Die Todgeweihten - G.F. Barner - E-Book

Die Todgeweihten E-Book

G. F. Barner

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Beschreibung

Begleiten Sie die Helden bei ihrem rauen Kampf gegen Outlaws und Revolverhelden oder auf staubigen Rindertrails. G. F. Barner ist legendär wie kaum ein anderer. Seine Vita zeichnet einen imposanten Erfolgsweg, wie er nur selten beschritten wurde. Als Western-Autor wurde er eine Institution. G. F. Barner wurde als Naturtalent entdeckt und dann als Schriftsteller berühmt. Seine Leser schwärmen von Romanen wie "Torlans letzter Ritt", "Sturm über Montana" und ganz besonders "Revolver-Jane". Der Western war für ihn ein Lebenselixier, und doch besitzt er auch in anderen Genres bemerkenswerte Popularität. Die Furcht, die wie ein Gespenst ist, hat er nie so stark empfunden wie jetzt. Sein Pferd schnaubt nur einmal, dann hält er ihm die Nüstern zu. Vor ihm liegt die Handelsranch mit ihren dunklen Gebäuden einsam in der Nacht. Nur die eine Laterne auf dem Hof brennt noch, aber das Licht reicht aus, um die Männer zu zeigen, die diesen einsamen Platz bevölkern. Gus Phillips ahnt den Tod, darum die Furcht, darum der schnelle Griff nach den Nüstern des Pferdes. Und der Gedanke ist nun da, der ihn zur panikartiken Flucht treibt: In zwei Minuten bist du vielleicht tot, Gus! Einen Moment zuckt seine Hand, will die Zügel herumreißen. Dann er­stirbt auch diese Bewegung. Gus Phillips ist erstarrt. Es ist seltsam, dass er kein Misstrauen spürt, er hat nur das Gefühl, endlich Gewissheit zu haben. Brown und ein Dutzend Blaujacken, ein Dutzend Yankees in ihren neuen Uniformen. Das Gelb ihrer Halstücher leuchtet im Laternenlicht zu Gus hin­über, dem die Angst die Kehle zuschnürt. Verrat, denkt er, und die Erstarrung fällt von ihm ab wie ein Tuch, das der Wind davonflattern lässt. Verrat. Keine Vermutung, die Gewissheit ist es, als er an Byers denkt, den sie mit sieben Mann fanden – und alle tot, nicht mal begraben. Jenseits des Red River acht Tote im Sand, auf deren grauen Uniformen der Staub sich mit dem Blut vermischt hatte. Der Schreck ist vorbei, die Furcht erlischt wie die Flamme einer ausgedrückten Kerze. Noch ist er nicht fähig, eiskalt zu überlegen, aber er denkt auch plötzlich nicht mehr an Flucht, sondern an Captain Easton, an vierzehn Mann und einen Nachschubweg der Unionstruppen, die diese Männer sich auf ihre Art ansehen wollen. Sie brauchen Pferde für dieses Unternehmen im Rücken der Unionstruppen. Und Brown, dem die Handelsranch gehört und der ständig zwei Dutzend Pferde in den Corrals hat, will sie ihnen liefern.

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Seitenzahl: 152

Veröffentlichungsjahr: 2023

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G.F. Barner – 258 –Die Todgeweihten

G.F. Barner

Die Furcht, die wie ein Gespenst ist, hat er nie so stark empfunden wie jetzt.

Sein Pferd schnaubt nur einmal, dann hält er ihm die Nüstern zu.

Vor ihm liegt die Handelsranch mit ihren dunklen Gebäuden einsam in der Nacht. Nur die eine Laterne auf dem Hof brennt noch, aber das Licht reicht aus, um die Männer zu zeigen, die diesen einsamen Platz bevölkern.

Gus Phillips ahnt den Tod, darum die Furcht, darum der schnelle Griff nach den Nüstern des Pferdes. Und der Gedanke ist nun da, der ihn zur panikartiken Flucht treibt: In zwei Minuten bist du vielleicht tot, Gus!

Einen Moment zuckt seine Hand, will die Zügel herumreißen. Dann er­stirbt auch diese Bewegung. Gus Phillips ist erstarrt. Es ist seltsam, dass er kein Misstrauen spürt, er hat nur das Gefühl, endlich Gewissheit zu haben.

Brown und ein Dutzend Blaujacken, ein Dutzend Yankees in ihren neuen Uniformen. Das Gelb ihrer Halstücher leuchtet im Laternenlicht zu Gus hin­über, dem die Angst die Kehle zuschnürt.

Verrat, denkt er, und die Erstarrung fällt von ihm ab wie ein Tuch, das der Wind davonflattern lässt. Verrat.

Keine Vermutung, die Gewissheit ist es, als er an Byers denkt, den sie mit sieben Mann fanden – und alle tot, nicht mal begraben. Jenseits des Red River acht Tote im Sand, auf deren grauen Uniformen der Staub sich mit dem Blut vermischt hatte.

Der Schreck ist vorbei, die Furcht erlischt wie die Flamme einer ausgedrückten Kerze. Noch ist er nicht fähig, eiskalt zu überlegen, aber er denkt auch plötzlich nicht mehr an Flucht, sondern an Captain Easton, an vierzehn Mann und einen Nachschubweg der Unionstruppen, die diese Männer sich auf ihre Art ansehen wollen.

Sie brauchen Pferde für dieses Unternehmen im Rücken der Unionstruppen. Und Brown, dem die Handelsranch gehört und der ständig zwei Dutzend Pferde in den Corrals hat, will sie ihnen liefern.

Ersatzpferde für eine Gruppe Südstaatler.

Jetzt aber sind Yankees hier, Männer der Unionsarmee, die Todfeinde aller Rebellen aus dem Süden.

Schweinehund, denkt Gus voller Zorn. Byers vertraute dir und deinem Bruder. Captain Easton hat recht behalten mit seiner Vermutung, dass du auf zwei Schultern trägst. Es lohnt sich nicht mehr, dem Süden und den Rebellen zu helfen, was? Der Krieg ist verloren. Das denkst du, darum bist du zum Verräter geworden.

Captain Easton hat ihn hergeschickt, einen Mann, der angeblich aus dem Norden kommt, ein glühender Hasser der Rebellen ist, aber der Mann Phillips ist ein Südstaater, auch wenn er wie ein Yankee spricht. Phillips ist Spion. Er soll herausfinden, ob Brown wirklich ein Verräter ist.

Jetzt glaubt Gus Phillips es zu wissen, es gibt keinen Zweifel mehr.

Warum sonst hat Brown ihm den Auftrag gegeben, mit dem Wagen zur Stadt zu fahren, siebzig Meilen weit, wie?

Ich sollte in der Stadt sein, wenn sie kamen, überlegte Phillips. Das ist es, darum hat er mich weggeschickt, aber er konnte es so wenig ahnen wie ich, dass ein Wagen brechen würde. Ich bin liegen geblieben, habe mir eins der ­Gespannpferde genommen und bin zurückgeritten. Zu früh, was Mr Brown?

In der Dunkelheit sind sie gekommen wie Diebe. Morgen früh wird der Tau alle Spuren getilgt haben. Und er hätte nichts gesehen, wenn er zurückgekommen wäre, nichts von dem nächtlichen Besuch dieser Yankees erfahren. Captain Easton aber würde in eine Falle geritten sein, um darin wie Byers zu sterben.

Gus würgt, er beugt sich vor, gleitet dann aus dem Sattel. Geräuschlos kommt er zu Boden, steht im feuchten Gras und zieht vorsichtig seinen schweren Gaul an den nächsten Baumstamm.

Er weiß jetzt, was er zu tun hat, der Corporal Gus Phillips, dem Brown sicherlich misstraut hat, obwohl er einen Pferdeknecht brauchte. Browns Interesse, das dem Vorleben von Phillips galt, der Stadt in Kansas, aus der Phillips stammt, den Freunden, die Gus hat – das Interesse eines Verräters, der möglichst viel über seinen Stallhelp erfahren musste.

Gus zieht den Revolver, entledigt sich der Stiefel. Dann duckt er sich tief und huscht los. Ein Mann, der sich nicht damit zufriedengeben will, dass er Yankees sieht. Nein, er will sie reden hören, erfahren, warum sie hier sind.

Er sieht nur noch die Yankees vor sich. Die Furcht ist verschwunden, der Zorn geblieben.

Aber er kann in zwei Minuten sterben.

Vielleicht wird er nie älter als zweiundzwanzig Jahre.

*

Er liegt auf dem Anbaudach und kriecht die letzten drei Schritte. Als er den Kopf hebt und über die Dachkante blickt, sieht er das erleuchtete Fenster. Ein Flügel ist offen. Er macht zwei Reiter aus, die reglos in der Nacht vor dem lang gestreckten Hauptgebäude halten. Zwei Posten an dieser Seite, dann werden drüben auch zwei sein und den Eingang zum Hof bewachen, in dem die anderen sechs Mann halten.

Es ist eine starke Patrouille, die sich auf den Weg durch das öde Land gemacht hat, um Brown zu besuchen, der unter Gus Phillips hinter dem Fenster redet.

Sehen kann Gus ihn nicht, aber er hört Browns etwas fette Stimme, die genau zu diesem korpulenten Mann passt.

»… kommt nicht vor der nächsten Nacht zurück, Sir«, sagt er und Gus spürt, dass sie von ihm reden. »War mein Misstrauen dem Burschen gegenüber doch berechtigt, was? Ist es sicher, dass er ein Rebell ist?«

»Ja, absolut! Er stammt zwar aus Kansas, aber sein Bruder war ein Quantrill-Mann, ehe er bei Kriegsausbruch zu den Rebellen überging. Sollte dieser Bursche etwa anders denken als der Bruder, Brown?«

»Sicher nicht, Major.«

Major?, überlegt Gus Phillips. Dann muss es Osborn sein, Jerry Osborn, kein anderer. Ich kenne ihn nicht, aber Captain Easton hat einmal gesagt, dass sie nur einen Mann haben, der uns gefährlich werden könnte: Major Osborn.

Er liegt still, den Kopf gesenkt, den Körper so flach wie nur möglich auf das Dach gepresst.

Einen Moment ist es unten ruhig.

»Brown, geben wir uns keiner Täuschung hin, dieser Phillips kennt den Zeitpunkt von Captain Eastons Eintreffen hier genauer als Sie«, sagt der Major nun. »Wer war der Mann, der Ihnen die Nachricht brachte, dass übermorgen fünfzehn Pferde gebraucht würden? Ist er mit Phillips zusammen gekommen, haben die beiden sich gesehen?«

»Es ist möglich, aber sicher bin ich nicht. Phillips war im Stall, der Bursche, der mir die Nachricht brachte, kam von vorn, er war keinen Moment im Hof. Ich kenne den Mann nur als Joe, seinen Nachnamen habe ich nie erfahren. Er ritt eine Grulla-Stute und hatte einen Schecken an der Longe.«

»Joe?«, fragt der Major nachdenklich, bewegt sich unten im Zimmer, geht ein paar Schritte. »Carlos!«

»Ja, Major?«

Harte Sprache, denkt der Mann auf dem Anbaudach, kehlige Laute und der Name. Ein Mischblut?

»Er war groß, hager, und er hatte rote Haare«, sagt Brown hastig, mitteilsam wie jeder Lump, der für harte Dollars seine schmutzig Seele verkauft. »Er ist nicht mehr jung, ich möchte sagen, er muss an die vierzig Jahre alt sein.«

Dann die Stimme von Carlos: »Haggerty, Sergeant Joe Haggerty, Major. Er sein nur eine Sergeant in Fort Vancouver da drüben. Hat er alten Revolver, Walker-Colt, ja?«

»Ja«, antwortet der schmutzige Verräter schnell. »Es ist ein Walker-Colt, aber umgearbeitet, das konnte ich sehen. Der Mann sah aber nicht nach einem Sergeant aus, Sir.«

Ein Lachen unten, etwas bissig, heiser – aber immerhin ein Lachen, das Phillips einige Dinge verrät.

»Mann«, erwidert der Major. »Captain Eastons Leute haben nie etwas Militärisches an sich gehabt, sie wirken wie Reiter, die ständig unterwegs sind, und sitzen wie Indianer im Sattel. Die Burschen sind so gefährlich wie ein Sack voll Klapperschlangen. Also Sergeant Joe Haggerty, dieser verdammte Bursche.«

»Sie kennen ihn, Sir?«

»Ja«, erwidert er bissig. »Ich kenne ein paar von Eastons Leuten, auch Haggerty. Er riecht eine Falle, er war früher Pferdejäger. Diese Burschen haben den sechsten Sinn. Das wird eine verdammt harte Nuss.«

»Mit hundertzwanzig Mann gegen anderthalb Dutzend?«, fragt Brown neugierig und verwundert. »Was will denn Easton da groß machen?«

»Für einen Easton sind hundertzwanzig gewöhnliche Kavalleristen auch kein Hindernis, wenn er etwas tun will. Er hat nur ausgesuchte Leute, die ihm durch drei Höllen folgen würden.«

»Ich habe ihn nur einmal gesehen, aber er schien nur Interesse für sein Pferd zu haben, Sir.«

Der Major lacht, diesmal klingt es gallenbitter.

»Haben Sie eine Ahnung, Mann! Er hat, während er angeblich nur für sein Pferd Interesse zeigte, jeden Zoll der Umgebung hier gemustert. Nun, lassen wir das. Brown, meine Leute werden in drei Stunden hier sein. Sie verstecken die Gruppe im großen Stall. Hoffentlich hat Easton noch niemanden hergeschickt, der diese Ranch beobachtet, dann ist alles umsonst gewesen. Noch etwas – während des Tages verlässt kein Mann des Kommandos den Stall. Sergeant Beckett führt den Zug zu Fuß her und lässt nur in der morgigen Nacht die Leute einzeln heraus. Am Tag wird man hier keine Bewegung sehen. Sollte Phillips früher zurückkommmen, dann ist sein erster Weg doch wohl zum Stall, wie?«

»Ja, er muss die Pferde ausspannen.«

»Gut, er läuft meinen Leuten mitten in die Arme.«

»Und es ist unmöglich, dass Easton sich aus dem Ring schlagen kann, den Ihre anderen Gruppen um die Ranch legen werden, Major?«

»Er müsste fliegen können«, erwidert der Major knapp. »Die Truppe steht nur vier Meilen von hier in Bereitstellung und wartet auf meine Befehle …«

Gus Phillips presst sich gegen die Teerpappe des Daches.

Sie sind also nur vier Meilen entfernt.

Der Major hat hundertzwanzig Mann mitgebracht.

Übermorgen schnappt die Falle zu.

*

Sie sind noch schlauer, als Gus jemals gedacht hat. Erst beim Abrücken der Yankees erkennt er, dass Captain Easton mit seiner Meinung über Major Osborn recht gehabt hat.

Osborn lässt Mann für Mann an sich vorbeireiten. Der Major hält auf seinem Pferd, einem großen grobknochigen Wallach, neben dem hinteren Tor. Seine Männer aber reiten geradewegs in den Bach hinein.

»Teufel«, sagt Phillips heiser. »Der Kerl ist verdammt gerissen. So brauchen sie nur den kleinen Weg einmal zu fegen, dann bleibt gar keine Spur von ihrer Anwesenheit zurück.«

Er hat einen Moment Zeit, das Gesicht des Majors zu betrachten. Osborn wendet sich im Sattel um, blickt zu dem fettleibigen Brown zurück, der unter der Hintertür der Station steht, und hebt kurz die Hand an den Hut. Einen Augenblick wird Osborns Gesicht voll vom Licht getroffen. Es ist ein hageres Gesicht, das zu diesem großen Mann passt.

Gus Phillips liegt geduckt hinter dem Giebel des Stalldaches und blickt an der Seite daran vorbei. Der Himmel ist düster, die Wolken hängen tief, Osborn hat keine Chance, Phillips auszumachen. Als er sein Pferd herumzieht, atmet Gus tief auf.

Schritte unter Phillips, die sich dem Stall nähern. Brown geht quer über den Hof, und dann macht er das, was Gus erwartet hat. Der dicke Brown schnappt sich den Reiserbesen und geht auf das hintere Tor zu.

Noch ehe der Verräter zu fegen beginnt, ist Gus vom Dach zur anderen Seite herabgeglitten. Von nun an kann sich Phillips bewegen, ohne dass ihn Brown sehen oder hören kann. Der schmale Weg führt vor dem Haus her und endet hinter dem ersten Schuppen. Dort lagern die Heu- und Futtervorräte für die Pferde. Keine neun Schritte weiter ist der kleine Stallanbau, in dem sich die Mietsattel und das Sielenzeug befinden.

Es ist für Phillips eine Kleinigkeit, sich um die Ecke des Anbaus zu drücken. Wenige Sekunden später hat Gus Phillips kaltblütig die Tür zur Sattelkammer geöffnet.

Er macht kein Licht, er kennt sich hier aus und erwischt sofort seinen Sattel und die Decke. Am Klappen der Tür hört er, dass Brown nun das letzte Stück zum Bachlauf hin fegen wird. Brown ist beschäftigt, und Gus Phillips huscht wieder aus dem Stallanbau. Er umrundet ihn, duckt sich tief, zieht den Sattel nach und ist bald am ersten Corral. Dort steht sein Pferd zwischen den anderen, die Brown gehören.

Als Gus sich langsam aufrichtet und durch die Corralstangen gestiegen ist, kann er undeutlich Brown am Bachufer erkennen. Gus legt den Sattel ab, schiebt sich dann zwischen den Pferden durch und findet seinen Fuchs heraus.

Well, denkt Gus grimmig, als Brown mit seiner Arbeit fertig ist und hinter dem Tor verschwindet. Mister, ich sollte dich Lumpen packen, dir einen Strick um den Hals legen und dich aufhängen, aber ich kann es nicht, obwohl einem Verräter kein besserer Lohn zusteht. In ein paar Stunden sind die ersten Yankees hier, und finden sie dich, wie du im Winde baumelst, dann wissen sie, dass aus ihrem prächtigen Plan nichts wird, und jagen mich wie einen Hasen. Du hast Glück.

Er hat schon gesattelt und sitzt sofort auf. Langsam geht sein Pferd an, entfernt sich vom Corral, bis die ersten Büsche kommen.

Gus Phillips muss verschwinden und den schweren Gespanngaul mitnehmen. Die Yankees haben ihn nicht entdeckt, sonst hätte Gus es vom Dach aus sehen müssen. Der Yankeemajor ist mit seinen Männern an den dichten Büschen unter den Pappeln vorbeigeritten und verschwunden.

Die anderen, sagt sich Phillips bitter, kommen sicher auch durch den Bach auf die Ranch. Und hat der Gespanngaul lange genug gestanden, dann wird er wiehern, weil er in den Corral und sein Futter haben will. Ich muss das Pferd mitnehmen und irgendwo stehen lassen. Dieser verdammte fettleibige Schurke Brown, jetzt entgeht er dem Strick, aber wir werden ihn besuchen, wenn er nicht mehr mit uns rechnet. Und dann, du Halunke, dann hänge ich dich eigenhändig auf.

Genau das werden sie tun.

*

Der Major hat seine Augen überall. Ein Mann, der sieben Jahre lang gegen Indianer gekämpft hat, achtet immer auf seine Umgebung. Genauso ist es hier.

Jerry Osborn reitet an der Spitze seiner Leute. Wasser plätschert um die Hufe, die durch den Bach staksen.

Der Major blickt nach vorn, dann auf das linke Ufer. Und dann nach rechts.

Er ist schon fast vorbeigeritten, wendet nur kurz den Kopf, dann zieht er das Pferd zur Seite und winkt Sergeant Scott Randolph zu, der sieben Jahre mit ihm geritten ist und ihn genau kennt.

»Weiter, Randolph, keiner spricht.«

Randolph wendet den Kopf, starrt den Major den Bruchteil eines Augenblicks an. Die Stimme des Major klingt nicht mehr so ruhig und gelassen wie sonst. Irgendetwas muss passiert sein. Aber was?

»Weiter – keiner spricht«, sagt er leise über die Schulter nach hinten.

Sein Pferd trottet, er hört Cummings, der hinter ihm reitet, den Befehl weitergeben. Aus den Augenwinkeln blickt der Sergeant auf seinen Major, sieht ihn unter den Zweigen einer Pappel halten, jeden Mann vorbeilassen.

Unruhe ist in Randolph, eine Ahnung, aber keine Gewissheit. Er hat einen Befehl bekommen, beobachtet den Major, sieht nach links und brauchte doch nur nach rechts zu blicken.

Dann würde er das entdecken, was auch der Major gesehen hat.

Dort rechts steht ein Gaul verdeckt hinter den anderen Pappeln am Hang. Aber Randolph verpasst seine Chance genauso wie die anderen. Sie reiten weiter, als letzter Mann der Major. Er sagt nichts, schweigt selbst dann noch, als sie sich über 150 Yards von der Ranch entfent haben.

Eine halbe Minute später aber kommt er nach vorn und hebt die Hand.

»Halt!«

Also doch, denkt Randolph, ob er Brown nicht über den Weg traut?

»Scott Cummings, Ferris, Hale – absitzen!«

Sie steigen wortlos ab und treten zu ihm hin, als er ihnen winkt. Sein Gesicht wirkt plötzlich kantiger, die scharfen Falten um seinen Mund haben sich vertieft.

»Sergeant Gates – kommen Sie auch her!«

»Befehl, Sir!«

Der zweite Sergeant tritt zu den anderen, die abgesessen sind und blickt den Major forschend an. »Kein lautes Wort!«, sagt Osborn zischend. »Der Wind steht von der Ranch zu uns – man kann uns nicht mehr hören oder sehen. Gates, Sie reiten mit den restlichen Leuten weiter. Aber leise, Mann. Der Bach beschreibt einen Bogen nach hundert Yards. Rechts und links sind Hügel. Sie verteilen Ihre Leute auf den beiden Hügeln und lassen einen Mann am Bachufer zwischen den Büschen zurück. Gewehre durchladen und aufpassen. Hinter uns steht ein Gaul zwischen den Bäumen am Bachufer, wir sind belauscht worden, jemand hat uns gesehen.«

Er redet schnell, weist seine Leute ein und schickt Gates dann mit fünf Mann los.

Randolph aber blickt Osborn an und schnallt wortlos die Sporen ab.

»Sir, wenn er bei seinem Pferd gewesen ist …«

»Ich glaube nicht!«, unterbricht ihn der Major kühl. »Ich würde zur Ranch geschlichen sein, um festzustellen, wer sich dort aufhielt. Unser Aufbruch erfolgte schnell, der Mann wird kaum eine Chance gehabt haben, zu seinem Pferd zurückzulaufen.

Nur ruhig, Scotty, der Bursche hat sicher etwas mit diesem Brown zu tun. Als wir kamen, stand der Gaul noch nicht dort.«

Sie haben nun alle die Sporen abgeschnallt und die Gewehre genommen. Als der Major seinen Revolver zieht und loshuscht, folgen sie ihm wie Schatten.

Etwa 40 Yards vor dem Gaul bleibt der Major stehen.

»Scotty, nur schießen, wenn ich den Befehl gebe. Ich will den Kerl lebend haben, verstanden?«

»Ja, Sir!«

Von nun an kriechen sie durch das feuchte Gras. Die Nässe dringt bereits nach wenigen Sekunden durch die Uniformjacken und die Hosen. Sie kommen lautlos angekrochen, erreichen die Bäume und liegen still.

Keine zehn Yards vor ihnen – jetzt deutlich zu erkennen – steht das Pferd.

»Scotty – zu mir!«

Scott Randolph liegt gleich neben dem Major, sieht ihn an.

»Unten kriechen, Scotty, ich bleibe oben. Wir nehmen ihn in die Zange, wenn er bei seinem Pferd wartet!«

Scotty nickt nur, kriecht dann weiter, schlägt einen Haken und erreicht den Gaul zuerst.

»Sir, nichts. Das Pferd trägt keinen Sattel.«

Der Major starrt eine Sekunde zur Ranch hinüber, betrachtet dann das Pferd genauer.

»Scotty, das ist ein Gespannpferd. Teufel, es kann nur am Wagen gewesen sein, mit dem dieser Phillips zur Stadt gefahren ist. Phillips ist also da, er steckt auf der Ranch. Der Bursche wird Brown umbringen, wenn er genug gehört hat.«

»Sir, dann müssen wir schnell reiten.«

»Nein!«, sagt der Major plötzlich. »Er müsste ein Narr sein, wenn er Brown umbringt. Hat er alles gehört, dann weiß er, dass die erste Gruppe in ein paar Stunden hier eintrifft. Finden unsere Leute einen toten Brown, dann wissen wir, dass ihn jemand umgebracht hat, der in Brown den Verräter sah. Nein, Scotty, er bringt ihn nicht um, er wird kommen. Mann, Sergeant, er muss einen anderen Gaul haben, einen Sattel. Schnell, Scotty, die anderen herholen, schnell, Mann!«

Der Major blickt auf die Ranch, sucht mit forschenden Augen die Corrals ab. Dann raschelt es hinter ihm leise, seine Leute sind da.