Die Thyssens - Thomas Rother - E-Book

Die Thyssens E-Book

Thomas Rother

0,0

Beschreibung

Die Thyssens sind mit den Krupps die Stahlbarone Deutschlands. Seit 150 Jahren schreiben sie deutsche Geschichte. Sie waren Schwungrad der industriellen Revolution, schmiedeten Waffen für Kaiser und Nazis und setzten das Wirtschaftswunder unter Dampf. Doch mehr noch als andere Unternehmerfamilien mussten sie erfahren, dass Geld allein nicht glücklich macht. In den 90er Jahren gab die Familie die Beteiligung an der Firma auf. Durch Erbstreitigkeiten und eine beachtliche Kunstsammlung macht sie jedoch nach wie vor Schlagzeilen. Thomas Rother bringt Licht in den Mythos aus Mühlheim.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 276

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Rother, Thomas

Die Thyssens

Tragödie der Stahlbarone

www.campus.de

Impressum

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Copyright © 2003. Campus Verlag GmbH

Besuchen Sie uns im Internet: www.campus.de

E-Book ISBN: 978-3-593-40266-6

|7|Prolog: 

Griechische Tragödien an Rhein und Ruhr

Stahl und Eisen, Kohle und Geld. Zur Gründerzeit steht der Westen Deutschlands mit voller Kraft unter Dampf. »Kohlen für die Dampfmaschinen, Dampfmaschinen für Fabriken und Bergwerke, Eisenbahnen für den Kohlentransport, Kohlen für Lokomotiven, Eisen und Stahl für Schienen und Maschinen, Kohle, um Eisen und Stahl zu gewinnen, Eisen für die Kohlenschächte, mehr Kohle dank Eisen und Maschinen, mehr Eisen und Maschinen dank vermehrter Kohle …« Ein schier unendliches und verzahntes Getriebe zerrt und treibt um 1900 das Land an Rhein und Ruhr vorwärts. Ein wildes und turbulentes Stück deutscher Geschichte. Mittendrin leben als Antreiber wie als Getriebene die Mitglieder einer Familie, die in diesen umwälzenden Jahrzehnten deutsche Wirtschaft, Geld und Einfluss mit wenigen anderen herausragend repräsentieren: die Thyssens.

Im brodelnden Hexenkessel des rheinisch-westfälischen Industriereviers, dem heutigen Ruhrgebiet, wie ihn Schriftsteller Wolf Schneider sieht, leben und wirken Anfang des 20. Jahrhunderts drei Familien auf Tuchfühlung miteinander in den Städten Essen und Mülheim an der Ruhr: Krupp, Stinnes und Thyssen. Dieser Landstrich ist »im Begriff, sich von einer bäuerlich-bürgerlichen Gesellschaft in eine Industriegesellschaft mit Eisenbahn und Dampfschiff, mit Bergbau und Fabriken, mit Aktiengesellschaften und Bankhäusern zu verwandeln«, formuliert der Historiker Wilhelm Treue. 1826 hatte Fürst von Pückler-Muskau noch einen |8|weitaus sanfteren Landstrich vorgefunden. Auf der Rückreise von einem Goethe-Besuch in Weimar fuhr er durch das Ruhrtal und verliebte sich in diesen Flecken Erde: »Die Gegenden, durch welche mein Weg führte, gehörten einer angenehmen und sanften Natur an, besonders bei Stehlen an der Ruhr, ein Ort für den gemacht, der sich vom Getümmel des Lebens in heitere Einsamkeit zurückzuziehen wünscht. Nicht sattsehen konnte ich mich an der saftiggrünen Vegetation, den prachtvollen Eichen- und Buchenwäldern, die rechts und links die Berge krönen, zuweilen sich über die Straße hinzogen, dann wieder in die Ferne zurückwichen, aber überall den fruchtbarsten Boden bekränzten, braun und rot schattiert, wo er frisch beackert war, hell- und dunkelgrün schimmernd, wo junge Untersaat und frischer Klee ihn bedeckten. Jedes Dorf umgibt ein Hain schön belaubter Bäume, und nichts übertrifft die Üppigkeit der Wiesen, durch welche sich die Ruhr in seltsamsten Krümmungen schlängelt. Ich dachte lachend, daß, wenn einem prophezeit würde, an der Ruhr zu sterben, er sich hier niederlassen müsse, um auf angenehme Weise die Prophezeiung zugleich zu erfüllen und zu entkräften.«

Anfang des 19. Jahrhunderts leben in diesem von Feldern und Wäldern, von Dörfern und wenigen kleinen Städten geprägten unbekannten Land gerade mal 150000 Menschen. Hundert Jahre später sind es zehnmal so viele. Die großen Gründerfamilien Thyssen, Stinnes, Krupp & Co. haben zweifellos entscheidenden Anteil daran. Doch Stinnes’ Bedeutung vergeht im Laufe mehrerer Jahrzehnte. Jene von Krupp und Thyssen ist langlebiger, und schon zu ihren Lebzeiten sind diese Namen außer mit Kohle und Stahl mit Geld, mit unermesslichem Reichtum verbunden. Aber auch mit Glück?

Selbstredend mit dem Glück des Tüchtigen. Doch war Gründer August Thyssen auch ein glücklicher Mensch? Ein erfolgreiches Leben hatte er zweifellos, doch ein zufriedenes ...? In vielen Unternehmerfamilien |9|ereignet sich, als wären sie besonders anfällig für Umstände im Stil griechischer Tragödien, Katastrophales. Gerade bei den Thyssens häufen sich Familienstreit und Unglücklichsein – von Streit um Geld, Ehebruch, gestörten Vater-Sohn-Verhältnissen, Flucht und anderen Unsäglichkeiten wird zu berichten sein. Nicht nur jede Menge Kohle, Eisen, Stahl und erlesene Kunst sind die bestimmenden Faktoren im Leben der vier Generationen Thyssen. Um Millionen und Milliarden geht es oft – hier liegt die Quelle des Streites.

Bei Thyssen wird auch von Politik die Rede sein, vom Komplott der Mächtigen der Industrie mit den Mächtigen der Politik. Zwar ließe sich bei ihnen wie bei anderen Familien aus dem Ruhrgebiet auch deren Welt als »Wille zum Stahl« definieren. Doch während bei den Krupps beispielsweise Biografien und Historie, Familie und Firma, Menschen und Maschinen kaum voneinander zu trennen sind, wirken sich bei den Thyssens schon in der zweiten Generation so unterschiedliche Interessen aus, dass sie nicht allein nur auf Stahl als den alleinigen Nenner festzulegen wären.

»Die Lebensläufe, die sich an die einzelnen Namen knüpften, waren in vielen Fällen nervenpeitschender als mancher Roman«, schrieb Anfang der 1950er Jahre Edgar Bissinger über Gründer und Erben. Ein Beispiel: Mit Hugo Stinnes, dem 28 Jahre Jüngeren, gründet August Thyssen 1897 die Rheinische Bank Essen, 1899 dann die Lothringische Saar-Mosel Bergwerksgesellschaft, 1902 den Mülheimer Bergwerksverein, 1904 die Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerke (RWE). Bergwerke, Reedereien, Papier und Zellstofffabriken, Erdölunternehmen und Handelsketten und mehr nennt Stinnes sein Eigen. Stinnes’ Reichtum regt sogar zum Reimen an. »Alles hat er schon am Bandel/ Autos, Werften, Kohlenhandel,/ Grandhotels, Parteien, Minister,/ Alles schluckt er, alles frißt er,/ Von dem Rohstoff bis zur Zeitung/ Alles unter seiner Leitung.« Lange arbeiten beide erfolgreich zusammen: Stinnes als |10|aktiver Sanierer aufgekaufter Betriebe, Thyssen als Geldgeber, der durch Aktienkäufe seinen Konzern absichert. 1900 haben sie sieben Steinkohlen-Tiefbauanlagen mit mehr als 90 Koksöfen und zwei Brikettfabriken im Ruhrgebiet »zusammengetragen«.

Zehn Jahre später kommt es zum Bruch, der etwas von der Freundschaft unter Großunternehmern erzählt. Stinnes hält an einem Kanalbauprojekt fest, das wirtschaftliche Interessen von Thyssen beschneidet. Stinnes hat Thyssen nicht in die Pläne eingeweiht, die Ruhr so auszubauen, dass sie auch von größeren Transportschiffen befahren werden kann. Die Friedrich-Wilhelms-Hütte von Stinnes liegt an der Ruhr. Thyssen, dessen Hütten nicht am Flusslauf stehen, fürchtet eine einseitige Förderung des Konkurrenzunternehmens. Er geht mit seinem Protest an die Öffentlichkeit: Vor der Mülheimer Stadtverordnetenversammlung wendet er sich gegen den Ausbau. Ohne Erfolg. Thyssen verlässt die Versammlung still, besucht sie nie wieder. Was den Älteren obendrein aufbringt: Heimlich sichert sich Stinnes die erforderlichen Ratsstimmen – Ende des erfolgreichen Kapitalistengespanns. Ein Biograf meint beschönigend, Thyssen habe Stinnes nicht diese bessere Ausgangsposition geneidet, vielmehr hätte er wohl mit seinem Gerechtigkeitssinn nicht akzeptieren können, »… dass der Vorteil für einen Einzelnen auf Kosten des Gemeinwesen erreicht werden sollte«.

Etwa 15 Jahre später scheidet der Tod die beiden Industriellen. Stinnes, »der König von der Ruhr«, stirbt 1924 – zwei Jahre vor Thyssen. Das Milliardenreich von Hugo Stinnes, in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts so groß, dass Zeitgenossen selbst Petrus davor warnen, Stinnes werde den Himmel aufkaufen, verlischt vor Gericht. Der Sohn, gleichfalls den Namen des Vaters Hugo tragend, geht am Krückstock, als er 1973 buchstäblich auf der Arme-Sünder-Bank sitzt und, mittellos vom Geld seiner Frau lebend, Armenrecht in Anspruch nehmen muss.

|11|Ähnlich wirkt Dr. Fritz Thyssen, erstgeborener Sohn des Gründers August Thyssen, von August bis Oktober 1948 auf fotografischen Dokumenten von seinem Entnazifizierungsprozess. Da sitzt ein ausgezehrter alter Mann, hält sich wie einst Stinnes am Krückstock fest mit gequältem und angewidertem Gesichtsausdruck, wartet nach acht Jahren Nazi- und Alliiertenhaft vor dem Entnazifizierungstribunal auf das Urteil, das ihn entweder zu einem der Finanziers Hitlers oder nur zu einem Mitläufer stempeln wird. Wenige Tage vor Beginn seines Verfahrens geht ein anderer Prozess zu Ende. Alfried Krupp von Bohlen und Halbach, Sohn des Dr. Gustav Krupp von Bohlen und Halbach, wird in Nürnberg von einem Siegergericht zu zwölf Jahren Gefängnis und zur Einziehung seines gesamten Vermögens verurteilt. Sollte im Herbst 1948 der 74-jährige Dr. Fritz Thyssen als Vorzeigeindustrieller für die unheilvolle Allianz von Wirtschaft und Politik während der Naziherrschaft herhalten? Oder ist der 41-jährige Krupp die idealere Gestalt, um Naziherrschaft plus Wirtschaftsherrschaft in einer Person von einem amerikanischen Militärgericht verurteilen zu lassen? Eines haben der Alte und der Jüngere gemeinsam: Ihren Besitz und ihr Geld werden sie später zurückgewinnen. Als kein Träger dieser beiden Namen mehr in den Unternehmen mitmischt, werden die Familiennamen Ende des 20. Jahrhunderts verbunden: ThyssenKrupp. Der Bogen der Thyssens spannt sich über die Ringe der Krupps. Ein Kreis, um beide geschlagen, soll wohl die Wirtschaftsehe signalisieren, doch nun muten die Symbole beider Familien wie das verunglückte Logo einer Wäschemarke an.

Die Träger der Markennamen waren jedenfalls nicht immer so hart wie ihr Stahl: Als Sohn reicher Eltern startet Firmengründer Friedrich Krupp ins Berufsleben und endet 1826, nicht einmal vierzigjährig, erfolglos, nahezu verarmt. Der unmündige 14-jährige Sohn übernimmt den Betrieb, wird später zum legendären |12|Alfred, steigt zum bedeutendsten Stahlverarbeiter seiner Zeit auf – doch Familienglück bleibt ihm versagt. An die Stelle von Liebe treten bei Alfred Krupp Pflicht, Gehorsam, Zucht, Verantwortung und vor allem das Werk: Produktion und nochmals Produktion. August Thyssen verhält sich in dieser Hinsicht ähnlich. Alfred Krupps Sohn Friedrich Alfred, wirtschaftlich sogar erfolgreicher als der Vater, stürzt durch Presseberichte über homosexuelle Neigungen. Sein Tod bleibt bis heute geheimnisumwittert. Tochter Bertha, Alleinerbin und reichste Frau Deutschlands, heiratet den Diplomaten Dr. von Bohlen und Halbach. Das kruppsche Verhängnis als Kanonenhersteller der Nazis kulminiert 1948 im Urteil gegen den Sohn Alfried Krupp als Kriegsverbrecher. Dessen zweite Ehe scheitert und Sohn Arndt, Playboy und bekennender Homosexueller, verprasst sein Erbe. Der letzte Krupp, wortkarg und menschenscheu, vermacht 1967 die Firma einer Stiftung mit seinem Namen. Wenige Monate danach stirbt er – einsam wie sein Urahn Alfred.

Es ist sicherlich kein Zufall, dass gerade diese zwei Familiengeschichten in vielen Teilen nahezu deckungsgleich erscheinen. Was mit atemberaubenden Industriekarrieren im 19. Jahrhundert begann, entwickelt sich mit zunehmender Glücklosigkeit zu bürgerlichen Trauerspielen. Und in den Familien fast aller anderen Gründer geschieht Vergleichbares. Thomas Mulvany zum Beispiel, den heute kaum noch einer kennt, hat willensstark den Zusammenschluss allen industriellen Fachwissens im 19. Jahrhundert zur ersten deutschen Wirtschaftsvereinigung bewerkstelligt, Vorläufer des »Industrieclubs« Düsseldorf. Dieser Gigant sitzt am Ende krank und kläglich im Rollstuhl. Fritz Harkort, gleichfalls kaum erinnert, entwickelt im 19. Jahrhundert auf Burg Wetter an der Ruhr die erste deutsche Fabrik, ein Vorbild, nach dem später die großen Firmen verfahren, insbesondere Thyssen. Dieser vorausschauende Industrielle und Sozialpolitiker hockt am Ende |13|fast mittellos wie einer seiner ausgemusterten Arbeiter auf der Bank vor einer kleinen Hucke.

Es gab einen noch Unbekannteren unter den industriellen Riesen der Gründerzeit, dessen Name auf den der Thyssens verweist: Friedrich Grillo. Fachleute stellen ihn neben Alfred Krupp, August Thyssen und Thomas Mulvany als einen der vier Giganten des Ruhrgebiets und nennen ihn den Pionier deutschen Wirtschaftslebens. Der Wirtschaftspublizist Hans Baumann bezeichnet ihn als den »ersten Manager« Deutschlands. Grillo, Nachkomme eingewanderter Italiener, ist der Erste in Deutschland, der sich und andere dazu anstiftet, verschiedene Branchen unter einem Firmendach zu vereinen. Hütten-, Walz-, Berg- und Brauwerke, Spiegelmanufakturen und Bankunternehmen gründet er. Am Ende erkennt dieser Mann die Welt nicht mehr. Als sich Genie und Wahnsinn mischen, wird er in die Irrenanstalt am Grafenberg in Düsseldorf eingeliefert, deren Gründung und Finanzierung eine seiner letzten Taten als Unternehmer gewesen ist. In geistiger Umnachtung stirbt er – einsam.

Mit Grillos Tod taucht der Name des Ur-Thyssen auf. Nach Grillos Ableben erwirbt August Thyssen Beteiligungen am Schalker Verein, tritt in den Grubenvorstand ein, wird Vorsitzender des steinkohlenreichen und ebenso eisenstarken Unternehmens, komplettiert mit diesem Schachzug seine Beteiligungen am Bergbau und an Erzgruben sowie an der Stahlindustrie. Ein Riese beerbt den anderen. Thyssen steigt nach Grillos Tod zum größten Bergherrn an Ruhr und Rhein, an Emscher und Lippe auf.

Als ob er die Vergänglichkeit des irdisch Erreichbaren, auch des eigenen, geahnt hätte, philosophiert August Thyssen bei seinen Tischgesprächen mit dem Mitglied einer anderen millionenschweren Familie, mit Adeline Stinnes-Coupienne. Das Thema ihrer Gedankenspiele ist der Tod. An diesen Gesprächen teilnehmen zu dürfen, galt als Auszeichnung; sie waren geheimnisumwittert |14|und legendär zugleich. Zu Adeline, die der Stahlherr besonders schätzt, sagte Thyssen einmal: »Nach dem Tod ist man schnell vergessen. Als wir hier in diese Gegend kamen, war weitaus der größte Mann Grillo. Wer spricht heute noch von Grillo?«

In Duisburg-Marxloh gibt es zwei Firmen, deren Hauptaktionäre Träger dieses Namens sind: Gabriela und Rainer Grillo. Sie handeln mit Zink, Blei, Kupfer und seltenen Legierungen wie Wismut, Antimon und Kobalt. Gabriela, Nachfahrin des Bruders des legendären Gründervaters Friedrich Grillo, macht 1976 in Montreal als »Goldmädchen« Schlagzeilen durch ihren Olympiasieg im Dressurreiten. Bruder und Schwester halten die Familientradition hoch, sind Stifter von Sozial-, Kultur- und Sporteinrichtungen. Sie verwalten, so das Familiencredo, das Erbe von Vater und Mutter. Mit 70 Jahren ist Mutter Marita Hauptaktionärin des Familienunternehmens. Sie und ihre Kinder Rainer und Gabriela feiern 1992 gemeinsam Weihnachten, der Tannenbaum bleibt über die Jahreswende stehen und in einer Januarnacht 1993 leuchten die Kerzen noch einmal auf. Da brennt der Baum, lichterloh, nach ihm brennt die Villa. Bis auf die Grundmauern zerstört das Feuer den Bau. Die Kinder hätten versucht, die Mutter aus der brennenden Villa zu retten, berichten die Zeitungen. Marita Grillo stirbt in den Flammen. In den Lokalzeitungen liest es sich zum Teil so, als sei der Verlust der Villa das zuvörderst zu Beklagende.

Tatsächlich war der Bau von besonderer Bedeutung. Er war die denkmalgeschützte Jugendstilvilla von Fritz Thyssen, Sohn des Gründerzeitindustriellen August Thyssen. Als Vater August sein Schloss Landsberg auf den Ruhrhöhen bezieht, will und soll auch der Sohn nach Vaterwillen entsprechend seines Reichtums und seiner wirtschaftlichen Stellung ausgestattet sein. Im englischen Landhausstil bauen ihm englische Architekten 1912 ein Haus mit über dreißig Zimmern, Musiksalon, Herren- und Damenzimmern, |15|Bügelzimmer, Gesindeflügel, mit prachtvollem englischen Park, Wege-Labyrinth und vielen Extras. Wie Vater August ist auch Sohn Fritz Familienmensch. Er gibt der Villa den Namen seiner Tochter Anita. Die Ruine Anita ist mittlerweile verkauft worden. Sie wird von den neuen Besitzern renoviert und in Eigentumswohnungen aufgeteilt. Wo einst Stahlbaron Fritz Thyssen residierte, ziehen 2002 die ersten von dreißig Eigentümern ein. Der Park blüht wieder auf. Eine Gedenktafel erinnert an den Bauherrn.

So unterschiedlich die Leben der verschiedenen Thyssens auch sind, es gibt eine verbindende Klammer für alle ihre Handlungen: das Verständnis von Geld und Arbeit. Zwar hat August Thyssen in 40 Jahren eines der größten deutschen Vermögen erarbeitet, das 1914 um ein Drittel höher als das der reichsten Deutschen, Bertha Krupp, geschätzt wird. Doch ein Thyssen-Analyst erkennt wohl richtig: August Thyssen hat Achtung vor dem Geld als Macht-, Produktions- und Freiheitsfaktor – genossen hat er es nicht, also auch nicht verschwendet. August Thyssen war kein Dagobert Duck, der sich am Reichtum berauscht, war auch nicht der Typ des reichen Onkels aus Amerika und auch keiner, der immer reicher des Reichtums wegen werden wollte. Geld war für ihn dazu da, ins Werk gesteckt zu werden, damit es wächst, immer größer und immer mächtiger wird.

Was ihn umtreibt, in panischer Besessenheit Werke zu gründen und andere hinzuzukaufen, riskant zu borgen, unablässig zu bauen und zu expandieren, stets zu investieren (und das alles immer und immer wieder), ist kaum zu ergründen. Der kleine unscheinbare Kleinbürger, der mit einer abgeschabten Reisetasche von der Straßenbahn zur Fabrik geht, ist wenig später der Alleinherrscher seines Reiches, der wie ein »aufgebäumter Bussard mit flaumigem Schädel« und kaltem Stahlblick seinen Direktoren konzentriert gegenüber sitzt und kurze und treffende Rechenschaft |16|verlangt. Aber auch denen kann er, wie anderen auch, als großer Schweiger geduldig zuhören. Herrscher? Das bezeichnet nur seine Macht. Ein Stahlaristokrat wie Krupp mit Reitgerte und fürstlichem Gehabe – auch das ist er nicht. Im Gegensatz zu den übrigen Industriellen seiner Zeit tritt der kantige Einzelgänger nicht ins Rampenlicht.

Sicher, am Ende seines Lebens besitzt er ein Schloss, doch auch Schloss Landsberg hat durch Gesellschaften dem Unternehmenszweck zu dienen. Thyssen – ein kultivierter Mann? Eigentlich kaum, wohl auch kein Bildungs- und Genussmensch. Die Wertschätzung, besser: die Liebe zum Bildhauer Auguste Rodin und dessen weißen Marmorskulpturen lässt sich schließlich auch ins Bild des ruhelosen Mehrers deutscher Produktionsgüter fügen. Wie Thyssen hält auch Rodin »gute Arbeit« für den Schlüssel zum Erfülltsein. Und das Soziale, wie hält er’s damit? »Mein Werk ist in sich selbst sozial, je mehr ich baue und verdiene, umso besser ergeht es meinen Arbeitern.« Seine Kinder, Schwiegertöchter, Enkelkinder und Neffen entwickeln einen anderen sozialen Sinn, stiften unermessliche Summen, geben ihres Urahnes und ihren Kunstbesitz für jedermann frei.

Für heutige Betriebs- und Volkswirtschaftsstudenten ist der Begriff vom Vertikalunternehmen selbstverständlich. Als August Thyssen seinen Gemischtkonzern Ende des 19. Jahrhunderts aufbaut, von der Kohle über die Kokerei zum Hochofen und über das Walzwerk bis zur Fabrik für Maschinenbau, also vertikal vom Rohstoff bis zum Fertigprodukt, ist es eine Revolution, mit der er auch die Landschaft am Niederrhein von Duisburg bis Dinslaken mitformte. Die Großindustrie von damals beschränkt sich traditionell auf ein Gebiet, auf ihr Fach. So wird der kleine Mann zum kühnen Riesen, zum wirtschaftlichen Vorbild für Tausende.

August Thyssen wird aber auch zum Gründer einer Dynastie, die für weitaus mehr als nur Stahl und Kohle stehen wird. Und hier |17|liegt vielleicht auch der Unterschied zu den anderen großen Familien aus dem Ruhrgebiet. Die Thyssens haben über mehrere Generationen hinweg nicht nur deutsche Wirtschaftsgeschichte geschrieben. Vielmehr haben insbesondere drei herausragende Protagonisten der Thyssen-Saga ihre Zeit ebenso unverwechselbar und umfassend bestimmt, wie die Epochen sie individuell geprägt haben. Und so setzt auch dieses Buch drei biografische und zeithistorische Schwerpunkte: Der erste gilt August Thyssen und mit ihm der deutschen Industrialisierung und dem Erwachen des Ruhr-Kapitalismus. Der zweite Teil handelt von Sohn Fritz und dessen tragischer Verstrickung mit den Nationalsozialisten. Aber auch Ehefrau Amélies Hinüberrettung des Familienerbes in die neue Bundesrepublik spielt eine prominente Rolle. Im dritten Teil überwindet der Name Thyssen deutsche Grenzen und wird – ganz im Sinne der anbrechenden Globalisierung – zur Weltmarke. Allerdings nicht durch Stahl, sondern mit Kunst: Enkel Hans Heinrich Thyssen-Bornemisza, Sohn des Fritz-Bruders Heinrich Baron von Thyssen-Bornemisza, prägt durch seine Sammlerleidenschaft den letzten Teil der Familiengeschichte.

Was bleibt von dieser Größe – ohne riesige Walzstraßen, ohne unendliche Zahlenbilanzen, ohne Ländereien und ohne Werke, ohne Glanz und Pracht milliardenschwerer Kunst? Nur ein legendärer Name? Nur eine Geschichte?

|19|TEIL EINS

Der Gründer

(August Thyssen, 1842–1926)

|21|1. Der Mythos verbindet die Erben nur wenig: 

Der Familienname

Einen Totenschein auszustellen, ist für einen Mediziner meist nicht schwer. Liegt der Tote bereits im Sarg, wird der Deckel abgehoben, um den Leichnam begutachten zu können. Als dieser Deckel abgenommen wird, stockt den Beteiligten der Atem. Jener, der dort im Sarg hätte leblos liegen müssen, ist nicht da. Der vermisste Tote hat lange in Fehde gelegen mit Vater August Thyssen – seines aufwändigen Lebensstils, seiner amourösen Abenteuer, seines zwar brillanten, doch unsteten Geistes, seiner Misserfolge als Geschäftsmann und seines Begehrens nach Vaters Millionen wegen. Nun soll die Art seines Ablebens festgestellt werden. Doch im Sarg, mit dem der Leichnam aus dem Münchner Hotel Continental geschafft worden ist, liegt ein anderer. Der geheime Rat, zu Lebenszeiten Leibarzt des abhanden gekommenen Toten, starrt auf die sterbliche Hülle eines wesentlich jüngeren Herrn, eines Soldaten. »Ihr« Leichnam, so vermerken es Familienmitglieder, nämlich August Thyssen junior, ist unauffindbar. Wohin sich der an einem Junitag 1943 in dem Münchner Hotel verschiedene Thyssen-Sohn verflüchtigt hat, ist bis heute nicht bekannt. Es heißt, er sei verschollen. Mit dieser Erklärung haben sich bis heute alle abgefunden. Die Familiensaga der Thyssens ist eine Folge abenteuerlicher Einzelschicksale. Sie ist voll sagenhafter Geschichten: unerklärlich, rätselhaft, staunenswert, einige undurchsichtig. Und noch eines ist auch sie nicht: unbefleckt.

Bei den Thyssens bestimmen drei herausragende Gestalten die |22|Familiengeschichte. August Thyssen, der Alte und Gründer, auf dessen Wirken hin der Reichtum der Nachfolgenden zurückgeht, ist nicht nur die sagenhafte Gestalt dieser Familie, sein Name ist Teil deutscher Wirtschaftsgeschichte. Schon zu seinen Lebzeiten entstehen so viele Legenden, das aus ihnen – wie bei den Krupps – der Thyssen-Mythos geboren wird. Im Leben seines Sohnes Fritz spiegelt sich deutsche Geschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts höchst dramatisch wider; Fritz Thyssen erleidet sie mit Flucht, Exil, Verhaftung, Konzentrationslager – und wirkt doch als millionenschwerer Wissenschaftsförderer über den Tod hinaus. Enkel Hans Heinrich Thyssen-Bornemisza schließlich wird zur schillerndsten Gestalt der Familie Ende des 20. und Anfang des 21. Jahrhunderts.

Am letzten Apriltag 2002 stehen vier Witwen am Sarg dieses bedeutendsten Vertreters der dritten Thyssen-Generation. Vier der fünf Ehefrauen des Milliarden-Barons erweisen Gatten und Exgatten die letzte Ehre. »Er war ein Caballero«, rühmt ihn die fünfte der Witwen, Carmen Thyssen-Bornemisza, geborene Cervera. Caballeros sind die meisten Männer der Thyssens, sie sind regelrechte Prototypen einer immer kleiner werdenden männlichen Spezies: Herren! Dieser aber, der nun zu Vater Heinrich und Großvater August in die Familiengruft von Schloss Landsberg auf den Ruhrhöhen zwischen Essen und Kettwig getragen wird, ist ein Herr der besonderen Art – ein Kosmopolit. Hans Heinrich Thyssen-Bornemisza ist überall zu Hause gewesen. Sein Leben dokumentiert wahrlich den Aufstieg der Familie vom anfänglich kleinen Bandeisenhersteller August Thyssen um 1900 zum Unternehmen von Weltruf. Die Trauerfeier im Frühjahr 2002 hat internationales Flair, wird in Spanisch, Deutsch und Englisch gehalten. Obendrein sind an diesem Apriltag Milliardenvermögen auf den Ruhrhöhen versammelt.

Nach einem illustren Leben, jahrzehntelang von der Öffentlichkeit |23|genüsslich begafft, stirbt der Mann mit 81 Jahren. Getrauert wird im engsten Kreis. Hochadel ist anwesend. Otto Erzherzog von Habsburg beispielsweise, Schwiegervater der Thyssen-Bornemisza-Tochter Francesca. 42 Trauergäste begrüßt die letzte der fünf Gattinnen, Carmen (59 Jahre alt). Mit ihr trauern die erste seiner Frauen, Prinzessin Teresa zu Fürstenberg (76), die anderen Gattinnen Baronesse Fiona (69) und Baronesse Denise (59), immer noch mit langen blonden Haaren. Die zweite Ehefrau, das englische Model Nina, stirbt 1965. Die fünf Kinder sehen ihres Vaters Sarg in die Familiengruft gleiten. Der uneheliche Sohn seiner letzten Frau, Borja, nun 21 Jahre jung, weicht Mutter Carmen nicht von der Seite. Hat ihn Adoptivvater Thyssen-Bornemisza milliardenschwer bedacht?, wird gerätselt.

Es werde ein Wiedersehen geben, irgendwann, sagt Carmen. Als gläubige Katholikin glaubt sie daran. Doch wird es für diese Trauergemeinschaft an diesem Ort kaum ein Wiedersehen geben. Keiner der Lebenden, der den Namen Thyssen trägt, bleibt nach der Totenfeier im schönen Schloss Landsberg. Nur die Toten nehmen das Hausrecht wahr. Was Imperiumsgründer August Thyssen inständig erhoffte, findet nicht einmal zu seinen Lebzeiten statt: Schloss Landsberg als behütender Hort für die Familie, die dort wohnen und sich wohl fühlen sollte. Wie sie sich doch gleichen, die beiden großen Stahlfürsten von der Ruhr: Der lang aufgeschossene Kanonenkönig Alfred Krupp mit seinem Traum vom andauernden Familienglück auf Villa Hügel und der kleinwüchsige August Thyssen mit seiner Hoffnung, Kinder und Kindeskinder mögen das Schloss auf den herrlichen Ruhrhöhen mit Freude erfüllen. Bei beiden wird es nichts mit der ersehnten Harmonie folgender Generationen.

»Wir sind bei Thyssen.« Um 1900 teilt dies der Publizist Jules Huret vom Pariser Le Figaro lapidar seinen Lesern mit – und das spricht damals für einen publizistischen Sieg. Zu Beginn des 20. |24|Jahrhunderts wird der Name des Konzernherrn von der Ruhr mit Hochachtung in Europa genannt. Er »hat in Deutschland eine große Macht«, konstatiert der Franzose, der in Deutschland recherchiert und sich als erster ausländischer Autor sogar ins verrußte rheinisch-westfälische Industrierevier wagt, wo er zu einem der neuen Mächtigen dieser eruptiv aufsteigenden Region vorgelassen wird, zum Fürsten von Kohle und Stahl, August Thyssen. Dass Thyssen mit einem französischen Schriftsteller ausgiebig frühstückt und plaudert – à la Bonheur. »Herr Thyssen gehört zu den Männern, auf welche unsere Nachbarn zurzeit mit Recht stolz sein dürfen; er ist einer von den Leuten, die in den letzten dreißig Jahren unter heißem Bemühen die großartigsten kommerziellen und industriellen Unternehmungen Deutschlands gegründet haben.« August Thyssen: ein »vollkommener Typus des Deutschen der Jetztzeit«. Ihm sei es nicht anders ergangen »als seinem Vaterlande. Im Jahre 1867, als er sich mit seinem väterlichen Erbteil von 10000 Mark selbstständig machte, war er noch ein kleiner Mann, und heute leitet er vier Hüttenwerke … ein gewaltiges Unternehmen.«

Der weitgereiste, weltgewandte, kritische Beobachter Huret misst Thyssen, dem »berühmtesten und einflussreichsten Hütten und Zechenbesitzer des Ruhrbeckens«, mehr Bedeutung zu als Krupp. Der Franzose arbeitet zudem feinsinnig einen Unterschied heraus. Alle wichtigen Industriellen Deutschlands ständen »nicht gleich hoch in der Gunst des Kaisers«. Einige strebten nach dieser Gunst, einige »lassen sie mit Würde an sich herankommen,… andere wieder weichen ihr aus«. Während Krupp und Kaiser 1900 nahezu ein so dickes Ei sind, das beide sogar in Kinderspottversen vereint werden und nicht genau zu unterscheiden ist, ob Krupp der Schmied des Kaisers ist oder der Kaiser durch Aufträge der Schmied kruppschen Glücks, gehört Thyssen zu denen, die nicht nach des Herrscherhauses Wohlwollen schielen. Und doch trägt das größte |26|der Thyssen-Bergwerke den Namen »Deutscher Kaiser«; aber den trägt es schon, als Thyssen dieses Werk, wie viele andere auch, seinem eigenen durch Kauf und Übernahme einverleibt.

|25|Stolzer Schlossherr: August Thyssen Pfingsten 1911 im Torbogen von Schloss Landsberg, das er im Jahr 1903 gekauft hatte.

|26|Von dieser einstmals mythologischen Größe mit Namen Thyssen ist nicht viel geblieben. Fasziniert am Beginn die unerschütterliche Treue der beiden Brüder August und Joseph Thyssen, die Schreibtisch an Schreibtisch in einem ehemaligen winzigen Backhaus des Dorfes Styrum bei Mülheim an der Ruhr in den 1870er Jahren die Bleistifte spitzen, um im Zeitalter des aufkommenden Stahlkapitalismus so viel Bandeisen wie möglich schaffen und verkaufen zu können, verkommt zur Jahrtausendwende der Umgang von Enkel und Urenkel zur süffisanten Klatschstory in internationalen Boulevardblättern.

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts steht der Name Thyssen für Stahl und wirtschaftlichen Aufstieg Deutschlands, vor allem der Kohle-und-Stahl-Region im rheinisch-westfälischen Industrierevier. Dahinter (richtiger: davor) steht der Name August Thyssen (1842 – 1926). Er ist Begründer des Imperiums, des damaligen größten Montankonzerns, dessen wichtigste Betriebe im Ruhrgebiet liegen und die bahnbrechend in der Entwicklung der Verbundwirtschaft sind. Im Sprachgebrauch der Wirtschaft heißt das, »Thyssen gründet 1871 als ein Pionier des integrierten Hüttenwerkes ein Unternehmen, das er zu einem vertikalen Konzern von der Erz- und Kohlegewinnung über die Eisenerzeugung bis hin zur Stahlverarbeitung und -veredelung im Laufe der Jahrzehnte ausbaut«. Für die Familie, an die er glaubt und die er erhofft, bleibt ihm bei dieser Titanenarbeit kaum Zeit. Als er im Wortsinne oben angekommen ist, endlich wie Krupp auf den Ruhrhöhen als Besitzer von Schloss Landsberg, ist er ein geschiedener, allein stehender Herr auf seiner Burg. Auch da ist er dem anderen Stahlkönig, Alfred Krupp, ähnlich, den seine Frau eines Tages gleichfalls sitzen lässt.

|27|Für zweifelhafte politische Positionen und persönliche Tragik, aber auch für Förderung von Wissenschaft durch immense Millionenbeträge steht der Name des Sohnes Fritz Thyssen (1873 – 1951) und seiner Frau Amélie (1877 – 1965). Dieser Thyssen konzentriert seine Interessen vor allem auf jene Teile des Konzerns, die später in die Vereinigten Stahlwerke aufgehen, dem größten deutschen Stahlkoloss – eine Zusammenfassung der wichtigsten Stahlwerke in einem Trust. Das Erzkatholische und Schwärmerische für eine Politik des Völkischen wirkt bei ihm als Auslöser eines tragischen Schicksals. Durch die unglückliche Verquickung seiner Träume mit der nationalsozialistischen Ideologie wird er zur ungewöhnlichen Einzelpersönlichkeit deutscher Großunternehmer. Er glaubt, der Nationalsozialismus werde die katholischen Vorstellungen von einer Volksvertretung neben der eigentlichen Volksvertretung, einer Ständekammer, möglich machen. Finanzielle Unterstützungen durch Thyssen und seine Industriefreunde an Rhein und Ruhr helfen Adolf Hitler auch zur politischen Macht, von dem er sich jedoch öffentlich lossagt. Er bezahlt seinen Irrglauben und seine Standhaftigkeit mit KZ-Haft. Der dunkelbraune Fleck der Familiengeschichte wird nie richtig bloßgelegt, gerät im Nachkriegsdeutschland gar in Vergessenheit – Deutschlands Wiederaufbau braucht Stahl und damit Thyssen. Wenn sein Neffe, Hans Heinrich Thyssen-Bornemisza zur schillernden Figur der Familie wird, ist Fritz Thyssen ein tragischer Held, dem Mitgefühl nicht versagt werden kann.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verliert sich der Name als der eines Industrieimperiums. Doch ein Hang zu Grafen, Freiherren, Baronen und anderem Adel scheint der Familie zu eigen zu werden. Das dritte Kind, Heinrich Thyssen (1875 – 1947), beginnt, indem er die Ungarin Margit Baronin von Bornemisza de Kászon (1887 – 1971) heiratet, sich vom Schwiegervater adoptieren lässt und dadurch zum Baron von Thyssen-Bornemisza |28|wird. Die Töchter machen es dem Vater nach: Margareta (1911 – 1989) ehelicht den ungarischen Grafen Batthyány, Gabriele (*1915) den Baron Bentinck. Heinrichs Sohn, Hans Heinrich (1921 – 2002), hat eine Tochter Francesca (*1958). Die heiratet ganz hoch den Kaiserenkel Karl von Habsburg. Anita Thyssen (1909 – 1990), Tochter von Fritz Thyssen, wird 1936 vom Kölner Erzbischof einem »ungarischen Schweinegrafen« (Spiegel) angetraut – doch nicht ohne anfänglichen Schwierigkeiten. Anitas Eltern mussten schon mehrere Tanzabende in der Hoffnung veranstalten, ein Herr aus Adelskreisen von Rhein und Ruhr möge beherzt zugreifen. »Die griffen nicht zu«, schreibt Publizist Thomas Kielinger, und allenthalben schwang »leises Bedauern« mit, »als läge so etwas wie Glücklosigkeit in der Luft … bis der ungarische Graf Zichy auftauchte, der ersichtlich am heftigsten flirtete, wenn auch weniger mit seiner zukünftigen Frau als mit ihrem Geld.« Durch Ladislaus Josef Maria Graf Gabor Zichy erhebt Anita schließlich ihre Söhne Frederico (*1937) und Claudio (*1942) durch Geburt in den Adelsstand als Grafen de Zichy-Thyssen. Gründer August Thyssens Tochter Hedwig (1878 – 1960) nimmt die Adelsvermählung besonders ernst: Sie wird durch Heirat gleich zweimal Baronin. Ihr erster Mann ist Graf Ferdinand von Neufforge, ihr zweiter der Baron Max von Berg. Die Töchter folgen der Mutter nach: Mignon wird Ehefrau des Grafen Wurmbrand-Stuppach, während Maximiliane sich als ersten von vier Männern den Freiherrn Seßler als Gemahl erwählt.

Sonst verbindet die Erben des Großindustriellen August Thyssen wenig. Man sieht sich, wie Georg Heinrich Thyssen-Bornemisza (geboren 1950), ein Thyssen der vierten Generation, sagt, »ganz selten«. Dem ersten Namen Thyssen fügt sich in der zweiten Generation dieser zweite hinzu: Bornemisza. Den trägt zunächst des Firmengründers drittes Kind, Sohn Heinrich Baron |29|von Thyssen-Bornemisza (1875 – 1947), dann dessen Sohn Hans Heinrich (1921 – 2002). Vor allem durch Hans Heinrich, im Jetset- und Boulevardblätter-Milieu »Heini« genannt, liefert dieser Doppelname öffentlich, nahezu genüsslich breitgetretene Details aus der Welt der Reichen und Superreichen einem Millionenpublikum sozusagen frei Haus: Kunstbesitz in Milliardenhöhe, Scheidungen und erneute Eheschließungen, Streit ums Erbe, um Geld und Kunstbesitz. Dieser Milliardär stirbt im Frühjahr 2002 nach langjährigem Familienstreit, wenige Monate nach einer stillen Einigung und nachdem sein Testament noch einmal neu geschrieben ist. Bei den Thyssens war und ist es wie meist bei anderen Prominenten auch: Mit stetig aufgehäuftem Reichtum wuchern die Familienprobleme, auf die die Mediengesellschaft wartet.

In dieser speziellen Familiengeschichte scheint das Prozessieren zum festen Bestandteil jeder Biografie zu gehören. Wenn nicht die Gerichte bemüht werden, grenzt das eine und andere an Skandal, gerät zum Eklat. Reine Familienangelegenheit, die niemanden etwas angeht? Im Fall Thyssen wird es nicht nur öffentlich verklatscht, vor Gerichten wird es nahezu automatisch sichtbar. Rein? Es war unendlich viel Hütten-und-Berg-Arbeiterschweiß, der den Reichtum der Thyssens ermöglichte, zeitweilig Deutschlands größter Privatbesitz, ohne den die Familie den Grundstock ihres Kunstbesitzes nicht hätte legen können, nämlich jene feinen weißen Marmorskulpturen des französischen Bildhauers Auguste Rodin, begehrt und bestellt vom Imperiumsgründer August Thyssen. Kaum ein Bewunderer von Rodin-Plastiken ahnt, dass es dessen heimliche Liebe gewesen ist, die den Künstler zu diesen Werken gedrängt, ja nahezu getrieben hat, und aus denen ein gutes Menschenalter später die größte private Kunstsammlung der Welt neben jener der britischen Königin erwachsen ist.

Auch diese Familiengeschichte fängt klein an. August Thyssen |30|ist ein Mann von niedrigem Wuchs: einen Meter und 54 Zentimeter. Der Rundfunkjournalist Ulrich Hinz nennt ihn einen Gnom. Doch der kleine Katholik aus dem Aachener Raum wird zum Riesen unter den ausschließlich protestantischen Gründerkapitalisten an Rhein und Ruhr. Offenbar hat ihn die napoleonische Energie der Kleinwüchsigen befeuert, nicht nur zu einer der Wirtschaftsgrößen des Stahl- und Kohlereviers zu werden, sondern zur Spitze der deutschen Industriellen aufzusteigen. Wie Alfred Krupp, der erst um eine Baugenehmigung für sein ungeschlachtes Industriellenschloss Villa Hügel auf den Ruhrhöhen bei Essen nachsucht, als der Bau nicht mehr zu stoppen ist, stellt auch August Thyssen den Bauantrag für seine gigantische Stahlhütte in Bruckhausen erst, als das Dorf bei Duisburg quasi vom Hüttenwerk geschluckt ist, das Bauen nicht mehr rückgängig gemacht werden kann und der wütende Protest der übergangenen Bauern und Dorfbewohner in ohnmächtige und vergebliche Wut verkehrt ist. Beide mächtigen Herren sterben nicht nur einsam, sondern auch allein. Keiner von ihren Familien oder einer von denen, auf die sie ihre Hoffnungen setzten, sitzt an ihrem Sterbebett. Bei Thyssen ist es die Frau eines Neffen, die sich um den Alten kümmert, bei Krupp die ungeliebte Schwiegertochter.

Am Anfang des 21. Jahrhunderts heißt es dann Vater gegen Sohn Thyssen-Bornemisza. Mitten im Stück geschieht ein Skandal: Der Richter schmeißt die Brocken hin. Er könne, gesteht er, die Unsummen dieses Prozesses nicht länger ertragen. Mit einer heimlichen außergerichtlichen Einigung, dem Tod des Vaters Hans Heinrich Thyssen-Bornemisza und seiner Beerdigung im Frühjahr 2002 scheint der Vorhang über das öffentliche Schauspiel gefallen zu sein. Eine Grablegung als letzte Zurschaustellung des Namens Thyssen? Wahrlich liegt, wie Heinrich Heine sagt, unter jedem Grabstein eine Weltgeschichte. Die Thyssens haben keine Grabsteine. Sie liegen, wie verborgen, in Gruften. Ihre Geschichte ist |31|nicht klarsichtig, birgt weiter Geheimnisse. Wie von einem Romanautor geschaffen, schreit am Ende des Streites und der Totenlegung ein Kind: Simon von Thyssen-Bornemisza, 2002 geboren. Da ist sie, die nächste Generation: Thyssen, die fünfte.

|32|2. Schlösser aus flüssigem Metall: 

Das Familienunternehmen

»O