Der falsche Fünfziger - Elvira Alt - E-Book

Der falsche Fünfziger E-Book

Elvira Alt

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Beschreibung

Martin Mint, Autor und Hobbydetektiv, freute sich auf einen schönen, geruhsamen Herbst mit seiner wohlhabenden Freundin Liz Beer. Er träumte von gemeinsamen kulturellen Veranstaltungen wie Ballett und Theater. Er hatte sich alles so schön ausgemalt. Doch dann wurden seine Pläne durchkreuzt. Mit der Ruhe war es schnell vorbei, als Alexander Graf, ein Charmeur, ein Frauenschwarm dem die Damenwelt reihenweise zu Füßen lag, in Frankfurt auftauchte – und Martins Liz passte genau in sein Beuteschema. Der Graf wusste, wie man die Frauen umgarnt und jeder von ihnen das Gefühl gab, seine Königin zu sein. Für Martin war der Graf ein Dorn im Auge. Dem eigenwilligen Musiker und Schauspieler wurden angeblich mysteriöse Drohbriefe zugespielt. Martin hielt das Ganze für reine Promotion. Doch dann ereigneten sich mehrere Todesfälle und es ging um viel Geld – immer in Reichweite: Der Graf!

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Seitenzahl: 133

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Elvira Alt

Der falsche Fünfziger

Detektei Indiskret

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Detektei Indiskret

Impressum neobooks

Detektei Indiskret

Hinter Gittern - Die Entlassung

Unter dem grellen Deckenlicht wirkte er bleich und grau. Die Wangen waren hohl, die Augen lagen in tiefen Höhlen und waren schwarzgerändert. Sie wirkten stechend und starr. Die Augen eines Raubtiers, das die Beute anvisiert. Er zog seinem Spiegelbild eine Fratze.

Er wandte sich vom Waschbecken ab. Er zog sich an, die Sachen waren verpackt. Das Bett war abgeräumt, die Matratze zusammengerollt.

Unruhe auf dem Gang, Zellentüren wurden geöffnet. Schritte der Justizvollzugsbeamten warfen ihr Echo und mischten sich mit den Flüchen, die jeden Morgen die gleichen waren, auch wenn sie von verschiedenen Personen ausgesprochen wurden.

Der Riegel flog zurück, die Tür schwang auf.

„Sie sind eine latente Gefahr für die Umwelt, Spaghetti. Sie werden Unheil stiften, und Sie werden hier wieder landen!“

„Kann ich jetzt gehen?“ Er starrte ins Nichts.

„Natürlich. Ich weine Ihnen keine Träne nach.“

Oliver Farfalle war wieder ein freier Mann. Er hatte eine mehrjährige Haftstrafe wegen Einbruch / Diebstahl, versuchter Erpressung und Urkundenfälschung abgesessen.

Ein unbelehrbarer Wiederholungstäter mit der Aura eines Engels.

Altweibersommer

Momentan war Liz Beer voller Lebensfreude, fast schon störend wie jemanden wie Martin Mint, der sich seit einigen Wochen niedergeschlagen fühlte.

Der Spätsommer lag im Sterben, der Herbst kam. An Spinnweben, wie eine aufgezogene Perlenkette, hingen die Tautropfen. Dicker Raureif lag auf den Wiesen.

Die beiden Freunde machten bei klarem, kalten Wetter mit strahlender Sonne und viel Wind einen Spaziergang durch den Wald. Ihr Ziel: Die sonntägliche Andacht in der Marienkirche. In der ersten Reihe waren für beide Plätze reserviert. Liz bedachte zu feiertäglichen Anlässen das Gotteshaus immer mit einer großzügigen Spende.

Für einen Atheisten, wie Martin, war die heilige Messen nicht von Bedeutung.

Im Anschluss, um die Mittagszeit, kehrten sie immer bei ihrem Lieblingsitaliener, einer kulinarisch gehobenen Pizzeria ein, um zu essen.

„Tun Sie, was Sie nicht lassen können“, sagte Liz mit kaum hörbarer Stimme. „Ich kann wirklich nicht verstehen, warum Sie der Ansicht sind, Ihren nach wie vor so unanständig trainierten, jungen Körper durch eine Wanderung auf dem Jakobsweg zu quälen, zumal Sie kein gläubiger Mensch sind. Das passt doch gar nicht zu Ihrer Gesinnung!“

„Ich glaube nicht, dass Sie mich verstehen Liz.“

Der verdrießliche Tonfall seiner Stimme gefiel ihm selbst nicht. Es schien von Tag zu Tag schlimmer zu werden.

Sie blieb stehen und fütterte mit ungesalzenen Erdnüssen die Eichhörnchen.

„Natürlich verstehe ich Sie, mein Lieber. Sie haben Angst davor, älter zu werden, Ihrer Jugend Lebewohl zu sagen. Mid-life-Crisis? Habe ich recht?“ Liz erschauerte und zog ihren Mantel am Hals enger zusammen.

Martin ließ die Frage unkommentiert.

Natürlich hatte sie Recht, dieses, kluge, geistreiche Geschöpf, aber er würde ihr nicht die Genugtuung verschaffen, das auch noch zuzugeben.

Liz schüttelte ahnungsvoll den Kopf.

Sie hatte ihm gegenüber nie ihr Alter preisgegeben, aber Martin vermutete, dass sie ungefähr zehn Jahre älter war als er. Ihm standen die Vierzig unmittelbar bevor.

Liz hatte eine gute Figur und ein attraktives Gesicht, dank guter Erbanlagen und mit Bedacht aufgetragenem Make-up, sah sie wesentlich jünger aus. Dass Liz attraktiv war, stand außer Zweifel. Seine Liz: Eine verständnisvolle, sensible Zuhörerin.

Plötzlich viel es ihm wie Schuppen von den Augen. Jetzt wusste Martin, dass er die Veränderung seiner normalerweise so berechenbaren Liz nicht länger ignorieren konnte. Ihre nächste Frage bestätigte seine Vermutung.

„Sie wissen doch hoffentlich, dass Sie rechtzeitig zu Alexanders Konzert zurück sein müssen!“

Der Graf! Ein langjähriger, guter Freund von Liz kam für drei Vorstellungen nach Frankfurt, um unter anderem, seine Sangeskunst zum Besten zu geben.

Wäre der Graf ein begnadeter Konzertpianist oder Klavier-Virtuose gewesen, hätte es voll seinen Geschmack getroffen, aber mit Humba Täterä, Uftata und Trallala konnte er sich so gar nicht anfreunden.

Vielleicht würde er sich mit Liz und seinem anderen Sitznachbar einhaken und schunkeln müssen. Vielleicht sprangen – bis auf ihn – alle vor Begeisterung auf die Stühle und klatschten im Rhythmus.

Martin würgte und musste seinen Brechreiz unterdrücken. Ihm lief ein Schauer über den Rücken, er verdrehte die Augen. In was steigerte er sich gerade hinein?

Obwohl Martin ihm noch nie begegnet war, hatte er von ihm gehört. Genauer genommen sogar zu oft während der letzten Monate. Ein Sänger?! Wohl möglich musizierte er mit einer Kapelle, einem Orchester oder Chor. Eine schreckliche, vollkommen absurde Vorstellung für Martin. Das war sogar nicht seine Musikrichtung.

„Sie werden Alexander lieben. Er hat Herz und Charme.“ Liz ließ die Worte wie eine Praline auf der Zunge zergehen.

Und das auf leeren Magen. Martin hatte nicht gefrühstückt, und das machte einen Mann wie ihn, der an regelmäßige Mahlzeiten gewohnt war, nervös und ungehalten.

Wie ein trotziges Kind kickte er, mit beiden Händen in den Manteltaschen, einen imaginären Tannenzapfen vom Weg.

Falls er geglaubt hatte, die Schilderungen von Liz seien eventuell ein wenig übertrieben, hatten zwei Fotos ihm rasch diese Illusion geraubt.

Alexander Graf, eine Mischung aus Erich Klann von Let’s Dance und Johnny Depp. Langer, dunkler Ledermantel wie Django, Panama-Hut, Brille mit runden Gläsern wie John Lennon, schulterlanges, glattes, schwarzes Haar wie Professor Severus Snape aus den Harry Potter Filmen. Alexander, ein unverwechselbares Unikat.

„Ich würde die Premiere von Alexander um keinen Preis der Welt verpassen wollen.“ Liz seufzte und griff nach seiner Hand. Sie verstummte für eine Weile. Dann, als würde sie sich selbst aus einem Traum zurückholen, sagte sie: „Vertreiben Sie die düsteren Gedanken aus Ihrem Kopf. Es gibt so viel, worüber Sie sich freuen können. Worüber wir beide uns freuen können.“ Liz Gesicht strahlte und das war nicht gekünstelt. Manchmal hatte sie das Gemüt eines Engels.

Mit kaum wahrnehmbarem Stirnrunzeln sagte sie dann: „MMchen“, wie sie ihn gelegentlich nannte, „Sie werden Alexander doch wohl mit Ihrer üblichen Liebenswürdigkeit begegnen, oder? Eine Zeitlang hatte er seine Lebensfreude verloren. Ich bin froh, dass er endlich seinen wohlverdienten Erfolg erhält.“

Dann gab Liz mit einem Lächeln eine Anekdote nach der anderen von Alexander zum Besten. Ihr Lächeln erschien ihm unbeschreiblich süß, doch je mehr Liz schwärmte, desto mehr schwand Martins Interesse. Weder war ihr Atem beschleunigt, noch wirkte sie im Mindesten erschöpft. Ihre Augen strahlten.

Wenn es ihr jetzt schon so ging, wie würde sie sich wohl fühlen, wenn der Graf in all seiner Kraft und Herrlichkeit in Frankfurt eintraf?

„Wir werden uns zusammen ganz wunderbar amüsieren. Warten Sie es nur ab.“

Martin, ein gutmütiger Mensch, hatte so seine Zweifel. Er stellte einen gelangweilten Gesichtsausdruck zur Schau. Martin spürte, wie er Liz auf die Nerven fiel, weil er vor sich hinstarrte und nicht richtig zuhörte. Um wieder gut Wetter zumachen, schlug er vor, am nächsten Abend mit ihr auswärts essen zu gehen.

Alexander Graf, ein Roman den man in einer Nacht ausgelesen hat, oder doch ein Buch mit Sieben Siegeln? Eine unendliche Geschichte?

Tante Uschi und Onkel Günni

Ellens Onkel und ihre Tante standen bereits samt Gepäck vor dem Haus. Ihre Tante Uschi machte einen ziemlich aufgeregten Eindruck. Sie schien nicht recht zu wissen, was sie mit ihrem roten Mantel über dem Arm und ihrer großen Handtasche anfangen sollte. Als sie endlich den Wagen ihrer Nichte sah, huschte ein erleichtertes Lächeln über ihr mütterliches Gesicht.

Ein paar kokette Wolken verdunkelten die Sonne.

„Du bist spät“, sagte Onkel Günni vorwurfsvoll. „Wir haben uns schon Sorgen gemacht. Ich hatte Mühe, Deine Tante zu beruhigen.“

Er sah aus wie ein Gerichtsvollzieher nach Feierabend und besaß den Charme von nassen Sand.

„Entschuldigung, ich weiß, ich bin spät.“

Während des kurzen Gesprächs küssten sie sich zur Begrüßung.

„Na, wie fühlt Ihr Euch? Seid Ihr aufgeregt? Freut Ihr Euch schon auf die Ferien in Amsterdam?“ Ellen schloss das offene Verdeck ihres Cabrios. Erste Regentropfen fielen vom Himmel. Sie wendete den Blick vom Firmament über ihr ab und konzentrierte sich ganz auf Onkel Günni.

„Aufgeregt?“, wiederholte er ohne die Miene zu verziehen. „Das ist die Untertreibung des Jahres.“

Am späten Vormittag drängten sich in der Abflughalle des Frankfurter Rhein-Main-Flughafens die Menschen aus aller Herren Länder. Ellen und ihre Tante hatten zwei freie Plätze an einem kleinen Tisch ergattert. Sie tranken Kaffee und beobachteten das bunte Treiben. Gelegentlich wurde ihre Unterhaltung von Lautsprecherdurchsagen unterbrochen.

„Ich weiß nicht, wo Dein Onkel bleibt.“

„Er kommt sicher gleich“, beruhigte Ellen ihre Tante, die langen Beine angewinkelt.

„Es ist immer dasselbe. Kurz bevor wir eine Reise antreten, verschwindet er. Das macht mich rasend!“

„Da ist er schon.“ Ellen winkte ihrem Onkel zu.

Als er zu ihnen trat, wirkte er gereizt. „Ich fürchte, unser Abflug verzögert sich.“

Tante Uschi schüttelte sich in gespieltem Erstaunen.

Jemand rempelte Onkel Günni an. „Herr Graf?“

„Was erlauben Sie sich? Mein Name ist König!“

„Ich bitte um Entschuldigung, ich dachte …“

„Denken Sie anderswo weiter … Armleuchter“, um seinen Mund lag ein spöttischer Zug.

„Was ist denn Günther?“, wollte Tante Uschi wissen.

„Ach, so ein Spaghetti!“

„Günther!!!“

Onkel Günni begann zerstreut seinen Mantel zuzuknöpfen. Er fing oben falsch an, verfranzte sich, fing von vorne an, vertat sich erneut, stand kurz vor einem Wutanfall, gab schließlich auf und ließ den Mantel dann offen.

„Verzögert sich?“, wiederholte Uschi, als habe sie nichts anderes erwartet. Sie nickte reflexhaft, schüttelte dann den Kopf.

„Ja, und zwar mindestens um eine Stunde hat man mir gesagt.“

„Ach du lieber Himmel. Das hat mir gerade noch gefehlt.“

Ellen war aufgestanden, um ihrem Onkel ihren Stuhl anzubieten.

„Du brauchst wirklich nicht so lange zu warten, Ellen.“

„Bestimmt nicht“, sagte Uschi. „Dein Onkel hat Recht. Es ist doch albern, dass Du den ganzen Vormittag vertrödelst.“

„Wenn es Euch wirklich nichts ausmacht, dann verabschiede ich mich jetzt.“ Ellen küsste Onkel und Tante zum Abschied. „Und meldet Euch, wenn Ihr gelandet seid.“

Als sie durch die Abflughalle ging, dreht Ellen sich noch einmal um. Ihr kamen Onkel Günni und Tante Uschi, in der Menge fremder Menschen, plötzlich sehr hilflos und verloren vor. Sie winkte ihnen kurz zu und trat durch die, sich automatisch öffnende, Glastür hinaus ins Freie.

Dort stand ein schwarzer Wagen vom Hotel Attika. Ellen kannte das Fahrzeug. Ein Chauffeur stand davor und hielt ein Schild mit der Aufschrift: Herr Graf - in der Hand. Der gleiche Mann, der Onkel Günni angerempelt hatte.

Martin braucht Abstand

Martin wischte sich die Schweißperlen von der Stirn und versuchte an etwas Anderes zu denken. Es gelang ihm nicht. Wie sollte er auch, wenn man eingepackt wie eine Mumie auf einer Liege in einem Behandlungszimmer in einem Thermalbad in Bad Homburg ruhte. Außerdem war er todmüde, nachdem er sich zwei Nächte lang in seinem überheizten Zimmer hin und her gewälzt hatte. Ständig dieser schweflige Geruch der unter der Tür hereingekrochen war. Der gleiche Geruch, der ihn jetzt umgab und der allgegenwärtig diesem Kurort anhaftete.

Diese verdammte Ruhe raubte Martin den letzten Nerv.

Er suchte oft mehrmals am Tag den Fitnessraum auf. Martin stemmte stundenlang Gewichte, ruderte in Kilometern die Strecke München / Hamburg und wieder zurück, rannte einen Marathon auf dem Laufband.

Warum sollte er es nicht einfach zugeben? Er hatte einen Fehler gemacht. Jetzt musste er noch zwei weitere Tage durchhalten. Liz erwartete ihn vorher nicht zurück. Genaugenommen würde sie vielleicht ohnehin nicht sonderlich erfreut sein, ihn zu sehen, denn schließlich hatte sie im Moment nur Alexander im Kopf.

Zwei Stunden später durchlitt er einen beispiellosen Schweißausbruch, der dazu gedacht war, die Gifte aus seinem Körper zu schwemmen. Martin gönnte sich im Anschluss eine Massage. Er besuchte das Solarium, machte Wassergymnastik, besuchte die Salzgrotte, … die Zeit schien stillzustehen, Langeweile plagte ihn. Dann ging er zum Pool und schwamm ein paar Bahnen. Während er, ausgepowert, seine letzte Runde beendete, sah er hoch und erblickte den stellvertretenden medizinischen Leiter der Kuranstalt. Er drosselte seine Geschwindigkeit.

Dennis Pfeffer hielt ihm ein Handtuch entgegen. Er strahlte Heiterkeit aus – Martin erschauderte.

„Entschuldigung Herr Mint, ein Anruf für Sie.“

Er reichte Martin ein schnurloses Telefon.

„Hallo?“

Liz Stimme klang dringlich. „Es tut mir sehr leid, dass ich Sie aus dem Wasser hole“, ihr Lachen klang gezwungen, „aber es gibt ein Problem. Alles geht drunter und drüber! Alexander wird bedroht. Sie müssen sofort kommen und etwas unternehmen!“

Liz machte ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter – doch er konnte es nicht sehen.

„Was ist denn passiert?“

„Seien Sie doch ein wenig feinfühlig! Ich kann am Telefon nicht ins Einzelne gehen. Kommen Sie zurück. Ich zähle auf Sie!“

Martin seufzte. Er verspürte plötzlich den widersinnigen Drang, nicht abzureisen. In welche Angelegenheit zog Liz ihn gerade hinein? Und was hatte das alles mit dem Grafen zu tun? Vielleicht würde es sich als Fehlalarm herausstellen.

„Ich komme.“

Martin konnte die Erleichterung von Liz durch das Telefon spüren.

„Sie haben so eine beruhigende Gabe, immer genau das Richtige zu tun. Ich werde es wiedergutmachen. Sie haben mein Wort darauf.“

Der Tag, den Martin gleichermaßen herbeisehnte und fürchtet

Der Graf war eingetroffen

Als Martin das Wohnzimmer von Liz im Salzgäßchen betrat und sie erblickte, war ihr Gesicht von einer schicklichen Röte überzogen. Der Raum war anheimelnd warm und gemütlich. Auf dem Beistelltisch stand eine Blumenvase mit mindestens fünfzig roter Rosen.

Liz hasste Schnittblumen. Ihrer Meinung nach gehörten sie auf den Friedhof.

„Alexander wohnt im Hotel Attika. Er hat die letzten Stunden so viel durchgemacht, der Arme – und ich auch! Wir waren im Havanna Club und haben uns prächtig amüsiert. Wir konnten ja nicht ahnen, was dem armen Alexander bevorstand.“ Sie seufzte und schüttelte den Kopf. In ihrer Hand ein leeres Glas Whisky. Liz saß auf der Couch und hatte die langen Beine unter sich gezogen. Ein deutlicher Beweis für ungewöhnliches Befinden, denn normalerweise trank sie um diese Uhrzeit Kaffee, Tee oder Wasser. Whisky war nur für besondere oder nicht immer erfreuliche Anlässe vorgesehen. Martin wusste, dass er in seiner gegenwärtigen Verfassung keinen Alkohol trinken sollte, aber er spürte, dass er jetzt ebenfalls einen Drink brauchte, um, was auch immer ihm bevorstand, besser ertragen zu können. Er schenkte sich ein Glas ein und füllte auch das ihre. Liz nippte, kniff die Augen zusammen, als hätte sie gerade eine bittere Medizin geschluckt.

„Irgendeine neidische, böswillige Person versucht, Alexanders Erfolg zu untergraben.“ Sie starrte Martin eine Zeitlang an, als verdächtigte sie ihn dieser Tat.

„Sie haben erwähnt, er habe Drohungen erhalten.“

„Nicht direkt, wenigstens bis jetzt. Man hat ihm eine Nachricht ins Hotel zukommen lassen. Hier ist die Kopie.“

Martin faltete ein weißes Blatt auseinander. Er sah eine Karikatur von einem Mann in einem Sarg, dazu die Worte mit einer Schreibmaschine geschrieben: Der frühe Vogel fängt den Wurm.

„Der Nachtportier hat die Polizei verständigt. Die Anzeigenabteilung der Frankfurter Rundschau hat das gleiche Blatt sowie 50,00 € erhalten. Diese Anzeige wurde selbstverständlich nicht gedruckt, stattdessen wurde auch hier die Polizei informiert.“

„Was sagt denn der Graf dazu?“, fragte Martin und gab Liz das Blatt zurück.

Auf was lief das Ganze hinaus? Erpressung, oder nur Sadismus?

„Alexander ist so tapfer. Er versucht, das Ganze als schlechten Scherz abzutun, aber er ist sehr beunruhigt. Wer wäre das nicht?“

„Und er hat keine Ahnung, was das zu bedeuten hat?“

„Wie sollte er? Hinter all dem steckt nur Neid. Alexander ist einer der anständigsten Menschen, die ich kenne, durch und durch aufrichtig. Ich möchte, dass Sie der Sache auf den Grund gehen. Das werden Sie doch, nicht wahr? Vielleicht vertraut er sich Ihnen an.“

„Was hält der Graf von Ihrem Vorschlag?“

„Er sagt, es bestünde weder für Sie noch für sonst jemanden die Veranlassung, irgendetwas zu unternehmen, weil sich die Angelegenheit ohnehin in Wohlgefallen auflösen wird, aber ich glaube ihm nicht. Er versucht, um meinetwillen, die Angelegenheit herunterzuspielen.“

„Was ist das hier? Ein Tribunal?“, eröffnete der Graf lächelnd die Konversation und enthüllte dabei seine unerhört weißen Zähne. „Liebe Liz, Du befindest Dich im Irrtum“, ließ sich eine tiefe männliche Stimme aus Richtung der Tür vernehmen. „Was ich Dir erzähle und was ich anderen Leuten erzähle, wird immer übereinstimmen. Darauf kannst Du Dich ganz fest verlassen – und Sie müssen Martin sein. Es ist mir ein Vergnügen, Sie kennenzulernen.“ Der Graf ging auf Martin zu, ergriff dessen Hand und schüttelte sie mit festem Druck. Anschließend ging er zu Liz hinüber und gab ihr einen Handkuss.