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Die eigene Stille schaffen
Als Tinnitus wird ein Störgeräusch im Ohr bezeichnet, das keinen direkten akustischen Auslöser hat. Diese auch als Phantomgeräusch bezeichnete Hörerfahrung betrifft ca. 15 % der Einwohner in Industrieländern, die initialen Auslöser sind unterschiedlich und nicht immer klar auszumachen. Oft verschwindet der Tinnitus wieder von selbst, bei vielen Betroffenen wird er aber zu einer dauerhaften Belastung, die teilweise mit einem immensen Leidensdruck einhergeht. Die Beeinträchtigungen sind oft so schwerwiegend, dass ein normales Alltagsleben nicht mehr möglich ist. Die Folge sind soziale Abkapselung, Arbeitsunfähigkeit, und Depression bis hin zu Suizidgedanken. Eine wirksame medikamentöse Behandlung ist nicht nachgewiesen. Tinnitus-Experte und Diplompsychologe Markus Schwabbaur zeigt, wie Betroffene dem Tinnitus mit kognitiver Verhaltenstherapie und praktischen Übungen begegnen und wieder ein Leben ohne Beeinträchtigung führen können. Sein Ziel ist es, sie mit unterschiedlichsten Ansätzen dazu anzuleiten, dem "Phantomgeräusch" in ihrem Ohr keine Chance mehr zu geben und es endgültig aus ihrem Kopf zu verbannen.
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Seitenzahl: 232
Veröffentlichungsjahr: 2021
Für meine Familie
DIPL.-PSYCH. MARKUS SCHWABBAUR
DIETINNITUS-LÖSUNG
Die eigene Stille schaffen
Ohrgeräusche dauerhaftausblenden
Impressum
© der deutschen Ausgabe 2021 by Südwest Verlag, einem Unternehmen der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München
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Projektleitung: Hannes FrischLektorat: Claudia Fritzsche, MünchenLayout und Satz: Knipping Werbung GmbH, Berg am Starnberger SeeKorrektorat: Susanne Schneider, MünchenUmschlaggestaltung: Vera Schlachter, Veruschkamia, München, unter Verwendung eines Motivs von shutterstock/Aleksei DerinHerstellung: Timo WendaISBN 978-3-641-26199-3V001
Bildnachweis
Diagramme und Infografiken: Martin Knipping, Berg am Starnberger See 1 alamy stock photo: Alamy Granger
Inhalt
Prolog
Kapitel 1:Das Problem Tinnitus
Kapitel 2:Der Mensch – ein ganzer Kosmos
Das bio-psycho-soziale Modell
Die Psyche
Der Mensch, ein soziales Wesen
Unsere Sinne – die Tore zur Welt
Das Ohr – unser empfindlichster Sensor
Die Sinne aus der psychologischen Perspektive
Kapitel 3:Hören ist nicht gleich wahrnehmen
Die Entstehung des Tinnitus – eine psychoakustische Erklärung
Kapitel 4:Was ist Tinnitus?
Objektiver versus subjektiver Tinnitus
Akuter versus chronischer Tinnitus
Kompensierter versus dekompensierter Tinnitus
Diagnose: Tinnitus aurium
Der Markt der Begehrlichkeiten
Test: Wie schlimm ist mein Tinnitus?
Testauswertung und Interpretation
Kapitel 5:Counselling – mit Mythen aufräumen
Tinnitus ist keine Erkrankung – sondern immer ein Symptom!
Chronischer Tinnitus ist nicht die Folge einer Durchblutungsstörung
Ein Tinnitus wird nicht lauter – wir achten nur mehr darauf!
Tinnitus ist nicht der Auslöser einer Hörverschlechterung!
Wissen Sie eigentlich, wie laut Ihr Tinnitus ist?
Kapitel 6:Die vier Einflussfaktoren: Stress, Fokussierung, Bewertung und Anspannung
Der Teufelskreis des Tinnitus – die Entstehung des chronischen Tinnitus
Chronischer Tinnitus – ein typischer Entstehungsverlauf
Grundsätzliches zu den Übungen
Übung macht den Meister
Ruhe, bitte!
Die Grundprinzipien achtsamen Übens
Ausleitung ist wichtig!
Übungen machen schläfrig?
Hörtherapeutische Übungen
Allein üben oder mit Partner?
Kapitel 7:Einflussfaktor Stress
Tinnitus als Stresssymptom
Das »transaktionale Stressmodell«
Was ist das Gute am Stress?
Was läuft bei Stress im Körper ab?
Was also kann ich tun?
Chronischer Stress
Zwei Stufen der Behandlung
Allgemeine Stressoren
Fazit
Wer nicht krank ist, ist gesund? Die Salutogenese nach Aaron Antonovsky
Die Bedürfnispyramide nach Maslow
Die Transdiagnostik
Übungen gegen Stress
Kapitel 8:Einflussfaktor Fokussierung
Na, hör mal!
Figur-Hintergrund-Wahrnehmung
Die Rolle der Aufmerksamkeit
Übungen zur Defokussierung
Kapitel 9:Einflussfaktor Bewertung
Die Macht der Gedanken
Denken – Fühlen – Handeln
Der Einfluss der Gedanken auf den Tinnitus
Der Zusammenhang von Denken – Fühlen – Handeln
Ungünstige Bewertungen und Einstellungen
Das kann ich an meinem Handeln ändern
Das kann ich an meinem Denken ändern
Weitere günstige Bewertungen oder Einstellungen, die hilfreich für Sie sein können
Typische stresserzeugende innere Einstellungen
Self-fulfilling Prophecy
Die Gedanken sind frei
Fazit
Kognitives Stressmanagement
Akzeptanz und Commitment
»Begib dich in das Herz der Gefahr, denn dort findest du Sicherheit«
Übungen zur Um-Bewertung
Kapitel 10:Einflussfaktor Anspannung
Anspannung als negativer Einfluss
»Mens sana in corpore sano«
Anspannung braucht Entspannung
Sammlung versus Zerstreuung
Innehalten – Sammlung – Konzentration – Meditation
Zu viele Teller in der Luft
Achtsamkeit – die Konzentration auf das Gegenwärtige
Wie funktioniert die Übertragung in den Alltag?
Was erhält uns psychisch gesund?
Übungen gegen die Anspannung
Mit folgenden Übungen lässt sich Anspannung lösen
Kapitel 11:Tinnitus und Schlafstörungen
Keine Entspannung bei Schlafstörungen
Der gesunde Schlaf
Übungen bei Schlafstörungen
Kapitel 12:Tinnitus und seine Begleiter
Co-Symptome allgemein
Begleiterscheinungen aus dem HNO-Bereich
Tinnitus und Schwerhörigkeit
Tinnitus und Hörsturz
Tinnitus und Hyperakusis
Kapitel 13:Der Transfer in den Alltag
I. Stressoren
II. Die Fokussierung auf den Tinnitus
III. Der Einfluss von Bewertungen auf den Tinnitus
IV. Der Einfluss von Anspannung
Welche der genannten Lösungsvorschläge haben Ihnen geholfen?
Nach einer Weile des Übens
Anhang
Danksagung
Quellennachweis
Verzeichnis der Übungen
Register
Impressum
Prolog
»Wer krank ist, stimmt nicht mehr mit dem Universum überein. Er kann aber die Harmonie wiederfinden und gesund werden, wenn er seine Bewegungen nach denen der Gestirne richtet.«
Heinrich Cornelius Agrippa von Nettesheim, Universalgelehrter (1486–1535)
Betroffene möchten vor allem eines: Der Tinnitus soll endlich aufhören!
Ein chronischer Tinnitus kann einen Betroffenen schier wahnsinnig machen. Das andauernde Gefühl der Bedrohung, der Angst, jederzeit angegriffen werden zu können von diesem fiesen unsichtbaren Feind, der mit seinen Blitzangriffen mürbe machen will. Immer die plötzliche Attacke befürchtend, erwartend. Immer in Alarmbereitschaft – ohne eine Möglichkeit auszuweichen, ohne Kontrolle über die Hörstörung.
Andere wiederum erleben ihren Tinnitus als eine Art Dauerbeschuss. Sie haben den Eindruck, die Sirene wäre Tag und Nacht unaufhörlich mit gnadenloser Lautstärke auf sie gerichtet.
Ich verwende dieses militärische Vokabular gleich am Anfang meines Ratgebers ganz bewusst. Denn Betroffene empfinden es genauso – so als würden sie von einem akustischen Feind gefoltert. Sie fühlen sich ausgeliefert und machtlos, sehnen sich verzweifelt nach einem Aus-Schalter und bekommen doch keinen in die Hand.
Tinnitus beeinflusst sämtliche Lebensbereiche: Beim morgendlichen Frühstück – der Tinnitus ist schon wach. Auf dem Weg in die Arbeit – der Tinnitus ist mit dabei. Bevor man sich auf die Arbeit konzentrieren kann – der Tinnitus läuft bereits auf vollen Touren und fordert einen Teil der Aufmerksamkeit. Endlich ist Feierabend – der Tinnitus lässt einen nicht ruhen. Schließlich im Bett, den Tag abschütteln und in süßen Schlaf sinken? »Vergiss es!«, pfeift es da im Kopf.
Vor diesem Hintergrund ist der Wunsch, den scheußlichen Ton, das grässliche Geräusch loszuwerden, absolut verständlich und nachvollziehbar. Erst dann, so die Hoffnung der Betroffenen, kann das Leben wieder erträglich und schön werden.
Dieser verzweifelte Wunsch, diese Fixierung auf den einzigen Ausweg, ist einleuchtend – aber leider nicht sehr hilfreich bei der Lösung des Problems. Denn es gibt sie nicht, die eine Lösung zur Eliminierung des Tinnitus.
Tinnitus ist ein zu komplexes Phänomen, als dass sich eine regelhafte Ursache ausmachen ließe. Zum anderen sind wir Menschen Individuen, also zu unterschiedlich, damit eine bestimmte Vorgehensweise bei allen gleichermaßen hilfreich wirken könnte. Und zudem entwickeln Betroffene unbemerkt und ungewollt hochkomplexe Muster, womit sie das Symptom Tinnitus aufrechterhalten, unabhängig von dessen ursprünglicher Ursache.
Kapitel 1
Das ProblemTinnitus
»Ich hörte nichts. Unter mir dröhnten die Autos auf vier Fahrbahnen, und die U-Bahnen rumpelten rhythmisch auf ihrem Weg in die Stadtmitte und wieder hinaus. Ich war gefesselt von dem Anblick, der sich mir bot, und blendete die Geräusche aus. Du kannst nicht darauf warten, dass es still wird. Weder in New York noch irgendwo anders. Du musst dir deine eigene Stille schaffen.«
Erling Kagge beschreibt hier sein Sonnenaufgangserlebnis nach einer nächtlichen Klettertour auf die Türme der berühmten Williamsburg Bridge in New York.
Es ist jeden Abend das Gleiche. Immer wenn Jonas B. nach Hause kommt, müde von der Arbeit, sehnt er sich nach Ruhe und Entspannung. Er macht sich ein einfaches Abendessen, informiert sich über das Tagesgeschehen, liest noch ein bisschen und geht dann früh zu Bett. Die Zeiten der langen Nächte sind vorbei, seit Jonas keine entspannten Nächte mehr hat. Er kann einfach nicht einschlafen, der Tinnitus wird jeden Abend pünktlich dann besonders laut, wenn er ihn so gar nicht brauchen kann; wenn alles erledigt ist und er todmüde ins Bett fällt. Wenn er endlich den Schlaf nachholen möchte, den er schon in den letzten Nächten nicht bekommen hat.
Er liegt im Bett, und alles, was er wahrnimmt, ist dieser Wahnsinnston in seinen Ohren. Es gibt keine Stille mehr für Jonas. Nur ihn und den Ton. Der ihn nicht schlafen lässt. Auf den er eine Wut entwickelt hat, die ihn erst recht nicht mehr schlafen lässt.
Kennen Sie das? Vielen von Tinnitus Betroffenen geht es genauso wie Jonas. Das Einschlafen ist besonders schwierig. Denn gerade wenn um einen herum Stille einkehrt, wird der Tinnitus besonders laut.
Aber wäre es ohne Tinnitus wirklich still? Gibt es echte Stille überhaupt?
Nein. Wir hören immer irgendetwas. Nur sind wir uns dessen meist nicht bewusst.
Hören Sie zum Beispiel Ihren Atem?
Nein?
Wirklich nicht?
Gönnen Sie sich – trotz Tinnitus – eine Minute des aktiven Hinhörens auf Ihren Atem. Falls Sie nicht unter einer Hörminderung leiden, werden Sie nun – entgegen der Erwartung – Ihren Atem hören.
Warum erst jetzt? Weil Sie erst jetzt, nach meiner Aufforderung, auf Ihren Atem geachtet haben.
Das heißt: Wir nehmen nicht alles wahr, was wir hören. Denn gehört haben Sie Ihren Atem bereits vorher, aber in Ihr Bewusstsein kommt er erst jetzt, da Sie auf ihn achten.
Wie können wir mit diesem Wissen Jonas helfen? Er nimmt nur den Tinnitus wahr – sonst nichts.
Das Tinnitus-Geräusch ist in der Regel konnotiert mit Ärger, Ohnmacht, dem Gefühl des Ausgeliefertseins.
Unser Atem hingegen ist unser Lebenselixier schlechthin. Der Rhythmus unseres Atmens gleicht der Meeresbrandung, der stetigen Bewegung des Wassers. Das Meeresrauschen ist ein Geräuschrhythmus, den die meisten Menschen als angenehm empfinden (siehe die Übung Atem-Achtsamkeit).
Sie wissen nun, dass Sie beides hören können: den Tinnitus und Ihren Atem. Es ist eine Entscheidung, ob Sie mehr auf den Tinnitus oder mehr auf Ihren Atem achten möchten. Unser Gehör vermag aus einem gut gestimmten Orchester die einzelnen Instrumente herauszuhören. Sie können sich zum Beispiel auf den Klang der Geigen konzentrieren, während zeitgleich die Trompeten jubeln und die Trommeln wirbeln. Selbst die Töne der schüchternen Triangel kann man identifizieren, trotz des Riesengetöses ringsherum.
Machen Sie vor dem Einschlafen folgende Übung:
Hören Sie bewusst auf Ihren Atem.
Trotz aller anderer Geräusche – trotz des Tinnitus.
Folgen Sie mit Ihrer Aufmerksamkeit Ihrem Ein- und Ausatmen.
Lauschen Sie auf das Geräusch beim Einatmen – und beim Ausatmen.
Achten Sie dabei darauf, wie gleichmäßig Ihr Atmen ist;
dauern die Atemzüge immer gleich lange?
Atmen Sie gleich intensiv ein?
Fließt Ihr Atem unentwegt – oder gibt es dazwischen kleine Pausen?
Vielleicht gelingt Ihnen das Einschlafen durch das kontinuierliche Ein- und Ausatmen mit der »Meeresvorstellung« noch besser.
Wenn Sie sich bei dieser Übung mehr auf Ihren Atem und weniger auf Ihren Tinnitus konzentriert haben, dann ist das schon ein erster Erfolg. Je öfter Sie sie anwenden, desto besser wird es Ihnen gelingen, sich auf Ihren Atem zu konzentrieren.
Diese kleine Übung zeigt große Wirkung: Zum einen erleben Sie dadurch, dass Sie Ihre Kontrolle zurückgewinnen. Sie sind dem Tinnitus also nicht total ausgeliefert!
Zudem trainieren Sie mit dieser Übung Ihre Hörfilter. Jenes System, das dafür verantwortlich ist, welche der gehörten Geräusche in unsere Wahrnehmung gelangen und welche herausgefiltert werden. Sie können Ihren Hörfokus wieder erweitern und damit den Tinnitus mehr in den Hintergrund verschieben.
Wenn diese Effekte eintreten, dann wirkt sich das positiv auf Ihr Stresserleben aus: Wenn Sie aktiv etwas tun können gegen die Tinnitus-Belastung, dann erleben Sie das natürlich als ent-lastend. Und damit als befreiend.
Anhand dieses Beispiels möchte ich aufzeigen, dass die Ursachen und Auswirkungen beim Tinnitus nicht nur eindimensional, sondern vielschichtig sind.
Tinnitus ist ein Stressproblem
Erlebter Stress aus dem Privat- oder dem Arbeitsleben wirkt sich auf unser Körperempfinden aus; Tinnitus kann ein Anzeichen hierfür sein. Zum anderen bedeutet die Dauerbelastung durch Tinnitus Stress! Ein Teufelskreis entsteht, der sich selbst aufrechterhält.
Tinnitus ist ein Problem der Fokussierung.
Es entspricht unserer Natur, dass wir Reize, von denen eine Gefahr für uns ausgeht, »im Auge behalten«, oder besser gesagt, »unsere Ohren danach spitzen«. Wir fokussieren unsere Aufmerksamkeit darauf, was uns schädigen könnte. Nur so können wir uns vor den Auswirkungen der Gefahr schützen. Je mehr ich auf den Tinnitus achte, umso lauter und intensiver höre ich ihn allerdings auch.
Hier entsteht also wieder ein Teufelskreis, den es zu durchbrechen gilt …
Tinnitus ist ein Problem der Bewertung.
Wenn ich denke, der Tinnitus schädigt mein Gehör, schränkt er mich in meinen Möglichkeiten ein, reduziert meine Konzentrationsfähigkeit etc., dann wird er zur Gefahr für mich, dann hängt mein gesamtes Wohlergehen von ihm ab. Ich fühle mich ausgeliefert – die einzige Lösung scheint zu sein, dass dieser Tinnitus endlich aufhört. Ein weiterer Teufelskreis entsteht: Solange ich den Tinnitus habe, leide ich darunter. Wenn ich unter meinem Tinnitus leide, bereitet mir das Stress, und dieser verstärkt wiederum den Tinnitus …
Tinnitus ist ein Problem der Anspannung.
Starke Belastungen wie sie ein Tinnitus mit sich bringen kann, führen dazu, dass sich unsere Muskulatur anspannt. Als stünde uns unmittelbar ein Kampf oder die Notwendigkeit einer Flucht bevor, bereitet sich unser Körper durch die Anspannung auf eine mögliche Reaktion vor. Schultern und Nacken versteifen sich, um uns bei diesem instinktiven Verhalten zu schützen und zu unterstützen. Kurzfristig wäre eine erhöhte Anspannung kein Problem. Bei anhaltender Belastung allerdings, wie es bei Tinnitus der Fall ist, versteifen wir immer mehr – eine dauerhafte An- und Verspannung ist die Folge. Somit leiden wir nicht nur unter dem Tinnitus, sondern nun auch unter den Folgen von An- und Verspannung. Ein vierter Teufelskreis entsteht …
Dieser Ratgeber bietet Ihnen Hilfe zur Selbsthilfe bei allen vier Einflussfaktoren!
Hilfe zur Selbsthilfe bedeutet, dass Sie sich in den jeweiligen Kapiteln über die vier Einflussfaktoren informieren und dabei deren Bedeutsamkeit für sich selbst erkennen können. Anhand von Fallbeispielen lernen Sie, die Dynamik der Zusammenhänge zu erkennen, die Probleme anzugehen und aufzulösen – in all ihrer Vielschichtigkeit.
Und zudem finden Sie in jedem dieser vier Kapitel ausreichend viele Übungen, die Sie dazu befähigen werden, die Auflösung des jeweiligen Problems praktisch umzusetzen. Vor allem bei den Übungen liegt es an Ihnen, sich aktiv einzubringen und diese Übungen auch durchzuführen – einige regelmäßig, andere einmalig. Denn wie sagt eine alte Zen-Weisheit:
»Ein Tropfen Erfahrung ist wertvoller als ein ganzer Ozean an Wissen.«
Sie können diesen Ratgeber also Schritt für Schritt durchgehen. Er hält für alle Betroffenen Hinweise und Anleitungen bereit, beziehungsweise zeigt er unterschiedlichste Verbindungen auf, die eine Vielzahl von Konstellationen abbilden.
Kapitel 2
Der Mensch – einganzer Kosmos
In unserer Kultur sind wir es gewohnt, Spezialisten aufzusuchen, die unsere Probleme lösen sollen und dies in der Regel auch können. Das gilt insbesondere bei medizinischen Fragestellungen. Natürlich sind wir im Hinblick auf unsere körperliche Gesundheit besonders sensibel. Das ist ein gesunder Reflex. Doch durch unsere Erwartungshaltung an andere »Spezialisten« lagern wir die Lösung aus, verlagern sie auf andere Menschen und Systeme. Denen vertrauen wir mehr als uns selbst. Das ist doch eigenartig. Schließlich verbringen wir die meiste Zeit mit uns selbst: von Geburt an, Tag und Nacht, bis zu unserem Tod.
Dem menschlichen Körper wohnt eine ausgeprägte Fähigkeit zur Selbstheilung inne. Unser Körper ist fortwährend damit beschäftigt, die in ihm ablaufenden Prozesse im Gleichgewicht zu halten. Hormonsystem, Immunsystem und andere Systeme regulieren sich ständig neu, um uns gesund zu erhalten. Die Medizin kann hierbei als Hilfe zur Selbstheilung betrachtet werden!
Damit die Selbstheilung gut funktioniert, müssen wir lernen, uns selbst zu vertrauen und die Zeichen unseres Körpers wahrzunehmen – und auch danach zu handeln.
Die Ärzte-Odyssee
Oft schon habe ich erlebt, dass Patienten einen langen »Spezialisten-Weg« hinter sich haben, bevor sie zu mir/zum Psychotherapeuten kommen.
Viele suchen zuerst den Hausarzt auf, der sie dann wahrscheinlich zu einem HNO-Spezialisten überweist. Das ist auch gut so. Es handelt sich ja um ein Hörphänomen.
Außerdem müssen organische Ursachen ausgeschlossen beziehungsweise bei Vorliegen beseitigt werden. Wenn der HNO-Arzt keine Ursache findet, käme wohl als Nächstes der Besuch in einer neurologischen Praxis infrage. Schließlich könnten ja auch die Nervenbahnen ein falsches Signal in Form eines Tinnitus erzeugen. Wenn hier jedoch keine Anomalie festgestellt wird, geht die Reise weiter in die Praxis des Orthopäden: Handelt es sich um ein zervikales Geschehen, geht es also von der Wirbelsäule aus? Wenn sich auch hier kein Zusammenhang zeigt, könnte eventuell die Kieferorthopädin eine craniomandibuläre Dysfunktion (Fehlsteuerung der Muskel- oder Gelenkfunktion der Kiefergelenke) als Ursache des Tinnitus diagnostizieren. Oder sollte lieber noch ein Physiotherapeut oder Osteopath auf den Körper schauen? Und so weiter und so fort.
Was aber, wenn keiner der konsultierten Behandler einen kausalen Zusammenhang dingfest machen und eine Lösung aufzeigen kann? Waren dann die Behandler vielleicht nicht gut genug? Wenn die Doktoren nicht auf die Lösung kommen, vielleicht dann die Professoren? Und so kann die Reise wieder von vorne beginnen. So lange, bis die Suche nach weiteren Ärzten und »klassischen« Behandlern irgendwann nichts mehr hergibt. Dann öffnen wir uns schließlich für weitere alternative Heilmethoden (neuronale Stimu-latoren, Geräuschgeneratoren, musiktherapeutische Techniken etc.). Wenn jedoch auf allen möglichen Wegen des somatischen Herangehens keine Linderung oder gar eine Heilung erzielt werden kann, wächst die Verzweiflung immer weiter.
An dieser Stelle angelangt, wenn sämtliche somatischen und sensorischen Heilversuche ausgeschöpft sind, wird es Zeit, den Blickwinkel zu erweitern.
Das Heilsystem ist hier am Ende, da die »moderne« Medizin von der Annahme der Biomechanik ausgeht: Sie sieht den Körper als Maschine, deren Einzelteile bei Fehlfunktionen ausgetauscht, repariert (OP, manuelle Therapien …) oder neu geschmiert (Medikamente …) werden müssen.
Das bio-psycho-soziale Modell
Bestehen wir nur aus der Biomasse Körper? Ist Tinnitus ein körperliches Phänomen? Oder täuscht uns da unsere Wahrnehmung? Ist er also eine Erscheinung auf der Psycho-ebene?
Der US-amerikanische Psychiater George L. Engel stellte bereits im Jahr 1977 das bio-psycho-soziale Modell vor, worin das biomechanische Maschinenparadigma abgelöst wird durch eine ganzheitliche Betrachtung des Menschen: der Mensch als körperlich-seelische Ganzheit in seiner ökologisch-sozialen Umwelt.
MERKE
Da eine bestimmte körperliche Ursache für den Tinnitus in der Regel nicht gegeben ist, kann eine Behandlung des Körpers das Symptom auch nicht beseitigen!
Es müssen also neben den körperlichen (»bio«-logischen, also das Lebendige, Körperliche betreffenden) Aspekten auch die psychologischen und sozialen Anteile des Menschen in die Betrachtung einbezogen werden.
Was verbirgt sich hinter den beiden nicht-körperlichen Dimensionen?
Die Psyche
Die psychologische Dimension beschreibt unser gesamtes Wesen und subjektives Erleben einer Krankheit, mit unseren Gefühlen, Gedanken und unserem Verhalten. Wir alle haben unser subjektiv-individuelles Krankheitsmodell, das heißt eine Vorstellung, die wir uns von der Entstehung einer Krankheit und deren Heilung machen.
Hier sind einerseits die Genetik und die frühe Prägung durch das Elternhaus und die nahe Umgebung maßgeblich für unseren individuellen Lebens- und Bewältigungsstil verantwortlich. Andererseits ist es auch unser späteres Lernumfeld, in dem wir lernen, so zu agieren, damit wir unsere persönlichen psychischen Grundbedürfnisse erfüllt bekommen und Unlustempfindungen vermeiden. Wir entwickeln dadurch von Kindheit an unsere individuellen Überlebensstrategien.
Wir alle hatten unsere Gründe, uns in die Richtung dieser oder jener Persönlichkeit zu entwickeln. Kein Mensch auf dieser Welt gleicht dem anderen. Selbst eineiige Zwillinge, die biologisch und optisch in hohem Maße übereinstimmen mögen, sind in ihrem Erleben und Verhalten unterschiedlich.
Der Zusammenhang Körper–Geist
Dass die Psyche eng mit dem Körper verbunden ist, wissen wir alle aus eigener Erfahrung. Unser Magen reagiert empfindlich auf eine bevorstehende Stresssituation, oder eine ausweglose Situation offenbart sich uns über Hautprobleme – manchmal ist es »zum Aus-der-Haut-Fahren«. Diese Beispiele folgen dem Prinzip der Psychosomatik, das heißt, der Körper (Soma) folgt der Seele (Psyche). Es gibt auch den umgekehrten Fall der somato-psychischen Abläufe, dabei folgen psychische Effekte einer körperlichen Störung nach. So ist es zum Beispiel bei chronischen Krankheiten, die durch langfristig anhaltende Beschwerden Folgen in der Psyche verursachen: Körperliches Leiden kann sich dann zusätzlich in Form depressiver Symptome zeigen. Häufig entsteht auch hier ein »Henne-Ei-Kreislauf« aus beiden Systemen.
Auch im Positiven lässt sich der enge Zusammenhang zwischen Körper und Geist zeigen: Bei Menschen, die regelmäßig Meditation praktizieren, lässt sich neben einer Reduktion des Stresshormons Cortisol langfristig eine positive Veränderung der Hirnstrukturen erkennen, die eine erhöhte Konzentration und Aufmerksamkeit ermöglicht. Beim autogenen Training, einer Übungsmethode, bei der man sich durch die Wiederholung bestimmter Sätze in Selbsthypnose begibt, lässt sich eine Erhöhung der Körpertemperatur in den Gliedmaßen messen. Das ist allein auf die Macht der Gedanken zurückzuführen.
Die Aufgabe der Gefühle
Gefühle haben, ähnlich wie Instinkte, die ureigene Aufgabe, uns zu leiten und zu schützen. Ekel schützt uns davor, Verdorbenes zu essen. Angst lässt unsere Pupillen weit werden, wir können nicht anders, als auf die »Gefahr« zu starren. Angst bringt uns automatisch in eine körperliche Abwehrhaltung. Wut lässt uns Energie für einen Kampf sammeln, explosionsartig ausgeschüttetes Adrenalin sorgt dafür, dass wir Verletzungen und Schmerzen weniger stark spüren, plötzlich Kräfte entwickeln, über die wir sonst nicht verfügen.
Vor allem anhand jüngster Forschungsergebnisse wird deutlich, dass der Zusammenhang zwischen dem Erleben und körperlichen Vorgängen noch enger ist, als bis dato in medizinischen Fakultäten gelehrt wird. Studien aus dem Forschungsbereich der Psychoneuroimmunologie zeigen, dass dauerhafter Stress zu einem dauerhaften Anstieg von Cortisol im Blut führt. Das wirkt zwar einerseits entzündungshemmend, andererseits gehen damit auch erhebliche unerwünschte Wirkungen einher: von Neurodermitis über psychosomatische Krankheiten bis hin zu Krebs. Andererseits kann sich langfristig ein Cortisolmangel (Hypocortisolismus) einstellen, der Körper kann damit weitere Stressfolgen nicht mehr abfedern. Dadurch können immunologische Dauerschäden entstehen, wie etwa eine rheumatoide Arthritis.
Der Mensch, ein soziales Wesen
Die (ökologisch-)soziale Dimension betrachtet den Menschen als Wesen, das in seine sozialen Beziehungen eingebunden ist. Der Mensch gehört zur Klasse der Säugetiere. Als Säugetiere waren und sind wir immer auf andere angewiesen, wir hätten alleine nicht überleben können. Seine Fähigkeit zum sozialen Zusammenhalt, das Bilden von Gruppen, Familien, Gemeinden etc. ließ den Menschen in der Geschichte so erfolgreich werden.
Zu den sozialen Beziehungen zählen enge Personenbeziehungen, Familie, Nachbarschaft, Kollegenkreis, unsere Kultur und Gesellschaft.
Wie ist die Beziehung zu meinen Nächsten, zu meiner Familie, zum etwaigen Partner, zu den Kindern? Streiten wir viel? Oder vermeiden wir vielleicht allen Streit um jeden Preis, auch um den der gegenseitigen Ehrlichkeit? Um eine Harmonie aufrechtzuerhalten, die in ihrem Inneren keine (mehr) ist.
Haben wir uns über die Organisation des Alltags hinaus noch etwas zu sagen, hören wir einander zu? Teilen wir die gleichen Träume? Kennen wir die Träume der/des anderen überhaupt?
Wie ist die Beziehung zu meiner Herkunftsfamilie, zu Eltern, Geschwistern und weiteren Verwandten?
Haben wir regelmäßigen Kontakt zu anderen Menschen? Möchten wir den Kontakt? Erlebe ich mich im Kontakt zu meiner Familie oder nach Familientreffen und Telefonaten regelmäßig anders – missgelaunt oder aggressiv?
Auch weniger nahestehende Menschen sind für uns regelmäßige Sozialpartner. So zum Beispiel Nachbarn oder Vereinskollegen. Auch hier sollten wir die Beziehungen auf ihre Qualität hin überprüfen.
Gehe ich dem einen Nachbarn immer aus dem Weg, wenn ich ihn von fern kommen sehe? Bin ich gegenüber denselben Vereinskollegen immer kurz angebunden, während ich mir bei anderen doch immer Zeit für ein kleines Schwätzchen nehme?
Wie sieht es aus am Arbeitsplatz? Werde ich nervös, wenn ich den/die Vorgesetzte kommen höre? Nervt es mich, wenn ich schon montagmorgens mit bestimmten Kollegen reden muss? Mache ich um den einen oder anderen einen Bogen?
Sehr häufig schon habe ich in meiner Praxis Leidensgeschichten gehört, in denen Tinnitus-Betroffene berichten, im Urlaub gehe es ihnen immer gut, aber sobald sie wieder an ihren Arbeitsplatz zurückkehren müssten, meldete sich der Tinnitus wieder »lautstark«. Es gibt aber auch die genau gegenteiligen Berichte: Häufig beginne der Tinnitus ausgerechnet am ersten Urlaubstag penetrant zu werden, gerade dann, wenn man sich endlich entspannen könnte. Als ließe mit dem Nachlassen der Arbeitsspannung auch die Abwehr gegen den Tinnitus nach.
So lässt sich der Tinnitus auch als ein Symptom interpretieren, das uns auf eine Disharmonie im zwischenmenschlichen Bereich hinweisen möchte.
Durch die ständige Anspannung aufgrund lauernder Konflikte können sich Stresssymptome dauerhaft einnisten und echte Probleme heraufbeschwören. Wir müssen also auf allen infrage kommenden Ebenen prüfen, ob die jeweiligen Beziehungen passen oder nicht.
Der soziale Aspekt wird gestützt durch die aktuell noch laufende Studie der Harvard Medical School, die sogenannte Grant and Glueck Study. Mit dieser Langzeitstudie wurde bereits 1938 begonnen, und die Forscher versuchen, aus allen möglichen Lebensbedingungen herauszufinden, welche Faktoren für das Glücklich-Sein verantwortlich sind. Das aktuelle Ergebnis: Menschen mit stabilen und engen sozialen Beziehungen sind nicht nur glücklicher, sondern halten sich auch am längsten gesund, sie bekommen erst später Gedächtnisprobleme als andere und bleiben länger in Form. Einer der dabei wichtigsten Wirkfaktoren ist, so der Studienleiter Dr. Robert Waldinger, dass wir engen Partnern unsere ungeteilte Aufmerksamkeit schenken, uns ihnen echt zuwenden. Diese Form der Konzentration werde in unserer veränderten Medienwelt immer mehr verlernt.
Natürlich kann auch das Fehlen sozialer Verbindungen Stress auslösen. Vielen sind zwischenmenschliche Beziehungen zu anstrengend, weshalb sie sich lieber in eine soziale Isolation begeben. Der soziale Rückzug ist jedoch nicht für alle gut. Tinnitus kann durchaus auch ein Anzeichen für das Fehlen sozialer Beziehungen sein.
Insgesamt zeigt uns das bio-psycho-soziale Modell echte Möglichkeiten auf, Unstimmigkeiten auf den Ebenen Körper, Geist und soziale Beziehungen zu identifizieren. Die drei Dimensionen bedingen sich gegenseitig. Und sie bereiten einander den Weg.
Unsere Sinne – die Tore zur Welt
Besondere Beachtung kommt bei einer Hörstörung der Sinneswahrnehmung zu. Schließlich ist Tinnitus eine sogenannte Hörstörung – und als solche folglich auf den Hörsinn bezogen.
Unsere Sinneswahrnehmungen verbinden uns mit unserer Umwelt, die Sinne sind die Tore unserer Innenwelt zu unserer Außenwelt. Das Riechen, Sehen, Schmecken, Hören, Fühlen lässt uns teilhaben an der Außenwelt, und damit auch aneinander. Ob das nun eher dem Körperlichen, Psychischen oder dem Sozialen zuzuordnen ist, bleibt unbeantwortbar. Die Sinnesorgane sind sicher den körperlichen Funktionen zuzuordnen, das Wahrnehmen und Interpretieren der Sinneseindrücke geschieht eher auf der psychischen oder emotionalen Ebene. Und der soziale Aspekt ist die verbindende Funktion der Sinne. Die Sinne sind also Teil jeder der drei Dimensionen.
Das Ohr – unser empfindlichster Sensor
Der Hörsinn hat eine besondere Aufgabe. Er ist nicht nur das am frühsten entwickelte Sinnesorgan, er ist – ebenso wie der Sehsinn – ein sogenannter Fernsinn. Wir nehmen also auch Reize aus unserer entfernten Umgebung wahr. Im Vergleich zum Auge können wir das Ohr aber nicht verschließen – es ist immer auf Empfang. Somit fungiert der Hörsinn als unser Wächtersinn. Auch nachts, wenn wir schlafen, werden akustische Reize in unser Gehirn geleitet und unbewusst bewertet, gefiltert. Diese Funktion war von besonderer Bedeutung für das Überleben unserer Spezies, als unsere Vorfahren noch auf unbefestigten Lagern nächtigten und so für Raubtiere eine leichte Beute darstellten.
Das Ohr ist unser empfindlichstes Sinnesorgan – und es liefert dem Gehirn immerzu akustische Daten.
Zwar gab es Tinnitus immer schon – zumindest wissen wir das aus schriftlichen Überlieferungen –, doch hat sich unsere akustische Umwelt in den letzten Jahrzehnten drastisch verändert. Im Zuge der Digitalisierungsprozesse entstanden technische Modernisierungen, die inzwischen omnipräsent sind und uns ständig mit Warn- und Hinweistönen in den Ohren liegen. Sie erschallen aus der U-Bahn, dem Bus, den eigenen oder fremden Mobiltelefonen, das Auto piepst und klackert, und im Büro reißt einen das Klingeln jeder einzelnen eingehenden E-Mail aus der Arbeitskonzentration. Weil die akustische Dauerbeschallung unser hochempfindliches Hörsystem pausenlos belastet, können gerade dort massiv Störungen auftreten.
Die Sinne aus der psychologischen Perspektive
Unsere Sinne sind also die Tore, die uns mit der Außenwelt verbinden. Auf psychischer Ebene betrachtet, haben wir in unserer Innenwelt bestimmte Erwartungen, Hoffnungen, Wünsche usw. Wenn diese nicht mit der Außenwelt übereinstimmen, also unsere reale Lebenswelt nicht unserer erwünschten Innenwelt entspricht, entsteht an den Übergängen zwischen Innen- und Außenwelt eine Disharmonie.
Der Tinnitus symbolisiert hier die Antwort des Hörsinnes auf die Disharmonie.
Wir sollen innehalten, achtsam sein, nach innen hören. Dahin, wo das Ungleichgewicht am deutlichsten zu spüren ist.
Wenn es nicht mehr gelingt, die Innen- und die Außenwelt in der Balance zu halten, kann dies einen Missklang (Tinnitus) hervorrufen, der immer lauter wird und sich zu einem regelrechten Alarmsignal entwickeln kann.
An der Stelle möchte ich diesem Zusammenhang auf der etymologischen Basis nachspüren: Das Wort »Alarm« stammt ursprünglich aus dem Italienischen, wo sich das Wort allarme aus dem Kampfruf all’arme!, »zu den Waffen!«, entwickelt hat. Im Deutschen entstand später durch den Wegfall des unbetonten Anlauts das Wort »Lärm«.
Hier wird der kausale Zusammenhang zwischen Ursache (Belastung, Stressor, Disharmonie) und Wirkung (Alarm in Form von Tinnitus-Lärm) sehr deutlich.
In diesem Sinne wollen wir uns auf den Weg machen zu Ihren inneren Beweggründen und zu den wahren Ursachen Ihres Tinnitus. Sie mögen einige Auslöser nicht ändern können, aber ganz sicher können Sie lernen, besser damit umzugehen.
Oder um es mit den Worten von Jon Kabat-Zinn zu sagen:
»You can’t stop the waves, but you can learn to surf.«
Kapitel 3
Hören ist nicht gleichwahrnehmen
