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Pennsylvania, 2016: Casey Walsh lebt in einer amerikanischen Kleinstadt. Sie hat irische Vorfahren und träumt seit frühester Jugend von Irland. Eines Tages erzählt ihr Großvater vom Tagebuch der Auswanderin Aeryn. Casey ist fasziniert von den Aufzeichnungen, und die Sehnsucht nach der grünen Insel wird immer stärker. Als sie im Café, in dem sie arbeitet, den charmanten Iren Brayden kennenlernt, bietet er an, Reiseführer zu spielen. Casey beschließt, der Geschichte der Tagebuchschreiberin auf den Grund zu gehen und macht sich auf den Weg nach Killarney. Doch im wunderschönen Irland findet sie so viel mehr, und die Reise in das Land ihrer Vorfahren wird eine Reise zu sich selbst ...
Killarney, Irland, 1846: Auf einem Frühlingsfest lernt die junge Aeryn O’Mara den attraktiven Padraig kennen und verliebt sich in ihn. Sie ahnt nicht, dass er der Erbe von Tarlington Manor ist. Padraig besteht darauf, ihre Liebe zu verheimlichen, wenngleich er dafür sorgt, dass sie und ihre Familie während der Hungersnot mit Essen versorgt werden. Aeryn möchte ihm so gern vertrauen. Aber Padraig steht vor einer schwierigen Entscheidung: Wird er seine Geliebte vor sein Erbe stellen?
Alle Romane der Familiengeheimnis-Reihe sind in sich abgeschlossen und können unabhängig voneinander gelesen werden.
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Seitenzahl: 427
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Über dieses Buch
Über die Autorin
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Impressum
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Epilog
Ein verschollenes Tagebuch, eine Reise nach Irland und das Geheimnis der wahren Liebe
Pennsylvania, 2016: Casey Walsh lebt in einer amerikanischen Kleinstadt. Sie hat irische Vorfahren und träumt seit frühester Jugend von Irland. Eines Tages erzählt ihr Großvater vom Tagebuch der Auswanderin Aeryn. Casey ist fasziniert von den Aufzeichnungen der Auswanderin, und die Sehnsucht nach der grünen Insel wird immer stärker. Als sie im Café, in dem sie arbeitet, den charmanten Iren Brayden kennenlernt, bietet er an, Reiseführer zu spielen. Casey beschließt, der Geschichte der Tagebuchschreiberin auf den Grund zu gehen und macht sich auf den Weg nach Killarney. Doch im wunderschönen Irland findet sie so viel mehr, und die Reise in das Land ihrer Vorfahren wird eine Reise zu sich selbst …
Killarney, Irland, 1846: Auf einem Frühlingsfest lernt die junge Aeryn O’Mara den attraktiven Padraig kennen und verliebt sich in ihn. Sie ahnt nicht, dass er der Erbe von Tarlington Manor ist. Padraig besteht darauf, ihre Liebe zu verheimlichen, wenngleich er dafür sorgt, dass sie und ihre Familie während der Hungersnot mit Essen versorgt werden. Aeryn möchte ihm so gern vertrauen. Aber Padraig steht vor einer schwierigen Entscheidung: Wird er seine Geliebte vor sein Erbe stellen?
Nach dem Erfolg von Carolin Raths »Das Erbe der Wintersteins« gibt es jetzt den neuen fesselnden Familiengeheimnis-Roman »Die Töchter von Tarlington Manor« von Tanja Bern bei »be«.
Tanja Bern ist in Herten geboren und lebt heute mit ihrer Familie und drei Katzen in einem kleinen Stadtteil von Gelsenkirchen. Sie ist dem Ruhrgebiet immer treu geblieben, obwohl sie eine Vorliebe für die nordischen Länder hegt. Wenn sie in der Natur sein und schreiben kann, ist sie glücklich. Und wenn ihre Helden sich dann noch verlieben, schlägt ihr Herz höher …
Tanja Bern
Die TÖCHTER vonTARLINGTONMANOR
Roman
beHEARTBEAT
Digitale Originalausgabe
»be« – Das eBook-Imprint von Bastei Entertainment
Copyright © 2018 by Bastei Lübbe AG, Köln
Textredaktion: Dr. Ulrike Brandt-Schwarze
Lektorat/Projektmanagement: Anne Pias
Covergestaltung: Nicole Meyer, designrevolte.de
Unter Verwendung von Motiven von © Toivo-Media/Shutterstock und © iStockphoto: mnbb | Maunka
eBook-Erstellung: Urban SatzKonzept, Düsseldorf
ISBN 978-3-7325-4099-0
www.be-ebooks.de
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Pennsylvania, USA, 2016Casey berührte mit der Fingerspitze das beschlagene Fenster und zeichnete eine schlichte Triskele in die Feuchtigkeit. Sie hing ihren Gedanken nach, dachte an den seltsamen Mann aus der Coffee Bar, der jeden Tag einen Kaffee bestellte und nur daran nippte, um ihn dann stehen zu lassen.
Der Bus fuhr aus dem Schatten einer Häuserwand, und das Tageslicht blendete Casey kurz. Um nach draußen sehen zu können, wischte sie den Beschlag von der Scheibe und betrachtete die Wohnhäuser, an denen sie nun vorbeikam. Ein hohes Gebäude, das ein großer Firmenkonzern unlängst hochgezogen hatte, wirkte wie ein Schandfleck in der idyllischen Kleinstadt.
Es regnete Bindfäden. Casey seufzte leise und zog sich vorsichtshalber die Kapuze über, weil ihre Haltestelle nahte. Das Fahrzeug kam mit einem quietschenden Geräusch zum Stehen. Nur zwei weitere Leute stiegen mit ihr aus, es war erst kurz vor acht. Sie ging zügig über den überdachten Platz, an dem Zwielicht herrschte. Meist strebte sie rasch aus dem Busbahnhof, aber an diesem Tag erregte etwas ihre Aufmerksamkeit. Ein Zeitschriftenhändler schob gerade seine Verkaufsstände vor den Laden. Auf einer Zeitung prangte eine typisch irische Landschaft. Casey konnte nicht daran vorbeigehen und trat näher.
Es war ein Irland-Magazin mit Reiseberichten, Fotos und einigen Interviews mit irischen Prominenten. Nervös schaute Casey auf die Uhr, sie konnte sich nicht lange hier aufhalten. Zum Stöbern war keine Zeit. Sie würde die Zeitschrift entweder direkt kaufen oder darauf verzichten müssen. Kurzerhand nahm sie ein Exemplar aus dem Ständer und ging in den kleinen Laden. Der ältere Mann begrüßte sie freundlich. Als sie bezahlte, strich Casey ihr langes Haar hinter das Ohr, damit ihr die dunklen Strähnen nicht vors Gesicht fielen.
»Sagen Sie mir mal, ob die Zeitschrift was taugt«, rief der Verkäufer ihr nach, als sie schon fast wieder draußen war. Sie wandte sich noch einmal um. »Ist neu«, sagte der Mann. »Ich hab noch nicht reingeschaut«, fuhr er fort. »Sie kommen jeden Tag hier vorbei, oder?«
»Ja, fast«, antwortete Casey. »Es ist mein Weg zur Arbeit. Vielleicht kann ich Ihnen heute Nachmittag schon was dazu sagen.«
Damit das Magazin nicht nass wurde, steckte sie es in ihre große Handtasche und rannte die Stufen hinauf. Sie eilte durch eine enge Gasse, um den Weg abzukürzen. Unvermittelt glitt sie auf glatten Pflastersteinen aus und taumelte. Mit einem gezischten Fluch hielt sie sich am Lichtmast einer Straßenlaterne fest, um sich aufzufangen. Casey seufzte und zog sich die Kapuze tief in die Stirn, weil es von jedem Vordach tropfte.
Um drei Minuten nach acht kam sie in der Coffee Bar an. Ihr Chef musste sich noch in den hinteren Räumlichkeiten aufhalten, denn noch war niemand zu sehen. Erleichtert hängte sie ihre Jacke an die Garderobe, trat hinter den Tresen. Rasch bereitete sie die Kaffeemaschine vor und stellte schon mal für den ersten Ansturm die Tassen bereit. Das Café lag sehr günstig, viele Leute schauten vor der Arbeit hier vorbei und tranken noch einen Kaffee. Der Duft der frisch gerösteten Bohnen hüllte Casey ein.
Sie hörte Schritte und wandte sich zu Roger Drain um, der diesen Laden führte. Sie hatte großen Respekt vor dem wortkargen Mann.
»Da bist du ja, gut. Wir müssen heute ohne Nick auskommen, er hat sich krankgemeldet.«
Der Jugendliche war ihre Aushilfe, aber leider sehr unzuverlässig.
»Okay, danke, dann weiß ich Bescheid. Ich habe die Kaffeemaschine schon …«
Roger winkte ab, für Belanglosigkeiten hatte er keine Zeit. Casey presste die Lippen aufeinander. Er schien nicht gerade guter Laune zu sein.
Die Türglocke bimmelte, und eine Frau kam herein. Casey lächelte ihr freundlich zu und goss ihr normalen Kaffee ein. Diese Kundin kam jeden Morgen, sprach nie viel, wollte nur in Ruhe ihren Kaffee trinken und die Zeitung lesen. Sie nickte Casey dankbar zu, reichte ihr das Geld und verzog sich ans andere Ende des Tresens.
Dann begann der Ansturm. Gleich fünf Studenten, die Casey bereits kannte, beschlagnahmten den Tresen, wollten Latte macchiato, Cappuccino und Sandwiches. Sie bereitete alles so rasch zu, wie sie konnte, hörte aber wie üblich das Murren, weil es ihnen nicht schnell genug ging. Casey ignorierte das und sah im Augenwinkel den Mann, an den sie in der Bahn gedacht hatte. Mit großen Augen schaute er sie an, versuchte ein Lächeln. Sie deutete an, dass es noch einen Moment dauern würde, bis sie ihm seinen Kaffee servieren konnte.
Roger kam hinzu und half ihr bei der Studentenbestellung. Seine Miene war kalt und abweisend, obwohl er sich zu einem beständigen Lächeln zwang, das mehr als unecht wirkte und nur seinen Kunden galt.
»Alles in Ordnung mit Ihnen, Roger?«, fragte sie im Flüsterton.
Er schüttelte fast unmerklich den Kopf, Casey hielt sich zurück mit weiteren Fragen. Sie goss dem neuen Kunden eine halbe Tasse Kaffee ein – sie wusste ja, dass er ihn ohnehin stehen lassen würde.
»Seit wann machen wir die Tassen nicht voll?«, zischte ihr Roger zu.
»Sie wissen doch, er nippt immer nur dran«, wisperte sie zurück.
Die Geräuschkulisse kam Casey wie ein beständiges Rauschen vor. Sie musste sich anstrengen, um ihren Chef zu verstehen, da er die Stimme weiter dämpfte.
»Er bezahlt für eine volle Tasse, also kriegt er auch eine. Es ist völlig egal, ob er den Kaffee austrinkt oder nicht.«
»Okay. Entschuldigung.«
Rasch goss Casey dem Kunden nach und lächelte ihn an. Der Mann hatte hellblaue Augen, wirkte sehr jugendlich, aber sie sah die feinen Fältchen um seine Augen. Er sprach nur sehr wenig und sah aus, als wäre er in seiner eigenen Welt versunken.
Roger verschwand wieder nach hinten und ließ sie allein mit dem morgendlichen Chaos. Gegen halb zehn flaute der Kundenansturm endlich ab. Nun würden die Leute nur noch nach und nach eintrudeln. Erst am Nachmittag kämen wieder mehr Menschen.
Ihr Chef blieb im Büro. Eine brünette junge Frau saß an einem der Tische und tippte etwas in ihr Netbook. Ihren Kaffee schien sie völlig vergessen zu haben. Casey wischte über die Theke und holte dann heimlich die Irland-Zeitschrift hervor. Mit leiser Sehnsucht betrachtete sie das Bild auf der Titelseite. Dieses Land faszinierte sie schon seit Jahren, sie fühlte sich nahezu magisch davon angezogen, aber bisher hatte ihr entweder das Geld gefehlt, oder sie hatte keinen Urlaub bekommen, um dort hinzureisen. Doch das waren nicht die wahren Gründe. Wenn sie ehrlich zu sich selbst war, musste sie zugeben, dass sie Angst davor hatte. Sie traute sich nicht, allein in ein fremdes Land zu reisen. Zudem hatte sie mittlerweile eine ziemlich romantische Vorstellung von der Grünen Insel und fürchtete, dass die Realität völlig anders sein würde.
»Kann man hier nur Kaffee oder auch Zeitschriften kaufen?«, hörte sie eine angenehme dunkle Stimme.
Sie schreckte auf und sah sich einem jungen Mann gegenüber. Rasch verbarg sie das Magazin unter dem Tresen. »Es tut mir leid, ich war in Gedanken versunken.«
Er lächelte charmant, und in seinen hellbraunen Augen erschien ein amüsiertes Funkeln. »Was ist es? Mode? Klatsch und Tratsch? Oder was Seriöses? Ich konnte es nicht erkennen.«
»Nur ein Magazin. Was darf ich Ihnen bringen?«
»Ich hätte gern einen richtig starken Kaffee, der mich endlich wach werden lässt. Ich hab einen Jetlag.«
Casey wollte nicht neugierig sein und nachfragen, woher er kam, deshalb lächelte sie nur und brühte für ihn neuen Kaffee auf, der ihn hoffentlich auf Touren bringen würde. Sein Akzent war interessant. Aus dem Augenwinkel sah sie, dass er sie beobachtete. Er setzte sich auf einen der Barhocker und holte sein Smartphone hervor.
»Ihr habt hier nicht zufällig kostenloses Internet? Dann könnte ich meiner Familie rasch Bescheid sagen, dass ich gut angekommen bin. Das Telefonnetz in unserer Gegend ist sehr unzuverlässig.«
»Doch, sicher, unsere Kunden dürfen das nutzen.« Sie schob ihm einen Zettel mit dem Passwort zu.
Er bedankte sich und vertiefte sich kurz in seine Handywelt. Casey stellte ihm den Kaffee hin, und er griff automatisch danach. Überrascht sah er auf.
»Das Mädchen kann tatsächlich Kaffee kochen!«
»Ich arbeite in einer Coffee Bar«, bemerkte Casey belustigt.
»Das muss nichts heißen. Ich habe da schon Schreckliches erlebt. Aber dieses wunderbare Gebräu würde vielleicht sogar meine Tante wieder zum Leben erwecken.« Er schloss genießerisch die Augen, als er einen weiteren Schluck nahm.
»Möchten Sie auch etwas essen?«
»Ach nein, vielen Dank. Verraten Sie mir jetzt, was Sie gelesen haben?«
»Sie sind neugierig.«
»Das liegt mir im Blut.«
Casey huschte ein Lächeln übers Gesicht. »Ein Magazin über Irland.«
Er verzog keine Miene, wuschelte sich nur durch das schon zerzauste Haar, das sie von der Farbe her an Haselnüsse erinnerte. Wieder trat dieses Blitzen in seine Augen. »Sie informiert sich also über Irland«, murmelte er wie zu sich selbst. »Wie passend, dass ich genau da herkomme.«
»Aus Irland?« Casey wurde misstrauisch. Konnte es solche Zufälle geben?
Spontan reichte er ihr die Hand. »Ich bin Brayden Doyle, frisch aus Cork eingeflogen.«
Casey zögerte zuerst, ergriff dann die angebotene Rechte. »Casey Walsh.«
Seine Hand fühlte sich warm an und ein bisschen rau. Caseys Herz begann, schneller zu pochen, als er sie ein Stück zu sich heranzog, sodass sie sich über den Tresen lehnen musste.
»Und jetzt verraten Sie mir, warum ein Mädchen aus Pennsylvania an Irland interessiert ist.«
Er musste ihre Unsicherheit bemerkt haben, denn er ließ sie los. Sein offenes Lächeln berührte sie. Für einen Moment sah sie ihn an einer irischen Küste stehen. Casey unterbrach den Blickkontakt und knabberte an ihrer Unterlippe.
»Ich meine«, fuhr er fort, »die Landschaft hier ist wunderschön. Aber ich habe das Leuchten in Ihren Augen gesehen, als sie in dem Magazin geblättert haben.«
»Meine Vorfahren sind irischer Abstammung«, sagte sie mit einem kleinen Lächeln.
»Tatsächlich? Ich dachte immer, in dieser Gegend leben viele Deutschstämmige.«
»Das ist richtig. Meine Großmutter hatte auch deutsche Wurzeln, aber Grandpa ist irischer Abstammung.«
»Eine sehr interessante Mischung.« Er nahm einen Schluck von seinem Kaffee und ließ Casey nicht aus den Augen.
Um nicht tatenlos herumzustehen, fing Casey an, die Kaffeemaschine zu säubern. Es herrschte eine angenehme Stille. Nur das leise Klackern der Netbook-Tastatur der jungen Frau war zu hören. Casey sah kurz zu ihr hinüber. Völlig in sich versunken schrieb sie etwas in ihren Computer. Caseys Aufmerksamkeit richtete sich wieder auf Brayden. Er hatte den Kopf auf die Hände gestützt und saß mit geschlossenen Augen da.
Er ist wirklich müde, dachte Casey. »Möchten Sie vielleicht noch einen Kaffee?«
Brayden blinzelte sie an. »Ja, kann nicht schaden.«
Sie goss ihm erneut ein, und er reichte ihr das Geld. Da sie annahm, er wolle nun seine Ruhe, fuhr sie mit ihrer Arbeit fort, bevor Roger sie beim Nichtstun erwischte. Dabei sah sie immer wieder durch die Glastür hinaus auf die Straße, beobachtete die Passanten, die vorbeigingen. Sie schützten sich mit Schirmen vor dem Regen oder stellten sich bei der großen Buche unter, deren Zweige wie ein Baldachin die Hausfassade schützten. Brayden folgte ihrem Blick.
»Dieser Baum vor dem Café hat mich überrascht. Hier mitten in der Stadt habe ich so was nicht erwartet.« Er wandte sich wieder Casey zu.
Ein Lächeln stahl sich auf ihre Lippen. »Das ist Penny, unsere Buche. Die halbe Stadt hat damals dagegen protestiert, als sie gefällt werden sollte, weil das Wurzelwerk der Straße schadet. Das stimmt zwar, aber Penny ist uns wichtiger. Mittlerweile ist sie hier so was wie ein Wahrzeichen.«
Er betrachtete sie mit einem Ausdruck, den Casey nicht einordnen konnte. »Diese Stadt gefällt mir.«
Zu ihrer Enttäuschung erhob er sich, griff nach seiner Jacke. Er musste ihr die spontane Gefühlsregung ansehen.
»Seien Sie nicht traurig, Cailín. Ich weiß ja jetzt, wo Sie arbeiten, und ich kann gern wiederkommen.«
»Sie sind ganz schön frech«, sagte sie gespielt streng.
»Und charmant«, konterte er.
Casey gluckste amüsiert, gab ihm aber insgeheim recht. »Was bedeutet Cailín?«, rief sie ihm hinterher, als er schon an der Tür stand.
Brayden drehte sich um. Er zwinkerte ihr nur zu und verließ das Café. Als sich die Tür mit einem leisen Klingeln schloss, kam ihr die Coffee Bar ein bisschen kälter vor. In der Gegenwart dieses Iren hatte sie sich wohlgefühlt. Nun sah sie, wie Brayden seine Hand auf die Rinde der Buche legte und zu ihrer Krone aufsah, als begrüße er Penny.
»Er hat einfach Mädchen zu Ihnen gesagt«, unterbrach die Frau mit dem Netbook ihre Gedanken. Verdutzt bemerkte Casey, dass auch diese Fremde bereits im Aufbruch war. Die Brünette zuckte mit den Schultern und grinste sie an. »Ich hab im Internet nachgesehen.«
»Dann war es gälisch?«
»Davon gehe ich aus. Einen schönen Tag noch.«
»Danke, Ihnen auch.«
Casey atmete tief durch. Draußen lungerte eine schmale Gestalt herum. Zuerst hoffte sie, es wäre Brayden, aber der war größer. Wie ein Schatten verschwand die Gestalt hinter einer Häuserecke. Sie sah auf die Uhr. Es war noch nicht Nachmittag, ein Kundenansturm war noch nicht zu erwarten, auch wegen des schlechten Wetters. Sie ging nach hinten zu Roger, der im Büro geschäftlichen Papierkram erledigte.
»Kann ich Ihnen was abnehmen, Roger?«
»Nein, kümmere dich ums Geschirr. Damit hilfst du mir mehr«, brummte er und sah nicht einmal auf.
Casey ärgerte sich immer, wenn er sie auf diese Arbeiten reduzierte und er ihr nicht einmal normalen Briefverkehr zutraute. Aber da sie seine Launenhaftigkeit kannte, schwieg sie und ging zurück in den vorderen Bereich, wo sie die Geschirrspülmaschine anstellte und die Tassen nach Größe sortierte. Heimlich aß sie zwischendurch ein mitgebrachtes Sandwich und sah wieder durch die Glastür nach draußen.
Das Wetter klarte auf. Erste Sonnenstrahlen fielen auf den Bürgersteig und verliehen ihm eine glitzernde Oberfläche. Wieder erspähte Casey eine Gestalt, die sich hinter der Buche verbarg. Casey war so sehr darauf konzentriert, dass sie vor der Türglocke erschrak, obwohl deren Ton sehr dezent war. Zu ihrer Überraschung trat Nick ein. Er sah sich um, als erwarte er einen Angriff, kam dann zum Tresen.
»Bitte sag Roger nicht, dass ich hier bin«, bat Nick im Flüsterton.
»Ich dachte, du wärst krank«, erwiderte Casey vorwurfsvoll.
Der Jugendliche wirkte gehetzt. »Glaub mir, wenn ich das hier nicht erledige, bin ich krank. Sozusagen krankenhausreif.«
Sie runzelte die Stirn. »Was hast du wieder angestellt?«
Nick überging die Frage. »Ich brauch nur Geld«, murmelte er.
»Das ist nichts Neues«, zischte sie.
»Kann ich mich hier kurz verstecken?« In seinem Blick flackerte Angst.
Schritte näherten sich von hinten aus dem Büroraum. Nick hetzte zu den Toiletten und verschwand dort. Roger kam nach vorn.
»Alles in Ordnung?«
»Ja, sicher.« Caseys Herz hämmerte gegen ihren Brustkorb. Sie konnte nicht einschätzen, wie Roger auf eine solche Situation reagieren würde. So wie es aussah, hatte Nick da mehr Erfahrung.
»Ich habe Geflüster gehört.«
»Ja, Nick war kurz hier und hat etwas abgegeben … für mich … was Persönliches«, stotterte sie und schluckte. »Er ist wirklich schlimm erkältet.«
Roger zog skeptisch die Augenbrauen zusammen, nahm diese Information aber hin. Casey fühlte sich furchtbar bei dieser Lüge, aber sie mochte Nick. Er erinnerte sie an ihren jüngeren Bruder Justin. Sie seufzte leise.
»Roger, könntest du kurz vorn bleiben? Ich müsste mal zur Toilette.«
Er brummte etwas Unverständliches, entließ sie aber mit einem kurzen Wink. Sie eilte zu den Waschräumen und fand Nick im Herren-WC. Er stand fluchtbereit am Fenster. Rasch schlüpfte sie zu ihm hinein.
»Was ist passiert?«, fragte sie gedämpft.
Nick wand sich sichtlich. »Ich hab Geld verzockt.«
»Und jetzt?«
»Na, jetzt wollen die ihre Kohle haben.«
»Und die hast du nicht.«
Er schüttelte den Kopf.
»Nick, du weißt, dass ich selbst am Limit lebe. Und wenn ich … würde Roger rauskriegen …«
»Nein, das sollst du doch nicht! Lass mich nur ein bisschen hierbleiben, und verrat mich nicht, okay?«
»Man könnte meinen, du steckst mit Justin unter einer Decke, um mich auf Trab zu halten«, murmelte Casey. Sie berührte Nick kurz am Arm, um anzudeuten, dass sie nichts sagen würde.
»Ich kletter dann später aus dem Fenster.« Er schaute sie mit seinen so unschuldig wirkenden Rehaugen eindringlich an. »Und ich regele das, versprochen.«
Als sie schon an der Tür war, hielt er sie noch einmal zurück. »Casey, sei vorsichtig, wenn du nachher nach Hause gehst. Der Kaffeenipper treibt sich schon wieder hier rum.«
»Der … Kaffeenipper?«
»Na, du weißt schon.«
Sie wusste genau, wen Nick meinte. Aber ihr war bisher nicht aufgefallen, dass sich dieser stille Mann nach seinem täglichen Besuch die Zeit in der Nähe des Cafés vertrieb. Ein Schauder überlief sie, denn Nicks Worte hatten eine gewisse Gefahr aufblitzen lassen, die sie unterschwellig schon länger fühlte, aber nicht wahrhaben wollte. Casey ging zurück zum Verkaufstresen und beobachtete den Außenbereich. Vor dem Café hielt sich niemand mehr auf. Sie löste Roger ab, der sich erneut seiner Büroarbeit widmete.
In den nächsten Stunden verkaufte sie wie immer verschiedene Kaffeezubereitungen und Gebäck, das sie von einer Bäckerei geliefert bekamen. Der Trubel und die Gespräche mit den Gästen lenkten Casey rasch von Nick und seiner unheilschwangeren Andeutung ab. Erst als sie gegen Abend ihre Jacke anzog und an den Türgriff fasste, spürte sie einen Stich der Angst, der ihr tief in den Magen fuhr. Kurz verkrampften sich ihre Finger um das Metall, dann schüttelte sie die aufsteigende Furcht ab und lief hinaus.
Casey schaute hinauf in das Laubwerk der alten Buche und lächelte, als die letzten Sonnenstrahlen des Tages durch die golden gefärbten Herbstblätter fielen. Wie Brayden berührte sie kurz den Stamm, strich darüber. »Bis morgen, Penny.«
Pennsylvania, USA, 2016Auf dem Nachhauseweg bekam Casey eine SMS von Nick, in der er andeutete, dass er alles geregelt hätte. Was immer das auch heißen mochte. Wahrscheinlich hatte er sich das Geld von einem Freund geliehen und jetzt bei diesem Schulden. Unwillkürlich dachte sie an ihren Bruder, um den sich ihre Familie ständig Sorgen machte, da er zu ähnlichen Schwierigkeiten neigte. Und sie dachte an Brayden Doyle und musste lächeln. Ob sie ihn noch einmal wiedersehen würde?
Casey lief die wenigen Stufen zu dem überdachten Busbahnhof hinunter. In dieser Jahreszeit liebte sie die Gerüche der nahen Wälder. Für einen Moment schloss sie die Augen und genoss den milden Herbstwind.
»Hallo Casey.«
Die Stimme ließ sie abrupt die Lider heben. Vor ihr stand der Mann, den Nick den Kaffeenipper genannt hatte. Sie wich einen Schritt zurück und versuchte, aus seinem Blick herauszulesen, was er wirklich wollte.
»Hallo«, erwiderte Casey unsicher.
»Oh, entschuldigen Sie, ich habe mich Ihnen ja nie vorgestellt. Ich heiße Jim.«
Da er nichts mehr sagte, sondern sie nur anschaute, räusperte sie sich und zwang sich zu einem Lächeln. »Ich hoffe, mein Kaffee ist nicht zu schlecht«, rutschte ihr heraus, und sie biss sich auf die Unterlippe.
»Weil ich immer nur …? Ich … äh … eigentlich mag ich keinen Kaffee. Ich komme … wegen Ihnen.«
Oh je … Casey überging seine Andeutung. »Wir haben auch Tee und Kakao im Angebot.« Der Versuch, ihre Worte mit einer Prise Humor zu würzen, misslang. Das alles war ihr furchtbar unangenehm. Warum wagte er jetzt, sie anzusprechen? Jim wandte unerwartet seine Aufmerksamkeit ab und fixierte irgendetwas auf der anderen Straßenseite. Seine Miene verdüsterte sich. Sie folgte der Richtung, in die er schaute, und sah erstaunt, dass Brayden Doyle aus dem Bestattungsinstitut gegenüber getreten war.
»Ist er Ihr Freund?«, fragte Jim.
Wieder fühlte sie seinen eindringlichen Blick auf sich ruhen. Wie kam er darauf, dass Brayden ihr Freund war? Sie hatte den Iren erst heute Morgen kennengelernt. Ja, sie hatte sich intensiv mit ihm unterhalten, vielleicht sogar mit ihm geflirtet … Eine Erkenntnis huschte durch ihre Gedanken, die sie noch ein Stück weiter zurückweichen ließ. Nick hatte recht, Jim beobachtete sie.
Casey wollte seine Frage nicht beantworten. Dies war privat und er nur ein Kunde des Cafés. »Warum haben Sie noch nie im Café mit mir gesprochen, Jim?«, fragte sie zurück.
»Zu viele fremden Menschen.«
»Aber ich bin auch fremd.«
»Nein … nein …«
Der Unterton, in dem er dieses kleine Wort aussprach, jagte ihr einen Schauder über den Rücken. Sie warf Brayden einen Hilfe suchenden Blick zu, aber er bemerkte sie nicht. Er versuchte, ein Taxi heranzuwinken, was ihm nicht gelang. Die Autos fuhren alle an ihm vorbei.
Bitte komm hierher!
»Jim, ich muss jetzt gehen, mein Bus kommt gleich. Auf Wiedersehen.«
Er stellte sich ihr in den Weg. Casey atmete hörbar ein. Ihre Hand umklammerte den Schultergurt ihrer Tasche.
»Gehen Sie mit mir aus, Casey.«
Wie konnte sie ihn abweisen, ohne dass er womöglich wütend wurde? In seinen Augen flackerte etwas, das sie nicht einordnen konnte. Es verursachte ihr ein mulmiges Gefühl.
»Ich … Jim … Es ist so …«
»Oh, hallo Casey.«
Als sie Braydens Stimme hörte, wirbelte sie herum und konnte ein erleichtertes Aufseufzen nicht unterdrücken. »Brayden, da bist du ja!« Sie trat einen Schritt auf ihn zu, stellte sich auf die Zehenspitzen und hauchte ihm einen Kuss auf die unrasierte Wange. »Darf ich dir Jim vorstellen? Er ist Kunde bei uns im Café.«
Brayden schien die Situation sofort zu erfassen. Er zog nur die Augenbrauen zusammen und kam an Caseys Seite, lud sie ein, sich bei ihm einzuhaken, was sie umgehend tat.
»Das wollte ich Ihnen gerade erklären, Jim. Es tut mir leid.« Sie versuchte sich erneut an einem Lächeln, aber ihr war bewusst, dass es wohl eher zu einer Grimasse geriet.
Jim starrte Brayden an, als wolle er ihn mit Blicken töten. Der Ire lächelte gleichmütig zurück. Obwohl sie diesen Mann noch viel weniger kannte als Jim, fühlte sie sich bei ihm beschützt. Mit einem knappen Gruß verabschiedete sich Jim und ging davon.
Casey löste sich von Brayden. »Es tut mir leid! Ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten, aber …«
»Schon gut«, beschwichtigte Brayden. »Ich würde diesem Jim an Ihrer Stelle auch nur ungern im Dunkeln begegnen. In seinem Blick ist was Seltsames.« Er grinste. »Aber an diese Art Ihrer Begrüßung könnte ich mich gewöhnen.«
»Auf jeden Fall haben Sie mich gerettet. Ich glaube, Jim beobachtet mich schon länger.«
Brayden fuhr herum. Sah Casey Sorge in seinen Gesichtszügen?
»Dieser Jim gefällt mir immer weniger«, sagte er. »Soll ich Sie nach Hause begleiten?«
Casey zögerte. Obwohl ihr Brayden sympathisch war und sie ihn gerade in ihrer Not ziemlich vertraulich behandelt hatte, blieb er doch ein Fremder. »Danke für das Angebot, aber ich fahre jetzt erst zu meinem Grandpa.«
»Passen Sie auf sich auf, Casey!«
Brayden ergatterte nun doch ein Taxi. Sie schaute dem Auto hinterher, bis es hinter einer Biegung verschwunden war. Wieder regte sich eine Empfindung in ihr, die sie völlig verwirrte. Konnte man einen Mann, den man kaum kannte, nach so kurzer Zeit tatsächlich vermissen?
Das Geräusch des heranfahrenden Busses erregte ihre Aufmerksamkeit, und sie ging zu ihrer Haltestelle. Auf der Fahrt zu ihrem Großvater fühlte sie aufsteigende Müdigkeit. Wenn sie wie letzte Nacht schlecht geschlafen hatte, musste sie aufpassen, dass sie nicht im Bus einnickte. Schon zweimal hatte sie deshalb ihre Haltestelle verpasst.
Der Bus fuhr an dem Museum der Stadt vorbei. Casey schaute dem Gebäude sehnsüchtig nach. Ihr Traum, einmal dort zu arbeiten, rückte mit jedem weiteren Jahr ohne Studium in weite Ferne. Durch den Job im Café kam sie gut über die Runden, aber um aufs College zu gehen, fehlten ihr noch immer die Mittel. Sie hatte damals ein Stipendium erhalten und sich dagegen entschieden, weil sich die Universität am anderen Ende des Landes befand und ihr Wunschfach nicht anerkannt worden war. Casey wollte Geschichte studieren, aber das schien nicht so einfach zu sein. In den letzten Jahren gab es zu viele Studenten und zu wenige Studienplätze dafür. Zumindest hatte man sie mit dieser Erklärung vertröstet.
Die Landschaft veränderte sich. Sie ließen die Kleinstadt hinter sich und fuhren an weitläufigen Feldern und Weiden vorbei. Kühe waren hier allgegenwärtig, das Land lebte von der Milchproduktion. Auch ihr Großvater besaß eine kleine Farm. Doch er gehörte nicht zu den großen Milchfabrikanten, sondern hatte seine Art, den Hof zu bewirtschaften, in den letzten Jahrzehnten kaum verändert. Er schwor auf Weidehaltung und verzichtete auf eine große Produktion, war noch nie dem Dollar hinterhergejagt. Er lebte wirtschaftlich unabhängig, das Land gehörte ihm, und niemand mischte sich in seine Belange. Nur Caseys Vater versuchte hin und wieder, den einfachen Lebensstil von Caseys Grandpa zu hinterfragen, da er sich als Sohn in der Verantwortung sah. Es endete meist in einem Streit.
Der Bus hielt, und Casey stieg aus. Sie hängte sich ihre Handtasche über die Schulter und bog in eine einsame Straße ein, die nur am Anfang asphaltiert war. Bäume säumten den Weg, dahinter erstreckte sich eine weite Landschaft, die von Weiden beherrscht wurde. Der Saum des Waldes wirkte aus dieser Entfernung wie eine grüne Mauer, die sich bis zu den Wolken streckte. Nach einigen Minuten tauchten die ersten Apfelbäume auf. Diese Plantage war die Leidenschaft ihrer Großmutter gewesen, und ihr Grandpa bewahrte diesen wunderbaren Ort.
Casey verließ die Straße und betrat die kurz geschnittene Wiese, auf der die ersten golden gefärbten Blätter lagen. Die Abendsonne tauchte die Umgebung in einen Hauch von Bernstein. Die Apfelernte war bereits vorüber, nur noch ein paar überreife Früchte lagen am Boden. Letzte Wespen ernährten sich von ihrer Süße. Casey hegte eine Faszination für Insekten und Kleintiere. Andere Frauen wichen davor zurück, sie hingegen liebte es, diese Tiere zu beobachten. Sie ließ die Wespen in Ruhe und schlenderte zwischen den Obstbäumen in Richtung Farm.
So viele Erinnerungen verbargen sich hier! Casey dachte an den Abend, als ihr Grandpa am Lagerfeuer Marshmallows für sie geröstet und ihr von den Legenden der Shawnee erzählt hatte. Mit einem versonnenen Lächeln schaute sie auf die Zweige der knorrigen Apfelbäume und sehnte sich nach dieser unbeschwerten Zeit zurück.
Ein leises Bellen erregte ihre Aufmerksamkeit. Sie sah sich suchend um und fand Mato an seinem Lieblingsplatz. Der Hund war zwischen den Herbstblättern fast unsichtbar, so sehr fügte sich sein Fell in die Umgebung ein. Der Farbwechsel reichte von cremefarben bis rötlich, durchzogen von unterschiedlichen Brauntönen. Mato hechelte aufgeregt, sein Schwanz schlug hin und her. Er versuchte, sich aufzurichten, aber es gelang ihm nicht sofort. Casey kniete sich zu ihm ins Gras.
»Hey, mein alter Junge. Hast du auf mich gewartet?«
Ihre Hände strichen durch sein langes Fell, während Mato sie begeistert begrüßte. Sie half ihm auf und reichte ihm seinen geliebten Teddy, den er nie aus den Augen ließ. Sie passte sich Matos Tempo an und schlenderte weiter zur Farm. Der Hund trottete zufrieden neben ihr her und übernahm nach einigen Metern die Führung. Hatte sich Mato erst einmal eingelaufen, klappte ein Spaziergang noch immer recht gut.
Casey fand ihren Grandpa auf der alten Bank vor dem Haus. Gedankenverloren schaute er auf die Weide, die an seinen Garten grenzte. Die braun-weißen Ayrshire-Rinder hoben fast gleichzeitig die Köpfe, um sich den Neuankömmling genau anzusehen. Als die Tiere sie erkannten, entspannten sie sich wieder und grasten weiter. Ihr Großvater wandte sich ihr zu. Mit einem Lächeln nahm er seine Pfeife aus dem Mund. »Hallo meine Kleine.«
Sie setzte sich zu ihm auf die Bank und gab ihm einen Kuss auf die Wange. »Grandpa, du sollst doch nicht rauchen!«
»Das ist ein altes Rezept der Shawnee.« Genüsslich sog er den Kräutertabak ein und entlockte Casey damit ein amüsiertes Grinsen.
»Ach, und die Shawnee rauchen einen total gesunden Tabak?«
Ihr Grandpa zwinkerte ihr zu, blies einen Rauchkringel in die Luft. »Kokumthena wird schon dafür sorgen, dass es mir nicht schadet.«
Casey kannte die Geschichte der alten Indianergöttin. Ohne darüber nachzudenken, sah sie zum Himmel, suchte den Mond, mit dem Kokumthena in Verbindung stand. Hinter den sanften Hügeln hätte der Himmelskörper bereits als Sichel zu sehen sein müssen, aber violett gefärbte Wolken verdeckten den Horizont.
Ihr Grandpa legte für Mato eine Decke hin, die der Hund gern annahm.
»Wenn seine Knochen zu kalt werden, kommt er gar nicht mehr hoch«, murmelte er und beugte sich kurz zu dem Tier hinunter, um es zu kraulen. »Nachher mach ich den Kamin an, dann hast du’s schön warm, alter Junge.«
Casey hakte sich bei ihrem Grandpa unter und beobachtete ihn. In seinem weißen Haar fand sich noch ein rötlicher Schimmer. Seine Bartstoppeln verdeckten die meisten Sommersprossen, die durch die Arbeit im Freien stets hervorgelockt wurden. Mit einem Seufzer lehnte sie ihren Kopf an seine Schulter und genoss die vertraute Stille zwischen ihnen.
Der erste Abendnebel stieg von den Wiesen auf, und nun blitzte der Mond doch zwischen den Wolkenschlieren hervor. Das Pfeifenkraut der Shawnee erfüllte die immer kühler werdende Luft. Tau glitzerte auf den Spinnennetzen zwischen den Gräsern auf der Wiese. Casey seufzte leise.
»Wie war dein Tag, meine Kleine?«
Ihr huschte ein Lächeln über die Lippen. »Irisch«, antwortete sie und warf ihm einen verschmitzten Blick zu.
Ihr Grandpa beugte sich vor, um sie anzusehen. »Das musst du mir aber näher erklären.«
»Angefangen hat alles mit einem Magazin, und es endete damit, dass mir ein charmanter Ire aus der Klemme geholfen hat.«
»Das bedarf wohl eines ausgedehnten Gespräches am Kamin«, sagte er und richtete sich mit einem unterdrückten Laut auf. Mato spürte den Aufbruch. Casey half ihm auf, sodass er mit ihnen ins Haus gehen konnte.
Ihr Großvater fachte den Kamin an. »Weißt du was, Casey? Ich mache dir Grandmas berühmte Apfel-Pancakes.«
Casey hängte ihre Jacke an die Garderobe. Sie sah ihn skeptisch an.
»Diesmal lasse ich sie nicht anbrennen. Versprochen!«
Da sie wusste, dass er sich nicht helfen lassen würde, küsste sie ihn auf die raue Wange und setzte sich an den Tisch. Sie nahm die Irland-Zeitschrift aus ihrer Tasche und legte sie vor sich auf den Tisch. Das Klappern des Geschirrs, die friedliche Atmosphäre, der Geruch der Äpfel, die ihr Grandpa schälte und aufschnitt, brachte Erinnerungen an ihre Kindheit zurück. Für einen Moment schloss sie die Augen und dachte an ihre Großmutter, die mit Vorliebe die alten Rezepte der Amish People ausprobiert hatte. Für lange Zeit waren ihre Vorfahren in deren täuferisch-protestantischem Glauben groß geworden, bis einer aus der Familie dagegen rebelliert hatte. Ihre Grandma hatte dennoch nie ihre Wurzeln vergessen. Schon seit zwei Jahren war sie nun nicht mehr bei ihnen.
Die Pancakes gelangen perfekt. Der Duft von Zimt und Vanille ließ Casey genießerisch schnuppern. Beim Essen erzählte sie ihrem Grandpa von der Begegnung mit Brayden Doyle, und er hörte ihr gespannt zu. Später blätterten sie zusammen in dem Irland-Magazin, während sich Mato mit seinem verschlissenen Teddy vor dem Kamin zusammenrollte. Ihr Grandpa kannte sich erstaunlich gut in Irland aus, schien fast jede Sehenswürdigkeit aus der Zeitschrift zu kennen.
»Warst du schon mal in Irland, Grandpa?«
»Ja, vor langer Zeit.«
Caseys Interesse war geweckt. »Erzählst du mir davon?«
Sie sah ihm an, dass er darüber nachdachte. Eine Sehnsucht lag in seinen Augen. Seine Miene wandelte sich, er zog die Augenbrauen zusammen. Wollte er die Erinnerung an diese Zeit wieder verdrängen?
»Grandpa?«
»Kleines, das ist wirklich sehr lange her, und deine Grandma würde nicht wollen, dass ich diese alte Geschichte wieder aufwärme. Es war vor ihrer Zeit …«
»So lange ist das her?«
»Ich will dir nur so viel verraten. Dort bin ich meiner ersten Liebe begegnet. Aber irische Romanzen enden irgendwie immer tragisch.«
»Was ist geschehen, Grandpa?«, fragte Casey leise.
»Sie ist beim Wandern unglücklich gestürzt und einige Klippen heruntergerutscht. Sie starb an ihren Kopfverletzungen, und ich bin gebrochen nach Pennsylvania zurückgekehrt. Dann habe ich deine Großmutter getroffen.«
»Du hast sie auf diesem Tanzfest kennengelernt, oder?«
»Ja, weil mein Freund mich überredet hatte, wieder unter Leute zu gehen. Sie war das Beste, was mir in meinem Leben passieren konnte.« Er lächelte für einen Augenblick glücklich bei der Erinnerung. Über dem Kamin hing ihr Foto, und Casey beobachtete, wie er das Bild so eindringlich anschaute, als hielte er wortlos Zwiesprache mit seiner verstorbenen Frau.
Das Gespräch verstummte. Das Holz im Kamin knisterte, sie hörte die Kühe draußen leise rufen. Ihr Grandpa sagte immer, sie würden sich unterhalten, und von jeher fragte sich Casey, was wohl diese großen Tiere zueinander sagten.
»Ich möchte dir von etwas anderem erzählen«, durchbrach ihr Grandpa die Stille zwischen ihnen. »Unsere Familie hat früher mal ein Tagebuch aus dem neunzehnten Jahrhundert besessen. Die Verfasserin war eine irische Auswanderin. Deine Grandma hat das Buch vor vielen Jahren im Nachlass meiner Mutter gefunden.«
Casey sah überrascht auf. Ihr Herz klopfte im Rhythmus einer schamanischen Trommel − intensiv und aufwühlend. »Wo ist es jetzt?«
Ihr Grandpa seufzte. »Leider nicht hier. Wir haben es dem kleinen Museum in der Stadt gestiftet, weil wir fürchteten, dass es sonst Schaden nehmen würde. Vielleicht magst du es dir ja mal ansehen, wenn du Zeit hast. Frag einfach Mr. Archer. Er zeigt es dir bestimmt gern.«
»Oh, das werde ich! Da kannst du dich drauf verlassen. Du weißt doch, wie sehr ich solche Dinge liebe.«
Casey versuchte, ihm noch mehr Informationen zu entlocken, aber ihr Grandpa schien das Thema wegen seiner eigenen Erinnerungen fallen lassen zu wollen, deshalb bedrängte sie ihn nicht weiter.
»Müssen eigentlich die Kühe noch gemolken werden?«, fragte sie.
»Ja, es ist zwar noch etwas zu früh, aber sie sind unruhig.« Er stand auf, und Casey folgte ihm nach draußen zu den Stallungen. Die Tiere waren schon von sich aus hineingegangen und horchten auf, als ihr Bauer zu ihnen kam.
»Das ist das letzte Jahr, in dem sie Milch geben müssen«, sagte ihr Grandpa nachdenklich.
»Was? Warum denn?«
Mit einem Lächeln strich er Casey über das Haar. »Ach, Kleines, ich bin langsam zu alt dafür.«
»Und was wird dann aus ihnen?«, wollte sie besorgt wissen. Sie wusste, ihr Grandpa liebte seine Rinder.
»Na, sie bleiben hier und werden mit mir alt, obwohl die meisten mich wohl überleben werden.«
»Sag doch nicht so was!«
Er rief seinen Liebling zu sich, und die angesprochene Kuh kam wie ein Hund auf ihn zugelaufen.
»Vielleicht werde ich eine der Sanctuary-Farmen.« Er grinste seine Enkelin verschmitzt an.
»Das würde zu dir passen«, sagte Casey mit einem leisen Lachen.
In diesen besonderen Farmen in Pennsylvania, in denen der Tierschutz an erster Stelle stand, fanden Großtiere im Alter eine Heimat. Casey wusste, dass ihr Grandpa schon länger damit liebäugelte. Das Gerede, er wäre zu alt, kam ihr nur vorgeschoben vor.
Sie warf ihm einen liebevollen und dankbaren Blick zu. Er gab ihr Halt in dieser schnelllebigen Welt, in der sich nur wenige Träume erfüllten. Hier kam sie zur Ruhe, konnte ihre Gedanken ordnen, sich wieder auf das Wichtige konzentrieren. Sie dachte an Brayden, an Irland – und schon drängte sich das Tagebuch der geheimnisvollen Irin in den Vordergrund. Und es ließ sie nicht mehr los.
Pennsylvania, USA, 2016Am nächsten Morgen konnte Casey dem Ansturm in der Coffee Bar kaum standhalten. Nick fehlte noch immer, und Roger war bei einem wichtigen Termin. Nur Jim tauchte heute das erste Mal seit Monaten nicht auf. Ob er wirklich nicht mehr kommen würde, weil sie seinen Annäherungsversuch abgeblockt hatte?
Während sie Latte macchiato und Cappuccino zubereitete, normalen Kaffee eingoss und Blaubeer-Bagels auf Tellern drapierte, war ihr einerseits ein bisschen mulmig, weil sie allein die Verantwortung trug. Andererseits war sie erleichtert, dass der Kaffeenipper heute nicht erschien. Diese Gefühle stritten in ihr und mischten sich mit einem schlechten Gewissen, da Roger es hasste, wenn Kunden wegen seiner Angestellten fernblieben. Wahrscheinlich hätte er sie tatsächlich dazu gedrängt, mit Jim ein Date auszumachen, nur um den Typen nicht als Kunden zu verlieren. Sie würde kein Sterbenswörtchen sagen, wenn Roger auffiel, dass Jim nicht mehr kam. Er kannte die Stammkunden sehr gut, obwohl er sich so oft im Büro aufhielt. Manchmal hatte Casey das Gefühl, dass er durch geheime Sicherheitskameras das Treiben vorn am Tresen verfolgte. Sie schob den Gedanken rasch beiseite, denn das hätte auch bedeutet, dass er sie beobachtete.
Die Türglocke erklang. Casey sah überrascht auf Nick, der ins Café eilte und sich an den Gästen vorbeischlängelte. Mit einem Grinsen kam er zu ihr hinter die Theke und schnappte sich eine der Schürzen mit dem Logo von Drain’s Coffee Bar.
»Kannst du mal hinten zumachen?«, fragte er und wusch sich die Hände an der Spüle.
Sie entschuldigte sich kurz bei den Gästen und band ihm in Windeseile eine Schleife am Rücken. Nick schaffte das nie selbst, er trug auch nur Turnschuhe mit Klettverschluss, als hätte er nie gelernt, sich die Schuhe zu binden.
»Ist alles in Ordnung?«
Er drehte sich um, und in seinen Augen funkelte der Schalk. »Ja, alles erledigt. Entschuldige, dass ich zu spät bin.«
Als sie an der Kaffeestation einen Espresso zog, warf sie ihm einen prüfenden Blick zu. »Hat Roger dir angedroht, dass du deinen Hintern nie wieder herbringen darfst, wenn du heute nicht kommst?«
Nick hielt inne und schaute sie verdutzt an. »Äh, ja … exakt.«
Casey schmunzelte und reichte einem Herrn sein Getränk. Unauffällig beobachtete sie Nick, der sich sofort ins Geschehen stürzte. Durch seine charmante Art gewann er die Aufmerksamkeit der Leute, und mit seiner Hilfe hatten sie den Ansturm rasch im Griff. Der Junge mochte ja manchmal unzuverlässig sein, aber er wusste, wie man Kunden umgarnte.
Ihr Blick schweifte über die kürzer werdende Warteschlange. Ihr Herz machte einen kleinen Satz, als Brayden Doyle durch die Tür trat. Das prickelnde Gefühl, das sie durchströmte, hatte sie schon lange nicht mehr wahrgenommen. Sie verschüttete Kaffee auf die Untertasse, als sie das Getränk auf die Theke stellte. »Oh, entschuldigen Sie bitte«, sagte sie und beseitigte rasch das kleine Malheur. Wieder stahl sich ihr Blick in Braydens Richtung. Er reihte sich hinter den letzten Kunden ein. Sonst war Casey die Ruhe in Person, aber in diesem Moment stieg Ungeduld in ihr auf. Die Bedienung ging nur schleppend voran. Ein alter Mann zählte viel zu lange sein Geld. Die Frau nach ihm konnte sich nicht entscheiden, ob sie einen Bagel oder ein Sandwich wollte. Casey bediente Kunde um Kunde mit unterschwelliger Nervosität. Als Brayden schließlich vor ihr stand, sagte er zunächst nichts, sondern sah sie nur an. Seine Haltung war entspannt, und er lächelte.
»Was versetzt Sie denn heute so in Aufregung?«, fragte er und zog die linke Augenbraue hoch.
Du!, hätte sie ihm am liebsten gesagt, aber sie traute sich nicht. »Es ist heute ziemlich voll«, wich sie aus.
»Oh ja, das ist es tatsächlich.«
Die Gäste hinter ihm schauten auf die Uhr oder trommelten mit den Fingern auf dem Oberschenkel, um ihre Eile zu verdeutlichen, doch Brayden reagierte nicht darauf. Für ihn schien in diesem Augenblick gar keine Zeit zu existieren.
»Möchten Sie wieder einen meiner Spezialkaffees?«
»Ja, unbedingt. Und etwas Süßes. Habt ihr so was wie Scones?«
»Ich könnte Ihnen einen Donut anbieten.«
Brayden verzog das Gesicht. »Das muss dann genügen.«
Sie goss ihm frischen Kaffee ein und reichte ihm anschließend ein kleines Tablett mit seiner Bestellung. Er bezahlte, blieb aber noch bei ihr stehen und blockierte die Verkaufstheke, als warte er auf etwas.
»Sind Scones so viel besser?«, fragte sie deshalb.
Brayden ignorierte die meuternde Schlange hinter ihm und ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Casey gelang es nicht, ein Schmunzeln zu unterdrücken.
»Sie müssen irische Scones probieren, Casey. Warm, mit Butter oder Honig bestrichen. Beschreiben kann man das schlecht.«
Ein Mann verlor die Geduld und schob Brayden zur Seite. »Es mag ja sein, dass Sie alle Zeit der Welt haben. Aber unsereins muss heute noch arbeiten!«, fauchte er und bestellte bei Casey einen Coffee to go.
Brayden sah den Mann fast mitleidig an. Er ging zu einem der Tische am Fenster und verzehrte sein Frühstück.
Casey starrte den Typen feindselig an, reichte ihm ohne ein Wort seinen Kaffee. Sie konnte solche Menschen nicht ausstehen, und es gelang ihr nie, das zu verbergen. Roger hasste es, wenn man ihr jede Emotion ansah. Nick hatte ihr da einiges voraus, denn er bediente jeden, als wäre er ein Freund. Sie bemühte sich um ein Lächeln. Nick prustete.
»Guck lieber ernst, sonst könnte man denken, du fletschst die Zähne«, wisperte er ihr mit unterdrücktem Lachen zu.
»Manchmal möchte ich hier wirklich zum Raubtier werden«, flüsterte sie zurück.
Am liebsten hätte sie sich zu Brayden gesetzt. Er wirkte so einsam an dem großen Tisch. Während er frühstückte, sah er verschiedene Unterlagen durch. Sein Gesichtsausdruck wandelte sich immer mehr. Jedes Lächeln war verschwunden. Nach einer Dreiviertelstunde verabschiedete er sich mit einem Gruß und hinterließ in Casey eine sonderbare Leere, die sie nicht verstehen konnte. Sie kannte diesen Mann kaum, aber er weckte etwas in ihr, und genau das vermisste sie, wenn er fortging. Bald würde er nach Cork zurückfliegen, und sie würde ihn wahrscheinlich nie wiedersehen. Bedauern stieg in ihr auf, das sie nicht so einfach wegwischen konnte. Um sich abzulenken, richtete sie ihre Gedanken auf das geheimnisvolle Tagebuch. Sie wusste, dass das Museum erst gegen Abend, um sieben Uhr, schließen würde, und nahm sich vor, später dort vorbeizuschauen.
Gegen Nachmittag leerte sich die Coffee Bar. Casey und Nick atmeten auf. Zumindest ihr Chef wäre erfreut, wenn er am Abend die Verkaufszahlen durchginge. Die restliche Zeit bis zum Feierabend zog sich hin, deshalb suchte sie sich eine Beschäftigung und wischte den Fußboden, obwohl Roger für diese Arbeit eine Putzfrau hatte.
»Was ist denn heute los mit dir?«, fragte Nick, der gelangweilt am Tresen stand und aus den Servietten Origami-Tiere faltete.
»Mit mir? Gar nichts.«
»Du bist so zappelig.«
Casey hielt inne, umklammerte den Stiel des Wischers. Sie wollte Brayden wiedersehen! »Ich möchte nachher im Museum vorbeischauen und hoffe, dass ich es noch schaffe. Wir können ja nicht vor sechs Uhr schließen.«
»Ich kann dich mitnehmen, hab heute das Auto von meinem Dad.«
»Und er weiß auch, dass du sein Auto hast?«
»Nicht direkt«, antwortete Nick mit einem frechen Grinsen.
»Ich nehme dein Angebot trotzdem an.«
Als Casey vor dem Museum aus dem Wagen stieg, erfasste sie ein Hochgefühl. Dieses Gebäude und das, was es beherbergte, repräsentierte nach wie vor ihren Traum. Sie bedankte sich bei Nick und ging zur Kasse. Die Verkäuferin sah sie mit einem schiefen Lächeln an. Sie kaute mit offenem Mund ihren Kaugummi und kramte nach einer Eintrittskarte.
»Hi Casey, warst lange nicht hier.«
»Hallo Natalie, ist Mr. Archer da?«
»Na klar, der is’ hinten.«
Casey bezahlte den Eintritt und ging in die Museumsräume. Der Geruch hier war einzigartig. Es duftete nach all den Geheimnissen, die so manches Ausstellungsstück in sich barg. Durch Mr. Archer kannte sie unzählige Abenteuergeschichten, die er angeblich erlebt hatte, um an die Gegenstände zu gelangen. Der ältere Mann lief weiter hinten umher und kontrollierte die Vitrinen. Casey wunderte sich, dass ihr das Tagebuch noch nie aufgefallen war. Lag es in einem gesonderten Bereich, den sie noch nicht betreten hatte?
Mr. Archer wurde auf sie aufmerksam und kam auf sie zu. »Casey! Schön, dass Sie mal wieder hier sind.«
Sie begrüßten sich mit Handschlag, und erneut flammte Wehmut in ihr auf, weil sie damals sein Jobangebot abgelehnt hatte. Aber sie wollte hier keine Eintrittskarten verkaufen. Sie wollte den Besuchern die Objekte nahebringen, sie von ihrer Besonderheit überzeugen. Casey wollte die wahren Geschichten zum Leben erwecken. Sie wollte diesen wunderbaren Dingen eine Stimme verleihen.
»Mr. Archer, mein Grandpa hat mir erzählt, dass es hier das Tagebuch einer irischen Auswanderin aus dem neunzehnten Jahrhundert gibt. Ich hab es allerdings noch nie gesehen.«
»Ah, Sie meinen wahrscheinlich die Aufzeichnungen von Aeryn O’Mara. Kommen Sie mit. Der Bereich, in dem wir das Tagebuch aufbewahren, wird schon seit geraumer Zeit saniert, deshalb ist er zurzeit nicht offiziell geöffnet. Die meisten Sachen habe ich umgelagert, aber für einiges war einfach kein Platz.«
Casey wusste von den finanziellen Nöten des Museums. Die staatlichen Zuschüsse waren gestoppt worden, die Renovierung konnte nicht zu Ende geführt werden. Natalie hatte ihr anvertraut, dass Mr. Archer selbst in den entsprechenden Räumen herumwerkelte, es aber nicht vorwärtsging. Er öffnete eine Tür, und Casey trat hinter ihm in einen Raum, wo vereinzelte Vitrinen standen, die mit dünnen Folien geschützt waren. Durch den Luftzug bauschten sich die Abdeckungen auf.
»Als ich das Tagebuch zum ersten Mal sah, war es in den Fängen eines Hehlers«, erzählte Mr. Archer mit verschwörerischer Stimme, während er eine Folie entfernte. »Ich habe beobachtet, wie er es einer stark geschminkten Frau anbot. Der Pub war dunkel und rauchgeschwängert, das Bier floss in Strömen. Trotz der zwielichtigen Gestalten trat ich näher und mischte mich in das Gespräch. Ich sah in den Händen des Hehlers ein Messer aufblitzen, aber einschüchtern ließ ich mich nicht, denn ich hatte den Wert des alten Buches sofort erkannt.«
»Mr. Archer?«
»Ja, Casey?«
»Ich bin die Enkelin von Isaiah Walsh.«
»Oh … oh! Stimmt …« Er lächelte verlegen. »Sie müssen entschuldigen, die Besucher mögen diese … na ja … kleinen Märchen. Wie geht es Isaiah denn?«
»Ach, es geht ihm gut.«
»Und er hat Ihnen von Aeryn O’Mara erzählt?«
»Grandpa hat nur gesagt, dass Grandma es im Nachlass seiner Mutter gefunden hat und sie es dem Museum gestiftet haben.«
Mr. Archer schloss die Glasvitrine auf und strich ehrfürchtig über den Ledereinband des großen Buches. »Hier drin verbirgt sich ein Teil ihres Lebens.«
Er schlug das Buch für sie auf, und Caseys Herz klopfte schneller, als sie die altertümliche Schrift sah. »Darf ich es mal anfassen?«
»Ja, aber vorsichtig. Es ist hundertsiebzig Jahre alt.«
Sie streckte die Hand aus und berührte mit den Fingerspitzen das vergilbte Papier. Casey überkam das Gefühl, als könnte sie jeden Buchstaben ertasten. An einigen Stellen war die Tinte ein wenig verwischt, aber alles war noch gut zu lesen. Vorsichtig fasste sie mit Daumen und Zeigefinger nach einer Seite und blätterte sie um. Das knisternde Geräusch ließ ein Lächeln über ihr Gesicht huschen.
Dieses Buch war wundervoll!
Mr. Archer legte seine Hände auf ihre Schultern und zog sie sacht zurück. Er klappte das Buch wieder zu und schloss die Glasvitrine. Mit einer fahrigen Geste richtete er sich das schüttere Haar.
»Das muss genügen«, sagte er nicht unfreundlich. »Eigentlich darf niemand diese Sachen anfassen.«
»Danke, dass Sie für mich eine Ausnahme gemacht haben.«
»Sehen Sie sich hier ruhig noch etwas um.«
Casey nickte und schaute ihm nach, als er mit wippendem Schritt den Raum verließ. Seinem Vorschlag konnte sie nicht folgen. Wie angewurzelt stand sie vor der Vitrine und schaute auf das Buch, das im Licht der alten Lampen in Braungold schimmerte. Sie wollte Aeryns Tagebuch lesen. Mehr als alles andere.
Casey blieb, bis das Museum schloss, dann verabschiedete sie sich von Natalie und Mr. Archer. Sie fragte ihn nicht noch einmal wegen des Buches, denn sie kannte seine Einstellung. Vor einigen Monaten hatte sie ihn schon einmal wegen Unterlagen aus dem Sezessionskrieg aufgesucht. Auch damals hatte sie die alten Dokumente nur durch eine Scheibe betrachten dürfen, und es war zu einem Streit zwischen ihnen gekommen. Mr. Archer hatte sich nur wieder versöhnlich stimmen lassen, weil Casey dazu beigetragen hatte, die Schließung des Museums zu verhindern. An sich war er ein furchtbar nachtragender Mensch. Das Buch mochte ein Erbstück ihrer Familie sein, aber sie hatte jedes Anrecht darauf verloren, als ihr Großvater es in Mr. Archers Hände gelegt hatte.
Nun stand sie an der Haltestelle und wartete auf den Bus. Das Dämmerlicht des heraufziehenden Abends und die Tatsache, dass sie allein hier an der Station stand, ließ beunruhigende Gedanken aufkommen. Dieser Jim geisterte wieder durch ihren Kopf, und sie schaute sich wachsam um. Jedes Knacken im Gebüsch, jedes leise Windrauschen brachte ihr Herz dazu, schneller zu klopfen. Casey presste nervös die Lippen aufeinander und wünschte sich, Brayden wäre bei ihr.
Als der Bus endlich kam, stieg sie erleichtert ein. Sie zeigte ihr Monatsticket vor und schaffte es gerade noch, sich festzuhalten, als das Gefährt mit einem Ruck anfuhr. Sie hangelte sich auf einen Sitz und vertiefte sich wieder in die Gedanken um Aeryns Tagebuch. Wie konnte sie an das Museumsstück herankommen, ohne Aufsehen zu erregen?
Das beschäftigte sie noch immer, als sie in ihrer kleinen Wohnung angekommen war. Rasch bereitete sie sich eine Kleinigkeit zu essen zu und erledigte einige Haushaltsdinge. Missmutig schaute sie auf den übervollen Wäschekorb und raffte sich auf, um wenigstens ihre Unterwäsche in die Waschmaschine zu stopfen. Auf dem Weg in den Keller spürte sie, wie sehr sie dieser Tag erschöpft hatte. Ihr Körper fühlte sich bleischwer an, aber ihr Inneres war in Aufruhr. Bevor sie die Waschmaschine anstellte, lauschte Casey in den Raum hinein.
»Jerry?«, rief sie leise und hockte sich vor einen Spalt in der Wand.
Es dauerte nur einen Moment, dann streckte eine Maus ihren Kopf hervor. Casey holte eine Erdnuss aus ihrer Hosentasche. Sie hatte immer etwas für Jerry dabei. Ihre Vermieterin durfte natürlich nichts davon wissen. Casey hielt dem kleinen Nager den Leckerbissen hin. Jerry wagte sich aus seinem Versteck, huschte zu ihr hin und entwand ihr blitzschnell die Nuss. Die Maus musste kurz damit kämpfen, weil sie das Futter nicht gleich durch den Spalt bekam, dann war sie wieder verschwunden.
Casey richtete sich wieder auf und schaltete den Waschgang ein, stieg wieder hoch zu ihrer Wohnung. Alle ihre Gedanken kreisten um Brayden oder Aeryns Tagebuch.
Später drehte sie sich im Bett ruhelos von einer Seite auf die andere. Warum war Mr. Archer nur so stur? Sie könnte sich die Seiten ja vorsichtig kopieren, das Buch müsste nicht einmal das Museum verlassen. Aber das würde er niemals zulassen. Eine Möglichkeit, an das Tagebuch heranzukommen, gab es einfach nicht.
Es sei denn …
Nein, das konnte sie nicht tun, das wäre … Casey wagte kaum, diesen Gedanken zu Ende zu denken. Das wäre einfach zu waghalsig.
Oder?