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Sarah Aubin ist nun endgültig auf sich alleine gestellt. Nachdem sie wieder einmal den Jaspastein benutzt hat, gerät sie jenseits von Menea Area an einen uralten Ort voller Geheimnisse. Eine abenteuerliche Flucht durch Tirnangart, der kargen Hochebene des Nordens, beginnt. Dann scheint sich auch noch die ganze Welt gegen sie verschworen zu haben und auch ihre Gefühle für Wrehs zer an Dagda bringen ihr nur Leid. In der Hoffnungslosigkeit jedoch erhält sie Hilfe von unerwarteter Seite. Kann sie ihr Schicksal noch beeinflussen und bekommt sie am Ende das, was sie sich am meisten wünscht oder wartet dort nur noch der Tod auf sie?
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Seitenzahl: 383
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Lara Elaina Whitman
Die Tochter der Eriny
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Zum Buch
Karte von Aremar
Prolog
Im Hohen Norden
Hexenspionin
Die Dunkelelben von Drun
Frappierende Ähnlichkeiten
Schon wieder Einhornhaut
Verfluchter Ort
Eine heikle Zähmung
Jäger und Beute
Endlose Sandbuchten und bunte Eier
Allein
Die letzte Bastion
Ausgehorcht
Enttäuschungen
Elbenparty
Tiefer Schmerz
Die Goldene Stadt
Ein verzweifelter Segelturn
Eine Falle
Die letzte Schlacht und ein treuer Gefährte
Das Haus Cygnor
Tochter der Schwäne
Glossar
Danksagung
Über die Autorin
Rezensionen und Feedback
Bisher erschienene Romane von Lara Elaina Whitman
Leseprobe aus "Das Verlorene Siegel: Der Silberne Turm" - Ein Kontakt zu den Aliens
Rechtliche Hinweise
Impressum neobooks
LARA ELAINA WHITMAN
DIE
TOCHTER
DER
ERINY
eBook
Fantasy Romance
Umfang: 412.000 Zeichen
Trilogie
Band I: Das Zeichen der Eriny
Band II: Die Prophezeiung der Eriny
Band III: Die Tochter der Eriny
Sarah Aubin ist nun endgültig auf sich alleine gestellt. Nachdem sie wieder einmal den Jaspastein benutzt hat, gerät sie jenseits von Menea Area an einen uralten Ort voller Geheimnisse. Eine abenteuerliche Flucht durch Tirnangart, der kargen Hochebene des Nordens, beginnt. Dann scheint sich auch noch die ganze Welt gegen sie verschworen zu haben und auch ihre Gefühle für Wrehs zer an Dagda bringen ihr nur Leid. In der Hoffnungslosigkeit jedoch erhält sie Hilfe von unerwarteter Seite.
Kann sie ihr Schicksal noch beeinflussen und bekommt sie am Ende das, was sie sich am meisten wünscht oder wartet dort nur noch der Tod auf sie?
Verfolgt von den Schatten.
Geblendet von Zweifel und Angst.
Verraten von den Deinen.
Geliebt von dem Einen.
Höre, Tochter der Schwäne, höre.
Auf den Ruf deines Herzens.
Anmar´aganai
Barde des Hochkönigs von Aremar
1. Dynastie
Die Worte folgten mir in die Dunkelheit. Sie umwehten mich wie Geister, kamen näher und entfernten sich, schrien und kreischten. Der kalte Wind sang flüsternd in meinen Ohren, »weine Tochter der Schwäne, weine«.
Wasser schlug über mir zusammen, eiskalt und dunkel wie die Nacht. Ich versank in den Fluten, die Augen weit aufgerissen vom Schock der Kälte und konnte doch nichts sehen. Immer tiefer sank ich hinab, der Druck in meinen Ohren nahm schmerzhaft zu. Ich wollte atmen, doch dann würde ich ertrinken. Meine Lunge schrie nach Luft. Verzweifelt strampelte ich, um wieder nach oben zu kommen, wo immer auch oben war. Langsam ermatteten meine Bewegungen. Eben war ich doch noch im Felsnadelgebirge gewesen, gebissen von einer Schlange, vergiftet, und Wrehs war aus der Dunkelheit herausgetreten. Oder war es der Schwarze Krieger? Ich konnte die Halluzination von der Realität nicht unterscheiden, war gefangen in tiefer Finsternis die mich erdrücken wollte. Ich war nicht wirklich hier, redete ich mir ein. Mühsam zwang ich mich den Mund geschlossen zu halten und legte den Kopf in den Nacken. Weit oben sah ich Licht schimmern. Dort musste die Oberfläche sein. Aber warum nahm ich das Wasser so intensiv und real wahr, wenn es doch nur Einbildung war? Ich strampelte mit den Beinen. Das Wasser war so eisig. Es lähmte meine Glieder. Schlagartig wurde mir klar, dass das hier keineswegs ein Produkt meiner Fantasie war. Und dann fiel mir wieder alles ein. Thomy, Wrehs und all die anderen. Ihre bestürzten Gesichter, als ich den Jaspastein benutzte. Es war das Letzte, was ich gesehen hatte, bevor der Stein mich hierhergebracht hatte, in diese kalten Fluten, in denen ich mein eisiges, nasses Grab finden würde und es war meine eigene Schuld. All das Gift der Rotviper war mit einem Schlag aus meinen Adern verschwunden und mein Verstand begann wieder zu arbeiten. Ich konnte wieder klar denken. Ich befand mich in einem eisigen Ozean und wurde von den Wellen hin- und hergeworfen, die bis zu mir in die Tiefe herunterreichten und das Wasser um mich herum aufwühlten. Ich hatte kaum noch Luft in meinen Lungen. Hier würde ich also sterben. Panisch drehte ich mich um mich selbst. Der Jaspastein, er war meine Rettung. Mit Entsetzen fiel mir ein, dass ich die Hand geöffnet hatte, nachdem ich in die schaumigen Fluten gefallen war. Hatte ich den Stein etwa schon wieder verloren? War er versunken in den Tiefen dieses Ozeans und gab es jetzt für mich kein Entkommen mehr? Wo war er? Mein Körper schrie verzweifelt nach Luft. Ich musste atmen, ob ich wollte oder nicht. Ein letztes Aufbäumen zeigte mir wie nutzlos das alles war. Ohne den Stein hatte ich keine Chance. Die Oberfläche war zu weit weg. Ich würde sie niemals erreichen. Mein Lebensfunke erlosch langsam und dann trieb ich ohne Gegenwehr in der Dunkelheit des Ozeans davon. Ich fühlte die Sinnlosigkeit durch mich hindurchfluten, wie das Wasser, das durch meinen geöffneten Mund hereindrang. Salziges Nass füllte meine Lungen. Etwas legte sich um meinen Kopf wie ein feiner Schleier. Das Wasser wich. Hustend spuckte ich das Salzwasser aus und sog dann gierig die Luft ein, die mich plötzlich umgab.
Als ich wieder halbwegs zu Atem gekommen war und die roten Nebel vor meinen Augen verschwunden waren, sah ich mich verblüfft um. Ich trieb in einer großen Blase, die mich gegen das Wasser abschirmte. Jenseits dieses Behältnisses aus Luft wirbelten Gestalten um mich herum, groß und beängstigend. Sie schwammen sehr schnell. Ab und zu drückte sich ein bleiches Gesicht an die Luftblase und betrachtete mich mit intensivem Blick aus eisblauen Augen. Schöne Gesichter, doch als sie lächelten zeigten sie ihre Zähne. Ich erschrak zutiefst. Dies waren keine Menschen. Sie hatten spitze, scharfe Zähne wie der Tektek-Dämon. Angstvoll drehte ich mich in meiner Lebenssphäre im Kreis auf der Suche nach einem Fluchtweg. Ich wollte von diesen gefährlich aussehenden Gestalten fort. Wo war ich hier eigentlich?
Stimmen begannen in meinem Kopf zu flüstern. Sie sagten seltsame Dinge.
»Lasst uns mit diesem merkwürdigen Wesen spielen? … Warum spielen? … Wir können es gleich hier an Ort und Stelle verspeisen. Es sieht köstlich aus.« Die Stimme, die diesen schrecklichen Vorschlag gemacht hatte, war hell und kindlich.
Panisch schrie ich auf und versuchte zu fliehen, aber die Wesen ließen es nicht zu. Sie stupsten die Blase immer wieder an, so dass ich nicht fortkonnte, immer tiefer hinabtrieb. Wo war nur mein Jaspastein? Benommen hielt ich inne und blickte auf meine rechte Hand. Sie war zusammengeballt, die Finger fest verschlossen. Da war er ja! Ich hatte ihn die ganze Zeit gehabt. Das musste der Sauerstoffmangel sein, der mir das Denken schwermachte. Erleichtert nahm ich ihn in meine linke Hand, doch nichts geschah. Es funktionierte nicht! Verzweifelt und voller Angst hob ich den Kopf und sah direkt in das Gesicht eines dieser Wesen. Es sah männlich und sehr attraktiv aus, menschenähnlich. Allerdings war das auch so ziemlich alles was mit einem Menschen Ähnlichkeit hatte. Seine langen Haare hatten die Farbe von dunkelgrünem Tang und seine Haut am Körper war bedeckt mit Schuppen, wie bei Fischen. Es hatte anstelle von Beinen einen Fischschwanz.
»Meermenschen!«, sagte ich überrascht. Schon wieder Fabelwesen, die es doch eigentlich gar nicht geben sollte.
Der Meermenschenmann zuckte zurück. »Es spricht! Es weiß was ich bin!«, sagte er überrascht in meinem Kopf.
Alle anderen kamen nun auch näher und begutachteten mich interessiert. Es waren auch Frauen darunter. Sie hatten lange rötlich schimmernde Tanghaare, die hinter ihnen in der Strömung trieben und wunderschöne Gesichter, solange sie nicht lachten. Ihre Stimmen waren melodisch, aber mir war klar, dass ich sie nur in meinem Kopf hören konnte, so wie Gedankenlesen.
»Sie ist ein Kind des Landes!« Die Meerfrau, die das gesagt hatte klang freundlicher als die andere, die mich essen wollte.
»Na und! Sie hat sich in unser Reich gewagt und hat hier nichts zu suchen. Wir dulden keine Landmenschen hier. Lasst sie uns jagen und erlegen, so wie wir es mit Beute tun. Ich bin hungrig«, sprach wieder die Meerfrau von vorhin. Sie war noch ein Mädchen, kaum älter als ich und sie fixierte mich mit gierigem Blick.
Meine Furcht wich Zorn. »Ich bin kein Tier, das du einfach erlegen kannst. Das ist kannibalisch.« Andere Menschenwesen zu essen war ekelhaft. Hoffentlich sahen die das auch so.
»Euresgleichen hat uns gejagt. Euresgleichen hat uns vertrieben. Warum sollte ich dich als Meinesgleichen betrachten?«, sang das Meermädchen und versuchte die Blase mit einem langen Stab anzustechen. Ein paar Wassertropfen drangen durch die Membran hindurch. Ich betrachtete sie entsetzt.
»Halt!«, sagte eine Stimme befehlend, die zu einer großen Meerfrau gehörte, die jetzt an meine Luftblase heranschwamm und mich von oben bis unten anschaute. Sie war wirklich furchteinflößend, aber auch majestätisch.
Vorsichtshalber deutete ich eine Verneigung an. Man konnte ja nie wissen.
Sie lächelte erfreut. »Kind der Landmenschen. Du hast gute Manieren. Ich bin die Königin dieses Volkes. Was machst du hier?«, fragte sie mit wohlklingender Stimme in meinem Kopf.
Statt einer Antwort zeigte ich ihr den Jaspastein, den ich immer noch in der Hand hielt. Dabei sah sie mein Zeichen. Mechanisch schob ich den Stein in meine Hosentasche.
»Königin, du glaubst ihr doch nicht etwa?« mischte sich die kleine Meerfrau ein, die mich unbedingt verzehren wollte.
»Still! Geh! Es ist nicht ihr Schicksal hier zu sterben«, wies die Meermenschenkönigin sie scharf zurecht. Das Meermädchen duckte sich und verschwand ohne Widerworte in den Tiefen des Ozeans.
Ich war mir sicher, dass ich in ihr bestimmt keine Freundin gefunden hatte. Vermutlich sollte ich ab jetzt nie mehr auf Aremar im Meer baden gehen. Es könnte mich mein Leben kosten.
Die Königin der Meermenschen winkte und der Meermann, der mich vorhin so eingehend betrachtet hatte kam sofort an ihre Seite. »Meine Königin?«
»Bring die verlorene Tochter an Land. Du bürgst mir für sie mit deinem Leben, sollte sie jemals wieder unsere Welt betreten und ihr etwas geschehen«, befahl sie ihm.
Der Meermann verbeugte sich noch einmal. Ich konnte seinem Gesicht ansehen, dass ihm diese Aufgabe nicht behagte. Das verstand ich nur zu gut. Wie sollte er das auch machen. Aremar bestand ja fast nur aus Ozeanen. Wie sollte er das denn überwachen? Ich hatte keine Zeit mehr darüber nachzudenken oder auch der Meermenschenkönigin zu danken, denn der Meermann stieß mit einem langen Stock durch die Luftblase. Ohne Vorwarnung schoss das Wasser um mich zusammen, eiskalt. Der Schock raubte mir fast das Bewusstsein und ich merkte kaum noch, dass sich ein starker Arm um meine Taille schlang und mich zur Oberfläche emporzog.
Nur noch ganz leise hörte ich die Königin sagen, »Höre mein Volk! Diese Tochter des Landes ist für euch tabu. Sollte sie jemals Hilfe brauchen so gewährt sie ihr und verbreitet die Nachricht in allen Ozeanen dieser Welt.«
»Wow«, dachte ich benommen, »ob die sich wohl daranhalten werden?«.
»Das werden sie!«, kam prompt die Antwort von dem Meermann, der mich eng umschlungen durch das Wasser beförderte. »Und du wirst Schutz in mir finden, so oft du ihn benötigst.«
Huch, das mit dem Gedankenlesen war aber wirklich unpraktisch. Hoffentlich dachte ich jetzt keinen Blödsinn mehr. Vor allem war der Arm, der mich umschlang, sehr stark und weckte ein leises Kribbeln in mir das ich nicht verstand. Der Meermann lächelte mich erfreut an und ich bemühte mich, dabei nicht zu erschrecken und nichts mehr zu denken.
Die nächsten Minuten kamen mir wie eine Ewigkeit vor. Wir sprangen wie die Delphine und schwammen mit einem atemberaubenden Tempo durch das Meer. Wenn es nicht so kalt wäre, dann wäre das sicher ein tolles Erlebnis gewesen, aber so konnte ich zwischen luftholen und abtauchen nur mit den Zähnen klappern. Wenn ich nicht bald aus diesem eisigen Wasser herauskam, würde ich an Unterkühlung sterben. Ich war so erschöpft, dass ich nur noch in den starken Armen des Meermannes hing. Und dann verlor ich erneut mein Bewusstsein.
Irgendetwas schlug gegen meinen Kopf. Eine Welle überrollte mein Gesicht, spülte Wasser in meinen Mund. Ich spuckte und hustete, doch ich fühlte etwas unter meinem Rücken. Steine! Land! Die nächste Welle überspülte mich erneut und setzte mich unsanft auf dem Kiesstrand ab. Ich kroch fort vom Wasser, höher hinauf und blieb erst einmal erschöpft liegen. Irgendetwas roch bestialisch, es brachte mich zum erbrechen. Ein Schwall Meerwasser ergoss sich aus meinem Mund. Ich konnte nicht mehr aufhören mich zu übergeben, aber irgendwann war alles von dem salzigen Nass draußen und mein Magen fühlte sich besser an. Mühsam setzte ich mich auf und sah mich um. Was stank hier nur so entsetzlich nach altem Fisch und Toilette? Um mich herum wälzten sich träge braune Leiber auf dem Kiesstrand, kratzten sich mit ihren Flossenfüßen hinter den Ohren und sahen mich aus schwarzen Knopfaugen neugierig an. Seehunde? Ein wenig seltsame zwar, denn sie trugen mitten auf der langen Schnauze ein einzelnes Horn, in etwa so wie bei irdischen Nashörnern. Außerdem hatten sie einen schuppigen Rücken, doch es waren eindeutig Seehunde. Ziemlich neugierige Seehunde, denn sie robbten langsam näher an mich heran, beäugten mich von oben bis unten und bellten heiser.
Immer noch konnte ich es nicht fassen. Ich saß tatsächlich am Ufer eines graugrünen Ozeans, umgeben von Seehunden. Wellen brachen sich in immer gleichem Rhythmus am Strand, schäumend und gischtend. Ich überlegte ob die Tiere gefährlich waren, da sie immer näher heranrückten. Vielleicht war es doch besser ich brachte ein bisschen Abstand zwischen uns. Vorsichtig versuchte ich aufzustehen, aber meine Beine trugen mich nicht. So kroch ich auf allen Vieren den Hang hinauf, fort von der Seehundkolonie. Oben blieb ich schwer atmend liegen. Mir taten schon wieder sämtliche Knochen im Leib weh, aber wenigstens war mein Kopf klar. Mir dröhnte zwar der Schädel und ich fror in dem kalten Wind erbärmlich, aber ich war froh, dass ich es überlebt hatte. Ich warf einen prüfenden Blick hinaus auf den Ozean. Von den Meermenschen war nichts mehr zu sehen. Das erleichterte mich. Sie waren mir doch ein wenig zu unheimlich und ich nahm mir vor das Meer zu meiden. Das würde mir bei der Kälte des Wassers sowieso nicht schwerfallen.
Was sollte ich nun tun? Hier konnte ich nicht bleiben. Ich hatte Durst und Hunger. Wenigstens fror ich nicht mehr so sehr, da mein Pullover erstaunlicherweise schon getrocknet war. Die warme Wolle hielt sogar ein wenig den schneidend kalten Wind ab. Und das Rotvipernmieder und die Meerdrachenhose waren sowieso nicht nass gewesen. Das Material nahm kein Wasser auf, was ziemlich praktisch war. Es musste auch nicht gewaschen werden. Nur meine Haare waren noch feucht. Hoffentlich würde ich mich nicht erkälten. Eigentlich müsste ich völlig unterkühlt sein, aber es ging mir erstaunlich gut, was auch mein Zeichen bewies. Es leuchtete normal. Die Linien waren strahlend weiß, obwohl ich mich ziemlich ausgelaugt fühlte. Tunnelreisen war einfach anstrengend. Wo war der Jaspastein, fiel mir entsetzt ein. Ich durchwühlte die Taschen meiner Hose. Ich war mir sicher, dass ich ihn, nachdem ich ihn der Meermenschenkönigin gezeigt hatte, wieder eingesteckt hatte, doch da war er nicht mehr. Ich musste ihn bei der wilden Reise durch den Ozean verloren haben, überlegte ich bestürzt. Oder aber vielleicht an Land? Zögernd warf ich einen Blick zur Seehundkolonie hinunter. Konnte ich es wagen, zurück zu krabbeln? Die Steine waren selten und sehr wertvoll. Es wäre dann der dritte, der mir abhandenkam. Wer weiß, vielleicht würden mir die Schicksalsfeen keinen mehr geben, wenn ich nicht besser darauf aufpasste und jetzt danach suchte.
Mühevoll stemmte ich mich hoch. Dieses Mal gelang es mir sogar. Der Wind pfiff durch meine feuchten Haare. Ich zog fröstelnd die Schultern hoch. Sobald ich den Jaspastein gefunden hatte musste ich dringend etwas zu essen und eine Unterkunft für die Nacht auftreiben. Lange würde es nicht mehr dauern bis es dunkel wurde. In diesem Zustand konnte ich ihn nicht benutzen, denn ich war zu schwach dafür, soviel war mir klar. Torkelnd stolperte ich den Abhang wieder hinunter. Die Seehunde wichen unruhig vor mir zurück.
Ich hatte das Gefühl eine Ewigkeit gesucht zu haben, fast hätte ich aufgegeben, als ich ihn endlich fand. Erleichtert schob ich den Stein in das schmale Fach meines Mieders, das ich gut verschloss. Die Elben hatten wohl an alles gedacht. Das war praktisch. Dann stieg ich den mit spärlichen Gräsern bewachsenen Hügel wieder hinauf.
Es gab nicht viel zu sehen. Die Bucht dehnte sich kilometerweit nach Süden aus und schwang in einem weiten Bogen hinaus auf den Ozean. In der Ferne stieg das Land abrupt an. Eine felsige zergliederte Küste reichte bis an das Meer heran. Es erinnerte mich an die Mündungen von Fjorden, wie in Norwegen. Hier war für mich kein Weiterkommen. Ich drehte mich um und blickte in die andere Richtung.
Nach Norden hin verlor sich der Strand im diesigen Nebel. Die Hügel waren flacher und schienen in eine steppenartige Einöde überzugehen. Von Menschen war nichts zu sehen, obwohl ich bezweifelte, dass ich hier überhaupt Menschen finden würde. Was hatte mir Thomys Vater, Brioc na Andranor, gesagt? Der Norden jenseits der Blauen Berge Menea Area wurde hauptsächlich von Dunkelelben bewohnt. Besorgt betrachtete ich die Sonne, die gerade im Begriff war unterzugehen. Weit im Westen schrammte sie am Horizont entlang, aber sie verschwand nicht ganz, sondern wanderte stattdessen als weiß-gelblicher Ball an der Horizontlinie entlang. Die fahle Sonne tauchte das Meer in bleigraues Licht. In Nordschweden, jenseits des Polarkreises, ging im Sommer die Sonne auch nicht unter. Da war es sogar um Mitternacht noch hell genug, dass man ein Buch lesen konnte. Mir schien, das war hier genauso. Ich zog die Karte, die mir Brioc na Andranor gezeichnet hatte, aus der Gesäßtasche meiner Meerdrachenhose und faltete sie auseinander. Sie war erstaunlicherweise trocken geblieben. Nichts war verschmiert. Nachdem ich mir die Zeichnung genau angesehen hatte, war ich mir sicher. Ich war im Hohen Norden aus dem Tunnel gekommen, jenseits des Polarkreises. Die Sonne stand tief im Westen und da Aremar hier in der gleichen Richtung um die Sonne kreiste, wie die Erde dies auch tat, war der Ozean, der dieses eisigkalte Land begrenzte, der Oceanus Notis. Ich war also in Terunwar an der Westküste des Kontinents, irgendwo zwischen den Todesbergen und den Menea Area. Da war ich mir absolut sicher, auch wenn ich keinen Kompass und keinen Sextanten hatte. Meine Segelausbildung half mir dabei mich zurecht zu finden. Auf dem Meer musste man schließlich auch wissen wo man sich befand, wenn sämtliche Instrumente ausgefallen waren. Darauf hatte mein Vater Wert gelegt und mir schon mit acht Jahren beigebracht mich anhand von Sonne und Sternbildern oder mit Sextant und Kompass zu orientieren. Die Sterne waren leider nur ganz schwach zu erkennen, denn es war zu hell dafür. Ich bezweifelte ohnehin, dass es hier die gleichen Sternbilder wie auf der Erde gab. Wenigstens konnte ich die Sonne deutlich sehen. Sie stand eindeutig im Westen. In jedem Fall war ich weit weg von Schloss Dagda, viele tausend Kilometer. Wenigstens gab es keine Eisfelder, so wie in den Eislanden. Nicht auszudenken, wenn ich dort aus dem Tunnel herausgekommen wäre. Da wäre ich ganz bestimmt erfroren oder von Eisbären gefressen worden, wenn es denn dort überhaupt welche gab. Vermutlich waren es noch bedrohlichere Ausgaben als die irdischen Eisbären, so wie alles auf dieser Welt. Ich warf einen raschen Blick in den Himmel, doch nichts flog herum das groß genug war mich fressen zu können. Trotzdem war es bestimmt besser, wenn ich nicht so gut sichtbar auf einem Hügel herumstand. Aber wo sollte ich hingehen? Hier war weit und breit nichts und niemand. Auf Briocs Karte waren keine Städte eingezeichnet. Es gab nur zwei Orte an dieser Küste. Drun und Caldor und beide waren Festungen von Dunkelelben. Dort war ich bestimmt nicht willkommen. Ich war ja schließlich ein Mensch. Mutlos ließ ich den Kopf hängen. Meine Lage war ziemlich aussichtslos. Vielleicht sollte ich einfach wieder den Jaspastein benutzen, aber ich traute mich nicht mehr. Immerhin war es möglich, dass ich dann noch weiter in den Norden hinaufbefördert wurde. Ich konnte das nicht steuern, wo ich landete. Es war zu gefährlich. Außerdem war ich zu hungrig dafür. Ich hatte bestimmt nicht genug Energie mich erneut den Ungeheuern in dem Tunnel zu stellen. Es gruselte mich ein wenig bei dem Gedanken an die Schreie von Diwehza Brion und ihrem Begleiter. Nein, das wollte ich nicht tun. Aber ich brauchte dringend etwas zu trinken und zu essen. Nachts würde es bestimmt noch kälter werden und wer weiß, welch schreckliche Wesen sich hier auf der Suche nach Nahrung herumtrieben. Der Süden, wo ich eigentlich lieber hingehen würde, blieb mir versperrt. Also musste ich nach Norden gehen um Nahrung zu finden oder jemanden, der mir half. Angestrengt starrte ich in die Richtung. Meine Augen suchten verzweifelt den Horizont ab und nach einer Weile glaubte ich tatsächlich etwas zu erkennen. Da glitzerte doch etwas? Ich kniff die Augen zusammen. Wenn es keine Fata Morgana war, dann war dort ein Fluss. Ich hoffte, dass ich mich nicht irrte und das eisblau glänzende Band, das dort drüben durch die matschig braune Einöde mäanderte, tatsächlich ein Fluss war. Vielleicht konnte ich das Wasser trinken und so wenigstens meinen Durst stillen. Ich leckte mir über die spröden, aufgesprungenen Lippen. Das Salzwasser hatte sie völlig ausgedörrt und der Wind tat sein Übriges. Mit steifen Gliedern machte ich mich auf den Weg. Wenn ich nicht hier sterben wollte, dann hatte ich keine Wahl, ich musste mir selbst helfen. Vielleicht konnte ich Fische fangen, so wie Brioc, und sie dann roh essen, denn ich hatte nichts um ein Feuer anzuzünden. Ein schrecklicher Gedanke, zumal ich sie ja auch noch töten musste. Niedergeschlagen stolperte ich den Hügel hinunter und der Wind sang leise sein schmerzvolles Lied in meinen Ohren.
Die Sonne sank tiefer und tauchte die Landschaft in graues Zwielicht. Es blieb so hell, dass ich gerade noch genug um mich herum erkennen konnte. Tiere huschten durch das Dickicht, hielten aber Abstand zu mir. Ein oder zweimal glaubte ich so etwas wie ein Kiohtuan zu sehen, aber ich konnte mich auch getäuscht haben. Ohnehin war ich zu müde um noch über die Gefahren nachzudenken, die es hier zweifellos gab. Zwischenzeitlich lief ich wie ein Automat. Einen Schritt nach dem anderen zwang ich meinen Körper vorwärts zu gehen. Der Schlamm, durch den ich waten musste, war stellenweise knöcheltief. Ab und zu gab es tiefe Senken in dem Gelände und ich hatte Angst hineinzufallen, da das Zwielicht die Konturen verschwimmen ließ und Kanten seltsam abflachte. Ich war so müde, aber ich wusste, dass ich nicht stehen bleiben durfte. Ich würde nicht mehr aufstehen und hier, ungeschützt wie ich war, sterben. Nur noch mein Wille trieb mich voran und ich wartete darauf, dass ich endgültig zusammenbrechen würde. Von dem Fluss war nichts mehr zu sehen, zu dem ich ursprünglich wollte. Ich kam nur an ein paar Tümpeln vorbei, deren sumpfiges Ufer mich davon abhielt daraus zu trinken. Vermutlich wäre es auch nicht gesund gewesen. Aus einigen schauten mich dazu noch große geschlitzte Augen an, die knapp über der Oberfläche dahintrieben, so als ob sie zu keinem Lebewesen gehörten. Ich war mir aber sicher, dass sich der dazugehörige Kopf knapp unter der Wasserlinie befand. Wer weiß, was da lauerte.
Dann setzte auch noch der Regen ein. Donner rollte leise in der Ferne und Blitze zuckten über den sich immer mehr verdunkelnden Himmel. Ich war in wenigen Minuten klitschnass, aber ich öffnete den Mund und trank durstig das saubere Wasser. Wenigstens hatte ich jetzt ausreichend zu trinken, denn der Regen wollte auch die nächsten Stunden nicht mehr aufhören vom Himmel zu fallen. Der rauschende Vorhang wurde immer dichter und irgendwann wusste ich endgültig nicht mehr, in welche Richtung ich lief. Der Untergrund verwandelte sich zunehmend in ein quietschendes Polster, in das ich bei jedem Schritt einsank. Ich war gerade dabei einen kleinen Hügel hinunterzuklettern, als ich über eine niedrige Mauer aus groben, übereinandergeschichteten Feldsteinen stolperte. Die Mauer glich denen, die ich in Schottland überall auf den Wiesen gesehen hatte. Fast hätte ich geweint. Endlich ein Zeichen von Zivilisation. Vielleicht sollte ich dem Mäuerchen folgen? Allerdings waren die Mauern in Schottland kilometerlang und führten nicht unbedingt zu einem Haus. Möglicherweise war das hier auch nicht anders. Ich versuchte zu erkennen wie lang die Mauer wohl war, konnte aber nur feststellen, dass sie nach ein paar Metern höher wurde und bis über meinen Kopf reichte. Außerdem, wo würde sie mich denn schon hinführen? Mit Sicherheit nicht an einen Ort an dem es Menschen gab, eher Dämonen oder Elben. Ich wusste nicht, ob ich auf das Zeichen der Eriny weiterhin vertrauen konnte. Bis jetzt hatte es mir geholfen, aber nicht immer. Fürst Ausonor zum Beispiel schien mich aus irgendeinem Grund nicht zu mögen und hatte versucht mich schon zweimal aus dem Weg zu räumen.
Ein unkontrolliertes Zittern befiel mich. Konnte man vor Schwäche sterben? Ich sank auf die Knie, der Matsch war wenigstens weich, so dass ich mich nicht verletzte. Nur ein klein wenig ausruhen wollte ich mir erlauben. Schutzsuchend lehnte ich mich an die Mauer, da wo sie höher war. Sie hatte ein kleines Dach unter dem es erstaunlicherweise trocken geblieben war und das mich gerade so vor dem prasselnden Regen bewahrte. Ich legte den Kopf zwischen die Knie und schlief augenblicklich ein.
Ein Schnüffeln weckte mich auf. Ich lauschte in das Zwielicht hinein, das die Landschaft in ein fahles bläuliches Licht tauchte. Der Regen hatte aufgehört und am Fuß des Hügels erstreckte sich eine weite Ebene, die von einem breiten, gemächlich dahinfließenden Fluss durchbrochen wurde. Weit dahinter, ganz klein und winzig, erhob sich eine Trutzburg. Zumindest sah es aus wie eine, obwohl ich mir nicht sicher war, da es so weit weg war und ich die Augen zusammenkneifen musste um überhaupt etwas zu erkennen. Es hätte ebenso gut ein seltsam geformter Berg sein können. Das Schnüffeln jenseits der Mauer lenkte mich ab. Es kam näher. Ein Grunzen gesellte sich dazu. Das Grunzen erinnerte mich an etwas. Vorsichtig versuchte ich meine Beine zu strecken. Sie waren eingeschlafen und mein Rücken schmerzte von der ungewohnten Haltung, doch ich schaffte es ganz leise aufzustehen und über die Mauer zu spähen. Erstaunt betrachtete ich die Herde Poh-Einhörner, die sich gemächlich auf der anderen Seite niedergelassen hatte. Manche waren noch dabei Essen zu fangen, jedenfalls hingen Froschbeine aus ihren Mäulern. Große und sehr lange Froschbeine. Die dazugehörigen Frösche mussten ja riesig sein, so groß wie ein Dackel. Von denen hatte ich gar nichts bemerkt. Vielleicht kamen sie aber auch erst heraus, wenn es nicht mehr regnete. Soviel dazu, dass sie Aasfresser waren. Brioc na Andranor hatte recht. Sie nahmen auch anderes Futter, wenn sie es fanden und nicht nur halbverweste Eingeweide. Ich betrachtete die Tiere eine Weile aus meiner Deckung heraus und überlegte, ob sie gefährlich für mich waren. Sie trugen jedenfalls kein Zaumzeug und sahen ziemlich wild aus. Besser ich verschwand von hier, bevor sie auf die Idee kamen, ich könnte möglicherweise gut schmecken. Andererseits hätte ich angesichts der dünnen Besiedelung dieser Landschaft ein Transportmittel bitter nötig. Mein Magen meldete sich knurrend. Die Poh-Einhörner sahen wie auf Kommando zu mir herüber. Ein besonders Großes erhob sich und trabte auf die Mauer zu, die spitzen Zähne gefletscht. Das war wohl der Bulle. Ich trat schleunigst den Rückzug an und versteckte mich ein paar Meter weiter hinter einem Felsen. Vorsichtig spähte ich hervor. Das Tier streckte seinen großen Kopf über die Mauer und schnüffelte ausgiebig. Dann stieß es ein trompetendes Grunzen aus und trat ein paarmal gegen die Steinmauer, um anschließend wieder gemächlich zu seinem Platz zurückzukehren. Für mich war damit klar, dass ich auf keinen Fall auf die andere Seite hinüberklettern würde. Was für ein Glück für mich, dass ich auf dieser Seite eingeschlafen war. Nicht auszudenken was der Einhornbulle mit mir gemacht hätte, wenn er mich schlafend gefunden hätte. Ich entfernte mich in geduckter Haltung und schlich in die Richtung davon, in der ich den Fluss vermutete. Mein Weg führte mich querfeldein, über ein paar wenige bereits abgeerntete Felder. Ab und zu begrenzten niedrige Hecken den Feldrand und zwangen mich zu einem Umweg. Das hier glich wirklich so sehr den schottischen Highlands, dass ich mich in einen Urlaub mit meinen Eltern zurückversetzt fühlte. Was waren wir glücklich und unbeschwert gewesen. Es waren wundervolle Ferien. Ich zwang mich nicht mehr an meine Eltern zu denken, denn dann würde ich mich hier in den Dreck werfen und nicht mehr mit dem Weinen aufhören.
Ich kam unter ein paar Bäumen durch, an denen kleine Früchte hingen. Wenn ich nur wüsste, ob ich die essen konnte. Ich war so hungrig. Mit einer vor Nässe triefenden Hand rieb ich mir über die Augen. Sie brannten mich von der Kälte und dem Wasser. Vielleicht gab es hier einen Walnussbaum. Ich sah mich um, aber ich hatte Pech. Die Bäume sahen alle gleich aus, mit den gleichen kleinen Früchten daran. Niedergeschlagen schleppte ich mich weiter. Die Landschaft wechselte und immer mehr Felder tauchten auf. Hier gab es eindeutig jemanden, der sie bewirtschaftete. Ob ich diese Leute um Hilfe bitten konnte? Ich entschied mich dagegen und tauchte zwischen den mit irgendeinem Getreide bewachsenen Äckern unter. Ein schmaler Fußweg führte zwischen ihnen hindurch und verbarg mich vor neugierigen Blicken. Die Felder schienen sich endlos zu dehnen und ich hatte schon Angst, dass ich mich darin verlaufen würde, als ich endlich auf der anderen Seite herauskam. Ein kleiner Wald begrenzte dieses Mal den Feldrand. Der Pfad, dem ich die ganze Zeit gefolgt war, verschwand darin. Das Wäldchen hatte ich von dem Hügel aus gar nicht gesehen. Bäume mit dicken Stämmen und breiten Kronen säumten den schmalen Weg und ließen mein Herz höherschlagen. Sie waren schon sehr alt. Es waren Eichen und sie erinnerten mich an die Bäume des Hains am Zaubersee. Vielleicht war das ein Triskelehain. Im Gegensatz zu den Tunneln war das Triskelenetz nicht gefährlich. Kadmus Kentrendan hatte zwar gesagt, dass es nicht mehr funktionierte, aber vielleicht war das genauso wie mit den Tunneln. Ich konnte ja trotzdem hindurchgehen, sofern mir kein böser Zauber, wie der der Hexenmagierin Alastora Elez, den Weg versperrte. Ich wusste zwar nicht, wo ich dann herauskommen würde, aber einen Versuch war es wert. Hier konnte ich nicht bleiben und zu der großen Burg würde ich zu Fuß bestimmt ein paar Tage brauchen. Bis dahin war ich verhungert, obwohl das soweit ich wusste nicht so schnell wie verdursten ging. Ein paar Tage würde ich wohl schon durchhalten oder waren es ein paar Wochen? Mir war jetzt schon ganz flau und es war erst einen Tag her, dass ich gegrilltes Wildschwein gehabt hatte. Wie sollte ich da mehrere Tage aushalten?
Mutig betrat ich den Wald. Dickicht umschloss mich und dämpfte die Geräusche der Tiere. Es wurde immer dunkler. Mühsam tastete ich mich vorwärts, immer von der Angst verfolgt, dass ich in etwas hineinfasste, das nicht gut für mich war oder mich etwas fraß, das im Dunkeln besser sehen konnte als ich. Mein Herz klopfte mir bis zum Hals. Lange würde ich das nicht mehr durchhalten. Ich hatte mich schon ein paarmal heftig an einem niedrighängenden Ast gestoßen und war schon ganz zerschrammt.
Urplötzlich endete der Pfad an einer winzigen Lichtung, auf der verwitterte Steinplatten auf dem Boden lagen, die von sechs Bäumen umstanden waren. Das spärliche Licht, das die tiefstehende Sonne durch die Lücken in der aufreißenden Wolkendecke herabsandte, reichte gerade aus die Lichtung zu erhellen, damit ich etwas erkennen konnte. Bäume waren geborsten, große Äste lagen auf dem Boden und dichter Bewuchs überwucherte die dicken Wurzeln der alten Riesen. Drei der Bäume waren abgestorben. Sie sahen gespalten und verkohlt aus. Vermutlich ein Blitz, der hier schon vor langer Zeit eingeschlagen hatte. Trauer berührte mein Herz, als ich am Rand der Steinplatten von Baum zu Baum entlangging. Die Steinplatten waren mit Gras überwuchert und standen vom Boden ab. Es sah so aus, als wäre hier lange niemand gewesen, denn das Gras reichte mir bis zu den Hüften. Seit einer langen Zeit hatte das niemand Instand gehalten. Hier gab es vermutlich kein Triskelezeichen. Mutlos ließ ich den Kopf hängen. War das mein Ende? Würde ich in dieser kargen Landschaft an Hunger und Entkräftung zu Grunde gehen? War das mein Schicksal? Was würde jetzt wohl der Tektek-Dämon dazu sagen? Wut regte sich in mir. So einfach würde ich doch nicht aufgeben.
Es raschelte verdächtig in dem hohen Gras und ich erstarrte zur Salzsäule. Was immer dort lauerte, ich wollte es nicht wissen. Furchtsam sah ich mich um, konnte aber nichts erkennen. Ob ich wohl schnell genug dafür war auf einen der Bäume zu klettern, die noch intakt waren? Das Rascheln wurde stärker und ich überlegte nicht mehr lange. Hastig lief ich zu dem Baum der noch am meisten Leben in sich hatte. Zum Glück hatte er tiefhängende Äste, an denen ich mich rasch würde hochziehen können. Ich legte die Hand an den Stamm und zuckte überrascht zurück. Ein Leuchten lief durch die alte Eiche. Es breitete sich aus, bis in die Krone hinauf und über die Wurzeln hinweg in die Erde hinab. Etwas zischte verärgert hinter mir. Etwas Großes, von dem ich nur noch einen Schatten sah, rannte in die andere Richtung davon und verschwand im Dickicht, das diesen zerstörten Hain umstand. Unter meinen Füßen zitterte der Boden. Es war nur ganz leicht, aber ich hatte es gespürt. Ein Erdbeben? War das Wesen deshalb davongelaufen? Sollte ich das jetzt auch tun? Ich warf einen raschen Blick auf meine Umgebung. Sonst hatte sich nichts verändert, soweit ich feststellen konnte. Ich entschied mich gegen das Weglaufen. Ich würde jetzt einfach auf den Baum steigen und warten bis es hell war. Das war das Vernünftigste, was ich tun konnte. Sobald ich genügend Licht hatte, konnte ich besser sehen und fand vielleicht etwas zu essen, anstatt selbst zur Beute zu werden. So einsam die Gegend hier auch war, es gab Tiere die aus mir liebend gerne ihre Hauptmahlzeit machen wollten. Ich drehte mich zu dem Baum um, den ich mir ausgesucht hatte, um ihn zu erklimmen und hielt erstaunt mitten in der Bewegung inne, denn vor mir leuchtete feingolden das Netz mit der Triskelerune darin. Wo kam das denn plötzlich her, fragte ich mich verblüfft. Ein grollendes Keifen, ein paar hundert Meter von mir entfernt, ließ mich zusammenzucken. Diese Laute hatte ich noch nie gehört, aber sie gefielen mir nicht. Es klang bedrohlich. Ohne weiter darüber nachzudenken, es nutzte ja doch nichts, zog ich die Fetzen meines Handschuhs ab. Den konnte ich eigentlich wegwerfen, er war in diesem Zustand sowieso nutzlos, dennoch steckte ich ihn zurück in die Hosentasche. Dann legte ich meine Hand auf das Zeichen und wartete gespannt wo es mich denn hinbringen würde.
Der Übergang erfolgte so rasch, dass ich nicht einmal blinzeln konnte. Erschrocken sah ich mich um, denn ich befand mich in einem Garten, in dem nur ein einziger Baum stand auf dem jetzt die Triskelerune glitzerte. Der Garten war von zwei Meter hohen Mauern umgeben, an denen Spalierobst gezogen wurde. Das kannte ich von unserem Garten, den wir in der Bretagne gehabt hatten. In der Mitte befand sich ein runder Platz, der mit Kies bestreut war und von dem aus schmale Wege in alle Richtungen führten. Steinbänke waren in regelmäßigen Abständen im Garten verteilt, wie man sie sonst nur in Schlössern fand. Das Rondell war von Blumenbeeten und großen Frauenstatuen umgeben. Hinter den Mauern ragten drohend eine Menge Türme empor, trutzige Türme, wie die einer Festung, nicht so wie die von dem Schloss, das ich im Zaubersee gesehen hatte. Ihre Mauern bestanden aus großen Steinquadern. Schmale Fenster waren darin eingelassen. Eine kleine Pforte führte am anderen Ende aus dem Garten hinaus, der komplett von der Steinmauer eingeschlossen war. Ein Hortus Conclusus, so hieß so ein geschlossener Garten im Mittelalter. Claire hatte mir davon erzählt. Der Gedanke an Claire machte mich traurig, aber das konnte ich mir im Augenblick nicht leisten. Wo immer ich hier war, ich war mitten auf einer Burg herausgekommen und diese hier war bewohnt, denn ich konnte Stimmen außerhalb der den Garten umschließenden Mauer hören. Ein Schmetterling mit bizarren Flügeln und ziemlich behaart flog an mir vorbei. Ein Nachtfalter vermutlich und bestimmt kein irdischer. Ich war also noch auf Aremar. Da der Transport so schnell gegangen war, befiel mich eine Ahnung. Möglicherweise war ich auf der Burg gelandet, die ich am Horizont gesehen hatte. Auf den Burgen des Nordens wohnten meines Wissens Dunkelelben. Ich biss mir auf die Lippen. Von allen Optionen wäre das die Zweitschlechteste, die ich erwischen konnte. Die Erstschlechteste wäre, dass ich in Mhenegart herausgekommen wäre. Im Stillen hatte ich gehofft, dass mich die Triskelerune nach Schloss Dagda bringen würde, aber das hatte sie nicht getan.
An der Pforte entstand Bewegung. Leute strömten herein und zeigten aufgeregt auf mich. Es waren Elbenkrieger und sie sahen auch nicht anders aus als die, die ich bisher gesehen hatte. Ich wollte flüchten und zum Baum zurückkehren, doch einer der Krieger legte einen Bogen auf mich an.
Böse zischte er, »das würde ich bleiben lassen, Hexenspionin!«. Seine Aussprache war hart und von Lauten durchsetzt, die es mir schwer machten ihn zu verstehen.
Mon Dieu, dass die Eriny es nicht lassen konnten! »Ich bin keine Hexe!«, sagte ich wieder einmal empört. Davon hatte ich die Nase gestrichen voll.
Die Elbenkrieger hatten mich mittlerweile umzingelt und beäugten mich misstrauisch. Wenigstens erschossen sie mich nicht sofort. Hinter den Kriegern entstand Bewegung und ein junger Mann, etwa in meinem Alter, drängelte sich durch die Reihen. Er blieb ein paar Meter vor mir stehen und verschränkte seine Arme vor der Brust.
»Mein Lord, bitte. Sie könnte gefährlich sein«, sagte einer der Elbenkrieger und hob nervös seinen Armbrustbogen, mit dem er auf mich zielte.
Das war hier ja wie im Mittelalter, stellte ich besorgt fest. Der junge Elbe musterte mich von oben bis unten und ich musterte ihn zurück. Er hatte kaum spitze Ohren, im Gegensatz zu Fürst Ausonor. Sein Gesicht war fein geschnitten und seine Augen waren grün, soweit ich das bei dem Licht erkennen konnte. Auch seine Haare schienen nicht dieses silberne Weiß zu haben, sondern waren dunkel und lang. Er war ziemlich groß und schlank, so wie alle Elben. Sein Gesicht hatte ebenfalls die typische längliche Form. Ich konnte nicht umhin festzustellen, dass er gut aussah.
Er lächelte mich an, aber es sah nicht freundlich aus. Wenigstens hatte er einigermaßen normale Zähne, fast wie Menschen. Ich atmete angespannt aus.
»Ich weiß nicht genau was sie ist, aber bestimmt keine Dunkelelbe. Vielleicht hast du recht, Hauptmann, vielleicht ist sie ein Spion der Hexen und menschlich.« Er fing an um mich herumzuwandern. »Außerdem ist sie sehr schmutzig.«
Ich zog scharf die Luft ein. Er hätte wenigstens mit mir direkt sprechen können. Was war ich für den eigentlich? Ein Ding? Wut staute sich in mir und ließ ein paar Blätter aufwirbeln. »Ist das Ihre Art von Gastfreundschaft? Können Sie nicht mit mir direkt reden?«, vorsichtshalber siezte ich den Kerl. Schade, dass er so unsympathisch war. Er sah so gut aus.
Der junge Elbenlord hatte seine Runde um mich herum beendet und blieb wieder vor mir stehen. Seine Augen blitzten mich an. »Gastfreundschaft? Warum sollten wir einem Eindringling Gastfreundschaft gewähren?«
»Mein Lord, wir sollten die Hexenspionin in den Kerker bringen und sie verhören. Wir müssen wissen wie sie hierhergekommen ist und warum«, sagte der Elbenkrieger drängend.
»Dafür braucht ihr mich nicht zu verhören. Ich bin über das Triskelenetz gekommen. Dort hinten an eurem Baum. Es tut mir leid, aber ich wusste nicht, dass ich hier landen würde«, sagte ich genervt und auch ein wenig besorgt. Die würden mich doch nicht etwa foltern? Ich erinnerte mich an die zahlreichen Burgenbesuche mit meinen Eltern und an die schaurigen Geräte, die die damals eingesetzt hatten, um die Gefangenen zum sprechen zu bringen. Unauffällig tastete ich nach dem Jaspastein, aber vermutlich war ich zu schwach um ihn zu benutzen. Mir war sowieso ganz flau in den Beinen und es war kalt. Ich fror erbärmlich.
»Dieser Baum ist nicht an das Triskelenetz angeschlossen! Außerdem können die Pfade nicht bereist werden. Du lügst! Bringt sie in den Kerker«, antwortete der Hauptmann scharf, anstelle des Lords.
»Doch, das ist er. Seht doch einfach nach!«, rief ich aufgebracht. »Bitte!«, setzte ich dann leicht verzweifelt hinzu. Diese ganze Situation begann mir immer mehr Angst zu machen.
Der Elbenlord bedeutete seinem Hauptmann mit einer gebieterischen Handbewegung nachzusehen, während er mich nicht aus den Augen ließ. Der ging natürlich nicht selbst, sondern winkte einem seiner Untergebenen. Die hatten hier eine ganz klare Rang- und Hackordnung!
Der Elbenkrieger, der aufgefordert worden war nachzusehen, löste sich aus der Reihe und ging zu dem Baum. Es dauerte eine Weile, bis er zurückkam und flüsternd Bericht erstattete. Dabei warfen sie mir immer wieder Blicke zu, die ich nicht deuten konnte. Nervös trat ich von einem Bein auf das andere. Es war sowieso ein Wunder, dass ich nach all den Strapazen, die ich in den letzten Tagen hinter mich gebracht hatte, noch aufrecht stehen konnte. Ich war unendlich müde, durstig und sehr hungrig. Vermutlich würde ich mir eine Erkältung holen, wenn ich noch länger in der Kälte bleiben musste. Wie zur Bestätigung nieste ich. Das fehlte mir gerade noch.
Der Lord trat vor. Drohend baute er sich vor mir auf. »Nur die Manda´anah können einen Zugang zum Triskelenetz erschaffen, doch du bist keine von ihnen. Soviel steht fest. Wir haben von schlimmen Dingen gehört. Von dunkler Magie und von einem Feldzug, der scheiterte. Von mächtigen Hexen die bösen Zauber wirkten. Warum sollten wir dich nicht für eine von ihnen halten?«
»Weil ich keine von denen bin.« Tränen liefen mir die Wangen hinab, ich konnte sie nicht mehr zurückhalten. Sie zogen eine nasse Spur in meinem schmutzigen Gesicht. Ich wischte sie mit meiner Hand fort. Mein Zeichen leuchtete kurz auf. Düster betrachtete ich es. Das hier hatte mich hierher gebracht. Das Zeichen der Eriny war schuld.
»Was hast du da in deiner Hand?«, fragte mich der Elbenlord scharf.
Ich versteckte meine Hände trotzig auf dem Rücken. Das ging die gar nichts an und schwieg.
»Wir haben von einer Menschenfrau gehört, die gezeichnet wurde. Antworte!« Der Elbenlord sah mich streng an.
»Wenn Sie nur davon gehört haben, dann waren Sie bei der Schlacht am Silberfluss nicht dabei?«, fragte ich ihn und versuchte so neutral wie möglich zu klingen. Eigentlich dachte ich, dass alle Elben und Dämonen daran teilgenommen hatten.
»Und, warst du denn dort«, sagte der Hauptmann und richtete wieder seine Armbrust auf mich.
Ich wiegte den Kopf. »Ja und Nein. An der Schlacht selbst habe ich nicht teilgenommen. Die Manda´anah haben mich nach Schloss Dagda geschickt, aber es ist etwas auf dem Weg dahin schiefgegangen«, antwortete ich geknickt und biss mir gleichzeitig auf die Lippen. Das hatte ich doch gar nicht sagen wollen.
»Deine Hand, ich will sie sehen!«, forderte der Elbenlord mit kühler Stimme. Es klang ruhig, aber auch gefährlich.
Etwas sträubte sich in mir, aber ich hatte keine Wahl. Was würden sie mit mir machen, wenn sie wussten wer ich war. Allerdings war auch die Frage, was sie mit mir machen würden, um es herauszufinden, wenn ich nichts sagte. Ich hatte kein Vertrauen in diese Elben hier, aber wann hatte ich das bisher schon gehabt. Zögernd öffnete ich meine Handfläche und zeigte ihnen mein Zeichen.
Schweigen breitete sich aus. Es dauerte eine kleine Ewigkeit bis der Elbenlord etwas sagte. »Wir haben von dir gehört. Viele unterschiedliche Dinge. Viele Meinungen. Wir können nicht einschätzen, was davon wahr ist und was Betrug. Hauptmann, bringt sie in den bewachten Trakt. Sorgt dafür, dass sie zu essen bekommt und … badet.« Er rümpfte die Nase. »Morgen sehen wir weiter. Es ist jetzt zu spät meine Mutter zu informieren.« Mit diesen Worten drehte er sich auf dem Absatz seiner Stiefel um und ging.
Ängstlich blieb ich zurück. Die Elbenkrieger schlossen einen bedrohlichen Kreis um mich und drängten mich aus dem Garten hinaus. Nach einem langen Weg durch dunkle Gänge, steile Treppen und über feuchte Innenhöfe kamen wir schließlich auf die andere Seite des mittelalterlichen Bauwerks. Jetzt war ich weit weg von dem Triskelezeichen. Das fand ich nicht gut.
Wir hielten vor einem hohen rechteckigen Turm mit vergitterten Fenstern an. Meine Besorgnis wuchs. Von hier konnte ich bestimmt nicht fliehen. Der Hauptmann schickte die meisten seiner Leute weg und bedeutete mir ihm zu folgen. Flankiert von zwei seiner Männer traten wir durch ein steinernes Tor in einen Innenhof. Von dort ging es durch eine Holztür und eine steile Treppe nach oben. Ich versuchte mit ihm Schritt zu halten. Sie stießen mich unsanft an, wenn ich nicht schnell genug war. Schließlich blieb ich schwankend stehen.
»Ich kann nicht mehr. Ich bin seit Tagen unterwegs, ohne zu essen und zu trinken und hundemüde.« Es war nicht gelogen. Ich war kurz davor einfach umzufallen.
Die Elbenkrieger, die hinter mir standen, grummelten genervt, doch ich ließ mich nicht mehr beeindrucken. Nicht nur, dass ich total fertig war, ich hatte das herumgeschubst werden einfach gründlich satt.
Der Hauptmann kam zurück und betrachtete mich mit zusammengezogenen Augenbrauen.
»Es ist nicht mehr weit, Gezeichnete«, sagte er grollend und gab seinen Leuten einen Wink, die mich mit ihren Lanzen in den Rücken piekten.
Ich biss die Zähne zusammen und schleppte mich die Stufen hinauf. Wenigstens war es tatsächlich nicht mehr weit. Nach ein paar Metern standen wir plötzlich in einem großen, hell erleuchteten Raum. Eine Frau war gerade dabei Feuer im Kamin anzuzünden. Das war ja wirklich wie im Mittelalter, stellte ich betroffen fest. Die Frau trug eine weiße Haube und ein bodenlanges Kleid aus einem grauen groben Stoff, darüber eine bunte Schürze. Sie hob den Blick nicht, sondern hielt den Kopf gesenkt. War sie etwa ein Mensch, fragte ich mich besorgt, aber dann sah ich ihre spitzen Ohren.
Wenigstens war es hier heller. Unschlüssig blieb ich einfach stehen, wo ich war. Die Elbenkrieger tuschelten aufgeregt miteinander, während sie mich immer wieder musterten. Der Hauptmann scheuchte sie hinaus und warf dann noch einmal einen Blick auf mich. Er räusperte sich und versuchte etwas freundlicher zu mir zu sein. »Das was du da trägst, Gezeichnete, wo hast du das her?«
Ich blickte ihn verständnislos an. »Was meinen Sie denn?«
