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Franky, Privatier der Detektei Indiskret, ist ein charmanter, begeisterungsfähiger Alleskönner, der seinen wahren Charakter abwechselnd gern hinter Naivität und Arroganz verbirgt. Es ist nicht immer logisch oder erklärbar was er tut und warum er es tut. Franky tut es einfach. Für ihn ist das ganze Leben ein großes Spiel. Um einem Bekannten einen Gefallen zu tun und um anschließend seinen Mörder zu finden, stürzt er sich verbissen in ein Abenteuer voller Sünde und Lasterhaftigkeit. Bei seinen Recherchen deckt er jede Menge Ungereimtheiten auf – und findet am Ende die Liebe seines Lebens. Aus dem Main wurde eine Leiche gefischt. Wer ist diese Frau? Die angebliche Tote, die Ben suchte?
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Seitenzahl: 194
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Elvira Alt
Sodom und Gomorrha
Detektei Indiskret
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Detektei Indiskret – Sodom und Gomorrha
Am Anfang war der Seitensprung
Sascha Junk
Die fünfte Jahreszeit
Burlesque
Im Zoo
Viktoria
Drachenbootrennen
Am Treffpunkt
Im Krankenhaus
Der Morgen danach
Die Nachtwache
Belgische Pralinen
Ben lässt die Katze aus dem Sack
Das Stelldichein
Zum blauen Affen
Der Briefumschlag
Auf dem Wochenmarkt
Rent-A-Temp
Franky ging in den ersten Stock.
Auf dem Golfplatz – 19. Loch
Ball der einsamen Herzen
Die Entführung
Klappe zu, Affe tot
Franky beim Frisör
Vikar Junk
Frankys Resümee
Das Schiffchen
Sportpresseball
Auf die Plätze, fertig, los!
Die Fahrt ins Ungewisse
Die Nacht der langen Messer
Ein Wagen näherte sich dem Haus ...
Wo ist Rex?
Impressum neobooks
Julias Horoskop: Sie brauchen mehr Geld? Einen Kredit? Sprechen Sie bei Ihrer Bank auch ein unangenehmes Thema an.
Saschas Horoskop: Sprengen Sie ruhig den Rahmen. Das bringt die nötige Würze ins Leben.
Zwischen ihrer Leidenschaft für kulinarische Genüsse und der Sehnsucht nach Körperformen, auf die sie stolz sein konnte, herrschte ständig Krieg. Nicht, dass Julia es nicht versucht hätte! Wie alle anderen hatte sie sich in Schlamm gebadet, sich in Seetang wickeln, in heißes Wachs packen und in warme Tücher einmummen lassen. Sogar zum Kauf eines Heimtrainers hatte sie sich verstiegen, den sie auch eine ganze Woche lang eifrig benutzte. Inzwischen diente er jedoch nur noch als Kleiderständer für die Garderobe des vergangenen Tages.
Vergeblich versuchte Julia ihren Heißhunger zu zügeln. Über die plötzliche Gewichtszunahme war sie sehr unglücklich. Sie versuchte es mit Appetitzüglern und einem Hypnotiseur, der ihr mit sonorer Stimme wieder und wieder einschärfte, dass sie sich niemals, wirklich niemals mehr überfressen dürfe.
Die Ursache allen Übels hatte allerdings einen ganz anderen Grund. Eifersucht!
Sascha Junk verbrachte die Mittagspausen immer außer Haus – und das machte Franky stutzig! Wie ein Wildschwein, auf Trüffelsuche, heftete er sich an seine Fersen.
Mysteriöse Geschichten über Saschas Privatleben gab es zur Genüge. Es waren haarsträubende Geschichten über sein Liebesleben im Umlauf. Franky kannte sie nur vom Hörensagen. Gerüchten zufolge unterhielt er, neben seiner Ehe, noch Beziehungen zu weiteren Frauen.
Franky mochte Regina, Saschas Ehefrau, aber er war ihm ein Dorn im Auge. Er vermutete, dass Sascha Dreck am Stecken hatte. Und davon jede Menge!
Sascha, ein gutaussehender Mann, den er vermutlich gemocht hätte, wenn Franky nicht wüsste, was sich hinter seiner charmanten Fassade verbarg.
Es hatte wieder zu schneien angefangen. Der Schnee blieb auf den Straßen liegen. Weiße Wege, die sich irgendwo zwischen grauen Häuserreihen verloren. Trostloses Wetter, das müde und mutlos machte. In der eisigen Luft stieg Frankys Atem in weißen Wolken auf. Es war kalt. Kalt, nicht die Schneeflöckchen-Kälte sondern die leibhaftig gewordene Antarktis.
„Ruiniert? Damit habe ich noch nicht mal angefangen, Du Mistkerl!“, schrie Julia ihn an, ihre Augen quollen erneut über.
Er hatte sie schon an sich gezogen und verschloss ihren Mund mit einem langen Kuss. Sie zappelte in seinen Armen, stemmte ihre Fäuste gegen seine Brust und versuchte, ihn in die Lippen zu beißen. Ihre Haare kitzelten ihn am Ohr.
Solchen Gefühlsaufbrüchen fühlte er sich momentan nicht gewachsen. Beide waren nackt. Für Sascha war ihr Körper, dass aufregendste, was er je gesehen hatte. Sogar jetzt, als ihm das Blut aus den Kratzwunden über sein Gesicht lief, die sie ihm beigebracht hatte, war er erregt. Was für eine Frau. Ihre Aura raubte ihm die Sinne. Eine fleischgewordene Göttin und er war die Opfergabe. Sascha stürzte sich auf sie, nahm sie mit einer Leidenschaft, in der keine Spur von Liebe oder Zärtlichkeit lag. Er fühlte sich auf dem Gipfel seiner Manneskraft und seine Erregung wurde noch von wildem Hass gesteigert.
In letzter Zeit kam es ihm vor, als sei Julia fremdgesteuert. Zum hundertsten Mal fragte er sich, wie er sich nur in diese aussichtslose Lage hatte manövrieren lassen können. Hatte er sich nicht immer für den glücklichsten Mann der Welt gehalten?
Sascha sah in den Spiegel und hatte das Gefühl, in eine Dornenhecke gefallen zu sein.
„Sieh nur, was Du angerichtet hast. Ich weiß, Du wolltest das nicht.“
Er trat auf das Bett mit den monogramm-bestickten Satin-Laken zu und wollte sie an sich ziehen.
Sascha spürte, wie ihr Körper unter seinen zärtlichen Händen schon weich wurde, nachgab. Sie versuchte sich seiner heftigen Zärtlichkeiten zu erwehren. Julia riss den Kopf zur Seite, sodass seine Küsse ihren Hals trafen. Nur noch wenige Augenblicke, und der Widerstand würde gebrochen sein - dachte Sascha. Sie schlang ihre Arme um seinen Körper und ihre Fingernägel krallten sich, wie die Krallen einer Katze, in seinen Rücken. Er schrie auf vor Schmerz und löste sich aus ihrer Umarmung.
Sie schmiegte sich nicht an ihn, sondern pflanzte sich in schamloser Dreistigkeit vor ihm auf. „Schrei nur! Hätte ich ein Messer, dann würde ich ihn Dir abschneiden und in den Mund stecken!“ Sie spuckte Gift und Galle.
Sascha bemerkte, wie sich seine Nackenhaare leicht sträubten. „Bitte, Julia!“, bettelte er. „Das Kind könnte Dich hören.“
An einem Fenster blühten die ersten Eisblumen.
Wieder versuchte er sich ihr zu nähern.
„Rühr mich nicht an!“, knurrte sie.
Sie turnte über das Fußende des Bettes und angelte nach ihren Hausschuhen und einem T-Shirt, zog beides an. Julia trat an einen Spiegel, presste die Hände gegen die erhitzten Wangen und fuhr sich mit einem Kamm durch die Haare.
Sein Stolz war verletzt. „Von der Mutter meines Kindes erwarte ich ...“
„Ach so, ich soll lieb zu Dir sein. Dann gib mir endlich was ich haben will!“
Nervös sah Sascha zur Tür. „Ich kann doch nicht, ich hab doch nichts“, sagte er beschwichtigend.
Er bemerkte, dass er einen Fehler gemacht hatte, noch bevor er ihr böses Lachen hörte.
„Dann besorge es Dir“, schrie sie. „Du hast es versprochen!“ Anzeichen von Hysterie machten sich wieder bemerkbar. Sie gebärdete sich wie jemand, der während eines Zechgelages unvermittelt und auf schreckliche Weise ernüchtert wurde.
Sie stellte sich mit verschränkten Armen vor die Tür. „Die Bedingungen sind nicht verhandelbar!“
Zum wiederholten Mal bekam er eine Ahnung davon, wie groß ihre Angst war, finanziell mittellos dazustehen, wie sie schimpfte und mit dem Schicksal haderte - und wie resolut, diese Nervensäge, werden konnte. Er musste schnellst möglichst verschwinden, bevor die Nachbarn wieder die Polizei riefen.
„Eine Million aufzutreiben, das braucht nun mal Zeit“, versuchte er sie zu beruhigen. Sascha atmete tief ein und seufzte dann ergeben. „Aber ich werde einen Weg finden“, räumte er friedfertig ein.
Dieses Angebot ließ wieder den Anschein von Eintracht einkehren, dachte er, doch seine Antwort brachte sie innerlich zur Weißglut. Eine Weile blieb es still.
Dann drehte er sich um und ihre Miene war so wutentbrannt, wie eine Naturgewalt, so, dass Sascha erstarrte. Diese Julia kannte er nicht und das machte ihm Angst. Hastig zog er sich an. Währenddessen stürmte Julia durch das Zimmer. Sascha betete sie an. Was für eine Frau! Aber irgendwie hatte sie sich verändert. Sie hatte etliche Kilos abgenommen. Julia sah erschreckend dünn aus. Viel zu dünn.
Er warf einen Blick in den Spiegel. Kleine Blutrinnsale liefen ihm über die Wangen. Kratzwunden, die ihm Julia beigebracht hatte.
Wieder versperrte sie mit verschränkten Armen den Ausgang.
„Wie soll ich das nur meiner Frau erklären?“
„Das ist mir vollkommen schnuppe. Duschen ohne nass zu werden geht nun mal nicht. Ich habe Dir gesagt, dass ich Deine Frau respektiere und Dich mit ihr teilen kann, aber … Du hast noch ein Verhältnis!“, schrie sie besitzergreifend, „mit Frau Pfeffer, gib es endlich zu! Ich bin doch nicht blöd! Der feine Patentanwalt Pfeffer, immer so korrekt. Von wegen Geschäftsreisen. Er verbringt die Zeit im < Ball der einsamen Herzen > und sie ist die ganze Zeit allein. Wenn Du wüsstest! Wenn ich auspacke! Ich war und bin immer noch seine Sekretärin, kenne ihn besser als seine eigene Mutter. Finanziell wäre da aus seinem Techtelmechtel einiges rauszuholen.“ Julia gab die Tür wieder frei.
Er hörte ihr schon nicht mehr zu.
Einen Moment lang spielte Sascha tatsächlich mit dem Gedanken, reinen Tisch zu machen, die Wahrheit auszupacken, aber er verwarf die wahnwitzige Idee ebenso schnell, wie sie ihm gekommen war.
Während er die glücklichen Tage heraufbeschwor, kam ihm auf dem Nachhauseweg die rettende Idee.
Es schneite. Der Wind trieb Sascha die Flocken ins Gesicht. Sie nahmen ihm die Sicht nach oben und ließen seine Gedanken abreißen. Sascha versuchte sein Gesicht aus dem Schnee zu drehen, der von einem scharfen Wind waagrecht durch die Luft gefegt wurde. Seine Schuhe waren durchweicht, die Hose nass bis zu den Knien. Irgendjemand sollte vielleicht mal diese Straße streuen.
Wie jeden Tag, nach dem Mittagessen, machte es sich Regina in ihrem Sessel bequem, ließ den kleinen Hund auf ihrem Schoß Platz nehmen, streichelte und kraulte ihn eine Weile, bevor sie die Lesebrille aufsetzte und ihre Handarbeit aus dem Korb nahm. Häufiger als früher nickte sie schon nach kurzer Zeit ein, wobei die Stricknadeln ihren Fingern entglitten und ihr Kopf gegen das Polster fiel. Sie machte die Augen zu, damit sie von ihren Erinnerungen leichter in die Vergangenheit zurückgetragen werden konnte. So schlief sie, mit dem Hund auf dem Schoß. Das Kind spielte mit seinen Puppen.
Sascha ging geradewegs ins Wohnzimmer.
Als Reginas Blick auf ihren Mann, der breitbeinig, um sich im Gleichgewicht zu halten, fiel, wurde sie vor Schreck ganz blass. Es schien, als wollten ihm die Beine demnächst den Dienst versagen. In seinen Augen war ein unheimliches Glitzern.
„Um Himmels willen, was ist geschehen?“, forschte Regina.
Sascha verzog sein Gesicht mühsam zu einem vagen Lächeln, was ihm höllische Schmerzen bereitete. „Ich glaube, ich hab was ziemlich Dummes angestellt“, platzte er heraus.
„Wieso?“, fragte Regina. Ihr Gesicht nahm den Ausdruck des Erstaunens an.
Hinter seinem Rücken brachte er eine kleine Katze zum Vorschein, fauchend. „Ich hab sie für Viktoria gekauft, aber das verdammte Biest fiel mich an, als ich sie in den Korb stecken wollte.“
Saschas Horoskop: Warum immer nur an andere denken? Verwöhnen Sie sich doch auch mal selbst. Es gibt im Leben keine Reue, nur Lektionen.
Fast zehn Jahre hatte Sascha damit zugebracht, sich nach allen Regeln der Kunst ein Doppelleben aufzubauen, von dem nicht einmal seine engsten Freunde etwas wussten – dachte er.
Sascha war sprunghaft und liebte die Oberflächlichkeit. Beim Einkaufen beispielsweise waren die Namen der Hersteller für ihn das Wichtigste. Er liebte auch seine Arbeit und war rege und aufmerksam, solange es um die Schickeria ging.
Außerdem war er ein hervorragender Organisator. Sascha war in der Lage, innerhalb weniger Wochen nach seiner Ankunft in Mallorca einen Liegeplatz im Hafen oder den Mietvertrag für eine Villa im August zu beschaffen, die niemals auf dem freien Markt angeboten worden wäre, sowie alle möglichen nützlichen Kontakte herzustellen, seien sie geschäftlich oder sonstiger Art. Insbesondere sonstiger Art.
Es gab ihm das Gefühl der Macht, dass millionenschwere Männer von ihrer Jacht sprangen, nur um zu ihm zu kommen.
Er verliebte sich ständig und jedes mal half ihm die neue Liebe, die alte zu vergessen. Sascha betete die Frauen an. Für ihn waren sie alle schön. Stets brachte er es fertig, ein Dutzend davon in Bereitschaft zu haben. Eine Tür ging auf, eine andere zu. Die herzzerreißenden tränenreichen Abschiedsszenen bestanden immer aus einem großzügigen Geschenk und einem – man sieht sich.
Doch all das gehörte der Vergangenheit an.
Regina war eine reiche Erbin einer legendären Frankfurter Dynastie. Als Sascha sie zum ersten Mal sah, waren seine Junggesellen-Tage gezählt. Wenig später fand er sich als Ehemann wieder. Er war angekommen – dachte er.
Regina war ebenso energisch wie schön, und sie wusste was sie wollte. IHN, seinen Bruder, den Vikar.
Also hatte sich Sascha von einem sorgenfreien Junggesellen in den Mann einer schönen jungen Erbin verwandelt. Er stieg in das Familienunternehmen, der Detektei Indiskret, ein, was innerhalb des Konzerns - bei den Männern - für große Spannungen sorgte. Andererseits war ihm - durch die weibliche Belegschaft - von Anfang an Erfolg beschieden. Stets lächelte er smart und war charmant. So herrschte eitel Duldsamkeit.
Die Ehe mit Regina blühte und gedieh, dank göttlichem Beistand.
Hatte er zuerst befürchtet eine Heirat würde seine Männlichkeit beeinträchtigen, stellte sich diese Angst bald als unbegründet heraus. Er reduzierte die Anzahl seiner Freundinnen und alles lief nach Wunsch wie zuvor.
Regina war ihm die perfekte Ehefrau. Sie liebte ihn und behandelte ihn wie einen König, was nach seiner Ansicht nach genau das war, was er verdiente.
Die ganze Sache hatte nur einen Haken. Witterte sie Grund zur Eifersucht, verwandelte sie sich in eine Furie.
Mit tugendsamer Entrüstung wies er die Anschuldigungen zurück. Mit allergrößter Diskretion trieb er sein Spiel weiter, dass auch nicht der Hauch eines Verdachts auf ihn fiel. Manchmal fragte sich Sascha, warum er eigentlich ständig fremdging.
Dann begegnete ihm Julia und er konnte der Versuchung nicht widerstehen. Sie wurde unter einer Bedingung seine Geliebte: Sascha musste allen anderen Frauen in seinem Leben, außer seiner Ehefrau, entsagen.
Mit welcher Frau er jeweils zusammen war, immer fühlte er, dass er die andere betrog. Und das steigerte sein Begehren.
Beide Frauen wurden etwa zur gleichen Zeit schwanger. Nach neun Monaten schenkte Regina einem Mädchen das Leben, ein paar Tage später Julia einem Jungen.
Reginas Horoskop: Ihre gute Laune könnte dadurch getrübt werden, dass Sie sich unter Druck gesetzt fühlen. Locker bleiben. Man muss die Feste feiern, wie sie fallen.
Es gibt jemanden in Ihrem Leben, der nur darauf wartet, dass Sie den ersten Schritt wagen. Trauen Sie sich!
Regina hatte für den Fasching so gar keinen Nerv. In diesem Jahr blieb ihr der Hexenrummel und die Weiberfastnacht erspart und dennoch ließ sie sich dazu überreden, wenigstens zu einer dieser Veranstaltungen, am Samstag, zu gehen. Ihre Bekannten versprachen, dass die Party poppiger und knalliger werde als je zuvor. Einen spektakulären Liveact, ein neunziger Revival mit einem abgedrehten DJ Team an den Plattentellern, einem verrückten Science-Fiction Kostümwettbewerb und einer Überraschung, jedesmal, wenn die Konfetti-Kanone explodiert.
„Was ist das denn für ein Kaffeekränzchen?“, fragte Regina zaghaft in die Runde und schüttelte ihren Kopf.
Alle Damen an ihrem Tisch brachen in helles Gelächter aus und machten sich fast in die Hosen. Nur eine ihrer Bekannten gab ihr eine einigermaßen vernünftige Antwort.
„Die Tanzgruppe aus dem blauen Affen inklusive ihrem Funkenmariechen. Ihr Auftritt ist legendär und beendet, wie jedes Jahr, von Veilchendienstag auf Aschermittwoch die Karneval-Saison um Mitternacht.“
„Kenne ich nicht,“ musste Regina gestehen. „Der blaue Affe, ist das ein Kabarett? Führen sie den Tanz der Sieben Schleier auf?“
Sie konnte den Blick von der außergewöhnlichen Aufmachung der Frauen nicht abwenden. „Die sehen so normal aus, elegant, gar nicht verkleidet“, stellte Regina fest.
„Glaub mir Regina, sie sind kostümiert und im normalen Leben würdest auch Du sie keines Blickes würdigen. Sie sind anders. Man meidet ihre Nähe wie die Pest, so als ob sie Lepra hätten“, sagte Reginas Bekannte, lachte wie ein Honigkuchenpferd über Reginas Naivität, nicht im geringsten bemüht, ihr Desinteresse zu verhehlen.
Eine der Frauen stach Regina ganz besonders ins Auge. Ihr Anblick war umwerfend. Sie war genauso groß wie sie, etwas älter, und Regina hätte gerne gewusst, von welchem Friseur ihre modische Frisur stammte. Ihre Figur, in der engen Korsage, einfach traumhaft, beneidenswert. Vom Scheitel bis zur Sohle reine Weiblichkeit, ohne so dick aufzutragen, dass sie die Pferde scheu gemacht hätte oder auf die Modeseite der Boulevardpresse gekommen wäre.
Wie sie da im Sitzungssaal, von rund einem Dutzend Schönheiten, ihrem persönlichen Hofstaat, flankiert wurde, wirkte sie ungemein selbstsicher, kühl und eindrucksvoll. Die Worte aus ihrem Mund klangen beinahe aufregend. Peinlich berührt stellte Regina fest, dass die Frau nach einigen Minuten nur noch sie allein ansah. Regina redete sich ein, dass der ständige Blickkontakt vermutlich zu ihrer Taktik gehörte. Sie kam sich vor wie bei Gericht, wo es zweckmäßig ist, beim Plädoyer einen der Geschworenen zu fixieren. Sicher war das eine plausible Erklärung. Beunruhigender fand Regina allerdings ihre eigene Reaktion auf den beharrlichen Blick dieser blassgrauen Augen, der eine fast hypnotische Wirkung auf sie hatte. Ihre ausgesprochen aristokratische Nase und der großer Mund war im Gegensatz dazu eine Spur zu vulgär, ihre Augenbrauen verrieten Arroganz. Regina fühlte sich geradezu überwältigt von der physischen Anziehungskraft, die diese Frau auf sie ausübte und die im übrigen alle Anwesenden in ihren Bann zu ziehen schien.
Regina war vollkommen verwirrt von ihrer Reaktion, einer Mischung aus unguter Vorahnung und Erregung. Es war ein gänzlich neues Gefühl, das sie nicht einmal ansatzweise begriff. Was um alles in der Welt geschah mit ihr?
Nachdem die Karnevalsredner, die Bütt, ihr Vortragspult verlassen hatten, wurde an der Sektbar geschunkelt, getanzt, gelacht, geküsst und schamlos Händchen gehalten. Chantals Hofstaat war immer noch damit beschäftigt, als ein Mann, verkleidet als Scheich, in Sichtweite kam. Er zog sich nicht diskret zurück, sondern marschierte rücksichtslos auf Chantal zu, wie ein Drache, der sich über ein wehrloses Schaf hermacht. Er überreichte ihr seine Visitenkarte und hatte somit das Gefühl, alles getan zu haben, was der Anstand gebot und er war keineswegs gewillt, herumzulungern, bis sie eine passende Haltung eingenommen hatte, ihn zu empfangen, ihm ihre Gunst zu erweisen.
Sie blickte ihn herablassend an.
„Ich störe doch hoffentlich nicht?“, fragte er weltmännisch leicht eingeschnappt.
„Du liebe Güte“, sagte Chantal, nachdem sie seinen Namen gelesen hatte. „Keineswegs. Trinken Sie doch ein Glas mit uns“, lud sie ihn ein.
„Das ist sehr freundlich von Ihnen“, sagte der Scheich, der niemals zögerte, wenn es darum ging, seine Bedürfnisse anzumelden. „Doch ich fürchte, zunächst müssen wir etwas ziemlich Wichtiges besprechen.“ Sein Lächeln war gewinnend.
„Selbstverständlich.“ Chantal warf ihren Damen einen Blick zu, woraufhin diese sich mit einem aufmunternden Grinsen in den Trubel mischten. Sie ließen ihre Chefin mit dem fragwürdigen Geschäftsanliegen des Scheichs zurück.
Chantal sprach mit jener anrührenden Aufrichtigkeit, die ein ausschließliches Privileg des Alters ist.
Zu gegebener Zeit, lud Chantal Regina für die kommende Woche, zum Mittagessen ein. Ob Regina sich nur Chantals Sympathie sichern wollte, um sie zu bitten, ihr Tanzunterricht zu geben, wusste sie selbst nicht genau. Mit ihrer Art der kunstvollen Verführung, hatte Chantal schon häufiger Erfolg.
Als Regina in dem Restaurant eintraf, hatte Chantal bereits Platz genommen. Sie zeigte nicht das leiseste Befremden über den eleganten, seltsamen Aufzug von ihr. Bunt, schrill, offenherzig.
„Ich habe das Gefühl, zwischen uns könnte sich eine denkwürdige Freundschaft entwickeln“, sagte Chantal, nachdem sie zwei Gläser Champagner bestellt hatte. „Fangen wir doch gleich so an, wie wir später fortsetzen wollen, ja?“ Und nachdem sie auch das Essen und eine Flasche teuren Wein auswählte, behielt sie entschlossen das Heft in der Hand.
Amüsiert beobachtete Regina, wie sich die anwesenden Geschäftsmänner dasselbe Essen bestellten, das sie auch zu Hause bekommen konnten. Offenbar betrachteten sie das berühmte Sterne-Restaurant als ihre Betriebskantine und aßen dort falschen Hasen, Strammen Max, Handkäse mit Musik.
Sie vertieften sich in eine Gespräch. Regina und Chantal tauschten ganz indiskret den üblichen Klatsch aus und erörterten eine Reihe von Themen. Die meisten waren gespickt mit sexuellen Anzüglichkeiten, und bald lachten sie zusammen wie alte Freundinnen. Beide hatten eine recht sprunghafte Denkweise, so, dass sie von einem Thema zum anderen wechselten und trotzdem noch miteinander Schritt halten konnten. Sie fühlten sich wohl miteinander. Regina gefiel die Art, wie Chantal ihr zuhörte. Doch wenn Chantal selbst sprach, spürte sie zwischen den Zeilen etwas, das sie nicht so recht zu entziffern wusste.
Wenn Regina mit ihrem Mann und ihrer Tochter zusammen aßen, kosteten sie oft gegenseitig von ihren Tellern. Aus angeborener Neugier, so behauptete sie, müsste sie eben drei Gerichte von der Speisekarte probieren, statt nur eines. Chantal hatte dieselbe Angewohnheit, doch bei ihr hatte es etwas unerhört Sinnliches.
„Versuchen Sie das mal“, sagte Chantal, „toll, wie das die Speiseröhre runter gleitet.“ Oder: „Ist das nicht der zarteste Spargel, den Sie je im Mund hatten?“
Ständig bot sie Regina etwas auf ihrem eigenen Löffel oder ihrer Gabel an und sie schluckte gehorsam. Schließlich bestellen beide noch einen Nachtisch, nur um das Essen so lange wie möglich auszudehnen. Der Kellner wechselte die Teller und servierte das Dessert. Sie schwiegen beide, bis sie wieder allein waren.
Manchmal berührte Chantal Regina an der Hand oder am Arm, wie um einer Äußerung Nachdruck zu verleihen, doch ließ sie ihre Finger dann einen Moment länger liegen als nötig. Regina konnte kaum fassen, welche Wirkung das bei ihr hervorrief. Wie kam es nur, dass das kleine Stückchen Haut, auf das Chantal ihre Finger gelegt hatte, noch Minuten später zu brennen schien? Und warum konnte sie es kaum erwarten, das noch einmal zu spüren? Ihr selbst kam es jedoch nicht in den Sinn, Chantals Hand auch nur versuchsweise zu berühren.
Später fragte sich Regina, ob diese ganze Episode nicht vielleicht nur ihrer Phantasie entsprungen war. Sie zweifelte nicht an der Realität ihres Treffens an sich, sondern der hypnotischen Wirkung, die Chantal auf sie ausgeübt hatte. Das Herzklopfen wurde langsam unangenehm.
Reginas Horoskop: Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach. Sie wissen, was Sie wollen. Nutzen Sie Ihr Selbstbewusstsein für Entscheidungen. Saturn stört den ungehemmten Fluss ihrer Lebensenergie.
Chantals Horoskop: Wollen Sie mal wieder etwas Neues machen? Jetzt ist eine gute Zeit dafür. Nutzen Sie die Gunst der Stunde, anderen richtig zuzuhören. Die Aufmerksamkeit lohnt sich. Man muss das Eisen schmieden solange es heiß ist.
Regina fand den Sex mit ihrem Mann weit weniger erregend, als eine kurze Berührung von Chantal. Sie begann von zarten Berührungen zu träumen, einer weicheren Haut … und fing an, sich ernsthafte Sorgen zu machen.
In der darauffolgenden Woche erhielt sie von Chantal eine Einladung zum Vormittags-Probetraining im blauen Affen.
Der Boden unter ihren Füßen war noch gefroren. Regina spürte, wie der Frühling um die Herrschaft auf der Erde rang. Nur der Frühling konnte so still seinen Einzug halten und so durchdringend, so überwältigend süß nach Maiglöckchen duften.
Das Etablissement war um diese Uhrzeit noch geschlossen und hatte so gar nichts verruchtes an sich.
„Welche Art von Tänzen kennen Sie denn?“, wollte Chantal wissen, um das heikle Thema eventuell vorsichtig anzugehen.
„Walzer, Tango, Rumba, das übliche eben.“
„Mumien schubsen? Nein, nein, ich meine keinen Paartanz“, gab Chantal keck zurück.
„Ballett, Hula ...“, sagte Regina so mühsam, als ob ihre Zunge ihr nicht gehorchen wollte.
„Hula, der erzählende Tanz, der sich in Hawaii entwickelte. Sehr schön und weiter“, forderte Chantal Regina auf.
„Bauchtanz?“ Regina war wenig begeistert, sie mochte die orientalische Musik nicht.
„Der Tanz des Ostens, ein ägyptischer, erotischer Solotanz, beinhaltet den exhibitionistischen Aspekt. Fällt Ihnen noch etwas ein?“
„Poledance?“ Regina errötete.
„Der Begriff Poledance bezeichnet eine Tanz- und Sportform, die sowohl im Zirkus bei den Artisten und auch in Tanzschulen erlernbar ist. Diese wird mit einer oder mehreren oft fest montierten oder frei drehenden Stangen betrieben. Der Platzbedarf dafür ist relativ gering. Eine entsprechende Anordnung lässt sich in einen normalen Wohnbereich leicht integrieren. Haben Sie schon einmal etwas von Burlesque gehört?“
„Striptease?“ Reginas Frage war mit einer Art femininer Neugier gewürzt.
„Nein. Nicht direkt. Die Künstlerinnen entkleiden sich nicht vollständig, sondern entledigten sich nur gewisser Kleidungsstücke. Das Ausziehen von Handschuhen kann dabei zur erotischen Attraktion werden. Als der Striptease nach 1930 zum wirklichen Ausziehen wurde, löste sich die Verbindung von Moderation, Tanz, Gesang und angedeutetem Striptease auf.“ Chantal besaß die Gabe, Silber als schimmerndes Gold zu verkaufen.
„Und das kann man bei Ihnen lernen?“
„Nicht nur das ...“
