist. Vielleicht trifft das auch auf Sie |13|zu. Mit diesem Buch möchte ich Sie bei Ihrer eigenen Sinnsuche und Selbstentdeckung begleiten und hoffe, Ihnen damit eine verständnisvolle, mitfühlende Stimme mit auf den Weg zu geben, die Ihnen dabei hilft, die aufreibenden Unwägbarkeiten besser zu bewältigen.

Sich seiner selbst bewusst zu werden und über die eigene Existenz nachzudenken, kann eine große Herausforderung sein, und es ist ausgesprochen schwierig, in einer derart komplexen und in vielerlei Hinsicht enttäuschenden Welt nicht die Hoffnung zu verlieren. Wohin man auch schaut, überall gibt es Grund zur Desillusionierung. So viele Menschen scheinen von ihrer Familie und ihren Freunden entfremdet zu sein: Sie führen eine unglückliche Ehe; ihre Arbeit ist nicht erfüllend; ihre Kinder sind eine Enttäuschung; sie hegen ein zynisches Misstrauen gegenüber der Politik; sie glauben, dass die Gesellschaft auseinanderfällt; sie fühlen sich machtlos, allein und innerlich leer; sie fragen sich, ob ihr Leben überhaupt irgendeinen Sinn hat. Trotz ihrer Desillusionierung wollen sich die meisten von ihnen aber nicht mit dem eigenen Dasein und der Welt um sie herum befassen, was ich gut verstehen kann. Schließlich ist es keineswegs einfach, sich in diese Abgründe zu begeben, und manchmal ist diese Auseinandersetzung sogar ausgesprochen schmerzvoll. Es erscheint einfacher, diesen Schritt nicht zu tun und sich stattdessen noch mehr zu bemühen, den Alltag irgendwie zu meistern, obwohl das überwältigende Gefühl der Sinnlosigkeit bestehen bleibt. Und wenn man dann doch einmal versucht, den Ursachen von Unzufriedenheit und Depression auf den Grund zu gehen, stellt sich rasch ein tiefes Unbehagen ein. Um dem zu entgehen, werden neue Illusionen geschaffen, die nur dazu dienen, die alten, an denen man schon so lange festhält, zu stärken, obwohl sie sich längst als unwirksam erwiesen haben. Bestimmte Ereignisse zwingen uns regelmäßig dazu, unser eigenes Leben und das der anderen unter die Lupe zu nehmen, und viele Menschen werden dadurch immer wieder auf dieselben Fragen zurückgeworfen, ohne sie je zu beantworten. Dieser Konflikt zwischen Annäherung und Vermeidung ist nichts Ungewöhnliches. Daher verstehe ich, wenn Sie dieses Buch zwischendurch aus der Hand legen und die Lektüre nach einer gewissen „Verschnaufpause“ wieder aufnehmen.

Da wir es mit einem beängstigenden Thema zu tun haben, möchte ich kurz den Aufbau dieses Buches skizzieren, damit Sie selbst entscheiden können, mit welchen Aspekten Sie beginnen möchten. Vielleicht ist es Ihnen lieber, den mittleren Teil, der sich mit philosophischen und psychologischen Konzepten befasst, zunächst zu überspringen. Diese Konzepte sind wichtig, aber für den Umgang mit Ihren alltäglichen Schwierigkeiten vermutlich weniger relevant. Man könnte sagen, sie liefern ein Bild von dem Sumpf, in den Sie sich begeben, zeigen Ihnen aber nicht, wie Sie den Alligatoren ausweichen, die in diesem Sumpf herumschwimmen.

|14|Im ersten Kapitel fasse ich die Ideen zusammen, die für dieses Buch grundlegend sind. In Kapitel 2 geht es um Idealismus und Illusionen. Schließlich setzt eine Desillusionierung voraus, dass man sich vorher Illusionen gemacht hat.

Kapitel 3 legt dar, dass hochintelligente, wissbegierige Menschen nicht nur mit größerer Wahrscheinlichkeit Idealisten sind, sondern auch häufiger desillusioniert werden. Dieses Kapitel befasst sich außerdem mit idealistischen Vorstellungen von einem erfolgreichen Leben.

In Kapitel 4 gehe ich ein schwieriges Thema an: Depression und Verzweiflung. Nicht jeder, der mit existenziellen Fragen ringt, wird automatisch depressiv, aber bei vielen Menschen ist das der Fall. Es ist wichtig, Depressionen zu verstehen, denn sie hängen mit Desillusionierung zusammen.

Während es in Kapitel 3 um Erfolg geht, nimmt Kapitel 5 die persönliche Sinnhaftigkeit in den Blick. Wie der österreichische Psychotherapeut Viktor Frankl in seinem 1946 erstmals veröffentlichten Buch Trotzdem Ja zum Leben sagen bemerkte, können Menschen, die um das „Warum“ ihres Daseins wissen, fast jedes „Wie“ ertragen.1 In diesem Kapitel werden die Arbeiten einiger Philosophen und Psychologen erörtert, die sich mit Sinnsuche im Leben befasst haben. Hier stelle ich auch die wesentlichen Aspekte der Theorie von Kazimierz Dabrowski vor, die für das Verständnis von Desillusionierung und existenzieller Depression besonders relevant ist.

Kapitel 6 beleuchtet Idealismus und Desillusionierung im Kontext bestimmter Lebensphasen. Außerdem zeigt es Möglichkeiten auf, wie wir uns selbst besser kennenlernen und verstehen können – ein äußerst wichtiger Aspekt. Um uns selbst zu mögen und zu akzeptieren, müssen wir erkennen, was wir mögen und akzeptieren wollen.

Die Kapitel 7 und 8 sind für Sie wahrscheinlich besonders relevant, denn sie erörtern den praktischen Umgang mit Desillusionierung und existenziellen Fragen. Aus meiner Sicht sind manche Verhaltensweisen und Aktivitäten in diesem Zusammenhang weniger hilfreich, manche würde ich sogar als gefährlich einstufen. Kapitel 7 ist diesbezüglich aufschlussreich, denn oft sind sich Menschen, die unwirksame oder potenziell schädliche Bewältigungsstrategien anwenden, gar nicht darüber im Klaren, dass ihr Verhalten von Desillusionierung und existenziellen Ängsten gesteuert wird und dass es ihr Leben in hohem Maße einschränkt, ihre Beziehungen zu anderen behindert oder sie ganz allgemein nach unten zieht. Kapitel 8 zeigt Möglichkeiten auf, wie man aus diesem Teufelskreis herausfindet: Die 13 Ansätze, die dort beschrieben werden, haben sich als besonders nützlich erwiesen – sowohl für mich selbst als auch für die Menschen, die ich im Laufe der Jahre beraten habe.

Kapitel 9 ist als Schlussfolgerung konzipiert, wobei es überhaupt nicht leicht für mich war, diesem Anspruch gerecht zu werden, denn eigentlich gibt es bei diesem Thema keine klaren Schlussfolgerungen. Jeder von uns muss für sich selbst entschei|15|den, woraus er Hoffnung schöpft, und jeder muss seinen eigenen Sinn und Weg im Leben finden. Ich hoffe, Sie beschließen – wie es der Motivationstrainer Kevin Elko einmal formuliert hat – „etwas zu tun, das Sie überdauert“!

Ich habe dieses Buch geschrieben, um Ihnen einige Möglichkeiten an die Hand zu geben, die Ihnen bei der Bewältigung Ihrer Desillusionierung helfen und diesen schwierigen Prozess erleichtern können. Viele dieser Leitprinzipien habe ich selbst im Laufe meines Lebens gelernt oder aus Beobachtungen im Kollegen-, Freundes- und Familienkreis gewonnen. Auf andere bin ich während meiner Laufbahn als Psychologe gestoßen. Ich behaupte nicht, dass dieses Buch Antworten auf Ihre Fragen bereithält. Ich habe keine Lösungen für Ihr Leben. Die müssen Sie selbst entdecken. Aber ich kann Sie auf Ihrer Reise begleiten und unterwegs auf einige wichtige Punkte und Details hinweisen. Ich hoffe, dass dieses Buch Ihnen von Nutzen sein wird.

Anmerkungen

1

Viktor E. Frankl (2018) [1946]. Trotzdem Ja zum Leben sagen: Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager. München: Penguin, S. 121–122.

|17|Kapitel 1: Die Suche nach Sinn

Weisheit erwächst aus Enttäuschung.

George Santayana

Wie sonderbar es ist, wenn eine Illusion stirbt. Als hätte man ein Kind verloren.

Judy Garland

Es ist wirklich schwierig, nicht den Mut zu verlieren. Man muss sich selbst ständig was vormachen, und manche Leute sind einfach besser darin, sich zu belügen, als andere. Wenn man die Realität zu nah an sich heranlässt, bringt sie einen um.

Woody Allen

Ich nehme an, dass jeder – oder fast jeder – von Ihnen schon einmal enttäuscht wurde. Womöglich sogar schon öfter im Leben. Vielleicht hat Sie Ihre Ehe enttäuscht, oder Ihre berufliche Laufbahn, ein Elternteil oder ein Kind, Ihre Religion, die Regierung, ein Kollege, eine Freundin … Die Liste lässt sich endlos fortsetzen. In diesem Buch geht es um Enttäuschungen, und darum, wie man mit ihnen umgeht. Es gibt zahlreiche Verhaltensweisen und Denkarten, die dazu beitragen, dass Sie Lebenszufriedenheit und ein Gefühl von Zugehörigkeit entwickeln und Ihren Platz im Universum akzeptieren. Dieses Buch möchte Sie bei diesem Prozess unterstützen.

Desillusionierung im Sinne einer tiefgreifenden Enttäuschung tritt vor allem bei besonders idealistischen Menschen auf, die in ihrem Leben nach Sinn suchen. Je höher die Erwartungen, desto größer die Enttäuschung, wenn sie nicht erfüllt werden. Eine solche Desillusionierung kann auf bestimmte Bereiche beschränkt sein, sie kann aber auch das Leben insgesamt betreffen und mit tiefer Unzufriedenheit, Angst und Depression einhergehen. Wenn Sie zu diesem Buch gegriffen haben, sind Sie wahrscheinlich selbst davon betroffen oder kennen jemanden, bei dem das der Fall ist.

Wenn Sie die Zeitung lesen oder die Nachrichten im Fernsehen sehen, wird rasch deutlich, dass die Welt nicht so ist, wie sie sein sollte. Vielmehr ist überall von Umweltzerstörung, Kriegen, Mord und Totschlag die Rede. Oft wird von Personen berichtet, die anderen wehtun oder aus der Notlage anderer Menschen Profit schlagen. Vertrauens- und Respektpersonen wie Priester, Lehrer oder Eltern erweisen sich als unaufrichtig oder sogar gewalttätig. Wir leben in einer Welt, in der viele |18|Menschen ihrer Verantwortung nicht gerecht werden, in der Unternehmen nur noch mangelhafte Waren produzieren und Qualität nicht gewürdigt wird. Es geht nur darum, möglichst viel Profit herauszuschlagen, ganz gleich, was man damit anrichtet. Die Armen werden immer ärmer, und jeden Tag wird ein Stück unseres Lebensraums zerstört. Kaum jemand scheint davon Notiz zu nehmen. Die Welt ist nicht mehr das, was sie einmal war, als Sie noch ein Kind waren. Es ist keine ideale Welt mehr.

Vielleicht können Sie nachvollziehen, wie die berühmte Schriftstellerin Sylvia Plath die Desillusionierung in ihrem Leben beschrieben hat:

Ich bin nicht so sentimental, wie ich klinge, aber warum zum Teufel wird man in diese glatte Erdbeeren-mit-Sahne-Mutter-Gans-Welt hineinkonditioniert, in eins dieser Alice-im-Wunderland-Märchen, wenn man sowieso auf dem Folterrad landet, kaum daß man älter und sich seiner selbst bewußt wird als Individuum mit einer schwerwiegenden Verantwortlichkeit im Leben? (…) Um auf Partys der Studentenverbindungen zu gehen, wo ein Junge sein Gesicht an deinen Hals preßt oder versucht, dich zu vergewaltigen, wenn es ihm nicht reicht, seine Finger im Fleisch deiner Brüste zu vergraben. Um herauszufinden, daß es eine Million schöner Mädchen gibt (…). Um sich bewußt zu werden, daß man irgendwie mithalten muß, auch wenn man Reichtum und Schönheit nicht für das Höchste hält. (…) Um herauszufinden, daß du vielleicht eine bessere Künstlerin geworden wärst, wenn du in eine Familie wohlhabender Intellektueller hineingeboren worden wärst. Um zu erfahren, daß man eine allgemeingültige Wahrheit nie kennen wird, bloß für den Moment gültige, vergängliche Äußerungen, die auf dich und nur hier und jetzt in deiner gegenwärtigen Geistesverfassung zutreffen. Um zu erfahren, daß Liebe sich nie erfüllen kann.1

Unter intelligenten Menschen mit Idealen ist Desillusionierung keineswegs selten, und sie kann dazu führen, dass sie sich verzweifelt und allein fühlen. Wenn diese Individuen über sich und ihren Platz in der Welt nachdenken, wird ihnen bewusst, wie die Dinge sein könnten und sein sollten. Anfangs glauben sie noch, dass alle anderen ihre idealistischen Vorstellungen und Besorgnisse teilen, aber am Ende fühlen sie sich wie Don Quixote, der gegen Windmühlen kämpft. Manchmal haben sie Glück und treffen auf ein paar wenige idealistische Gleichgesinnte, aber allzu oft fühlen sie sich unverstanden und allein. Viele bekommen zu hören, sie seien „zu was auch immer“, das heißt, ihre Freunde, Familienangehörigen, Ehepartner etc. sagen ihnen immer wieder: „Du bist zu ernst“, „Du machst dir zu viele Gedanken!“, „Du erwartest zu viel von der Welt“, „Du konzentrierst dich zu sehr auf das Negative“, „Du bist zu empfindlich“, „zu idealistisch“, „zu ungeduldig mit anderen“. Desillusionierte Idealisten fühlen sich allein, traurig und leer. Sie zweifeln an sich und der Welt und suchen angestrengt nach Sinn.

|19|Von der Illusion zur Desillusionierung

Der Prozess, der zur Desillusionierung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen führt, läuft meist vorhersehbar ähnlich ab. Jungen Kindern erscheint die Welt einfach und unkompliziert. Sie verlassen sich darauf, dass ihre Eltern für sie da sind. Sie vertrauen darauf, dass ihre Mutter und ihr Vater, die ja alles zu wissen scheinen, sie beschützen, alles, was schiefläuft, wieder hinbekommen, dafür sorgen, dass es ihnen gut geht, und wissen, wie das Leben gelebt werden muss. Die Kinder wissen, dass sie ihren Eltern wichtig sind und von ihnen wertgeschätzt werden. Die Erwartungen und Regeln des Familienalltags sind klar, und das Bewusstsein für die Welt ist mehr oder weniger auf die Kernfamilie beschränkt. Vorausgesetzt, sie leben nicht in einer chaotischen Familie, in der sie keinen Halt finden oder sogar Gewalt erfahren, ist das Leben für die meisten jungen Kinder stimmig, vorhersehbar und emotional ausgeglichen. Sie fühlen sich sicher.

Wenn Kinder in die Schule kommen, werden sie den Anforderungen und Regeln der Lehrer ausgesetzt und erleben zum ersten Mal, wie andere Kinder und deren Eltern sich verhalten. Anders als zu Hause stehen sie in der Schule nicht im Mittelpunkt, und man erwartet von ihnen, dass sie sich anpassen. Außerdem stellen sie fest, dass andere Familien – die ihrer Schulfreunde – vielleicht ganz anders leben als ihre eigene und dass es dort andere Regeln gibt. Während die eigenen Eltern beispielsweise von ihnen verlangen, dass sie widerspruchslos gehorchen, wird anderen Kindern gestattet, die Anweisungen der Erwachsenen zu hinterfragen und sich dagegen aufzulehnen. Vielleicht treffen sie auch auf Familien, die sich sozial engagieren, anderen helfen, sich für die Umwelt einsetzen; oder auf Familien, in denen es allein um Wohlstand, Konsum, Macht und Prestige geht. Ein Kind aus einer Familie, die anderen gegenüber kritisch und wertend eingestellt ist, entdeckt vielleicht, dass andere Familien viel toleranter sind. Sobald sie andere Familien kennenlernen, fangen Kinder an zu begreifen, dass es unterschiedliche Auffassungen davon gibt, wie ein Leben gelebt werden soll. Die einfache, unschuldige Weltsicht der Kindheit wird mit einem Mal auf verwirrende Weise komplex. In der Jugend nimmt diese Veränderung sogar noch zu. Jugendliche fragen sich, welches die „richtige“ Art zu leben ist, und sie machen sich Gedanken darüber, wie ihr eigenes Leben einmal aussehen soll. In der frühen Adoleszenz fragen sie sich, welche Werte sie in Zukunft haben wollen: Sollen sie dem Beispiel ihrer Familie folgen oder neue Wege einschlagen?

Eltern versuchen in der Regel, ihren Kindern Werte, Gebräuche und gesellschaftlich akzeptierte Verhaltensweisen zu vermitteln und ihnen beizubringen, was richtig und was falsch ist. Vieles davon wird automatisch von Generation zu Generation weitergegeben, wobei die Familientradition und das Verhalten der Eltern als Vorbild dienen. Tu anderen nicht weh. Sei Älteren gegenüber respektvoll. Wenn du nichts Nettes |20|sagen kannst, sag lieber gar nichts. Lass andere zu Wort kommen. Zeig gute Tischmanieren. Nimm nichts, was dir nicht gehört. Sag „Bitte“ und „Danke“. Solche Ideale und Werte gründen sich oft auf religiösen Lehren – etwa den Zehn Geboten, dem Neuen Testament oder dem Koran –, die die Überzeugungen und Bräuche der Gemeinschaft repräsentieren, in der die Eltern (und deren Eltern) aufgewachsen sind. In Familien, in denen Religion keine Rolle spielt, basieren die Werte meist auf einem säkularen Humanismus.

Unabhängig davon ähneln sich die grundlegenden Werte in den meisten Familien. Du darfst andere nicht schlagen, treten oder anschreien. Du darfst nicht stehlen. Du sollst die Wahrheit sagen. Du sollst andere respektieren, auch wenn sie nicht dieselben Werte haben und sich anders verhalten. Doch Kinder erkennen rasch, dass die Regeln, die anfangs so einfach erscheinen, ziemlich kompliziert sind und auch von denen, die sie aufstellen, nicht immer konsequent befolgt werden: Die Eltern sagen zum Beispiel, man müsse die Umwelt schonen, aber die Kinder ertappen sie regelmäßig dabei, wie sie Wasser verschwenden oder Lebensmittel wegschmeißen oder vergessen, den Müll zu trennen. Oder Mum und Dad weisen darauf hin, wie wichtig es sei, sich an die Regeln zu halten, nehmen es aber mit der Geschwindigkeitsbegrenzung im Straßenverkehr nicht so genau oder schummeln bei der Steuererklärung. Oder sie behaupten, offen zu sein und alle Menschen zu akzeptieren, machen aber verächtliche Bemerkungen über Ausländer oder Angehörige anderer Ethnien. Solange die Kinder jung sind, glauben sie, dass ihre Eltern alles richtig machen und für jedes Problem eine Lösung haben. Wenn die Kinder älter werden, erkennen sie, dass ihre Eltern fehlbare, unvollkommene Menschen sind.

Je mehr Erfahrungen sie in der Welt sammeln, desto stärker wird den Kindern bewusst, dass die Regeln, an die sich halten sollen, nicht nur komplex, sondern auch recht willkürlich sind. Es werden ständig Ausnahmen gemacht, sei es, weil jemand älter ist oder bevorzugt wird, eine höhere soziale Stellung einnimmt, zu Gast ist, einer anderen Kultur angehört oder einfach aus einer anderen Familie mit anderen Regeln kommt. Die Regeln des Lebens scheinen sich je nach Situation zu verändern, und manchmal werden sie schlichtweg ignoriert. Intelligente, neugierige Kinder nehmen das nicht einfach so hin, sondern fangen an, diese Ausnahmen zu hinterfragen – oftmals sehr zum Ärger der Erwachsenen um sie herum.

Wenn diese Kinder erwachsen werden, stoßen sie ständig auf neue Illusionen. Sie erkennen, dass das, was sie in der Schule gelernt haben, nicht immer korrekt war. Dass eine Ehe keineswegs immer „glücklich bis ans Lebensende“ ist und dass es einen auch nicht unbedingt erfüllt, Kinder zu haben. Vielleicht lassen sich die eigenen Kinder und Enkelkinder auch nicht so beeinflussen, wie man sich das vorgestellt hatte.

Man kann unmöglich durchs Leben gehen, ohne sich gewahr zu werden, wie viele Menschen einander belügen und betrügen oder sich gegenseitig sogar verlet|21|zen oder umbringen. Zeitungen, Fernsehen, Kino, das Internet – sie alle sind voll mit Geschichten von Menschen, die die fundamentalsten Regeln brechen, und manche Fernsehsendungen oder Filme glorifizieren solche Regelverletzungen sogar. Denken Sie nur, wie viele Geschichten Sie über Filmstars, Politiker oder Sportidole gehört haben, die manipulativ, unehrlich oder gewalttätig waren. Über die Medien kommen schon junge Kinder damit in Berührung. Sie sehen Armut, Obdachlosigkeit, Krankheit und Tod, und in der Schule begegnen sie anderen Kindern, die Behinderungen oder schwere Krankheiten haben. Sie machen Notfallübungen und lernen, wie man sich bei Feueralarm, Erdbeben oder Atomangriffen verhält. Oder sie finden heraus, dass ihre eigenen Eltern oder Familienangehörigen lügen, betrügen oder stehlen. Solche Erkenntnisse bringen Sorgen, Ängste und Unsicherheit mit sich. Das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit weicht einer tiefgreifenden Verwirrung und Desillusionierung.

Zweifellos gibt es in unserer Gesellschaft zahlreiche Prinzipien, deren inkonsequenter Gebrauch Fragen aufwirft. Warum werden zum Beispiel Menschen, die jemanden umgebracht haben, „Mörder“ genannt, und Soldaten, die töten, als „Helden“ verehrt? Wie kann es sein, dass manche Menschen Abtreibungen verurteilen und auf das „Recht auf Leben“ pochen, sich aber gleichzeitig für die Todesstrafe aussprechen? Wie kommt es, dass manche Menschen für mehr Umweltschutz plädieren, gleichzeitig aber durch ihr eigenes Verhalten zur Zerstörung der Umwelt beitragen? Wieso geben manche Leute so viel Geld für triviale Vergnügungen wie Rockkonzerte oder Fußballspiele aus, anstatt Notleidenden zu helfen? Wie ist es möglich, dass viele Menschen sich selbst als „sozial“ bezeichnen, aber nichts gegen die vielen Erscheinungsformen menschlicher Grausamkeit – von Mobbing über Sklaverei bis hin zu Genoziden – unternehmen?

Wenn intelligente, neugierige Kinder heranwachsen, merken sie, dass viel von dem, was Eltern, Lehrer und andere Respektpersonen behaupten, rundweg falsch oder zumindest fragwürdig ist. Das hat zur Folge, dass sie häufig verletzt, wütend, desillusioniert oder deprimiert sind. Ihr Idealismus gerät ins Wanken, und sie wissen nicht mehr, wo ihr Platz in der Welt ist und welche Rolle sie darin spielen. Wie es ein unbekannter Verfasser einmal formuliert hat: „Wir leben in einer Welt, die auf Versprechungen beruht, welche von Lügnern erfunden werden.“ Besonders intelligente und sensible Menschen – solche, die wir auch als hochbegabt und talentiert bezeichnen – erleiden mit größerer Wahrscheinlichkeit eine bestimmte Form von Depression, die sogenannte existenzielle Depression.

|22|Hohe Intelligenz und Desillusionierung

HochintelligenteMenschen sind in der Regel intensiver, sensibler und idealistischer, haben einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und erkennen rasch, wenn die Werte anderer Menschen nicht mit ihrem Verhalten übereinstimmen.2 Sie können die Dinge in größere, universelle Zusammenhänge setzen und sind sich der Komplexität und der Implikationen von Problemen bewusst. Ihre Sensibilität und ihr Idealismus sorgen dafür, dass sie sich selbst schwierige Fragen stellen, etwa über den Sinn und Zweck ihres eigenen Daseins und des Lebens der Menschen in ihrem Umfeld. Schon in jungen Jahren fragen sich diese Kinder zum Beispiel: „Wenn Gott alles geschaffen hat, warum hat er dann auch böse Menschen geschaffen und zugelassen, dass es auf der Welt so viel Böses gibt?“ oder „Warum musste mein Freund sterben, obwohl er erst sieben und außerdem so lieb war?“ Ein Kollege hat mir einmal erzählt, dass er als Kind irgendwann nicht mehr am Katechismusunterricht teilnehmen durfte, weil er ständig die Dogmen hinterfragte, die ihm beigebracht wurden.

Die Dinge, mit denen sich diese Kinder beschäftigen, sind alles andere als trivial. Sie machen sich Gedanken über Gerechtigkeit, fragen sich, wie sie ihr Leben leben sollen, und wollen verstehen, wie das Universum beschaffen ist. „Wer bin ich?“ ist eine Frage, die sie sich auch im Erwachsenenalter noch stellen, weil die Antworten, die sie in der Kindheit und Jugend bekommen haben, schlichtweg unbefriedigend waren.3

Schon früh im Leben entwickeln diese hochintelligenten Kinder die Fähigkeit der Metakognition – das Denken über das eigene Denken –, und zwar oft schon, bevor sie über die emotionalen Werkzeuge und die Lebenserfahrung verfügen, die sie bräuchten, um erfolgreich damit umzugehen.4 Zwei hochintelligente Jugendliche haben ihr metakognitives Denken folgendermaßen beschrieben:

Wie entstehen meine Gedanken? Wieso denke ich das, was ich denke? Wie speichert mein Gehirn diese Informationen so, dass ich irgendwann einmal darauf zurückgreifen kann?5 (15 Jahre alt)

Ich versuche einfach zu verstehen, warum ich so denke, und wie es dazu kommt. Oft frage ich mich, warum meine Klassenkameraden so anders denken als ich.6 (16 Jahre alt)

Die bekannte Psychologin Leta Hollingworth stellte schon in den 1930er-Jahren fest: Je höher der IQ eines Kindes, desto früher verlangt es nach Antworten auf hochkomplexe Fragen. Hollingworth kam zu dem Schluss, dass Kinder mit einem IQ von 180 und höher bereits im zarten Alter von sechs oder sieben Jahren nach einer systematischen Philosophie über Leben und Tod streben, und sie stellte außerdem fest, dass |23|Kinder mit hohen intellektuellen Fähigkeiten früher idealistische Vorstellungen entwickeln als andere.7

Eltern und Lehrer versuchen solche Kinder zu beschwichtigen, indem sie ihnen zum Beispiel sagen: „Du kannst in dieser Welt etwas bewirken, wenn du groß bist.“ Aber solche Versprechungen sind selten ein Trost für die Kinder, denn sie können die vielen Missstände um sie herum nicht einfach ausblenden, und sie fühlen sich hilflos, weil sie das Gefühl haben, etwas dagegen unternehmen zu müssen. Die Folge kann sein, dass sie schon in jungen Jahren eine Depression entwickeln.

Eine Freundin von mir, die Lehrerin ist, hat ihre Erlebnisse mit hochbegabten Schülern in ihrer Klasse folgendermaßen beschrieben:

Als ich mit hochbegabten Zweitklässlern arbeitete, verwickelten mich drei meiner Schüler bei mehreren Gelegenheiten in Gespräche, in denen sie ihrem Wunsch zu sterben Ausdruck verliehen. Ausgangspunkt für die ersten beiden Gespräche war eine bestimmte Situation im Leben eines der Kinder, die mit Sterben und Tod zu tun hatte. Das dritte Gespräch entwickelte sich offenbar aus aktuellen Problemen, die einer Schülerin zu schaffen machten. Dabei ging es um ihr Selbstbild und ihren Platz in der Familie. Viele Kollegen wären schockiert gewesen, wenn Schüler der zweiten Klasse solche Themen angesprochen hätten, aber mich erschreckte das nicht; vielmehr brachte ich den Kindern Empathie und Verständnis entgegen. Ich wusste, was sie empfanden, denn ich selbst hatte schon mit vier Jahren intensive Gefühle von Sinnlosigkeit gehabt und auch über Selbstmord nachgedacht, um diesen quälenden Empfindungen zu entkommen.

Dennoch wusste ich nicht genau, wie ich diesen Kindern helfen sollte, mit ihren Gefühlen umzugehen, denn vieles von dem, was sie sagten, sah ich genau wie sie. Können Beziehungen, Familienstrukturen, Persönlichkeitsmerkmale, Lebensentwürfe dazu beitragen, existenzielle Krisen zu bewältigen und psychische Probleme zu verhindern, oder steht solchen Kindern zwangsläufig ein Leben mit Depression und Suizidgedanken bevor?

Es gibt kleine Kinder, die artig am Tisch sitzen und darüber nachdenken, sich umzubringen. Manche äußern diese Gedanken, andere behalten sie für sich. Ob sie sich jemandem anvertrauen oder stillschweigend leiden – solche Gefühle können für ein junges Kind verheerende Folgen haben, weil es denkt, dass etwas mit ihm nicht stimmt. Es kann den Eindruck bekommen, dass es für seine Familie nur eine Belastung darstellt und das Leben nichts als Schmerz bereithält.8

Auch hochintelligente Erwachsene denken häufiger über ihr Leben und die Folgen ihres Verhaltens nach. Auch wenn Freunde oder Kollegen ihnen versichern, dass das, was sie Tag für Tag tun, sinnvoll ist, werden sie den Verdacht nicht los, dass die anderen schlichtweg nicht verstanden haben, wie kompliziert die Dinge eigentlich sind.

|24|Die Welt aus der Distanz betrachtet

Wenn Metakognition, Idealismus, Intensität und Sensibilität zusammenkommen, haben die Menschen oft den Eindruck, die Welt von außen zu betrachten und nicht wirklich dazuzugehören. Im Vergleich zu anderen reagieren hochintelligente Jugendliche und Erwachsene innerlich oft stärker – manchmal sogar extrem – auf das, was sie sehen. Je mehr sie darüber nachdenken, desto stärker wird ihnen bewusst, wie klein sie im großen Bild des Daseins sind. Sie fragen sich zum Beispiel: „Wann werde ich sterben – und wie? Was geschieht dann? Bleibt das Bewusstsein in irgendeiner Form erhalten? Habe ich überhaupt irgendein greifbares, individuelles Bewusstsein – eine Seele?“9

Solche Fragen sind bei Erwachsenen nicht ungewöhnlich, obschon wir dazu neigen, sie zu verdrängen. Umso erstaunlicher ist es, wenn sich Jugendliche oder gar Kinder über existenzielle Dinge wie Leben und Tod Gedanken machen, zumal unsere Gesellschaft solche Themen lieber unter den Teppich kehrt und sich nicht mit dem Tod befasst. Dadurch entsteht leicht die Illusion, wir würden ewig leben. Die Generationen vor uns wurden noch viel stärker mit dem Sterben von Menschen und Tieren konfrontiert, und ihre Erfahrungen mit dem Beginn und der Vergänglichkeit des Lebens waren zutiefst persönlich. Die Kinder kamen zu Hause zur Welt – und starben oft schon in jungen Jahren. Alte Menschen erkrankten und starben zu Hause. Die Totenwache fand im Wohnzimmer statt, und nach der Beisetzung versammelten sich die Trauergäste im Haus des Verstorbenen.

Heutzutage bekommen Kinder (und auch viele Erwachsene) den Tod nur noch aus der Ferne mit. Kranke sterben für gewöhnlich im Krankenhaus. Die Totenwache findet, wenn überhaupt, in einer Aussegnungshalle statt, und der Leichnam wird nicht mehr gezeigt. Kinder „erleben“ Geburt und Tod in Filmen, aber nicht persönlich. Das neue Geschwisterchen sehen sie im Krankenhaus oder wenn die Mutter mit ihm nach Hause kommt. Schwer kranke Angehörige werden ihnen nicht „zugemutet“, und in den meisten Krankenhäusern haben Kinder unter zwölf Jahren gar keinen Zutritt.

Kinder bekommen heutzutage viel weniger mit dem realen Leben in Berührung als wir früher. Obdachlosigkeit, Armut, Krankheit oder die Geburt eines Kindes – das alles kennen die meisten nur aus den Medien oder aus den Erzählungen von sozial engagierten Eltern oder Großeltern. Unsere moderne Lebensweise packt die Kinder in Watte, trägt aber nicht dazu bei, dass sie verstehen, wie wichtig Familie und Gemeinschaft sind. In früheren Generationen schweißten gemeinsame fröhliche oder traurige Erlebnisse die Familien zusammen, was wiederum mehr gegenseitige Fürsorge, mehr Nähe und ein stärkeres Zugehörigkeitsgefühl zur Folge hatte.10

|25|Desillusionierung, Anderssein und Einsamkeit

Während die meisten von uns versuchen, schützende Illusionen um uns herum aufzubauen, setzen sich hochintelligente, kreative Kinder häufig mit komplexen, existenziellen Fragen auseinander. Da die Menschen in ihrem Umfeld diese Themen meist verdrängen, fühlen sie sich mit ihren Gedanken und Sorgen unverstanden und alleingelassen. Ein Sechsjähriger, der den Opfern einer Naturkatastrophe helfen möchte, oder eine Zwölfjährige, die sich über den Sinn ihres Daseins Gedanken macht, anstatt sich – wie ihre Altersgenossinnen – für die neueste Mode oder Boygroup zu interessieren, wird rasch feststellen, dass die anderen sie ausgrenzen: In der Schulkantine möchte niemand mit ihr am Tisch sitzen, womöglich wird sie sogar gemobbt und als „Loser“ abgestempelt, weil sich ihre Interessen nicht mit denen ihrer Mitschüler decken. Auch bei den Lehrern machen sich Schüler mit ungewöhnlichen Vorstellungen und anspruchsvollen Fragen keine Freunde. Ich erinnere mich an eine Erzieherin, die ein Expertenteam für Verhaltensänderung in die Vorschule kommen ließ, weil ein Junge in ihrer Gruppe sie ständig mit Fragen löcherte. Die „Experten“ brachten dem Jungen bei, nur noch eine Frage pro Stunde zu stellen.

Jeder, der einer Minderheit angehört, bewegt sich mit größerer Wahrscheinlichkeit außerhalb des Mainstreams und fühlt sich häufiger ausgegrenzt oder geächtet – und das alles kann zu einer Desillusionierung führen. Ob man nun eine andere Hautfarbe oder eine andere sexuelle Orientierung hat; ob man anders aussieht oder außergewöhnlich intelligent ist und sich mit existenziellen Fragen befasst – in jedem Fall ist man anfälliger für Erfahrungen, wie sie die meisten Angehörigen von Minderheiten machen. „Anders“ zu sein, kann das Gefühl hervorrufen, nicht dazuzugehören, mit anderen Worten: Es kann eine sehr einsame Erfahrung sein.

Viele Menschen, ob jung oder alt, haben gelernt, ihre unerwünschten Gedanken zu verbergen, weil sie fürchten, nicht verstanden zu werden oder als „ungezogen“ abgelehnt zu werden. Diese Befürchtungen sind keineswegs unbegründet. Freunde und Angehörige versuchen nicht selten, ihnen ihre Gedanken „auszureden“, etwa mit Kommentaren wie „Du hast Freunde. Du bist gut in der Schule (oder: Du leistest gute Arbeit). Genieß doch einfach dein Leben“ oder „Es ist ja schön und gut, dass du die Welt retten möchtest. Aber es genügt schon, wenn du dich auf die Schule (deinen Job) und auf deine Familie konzentrierst.“ Meiner Erfahrung nach sprechen die meisten Menschen nur ungern über ihre existenziellen Sorgen und Enttäuschungen, weil sie glauben, dass die anderen solche Themen als unangenehm empfinden und sich nicht damit auseinandersetzen möchten. Über die eigene Existenz nachzudenken, kann in der Tat Ängste wecken. Eine Kollegin hat es so formuliert: „Denken macht frei, aber zunächst einmal tut es höllisch weh.“

|26|Desillusionierung als Chance

Die Menschen haben immer schon über den Sinn des Lebens nachgedacht. Die Frage treibt sie seit Jahrtausenden um, und aus ihr sind auch die Religion und die Philosophie hervorgegangen. Natürlich denken die meisten von uns nicht ständig darüber nach, warum sie existieren. Doch es gibt bestimmte Lebensereignisse, die uns dazu bewegen, nach dem Sinn und Zweck unseres Daseins zu fragen. Das geschieht ganz automatisch, wenn wir einen Menschen verlieren, der uns nahestand, oder wenn uns ein solcher Verlust droht. Erfahrungen wie diese konfrontieren uns mit der Vergänglichkeit des Lebens und werfen unweigerlich die Frage nach dem Sinn unseres Tuns auf. Doch nicht nur Todesfälle, sondern auch andere einschneidende Erlebnisse können solche Gedanken auslösen: Eine Naturkatastrophe oder ein Brand, der alles Hab und Gut vernichtet; der Verlust des Arbeitsplatzes; der Diebstahl geliebter Erinnerungsstücke; das Ende einer Ehe; ein Unfall mit schweren Verletzungen oder eine chronische Krankheit – solche Erfahrungen machen uns bewusst, wie wenig Kontrolle wir über viele Aspekte des Lebens haben und wie rasch unsere Welt auseinanderfallen kann. Sie können auch Anlass zu Pessimismus sein. Kommentare wie „Nichts geschieht ohne Grund“ oder „Die Wege des Herrn sind unergründlich“ fühlen sich in solchen Situationen wie Illusionen an und spenden keinen Trost. Wir empfinden Machtlosigkeit und wissen nicht mehr, wo unser Platz in der Welt ist. Wir empfinden uns selbst, unsere Freunde, unser ganzes Leben als Enttäuschung. Mit anderen Worten: Wir fallen in eine existenzielle Depression. Allerdings erlangen die meisten Menschen innerhalb von circa sechs Monaten nach einem einschneidenden Ereignis wieder ihr Gleichgewicht und finden in den Alltag zurück, wo Gewohnheiten Halt geben und Trost spenden. Die Depression vergeht, auch wenn existenzielle Narben bleiben.

Meiner Erfahrung nach hält eine existenzielle Depression bei Individuen mit höheren intellektuellen Fähigkeiten jedoch länger an und tritt auch häufiger auf, und nicht immer sind tragische Ereignisse der Auslöser. Vielmehr scheinen Desillusionierung, existenzielle Fragen und Ängste spontan aufzutreten, allein durch Beobachtungen oder Gedanken. Unabhängig davon, wodurch eine existenzielle Depression ausgelöst wird – die Informationen, Hinweise und Anregungen in diesem Buch sind in jedem Fall hilfreich.

Die meisten hochintelligenten Menschen machen in ihrem Leben Phasen durch, in denen sie mit existenziellen Fragen ringen und desillusioniert sind, aber nicht immer münden solche Phasen in einer existenziellen Depression. Wenn doch, kann das Leben dadurch aus den Fugen geraten, mehr noch: eine existenzielle Depression kann lebensbedrohlich sein. Doch dahinter verbirgt sich auch eine Chance – die Chance, Weisheit zu erlangen und aus der Erfahrung eine positive Lektion fürs |27|Leben zu machen, daran zu wachsen. Es geht hier nicht darum, einen Zustand der Glückseligkeit zu erreichen, wohl aber Zufriedenheit, Akzeptanz, vielleicht sogar ein neues Gefühl von Zugehörigkeit und Sinn, das einen durchs Leben begleitet.

Anmerkungen

1

Sylvia Plath (1997) [1950–1962]. Die Tagebücher, hrsg. v. Frances McCullough, mit einem Vorwort von Ted Hughes. Frankfurt/Main: Frankfurter Verlagsanstalt, S. 41–42.

2

James T. Webb, Janet L. Gore, Edward R. Amend und Arlene R. DeVries (2017). Hochbegabte Kinder: Das große Handbuch für Eltern (2. Aufl.), hrsg. v. Inga Liebert-Cop und Suzana Zirbes-Domke. Bern: Verlag Hans Huber.

3

Stephanie S. Tolan (1994). Discovering the Gifted Ex-Child. Abrufbar unter: https://www.stepha​nietolan.com/gifted_ex-child.htm [Stand: 12. September 2019].

4

P. J. Schwanenflugel, P. M. Stevens und M. Carr (1997). Metacognitive knowledge of gifted and non-gifted children in early elementary school. Gifted Child Quarterly 41(2), S. 25–35.

5

Michael M. Piechowski (2006). Mellow Out, They Say. If I Only Could: Intensities and Sensitivities of the Young and Bright. Madison, WI: Yunasa Books, S. 70.

6

Ebd., S. 70.

7

Leta S. Hollingworth (1942). Children above 180 IQ: Stanford-Binet Origin and Development. New York: World Book.

8

K. Bowers (2007). Coping Strategies of the Gifted Experiencing Existential Depression: A Literature Review. Unveröffentlichtes Manuskript.

9

D. Fisher (2011). Growing into practice. Inquiring Mind 27(2), S. 2.

10

James T. Webb, Janet L. Gore, Frances A. Karnes und Stephen McDaniel (2004). Grandparents’ Guide to Gifted Children