Die totgeglaubte Melodie - Elvira Alt - E-Book

Die totgeglaubte Melodie E-Book

Elvira Alt

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Beschreibung

Eine Mutter sitzt in der Klinik am Bett ihrer Tochter, die seit Wochen im Koma liegt. Während der Krankenwache erinnert sie sich an ihr bisheriges Leben. Nach und nach erfährt der Leser eine unglaubliche Kriminalstory voller Irrungen und Wirrungen, verbunden mit tragischen Familienkonflikten, wobei im Hintergrund das Phänomen des verbrecherischen Babyhandels mit seinen internationalen Verflechtungen steht.

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Seitenzahl: 145

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Elvira Alt

Die totgeglaubte Melodie

Detektei Indiskret

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1

Impressum neobooks

Kapitel 1

***

„Weißt du, dass du wunderschöne, gepflegte Hände und lange, schlanke Finger hast?“ Mit meinem Daumen fuhr ich über die feingliedrigen Finder ihrer linken Hand die ich umfasst hielt. „Der perlmuttfarbene Nagellack sieht sehr dezent aus, aber warum schneidest du dir die Nagelhaut ab Kind, das solltest du nicht tun …“

Erschrocken stellte ich mir die Frage, was das sollte. Ich faltete meine Hände, legte meine Daumen an meine Schläfen und blickte zu Boden; schloss für einen Moment meine Augen. Ich redete und redete auf meine reglos daliegende Tochter ein, in der Hoffnung, dass sie mich hören konnte.

Seit Wochen lag sie nun im Koma und wollte einfach nicht erwachen. Zu viel war geschehen. Schmerzen, Qualen, Enttäuschungen, die ihr junger Körper nicht verkraften konnte und sich, um sich selbst zu schützen, in nachtschwarze Dunkelheit hüllte.

Mein Blick streifte den verchromten Ständer rechts neben dem Krankenbett, an dem ein mit Flüssigkeit gefüllter Plastikbeutel hing. Langsam, Tröpfchen für Tröpfchen, rann die gelbliche Masse durch einen Schlauch bis zum Ende, wo eine Kanüle direkt in die Vene von Felizitas linker Hand eindrang. Die Schwester hatte vermutlich auf Anhieb nicht richtig die Ader getroffen. Ein Bluterguss, in der Größe eines Fünfmarkstücks, zeichnete sich auf ihrer blassen Hand ab. Man hielt Felizitas künstlich am Leben, ohne zu wissen, ob es einen Sinn hatte. Man konnte sie doch nicht so einfach sterben lassen. Ihr Herz war stark, nur fehlte der Wille, endlich zu erwachen.

Nur um nicht tatenlos einfach zu dazusitzen, die Minuten erschienen mir wie Stunden, begann ich mich zu erinnern. An meine Kindheit, Tage des Glücks, Tage mit meinem über alles geliebten Paps. Ich begann, Felizitas von mir – ihrer Mutter – von der sie gar nicht wusste, dass es sie gab, zu erzählen. Vielleicht um mich ihr näher zu bringen, ihr das Gefühl von Geborgenheit und Zuneigung zu übermitteln. Liebe, die sie nie kennen gelernt hatte. Oder einfach, um noch einmal die letzten Jahre vor meinen Augen ablaufen zu lassen.

***

„Ich erinnere mich noch genau an den 1. März 1959“, begann ich meine Beichte. „Es war ein großer Tag für mich. Mein zehnter Geburtstag. Papa und ich nahmen uns für diesen ganz besonderen Tag etwas ganz Besonderes vor“. Ein Lächeln umspielte meine Mundwinkel. „Paps versprach mir, in ein ganz tolles, französisches Restaurant zu gehen, ich könnte mir bestellen worauf ich Lust hätte. Das war schon was. Zuhause musste ich immer essen was auf den Tisch kam, damit mein Haushaltsplan, wie Mathilde sich ausdrückte, nicht aus dem Gleichgewicht kam. Die gute Mathilde war stets um mich besorgt. Sie umhegte und hätschelte mich so gut sie konnte. Pfundweise stopfte sie frisches Gemüse und Obst in mich hinein, es war für mich manchmal schrecklich. Mir dreht sich jetzt noch der Magen bei dem Gedanken an Spinat.

> Geld spielt heute keine Rolle <, sagte Paps, als er mir den Vorschlag mit dem Abendessen machte. Eigentlich spielte Geld bei uns nie eine Rolle. Ich fasste damals den Entschluss, nur einen Nachtisch zu bestellen. Ich war ein schlechter Esser; Paps und Mathilde hatten es diesbezüglich nicht leicht mit mir.

Anschließend planten wir noch einen Besuch auf dem Rummel. Paps versprach mir, einen großen Bären zu schießen. Kannst du dir das vorstellen?“, fragte ich mein schlafendes Kind. „Paps hatte nie in seinem Leben ein Gewehr in der Hand gehabt – und wollte mir einen Teddy schießen“. Ich fuhr fort: „Er wollte mir Zuckerwatte und Puffmais kaufen, mit mir Karussell fahren, ich sah damals genau das kleine, weiße Holzpferdchen vor mir, auf dem ich reiten würde, und ein Besuch in der Geisterbahn durfte selbstverständlich nicht vergessen werden.

Anlässlich meiner bevorstehenden Verabredung hatte Paps mir ein wunderschönes, schwarzes Samtkleid gekauft. Es hatte rosa Spitzen am Halsausschnitt und an den Armen – ich sehe es ganz genau vor mir – als ob es erst gestern gewesen wäre. Ein Paar schwarze Lackschuhe hatte ich auch bekommen. Sie waren so niedlich und klein, etwas zu klein, aber sehr schick und so verbis ich mir den Schmerz beim Laufen. Ich musste sie ganz einfach haben. Ja, Geschmack hatte mein Paps und er konnte mir keinen Wunsch abschlagen. Ich war aber auch ganz schön lange um den Laden geschlichen und mir meine kleine Nase an der Schaufensterscheibe platt gedrückt, bis ich endlich seine Aufmerksamkeit auf das Kleid und die Schuhe gelenkt hatte. Ja, so war er eben. Für seinen kleinen Liebling war ihm nichts zu teuer. Er war eben der beste Paps der Welt.

An jenem Abend durfte ich meine neuen Sachen tragen, ich wollte wie eine große Dame aussehen. Mathilde erlaubte mir sogar zur Feier des Tages Perlonstrümpfe zu tragen, das erste Mal, und meine weißen, durchsichtigen Handschuhe waren die Krönung, das Tüpfelchen auf dem i. Ich fragte mich damals, ob Paps es wohl bemerken würde, wenn ich mir etwas von Mathildes Rosenwasser hinters Ohr tun würde? Mein Gott, ist das lange her.“

Ich stand auf, ging durch das Krankenzimmer, lief auf und ab. Ein paar Mal. Dann blieb ich am Fußende des Bettes stehen, stützte meine Arme auf die Kante und berichtete Felizitas weiter von früher.

„Ende März“, viel mir ein, „begann die Wandlung. Wir waren im Kino. Wir sahen > La Habanera < mit Zara Leander in der Hauptrolle. Ich konnte damals der Handlung nur schwer folgen, verstand im Grunde genommen den ganzen Film nicht. Ich war einfach noch nicht reif genug Paps schaute kaum hin. Irgendwie war er mit seinen Gedanken weit weg.

Anfang April versprach Paps mir dann einen Theaterbesuch. Er fand > Hänsel und Gretel < wäre einfach kindgerechter für mich, nicht so schwer verdaulich wie ein Liebesdrama. Wir verschoben unsere Verabredung von einem auf das andere Wochenende, es wollte einfach nicht klappen. Paps hatte so viel Arbeit. Manchmal saß er bis spät in die Nacht über seinen Akten. Ich durfte ihn dann nicht stören. Aber hin und wieder tat ich es doch, nur um mich wieder in Erinnerung zu bringen. Paps war nie so richtig böse mit mir, auch wenn ich ihm offensichtlich manchmal auf die Nerven ging. Er nahm mich dann auf seinen Schoß und drückte mich fest an sich. Paps streichelte mir übers Haar und seufzte: > Mein armer kleiner Liebling <. Dann bekam ich einen Kuss auf die Stirn, er stellte mich wieder mit den Füßen auf den Boden, und gab mir einen Klaps auf den Podex. Ich schlich mich dann ganz leise aus dem Zimmer, damit Paps wieder weiter arbeiten konnte.“

Leise wurde die Zimmertür geöffnet, eine der Krankenschwestern mit weißem Häubchen streckte den Kopf herein: Schichtwechsel. Sie lächelte mir aufmunternd zu und zog von außen die Tür wieder ins Schloss. Ich ging zum Fenster und sah hinaus. Es begann zu regnen. Ich sprach weiter: „Ende April passierte dann etwas für mich ganz außergewöhnliches. Paps und ich spielten wieder einmal > unser < Spiel. Wir nannten es: Was habe ich meinem kleinen Liebling heute mitgebracht.

Paps brachte mir immer etwas mit, wenn er das Haus verließ. Selbst, wenn er nur zum Kiosk ging um eine Zeitung zu kaufen. Entweder brachte er mir ein kleines Bilderbuch, einen Comic Strip von Mickymaus, oder einfach nur Süßigkeiten mit. Er versteckte es dann irgendwo im Haus, und ich musste es suchen. Das machte Spaß!

Paps ging – wie an jedem Samstag – zeitig aus dem Haus, um sich am Wasserhäuschen eine Zeitung zu kaufen. Ich war fest davon überzeugt, dass Paps wieder etwas für mich besorgt und in seinem Schreibtisch versteckt hatte, obwohl er verneinte. Das gehörte ab und zu auch zu unserem Spiel, musst du wissen. > Wahrscheinlich hat er mir eine Wundertüte mitgebracht <, freute ich mich. Also ging ich, ohne seine Hilfe durch > heiß und kalt <, allein auf die Suche. Ich zog die erste, dann die zweite Schublade auf, fand aber nichts. Aber ich entdeckte etwas anderes. Einen roten Aktendeckel mit der Aufschrift > privat, vertraulich <. Ich nahm ihn aus der Lade. Er fiel mir vor Schreck aus den Händen, als Mathilde den Raum betrat.

Ich weiß es noch ganz genau, ich zischte sie damals recht unfreundlich an, nicht immer so wie eine Katze durchs Haus zu schleichen.

Ich hatte lediglich eine ausgeschnittene Zeitungsanzeige auffangen können, der Rest lag auf dem Fußboden. Neugierig las ich: > Der Einsamkeit müde. Witwer, vermögend mit Kind, sucht liebevolle Partnerin. Wer verbringt mit mir einen harmonischen Lebensabend? < Ich konnte gerade noch einen Blick auf ein paar Briefumschläge und einige Fotos werfen. Aber da war bereits Mathilde an meiner Seite, nahm mir das Papier aus den Händen und half mir die Sachen wieder einzusammeln, ohne ein Wort zu verlieren und ihren Gesichtsausdruck zu verändern. Was hatte das zu bedeuten? Als ich später noch einmal nachsehen wollte, war die Schublade verschlossen.

Ende Mai stellte ich dann die totale Veränderung bei Paps fest. Früher verbrachten wir viel Zeit miteinander.

Er was nicht mehr der alte Paps, wie ich ihn von früher her kannte. Ich spürte eine Wandlung und wusste doch nicht, was sie zu bedeuten hatte. Wenn ich Paps von meinen Kinderproblemen, etwa einem Streit mit dem Nachbarsjungen Gerd erzählte, und wir zankten uns oft, dann hatte ich das Gefühl, nicht seine Aufmerksamkeit zu haben, er hörte mir gar nicht zu. Meine kleinen Sorgen schienen ihn nun nicht mehr zu interessieren.

Ich fand, dass Erwachsene manchmal schon komisch waren und so beschloss ich, nie erwachsen zu werden. Ich wollte nur immer bei meinem Paps bleiben, so lange, bis ich alt und grau würde und Runzeln bekäme, und noch viel länger. Ich wollte für immer Paps kleines Mädchen bleiben.

Manchmal dachte ich auch an meine Mutter. Sie wäre damals, 1957, 27 Jahre alt gewesen. Ich malte mir aus, wie es wohl wäre, wenn sie bei uns hätte sein können.

Da ich mich nicht mehr an sie erinnern konnte, beschloss man der Einfachheit halber das Kind, also mich, in dem Glauben heranwachsen zu lassen, dass Mama schon lange tot sei. Gerade als der Klapperstorch mich gebracht hatte – log man mir vor – hätte der liebe Gott meine Mutter zu sich geholt.

Der spärlichen Beschreibung nach, die man mir von ihr gab, musste sie sehr schön gewesen sein. Leider hatten wir kein einziges Bild von ihr. Es gab überhaupt nur ein einziges Foto von einer Frau im ganzen Haus und das stand auf dem Schreibtisch von Paps. Eine Schwarzweißaufnahme von einer Schauspielerin, mit der Widmung: > In Liebe und ewiger Dankbarkeit Deine Elli <. Er war ein großer Fan von ihr. Ihr Name: Eleonore Garett.

Wenn Paps von meiner Mutter erzählte, wurde er stets ganz traurig. Ich stellte sie mir immer so wie diese Eleonore Garett vor. Wie ein Engel oder eine Fee, mit wunderschönem langen, blondem Haar und durchsichtigen Flügeln. Man machte mir ja auch weiß, dass sie ein Engel sei und im Himmel wohnen würde und Mathilde erschien mir nicht passend.

Ich sollte meiner Mutter sehr ähneln, hörte ich eines Tages Mathilde zu Paps sagen. Ich hätte die gleichen Augen wie sie. Von jedem eins.

Paps erklärte mir, dass alle weiblichen Vorfahren und Nachkommen meiner Mutter diese Augen hätten.

Ein grünes und ein blaues.

Genau wie du, mein Liebling“, sagte ich zu Felizitas, „wenn du doch nur endlich erwachen würdest.

Anfang August 1959 beachtete Paps mich dann kaum noch. Was war passiert? Früher hatten wir immer am Abend vor dem Zubettgehen lange miteinander gespielt. Vor dem Einschlafen bekam ich von ihm dann noch eine Geschichte erzählt, oder ein Märchen vorgelesen. Und dann? Paps ging fast jeden Abend allein aus. Ich konnte mir nicht erklären, wohin er ging und mit was er sich die Zeit vertrieb. Er sagte es mir auch nicht, obwohl ich ihn ständig danach fragte, und irgendwann war ich es leid.

Es war meist Mitternacht, wenn er endlich nach Hause kam. Ich wurde fast immer wach, denn Paps war laut und fröhlich. Manchmal hatte er auch einen Schwips und sang dann: > So ein Tag, so wunderschön wie heute <, und ich war traurig, weinte mich in den Schlaf.

In der Nachbarschaft tuschelte man bereits hinter vorgehaltener Hand über uns. Ich hörte die Leute sagen, dass es sich nicht schickt, wenn Paps den jungen Dingern nachsteige. Er sollte sich in seinem Alter schämen.

Paps war zu diesem Zeitpunkt bereits 59 Jahre alt.

Sie sagten auch; > das arme Kind! <.

Mein Sandkastenfreund Gerd aus dem Nachbarhaus durfte nicht mehr zu uns kommen. Sein Vater, Herr Sennert der Schulleiter, ein sehr gebildeter und strenger Mann mit Poposcheitel und Monokel, hatte ihm den Umgang mit mir strengstens verboten.

Ich hatte so ein ungutes Gefühl. So, als ob irgendwas passieren würde. Ich hatte schreckliche Angst.“

***

Ein Schlüssel wurde in ein Türschloss gesteckt, eine Wohnungstür sprang auf.

„Mathilde? Du bist schon zurück?“, rief eine Frauenstimme aus dem Wohnzimmer, das sich genau gegenüber der Eingangstür befand.

„Ja Elli, ich habe mich beeilt. Es beginnt zu regnen“. Die Frau zog ihren Mantel aus und schüttelte die Tropfen ab. Mit einer Hand fuhr sie sich durch das feucht gewordene Haar, drückte sich ihr Dutt zurecht und steckte die Haarklämmerchen neu.

„Nein, nicht schon wieder Regen. Hast du die Zeitung?“, fragte Elli während sie sich von der geblümten Couch erhob, ordentlich die Kissen in die Ecke setzte und mit der Handkante einen Knick in der Mitte machte.

„Hier bitte“, Mathilde reichte ihr die gewünschte Tageszeitung.

„Hast du schon nachgesehen, ob die Anzeige erschienen ist?“

„Aber nein, ich bin gleich nach Hause gelaufen. Ich weiß doch, wie ungeduldig du schon darauf wartest.“

Elli lächelte zufrieden. Ihre Augen glänzten erwartungsvoll.

„Machst du dir vielleicht nicht zu viel Hoffnung? Es ist doch alles schon so lange her … wenn überhaupt … ich weiß nicht, ob das richtig von dir ist …

Um mehr Platz zu haben, kniete sich Elli auf den Teppichboden und breitete die Zeitung aus. Direkt neben Elli stellte Mathilde einen großen Kasten mit erlesenen Pralinen. Beide naschten für ihr Leben gern. Auch Mathilde begab sich auf die Auslegware und verharrte mit gemischten Gefühlen der Dinge. Aufgeregt, mit zitternden Händen blätterte Eleonore Garett die Seiten durch. Sie war nicht mehr die Jüngste, aber für ihre 58 Jahre, zweimal geliftet, noch sehr passabel. Da und dort hatte sie ein bisschen wegnehmen lassen, die moderne Kosmetikchirurgie macht ja heutzutage so manches möglich. Aus einer Rentnerin eine Dame mit Konfektionsgröße 36, die man höchstens auf 45 schätzte.

Mathilde beobachtete Ellis seltsames Treiben, wie sie hektisch die Seiten umblätterte und dabei die ganze Zeitung zerpflückte. Sie stand auf, ihre Knie schmerzten, und ging in die Küche, um sich eine Tasse aus dem Hängeschrank über der Spüle zu holen. Dann kehrte sie zurück in das großzügig eingerichtete Wohnzimmer, nahm auf dem Chaiselongue Platz und goss sich aus der Thermoskanne, die auf dem Tisch stand, eine heiße Tasse Kaffee ein. Sie trank ihn schwarz. Mathilde blickte auf den schmalen Rücken von Elli und hing ihren eigenen Gedanken nach.

Am vergangenen Wochenende, als Eleonore und Mathilde in einem Sachsenhäuser Apfelweinlokal waren, kam eine Zigeunerin an den Tisch der beiden Damen und las Elli unaufgefordert aus der Hand.

Zur allgemeinen Überraschung sah die Wahrsagerin in den einzelnen Linien, dass Eleonore „Großmutter“ war.

Eleonore hatte sich so in die Idee verrannt, dass sie am darauf folgenden Montag in sämtlichen großen Tageszeitungen, die im ganzen Land erschienen, folgende Anzeige geschaltet: Suche mein Enkelkind. Geboren am 6. Juni 1966 an der Nordsee. Jeder Hinweis wird mit 5.000,00 DM belohnt.

Mehr wusste sie nicht.

Eleonore hatte die Spalte mit dem Inserat gefunden. Dick und fett sprang sie automatisch dem Leser ungewollt ins Auge. „Wenn sich da niemand meldet, werde ich die Summe erhöhen müssen.“ Sie stand auf, ging zum Fenster und sah hinaus.

Der Fluss, auf den sie blickte, wirkte grau und verschmutzt. Ja früher, da konnte man im Main noch schwimmen. Sie erinnerte sich, dass sie ihn einst mit letzter Kraft überquert hatte.

Es goss mittlerweile in Strömen. Ein Schiff fuhr flussaufwärts. Ein Vergnügungsdampfer, die Wiking II, verließ Frankfurt. Eleonore konnte das bunte Treiben an Bord beobachten. Eine lustige Gesellschaft trieb ihr Unwesen, es wurde getanzt, geschunkelt und gesungen. Sie öffnete das Fenster, um befreit atmen zu können. Ihr Herz machte ihr wieder schwer zu schaffen. Leise Musik drang an ihr Ohr.

„Meinst du, dass wir das Kind finden werden?“, wollte Mathilde wissen.

Eleonore drehte sich um und lehnte sich mit ihrem Steißbein gegen die Fensterbank. Sie überlegte. Es würde vermutlich eine ganze Weile dauern bis sie, wenn überhaupt, ihr Enkelkind in die Arme schließen konnte. „Ach Mathilde“, seufzte sie.

„Entschuldige, ich vergaß, wir wollten darüber ja nicht mehr diskutieren … aber das arme Kind“. Mathilde traten Tränen in die Augen. Sie zerknüllte das in der Hand haltende Taschentuch.

„Es ist alles so lange her … und war vorbei ist, ist vorbei. Eleonore ging auf das Sofa und Mathilde zu, setzte sich auf den Rand und legte ihren Arm um Mathildes Schulter. Sie senkte ihren Kopf und legte ihre Stirn auf das Haupt der anderen. Eine Weile verharrte sie schweigend, dann erhoben sich die zwei gleichzeitig, wortlos wie auf Kommando. Elli ergriff die Hand von Mathilde und zog sie mit zum Fenster. Beide sahen auf den Main. „Was hältst du von einer Kreuzfahrt?“, fragte Eleonore Mathilde, um das Thema zu wechseln.

„Ich mach mir solche Vorwürfe …“, flüsterte Mathilde wie zu sich selbst.