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Sarah Aubin kehrt in Begleitung von Kadmus Kentrendan, einem der Triskelewächter aus Aremar, zur Erde zurück. Sie wurde begnadigt, darf aber Aremar nie wieder betreten. Zurück zuhause erwartet sie jedoch schon die nächste böse Überraschung. Nicht nur, dass ihre Familie Geheimnisse vor ihr hat, auch die Großmagierin Diwezah Brion ist ihr bereits dicht auf den Fersen. Nach einer abenteuerlichen Flucht durch den Tunnel, gerät sie in die Wirren des Krieges zwischen den Eriny und den Venetanern, wie sich die Menschen auf Aremar nennen. Das Schicksal aber hat Sarah längst eine besondere Rolle in all dem zugedacht, ohne dass sie das weiß. Aber auch das Schicksal kann sich einmal irren. Oder etwa nicht?
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Seitenzahl: 330
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Lara Elaina Whitman
Die Prophezeiung der Eriny
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Zum Buch
Inhaltsverzeichnis
Karte von Aremar
Prolog
Die ganze Wahrheit?
Wilde Flucht
Die Abtrünnigen
Der Feenteich
Ungleicher Kampf
Die Karte des Teufels
Fata Morgana
Der Spähtrupp
Der Elbenfürst
Verraten
Skorpionkäfer und Trappeneier
Märchenstunde
Beschwerlicher Ritt und ein böser Traum
Alte Wunden
Kriegsgebiet
Die Botschaft der Manda´anah
Dann waren es nur noch…
Steinnadelgebirge
Ein Attentat?
Gebissen
Ein Ozean aus Träumen
Ein bisschen Geschichte und eine Prophezeiung
Glossar
Danksagung
Über die Autorin
Rezensionen und Feedback
Bisher erschienene Romane von Lara Elaina Whitman
Leseprobe aus: Das Verlorene Siegel - Ullisten Getrillum – In den Tiefen von Montes Taurus
Rechtliche Hinweise
Impressum neobooks
LARA ELAINA WHITMAN
DIE
PROPHEZEIUNG
DER
ERINY
eBook
Fantasy Romance
Umfang: ca. 347.000 Zeichen
Trilogie
Band I: Das Zeichen der Eriny
Band II: Die Prophezeiung der Eriny
Band III: Die Tochter der Eriny
Sarah Aubin kehrt in Begleitung von Kadmus Kentrendan, einem der Triskelewächter aus Aremar, zur Erde zurück. Sie wurde begnadigt, darf aber Aremar nie wieder betreten. Zurück zuhause erwartet sie jedoch schon die nächste böse Überraschung. Nicht nur, dass ihre Familie Geheimnisse vor ihr hat, auch die Großmagierin Diwezah Brion ist ihr bereits dicht auf den Fersen. Nach einer abenteuerlichen Flucht durch den Tunnel, gerät sie in die Wirren des Krieges zwischen den Eriny und den Venetanern, wie sich die Menschen auf Aremar nennen. Das Schicksal aber hat Sarah längst eine besondere Rolle in all dem zugedacht, ohne dass sie das weiß. Aber auch das Schicksal kann sich einmal irren. Oder etwa nicht?
Gezeichnet vom Schicksal.
Verloren hinter den grauen Nebeln.
Gefangen in der ewigen Nacht.
Weine, Tochter der Schwäne, weine.
Höre die Klage des Kalten Windes.
Anmar´aganai
Barde des Hochkönigs von Aremar
1. Dynastie
Zorn regte sich tief in meinem Inneren. Aus meiner Enttäuschung war dieses für mich recht neue Gefühl entstanden und ich wusste nicht genau, wie ich damit umgehen sollte. Ich war zornig auf meine Mutter, meinen Vater und vor allem auf meine Großmutter. Mit gesenktem Blick saß ich auf dem Sofa in unserem Wohnzimmer und hörte mit verschlossener Miene den Erzählungen von Ceridwenn Landaron, meiner Großmutter zu.
Vor ein paar Stunden waren Kadmus Kentrendan, der Triskelewächter, und ich aus dem Tunnel auf der Wiese hinter unserem Haus herausgekommen und wie von tausend Teufeln gehetzt zu mir nach Hause gelaufen. Meine Hand fühlte sich ein wenig taub an und das Zeichen der Eriny leuchtete nur noch schwach durch die Löcher meines gehäkelten Handschuhs hindurch. Das passierte immer, wenn ich es benutzte und mich dabei verausgabte. Ich fühlte mich unendlich müde. Die Flucht durch den gruseligen Tunnel war anstrengend für mich. Den Tunnel konnte ich betreten, indem ich eines der grauen Triskelesymbole mit dem Zeichen der Eriny berührte oder auch einen Stein darauflegte. Natürlich war der Stein nicht nur einfach ein Stein. Er war etwas Besonderes und ruhte nun in ein Tuch eingewickelt in der Hosentasche meiner Meerdrachenhose. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass ich diesen Stein besser immer bei mir behielt. Außerdem wollte der Tektek-Dämon, der ihn mir ursprünglich gegeben hatte, bestimmt wieder zurückhaben. Ich war mir ziemlich sicher, dass mit diesem Dämon nicht gut Kirschenessen war, auch wenn er sich dazu herabgelassen hatte mit mir zu sprechen, was ich immer noch nicht verstand warum er das tat. Vor dem kindgroßen Wesen mit den vier glühenden Augen und den spitzen Zähnen fürchtete ich mich ein wenig. Müde wischte ich über meine Augen. Sie brannten und ich unterdrückte ein Gähnen. Erst jetzt merkte ich, wie sehr mich die Ereignisse der letzten Tage geschwächt hatten. Meine Großmutter hatte als erstes meine Mutter und meinen Vater angerufen, nachdem ich mit dem Prinzen, ja, einem waschechten Prinzen, vor unserer Haustür gestanden hatte. Auch Kadmus Kentrendan war die ganze Zeit nicht ehrlich zu mir gewesen oder besser gesagt, er hatte einfach vergessen mir ein paar wichtige Informationen mitzuteilen. Woher sollte ich denn wissen, dass er der Sohn des Königs von Aremar ist, der Sohn von Nominor Lescan, König der Venetaner, wie sich die Menschen auf Aremar nennen, um sich von den Eriny abzugrenzen, die wohl allesamt bösartige Elben und schreckliche Dämonenungeheuer sind. Er hatte ja nicht einmal den gleichen Namen wie sein Vater. Wie hätte ich das also wissen sollen? Seinem Vater verdankte ich im Übrigen, dass ich überhaupt hier saß und nicht im Hauptkerker von Mhenegart den Rest meines Lebens verbringen musste, tief unten im Hochsicherheitstrakt. Ich mochte gar nicht daran denken, wie es dort aussah. Der Kerker im Kellergeschoss hatte mir schon gereicht. Wenigstens hatten sie entkommen können, die Eriny-Ungeheuer und Thomy und natürlich auch dieser Wrehs, Thomys Halbbruder. Ich hatte sie befreit und hätte beinahe einen schrecklichen Preis dafür bezahlt. Eine leichte Genugtuung über ihre gelungene Flucht regte sich tief in mir. Mir waren die Dämonen gar nicht so gefährlich erschienen, wie die Venetaner behaupteten. Freilich konnte ich das in der kurzen Zeitspanne, die ich mit ihnen gemeinsam in dem Kerkerloch verbracht hatte, nicht wirklich beurteilen. Aber in einem war ich mir sicher, ich mochte die Regentschaft nicht.
Wenn es nach denen gegangen wäre, dann würde ich jetzt im letzten Loch meinem baldigen Ende entgegensehen müssen, nachdem Adraboran Fremont, der Großmagier und Leiter des Druidenordens in Rennes, das Zeichen der Eriny mitsamt meiner Hand abgeschnitten hatte. Ein beängstigender Gedanke, den ich rasch beiseiteschob. Dieu merci, Gott sei Dank, war es nicht so weit gekommen. Auch von fairen Gerichtsverhandlungen hielten die Leute auf Aremar nicht viel. Diese Regentschaft ist wirklich sehr seltsam. Sie setzt sich aus den Richtern und dem Parlament zusammen. Der König hat wohl nur ein Vetorecht. Der Schock darüber wie sie mich behandelt hatten, saß mir noch immer in den Knochen. Wenn ich an die Richter dachte, dann wurde mir speiübel. Ich mochte diese aufgeblasenen Typen nicht, die in mir nicht viel mehr als ein Tier gesehen hatten. So etwas wie Hass regte sich tief in meinem Inneren. Noch so ein Gefühl, dass mir eigentlich fremd war. Erschrocken über mich selbst, wischte ich diese ungewohnte Emotion hastig fort. Das durfte ich nicht zulassen, soviel wusste ich. Ich atmete ein paarmal tief durch.
Meine Großmutter warf mir einen besorgten Blick zu, den ich geflissentlich ignorierte. Warum nur hatten sie mich die ganze Zeit belogen? Ich verstand das alles nicht. Deshalb rief ich aufgebracht, als ich es nicht mehr aushielt, »warum habt ihr mir nie die Wahrheit erzählt? Warum?«.
»Liebes, wir konnten es dir nicht sagen. Wir dachten, es ist am besten so«, stammelte meine Mutter zerknirscht und versuchte meine Hand zu nehmen. Sie saß zusammengekauert und mit unübersehbar schlechtem Gewissen neben mir auf der Couch und wollte mich andauernd in ihre Arme ziehen.
Doch ich wollte das auf keinen Fall. Grob stieß ich sie zurück, was mir im gleichen Moment leidtat. Sie hatten es ja tatsächlich nur gut gemeint. Eine Träne kullerte aus meinem rechten Augenwinkel und ich schniefte hörbar.
Kadmus Kentrendan sah derweil von einem zum anderen. In seinem Gesicht spiegelte sich seine Verwirrung wieder. Es ging ihm wohl nicht besser als mir. »Kann ich etwas dazu sagen?«, fragte er ruhig, obwohl es in seinem Inneren wohl ebenso tobte, wie in meinem.
Die Blicke meiner Eltern und meiner Großmutter richteten sich sofort auf ihn. Würden Sie auch so reagieren, wenn er kein Prinz wäre? Ich sprang auf und begann unruhig im Zimmer hin und her zu laufen.
»Sarah, bitte setz dich wieder hin. Du machst mich ganz nervös.« Kadmus Kentrendan zeigte mit einer Hand auf das Sofa und sah mich freundlich aber bestimmt an. »Ich verstehe, dass du wütend bist. Das wäre ich auch, aber es gab gute Gründe dafür, dass sie dir das nicht erzählt haben.« Er deutete noch einmal auf das Sofa und ich setzte mich tatsächlich wieder hin.
»Danke Sarah!« Er lächelte mich beruhigend an, dann sprach er weiter. »Ich muss das alles erst einmal verstehen. Sie sind tatsächlich Ceridwenn Landaron, die Frau des Premierministers und, verzeihen Sie mir, wenn ich es etwas hart formuliere, aber so sieht es die Regentschaft, Verräters Célestin Landaron. Mein Vater spricht manchmal von Ihnen, wenn niemand uns belauschen kann. Er hält Sie ebenfalls für tot, bei dem Umsturz zusammen mit Ihrem Mann und ihrer Tochter ums Leben gekommen.« Kadmus Kentrendan blickte meine Großmutter fragend an.
Sie schüttelte traurig den Kopf. »Mein Mann war kein Verräter, königliche Hoheit. Er hat sich für uns geopfert. Ich konnte fliehen, zusammen mit meiner Tochter.« Sie sah meine Mutter an. Die nickte niedergeschlagen, sagte aber nichts dazu. Meine Großmutter fuhr fort, »nachdem der König und das alte Parlament abgesetzt worden waren, haben sie uns gejagt. Es sind nicht viele von uns übriggeblieben. Célestin hat uns beim Heiligen Hain dem damaligen Botschafter übergeben, der ihm unter Eid versprochen hat uns mit seinem Leben zu beschützen. Das hat er auch gehalten. Nachdem er uns dann durch das Triskeleportal im Heiligen Hain zur Erde gebracht hat, ist er von den Putschisten hingerichtet worden. Er hat uns nicht verraten, sonst säßen wir nicht hier.«
»Putschisten? Sie bezeichnen die Regentschaft als Putschisten?«, bemerkte Kadmus Kentrendan in scharfem Tonfall.
Ich war mir nicht sicher auf wessen Seite er stand. Misstrauisch betrachtete ich ihn. Darüber hatte ich noch gar nicht nachgedacht. Zum ersten Mal fragte ich mich, warum er mit mir hier war. Er hätte mich ebenso gut alleine durch das Portal gehen lassen können. Freilich war ich froh, denn ohne ihn hätte mich dieser Givre bestimmt gefressen, der uns an dem falschen Portalende aufgelauert hatte. Oder der Bix hätte mich gebissen, den irgendjemand noch in Mhenegart in meinen Rucksack geschmuggelt hatte.
Meine Großmutter bedeutete meiner Mutter mit einem raschen Blick ruhig zu bleiben, auf deren Stirn eine Zornfalte erschienen war. Ein sicheres Zeichen, dass sie gleich ihren scharfen Tonfall anschlagen würde, der so gut bei anderen funktionierte. »Ruhig Marlies. Er weiß es nicht anders. Sie haben ihm niemals erzählt, was damals wirklich geschah.«
Kadmus Kentrendan runzelte die Stirn, schwieg aber und ließ meine Großmutter weitererzählen. Er war ein höflicher Mensch, soviel stand fest.
»Wir haben Aremar nicht verraten. Wir haben versucht es zu retten und das ist uns gelungen, aber der Preis war sehr hoch. Leider ist das Ganze nur ein Aufschub. Haben Sie jemals von der Prophezeiung der Manda´anah gehört? Die Zeit ist jetzt gekommen.«
»Das ist doch nur ein uralter Mythos. Ein Märchen für Kinder die an Feen glauben und an kitschige Liebesgeschichten. Was hat das denn damit zu tun?« Kadmus Kentrendan war so verblüfft, dass er nur noch den Kopf schütteln konnte. Es stand ihm ins Gesicht geschrieben, dass er meine Großmutter für durchgeknallt hielt.
»Es hat alles damit zu tun, Hoheit. Jahrtausendlang haben die zerstrittenen Parteien versucht die Macht über die Magie an sich zu reißen, aber bis jetzt ist es ihnen nicht gelungen. Doch vor etwa zwanzig Jahren ist alles eskaliert. Die Hexen sind erstarkt und haben das Gleichgewicht zwischen den beiden Welten empfindlich gestört. Die Tunnel und das Triskelenetz …«, sagte meine Großmutter, konnte aber nicht fertigsprechen, da dieses Mal dafür die Geduld von Kadmus Kentrendan nicht ausreichte.
»Bei allem Respekt, Ceridwenn Landaron, aber das ist wirklich Unfug.« Kadmus Kentrendan war nicht mehr länger bereit sich das anzuhören. Schon wieder so eine unglaubwürdige Geschichte. Offenbar neigte die ganze Familie zu dieser Überspanntheit. »Es gibt keine Magie. Weder auf der Erde, noch auf Aremar. Das ist wissenschaftlich bewiesen.«
»Nun, glauben Sie was Sie wollen, Kadmus Kentrendan.« Meine Mutter nannte ihn erstaunlicherweise beim Namen und nicht schmalzig "Ihre Hoheit".
Ich musste unwillkürlich grinsen.
Sie sprach weiter. »Ich war noch jung, aber ich habe es mit eigenen Augen gesehen. Seitdem sind auch die Triskelewege gestört und es wird immer schlimmer. Das müssen Sie doch auch bemerkt haben!«
Während ich noch überlegte, was meine Mutter gesehen hatte, schüttelte Kadmus Kentrendan erneut unwillig den Kopf. »Dafür haben wir auch eine Erklärung, aber die hat nichts mit Magie zu tun. Magie ist etwas für Leute die der Realität nicht ins Auge sehen wollen oder daran glauben, dass die Eriny höhere Wesen sind und die Manda´anah tatsächlich dem Licht entsprungen sind.«
Sacht strich ich über mein Zeichen. Vor ein paar Monaten hätte ich ihm vermutlich uneingeschränkt recht gegeben, aber heute war ich mir sicher, dass sich Kadmus Kentrendan nur daran festhalten wollte. Auch seine ihm wohlvertraute Welt war zerbrochen, genauso wie meine mit einem Stromschlag geendet hatte. Ich sah ihn eindringlich an und sagte, »und was ist mit meiner Tante Claire, mit, wie hast du sie genannt? Einen Skoff?«. Ich kam nicht mehr dazu mehr zu sagen.
Meine Mutter und meine Großmutter schrien entsetzt auf, mein Vater war nur bleich geworden.
»Sarah, was sagst du da?«, rief meine Mutter aufgeregt.
»Diwezah Brion, die Obermagierin des Ordens in Morbihan, hat sie in ein Gruselmonster verwandelt. Ich habe es selbst gesehen. Sie benutzt getrocknete Einhornhaut dafür.« Bei dem Gedanken durchfloss mich ein reißender Schmerz. Offenbar hatte ich mein Erlebnis mit dieser Hexe auch noch nicht verarbeitet.
»Sarah Aubin, du solltest keine Lügen mehr erzählen. Wir hatten Mühe die Regentschaft davon zu überzeugen, dass du ein verwirrtes Erdenmädchen bist, das einen Stromschlag abbekommen hat und dessen Gehirn deshalb nicht mehr richtig funktioniert.« Kadmus Kentrendan warf mir einen ernsten Blick zu.
Ungläubig starrte ich ihn an. Wie konnte er so etwas behaupten, nach allem was passiert war? »Ihr habt mich freigelassen, weil ihr glaubtet ich wäre nicht richtig im Kopf?«
Kadmus Kentrendan blickte betreten zu Boden.
»Wow, das muss ich erst einmal verdauen.« Ich ließ mich in die Lehne des Sofas zurückfallen, um gleich wieder empor zu schießen. »Das heißt, dass ihr mir kein Wort geglaubt habt? Aber, dann habt ihr Adraboran Fremont … Mon Dieu! Wo ist der Mann jetzt?« Ich wurde kreidebleich, denn ich ahnte was Kadmus mir gleich erzählen würde.
»Wir haben ihn befragt. Er konnte uns glaubhaft versichern, dass er dir nur helfen wollte. Er ist wieder in Carnac und kuriert sich von seinen seltsamen Verletzungen aus«, sagte Kadmus Kentrendan und wand sich ein wenig ungemütlich.
Ich brauchte Zeit zum Nachdenken, aber ich war sicher, dass ich die nicht mehr hatte. Wer weiß wie lange die beiden Oberdruiden brauchen würden, herauszufinden, dass ich zuhause war. Dass sie mich suchen würden, war doch sonnenklar. Diwezah Brion und Adrabaron Fremont würden bestimmt alles dafür geben, mich erneut in ihre Finger zu bekommen.
Mein Vater unterbrach unseren Disput. »Was ist mit meiner Schwester?«, sagte er mit zitternder Stimme.
»Sie ist ein Skoff. Eine Art lebendes Zombiewesen«, gab Kadmus Kentrendan schließlich kleinlaut zu.
Ich beobachtete ihn scharf. Wie konnte er auf der einen Seite behaupten, dass er nicht an Magie glaubte, auf der anderen Seite aber einfach zugeben, dass meine Tante verzaubert worden war. Da stimmte doch etwas nicht.
»Ein Skoff? Oh mein Gott, wir müssen ihr helfen.« Mein Vater war so weiß wie eine frisch getünchte Wand.
»Ich fürchte, da können wir nicht viel tun. Dafür müssten wir sie nach Mhenegart bringen, aber Claire Aubin ist genau wie Sie verbannt von den Triskelehainen und von Aremar. Sie haben sich vor sechzehn Jahren bereit erklärt, nie wieder auch nur ein Wort darüber zu verlieren.« Jetzt war Kadmus Kentrendan richtig zornig. »Und wenn das so bleiben soll, dann sollten Sie jetzt schweigen. Sie haben damals ihre Pflicht verletzt und wie ich sehe aus persönlichen Gründen.« Sein Blick ging von meinem Vater, dem ehemaligen Triskelewächter, zu meiner Mutter und blieb schließlich an meiner Großmutter hängen. »Ich werde jetzt gehen. Wenn Sie Aremar fernbleiben, Sie alle und Sarah auch, dann haben Sie von uns nichts mehr zu befürchten. So lautet das Urteil der Regentschaft. Sie sollten sich daran halten.« Damit war für ihn die Sache wohl beendet.
»Ok, ok! Ich verstehe gar nichts mehr. Was ist vor sechzehn Jahren nun genau passiert, außer dass ich da geboren wurde?«, schrie ich aufgebracht. Ich wollte Antworten, Erklärungen, endlich wissen, was da genau geschehen war, damit ich verstand was mit mir passierte, aber ich bekam sie nicht mehr, denn draußen fuhren zwei Autos auf den Platz vor unserer Garage und mein Magen zog sich angstvoll zusammen. »Erwartet ihr Besuch?«, fragte ich meine Eltern nervös. Sie schüttelten erstaunt den Kopf.
Mein Vater stand auf und wollte nachsehen gehen, aber ich hielt ihn zurück. »Nein, geh nicht! Mach nicht auf, bitte!«, stotterte ich panisch.
»Sarah Aubin, niemand bedroht dich. Du bist hier sicher. Ich muss gehen. Ich habe meine Botschaft überbracht und noch andere Aufgaben zu erledigen.« Kadmus Kentrendan sah mich genervt an. Seine Mimik sprach Bände. Er hatte wohl besseres zu tun, als hier herumzusitzen und den Flausen eines jungen, verwirrten Mädchens zuzuhören. Das machte mich ein wenig traurig. Eigentlich dachte ich, er wäre mein Freund.
Ich bemerkte aus den Augenwinkeln, wie sich meine Mutter und Großmutter stirnrunzelnd ansahen. Sie schienen nicht davon überzeugt zu sein, dass wir hier in Sicherheit waren, genauso wenig wie ich. Bevor sie etwas sagen konnten, hörten wir ein Geräusch unmittelbar an der Haustür. Mir lief eine Gänsehaut den Rücken hinunter und auch Kadmus Kentrendan erstarrte entsetzt. Dann erscholl ein langgezogenes Jaulen, das uns das Blut in den Adern gefrieren ließ.
Fast gleichzeitig sprangen Kadmus Kentrendan und ich von unseren Sitzen hoch. Mein Vater und meine Mutter lauschten verwirrt, doch meine Großmutter war ebenfalls aufgestanden und zum Wohnzimmerschrank gegangen.
»Schscht!«, sagte sie und bedeutete uns allen von den Fenstern weg zu bleiben. Dann zog sie ein kleines Säckchen aus einer der Schubladen des Schranks und öffnete es. Mit ernstem Blick sah sie uns an.
»Die haben einen Fetan dabei. Einen vierfüßigen Drachen mit spitzem Schnabel, messerscharfen Zähnen und roten Augen. Er ist enorm gefährlich. Außerdem kann er fliegen und gut riechen, aber er hört nicht gut. Seid leise.«
»Was?«, mehr bekam ich nicht über die Lippen. Kadmus Kentrendan zerrte mich von den Fenstern weg, da ich unbedingt hinausspähen wollte. Ich musste wissen, wie das Ding aussah, das uns fressen wollte.
Meine Großmutter warf mir einen beunruhigten Blick zu und bedeutete uns noch einmal still zu sein. Dann ging sie zur Terrassentür und schlüpfte hinaus.
»Oma!«, murmelte ich entsetzt.
Durch das Fenster sah ich einen grellen Blitz in die Höhe schießen und Stimmen schrien laut durcheinander. Ich konnte die Stimme meiner Großmutter heraushören. Bevor ich schreien konnte, legte mir mein Vater eine Hand auf den Mund. Wenig später wankte meine Großmutter zur Terrassentür herein. Sie war über und über mit einer roten Farbe besudelt. Meine Mutter sah sie verstört an.
»Nur rotes Pulver! Keine Sorge!«, krächzte meine Großmutter leise. Ein Hustenanfall schüttelte sie. »Wasser!«
Meine Mutter stürzte zum Tisch und schenkte ihr ein Glas voll ein. Meine Großmutter trank in gierigen Schlucken. Endlich hatte mein Vater meinen Mund wieder freigegeben. Draußen war es totenstill.
»Ihr habt nur ein paar Minuten. Ihr müsst verschwinden«, sagte meine Großmutter schwach.
»Was? Wohin?«, fragte ich entgeistert.
»Marlies, pack zusammen. Du hast fünf Minuten, dann müsst ihr draußen sein. Solange hält die Betäubung. Das Notfallset ist im Keller.« Meine Großmutter sank erschöpft in ihrem Stuhl zusammen. Sie sah um Jahre gealtert aus.
»Wir können doch nicht einfach von hier abhauen«, protestierte mein Vater schwach.
Ich verstand ihn. Er hatte einen Job und konnte dort nicht einfach wegbleiben. Meine Großmutter sah ihn bitter an. »Die Welt verändert sich«, flüsterte sie und schloss die Augen.
Mir lief eine Gänsehaut. Es erinnerte mich an meinen Traum, nur, dass ich da nicht in unserem Wohnzimmer war, sondern in einem düsteren, finsteren, verdreckten Kerker.
Meine Mutter, die getan hatte was meine Großmutter verlangt hatte, kam mit einem kleinen Rucksack zurück und gab ihn mir. »Hier, ein paar Sachen für dich, Sarah. Das Nötigste, ein wenig Geld, Ausweis, Notrationen. Wir bleiben hier. Großmutter wird das nicht schaffen.« Ich griff mechanisch nach dem Rucksack und hängte ihn mir auf den Rücken. Sie nahm mich in den Arm. »Es tut mir leid, dass wir dir nicht alles erzählt haben und jetzt haben wir keine Zeit mehr. Du musst fort von hier. Ich will, dass du in Sicherheit bist. Sie werden uns nicht töten.«
»Maman!«, stammelte ich. Tränen rannen über meine Wangen hinunter. »Sie werden euch böse Dinge antun. Ich gehe nicht ohne euch.«
Kadmus Kentrendan berührte mich an der Schulter. »Ich werde sie aufhalten. Geht wohin auch immer ihr gehen wollt, nur nicht nach Aremar.«
Dafür, dass er eben noch steif und fest behauptet hatte, dass er nicht an Magie glaubte, war er ziemlich ruhig. Offenbar waren ihm solche Monster nicht fremd. Vermutlich hatte er auch dafür eine natürliche Erklärung parat. Immerhin sah er jetzt mit eigenen Augen, wozu Diwezah Brion fähig war. Dann musste er mir doch glauben oder etwa nicht? Leider hatte ich keine Gelegenheit ein paar Fragen los zu werden.
Meine Großmutter erhob sich mühsam. »Ich danke Euch, Hoheit. Unterschätzt sie nicht.«
»Aber wo sollen wir denn hin?«, fragte mein Vater noch einmal bestürzt. Er konnte immer noch nicht fassen, was da gerade geschah. »Nach Aremar dürfen wir nicht. Dort wären wir allerdings sowieso nicht sicher.«
»Wir haben doch letztes Jahr das Haus in Irland gekauft. Lass uns dort hinfahren.« Meine Mutter sah meinen Vater fragend an.
Ich wurde immer nervöser. Die fünf Minuten waren längst um. Worauf warteten die denn? Meine Fantasie ging mit mir durch. Ich blinzelte zweimal um sicher zu sein, dass ich mich nicht geirrt hatte. Ein riesiger Schatten erschien am großen Panoramafenster des Wohnzimmers. Bevor ich etwas sagen konnte, zischte es zornig und das Fenster zersplitterte in tausend kleine Stücke. Dem Zischen folgte ein ohrenbetäubendes Jaulen. Ich hielt mir vor Schreck die Ohren zu. Der Fetan war wieder erwacht. Wir waren zu zögerlich gewesen.
Kadmus Kentrendan schrie etwas, das ich nicht verstand, da ich mich auf das Ungeheuer konzentrierte, das vor dem Wohnzimmerfenster einen Tobsuchtsanfall zu haben schien. Der Triskelewächter rannte zur Haustür, meine Eltern und meine Großmutter gingen hinter dem Sofa in Deckung. Ich stand wie angegossen in der Mitte des Raumes und konnte mich vor Angst nicht mehr rühren. Mit großen Augen sah ich, wie sich ein riesiger Schnabel durch das kaputte Fenster hereinschob. Er gehörte zu einem klobigen Kopf, der über und über mit einer Art braungrauer langer Wolle bedeckt war und in einen langen Hals mündete. Entgeistert starrte ich auf die Kreatur. Ich hätte fast geschrien, als sie ihren Schnabel öffnete und eine Reihe entsetzlich spitzer krokodilartiger Zähne sehen ließ. Der Fetan gab ein schauriges Zischen von sich, als er mich erblickte. Mein Glück war, dass er nicht durch das Fenster hindurch passte. Ich stolperte rückwärts und flüchtete in Panik aus dem Wohnzimmer hinaus und die Treppe hinauf.
Aus den Augenwinkeln konnte ich sehen, dass Kadmus Kentrendan in der offenen Haustür stand und wütend auf einen Mann einredete, den ich noch nie zuvor gesehen hatte. Mitten im Schritt erstarrte ich, denn hinter dem Mann blockierte eine schwarze Limousine die Auffahrt. Ich erkannte sie sofort, nicht nur, weil Diwezah Brion gerade das Fenster herunterließ und mich triumphierend anblickte. Ich wusste, ich hatte keine Zeit mehr. Meine Knie wurden weich und ich stolperte mehr die Treppe hinauf, als dass ich lief. Aber was machte ich hier oben eigentlich? Hier konnte ich nirgendwo hin? Verzweifelt drehte ich mich im Kreis. Mir fiel nichts ein. Unten hörte ich die Stimme der Obermagierin, kalt wie Eiswasser und dann kam sie ins Haus. Kadmus Kentrendan hatte sie nicht aufhalten können. Mit Tränen in den Augen dachte ich an meine Eltern. Würde sie sie ebenfalls in Skoffs verwandeln oder gar noch schrecklichere Dinge mit ihnen tun? Vielleicht war es gut, dass der Prinz hier war. Möglicherweise hielt sie sich deshalb ein wenig zurück. Ich konnte ihre fürchterliche Aura bis nach oben spüren. Den einzigen Weg, der mir jetzt noch blieb um von hier wegzukommen, hatte ich noch nie ausprobiert. Der Tektek-Dämon war der Überzeugung, dass es mich töten würde. Vielleicht hatte er recht, aber ich war lieber tot, als dass ich dieser grausamen Hexe in die Hände fallen würde. Rasch zog ich meinen Handschuh aus, griff nach dem Stein des Tektek-Dämon in meiner Hosentasche und legte ihn auf meine Handfläche, in der das Zeichen der Eriny wieder sanft leuchtete. Fest schloss ich meine Finger um ihn. Ein weißes Glühen hüllte mich ein, dann wurde es Nacht um mich herum.
Wieder einmal träumte ich. Vor mir lag eine grasgrüne Wiese und blauer Himmel spannte sich über der weiten Ebene, die von steilen Berghängen begrenzt war. Ein Hochtal, das mir irgendwie bekannt vorkam. Rauch stieg aus dem Schornstein eines schlossartigen Gebäudes auf. Die Steine des Bauwerks waren grau und verwittert und erinnerten mich an diese schottischen Herrenhäuser, die es zuhauf in den Highlands gab. Ein großer Garten, über und über mit Rosen bewachsen, umgab das Haus mit einem Meer aus Blüten. Zwei Kinder spielten mit einem riesigen grauen Hund auf einem großen runden Kiesplatz, der inmitten der Rosenbeete lag. Der Hund breitete plötzlich seine Flügel aus und erhob sich in die Luft. Erschrocken schrie ich auf, denn das Tier kam ganz plötzlich auf mich zu und noch bevor ich mich in Sicherheit bringen konnte, saß es auf mir und leckte mir mit seiner blauen, rauen und ziemlich feuchten Zunge über das ganze Gesicht. Erschrocken riss ich die Augen auf und blickte direkt auf die Schnauze eines Schafsbocks. Seine geschlitzten Pupillen erschienen mir wie die Augen eines Dämons. Ich war wach, zurück in der Realität und es hatte funktioniert. Ich konnte den Stein benutzen ohne getötet zu werden.
»Mähhhhä«, blökte der Schafsbock und wollte erneut mein Gesicht ablecken.
Angewidert wehrte ich ihn ab und rollte mich zur Seite. Schafsspucke wollte ich nicht auf meinem Mund haben. Ich stöhnte leise, denn jeder meiner Knochen tat mir weh und mein Kopf war ein einziges brummendes Karussell. Irgendetwas drückte gemein in meinem Rücken. Natürlich, ich hatte ja noch den Rucksack mit meinen Sachen an. Nach einer Weile konnte ich mich aufrichten. Es war Nacht. Über mir leuchteten ein paar Sterne und es roch nach Wiese und Spätsommer. Am Ende der Wiese standen Häuser. Ihre Fenster waren erleuchtet, bis auf eines. Mit Schrecken erkannte ich, dass ich neben dem Obelisken in der Schafwiese hinter unserem Haus lag. Ich musste ziemlich lange bewusstlos gewesen sein, da es jetzt tief in der Nacht war. Warum kam ich nur immer wieder hier heraus, wenn ich in den dunklen Tunnel ging? Irgendwie hatte mich wohl der Stromschlag mit dem Obelisken hier verlinkt. Das war wenig hilfreich. Ich warf einen prüfenden Blick zum Haus meiner Eltern hinüber. Erstaunlich, dass mich die Druiden hier nicht gefunden hatten. Ob sie wohl noch da waren? Ich musste unbedingt nachsehen. Die Sorge um meine Eltern und meine Großmutter übermannte mich. Vorsichtig stand ich auf, nachdem ich den Schafsbock erneut weggeschoben hatte, da er an meiner Kleidung knabbern wollte. Ein Hund, dieses Mal ein echter, schoss auf mich zu. Verdammt, das war der Hirtenhund. Er kläffte mich wild an und ich versuchte ihn zum Schweigen zu bringen, aber es nützte nichts. So würde ich alle Aufmerksamkeit auf mich ziehen. Nicht zu hastig lief ich von den Schafen fort. Der Hund umsprang mich dabei kläffend, blieb aber nach einer Weile zurück. Rasch versteckte ich mich bei der Scheune am Rande des Feldes und wartete mit klopfendem Herzen erst einmal ab. Am Haus tat sich nichts. Es war irgendwie totenstill und unheimlich. Die Furcht umfing mein Herz und drückte es zusammen. Irgendetwas ging dort vor. Ich wusste nicht, ob ich noch näher herangehen konnte, aber ich musste wissen, was mit meiner Familie passiert war. Noch bevor ich wieder aufstehen konnte, um mich näher heranzuschleichen, keckerte es leise hinter mir. Ich schoss herum, bereit mich zu verteidigen. Hinter mir, einige Meter entfernt, stand der Tektek-Dämon und starrte mich mit seinen vier glühenden Kohleaugen an. Das war mir letztes Mal schon aufgefallen. Manchmal hatte der Dämon vier Augen und manchmal nur zwei, die dann aber dunkel waren. Sehr seltsam.
Er musterte mich eine Weile, dann sagte er, »du solltest da nicht hingehen. Sie sind nicht mehr da. Sie haben sie mitgenommen, aber sie haben etwas dagelassen.«
»Den Fetan!«, sagte ich atemlos.
Der Tektek-Dämon nickte bestätigend und ging.
»Warte! Du kannst doch nicht einfach abhauen!«, rief ich ihm empört hinterher, aber er hörte nicht auf mich, sondern verschwand einfach in der Dunkelheit. »Na, das ist ja hilfreich«, dachte ich genervt. Was sollte ich jetzt tun? Meine Tante Claire war ein Skoff, meine Eltern und meine Großmutter verschwunden, Kadmus Kentrendan vermutlich auch. Ich hatte keine anderen Verwandten, außerdem musste ich herausfinden, wo sie sie hingebracht hatten. Mutlos ließ ich mich auf den Boden sinken. Wenigstens hatte mir meine Mutter noch ein paar Sachen eingepackt. Ich zog den Rucksack herunter und inspizierte sein Innenleben. Außer Wäsche zum Wechseln war da noch ein Pulli, ein paar Kekse, Brote mit Käse, eine Flasche Wasser, eine Taschenlampe und ein Kuvert mit ein paar hundert Euro, mein Reisepass und … Schmerzmittel. Das hatte ich ja noch nie bekommen. Womit rechnete sie denn? Tränen begannen meine Wangen hinunter zu laufen. Ich unterdrückte ein Schluchzen. Der Fetan hörte zwar nicht gut, aber ich wollte ihn trotzdem nicht auf mich aufmerksam machen. Rasch stopfte ich die Sachen wieder in den Rucksack zurück und hängte ihn um.
Ein letzter Blick auf das Haus ließ mich erstarren. Oben auf dem Dach erschien ein ziemlich großer Schatten, der seine Flügel streckte. Der Fetan schlug ein paarmal mit ihnen, das Rauschen konnte ich bis zu mir herüber hören. Dann stieß er sein schauriges Jaulen aus und hob ab. Was die Nachbarn davon hielten, wollte ich gar nicht wissen. Gebückt schlich ich in die andere Richtung davon. Doch das Rauschen folgte mir und ich stellte mit Entsetzen fest, dass der Fetan genau in meine Richtung flog. Mon Dieu! Hatte der mich etwa gesehen. Mir fiel nichts Besseres ein, als mich unter einem kleinen Busch flach auf den Boden zu werfen. Über mir rauschte es. Ich wagte nicht einmal mehr zu atmen. Dann hörte ich den Hund des Schäfers wild kläffen, dem sich unruhiges blöken anschloss. Hufe trappelten panisch über die Wiese. Der Hund gebärdete sich wie verrückt und dann hörte ich ein Schaf schreien. So etwas hatte ich noch nie gehört. Ich hielt mir die Ohren zu. Es war einfach nur furchtbar. Nach ein paar Minuten war es vorbei, das Schaf war wohl tot. Ich nahm die Hände herunter und linste wie hypnotisiert auf die Wiese hinüber. Ich musste wissen wo das Untier war. Die Schafe waren in alle Richtungen davongestoben, aber nur wenige Meter von mir entfernt saß der Fetan und riss Stücke aus dem toten Schaf heraus. Der Fetan fraß genüsslich, aber mir gefror das Blut in den Adern. Zum ersten Mal sah ich diese Kreatur in ihrer vollen Größe und aus nächster Nähe. Sie war so groß wie ein Lastwagen, aber vermutlich nicht so schwer, denn sonst wäre wohl unser Haus eingestürzt als er auf dem Dach saß. Er hatte vier Beine, die in scharfe Vogelkrallen übergingen. Die Beine waren nicht behaart und ganz rot und schuppig. Die Flügel bestanden aus einer Art Lederhaut, mit ein paar wenigen Federn an den Kanten. Nur der Körper war über und über von dieser langen braunen Wolle bedeckt, die mich an ein Lama erinnerte. Der Fressvorgang war ekelerregend. Ich wollte nicht mehr hinsehen. Es dauerte eine geschlagene halbe Stunde, bis der Vogeldrachen fertig war. Zum Starten musste er eine gute Strecke über das Feld laufen, bis er schnell genug war, dass er abheben konnte. Wie Tölpel, die auch eine lange Anlaufstrecke hatten. Dann kehrte er in einem weiten Bogen zum Haus meiner Eltern zurück und setzte sich wieder auf das Dach. Die armen Schafe. Viel würde von dieser Herde wohl nicht übrigbleiben, wenn das Ungeheuer noch lange hierblieb. Ich hatte keine Zeit die Schafe zu retten, sondern hoffte, dass der Schäfer sie wegbringen würde, wenn er merkte was mit seinem Schaf geschehen war. Jetzt wollte ich nur noch weg, so schnell wie möglich. Tief gebückt lief ich den Feldweg entlang, auf den Wald zu. Die Bäume würden mich schützen. Ich musste es unbedingt bis dahin schaffen, denn dort konnte mich der Fetan bestimmt nicht mehr sehen. Zum Glück kam der Wind von hinten. So konnte er mich hoffentlich auch nicht riechen.
Der Wald umschloss mich mit seiner Dunkelheit und ich tauchte in ihm unter. Ich lief Richtung Stetten. Die zwei Kilometer hatte ich noch nie so schnell hinter mich gebracht. Keuchend blieb ich im Dunkeln unter ein paar Bäumen stehen und lauschte. Es war nichts zu hören, außer den üblichen Geräuschen des nächtlichen Waldes. Der Fetan hatte offenbar nicht bemerkt, dass ich ihm gerade entkommen war. Aber wo sollte ich hin? Vielleicht sollte ich nach Carnac fahren. Aber was dann? Dort waren die Druiden und Claire war ein Skoff. Meine Freunde würden mir bestimmt helfen, aber dann würde ich sie in Gefahr bringen. Nein, das konnte ich nicht tun. Sollte ich nach Irland fahren? Vielleicht gingen meine Eltern doch dorthin. Wenn Kadmus Kentrendan Wort hielt, dann würde er dafür sorgen, dass sie ihnen nichts taten. Aber dazu musste ich ein öffentliches Verkehrsmittel benutzen und das überwachten sie bestimmt. Die Erkenntnis, dass ich auf der Erde nirgendwo hinkonnte, kam langsam und mit der Erkenntnis wuchs meine Verzweiflung. Es gab nichts und niemanden, der mir helfen konnte … außer … Thomy. Thomy würde mir helfen. Er gehörte zu den Abtrünnigen, die die Regierung bekämpfte. Da war ich mir ziemlich sicher. Er führte Krieg gegen diese Leute, für die ich nun ein Feind war. Die Dämonen waren mir etwas schuldig. Dieser Wrehs sah stark aus. Mein Herz machte einen kleinen aufgeregten Hüpfer bei dem Gedanken an Thomys Halbbruder. Ich stopfte das Gefühl wieder dahin zurück, wo es hergekommen war. Der Kerl konnte mich doch gar nicht leiden, wieso sollte ich ihn dann mögen. Egal, auch er verdankte mir seine Freiheit und womöglich sein Leben. Sie konnten mir helfen und meine Eltern befreien. Ich musste zurück nach Aremar und ich wusste auch, wie ich das bewerkstelligen konnte. Entschlossen setzte ich mich in Bewegung und stand ein paar Minuten später vor dem Haus von Maria Mahler, Thomys Mutter.
Das Haus war dunkel. Nichts deutete darauf hin, dass Maria Mahler zuhause war. Mein Herz sank mir in die Hose. Ich schalt mich einen Idioten. Es war doch bestimmt schon spät in der Nacht und Maria Mahler ging immer ziemlich früh schlafen. Energisch drückte ich auf die Glocke. Das Geräusch des Gongs drang durch ein gekipptes Fenster zu mir heraus, doch drinnen rührte sich nichts. Ich läutete noch einmal Sturm. Dieses Mal ging Licht im oberen Stockwerk an, dort wo Thomys Mutter ihr Schlafzimmer hatte. Gleich darauf öffnete sich das Fenster und ein Kopf erschien.
»Wer ist da?«, fragte Maria Mahler schlaftrunken.
Ich konnte so etwas wie Hoffnung in ihrer Stimme hören. Sie dachte bestimmt Thomy wäre nach Hause gekommen. Bevor ich etwas sagen konnte, hörte ich ein fernes Rauschen, das mich erstarren ließ. Der Fetan kam.
»Maria! Ich bin es, Sarah. Lass mich bitte hinein. Bitte! Der Fetan kommt! Bitte!«, rief ich panisch.
Oben schloss sich das Fenster und ich blieb im Licht der Straßenlaternen alleine zurück. Ließ mich Maria etwa im Stich? Das Rauschen kam näher. Ich drückte mich gegen die Eingangstür und versuchte mich klein zu machen. Der Fetan zog Kreise über dem Wald. Vielleicht hatte er meine Witterung noch nicht aufgenommen.
Drinnen drehte der Schlüssel und zu meiner grenzenlosen Erleichterung machte Maria Mahler die Tür auf. Ich schob sie einfach nach innen und machte die Tür schnell wieder zu, dann löschte ich das Licht. »Pst!«, mehr sagte ich nicht. Thomys Mutter konnte es schließlich auch von alleine hören. Der Fetan war über dem Haus und schlug wild mit den Flügeln. Er hatte mich gefunden.
»Was ist das?«, hauchte Maria Mahler mit schreckgeweiteten Augen. Ihr Gesicht sah im Schein der Straßenlaterne, das durch das schmale Fenster im Flur hereindrang, ganz bleich aus.
»Ein Vogeldrachen aus Aremar … Orbis Alius«, flüsterte ich hektisch zurück. Ich hatte keine Zeit mehr ihr mehr zu erklären. Ich musste durch den Tunnel, denn wenn ich weg war, würde der Fetan bestimmt verschwinden. Zumindest redete ich mir das ein. »Maria, ich habe Thomy gesehen. Es geht ihm gut. Ich habe keine Zeit dir alles zu erklären. Ich muss sofort von hier weg. Ist der PC noch an?«
Maria Mahler nickte. Ein freudiges Strahlen war über ihr Gesicht gehuscht, das sofort wieder erlosch. »Du willst doch da nicht hindurch, oder?«
Ich nickte nur und begann sie in Richtung Thomys Zimmer zu ziehen. Der Fetan draußen gebärdete sich wie wild, auf der Suche nach einem größeren Fenster, um in das Haus hinein zu kommen. Irgendetwas zersplitterte draußen. »Maria, wenn ich nicht gehe, dann wird er mich fressen. Es tut mir leid, ich wusste nicht, dass er mir gefolgt ist. Bitte, lass mich durch den Tunnel gehen.«
Draußen zertrümmerte der Fetan ein paar Blumentöpfe, die krachend auf der Terrasse zerschellten. Maria Mahler zuckte voller Angst zusammen. »Was ist mit mir? Wird er mich auch fressen?«
»Ich weiß es nicht genau, aber ich glaube nicht. Er ist von den Druiden hiergelassen worden, um mich zu finden. Sie können es sich bestimmt nicht leisten, Menschen zu verletzen. Willst du mitkommen? Es könnte aber dort noch gefährlicher werden als hier.« Wir hatten Thomys Zimmer erreicht und ich stieß die Tür auf. Der Computer war noch an und auf dem Bildschirm blinkte das weiße Licht. Ohne zu Zögern griff ich nach der Maus, doch Maria hielt mich zurück.
»Sarah, das kann ich nicht zulassen«, sagte sie traurig. Ich sah, wie sie eine Pistole aus der Tasche ihres Morgenmantels herauszog und auf mich richtete.
»Maria? Was tust du da?«, rief ich erschrocken.
»Sarah, ich kann nicht anders. Sie waren schon hier, gestern und haben irgendetwas mit mir gemacht.« Maria Mahler zitterte am ganzen Leib, während sie versuchte die Pistole zu entsichern.
Mein Zorn auf Diwezah Brion und ihre Anhänger wuchs mit jeder Minute. »Es tut mir so leid, Maria«, sagte ich und zögerte keinen Augenblick mehr. Ich gab Maria einen leichten Schubs und griff nach der Maus. Reißender Schmerz empfing mich, drehte meine Eingeweide nach außen und verkehrte mein innerstes Ich in alle Richtungen. Ich fiel und fiel und fiel und mir schien, als würde das eine Ewigkeit dauern. Eine dunkle glitzernde Wasserfläche kam auf mich zu und ich klatschte hart auf. Das Wasser war eiskalt. Es nahm die Betäubung von mir fort, die mich während des langen Sturzes ergriffen hatte. Prustend kam ich nach oben. Wo immer ich war, hier war es stockdunkel und ziemlich kalt. Das Wasser war tief, ich konnte nicht stehen, also versuchte ich zu schwimmen, aber ich kam nicht weit, sondern stieß gegen etwas Schlammiges. Erschrocken zog ich meine Hand zurück, um dann vorsichtig erneut zu fühlen, was da war. Kalter Schlamm und Gras berührten meine Finger. Ein Ufer? Ich krallte mich fest und begann mich nach oben zu ziehen, auf trockenes Terrain. Schweratmend legte ich mich am Rand des Gewässers auf den Rücken und versuchte erst einmal zu Atem zu kommen. Am ganzen Körper zitternd vor Kälte schloss ich die Augen, meine Sinne begannen zu schwinden. Die Reise durch den Tunnel hatte mich all meine Kraft gekostet. »Ich werde hier an Schwäche sterben. Dem Fetan entkommen, aber trotzdem tot«, dachte ich traurig. Das Schicksal hat Sinn für Ironie, würde der Tektek-Dämon wohl jetzt sagen. Mir schwanden die Sinne.
