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Lilli von Medenbach, Anfang 50, glücklich verheiratet - momentan Strohwitwe, erfolgreiche Geschäftsfrau, junggebliebene Mutter einer Tochter, Großmutter zweier bezaubernder Enkel, langweilt sich. Für die täglichen Lasten des Alltags hat Lilli ihre guten Geister und ihr Regiment voll im Griff. Als sie für ihre Tochter händeringend einen Koch sucht gerät sie plötzlich von einem Abenteuer ins Nächste. Die Katastrophen nehmen kein Ende.
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Seitenzahl: 92
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Elvira Alt
Rufmord
Detektei Indiskret
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Aus dem Leben eines Busfahrers.
Impressum neobooks
Roland hatte Frühschicht. Punkt 7:00 Uhr lenkte er seinen Linienbus um die Ecke zur Endhaltestation < Hotel Jonas >. 10 Minuten Pause, dann würde er wieder los fahren. Schon von weitem sah er zwei Personen an der Haltestelle sitzen. „Na, das wird ja wieder ein schöner Vormittag“, murmelte er in seinen Bart.
Die beiden Damen waren ihm bekannt, und nicht nur diese beiden, denn es handelte sich insgesamt um vier Fahrgäste, spezielle Fahrgäste. Nummer drei kam in aller Eile mit einer Gehhilfe ziemlich flott auf die Haltestelle zu. Roland stoppte den Bus und öffnete die Tür.
„Na Muddi, wieder einmal eine Stadtrundfahrt?“, begrüßte er die Frau.
„Sei nicht so frech und hilf uns lieber!“, herrschte ihn Emma an. Sie stand auf und zerrte umständlich an ihrem mitgebrachten Campingtisch.
„So warte doch einen Moment, ich helf Dir doch. Lass mich bitte nur meine Zigarette zu Ende rauchen, wir haben doch noch 10 Minuten und das Tantchen ist auch noch nicht da“.
„Seit wann rauchst Du wieder?“, wollte Emma wissen.
„Das ist eine lange Geschichte“, antwortete Roland.
Sie gab keine Ruhe, ließ ihn einfach stehen und drückte und schubste ihren Tisch in den Bus.
Auf der linken Seite hinter dem Fahrer befinden sich jeweils zwei Sitzplätze gegenüber, insgesamt also vier. Und genau das war der Platz der Begierde, den Emma anstrebte. Am liebsten hätte sie 4 Namensschilder mit den Worten < reserviert für … > angebracht, doch das hätte den Rahmen gesprengt. Zwischen diese beiden Sitzreihen stelle Emma recht umständlich den Campingtisch auf. Gefolgt von Anna, die ihre mitgebrachte Tasche auf den Sitz stellte und nun eine Tischdecke ausbreitete, Tassen, eine Thermoskanne mit Kaffee, fünf Servietten und belegte Brötchen auspackte. „Komm Roland, jetzt wird erst einmal ordentlich gefrühstückt“, forderte sie liebevoll den Busfahrer auf.
Elisabeth erreichte außer Atem die Haltestelle. „Morgen“, rief sie kurz in die Runde, „es Sannche kommt auch gleich.“
15 Minuten später setzte sich der Bus mit 5 Minuten Verspätung wieder in Bewegung. Auch Susanne war zwischenzeitlich eingetrudelt und jede saß auf ihrem Stammplatz.
„Geben, hören, sagen“, begann Emma das Gespräch und breitete die Tageszeitung aus. „Es Liesbett hat gegeben. Sannche sagt an!“
„18?“, fragte Susanne Anna, diese antwortete: „Ja.“
„20?“, reizte nun Susanne, und Anna entgegnete wieder mit einem: „Ja.“
„Passe!“, resignierte Susanne.
„Liesbett, mehr als 20?“ fragte sie Anna. „Nein, Dein Spiel.“
„Mit eins, Spiel zwei, mal Herz, Emma, schreib auf.“
Da man Skat nur mit 3 Personen spielen kann, musste eine immer aussetzen.
„... Geldwert einer Ware …, das ist der Preis. Feine Hautöffnungen mit P und 5 Buchstaben …“, brummelte Emma vor sich hin. „Das sind die Poren, Autor von Robinson Crusoe … gestorben 1731 …, Mist, jetzt habe ich mich verschrieben, hat jemand von Euch einen Radiergummi in der Handtasche?“
Dieses Schauspiel trug sich jede Woche donnerstags zu. Roland freute sich schon wie ein Schneekönig auf seine Arbeit nach Feierabend im < Kaffeeklatsch > und in der Hoffnung, dass es Neuigkeiten von Melanie gab.
„Habt Ihr das schon von Melanie gehört?“, wisperte Anna. „Sie soll sich in Dubai einen Scheich geangelt haben.“
„Sei leise!“, herrschte Liesbett sie an. „Sonst bekommt unsere Spaßbremse von Busfahrer einen Tobsuchtsanfall und fährt uns alle in den Graben. Er hat wieder Ringe unter den Augen wie Autoreifen, der arme Kerl. Roland arbeitet einfach viel zu viel.“
„Ich weiß auch etwas Neues“, meldete sich Emma zu Wort. „Tess ist mit Dieter in Kanada.“
„Sei vorsichtig mit deinen Äußerungen, sonst zeigt Dich Lilli wegen Rufmord an“, tadelte sie Susanne. „Du hast schneller eine Klage am Hals als Du einem mit den Wimpern blinzelst.“
***
Liebe Melanie,
na, wie war Dein Tag?
Wie sollte ich beginnen? „Na, wie war Dein Tag?“, na, wie wird er wohl schon gewesen sein. Mit Schirmchen-Drinks am Strand! Die Sonne auf den Pelz brennend < hoffentlich hat sie sich richtig eingecremt. Sie ist so empfindlich >. Und ich saß hier ganz allein mit all dem Mist!
Ich zerknüllte das Papier, stand auf und ging zur Kaffeemaschine, sah aus dem Fenster. Da kam Kurt mit geschultertem Gewehr. Ich winkte ihm zu und nahm die Hundeleinen. Gemeinsam mit Kanellos, Libby und Sir Henry ging ich zur Haustür und öffnete sie.
„Hallo Kurt, schön, dass Du mir den Spaziergang abnimmst. Schießt Du auf Hasen oder Enten? Du weißt schon, dass das keine Jagdhunde sind?“ Ich wusste, dass er einen Angel- und Jagdschein besaß.
Er lachte ohne auf meine Frage einzugehen. „Aber das mach ich doch gern.“
Und schon waren die drei weg.
Wieder saß ich vor einem leeren Blatt Papier.
Liebe Melanie,
wann kommst Du endlich zurück? Ich schaff das nicht länger allein!
Nein, nein, nein. So konnte ich nicht beginnen. Ich zerknüllte das Papier. Wie lange war sie jetzt weg? Einen Monat, sechs Wochen? Sie hatte sich eine Auszeit verdient, brauchte unbedingt einen Tapetenwechsel - versuchte ich mich zu trösten. Aber ich! Mich gab es ja schließlich auch noch.
Wir wohnen nun seit fast 20 Jahren in der Lindenallee, unserer Straße. Einerseits ist sie öffentlich, andererseits ein Privatweg, am Ende ist ein großer See. Tante Tess hat mir beziehungsweise uns, Melanie und mir, die Häuser überschrieben.
Wie gesagt, am Ende ist ein großer See, natürlich privat. Dort befinden sich fünf kleine Boote die man im Sommer stundenweise mieten kann. Kurt kümmert sich um die Instandhaltung.
Die Häuser, spanische Stadthäuser, sind sehr schmal. Eine Wendeltreppe mit 42 Stufen führt bis unters Dach. In jedem Stockwerk gibt es zur Hofseite hin kleine Julia-Balkönchen.
Kurt wohnt direkt am See auf der linken Seite. Ich, Lilli, ihm gegenüber.
Neben Kurt wohnt unsere Sophie, ihr gegenüber Melanie.
Dann kommt links Tante Tess, das Haus auf der gegenüberliegenden Seite steht zurzeit leer.
Neben Tante Tess wohnt unser Clemens in der Einliegerwohnung, im Parterre hat Dr. Maul, ein Psychiater, seine Praxis, gegenüber residiert Esther.
Dann kommt schon Eva, die sich um die Häuser kümmert und auf der anderen Seite Roland. Er ist eigentlich unser Fahrer, kümmert sich aber auch um den Service in unserem – nein, nein, - um < Melanies Cafe >.
Eva ist so eine Art Hausverwalter, unser Mädchen für alles. Wenn die Bäume im Hof geschnitten werden müssen oder die Blumenkästen an den Häusern, die Vorgärten und Beete Wasser brauchen. Sie kümmert sich um sämtliche Haustiere während der Urlaubssaison, leert die Briefkästen. Das alles machte Eva und noch viel mehr, ich kann mich auf sie verlassen. Als finanziellen Ausgleich wohnt sie kost- und logiefrei.
Wieder begann ich: Liebe Melanie,
Deine Hunde, die Häuser, die Firma. Mir steht das Wasser bis zum Hals.
Innerlich kochte ich vor Wut. Außer einer Postkarte aus Italien, ohne Briefmarke: < Hallo Ihr Lieben, heute ist der dritte Tag in Rom, wie immer war es sehr schön und ich habe viel leckere Pizza und Pasta gegessen. Gleich geht es weiter … aber die Münze in den Fontana di Trevi habe ich noch schnell hineingeworfen. Kuss Melanie, Fax-Nummer >.
Diesmal zerriss ich den Brief. Ich stand auf und ging zur Kaffeemaschine, sah aus dem Fenster. Das Radio dudelte. Roland war im Anmarsch. Ich winkte und ging zur Haustür.
„Hallo Roland, grüß Dich. Ist im Geschäft alles in Ordnung?“
„Na ja. Wie man‘s nimmt. Nora ist krank. In der Küche stapelt sich das Geschirr bis zur Decke. Christoph hatte einen Unfall mit dem Wagen, jedoch nur ein Blechschaden. Es gab zwei Reklamationen bei den Lieferungen. Die Tischdecken sind noch in der Wäscherei. Eine Anfrage für eine Hochzeit mit siebzig Personen. Der Fisch wurde nicht geliefert, aber Gisela hat alles im Griff.“
„Na bestens, wie immer. Bringst Du mir die Tageseinnahmen?“
Roland reicht mir einen Umschlag mit Geld.
„Hat sich Melanie gemeldet?“
„Nein, heute noch nicht, ich wollte ihr gerade schreiben.“
„Sag ihr viele Grüße von mir.“
„Klar, mach ich. Roland, ich habe nicht viel Zeit, muss in einer halben Stunde zur Maniküre. Mach‘s gut, bis morgen.“
Schnell schlug ich ihm die Tür vor der Nase zu.
Roland ist unsterblich in meine Tochter verliebt, er würde sein letztes Hemd für sie geben, allerdings ist diese Liebe einseitig. Melanie hat gar kein Interesse an ihm. Nur ein guter Freund der sich für nichts den Hintern aufreißt.
Roland ist von Beruf Busfahrer, verbringt aber jede freie Minute im Cafe, nur um Melanie nah zu sein.
Liebe Melanie,
ich weiß gar nicht wo mir der Kopf steht. Morgen muss ich zum Zahnarzt und am Montag gehe ich für zwei Tage in die Klinik. Wer soll sich in der Zwischenzeit um die Hunde, meine Katzen, das Cafe, die Auslieferungen im Catering, den See, die Häuser, die Pflanzen – quasi alles – kümmern. Hast Du jemanden kennengelernt? Wer ist es, wie sieht er aus. Wo kommt er her, was macht er beruflich, hat er Geld? Ist er am Ende vielleicht verheiratet oder gar geschieden? Hat er Anhang, ist er katholisch? Du weißt, Roland steht in den Startlöchern … warum meldest Du Dich nicht. Ist alles in Ordnung?
Abermals zerknüllte ich den Brief. Ich konnte ihr das Herz doch nicht so schwer machen.
Um Kanellos, den Griechen, Libby aus Rumänien und Teneriffa Henry kümmerte sich dreimal am Tag Kurt. Eva sorgte für unsere Vorgärten, fegte den Hof. Roland hatte das Cafe voll im Griff.
Eigentlich ging es mir gut – aber das musste Melanie ja nicht wissen. Sie sollte das Gefühl haben gebraucht zu werden!
Sophie, meine Püppi, Weltenbummlerin, tingelte momentan um die Welt. London, Paris, Mailand. Sie ist ein gefragtes Mannequin, auch ohne Casting-Show.
Mein Clemens, mein Rasenheld, little Darling, befindet sich in München. Er kickt bei Bayern München und in unserer Nationalmannschaft.
Ich ging zur Kaffeemaschine, sah aus dem Fenster. Ein Fahrradkurier. Was wollte der denn? Oh Gott. Was brachte er mir jetzt für Hiobsbotschaften?
Langsam ging ich zur Haustür. Ich könnte ja auch so tun, als ob niemand da wäre.
Es klopfte, die Hunde schlugen an, ich erschrak zu Tode und öffnete die Tür nur einen Spalt breit.
„Ein Eilbrief von Tante Tess mit den Hausschlüsseln! Sie sollen sich unverzüglich um Sissi kümmern.“.
Woher wusste er, wer Tante Tess ist? Woher wusste er, dass der Brief für mich ist?
Ich öffnete nur den Mund konnte nichts sagen, stand da wie angewurzelt. Na das war doch mal eine Ansage. Jetzt auch noch der Vogel! Langsam kam wieder Bewegung in mich. Der Kurier hatte längst seinen Hintern aufs Fahrrad geschwungen und radelte von dannen.
Sissi. Darum sollte sich mal schön Roland kümmern. Eigentlich ist es sein Vogel, aber da Tante Tess immer so allein war (wenn sie überhaupt einmal hier war) hatte er ihr ihn quasi in Pflege gegeben. Was ging mich dieses Viech an!
Langsam kam wieder Leben in mich. Tess ist doch schon seit längerer Zeit nicht mehr hier gewesen.
Liebe Melanie,
ich hoffe, Du hattest einen schönen Tag. Schlaf gut und träum etwas Schönes.
Hab Dich lieb. Mama.
Ich malte noch ein Herzchen und legte den Zettel aufs Fax.
***
