Unheimliche Nächte in Mainhattan - Elvira Alt - E-Book

Unheimliche Nächte in Mainhattan E-Book

Elvira Alt

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Beschreibung

Erleben Sie die atemberaubende, rätselhafte und zugleich spannende Geschichte der Yvonne Brix, genannt Lady Swan, die durch einen tragischen Unfall ihren Mann Robert und ihren treuen Begleiter, Sir Henry, verloren hat. Die Leiche ihres Mannes wurde bis zur Unkenntlichkeit verbrannt; von Sir Henry fehlt jede Spur. Nach einiger Zeit erhält Yvonne eine Postkarte aus Gran Canaria - Unterschrift: Sir Henry. War es wirklich die Leiche ihres Mannes, die sie identifiziert hatte? Wo ist Sir Henry? Und wo sind die seit dem Unglückstag verschwundenen Diamanten? Ein Krimi, nicht nur für Hunde-Freunde, der Sie bis zum Schluß in Atem hält! Ein absolutes MUSS für jeden Thriller-Freak.

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Seitenzahl: 180

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Elvira Alt

Unheimliche Nächte in Mainhattan

Detektei Indiskret

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1

Impressum neobooks

Kapitel 1

***

Ein Auto hatte angehalten. Jemand verließ ein Fahrzeug, schlug die PKW-Tür zu – der Motor lief. Knirschende Schritte näherten sich dem Haus mit der Nummer acht.

Die Klingel wurde betätigt.

„Bim bam.“

Eine junge Frau erschien an der Brüstung der Penthouse-Wohnung im fünften Stock.

„Hallo?“

„Taxi!“

Einen Moment, ich komme gleich.’“

Händereibend stand der Chauffeur in der Kälte und wartete darauf, dass man ihm das Gartentor öffnen würde.

Im nächsten Augenblick kam auch schon Yvonne mit den Worten „der Drücker ist nicht in Ordnung, kommen Sie bitte mit“ um die Ecke gebogen.

Er folgte ihrer Anweisung. Im Treppenhaus angekommen zeigte Yvonne auf die zur Abreise bereitstehenden Koffer.

> Ach du lieber Gott, wie lange will die denn verreisen? < die Gedanken des korpulenten Taxifahrers standen ihm ins Gesicht geschrieben.

Yvonne verkniff sich ein Lächeln, obwohl ihr gar nicht danach zumute war. Während das Gepäck im Wagen verstaut wurde, schlüpfte sie in ihren Nerzmantel. Ein Geschenk von Robbi. Nur noch ein letzter prüfender Blick in den Spiegel.

Yvonne war mit ihrem Make-up zufrieden, zupfte nur noch ein paar Haare in die Stirn und griff nach ihrem Schlüsselbund. Sie knipste das Licht aus und zog die Wohnungstür hinter sich zu. Einen Moment verharrte sie. War auch wirklich alles eingepackt? Zahnbürste, Kamm, Nagellack? Gedanklich checkte sie noch einmal ihr Gepäck durch. Dann ging sie die Stufen hinunter.

- Klipp, klapp - hallten ihre Schritte monoton. Ein Blick auf ihre Armbanduhr verriet Yvonne, dass es nun höchste Zeit war.

Die ganze Nacht über hatte es geschneit. Ein dicker, weißer Flaum verzauberte die Stadt. In der Dämmerung wirkte alles so friedvoll. Malerisch stieg der Rauch aus den Schornsteinen gen Himmel.

Wie auf Wolken ging sie die paar Schritte bis zum Taxi, ihre Füße im Schnee versinkend. Yvonne spürte, wie das geschmolzene Nass ihre Füße kühlte. Sie würde sich bestimmt einen Schnupfen holen, denn die kalte Masse reichte ihr bis weit über die Knöchel. Als der Fahrer ihr näher kommen bemerkte, eilte er aus seinem Fahrzeug und öffnete für Yvonne die Wagentür. Rasch stieg sie ein. Im Inneren des Pkws war es angenehm warm. Yvonne zündete sich eine Zigarette an, ohne das Schild – Rauchen verboten – zu achten.

„Verdammt kalt was? Bestimmt minus 10 Grad, wenn nicht noch mehr.“. Er rieb sich die Hände, hauchte hinein, um sie zu wärmen. „Der Wetterbericht meinte, es würde weiterhin schneien. Für uns Autofahrer kein Vergnügen. Wo wollen Sie eigentlich hin, Fräulein?“

„Zum Flughafen bitte.“

„In Urlaub was? Wer jetzt Urlaub machen kann, hat’s verdammt gut. Bei diesem Mistwetter. Es braucht doch nur wieder über Nacht zu tauen, ein wenig wärmer zu werden, und schon haben wir den Salat. Diese Schweinerei … im Sommer waren wir auch weg. Ich, meine Frau und die Kinder. An der Nordsee, ich kann Ihnen sagen, …“

Warum nur musste ein jeder ihr immer seine ganze Geschichte erzählen? Wirkte Yonne so vertraueneinflößend? Konnte man sich mit all seinen Problemen gefahrlos ihr anvertrauen? Man konnte. Yvonne hatte für die Sorgen, Nöte und Ängste ihrer Mitmenschen immer ein offenes Ohr – und genau das war ihr Problem.

Der Himmel war ganz weiß. Erneut begann es zu schneien. Der Scheibenwischer hatte erhebliche Schwierigkeiten, die Unmengen der großen Flocken zu bewältigen. Immer wieder hin und her. Das leise Kratzen und Schaben der Wischerblätter machten sie nervöse. Durch eine sich schnell verdickende Nebelbank konnte man die roten Rücklichter der voranfahrenden Wagen leuchten sehen.

- Nebel. Nebel? … - versuchte sich Yvonne zu erinnern. Da war doch einmal etwas mit Nebel - …

„Auch das noch. Ein Stau. Aber wer hat schon über Nacht mit so einem Unwetter gerechnet. Dieser Idiot, haben Sie das gesehen? Fährt rüber ohne zu blinken.“. Er öffnete das Fenster und brüllte: „Führerschein wohl im Lotto gewonnen, wie?“ Wütend drückte der Fahrer mehrere Male auf die Hupe. Er hatte erhebliche Schwierigkeiten, seinen Wagen in der Spur zu halten. Die Hinterräder drehten durch. Der Chauffeur zeigte seinem Vordermann einen Vogel, der ihn seinerseits erwiderte.

„Kein Wunder, ein Offenbacher. OF, ohne Führerschein. Hm, wo waren wir stehen geblieben? Ach ja, bekam doch meine kleine Tochter die Windpocken, und bis wir dann endlich einen Kinderarzt gefunden hatten. Ausgerechnet an einem Sonntag, meine Frau war vollkommen mit den Nerven am Ende. Und unser Jüngster erst, …“

Yvonne stellte sich vor, wie der nette, beleibte Taxifahrer – der gut auf den Kutschbock eines Brauereiwagens gepasst hätte – hektisch in der kleinen Pension, mit einem Telefonbuch in der Hand, die Leute rebellisch machte. Seine Frau, klein und zierlich, weinend, mit einem zerknüllten Taschentuch in der Hand, immer hinter ihm her laufend. Er, mit T-Shirt und Jeans, die etwas unvorteilhaft seinen kleinen Bierbauch ins rechte Licht setzte, am Telefon hängend und mit Händen und Füßen mit dem zuständigen Arzt diskutierend, der der deutschen Sprache nicht mächtig war. Vielleicht ein Holländer oder Däne. – Nein, die Kleine hatte keine Blasen, sondern rote Tupfer überall, hauptsächlich im Gesicht -. Währenddessen rutschte sein viel zu kurzes Hemdchen, mit einem Emblem von Sylt auf der Vorderseite, aus seiner viel zu engen Hose. Beides, vermutlich aus Eitelkeit, zu klein gekauft. Eine nackte Kugel, in deren Mitte sich der Bauchnabel befand, kam zum Vorschein. – Also doch Pferdedroschkenfahrer – stellte sich Yvonne in ihrer Phantasie vor.

„Wissen Sie, früher, da hab’ ich für so einen großen Konzern Bier ausgefahren. So richtig mit Kutsche und so. Das war vielleicht ein Leben. Bei Wind und Wetter waren wir unterwegs, ich und meine Lisa. Sie war ein Bild von einem Hannoveraner, das waren noch Zeiten …“

Zwischenzeitlich waren sie am Flughafen angelangt. Unaufhörlich redete er weiter. Die Koffer waren bereits ausgeladen, als auch Yvonne das Taxi verließ. Er öffnete ihr den Verschlag, dienerte ein paar Mal und hielt die Hand offen. Yvonne legte ihm ein Geldstück hinein. Er verbeugte sich noch tiefer.

„So, dann wünsche ich Ihnen einen schönen, erholsamen Aufenthalt im Süden. Es war nett mit Ihnen zu plaudern.“. Mit diesen Worten ging er zu seinem Wagen zurück und fuhr davon.

- Komische Frau, sie hat während der ganzen Fahrt kein einziges Wort geredet -.

Yvonne hatte sich in der Zwischenzeit einen Kuli besorgt, worauf sie ihr ganzes Gepäck geschickt verstaute. Mit sichtbarem Atem betrat sie das Flughafengebäude. Sie beobachtete Kinder, die mit den sich selbst öffnenden Türen spielten.

Am Schalter ging alles sehr rasch. Yvonne war einer der letzten Passagiere, die eingecheckt wurden. Auf dem Weg zur Passkontrolle sah sie auf der Tafel, die die startenden Maschinen uhrzeitmäßig anzeigt, dass ihr Flug bereits aufgerufen war. Das grüne Lämpchen neben dem Zielflughafen blinkte. Es war höchste Zeit.

Sie stand in der Wartehalle und schaute aus dem Fenster. Auf dem Rollfeld wurden die letzten Gegenstände in die startklare Bavaria gebracht. Yvonne zündete sich eine Zigarette an. Sie war nervös, drückte sich fest an die Fensterscheibe. Im Schein der Lichter tanzten die letzten Schneeflocken.

Verkrampft legte sie sich in den bequemen Sitz des Flugzeugs und schnallte sich an. Eine kleine Schrift über ihr, direkt neben der Leselampe und der Belüftung, leuchtete auf: - Bitte anschnallen und das Rauchen einstellen -. Gleich würde die Maschine auf die Startbahn rollen.

„Guten Abend, meine Damen und Herren. Kapitän Weis und seine Crew begrüßen Sie an Bord. Wir werden in wenigen Minuten zu unserem Flug nach Gran Canaria starten. In Las Palmas sind es zurzeit noch 20 Grad …“

Yvonne sah aus dem Bullauge. Die Maschine hob ab, machte eine Drehung. In der Ferne erkannte Yvonne das Wahrzeichen von Frankfurt, den Henninger Turm.

„Möchten Sie lesen?“

„Gern.“. Yvonne widmete sich einer Frankfurter Tageszeitung, die ihr von einer der Stewardessen gereicht wurde. Danach nahm sie die Kopfhörer, die in einem Netz am Sitz des Vordermannes steckten. Leise Musik erklang. - … über den Wolken, muss die Freiheit wohl grenzenlos sein, alle Ängste, alles Sorgen, sagt man, … -

Verträumt ließ sie ihre Gedanken, in Erinnerung an das fast hinter ihr liegende Jahr, freien Lauf.

***

„Eine Frankfurter Rundschau bitte.“

„Die normal Ausgab odder die mit de Stelleazeiche?“

„Die mit den Stellenangeboten.“

„Da habbe Se aber Glick, des is mei letzt, ich hab nur noch die aa.“

Yvonne öffnete ihre Handtasche, kramte nach ihrem Portemonnaie, holte es heraus und öffnete es.

„Habbe Se es bassent?“

Ohne ein ‚Wort zu verlieren, legte sie die geforderten Geldstücke in die Hand der freundlichen Verkäuferin.

„Na dann viel Glick!“, rief sie ihr nach.

Yvonne drehte sich noch einmal mit den Worten: „Danke, davon kann man nie genug haben“ um. Sie ging weiter ihres Weges. Der Himmel war bedeckt, ansonsten, für den Wonnemonat Mai, schon recht warm. Der Wind spielte mit ihren schwarzen, hüftlangen, leicht gewellten Haaren. Jeden Moment würde es zu regnen beginnen. Der Wetterbericht schien recht zu behalten. – Anfangs sonnig, gegen Abend Aufzug eines Gewitters -. Zu ihrer kleinen, geschmackvoll eingerichteten Wohnung, waren es nur noch ein paar Schritte, kaum fünf Minuten.

Sie hatte Glück, zumindest in diesem Moment. Im selben Augenblick, indem sie das Gartentor passiert hatte und den Schlüssel in das Schloss der Haustür steckte, setzte ein fürchterlicher Wolkenbruch ein. Alle Schleusen des Himmels schienen sich zu öffnen – die Engel weinen – dachte sie. Was sagte doch gleich die nette Dame am Kiosk? – Viel Glück -. Was meinte sie damit? Das Wetter?

Glück? Was war das? Für Yvonne nur noch ein Fremdwort, obwohl sie ein Sonntagskind war. Wenn sie so zurück dachte, an die letzten Jahre …

Traummann, Märchenhochzeit, dann, von heute auf morgen, alles aus und vorbei. Wie ein Film konnte sie das Geschehene vor ihren Augen ablaufen lassen. Präzise, kurz, fast schmerzlos. Die Zeit heilt alle Wunden.

Vor etwa einem Jahr – erinnerte sie sich – und griff nach einem mit Campari Orange gefüllten Kristallglas, das auf einem kleinen, schwarzen, chinesischen Lacktisch stand. Sie führte es zum Mund, trank einen Schluck und stellte es zurück. Ihre Hand begann zu zittern. Wie durch den Stich eines Dolches verspürte sie einen wohlbekannten, kurzen, brennenden Schmerz in ihrer Brust, als sie die Titelseite der Zeitung las: 17 Tote, über 50 Verletzte forderte ein Auffahrunfall am späten Nachmittag des vergangenen Tages – eine plötzlich erscheinende Nebelwand, auf der Autobahn in Richtung Frankfurt.

Wie viel Frauen wohl gestern vergeblich auf ihre Männer gewartet hatten, wie viel Kinder auf ihre Väter? Wie viel kamen nicht wie gewohnt von der Arbeit nach Hause?

Genau wie diese Mütter und Kinder am Vortag wartete auch sie, fast genau auf den Tag, damals, vor einem Jahr. Sie wartete die halbe Nacht. Verzweifelte Gedanken quälten sie. Von Stunde zu Stunde wuchs die Angst in ihr. – Vielleicht hatte er sich verfahren und konnte nicht anrufen. Das Auto könnte einen Defekt haben, vermutlich wieder der Anlasser, oder ein Stau. Vielleicht wurde er von seinen Geschäftspartnern aufgehalten, überredet, noch irgendwo ein Bier zu trinken, aber dann hätte er doch angerufen …. -

Als es dann endlich an der Tür klingelte und sie sie schnell öffnete – mit klopfendem Herzen und einer gewissen Vorahnung, die nichts gutes zu bedeuten hatte, denn sein Wohnungsschlüssel hing nicht am Schlüsselbrett – stand ein Beamter der Polizei vor ihr.

„Frau Brix?“

„Ja.“

„Frau Yvonne Brix?“

„Ja.“

„Heißt Ihr Mann mit Vornamen Robert und fährt er einen hellblauen BMW mit dem amtlichen Kennzeichen F für Frankfurt …?“

Yvonne unterbrach ihn. „Ja. Was ist mit meinem Mann passiert?“, wollte sie wissen, „wo ist er?“

„Es tut mir leid Frau Brix, aber da gab es doch am späten Nachmittag diese schreckliche Massenkarambolage, sicher haben Sie es schon in den Nachrichten gehört.“. Mitfühlend drehte er seine Uniformmütze in der Hand. Wie oft hatte er diesen Satz in den letzten Stunden schon gesagt.

„Ja, aber … ich verstehe Sie nicht, was hat das mit meinem Mann zu tun?“

„Es tut mir wirklich leid Frau Brix, aber ihr Mann wird nicht mehr heimkommen können, er ist am Unfallort …“

Ihr schien, als ob es erst gestern passiert wäre. Der erste Schritt in ein neues Leben, allein, hatte mit dem Kauf der Zeitung begonnen. Sie wollte nicht mehr länger untätig zu Hause herumsitzen und alten Erinnerungen nachtrauern. Sie wollte raus aus den vier Wänden.

Robbi hätte es auch so gewollt.

Yvonne stand nicht mittellos da. Robbi hatte einen größeren Geldbetrag gespart, die Geschäfte liefen nicht schlecht. Ausgeben wollten sie es gemeinsam, vielleicht für den Kauf eines schicken Sportwagens oder gar die Erstlingsausstattung für das geplante Baby. Alles hätte so schön sein können. Aber, wie das Leben so spielt, kam alles anders.

Der Font war noch lange nicht aufgebraucht und der warme Geldregen von der Police der Lebensversicherung war auch nicht zu verachten. Yvonne brauchte auf den gewohnten Luxus nicht zu verzichten. Es war schon ein kleines Vermögen das sie besaß. Aber all das hätte sie gerne weggegeben, wenn plötzlich die Tür aufgehen könnte, Robbi herein käme, sie, mit einem Kuss auf die Stirn begrüßend fragen würde: „Na Liebes, wie war Dein Tag? Hast Du Jasmin beim Tennis endlich einmal geschlagen?“

Yvonne führte den Fingernagel ihres linken Daumens zum Mund und nagte vorsichtig mit den Zähnen darauf herum. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Mit der freien Hand griff sie nach einer Ansichtskarte die mitten auf dem Tisch, vor einer kleinen Blumenvase, gleich neben dem Goldfisch, stand. Wie schon so oft betrachtete sie die fotographische Landkarte, die eine Insel darstellte, drehte sie um. Auf der Rückseite war zu lesen: Viele Grüße aus Playa del Ingles in Liebe Dein Sir Henry.

Jemand schien sich einen Spaß mit ihr zu machen. Sir Henry, der sich ebenfalls im Unglücksfahrzeug befand, war seit dem Unfall spurlos verschwunden, so, als ob es ihn nie gegeben hätte. Genau wie einen schwarzen Lederbeutel, gefüllt mit kostbaren Diamanten, den Robbi noch in seiner Zweigstelle abzuliefern hatte. Ihren Mann konnte sie damals nur anhand seines Pfadfinderringes identifizieren. Seine Leiche war bis zur Unkenntlichkeit verbrannt.

Yvonne griff zum Telefonhörer. Mit dem stumpfen Ende eines Bleistifts tippte sie eine der beiden von ihr gelbmarkierten Rufnummern ein, um ihre langen, mit Sorgfalt gepflegten, rotlackierten Fingernägel zu schützen. Zwei Anzeigen. Die ganze Ausbeute aus den Anzeigen vom Wochenende. Zwei, die sie auf irgendeine Weise ansprachen.

Die letzte Ziffer war eingegeben.

„Cinderella-Service!“

„Brix, guten Morgen. Ich habe in der Zeitung gelesen, dass Sie Sekretärinnen suchen.“

„Ja. Wie schnell können Sie tippen? Beherrschen Sie Fremdsprachen? Schreiben Sie Steno?“

„Nun, die letzten Jahre über war ich nicht berufstätig. Gleich nach meinem Abitur habe ich geheiratet. So richtig gearbeitet habe ich noch nicht, nur in den Ferien hin und wieder gejobbt. Englisch in Wort und Schrift, das müsste ich noch können. Wissen Sie, mein Mann ist …“. Yvonne brach ab, vielmehr, sie wurde unterbrochen.

„Sie leben also allein, sind getrennt von Ihrem Mann. Das haben wir oft. Kurz nach der Hochzeit kam vermutlich schon das erste Kind, die Frau hat sich all die Jahre über um den Haushalt und die lieben Kleinen gekümmert, ihnen die Nase und den Popo abgewischt und dann, eines Tages kommt der liebende Gatte vom Zigarettenholen nicht mehr zurück. Mit einer jüngeren durchgebrannt. Kindchen, das kommt in den besten Familien vor, dafür brauchen Sie sich nicht zu schämen. Wie alt sind wir denn?“

Yvonne verschlug es die Sprache. „Haben Sie vielen Dank.“. Sie drückte die Gabel des Telefons runter, wartete auf das monotone Freizeichen und wählte die zweite Rufnummer.

„Heinzelmännchen GmbH, guten Tag, was können wir für Sie tun?“

„Brix, Yvonne Brix hier, guten Morgen. Ich schreibe Maschine, recht flott, Englisch in Wort und Schrift, Eilschrift, bin ungebunden, nicht schwanger!“

„Hallo, hallo, das kam ja eben wie aus der Pistole geschossen, haben Sie vorher geübt?“ entgegnete ihr eine sympathische Frauenstimme.

„Nein, nicht direkt. Ich hatte gerade ein sehr anmaßendes Gespräch mit Ihrer Konkurrenz.“

„Ich kann mir schon denken, wen Sie da erwischt haben, Sie Ärmste. Was kann ich wirklich für Sie tun?“.

„Ich rufe aufgrund Ihrer Anzeige vom Wochenende an. Sie inserieren, dass Sie Sekretärinnen jeglicher Art suchen.“

„Ja.“

„Nun, ich bin an der Tätigkeit interessiert. Können Sie mir am Telefon etwas Näheres sagen?“

„Gern. Wir sind im Bereich der Arbeitnehmerüberlassung tätig, dass heißt, wir verleihen Arbeitskräfte an Firmen, die einen momentanen personellen Engpass haben. Bedingt durch Krankheit, Urlaub und dergleichen. In solchen oder ähnlichen Fällen greift man dann gerne auf Verleihfirmen wie die unsere zurück.“

„So ist das. Es klingt interessant.“

Das ist es auch. Man hat so, vielleicht bedingt durch eine längere Arbeitspause, auf diese Art wieder einen Einstieg in das Berufsleben. Ständig wechselnde Arbeitsplätze, an denen Sie maximal sechs Monate am Stück bleiben können. Sie sammeln so Unmengen von Erfahrungen auf den unterschiedlichsten Gebieten. Leider werden hin und wieder gute Kräfte abgeworben. Dadurch sind wir von Zeit zu Zeit auf neue Mitarbeiterinnen aller Arbeitsschichten angewiesen.“

„Wie ist denn die Arbeitszeit, die Bezahlung, wie viel Tage Urlaub stehen einem zu?“

„Die Arbeitszeit müssten Sie mit den einzelnen Firmen regeln, am besten ist, wenn Sie einmal bei uns vorbeischauen.“

„Gerne, wann wäre es Ihnen recht?“

„Unser Büro ist in der Zeit von 8:00 Uhr bis 17:00 Uhr durchgehend geöffnet.“

„Gut. Wäre Ihnen Dienstag, gegen 11:00 Uhr recht?“.

„In Ordnung, ich habe es notiert. Wie war doch gleich Ihr Name, Sie sprachen eingangs recht schnell?“

„Brix, Yvonne Brix.“

„Gut Frau Brix, dann bis morgen, 11:00 Uhr. Wie die Sache momentan aussieht, kann ich Sie schon ab Mittwoch vermitteln. Mal sehen, also dann auf Wiedersehen. Ich freue mich immer, wenn wir eine neue Kollegin gewinnen können.“

„Auf Wiederhören, bis morgen.“. Erleichtert und mit einer gewissen Zufriedenheit ließ sie sich in die kuschelige Ecke ihrer kissenüberfluteten Couch fallen. Sie griff die neben ihr liegende Zigarettenschachtel, fischte sich eines der weißen Stäbchen heraus und zündete es an. In Gedanken versunken blies sie den blauen Rauch aus, kleine Wölkchen bildeten sich. In den Sonnenstrahlen, die durch die Vorhänge am Fenster fielen, konnte Yvonne die Staubteilchen in der Luft tanzen sehen.

Der Countdown lief. Morgen würde der Startschuss in eine ungewisse Zukunft fallen.

***

Yvonne lenkte ihr gelbes Cabriolet um die Ecke und bog in die Börsenstraße ein. Sie hielt Ausschau nach einer geeigneten Parkmöglichkeit. Um diese Uhrzeit so gut wie unmöglich. Notfalls würde sie eines der nahe liegenden Parkhäuser aufsuchen müssen. Mit dem suchenden Blick eines Adlers, der nach Beute Ausschau hält, streiften ihre wasserblauen Augen die Seiten des Trottoirs.

> Hipp Happ <, ihr kleines gelbes Wägelchen hütete sie wie ihren Augapfel. Es war ein Geschenk von Robbi anlässlich eines Geburtstags. Einer der letzten Pkws, die 1972 in Turin vom Fließband liefen. Fast schon ein Oldtimer. Pate für seinen Namen war die Disco-Gruppe „Sugarhill Gang“. Der Hit „Rapper’s Delight“ gefiel ihr so gut, dass der Wagen noch am selben Tag nach dem Refrain: „I said a hip, hop, the hibbit, the hippidibby hip hip-hop …“, kurz Hipp-Happ genannt, und die Taufe mit einer Flasche französischen Champagner begossen wurde. War es Zufall, oder wollte es so da das Schicksal, dass der Wagen am 8. Juli das Fabrikgelände verlassen hatte? Der 8. Juli, Yvonnes Geburtstag.

Alle großen Ereignisse fielen auf den 8. Juli. Deutschland wurde 1974 Fußballweltmeister, ein paar Jahre später konnte Boris Becker sein Tennisspiel in Wimbledon erfolgreich bestreiten. 1990 wird das Endspiel, wieder um die Fußballweltmeisterschaft, diesmal in Italien ausgetragen. Wieder ein Sonntag.

Yvonne war im Begriff ihren ersten Einsatzort in Angriff zu nehmen. Es war kurz vor 8:30 Uhr, Mittwoch, der 22. Mai. Gestern ging alles sehr schnell, problemlos und familiär bei den > Heinzelmännchen < zu. Die Arbeitspapiere lagen schon auf einem der Schreibtische bereit. Auch sie hatte ordentlich, in einer schwarzen Ledermappe die sie unter dem Arm trug, ihre Unterlagen griffbereit. Zeugnisse, Versicherungsheft, Steuerkarte. Nach gut zwanzig Minuten war alles Wesentliche besprochen. Sie erhielt einen DIN A 5 Zettel, auf dem ihr erster Auftraggeber notiert war. Heute sollte sie sich gegen 9:00 Uhr in der Detektei Indiskret beim Senior-Chef melden. Alles Weitere würde dann er veranlassen.

Leichten Fußes verließ sie am Vortag das Office, schwebte die Stufen hinab, dem Ausgang entgegen. Auf der Straße angekommen blieb sie stehen, atmete tief und erleichtert die stickige, mit Abgasen angereicherte Luft der Großstadt ein.

Was für ein herrlicher Tag.

***

Yvonne trug ein zitronengelbes, hellgrün paspeliertes Ensemble, war ihren schmalen, knabenhaften Köper noch mehr in den Vordergrund rückte. Dazu hohe, schwarze mit Wildleder abgesetzte Lackschuhe, die passende Handtasche. Das Haar streng nach hinten gebürstet und eng am Kopf anliegend zu einem frechen Pariserzopf geflochten. So betrat sie gegen 8:50 Uhr die großzügig und geschmackvoll ausgestattete Eingangshalle der Detektei, in deren Mittelpunkt ein großer Springbrunnen nicht zu übersehen war.

Yvonne schaute sich um. Eine Empfangsdame, jung, kräftig, ungepflegt, winkte sie zu sich. Sie passte nicht in diesen Raum. Durch sie wurde die angenehme Atmosphäre gestört. Yvonne vermutete in ihr ebenfalls eine Leihkraft.

„Wen darf ich melden?“

„Brix, Yvonne Brix, von den Heinzelmännchen, Ihr Chef erwartet mich.“

„So. Einen Moment bitte. Nehmen Sie doch in der Zwischenzeit weil dort Platz.“ Sie deutete mit ihren abgeknabberten Fingermädeln auf eine Sitzgruppe, die um einen kleinen künstlich angelegten Teich harmonisch angeordnet war. Sie nahm indes den Telefonhörer von der Gabel und wählte eine Nummer.

„Ja bitte!“

„Sabrina? Warum meldest Du Dich nicht mit Deinem Namen? Nummer fünf ist vor wenigen Minuten eingetroffen.“

„Und?“

„Sie ist anders. Vermutlich genau der Typ auf den der Alte fliegt. Sie ist schlank und hat schwarzes Haar, wie Schneewittchen. Geschmackvoll gekleidet, eine teure Dame. Hier riecht es wie in einer Parfümerie. Wer weiß, womit die ihre Brötchen verdient, mit tippen auf keinen Fall.“

„Sag bloß, so eine?“

„Nicht unbedingt, ist nur so eine Vermutung. Sie hat etwas Feminines, Extravagantes, Luxuriöses an sich.“

„Ein Vamp?“!

„Eher ein stolzer Schwan. Der Typ Frau, der weiß was er will, und bekommt was er will. Ach, schau Dir doch selbst die Schwanenlady an!“. Sie legte den Hörer auf. „Es wird gleich jemand kommen“, rief sie Yvonne zu.