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Mystischer Ruhrgebiet-Krimi Joshua Benning hat von Kindheit an übersinnliche Fähigkeiten. Vor allem ermordete Opfer scheinen sich ihm zu offenbaren, was ihn schon früh inoffiziell mit der Polizei zusammenbrachte. Erich Salberg, Leiter in den Ermittlungen mehrerer Mordfälle, zieht Joshua schließlich hinzu, doch der hiesige Fall bringt den jungen Mann an seine Grenzen. Wer tötet im Ruhrgebiet und in Joshuas unmittelbarer Nähe junge Frauen? Das erste Mal können ihm auch die Geister nicht helfen. Also begibt er sich mit der Polizistin Lea Schmidt auf die Spur des Mörders. 290 Seiten
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Veröffentlichungsjahr: 2020
Inhaltsverzeichnis
PROLOG
MÖRDER AUF PAPIER
IM AUGE DES TODES
KALTE ZEITEN
EINGEFRORENE LEICHE
COFFEE-TO-GO
DUNKLE TRÄUME
KÜNSTLERPARTY
LIEBE ZUM FRÜHSTÜCK
JULIAN
UNERWARTETER BESUCH
GESICHT UNTER EIS
VERHÖR
KEIN GRAB
EIN NEUER SCHÜTZLING
EIN VERHÄNGNISVOLLES BUCH
SÉANCE
SIEH HIN
DEN TOD IM BLICK
FINSTERNIS
ERINNERUNGEN
EPILOG
Die Autorin
Tanja Bern
Ruf der Geister
Impressum
© by Ashera Verlag 2018
Ashera Verlag GbR
Alisha Bionda & Annika Dick
Hauptstr. 9
55592 Desloch
Coverfoto: Stefanie Heimann
Innenfotos: Tanja Bern
Coverlayout: Atelier Bonzai
Lektorat & Satz: TTT
Vermittelt über die Agentur Ashera
Originalausgabe. Alle Rechte vorbehalten
www.ashera-verlag.de
ISBN: 978-3-948592-03-5
Joshua sah sich unbehaglich um. Er besuchte nie gerne Partys und diese war ihm besonders unangenehm. Die Musik war zu laut, die Menschen zu betrunken und er fürchtete, zwischen den Gästen die zerfaserten Umrisse von Geistern zu sehen. Dieser Ort schien perfekt dafür.
Im Stillen verfluchte er seine hellseherische Gabe. Die Feier fand in einem der alten Fabrikgebäude statt, die man schon lange stillgelegt hatte und seit Jahren für verschiedene Anlässe nutzte. Sein Freund Mark unterhielt sich angeregt mit seinen Kollegen und schien ihn für den Moment vergessen zu haben. Nicht so schlimm, dachte Joshua. Heute fühlte er sich nicht gerade als Stimmungskanone. Er fuhr sich durch das dunkle Haar und suchte den Blick seines Freundes. Dieser schien das zu spüren, denn er sah auf. Joshua verdeutlichte ihm, dass er kurz rausgehen würde.
Die schwere Tür quietschte, als er sie aufstieß und in die klare Nacht hinaustrat. Einige Leute hielten sich im Vorhof auf, doch niemand beachtete sein Auftauchen. Ihm war es recht. Joshua sog die angenehme Luft ein und brauchte einen Augenblick, bis das Dröhnen in seinen Ohren nachließ. Vor ihm lag ein schmaler Trampelpfad und er folgte diesem. Der Kies knirschte unter seinen Schuhen und die letzte Beleuchtung blieb hinter ihm zurück. Manchmal fürchtete Joshua, dass er die Seelen wie ein Magnet anzog. Mit einem unwohlen Gefühl blickte er sich um, aber das Gelände lag ruhig vor ihm. Er lief weiter. Die Musik geriet in den Hintergrund und Joshua hörte sie nur noch wie entferntes Trommeln.
Ein verrostetes Rohr lud zum Sitzen ein und er ließ sich auf dem großen Metallbauteil nieder. Hinter ihm erhob sich ein Zaun, den jemand niedergetreten hatte. Ein Stück Wiese wuchs dahinter und eine einsame Grille zirpte.
„Bist auch alleine, hm?“, murmelte er dem Insekt zu.
Völlig unerwartet tauchte eine Erscheinung vor ihm auf. Joshua erschrak so sehr, dass er fast von seinem Sitzplatz rutschte. Die Frau blieb durchlässig, trotzdem konnte Joshua sie gut erkennen. Sie trug ein helles Kleid, das an der Brust blutverschmiert war. Ihr kurzes Haar schien lieblos abgeschnitten zu sein.
Joshua starrte sie überrascht an, erhob sich, da er nicht zu dem Geist aufschauen wollte.
Wortlos wandte sie sich um, lief ein Stück voraus und drehte sich wieder zu ihm. Ihr Gesichtsausdruck schien so furchtbar traurig zu sein – zerbrochen wie ein Stück Porzellan. „Was möchtest du von mir?“, flüsterte er.
Komm …
Für einen Augenblick existierte für Joshua nur die Seele der Verstorbenen. Wie in Trance folgte er ihr. Sie führte ihn an den alten Industriegebäuden vorbei. Der Untergrund des Weges wechselte zwischen geplatztem Asphalt und ausgetrockneter Erde. Die Klänge der Party verebbten, hallten nur noch als fernes Echo über den Platz. Dunkelheit legte sich über die verlassene Fabrik und der Geist schimmerte als blasser Schemen vor ihm.
„Warum bist du hier?“, fragte Joshua leise.
Sie antwortete nicht, bedeutete ihm nur, dass er mitkommen solle. Die Finsternis kam Joshua allumfassend vor. Keine Laterne beleuchtete hier die Umgebung, nicht einmal der Mond schien auf das Gelände, war von Wolken verhüllt. Um sich zu orientieren, kramte er sein Smartphone aus der Jackentasche und schaltete die Leucht-Applikation ein. Der einsame Strahl erhellte nur einen Streifen des Weges, aber Joshua würde zumindest nicht stolpern. Trotz der unnatürlichen Lichtquelle konnte er den Geist klar erkennen. Die Verstorbene verharrte an einem Zugang und zeigte auf den Metalldeckel. „Ich soll da rein? Das ist nicht dein Ernst!“
Bitte …
„Bist … bist du da drin?“
Sie nickte unmerklich.
Eine Leiche hat mir jetzt noch gefehlt, dachte Joshua ironisch.
Er kämpfte mit sich. Einerseits wollte er dieser Situation entfliehen. Andererseits fiel es ihm schwer, sich dem Sog des Geistes zu entziehen. Die Frau wirkte so hilflos und zerbrechlich. Was mochte ihr zugestoßen sein? Ob er Erich alarmieren sollte?
Nein, nicht um diese Uhrzeit. Wenn Joshua etwas fand, müsste er den Kommissar früh genug aus dem Bett klingeln.
Mit einem tiefen Seufzer klemmte er das Handy in einen Mauerspalt und zog an dem Deckel. Das rostige Teil öffnete sich mit einem Ächzen. Joshua nahm das Smartphone wieder an sich und spähte mit dessen Licht hinein. Eine Eisenleiter führte in die Tiefe. Weiter unten konnte Joshua schmale Gänge ausmachen. War dies ein Notzugang zu ehemaligen Lagerräumen? Die durchscheinende Geisterfrau schaute ausdruckslos in die Schwärze der Tunnel. Wie erstarrt verharrte sie vor der Öffnung.
„Wie ist dein Name?“, fragte Joshua behutsam.
Langsam hob sie den Blick. Andrea …
Joshua schaute in die düsteren Räume unter ihm. Was würde ihn erwarten? Das Herz klopfte schnell in seiner Brust und ein Gefühl ballte sich in seinem Magen zusammen, das wie ein feuriger Stein in ihm wütete. Trotzdem stieg er vorsichtig die rostige Leiter herunter. Unten hatte sich Wasser am Boden gesammelt und Joshua fühlte, wie die Feuchtigkeit durch seine Schuhe sickerte. Nun wagte sich auch der Geist herunter und schwebte mit angstgeweitetem Blick vor ihm. „Was ist mit dir geschehen?“
Sie antwortete nicht.
„Dann zeig mir, wo du … gestorben bist.“
Sie blickte sich mit einem unbehaglichen Ausdruck im Gesicht um, aber sie führte ihn durch die Schächte. Also folgte Joshua seinem Instinkt, schaltete das Handylicht wieder ein und tauchte tief in die untere Ebene der verlassenen Fabrik ein. Die Kälte hier unten kroch in seine Kleidung und er begann zu frösteln.
Ein Rascheln ließ ihn erschrocken zusammenfahren. Fast hätte er sein Smartphone fallen gelassen. Im kargen Licht des Mobiltelefons sah er eine Ratte davonhuschen.
Und wenn ihr Mörder noch hier ist? Der Gedanke fuhr wie ein eisiger Schauer in sein Inneres. Die Geisterfrau ließ alle Türen unbeachtet. Jede Abzweigung nahm sie sicher und ohne zu überlegen. Oh Gott, hoffentlich finde ich hier wieder raus!
Plötzlich begann ihre Gestalt zu flackern. Pure Angst malte sich auf ihren Zügen ab und sie zeigte auf eine Metalltür. Diese war mit einem Vorhängeschloss abgesperrt. Der Rost hatte sich in das Eisen gefressen, sodass Joshua nur einmal heftig mit einer Stange, die er am Boden fand, auf das Schloss schlagen musste. Aufgewühlt öffnete er die Tür. In der Dunkelheit hallte ihr Knirschen seltsam durch die Räume.
Der Lichtstrahl des Handys beleuchtete eine grauenhafte Szene. Joshua erschrak so heftig, dass er mit einem leisen Aufschrei zurückwich.
In dem kargen Raum stand ein Stuhl, an dem eine verweste Leiche gefesselt war. Die bleichen Knochen stachen unnatürlich hervor, ihr Mund war zu einem stummen Schrei geöffnet.
Joshuas Herz trommelte gegen seinen Brustkorb und er konnte seine Gefühle kaum unter Kontrolle bringen. „So eine Scheiße“, flüsterte er. Ein letztes Mal leuchtete er in das Zimmer, in dem noch vergessene Dinge lagerten. Am Boden lag Andreas zerfetzte Kleidung, durchweicht von der Feuchtigkeit. In einer Pfütze schwamm blondes Haar, das ebenso angefangen hatte, sich zu zersetzen.
Ich muss hier raus!, brüllte alles in ihm. Joshua sah sich um.
Der Geist war fort!
„Nein, verdammt! Du musst mich wieder rausführen!“
Stille umgab ihn, nur einige Wassertropfen plätscherten irgendwo. Am Rande der Panik sah er auf sein Handy, als dessen Licht flackerte. Der Akku würde nicht mehr lange halten. Joshua rannte den Weg zurück, den er als den Richtigen vermutete. Doch die Eisenleiter tauchte nirgendwo auf. Er rannte durch die schmalen Flure. Das Wasser wurde tiefer und ging ihm mittlerweile bis zum Knöchel. Gehetzt sah er sich in dem Zwielicht um, dann piepte das Smartphone auf, das Licht erlosch und nur die Notbeleuchtung des Displays funktionierte noch. Joshua verharrte geschockt in der Finsternis. Das Wasser ist hier zu hoch, dachte er und tastete sich den Weg zurück. Er horchte auf. Erleichterung umspülte ihn, denn draußen rief jemand nach ihm!
Mark!
„Ich bin hier, Mark!“, schrie er.
Joshua vernahm eine gedämpfte Antwort. „Verdammt, wo bist du, Josh?!“
„Unter dir! Wo stehst du?“
„Wo ich …? Rechts neben dem Eingang.“
Dann war er viel zu weit von dem ursprünglichen Weg abgekommen. Joshua drängte seine Ängste in den Hintergrund und versuchte sich zu orientieren, was ihm nicht wirklich gelang. „Wo sind Geister, wenn man sie braucht?!“, schnauzte er in die Finsternis. Als hätte dies Andreas Geist gerufen, erschien sie vor ihm und Joshua wäre vor Schreck fast in das brackige Wasser gefallen.
„Bring mich hier wieder raus!“, blaffte er die Erscheinung an.
„Joshua? Alles klar bei dir?“, rief Mark von draußen.
„Ja! Warte, ich komme zu dir.“ Er wandte sich an Andrea. „Du zeigst mir doch den Weg nach draußen, oder?“
Der Geist nickte und wies ihm den Weg zurück zu der metallenen Leiter. Atemlos hetzte er die Sprossen hinauf und rannte zurück zum Eingang der Fabrik, wo die Party noch in vollem Gange war. Mark stand unter einer Straßenlaterne und hielt besorgt Ausschau nach ihm. Ihre Blicke begegneten sich und beide Freunde atmeten erleichtert auf. „Du lieber Himmel, Josh, wo warst du?!“
„Mark, das glaubst du mir nicht! Kann ich mal dein Handy haben? Bei mir ist der Akku leer. Ich muss Erich anrufen.“
„Den Kommissar?“, fragte Mark erstaunt, zückte aber sofort sein Telefon und reichte es Joshua, der rasch die Nummer von Erich Salberg eintippte.
*
Kommissar Salberg stand ein wenig fassungslos vor dem Raum, den Joshua ihm und seinen Kollegen gezeigt hatte. Er strich sich durch seinen kurzen Bart und linste zu Joshua hinüber. „Und … ihr Geist hat dir das gezeigt?“
„Nein, die Party war so langweilig und da dachte ich, dass man auch hier unten feiern könne.“ Joshua schaute ihn vielsagend an.
„Ha ha ha.“
„Ja, genau. Glaub mir, mich hätten keine zehn Pferde hier runter gekriegt, aber ich konnte mich ihr nicht entziehen.“
Erich, ein enger Freund seines Vaters, wusste von seiner Gabe. Joshua half dem Kommissar auch nicht das erste Mal, eher regelmäßig. Trotzdem schien es ihn manches Mal zu schocken.
Die Spurensicherung hatte die Fabrik-Katakomben mit Scheinwerfern erhellt. Mehrere Leute durchsuchten behutsam die Umgebung, alle bekleidet in Schutzanzügen. Der Pathologe Dr. Stein erreichte den Tatort und blickte sie verschlafen an. Mürrisch nickte er ihnen zur Begrüßung zu und starrte dann in den Raum. Er sah sich um, dann ging er zu dem Opfer.
„Und sie hieß Andrea?“, hakte Erich noch einmal nach.
„Ja, das sagte sie mir.“
„Ich ahne, wer es ist“, murmelte der Kommissar leise. Er legte Joshua eine Hand auf die Schulter. „Fahr nach Hause, Joshua. Mark wartet ja oben auf dich.“
„Okay …“ Langsam schritt Joshua erneut über den feuchten Boden, ignorierte dieses Mal die geisterhafte Gestalt und stieg die Leiter hinauf. Er befürchtete, dass es für ihn in dieser Nacht keinen Schlaf geben würde.
*
Fast zwei Wochen waren vergangen, seit Joshua Andreas Seele begegnet war. In seiner Wohnung duldete er keine Geister, aber sobald er nach draußen kam, wartete sie bereits auf ihn. Auch wenn sie sich zurückhielt, so blieb sie dennoch präsent. Mittlerweile wusste Joshua, wer sie zu Lebzeiten gewesen war. Die Reporter prügelten sich fast um Neuigkeiten zum Fund ihrer Leiche, denn Andrea galt fast ein Jahr als vermisst. Erich hatte ihn zum Glück aus allem herausgehalten, so rätselten die Boulevardblätter noch immer, wer die Leiche entdeckt hatte. Andrea hatte ihm den Mörder gezeigt, aber die Suche nach dem Mann dauerte noch an.
Nun saß Joshua auf einer Parkbank, nahe eines Spielplatzes. Die Sonne schien warm auf die Kinder herab und der leichte Wind wehte den Geruch von Bratwurst zu ihnen herüber. Schräg neben Joshua saß Patrick. Dessen sechsjähriger Sohn spielte im Sandkasten und ließ seinen Plastik-Lkw über eine selbst gebaute Straße fahren. Andrea schaute sehnsüchtig auf ihren Sohn, den sie nie wieder in die Arme würde nehmen können.
Bitte …, flehte sie Joshua an.
Joshua sah zu dem fremden Mann, stand auf und setzte sich neben ihn. Patricks Blick vertiefte sich in ein Foto, das in seiner Geldbörse klebte. Auf dem Bild sah seine Frau Andrea dem Betrachter mit einem fröhlichen Lachen entgegen, ihr blondes Haar wehte im Wind. Joshua sah unsicher zu dem Geist. Liebevoll betrachtete sie ihren Mann – sie hatte Joshua von Patrick erzählt.
„Wissen Sie“, begann Joshua. „Ich glaube, sie ist jetzt … erlöst.“
Patrick sah verdutzt auf. „Woher wissen Sie …“ Der Mann schwieg unerwartet, schien eine Erkenntnis zu haben. Er sah sich um. „Sie ist hier, ich spüre sie“, flüsterte er traurig.
Joshua sah, wie ihre Gestalt verblasste – auf ihren Lippen lag ein Lächeln.
Patrick blickte Joshua ernst an. „Ich kenne Sie nicht, aber ich schaue in Ihre Augen und vertraue Ihnen. Warum?“
„Ich habe sie gefunden“, wagte Joshua zu sagen. „Sie hat mir den Lagerraum gezeigt.“
Patrick nickte verstehend. „Sie war oft bei uns. Bücher fielen von den Regalen. Die Gardine bewegte sich trotz geschlossenem Fenster. Der Bilderrahmen mit ihrem Foto fiel immer um.“ Eine Träne stahl sich aus seinem Auge und Patrick wischte sie fort. „Ich wusste, dass sie tot ist.“ Er schluchzte leise.
Joshua legte ihm tröstend einen Arm um die Schultern. „Aber nun ist sie frei.“
Wolken verhüllten den Mond. Die Dunkelheit war kaum zu durchdringen, nur die Umrisse hoher Bäume hoben sich wie ein schwarzer Scherenschnitt von der Umgebung ab. Tief in seinem Inneren hörte Joshua ein Lied, das von dunklen Schatten erzählte. Ein Schrei durchbrach die Stille. Seine Beine schienen wie festgefroren.
Der Umriss eines Mannes näherte sich und eine Fremde erschien vor ihm, ihr Gesicht war gezeichnet von Schrecken und Angst. Überall war Blut! Die Augen der Frau schauten ihn an, sie streckte Hilfe suchend die Hand nach ihm aus. Joshua konnte sie nicht erreichen und der Song war erschreckend real zu hören. Die Sängerin sang von einem Weg ohne Wiederkehr …
Joshua schreckte aus dem Schlaf und bemerkte, dass sein Handy rücksichtslos das Lied Für immer der Band Eisblume spielte. Verschlafen griff er zum Telefon.
„Was is‘ denn?“, nuschelte er.
„Josh? Hier ist Erich. Es tut mir leid, dass ich dich geweckt habe, aber wenn es nicht so dringend wäre …“
„Schon gut.“
„Kannst du nach Duisburg kommen?“
Sein Blick fiel auf die Uhr, es war 3:57. „Jetzt?“
„Wenn möglich. Wir können die Leiche nicht länger hier liegen lassen.“
„Oh … okay. Wo?“
„Komm zum Hauptbahnhof. Wir sind nicht zu übersehen.“
„Ja, gut.“ Joshua legte das Handy beiseite. Auf eine Art war er dankbar, dass Erich ihn aus seinem düsteren Albtraum geholt hatte, andererseits schien ein neuer in Duisburg auf ihn zu warten. Warum ließ er sich nur immer wieder darauf ein? Aber Erich war ein langjähriger Freund seines Vaters und Joshua wusste, dass er dem Kommissar helfen konnte, auch wenn dies eigentlich nicht seine Aufgabe war.
Die Stimme der Sängerin Ria Schenk ging ihm nicht aus dem Kopf. Gedanklich hörte er noch immer die Zeilen, die vom Weg ohne Wiederkehr erzählten. Fröstelnd kroch er aus dem Bett und tastete sich durch das dunkle Zimmer. Er hasste Licht, wenn er noch nicht wach war. Erst die gedämpfte Lampe im Bad vertrieb die Finsternis in der Wohnung. Joshua sah in den Spiegel. Seine rechte Gesichtshälfte sah regelrecht zerknittert aus, da er auf einigen Falten im Kissen gelegen hatte.
Er schaute auf sein welliges Haar. „Ich seh‘ aus wie’n Wischmopp“, murrte er. Die hinteren Strähnen hingen ihm fast bis auf die Schultern, dennoch konnte er sich nicht zu einem Friseurbesuch aufraffen. Mit einem Seufzen schlüpfte er aus seinem Schlafanzug und ging unter die Dusche.
Eingemummt in einen dicken Wintermantel, stieg er später in seinen Opel Corsa und fuhr Richtung Duisburg. Auf der Autobahn befanden sich nur vereinzelte Fahrzeuge, denn der Berufsverkehr startete noch nicht so früh. Die Heizung blies ihm kalte Luft ins Gesicht und Joshua fröstelte. Genervt schob er die Lüftungsschlitze nach oben und wartete sehnsüchtig, dass endlich der Motor warm wurde und die Klimaanlage griff.
Was würde ihn dieses Mal erwarten?
Natürlich eine Leiche, dachte er spöttisch.
Nach einer Weile bog er in die Ausfahrt nach Duisburg und hielt sich an die Schilder, die ihn zum Bahnhof führen würden. Er parkte schließlich direkt davor. Zwei Streifenwagen blockierten den Haupteingang und das Blaulicht flackerte über den Platz. Mit einem mulmigen Gefühl stieg Joshua aus und steuerte die Pforte an.
Der Polizist sah ihm entgegen und schüttelte den Kopf. „Tut mir leid, der Bahnhof ist gesperrt.“
„Ich weiß, Kommissar Salberg wartet auf mich“, erwiderte Joshua.
„Herr Benning?“
Joshua nickte und hielt ihm in weiser Voraussicht seinen Personalausweis vor die Nase.
„Gehen Sie durch. Sie können den Tatort nicht verfehlen.“
Im Bahnhof fielen ihm die rot-weißen Absperrbänder auf. Zwei Polizisten standen zusammen und unterhielten sich mit einem Passanten, der kreidebleich an einer Wand lehnte. Joshuas Herz begann, wild gegen seine Brust zu schlagen. Als er das Blut sah, verharrte er, sein Inneres weigerte sich weiterzugehen. Wie in dem Traum schienen seine Beine ihm nicht zu gehorchen. Aber das mussten sie auch nicht …
Der Geist der ermordeten Frau stand vor ihm. Wut und Angst strömten Joshua entgegen und er konnte nicht anders, als auf all das Blut zu starren, das sich auf ihrer Kleidung ausgebreitet hatte. Ihre Kehle war aufgeschlitzt, trotzdem sah sie ihn mit lebendigen blauen Augen an. Der Bahnhof schien im Nebel zu verschwimmen.
Joshua realisierte nur noch den Geist. Im Bruchteil einer Sekunde blitzten ihre letzten Erinnerungen durch ihn. Er zuckte zusammen. Das Bild des Mannes, der sich über sie beugte und ihr das Messer an die Kehle setzte, brannte sich in seine Gedanken. Als er ihren Schmerz spürte, wich er mit einem Schrei zurück.
„Geh!“, zischte er.
„Hilf mir!“, schrie sie verzweifelt in seine Gedanken.
Doch Joshua war nicht Melinda Gordon aus der Fernsehserie „Ghost Whisperer“.
„Ich … ich kann nicht.“
Er sah, wie jemand neben der Frau erschien. Eine Gestalt, deren Gesicht er nicht ausmachen konnte. Dann war sie fort.
„Josh? – Himmel, Joshua!“
Wie angewurzelt stand Joshua da und hielt sich die Kehle. Er blinzelte und bemerkte den besorgten Blick des Kommissars.
„Ich muss wohl nicht fragen, ob du sie gesehen hast?“
Joshua verspürte Übelkeit, er musste aus diesem Bahnhof raus. „Erich … ich muss hier weg. Ich hab gesehen, wie er aussieht, ich … ich zeichne es dir auf, wie immer, ja?“
Das Gesicht des Kommissars war von tiefer Sorge gezeichnet. „In Ordnung. Tut mir leid, dass ich dich da reingezogen hab.“
Joshua winkte ab und flüchtete aus dem Bahnhof. Er blieb eine Weile in seinem Wagen sitzen, um sich zu beruhigen. Mit beiden Händen fuhr er sich über das Gesicht, nahm einen Kaugummi und schaltete das Radio ein, um auf andere Gedanken zu kommen.
Zurück in seiner Wohnung konnte er nicht anders und griff zu Block und Bleistift. Er hatte das Zeichnen nie gelernt, konnte es trotzdem recht gut, auch wenn sich sein Talent auf Porträts beschränkte. Am liebsten hätte er sich ein großes Glas Wein eingegossen, doch er musste in einer Stunde im Büro sein. Also versuchte er, das Bild des Mörders ohne Alkohol heraufzubeschwören.
Ihm lief ein Schauer über die Haut, als er sich in die Erinnerung fallen ließ und das Messer, das der Frau die Kehle aufgeschlitzt hatte, an seiner eigenen spürte. Er wischte das Gefühl fort und griff nach seinem Stift. Mit sicheren Handgriffen zeichnete Joshua das Gesicht des Mannes und fürchtete sich hinterher selbst vor dessen grausamen Ausdruck. Rasch scannte er das Blatt ein und schickte Erich die Zeichnung per Mail. Das Original trug er in die Küche, hielt es über den Spülstein und zündete es an.
Insgeheim dachte er, dass man den Mann genauso brennen lassen sollte, gleichzeitig erschrak er über seine Gedanken. Joshua starrte auf das züngelnde Blatt. Er hatte den Mörder auf Papier gebannt und nun besaß er die Macht, ihn zu vernichten – wenigstens auf diese Art.
Ein Blick auf die Uhr sagte ihm, dass er keine Zeit mehr für ein Frühstück hatte. Rasch zündete er sich eine Zigarette an, um seine zerrütteten Nerven zu beruhigen. Er rauchte nicht regelmäßig, aber in diesem Moment brauchte er das Nikotin. Alles andere musste warten.
Zwei Tage später stand Joshua mit seinem besten Freund Mark am Grab von dessen Mutter. Er wagte kaum etwas zu sagen, denn Mark schien für den Moment gebrochen zu sein. Es flossen keine Tränen, aber er sah es an dem Gesichtsausdruck seines Freundes. Dessen Schwester Nadja, elegant wie immer, stand in einiger Entfernung, und starrte eher gelangweilt auf die Bäume des Friedhofs. Joshua begleitete Mark, als er das letzte Mal auf den Sarg seiner Mutter sah.
Nadja warf Rosen ins Grab und wandte sich dann ab. Sie schien genervt zu sein. Ihr Bruder sah sie für einen Augenblick ärgerlich an.
„Dieser scheiß Krebs!“, zischte er Joshua zu. „Und Nadja hat ihr das Leben zusätzlich zur Hölle gemacht.“
Mark fuhr sich durch das blonde Haar, das heute gegen seine Gewohnheit nicht modern mit Gel frisiert war, sondern locker um sein Gesicht fiel, was ihn sehr viel jünger erscheinen ließ. Als Joshua sah, wie sein Freund begann, nervös an seiner Jacke zu nesteln, ergriff er ihn am Arm, zog ihn fort.
„Komm, wir fahren zum Restaurant. Sollen wir deinen Vater mitnehmen?“
Mark schüttelte den Kopf. „Der fährt mit Nadja.“
*
Die beiden Stunden im Restaurant, wo das Kaffeetrinken nach der Beerdigung stattfand, waren eine frostige Angelegenheit. Nadja unterhielt sich angeregt mit einigen Leuten und brüstete sich mit ihrem Job als leitende Angestellte einer Bank. Ihr Vater sagte nichts und starrte trübsinnig vor sich hin.
„Man könnte meinen, wir wären auf einem Geburtstag“, ätzte Mark, als er das Verhalten seiner Schwester beobachtete.
„Vielleicht ist das ja ihre …“, begann Joshua zu schlichten, wurde jedoch von Mark unterbrochen.
„Mann, Josh! Wenn du mir jetzt erzählen willst, dass das ihre Art ist zu trauern, hau ich dir eine runter.“
„Du hast ja recht. Da hilft kein Schönreden. Sie ist ein Biest“, bemerkte Joshua trocken.
„Nadja hat Mama jegliche Hoffnung auf Besserung genommen. Ständig hat sie ihr gesagt, dass es für sie besser wäre, wenn sie erlöst würde und so ein Zeug. Sie hat ihr indirekt die Schuld für den Krebs gegeben, weil Mama so unzufrieden mit sich war.“
„Was? Wie meinst du das?“
Als er bemerkte, dass Nadja zu ihnen herübersah, senkte Mark die Stimme. „Sie steht auf diesen Esoterikkram. Alles Halbwissen. Sie wollte Mama einreden, dass sich ihre Unzufriedenheit schließlich im Krebs manifestiert hat und sie selbst schuld an ihrer Krankheit sei.“
„Selbst wenn es so war, kann man das doch so nicht sagen“, entfuhr es Joshua erschrocken.
„Tja, das ist Nadja …“ Mark wand sich ein wenig. „Hast du … ich mein … hast du Mama …“
„Gesehen?“ Joshua schüttelte den Kopf. „Nein, sie ist nicht mehr hier, Mark.“
„Dann ist sie zu Hause, wie sie es sich gewünscht hat“, murmelte Mark leise.
Joshua nahm sich noch ein Kuchenstück, das dritte, und goss sich die vierte Tasse Kaffee ein.
„Menno, wo lässt du das bloß? Ich werde schon dick, wenn ich Kuchen nur anseh‘, obwohl ich mich viermal in der Woche beim Sport abrackere“, sagte Mark gefrustet.
Probleme mit seiner Figur plagten Joshua für gewöhnlich nicht.
„Vielleicht hab ich ’nen besseren Stoffwechsel? Dafür siehst du aus wie’n Model und ich wie ein Wischmopp auf Reisen.“
Mark gluckste leise und spähte auf Joshuas dunkle Haare. „Ach, die Frauen steh’n auf so was, Josh, glaub mir.“
Die Freunde verstummten, als sich Nadja näherte.
„Ich bring Papa nach Hause.“ Sie legte einige Geldscheine vor Mark hin. „Du verdienst mit deinem Grafikzeug ja nicht so viel. Bezahl das hier bitte.“
Abrupt stand Mark auf, sein Stuhl kippte nach hinten. Joshua konnte ihn gerade noch auffangen.
„Nimm dein Geld zurück! Ich bezahl alles.“
Mit einem Schulterzucken langte sie nach den Scheinen, steckte sie provozierend langsam in ihre Geldbörse und wandte sich wortlos ab. Erst als Nadja den Raum verließ, winkte Mark die Kellnerin heran und bezahlte die Rechnung.
„Nur weil ich in letzter Zeit nicht so viele Aufträge bekomme, muss sie wieder drauf rumreiten“, sagte er sichtlich verärgert beim Verlassen des Lokals.
„Sie hat doch keine Ahnung von Grafikdesign.“
„Klar hat sie das, Josh. Sie weiß genau, was ich mache.“
Joshua schwieg eine Weile. Als sie am Auto waren, lud er Mark zu sich ein. Er wollte seinen Freund an diesem Tag nicht alleinlassen.
*
Am nächsten Morgen saß Joshua in seinem Büro und erledigte lästige PC-Arbeit. Er liebte es, als Streetworker die Jugendlichen zu betreuen. Es weckte seine Lebensgeister und schenkte ihm ein gutes Gefühl. Wenn nur all der Bürokram nicht wäre. Joshua hatte sich angewöhnt, seine Dossiers sofort in den Computer einzugeben, auch wenn er sich nicht für diese Tätigkeit begeistern konnte.
„Ich brauch ‘ne Sekretärin“, beschwerte er sich bei seiner jungen Kollegin Hannah Dorkas, die ungeduldig etwas in den Büroschränken suchte. Ihr strohblondes Haar war in einen Zopf gezwängt und sie trug aufwendige Schminke, die ihr etwas Verwegenes verlieh.
„Ha, ha, ha, die brauchen wir alle“, motzte Hannah. „Hast du die Akte von dem kleinen Tim gesehen?“
„Tim Geork?“
„Ja, genau den.“
„Warte mal, die ist mir gestern irgendwo unter die Augen gekommen. Habt ihr ihn endlich rausgenommen?“
„Ja, heute Morgen. Nachdem Maddie seine Mutter und ihren neuen Freund alkoholisiert auf der Couch gefunden hat, während der Kleine in seiner Scheiße saß, allein in einem Zimmer eingeschlossen, hat Maddie ihn direkt mitgenommen.“
„Hat er denn schon ‘ne Pflegefamilie?“
„Ja, sozusagen im Eilverfahren organisiert.“
„Hier, ich hab sie. Maddie hat sie wohl gestern hier liegen gelassen.“
„Ich muss die doofen Akten endlich in den PC eingeben. Wie war das doch gleich mit der Sekretärin?“
Joshua zwinkerte seiner Kollegin zu. Seit er das Bild des Mörders verbrannt hatte, ging es ihm besser. Es schien wie ausgelöscht zu sein. Er holte sich einen großen Pott Kaffee und machte sich an die Arbeit. Da klingelte sein Handy.
„Ja?“
„Josh?“, sagte eine schwache Stimme.
„Lisbeth? Bist du das?“
„Ja … ich … Josh … mach’s gut, ja?“
Ihm kroch es eiskalt den Rücken hinunter. „Lisbeth, was ist los?“
„Ich mach Schluss. Danke … für alles.“
„Lisbeth, wo bist du?“
„Is‘ doch egal …“
„Lisbeth, bitte! Wo bist du?“
„Da, wo ich meistens bin, das weißt du doch, Josh …“
Das Gespräch brach ab. Joshua geriet in Panik.
„Hannah, schick einen Rettungswagen zum alten Bauhausgelände!“
„Was ist passiert?“
„Tu’s einfach! Ein Selbstmordversuch!“
Ohne zu zögern schnappte sich Joshua seine Jacke vom Haken und stürmte zu seinem Auto. Er trotzte jeglichen Verkehrsregeln und war binnen kurzer Zeit an dem Gelände, auf dem das baufällige Gebäude eines verlassenen Baumarktes stand. Mit quietschenden Reifen hielt er vor dem Eingang und zwängte sich durch zerborstenes Glas ins Innere.
„LISBETH!“
Er rannte durch die leere Halle auf ihr geheimes Lager zu – ihr persönliches Reich.
Lisbeth saß zusammengesunken an der Wand. Ihre schwarzen Haarsträhnen klebten wie feuchte Algen an ihrem Kopf. Aus ihrem linken Arm floss in pulsierenden Strömen das Blut.
Dies war kein Hilferuf gewesen, dies war ein Abschied. Sie hatte sich den Arm der Länge nach aufgeschnitten. Joshua sah im Augenwinkel das Drogenbesteck, das neben ihr lag.
„Lisbeth!“, brachte er nur geschockt heraus. Aus weiter Ferne näherten sich Sirenen. Er zog sich seine Jacke aus und presste sie auf die Blutung. Lisbeths Gesicht war kalkweiß.
„Bitte nicht …“, flüsterte er. „Komm, Kleines, halt noch ein wenig durch.“
Glas zerbrach, als sich die Feuerwehr einen Weg in das Gebäude bahnte.
„HIERHER!“, brüllte Joshua.
Nur Augenblicke später waren zwei Rettungssanitäter bei ihm und Joshua trat beiseite. Er hob den Blick. Tränen schossen ihm in die Augen. Es war zu spät. Lisbeth stand mit einem traurigen Lächeln vor ihm. Die Wunde am Arm war verschwunden.
Danke, Josh, hörte er sie tief in sich flüstern.
Lisbeth war fort.
Joshua sackte an einem baufälligen Regal zusammen. Wie in Zeitlupe sah er zu, wie die Rettungskräfte versuchten, das Mädchen zu retten.
„Herr Benning?“
Rasch wischte sich Joshua über die Augen und schaute auf.
„Sie waren ihr Sozialarbeiter, oder?“
Hannah musste den Rettungskräften alles mitgeteilt haben.
„Ja.“
„Es tut mir leid, aber das Mädchen …“
„Ich weiß!“ Der Typ sollte es nicht aussprechen. Das ließ es so real erscheinen.
„Kann man jemanden benachrichtigen?“
„Ich kümmere mich um alles.“
Der Mann nickte.
Joshuas Blick fiel auf ihre Spritze und er griff danach, doch im gleichen Augenblick hielt er inne. Er sammelte die Spritzen seiner Verlorenen, um sie nicht zu vergessen, aber er wusste auch, dass die Polizei sie zuerst untersuchen musste.
Mechanisch wählte er Erich Salbergs Nummer und der Kommissar meldete sich.
„Erich, kannst du mit ein paar Leuten zum alten Bauhausgelände kommen?“
„Was ist passiert, Joshua?“
„Lisbeth hat sich umgebracht.“
„Ich komme! Warte dort auf mich.“
Joshua raffte sich auf und ging hinaus auf den ehemaligen Parkplatz. Die Splitter der Scheiben erschienen ihm wie ein Spiegel seines Gemütszustandes.
Erich fuhr wenig später die Auffahrt hinauf. Ein weiteres Auto folgte ihm. Die Beamten blickten ihn fragend an und Joshua zeigte in Richtung des Gebäudes. Die Polizisten verschwanden im Inneren.
Erich kam langsam auf ihn zu. „Es tut mir sehr leid, Josh. Ich weiß, wie du um sie gekämpft hast. Wie hat sie …?“
„Lisbeth wollte sichergehen“, antwortete Joshua leise, „hat sich wohl erst einen Schuss gesetzt und sich dann die Pulsadern aufgeschlitzt. Sie rief mich an, wollte sich verabschieden, aber … ich kam zu spät.“
Erich legte eine Hand auf Joshuas Schulter und senkte die Stimme. „Ich weiß, dass du … na ja, wenn wir die Spritze auf Fingerabdrücke untersucht haben, lasse ich sie dir zukommen − inoffiziell.