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Marleen, ein Kuckuckskind, wächst wohlbehütet und geliebt auf. Doch etwas stimmt nicht mit ihrer heilen Welt. Dunkel ins Licht bringt ein Rastaman aus der Karibik, der ihr nicht mehr von der Seite weicht. Marleens Leben ist auf einer Lüge aufgebaut. Nur knapp überlebt sie den Brandanschlag auf ihren Gutshof. Durch Zufall begegnet Viktor seiner Traumfrau, Marleens Tante. Als geschickter Ermittler recherchiert er den Fall bis zu Marleens Geburt.
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Seitenzahl: 86
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Elvira Alt
Marleen
Detektei Indiskret
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Evelyn – Detektei Indiskret
Impressum neobooks
Evelyn war spät dran. Eiligst verließ sie ihr Eineinhalb-Zimmer-Appartement im neunten Stock und rannte die Stufen im Treppenhaus hinunter. Ihr täglicher Frühsport.
Ein paar ausgesuchte Mitarbeiter wohnten und arbeiteten in der Kanzlei. Ein Privileg der Geschäftsleitung. Für auswärtige Gäste standen in jeder Etage, also eins bis neun, neben den Personalunterkünften, jeweils fünfzehn kleine Wohnräume, zur Verfügung. Vollpension, wie in einem Hotel. Das 30-Stöckige Gebäude wurde rund um die Uhr von Sicherheitspersonal observiert. Überall gab es Überwachungskameras. Man fühlte sich sicher wie in Abrahams Schoss. Im Eingangsbereich, beim Empfang, musste sich jeder an- und abmelden der das Gebäude betrat oder verließ. Einziger Nachteil: Es gab so gut wie kein Privatleben.
Bevor Evelyn hier einzog residierte sie in einem schicken Apartmenthochhaus in der City, direkt am Main, aber es fühlte sich nie wie ein echtes Zuhause an. Von dort war es nicht weit bis zur Detektei.
Als ihr eines Tages die Handtasche gestohlen wurde, besann sie sich darauf, wohlweislich einen Nachschlüssel versteckt zu haben. Sie hatte nie ausprobiert ob er passte. Sie hoffte dringend, dass es der richtige Schlüssel war, ansonsten sah sie ziemlich alt aus. Es gab zwar Methoden Schlösser zu knacken, aber das gehörte nicht zu ihrem Metier. Die einzigen Raubzüge die sie beging, waren Rechnungen an ihre Klienten zu verschicken.
Sie schob den Schlüssel ins Schloss und schickte ein leises Stoßgebet zum Himmel. Leider ohne Erfolg. Sie beschloss, dass es dieser Tür noch einmal leidtun würde, dass sie sie ausgesperrt hatte.
Als man ihr im Bürogebäude Räumlichkeiten anbot, sagte sie nicht nein.
Im Erdgeschoss befand sich ein kleines, mit viel Liebe eingerichtetes Bistro namens Raffiness, das ebenfalls zum Bürokomplex der Detektei gehörte und auch für auswärtiges Publikum zur Verfügung stand. Hier nahm die Belegschaft ihr Frühstück ein. Meist ein Espresso und ein Croissant.
Nach Feierabend traf man sich noch dort auf einen Absacker und führte Gespräche – natürlich über die Arbeit!
Alle Mitarbeiter standen Gewehr bei Fuß. 24 Stunden täglich, 6 Tage die Woche …
Mit dem Aufzug fuhr Evelyn in den elften Stock. Die kleinen Lichter der entsprechenden Etagen leuchteten auf, eins nach dem anderen, begleitet von leiser, einschlafender Fahrstuhlmusik. Sie hatte ein mulmiges Gefühl. Nicht nur, dass sie schon mehrere Male mit dem Lift steckengeblieben war – hinunter benutzte Evelyn immer das Treppenhaus – sondern auch wegen eines bevorstehenden Gesprächs mit Viktor.
Das Meeting
Am frühen Morgen hatte sie die gesamte Mannschaft per Mail für 10:00 Uhr zu einem Meeting zitiert. Die Kollegen gingen davon aus, dass sie einfach nur den neusten Stand erfahren sollten – wie so ziemlich an jedem Vormittag.
Evelyn beschlich das merkwürdige Gefühl, im Kino zu sitzen, als hätte sie sich es gerade auf einem Platz gemütlich gemacht und würde jetzt darauf warten, dass sich der Vorhang öffnet. Es gab einen Tisch mit Wasserkrügen. Kaffee? Wer braucht in dieser Situation Koffein? Ein Kollege hatte sie tatsächlich gefragt, ob er Popcorn mitbringen sollte.
„Machen Sie sich über irgendetwas Sorgen?“, fragte einer der Krawattenträger, dezent in einem grauen Anzug und weißem Hemd. Seine Augen musterten verstohlen die nähere Umgebung, dann hefteten sie sich wieder auf Evelyn.
„Nicht wirklich.“ Smalltalk war nicht ihr Ding. Evelyn war normalerweise nicht diejenige, die sich unnötig den Kopf zerbrach. Nicht über solche Dinge. Aber die Drohbriefe, die sie seit einiger Zeit erhielt, sollte sie vielleicht doch ernst nehmen. Sie kamen nicht von außerhalb mit der Post, sondern lagen in regelmäßigem Abstand, ungestempelt, auf ihrem Schreibtisch.
Der Schlips fühlte, wie der Raum um ihn herum schrumpfte. Er war neu in dieser Abteilung, aber er war nicht dumm. Er nickte in Richtung der Schaulustigen.
… Soeben hatte der Trainer ihm mitgeteilt, dass er die Auswechslung seines wichtigsten Spielers in Erwägung zog. Und das bei laufendem Spiel! Sie würde ihn, ohne mit der Wimper zu zucken, auf die Reservebank schicken, wenn er nicht nach ihrer Pfeife tanzte ... und das bereitete ihm Unbehagen und er beschloss Evelyn Honig ums Maul zu schmieren.
„Lassen Sie sich von ihrem Ehrgeiz – oder Ihrem Stolz – nicht auf den Holzweg führen.“ Evelyn unterdrückte ein säuerliches Lächeln. Es klang, als ob sie aus einer Presseverlautbarung zitierte. In ihrer Brust schien etwas zu Eis zu gefrieren. Sie trommelte mit den Fingern auf die Tischplatte. < An seinem Pokerface sollte er dringend arbeiten! >
Ein Wort gab das andere.
„Wer bist Du, dass Du es wagst mir die Stirn zu bieten?“, wies Evelyn den Schlips in seine Schranken.
Seine Augen hatten einen kalten Ausdruck angenommen. Er konnte nicht glauben, dass ihm hier offen gedroht wurde.
Beim Delegieren gab es für ihn noch einiges zu lernen. Bisher gehörte es nicht zu seinen Stärken. Aber er würde alles auf eine Karte setzen.
„Du Hirni, wenn der Kuchen spricht haben die Krümel Pause“, frotzelte der Lackschuh.
Nach Beendigung der Besprechung verzog der Schlips sich ins Raffiness.
Es hatte geregnet, und in der Straße hing dieser feuchte Geruch, den er so liebte.
Mit einem miesen Gefühl im Bauch drehte er sich zum Barkeeper um und orderte verärgert seinen nächsten Drink, obwohl seine Zunge bereits schwer wurde. Seine Kiefermuskeln ballten sich. Oberhalb seiner buschigen Augenbrauen schwoll eine Ader. „Wenn ich nur halb so gut werfen könnte wie Sprüche klopfen, würde ich vielleicht ab und zu auch mal einen Ball in den Korb kriegen.“
Niemand hörte ihm zu. Er leerte sein Glas und schnalzte zufrieden mit der Zunge. Er hatte einen Plan.
Für Evelyn war der Schlips nur ein Haar in der Suppe.
Evelyn & Viktor
Viktor konnte einen schon in den Wahnsinn treiben, war schwierig und eingebildet bis dorthinaus. Es ärgerte sie maßlos, dass sie mit ihm zusammen war. Bis vor kurzem – das gehörte der Vergangenheit an. Zum Glück waren sie diskret gewesen. Niemand im Büro wusste, dass sie sich getroffen hatten – jedenfalls nicht mit Sicherheit -, deshalb wusste auch niemand von ihrer Trennung.
Viktor. Er veranschlagte gerne mal eine Stunde für die Mittagspause. Wenn es sein musste wurden da mal locker zwei, drei Stunden daraus. Auch so ein Unding das der Geschäftsleitung aufgefallen war. Gott sei ihm gnädig.
Evelyn betrat ihr Büro und kochte sich eine Tasse Kaffee. Aus dem Kühlschrank nahm sie sich einen Naturjoghurt, an dem sie seit Neustem versuchte, Gefallen zu finden. Sie setzte sich hinter ihren Schreibtisch und band ihr Haare zurück, schlang sie zu einem Knoten um offizieller und professioneller zu wirken. Erstens, damit sie ihr nicht ins Gesicht fielen und zweitens verlieh ihr die Frisur eine gewisse Autorität – Evelyn hatte gelegentlich Durchsetzungsschwierigkeiten - außerdem fand sie es sexy, abends die Klammern zu lösen und die Haare offen zu tragen. Trotz ihrer eintönigen schwarzen Kleidung verströmte sie einerseits eine fast aristokratische Selbstgewissheit und Eleganz. Andererseits war sie egoistisch, besitzergreifend, ein Miststück. Ihre Bewegungen hatten etwas Schlangenartiges.
Einige ihrer Kollegen nahmen sie, als Frau, in diesem Beruf nicht besonders ernst.
Ihr Kleiderfundus bestand aus zwei Dutzend schwarzer Hosen und drei Dutzend T-Shirts, alle in schwarz. So fiel ihr am Morgen die Garderobenauswahl nie schwer. Ob Sommer oder Winter, für Evelyn gab es nur eine Farbe: Schwarz!
Mit Hilfe von Viktor hatte sie einen Mentor, einen Führsprecher, der ihr half, einen Fuß in die Tür der Detektei zu bekommen, aber die Tür weit aufgestoßen hatte Evelyn mit viel Fleiß und Ehrgeiz selbst.
Es war keine leichte Aufgabe die sie jetzt zu bewältigen hatte. Viktor stand bereits mit einem Bein im Gefängnis. Schamlos integrierte er sie in seine kriminellen Machenschaften.
Evelyn hob stirnrunzelnd den Kopf, erhob sich, schob ihren Stuhl zurück, ging zur Fensterbank um ihre Pflanze zu gießen und sah dabei aus ihrem Bürofenster.
Dann starrte sie wieder ihren Kaktus an. Immer wenn sie daran vorbeiging, hielt sie den Atem an um den spitzen Stacheln auszuweichen. Evelyn hatte die Pflanze nie ausstehen können, aber sie goss sie pflichtbewusst und dünkte sie gelegentlich, rückte sie im Sommer etwas in den Schatten und besprühte sie gelegentlich mit einem Zerstäuber. Warum all diese Mühe, wenn sie das Ding gar nicht mochte? Und warum all das Aufhebens um Viktor, mit dem sie doch nur Probleme hatte?
Konnte sie Viktor nicht verändern?
Ihn wenigstens ein bisschen beeinflussen?
Konnte Evelyn die Kaktee nicht einfach hinauswerfen und eine schöne Grünpflanze mit ovalen Blättern an ihre Stelle stellen?
Nein, sie war mit ihr genauso verbunden, wie sie es mit Viktor war. Allein durch die Tatsache, dass sie seit Jahren in ihrem Büro lebte. Der Kaktus war von ihr abhängig.
Sie hatte es einmal mit einem Usambaraveilchen versucht. Als sie es kaufte, war es über und über mit lila Blüten bedeckt, aber es behagte ihm nicht bei ihr. Bald kränkelte es vor sich hin. Das Veilchen warf die Blätter ab und sie musste sie aufkehren.
Der Christusdorn ließ nie seine Blätter fallen. Er war keine unordentliche Pflanze. Er verlangte beziehungsweise erwartete gar nichts von ihr.
Vielleicht war das der Grund, warum sie sich so lange mit Viktor abfand.
Kein Mensch schien ein Gespür dafür zu haben, wonach sie sich wirklich sehnte.
Gewitterwolken zogen auf, es begann zu tröpfeln. Eine Wolkendecke hatte sich fast unbemerkt von Nordwest über das Gebäude geschoben. Im Süden war der Himmel noch so hellblau und golden wie Geschenkpapier.
Sie schaute sich die Wolkenkratzer an und beobachtete, wie die Menschen in Großstadtmanier an den Gebäuden entlanghasteten.
Evelyn sah wie Viktor das Gebäude von der Straße aus beäugte als sei es ein fremder Planet. Er starrte regelrecht. So, als ob er es sich für alle Zeiten in sein Gehirn einbrennen wollte. Mit einer Zigarette in der Hand machte er sich langsam auf den Weg zur Eingangstür.
Evelyn tigerte mit dem Handy in der Hand durch ihr Büro und überlegte, was sie als nächstes tun sollte.
Ihre Beziehung zu ihm stand von Anfang an unter keinem guten Stern.
Viktor bekam bereits vom Chef der Abteilung mehr als nur eine Abmahnung. Man hatte ihn auf unbestimmte Zeit beurlaubt. Im Grunde genommen hatte er sogar Hausverbot.
